Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Freitag, 10. Januar 2020

[Rotten Potatoes #4] Melancholie der Engel

In jüngeren Jahren wäre mein Standpunkt gegenüber Melancholie der Engel eindeutiger gewesen. Obwohl ich mich selbst als aufgeschlossenen Filmliebhaber sehe und damals schon sah, hätte dieser kleine Underground-Film alle konservativen Sinne gereizt, um in einer Besprechung mit dem Holzhammer auf diesen einzuhämmern. Mangels größerem Interesse bisher immer übergangen, wagte ich mich für meine Rundgänge durch den deutschen Genrefilm an den selbsternannten kontroversen Film. Abstreiten möchte ich ihm diese Bezeichnung nicht ganz. Obwohl ich mich zur Zeit seiner Veröffentlichung noch in einschlägigen Horror-Foren rumtrieb, ignorierte ich Threads darüber weitgehend und hakte ihn schnell als nicht meine Interessen ansprechendes Amateur-Filmchen ab, während ein Freund Aufgrund seiner angeblich krassen Bilderfluten in Schwärmereien ausbrach.

Sein Regisseur Marian Dora, ein Schüler Ulli Lommels, watet in seinem Werk zusammen mit Co-Autor und Hauptdarsteller Carsten Frank - der hier das Pseudonym Oliver Frank nutzt - durch menschliches und filmisches extrem und verzichtet weitgehend auf eine schlüssige Handlung. Den Rahmen bildet eine Begegnung der zwei Männer Katze und Brauth, alte Freunde, die über einen Jahrmarkt streifen und die beiden jungen Frauen Melanie und Bianca kennenlernen. Nach deren anfänglicher Ablehnung den beiden Fremden gegenüber, gelingt es den alten Freunden, die Frauen in einen Nachtclub einzuladen um von dort in Begleitung von Anja, welche sich dort der Gruppe anschließt, zu einer alten Hütte, mit der Brauth und Katze Erinnerungen an ihre gemeinsame Vergangenheit verbinden, zu locken. Mit der Ankunft des geheimnisvollen Heinrich und seiner im Rollstuhl sitzenden Begleitung Clarissa gleiten die von Drogen und philosophischen Exkursen dominierten Abende in eine mehrere Tage andauernden, hemmungslosen wie gewalttätigen Orgie ab.

Etwas mehr als zweieinhalb Stunden nimmt Dora den Zuschauer mit auf eine schonungslose Reise menschlicher Verderbtheit. Ohne jemals die Motivation der Figuren zu erfahren, wieso die Figuren zu solchen Taten schreiten, bricht nach einem ruhigen, einlullenden Aufbau ein ewig langer Exzess zwischen ausufernder Gewalt und sexueller Extremen über den Zuschauer herein. Die menschliche Verderbtheit und die düstersten Seiten unserer Existenz ziehen sich ebenso durch Doras Filme wie sein thematischer Fokus auf die Sterblichkeit des menschlichen Individuums. Nachdem der Fall um den "Kannibalen von Rotenburg" Achim Meiwes landesweit die Medien bestimmte, wurden zwei diesen Fall behandelnden Filme produziert. Nachdem der durch eine Klage Meiwes' ewig im Giftschrank gehaltenen Rohtenburg nahm sich Dora dem ganzen mit seinem Cannibal an und lieferte einen durchaus sehenswerten Beitrag ab, der seine exploitative Seite hinter einer nicht uninteressanten, pseudo-anspruchsvollen Fassade verstecken konnte.

Dieses Konzept weiten Dora und Frank in Melancholie der Engel aus; ihre düsteren und verstörenden Visionen versteckt das Duo hinter weichgezeichneten Einstellungen. Das verwendete Material und seine Bearbeitung schenkt dem Film eine dunkle, getrübte Stimmung, welche die schonungslos zur Schau getragene Behandlung des Verfalls der menschlichen Körperlichkeit passend untermalt. Dora scheint besessen, getrieben von dieser Thematik zu sein, die sich bis in sein jüngstes Werk Carcinoma - einer Art düsterem wie krassen Krebs-Splatter-Drama -zieht. Neben der unumgänglichen Sterblichkeit, auf die wir Menschen zusteuern, bedient sich Melancholie der Engel einer rigorosen Darstellung des seelischen und moralischen Verfalls. Dieser Interpretationsansatz des Films und die Deutung seiner (männlichen) Figuren als verschiedene Verkörperungen menschlicher Eigenschaften wird von diesem selbst erstickt. Seine kryptische Chiffre lässt sich einzig von den Schöpfern entschlüsseln. Der - wenn überhaupt vorhandene - tiefere Sinn der gezeigten Flut an Gewalt, sexueller Ausschweifung und Körperausscheidungen bzw. -flüssigkeiten, beschränkt auf einen engen Raum, dessen Ausstaffierung mit für das Horror-Genre üblicher Symbolik des Verfalls überhäuft wurde, bleibt verborgen.

Die pseudo-tiefgründige Erscheinung von Melancholie der Engel raubt ihm die Glaubhaftigkeit, sich mit den angekratzten Themen ernsthaft auseinandersetzen zu wollen. Freunde von Tabubrüchen am laufenden Band dürften dafür ihre helle Freude haben, wenn Dora z. B. in langen Einstellungen künstliche Darmausgänge brutal fingern lässt oder sich die Darsteller ihre Körper gegenseitig mit ihren Ausscheidungen schmücken. Hinzu kommt, dass der Film u. a. durch die an den jungen Frauen ausgeübten Taten nicht ganz frei von misogynen und behindertenfeindlichen Tönen ist, was den Film leider wie eine Umsetzung von in Dora und Frank schlummernder Gewaltfantasien erscheinen lässt. Trauriger Höhepunkt ist die Animal Cruelty, die eine höhere Dichte aufweisen lässt, als mancher italienischer Kannibalenfilm. Zwar beteuerten die Macher, das alles gestellt ist, was man Anhand der Bilder nur schwer bis gar nicht glauben mag. Das traurige ist, dass die beiden dies nicht einmal nötig hätten. Vielleicht möchte man krasser wie die Filme Buttgereits wirken, oder dem amerikanischen Körperflüssigkeiten-Splatters aus dem tiefsten Untergrund nacheifern. Dahingehende Einflüsse sind spürbar, nur bettet man die plumpen Provokationen in ein künstlerisches Bett ohne Substanz. Das angestrebte Slaughtered Vomit Arthouse entpuppt sich als langgezogener Bullshit ohne erkennbaren, tieferen Sinn.

Die Leere hinter der Fassade von Melancholie der Engel lässt die mit der voranschreitenden Laufzