Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Mittwoch, 20. Februar 2019

Ghost Stories

Der technische Fortschritt machte es Wissenschaftlern im parapsychologischen Bereich über die Jahre einfacher, etwaige übernatürliche Begebenheiten oder sogar Geistererscheinungen zu widerlegen. Tatsächlich unerklärlich bleibende Phänomene wurden (und werden) verschwindend gering und zur Seltenheit. Der Glaube daran, dass es übernatürliche Ereignisse und unerklärliche Dinge zwischen Himmel und Erde geben muss, bleibt bei allen wissenschaftlichen Erkenntnissen in einigen Menschen fest verankert. Spaß am Gruseln, an Gänsehaut herbeiführende Geschichten - am besten noch in nächtlichen Stunden rezipiert - ist eine lustvolle, emotionale Hingabe. Imaginärer Nervenkitzel und gleichzeitig romantisierte Verarbeitung der allgegenwärtigen Erkenntnis, dass Leben immer auch endlich ist. Gleich, ob solche Grusel- oder Geistergeschichten mündlich oder später schriftlich überliefert wurden: das Kredo lautet mindestens "Hauptsache gut gegruselt", im höchsten Falle I want to believe.

Bei stark ausgeprägtem Glauben, oder dem unbedingten Wunsch, dass übernatürliche Phänomene existieren, sind diese Leichgläubigkeit ausnutzende Scharlatane nicht weit. Diese als Betrüger in seiner TV-Show zu entlarven ist das Lebenswerk von Professor Goodman, einem Bilderbuchrationalisten, der keinen Pfifferling darauf gibt, dass Geister tatsächlich existieren könnten. Aus heiterem Himmel erhält Goodman eine Nachricht seines Vorbilds und als verschwunden geglaubten Charles Cameron, welcher in den 70ern mit einem ähnlichen Sendeformat, wie es nun Goodman selbst macht, bekannt wurde. Der sichtlich vom Alter gezeichnete, abgeschottet lebende Wissenschaftler überreicht dem Professor drei Akten mit für diesen bisher unerklärlichen Fällen. Diese handeln vom Wachmann Tony, der bei einer Nachtschicht in einer verlassenen Psychiatrie Bekanntschaft mit einem Geistermädchen machte, dem sensiblen Teenager Simon, der bei einer nächtlichen Autofahrt seiner Ansicht nach den Leibhaftigen persönlich angefahren hat und vom zynischen Geschäftsmann Mike, dessen Familie Ärger mit einem Poltergeist bekam. Goodmans Aufgabe: Camerons Ansicht widerlegen, dass es sich bei diesen Fällen um echte übernatürliche Erscheinungen handelt.

Verpackt sind diese drei Ghost Stories als launige Anthologie im Stile der legendären Amicus-Studios, welche schaurige Episodenhorrorfilme in den 70er Jahren zu ihrem Markenzeichen machten. Das Regisseuren-Doppelpack Jeremy Dyson und Andy Nyman, welcher gleichzeitig in die Rolle des Professoren-Protagonisten geschlüpft ist, verfilmten ihr eigenes Theaterstück und gestalten ihre Erzählung als Hommage an diese Klassiker, ohne bloß zu kopieren. Die Geschichte um Professor Goodman ist keine bloße Rahmenhandlung, die als Kitt einzig die einzelnen drei Erzählungen zusammenhält, wie man es von vielen Horror-Anthologien gewohnt ist. Eher konzentriert sich Ghost Stories auf seinen Protagonisten, der die heimgesuchten Menschen an ihren Wohnorten besucht, mit diesen Vorgesprächen führt, die als dargestellter Zeugenbericht dem Zuschauer näher gebracht werden. Der Film nimmt sich die Zeit, Goodman bei seiner Arbeit darzustellen, was zu lasten der einzelnen Geschichten geht. Dyson und Nyman beschränken sich darauf, klassische Horrorgeschichten zu erzählen; weitgehend unoriginell, geschweige denn überraschend in ihrer Auflösung.

Das Duo spinnt Ghost Stories zu einem Spiel mit der Wahrnehmung der Hauptfigur und des Zuschauers weiter. Mit Gespür für Atmosphäre schaffen sie es, jedem der drei Fälle gebührenden Gruselfaktor zu schenken, beschränken sich dann und wann zum Leidwesen des subtilen Charakters ihres Films auf fade Jumpscares, die den Horrorfaktor ihrer Geschichte schmälert. Für Dyson und Nyman ist es einzig ein Vorwand, um in der zweiten Hälfte ihr Spiel um den Glauben über das Gesehene auf die Spitze zu treiben. Die zum Ende hin auftretende surrealistische Traumlogik durchbricht den konventionellen Charakter des Films und selbst wenn spätestens hier durch erste Anspielungen die traurige Auflösung zu erahnen ist, so bleibt diese effektiv. Letztendlich - so das Fazit von Ghost Stories - funktioniert eine Geistergeschichte nur so gut, wie sie erzählt und gleichzeitig vom Rezipienten wahrgenommen wird. Selbst dann, wenn es hierbei um die eigene Impression ist. Man sollte dieser manchmal nicht zu stark trauen. Schnell wurde für uns im Kindesalter der Schatten eines Stuhls, eines Klamottenberg oder anderem im Dunkel des nächtlichen Zimmer zu einem Monster oder Geist. Die Macht der Einbildung kann stark sein, auch für nüchterne Menschen wie Professor Goodman, für den sowie den Zuschauer am Ende nichts so ist, wie es schien. Ghost Stories vermag mit seinem Ende und der restlichen Darstellung seiner Geschichte keinen Preis für Innovation erhalten, dafür ist es allerdings ein durchaus charmanter wie atmosphärischer kleiner Horrorfilm geworden, dessen Dramatik im Finale einzig durch die Nutzung bekannter Genremuster leider etwas an Wirkung verliert.

Samstag, 2. Februar 2019

Der Todesjäger

Unweigerlich fühlt man sich beim Anblick der Gestaltung des Filmtitels zu Beginn an das Logo einer Metalband erinnert. Der Originaltitel des 1983 entstandenen Der Todesjäger könnte solch einer Gruppierung gut zu Gesicht stehen. Deathstalker. Die beiden zum Schwert stilisierten Ts blitzen beide kurz auf, bevor der Zuschauer in die erste "spannungsgeladene" Szene geworfen wird. Fiesgesichtige Trolle umzingeln unbemerkt einen unschuldig wirkenden, jungen Mann und seine weibliche, augenscheinlich unfreiwillige Begleitung um ihn Sekunden später zu überwältigen und die Dame zu entführen. Auftritt des titelgebenden (Todes-)Jägers: der blonde, durchtrainierte Recke schlägt mit seinem Standard-Schwertkampf-Repertoire die Trollorkdinger in die Flucht um hinterher dem jungen Nachwuchskriminellen eine letzte Abreibung zu verpassen. Die befreite, knapp beschürzte Frau wird nach kurzem Anschmachten fachmännisch befummelt, dass einer erfolgreichen Paarung nichts im Wege zu stehen scheint. Das Drehbuch hat für den unfreiwilligen Helden dieser epischen Geschichte leider jedoch anderes im Sinn.

Immerhin gilt es nun, widerwillig auf Bitten des Königs Tulak die karge Fantasylandschaft aus den Fängen des bösen Munkars zu befreien. Hat dieser im Streben nach der ultimativen Macht bereits das Amulett des Lebens und den Kelch der Magie gehortet. Einzig das Schwert der Gerechtigkeit fehlt dem bösen Schergen noch. Dieses nimmt der Jäger nach einem mitreißenden (gemeinten) Kampf in der Höhe des Schwertwächters Salmoron an sich und wirkt kurzzeitig wie He-Man persönlich. Wie passend, dass Munkar ein Turnier für die stärksten Kämpfer des Landes ausrichtet, um im Sieger den Erben seines Reiches und seiner Macht zu finden. Auf dem Weg zum Schloss trifft der Jäger mit dem Schwerenöter Oghris und der ziemlich offenherzig umher laufenden Kaira Gefährten im Kampf gegen Munkar. Bis zum unausweichlichen Endkampf haben die Autoren des Drehbuchs einige erwartbare Wendungen in die Geschichte gebaut, ohne das Der Todesjäger im Streben nach nie erreichbarer Epik langatmig wird. Der Film fällt mit weniger als 80 Minuten Laufzeit recht knackig aus und die von Roger Cormans New World Pictures betriebene, gut geschmierte Rip Off-Maschinerie begrenzt sich auf die heilige Dreifaltigkeit des B-Barbaren-Pictures.

Wo sich die Gelegenheit bietet wird selbstverständlich das Schwert geschwungen um fiese Gestalten zu verkloppen; viel häufiger noch werden allerlei attraktive Frauen, darunter Ex-Playmate Barbi Benton als entführte Prinzessin, halbnackt oder barbußig von der Kamera eingefangen. Garniert ist das mit Gummimonstern, simplen Masken und Effekten und einigen wenigen, blutigen Spitzen. Action. Nacktheit. Fantasy mit pulpig schönem Anstrich. Mehr braucht es der Meinung der Autoren nach nicht, um einen veritablen Videothekenhit zu schaffen. Recht hatten sie; schaffte es der Film doch auf insgesamt drei Fortsetzungen. Bei aller offensichtlichen, kostengünstigen Realisation besitzt Der Todesjäger einen einfachen wie effektiven Charme, wenn man sich für Low Budget-Werke wie dieses erwärmen kann. Die komprimierte Laufzeit und die Konzentration auf so viele, selbstzweckhaft eingesetzten Schauwerte wie möglich gibt ein hohes Tempo vor. Einzig nach der Ankunft im Schloss steuert das Drehbuch mit leichten Durchhängern dem Showdown entgegen. Den Willen zum absoluten visuellen Erlebnis zieht man hingegen bis zum Ende durch.

Der Todesjäger ist der räudige kleine Bruder Conans, dem es mehr um die Befriedigung niederer Triebe geht und liebend gern, allerdings nicht zwingend, den Thron der Videothekenverkäufe erklimmt. Verglichen mit anderen B-Filmen will der Film keineswegs verbissen ernst wirken; unterschwellig ironisch macht er einen auf dicke Hose, ohne in komödiantische Gebiete abzudriften. Der Humor fühlt sich wie der Grundton des Films erfrischend ehrlich an. Barbarians Just Wanna Have Fun. Davon gibt es im und mit dem Film zuhauf. Man gibt einen Pfifferling auf den unübersehbaren Fakt, dass das Machwerk - durch den Erfolg immerhin nicht nur Begründer des Franchises sonder Start für weitere Barbaren-Fantasy-Action aus dem Hause Corman - unleugbar trashig geraten ist. Die daraus resultierende Komik und das manchmal naive Wesen des Films lassen an Fantasy-Werke aus den seligen 50er Jahren denken. Nur mit sehr viel mehr Freizügigkeit versehen. Dazu ist Der Todesjäger in seiner thematischen Beschränktheit um böse Herrscher, hübsche wie nackte Frauen, unheilvollen Kreaturen und gefahrenreiche Abenteuer - um den Vergleich zu Beginn wieder aufzugreifen - ein verfilmtes 80er Jahre-Heavy Metal-Album das durch seinen geschaffenen, kleinen Kosmos sehr viel Spaß bereitet. Das lässt die zu vermissende Spannung, abwesendes, ausgereiftes Storytelling und meist maue bis bemühte darstellerische und technische Darbietung vergessen. Two Pommesgabeln up!

Until The Light Takes Us

Das mit dem Heavy Metal und mir begann 1995, als ich mir aus Jux und Tollerei in einem Zeitschriftenladen den Metal Hammer und die Rock Hard zulegte. Letzteres Magazin sagte mir mehr zu (und wurde über Jahre hinweg die Informationsquelle für mich), gleichzeitig war ich fasziniert von diesen langhaarigen, manchmal böse dreinblickenden Musikern und wenig später wanderten die ersten Metal-Scheiben ins Regal. Viele Spielarten des Metal begann ich zu mögen, nur zu den extremeren Spielarten wie Death- oder Black Metal bekam ich kaum Zugang. Obwohl mein pubertierendes Ich durchaus für satanistisch/okkulte Provokationsbildchen einiger Gruppen empfänglich war, schreckten mich die harten und stumpfen Kompositionen des Subgenres ab. Dreiundzwanzig Jahre später zucke ich beim meisten todesmetallischen Geknüppel überwiegend weiter desinteressiert mit der Schulter. Die bösen, meist aus Skandinavien stammenden, Waldschrate mit der fantasievollen Schwarz-Weiß-Schminke im grimmen Gesicht verschafften sich über die Jahre weitaus mehr Gehör bei mir.

Die Zeilen aus dem Abigor-Song "Emptiness/Menschenfeind/Untamed Devastation" von der EP "Orkblut" (seinerzeit meine erste Berührung mit Black Metal) stehen stellvertretend für die süß-modrige Versuchung der tiefschwarzen Boshaftigkeit, die dieser Musik innewohnen kann und mich für gewisse Phasen in ihren Bann schlagen kann:

Hass - absolut und rein // Existenz in dieser Masse ist unmöglich // In ihren Reihen zu stehen // Heißt unter Feinden zu kämpfen // Ich bin kein Mensch // Denn Menschen werden sie genannt. 

Der durch die eisigkalten Gitarrenriffs und den kehligen Schreigesang schimmernde Nihilismus, die ausgelebte Misanthropie des Black Metal ist eine interessante Spielart innerhalb der musikalischen Extreme. Was diese Subkultur in ihrer First Wave zu Beginn der 90er auslösen konnte, zeigen die beiden Regisseure Aaron Eites und Audrey Ewell in ihrer 2008 entstandenen Dokumentation Until The Light Takes Us und konzentrieren sich dabei auf die großen, für den Kenner der Materie altbekannten Skandale, mit denen die Musiker aus ihrem Underground-Kosmos in die Medien katapultiert wurden: die Kirchenverbrennungen in Norwegen, den Selbstmord des Mayhem-Sängers Dead (samt der vom Band-Kollegen gemachten Fotografie des Toten, welche später das Cover eines Bootlegs wurde), dem Mord an einem Homosexuellen, begangen vom damaligen Emperor-Drummer Faust und natürlich Varg "Count Grishnackh" Vikernes' Mord an Øystein "Euronymus" Aarseth.

Eites und Ewell halten sich im Hintergrund. Zwischen eingefügter Fremd-Footage und Bildern fangen sie lieber die Zeitzeugen, Protagonisten der damaligen Zeit, ein und lassen sie zu Wort kommen. Darunter Fenriz, Mastermind der Band Darkthrone, und leider der damals noch inhaftierte und über die Jahre zum Neonazi gewandelten Varg Vikernes. Sicher hat dieser als Mitglied der Band Mayhem und mit den ersten beiden Veröffentlichungen seines Solo-Projekts Burzum die Szene und vor allem die Charakteristika der Musik geprägt. Als Initiator der Kirchenbrände und Mörder Aarseths macht es durchaus Sinn, Vikernes vor die Kamera zu holen. Die gewählte Beschränkung der Macher auf eine Rolle als stumme Beobachter, Chronisten einer bereits gut dokumentierten Zeitspanne, lässt viel Raum für die fragwürdigen, ideologischer Ideen des Musikers. Eine Verurteilung bzw. Bewertung der Worte Vikernes und einiger anderer vor der Kamera auftretender Szenegrößen wäre bei gleichzeitigem moralinsaurem Beigeschmack angenehmer als diese Statements für sich alleine stehen zu lassen. Während Vikernes im Ansatz seine Gedanken über den schleichenden Verlust der norwegischen Kultur und seinem Gegenentwurf dazu loslässt, bewundert Mayhem-Drummer Jan Axel "Hellhammer" Blomberg Faust dafür, dass er es geschafft hat, Zitat: "eine Schwuchtel umzubringen".

Besonders beim heiklen Thema Black Metal, welches seit vielen Jahren von außen immer wieder mit nationalsozialistischen bzw. rassistischen Vorwürfen zu kämpfen hat und in der eine florierende, sich offen zu erkennen gebenden Nazi-Szene (NSBM = Nationalsocialist Black Metal) existiert, darf man nicht so unkritisch sein. In den wenigen Momenten, in denen sich die Dokumentation der Musik selbst widmet, funktioniert sie am Besten. Die archaische, noch tief im Untergrund verwurzelte Szene, sich vom restlichen Heavy Metal abgrenzend, die bereits Ende der 80er Jahre die Extreme visuell und auditiv auslotend und von einem DIY-Gedanken beseelt wie die Punk-Szene, wird mit interessantem Bild- und Videomaterial vorgestellt, während Fenriz und Vikernes ihre Erinnerungen schildern. Hier wird das Problem von Until The Light Takes Us am deutlichsten. Vikernes erscheint beim Anekdoten erzählen als unscheinbarer, sympathischer Kerl. Das lässt, sofern bekannt, vergessen, dass Vikernes 2013 in seinem damaligen Aufenthaltsort Frankreich wegen Terrorverdachts festgenommen worden ist, da er sich offen als Sympathisant des Massenmörders Anders Breivik zu erkennen gab.

Kennern der Materie liefert der Film nichts neues, während Neulinge sich die Doku im Zusammenhang mit Jonas Akerlunds bald startender Buchverfilung Lords of Chaos, der die Geschehnisse um Aarseth und Vikernes aufgreift, ruhig einmal ansehen können. Als Fan darf man sich trotz mancher schwer verdaulichen Statements über den kurzen Auftritt von Demonaz und Abbath, Mitglieder der Band Immortal freuen. Für Skandinavien typisch maulfaul wie kauzig erscheinen die beiden Musiker und sorgt für einen kleinen Schmunzler. Alles andere ist sorgfältig aufbereitet; die ausführliche Begleitung und Betrachtung Fenriz' in seinem Alltag mag dazu dienen, den Menschen hinter der bösen Maske aus schwarzer und weißer Schminke zu zeigen; häufiger führt sie weniger zu den gewollten intimen Momenten als mehr zu irrelevanten Füllmaterial mit wenig Substanz und Mehrwert für die gewählte Maxime der Dokumentation. Der Film kratzt leider nur an der Oberfläche einer durchaus interessanten wie faszinierenden Szene, zeigt dafür gut und etwas zu passiv, welche vermurksten Gestalten diese in den 90ern geprägt hat.

Mittwoch, 30. Januar 2019

Anna und die Apokalypse

Der neue Tag begrüßt die erwachende Anna plötzlich. Der Wecker hat versagt, die Schülerin hat verschlafen. Schnell aus dem Bett und ins Bad springen, auf dem Weg noch schnell das Türchen des Adventskalenders öffnen und ab in die Uniform. Begleitet werden die Bilder mit den ersten Takten des Songs, den die Jugendliche anstimmt, als sie aus der Tür tritt. Nach einigen Disputen mit ihrem Vater über die Zukunftsplanung - sie will reisen, während ihr Vater dafür ist, dass zuerst die Universität ansteht - will sie einen Neuanfang starten. Der blaue Dezemberhimmel, der leichte Geruch von Neuanfang: das Motto ist Turning My Life Around. Während das Mädchen versonnen und träumerisch durch die Straßen tänzelt, bemerkt sie nicht die ausgebrochene Apokalypse um sie herum. Panisch rennt und kämpft die umliegende Nachbarschaft um ihr Leben. Untote haben die Siedlung überrannt, für Blut, Chaos und Weltuntergangsstimmung gesorgt, während sie und ihr bester Freund auf dem Weg zur Schule, der über einen Friedhof führt auf dem die Teenies ordentlich abrocken, vom Neubeginn im noch jungen Leben träumen.

Zugegeben: auf die Idee, Szenerien aus beliebten, für eine jugendliche Zielgruppe zurecht geschneiderten Musical-Formaten, wie Highschool Musical oder Glee mit Zombiehorror zu verbinden, muss man erst einmal kommen. Richtig zünden mag diese, in Kombination, nicht. Die beschriebene Szene birst über vor lustig gemeinten Einfällen, selten kann man richtig darüber lachen. Mehr als ein amüsiertes Schmunzeln kann das Drehbuch und die routiniert anmutende Regie von Debütant John MacPhail nicht aus dem Zuschauer herauslocken. Selten wird es humortechnisch richtig schwarz; lieber bleibt man so harmlos wie die persiflierten Teenie-Komödien. Horrorkomödien und britischer Humor können, wie wir seit Shaun of the Dead wissen, wunderbar funktionieren. Leider will das Drehbuch auf der sicheren Seite bleiben und setzt neben den gängigen Tropes beider Genres auch auf Gags, die zu erwarten sind. Sei es kreatives Ablenken oder Töten der untoten Schar, Slapstickelemente oder Späße im modrig-gorigen Bereich: vieles fühlt sich bekannt, zu vertraut, an, um richtig zu überzeugen.

Mehr funktioniert Anna und die Apokalypse ausgerechnet als Musical. Die Darsteller sind passend für die Rollenfiguren ausgesucht. Diese wiederum präsentieren ein buntes Potpourri aus für das Genre bekannte Charakteren. Der strenge aber milde Vater, die aufmüpfige Tochter, die leicht feministisch angehauchte Aktivistin, der Nerd, der unliebsame Rowdie, der überstrenge Schuldirektor und der hoffnungslos in die beste Freundin verknallte Durchschnittstyp. Die Macher kennen die Vorbilder und führen den Zuschauer ohne Hast in ihre Welt ein. Bis der erste Untote auftaucht, vergeht eine Zeit. Gesungen wurde bis dahin häufiger; und das ziemlich überzeugend. Die Songs orientieren sich am zeitgenössischen Pop, laufen allerdings keinem Trend hinterher. Modern arrangiert, zeitlos und - was manchem Radio-Pop-Liedchen ebenfalls anhaftet - gleichförmig bekommt der Zuschauer leichte Rocker, nach vorne treibende Pop-Nummern, Balladen, klassische Musical-Nummern in die Ohren gepflanzt. Manches funktioniert im Kontext des Films recht gut und einige Lieder laden tatsächlich zum Mitwippen ein.

Leider überkommt einen zeitweise das Gefühl, dass Anna und die Apokalypse ein Bewerbungsfilm ist, um mehr Aufträge im Filmgeschäft zu erhalten. Die Funktionalität der hier kombinieren Genres verstehen die Macher sichtbar. Das geringe Budget wird gut genutzt, technisch bewegt man sich auf ordentlichem Niveau. Die digitale Optik lässt manchmal Atmosphäre vermissen, den in der Kombination schlummernden Irrwitz lässt man selten aufblitzen. Überraschend ist dann, dass die Mimen nicht nur davon singen, dass da kein Hollywood-Ending ist. Das Leben ist kein Ponyhof, keine vor den Zombies rettende Insel. Das für Teenie-Filme Happy End bei dem sich alle lieb haben, alle für einander bestimmten zueinander finden: Fehlanzeige. Die Ausweglosigkeit des Zombie-Genres, dessen apokalyptischer Grundgedanke bleibt bestehen. Das ungewisse Ende für die Überlebenden, deren Flucht aus dem kleinen Nest, in dem durch eine Grippepedemie das Unheil seinen Lauf nahm, steht für den Schritt aus der Jugend in die Welt der Erwachsenen. Diese und ihr grauer Tag kann auffressen wie die Untoten die Lebenden. Coming of Age mit Zombies, der in seiner Durchschnittlichkeit und wenig auf allen angepeilten Ebenen gut funktionierenden Szenen nie komplett überzeugen mag. Das ergibt im Abschlusszeugnis eine 3. Aber mit Plus.

Dienstag, 15. Januar 2019

Red Sparrow

Fernab seiner reichlich gewöhnlichen Spionage-Story ist Red Sparrow unangenehmes Kino der Körperlichkeit. Diese setzt Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence, mit hunderprozentigem Körpereinsatz vor der Kamera dabei, gut in Szene, zelebriert allerdings keineswegs seine attraktive Hauptdarstellerin noch den weiblichen Körper. Dieser fungiert im Film als Waffe, den die Sparrows, eine speziell ausgebildete Einheit des russischen Geheimdienstes, dafür einsetzen, um die Bedürfnisse ihrer Ziele zu analysieren und diese psychisch wie physisch zu manipulieren und zu verführen. In der Ausbildungssequenz erleben wir, wie die Aspiranten, männlich wie weiblich, geistig wie körperlich gebrochen werden. Dieser Bruch zieht sich durch das Leben der von Lawrence dargestellten Protagonistin Dominika. Ein falsch getimter Sprung ihres Partners lässt ihre aussichtsreiche Karriere als Tänzerin jäh beenden. Der Beinbruch ist zu kompliziert, um hinterher erfolgreich weiter Zeit auf den Bühnen zu verbringen.

Auftritt Dominikas Onkel Vanya. Wenig subtil verpackt deutet das Drehbuch dessen sexuelles Begehren der Nichte an; auf Blicke folgen kleine Annäherungsversuche, welche die hübsche Frau verwehrt. Letztendlich muss sich Dominika auf anderer Weise dem Verwandten fügen. Damit weiter die schwer kranke Mutter versorgt bleibt, nimmt sie widerwillig sein drängendes Angebot wahr, für die Sparrows zu arbeiten, welche ihm als Vize-Direktor des Geheimdiensts unterstellt sind. Den Stolz, die Selbstbestimmtheit und eisig-kalte Unnahbarkeit der jungen Frau legt Vanya als beste Voraussetzungen für eine große Karriere bei den Sparrows aus. Deren Ausbildung erweist sich als zermürbende Tortur für Körper und Geist, welche darin kontinuierlich gebrochen werden soll. Erniedrigung, psychische Machtspiele, sexuelle Gewalt. Genüsslich hält die Kamera in Red Sparrow dabei drauf. Der Film erschafft einen nie komplett zu Ende gegangenen kalten Krieg, lässt kein Klischee über den vermeintlich bösen Russen aus und lässt Charlotte Rampling als Ausbilderin zu einer hollywood'schen Möchtegern-Ilsa werden, welche in diesen Klischees aufgeht und ihr Spiel auf bemühtes fies sein reduziert.

Red Sparrow entwickelt sich zu einem atmosphärisch düster gewollten, fahl ausgeleuchteten Spionage-Thriller mit exploitativen Zügen. Allen Widerwärtigkeiten zum Trotz, mit denen einige männliche Figuren dargestellt werden, bleibt deren Existenz bloß eine gewisses Alibi für das Drehbuch, damit dieses regelmäßig seinen fragwürdigen Körperkult durch die unnötig aufgeblähte Story schimmern lassen kann. Dessen Zelebrierung in der Dekonstruktion des Körpers kulminiert in einigen harten, deplatziert wirkenden Folterszenen. Die Anbiederung an der guten, alten Zeit und das Wildern in Mechanismen des Exploitation-Films lässt nicht übersehen, wie Red Sparrow bei allen falschen Anzeichen, dass sich eine gar nicht mal so schwach erscheinende Frau gegen finstere wie eklige Penisträger behaupten kann, gleichzeitig die Frau wieder einmal als eine Art Bedrohung für das männliche Geschlecht dargestellt wird. Dominika muss sich fügen, notgedrungen, im ewig gleichen wie langweiligen Machtspiel zwischen Herr und Dame. Selbstbewusstsein und sexuelle Eigenbestimmung gehört für manche anscheinend immer noch ins Reich der Märchen.

Der ganze Rest, die Suche nach einem amerikanischen Maulwurf innerhalb der russischen Reihen gestaltet sich als ungelenker Thriller, der häufig mit seinen Längen zu kämpfen hat. Dominikas Ansetzung auf einen CIA-Agenten wird selten spannend und gefühlt aberhunderte Wendungen lassen trotzdem die Aufmerksamkeit weiter schwinden. Lieber ergehen sich das Drehbuch und Regisseur Francis Lawrence darin, die Weiblichkeit in schmierigen, männlichen Allmachtsfantasien hinter dem neuerlich vorgezogenen eisernen Vorhang nieder zu machen. Getreu dem Motto "Wenn du zum Weibe gehst, vergiss' die Peitsche nicht" werden Frauen hier über zwei Stunden äußerst unangenehm dargestellt um am Ende als Alibi Dominika trotz aller Erniedrigungen als Gewinnerin dastehen zu lassen. Die vorherige Dekonstruktion der Körper im Film und die pure Ausnutzung des weiblichen Körpers als Waffe des Mannes gegen das eigene Geschlecht mag in Bahnhofskino-Filmen ab den 60er Jahren besser funktionieren. Mag es sein, dass man diese noch mehr im Kontext des damals vorherrschenden Zeitgeists sieht, leicht ironisch goutiert oder sie - anders als Red Sparrow - bei all' dem fragwürdigen Frauenbild gar keinen Versuch unternehmen, mit fadenscheinigen Entscheidungen in der Geschichte das Publikum versöhnlich zu stimmen, dass ja alles gar nicht so gemeint ist. Darin scheitert Lawrence' Film sehr schnell und entwickelt sich in seiner Überlänge schleppend zu einem durchschnittlichen Spionage-Thriller mit unangenehmen Unterton.

Sonntag, 23. Dezember 2018

Summer of 84

Sommer. Ferien. Abenteuerzeit. Das Geheimnis dieses einen Sommers, der so magisch Erwachsenen im Gedächtnis nachhallt, mag durch die voranschreitende Zeit und winziger Details, die so vergessen werden, im Verborgenen bleiben. Die Essenz der Erlebnisse bleibt haften. Mag es der erste Kuss mit der ersten Freundin, das langsame entdecken der Freuden körperlicher Liebe, oder einfach nur Episoden guter Zeiten mit den besten Kumpanen sein. Dieser eine Sommer bleibt im Kopf haften. Buchautoren und Filmemacher schenken ihren heranwachsenden Protagonisten zudem tragische oder gleich mörderisch gefährliche Abenteuer; einen kompletten Umbruch im Leben ihrer Figuren, der alles vorherige nicht mehr so erscheinen lässt, wie es einmal war. Nicht erst seit dem Netflix-Serien-Hit Stranger Things geht diese Formel für Regisseure und Autoren auf und beschert zeitgleich einen immensen Erfolg. Schon Stephen King sorgte in den 80ern mit Büchen und deren Verfilmungen wie Es oder Stand By Me für zeitlose wie erfolgreiche Geschichten, die auf dieser Formel beruhen.

Bereits ein Jahr vor dem für die Renaissance der x-ten 80er-Nostalgie-Welle im Film sorgenden Hype um Stranger Things schuf das frankokanadische Regie-Trio RKSS mit Turbo Kid einen schrägen wie herrlichen Mix aus dystopischer (Splatter-)Action sowie Jugendabenteuer á la Die BMX-Bande. So krude wie der Vorgängerfilm, dort auch teils vom limitierten Budget herrührend, tritt Summer of 84 nicht in Erscheinung. Anouk und Yoan-Karl Whissell sowie Francois Simard scheinen eher bemüht, sich am großen Vorbild des Streaming-Giganten, der in seiner akribischen Reproduktion der 80er im Auftreten und erzählerisch selbst (zugegen effektiv wie charmant) bemüht ist, Spielberg'schen und King'schen Geschichten in ihrer Art nachzueifern, zu orientieren. Davey, Eats, Woody und Curtis befinden sich gleichzeitig in den letzten kindlichen Tagen und knietief in der Pubertät. Nach abendlichem Fangen-Spiel verwandelt sich Eats Baumhaus zur gemeinsamen Mancave, in der von Erlebnissen mit dem weiblichen Geschlecht berichtet wird oder man sich zumindest wünscht, mit einer hübschen Dame intim zu werden.

Bis Davey den Verdacht schöpft, dass sein Nachbar Wayne Mackey, ein in der kleinen Ortschaft angesehener Polizist, etwas mit dem regelmäßigen Verschwinden von Kindern und Jugendlichen im Umland zu tun hat. Er erkennt auf dem Vermisstenbild auf einer Milchtüte einen Jungen, der er einige Abende zuvor beim Fangen-Spiel von seinem Versteck aus in der Küche Mackeys sitzen sah, wieder. Während die Eltern Daveys ihrem Jungen und seinen abenteuerlichen Theorien keinen Glauben schenken, kann er seine Freunde davon überzeugen, Mackey zu beschatten und Beweise zu sammeln. Zwischen den irgendwann erschöpfend wirkenden pubertären Sprüchen und Witzchen der Freunde und der ausgedehnten Einführung der Figuren blitzt beinahe unbemerkt die Finesse von RKSS auf, dass sie in den seichten Jugend-Sommerfilm-Plot eine Hitchcock'sche Thriller-Geschichte einweben. Einleuchtend wie simpel erzählt Davey im Voice Over zu Beginn des Film davon, dass auch Serienmörder die Nachbarn von jemandem sind. Zwar beobachtet der Junge anders als James Stewart in Das Fenster zum Hof keinen Mord, doch RKSS gelingt es, in Summer of 84 parallel zwei eng miteinander verwobene Stories zu erzählen.

Während die Jungs in ihrem Geifern nach weiblichem Fleisch einerseits schnell nervig sein können, der Film allerdings trotzdem mit hübschem 80s-Vibe gefällt und eine tolle Atmosphäre aufbauen kann und durch die Zeichnung von Normalo-Davey überzeugt, entwickelt sich gleichzeitig um seinen Verdacht, dass Polizist Mackey ein Serienmörder sein könnte, ein netter Paranoia-Thriller. Dessen Darsteller Rich Sommer ist eine passende Wahl für einen freundlichen, ehrbaren Nachbarn dessen unspektakuläres Auftreten und markantes Gesicht gleichzeitig auch den Zuschauer auf Daveys Seite zieht und ihn verdächtigt, das irgendwas nicht mit ihm stimmt. Ohne in die Gefilde von Lynchs Blue Velvet oder Twin Peaks zu steigen, zeigt Summer of 84 das bekannte Bild der augenscheinlich perfekten Vorstadtsiedlung, hinter deren Fassaden das unaussprechliche geschieht. Die Macher zielen auf die Faszination des Bösen, welches in unseren Mitmenschen lauern kann, wovon u. a. True Crime-Publikationen, -Dokumentation etc. zehren. Selbst unbekanntere Monster, die keine weltweite Berühmtheit wie z. B. Jeffrey Dahmer, David Berkowitz oder Ted Bundy erlangten, waren, wie diese, Nachbarn.

Augenscheinlich normale Menschen, deren Auftritt in der Öffentlichkeit - hier im begrenzten Kosmos des Films - zuerst keinen Verdacht schöpfen lässt, dass mit ihnen nichts stimmt. Summer of 84 spielt mit der Frage, wie normal Normalität sein kann, ohne auffällig zu werden und ob man seine unmittelbaren Nachbarn, mit denen man vielleicht ein oberflächliches, gutes oder sogar freundschaftliches Verhältnis hat, so gut kennt, wie man annimmt. Die Regisseure kombinieren das mit der Fantasie und Einbildungskraft, die Kindern innewohnt. Der schwarze Mann, das Monster unter dem Bett: manchmal entpuppen sie sich doch nur als Schatten unscheinbarer Dinge im Dunkel des Zimmers. Als Thriller mag der Film spät zünden, überzeugt dafür im stetigen Wechsel der Positition des Zuschauers zu Daveys Verdacht. Die Perspektive der Kids lässt ihn schnell zum Täter werden, bevor der Film schnell in die Sicht der Erwachsenen wechselt und manches als vorschnelle Meinung abtut. Das Drehbuch gestaltet dies abwechslungsreich, obwohl die Autoren generische Thrillerformeln bedienen, um ihre Handlung in diesem Bereich vorantreiben. Das man am Ball bleibt, ist den Figuren zu verdanken.

Die Scriptautoren Matt Leslie und Stephen J. Smith bedienen sich großzügig im Fundus ihrer Vorbilder und präsentieren eine Konstellation von Charakteren, wie sie aus anderen 80er-Filmen mit jugendlichen Hauptfiguren bekannt sind. Deren Darsteller schenken diesen Leben und eine Persönlichkeit. Mit viel Charme und dem bis auf kleine Ausnahmen gekonnten Auflebens des Kult-Jahrzehnts bedient Summer of 84 all' die Nostalgiker, welche bei den kleinsten Anzeichen der glory 80s mit seligem Lächeln am Bildschirm kleben. Man schenkt den Autoren und den Regisseuren das Vertrauen, dass man ein tolles wie spannendes Abenteuer aus längst vergangenen Zeiten erlebt, nach dessen Ende man in die Gegenwart zurückkehrt und in den letzten Böen der angeflogenen Nostalgia verweilt. Schenkten allein die großen Vorbilder, an denen sich die Werke der aktuellen Retro-Welle orientieren, am Ende jenen Feel Good-Moment, dem man mit jenen Filmen wieder aufleben lassen möchte. Die vergangenen Sommer der alten Werke lassen positive Erinnerungen zurück; Happy Ends nach aufregenden Wochen und der Vorstellung im Kopf des Zuschauers, dass der nächste Sommer für die liebgewonnenen Charaktere vielleicht wieder ein großes Abenteuer bereit hält.

RKSS und ihre Scriptautoren reißen derweil dem Fan die Nostalgie-Brille brutal von der Nase, wenn Summer of 84 ohne große Vorzeichen den Ton verschärft. Bitterer Ernst und schonungslose Brutalität regieren, die Atmosphäre verdüstert sich mit dem Anflug schwarzer Wolken, welche die sonnige Grundstimmung trotz des Serienmörder-Sujets komplett verdeckt. Mit dem depressiven Ende lässt der Film den Zuschauer alleine im Dunkel des Raums zurück. Die simple Aussage von Davey, die gleichzeitig effektiv einen Teil des ganzen Films zusammenfasst, dass auch Serienkiller die Nachbarn von jemandem sind, wird nochmal wiederholt und hallt nach. Vielleicht trug der radikale Bruch gegen Ende dazu bei, dass Summer of 84 einen kleinen Hype erhielt. Ohne diesen wäre der Film ein durchaus spannender wie sympathischer Vertreter all' dieser Filme, die uns Vorgaukeln wollen, aus einem anderen Jahrzehnt zu stammen. Durch den Mut der Macher, nicht gänzlich den Wegen der damaligen Werke zu folgen, erhebt er sich ohne großkotziges Auftreten zum ultimativen 80er-Retro-Film. Nach Summer of 84 sollte eigentlich nichts mehr kommen, was erneut, schon wieder, noch einmal von vorn die 80er aufleben lässt und sich so gibt, als wäre er via Zeitreise in unsere Gegenwart geschleudert worden. Nie fühlte sich dazu der Coming-of-Age-Teil dieser Filme so niederschmetternd wie düster an. Es gibt eben auch diese Sommer in denen das Kind sein endet. Selbst wenn es noch etliche Jahre dauert, bis man tatsächlich nicht mehr als Kind (oder Jugendlicher) bezeichnet wird und diesem Status entwachsen ist. Summer of 84 ist dabei keine weitere Jubelarie auf dieses von vielen geliebte, von vielen auch gehasste Jahrzehnt und seine Filme. Es nutzt dessen Vibe, um gleichzeitig eine verhaltene (weitere) Hommage an diese zu sein und zeigt dem aktuellen Trend gleichzeitig den Mittelfinger: er glorifiziert eine Zeit, in der wahrlich nicht alles schlecht war, die viel Kult gewordene Dinge in die Popkultur brachte, aber manchmal auch zu viel glorifiziert wird. Das muss man auch als ausgemachter Retro- und 80er-Fan zu denen ich mich selbst zähle, einziehen. Hut ab vor diesem Film!

Samstag, 15. Dezember 2018

Green Room

Punk ain't no religious cult // Punk means thinking for yourself // You ain't hardcore 'cause you spike your hair // When a jock still lives inside your head // Nazi punks // Nazi punks // Nazi punks fuck off! schmettert Tiger, Sänger der Punk-Band The Ain't Rights dem Nazi-Skin-Publikum im schäbigen Rockerclub, gelegen in einem trostlosen Waldgebiet irgendwo in Oregon, entgegen. Die spannungsgeladene Brisanz in der Konfrontation beider ideologisch weiter auseinander driftenden Subkulturen in Jeremy Saulniers Green Room verspricht politische Durchschlagkraft. Regisseur Saulnier nutzt dies in seinem Drehbuch weitgehend nur dafür, bereits vorhandene Differenzen zwischen den Lagern für den Spannungsaufbau seiner Geschichte zu nutzen. Abgebrannt, mit kaum Sprit durch die Staaten tingelnd, wird die Combo um Tiger, Pat, Sam und Reece von ihrem Gastgeber, Veranstalter und Interviewer Tad nach einem erfolglosen Aufritt in einem mexikanischen Restaurant für einen ertragreicheren Ersatzauftritt gebucht.

Abhängig vom schnöden Mammon nimmt man den Job an, zockt den Gig routiniert vor dem rechtsradikalen Publikum runter und will hinterher so schnell wie möglich die Location verlassen, als man im Backstage-Bereich in einen unschönen Zwischenfall samt Leiche platzt. Die Bandmitglieder werden von den ebenfalls rechts gerichteten Veranstaltern im Club eingeschlossen und festgehalten, nichts ahnend, dass Clubbesitzer Darcy keine Zeugen des Zwischenfalls gebrauchen kann und mit seinen Kumpanen bereits systematisch deren Auslöschung plant. Als die Bandmitglieder von den Plänen der Nazi-Gruppierung Wind bekommen, verbarrikadieren sie sich zusammen mit einem Türsteher und dem Skin-Girl Amber in der Garderobe des Clubs und versuchen, einen Weg nach draußen, vorbei an den Nazis, zu finden. Saulnier strickt daraus einen schnörkellosen Thriller, dessen klaustrophobische Beschränktheit auf den engen Backstage-Raum, erst später ausgeweitet auf den Club und das nahe Umland, durchaus zu spannenden Momenten führt.

Die angespannte Stimmung nach Ankunft beim Club zwischen beiden Lagern wird vom Script gekonnt wie kontinuierlich hochgekocht; die Gewalteruption beim ersten Übergriffsversuch der Nazis auf die Punkbank reißt den Zuschauer als tosende Welle weiter aus der persönlichen Komfortzone. Wenn Saulnier in Green Room etwas beweist, dann wie gut er unangenehme Situationen kreieren kann. Weitgehend kann er das Niveau bis zum Finale halten. Dieses selbst gestaltet sich so trostlos wie die matschig-schmutzige Farbgebung des Films. Der Club, das Umland: es eröffnet sich dem Zuschauer als Point of no return, bevor den Protagonisten bewusst wird, in welch brenzlige Lage sie sich begeben haben. Saulnier scheint nur nicht bewusst zu sein, welche Brisanz sich in seinem Stoff überhaupt birgt. Die endgültige Konfrontation zwischen Clubbesitzer Darcy, dessen Darsteller Patrick Stewart zwar eine interessante Besetzung, darstellerisch allerdings eher routiniert den durchschlagend ist, und den beiden Überlebenden ist in seinem Aufbau simpel, farb- und einfallslos. Wie Rodrigo Gonzales singt man mit von Enttäuschung ersticktem Timbre Soll es das gewesen sein?

Vielleicht hatte Saulnier keine Lust auf eine erwartende Eskalation politisch extrem weit auseinander klaffender Lager und deren Denken; dem durch die Ausgangssituation der Erzählung zu erwartenden Storyverlauf. Vielleicht war es ihm auch nicht bewusst. Die Nazis entpuppen sich als Gruppe, die man auch mit aus anderen Lagern oder Nationalitäten stammenden Figuren austauschen könnte. Für den Film gewöhnliche Gangster. Zur Verteidigung des Regisseurs sei gesagt, dass die Protagonisten ebenfalls austauschbar bleiben. In einer kleinen Sequenz wird die Band als Modepunks beschimpft und trotz derer bemüht politischen Positionierung, in dem man als Akt der Provokation den Klassiker der Dead Kennedys dem Nazipulk entgegen schreit, nimmt man den jungen Menschen das Punk sein nicht komplett ab. Da ist die einfallslose Interviewfrage Tads, welche Band die Mitglieder auf eine einsame Insel mitnehmen würden, die immer wieder im Film auftaucht, doppeldeutig. Irgendwann scheint man sich vom Punk zu distanzieren, wenn plötzlich "Hippiekünstler" genannt werden, die nichts mit der schroffen Subkultur zu tun haben. Es mag ein Kommentar Saulniers auf Subkulturen als oberflächliches Label für den künstlich coolen Auftritt des Individuums sein, mag mit dem simpel aber effektiv gestalteten Thrillerkonstrukt des Films nicht zur Gänze kompatibel sein. Im Endeffekt lässt sich Green Room weniger komplett als politisch hintergründiger Thriller identifizieren wie die im Fokus stehende Musikergruppe als 100%ige Punks. Wenigstens zeigt Saulnier, dass er mit einfachen Mitteln hoch spannende Thrillerkost abliefern kann, die hinter den im letzten Jahr aufgekommenen Lobesarien zurück bleibt.

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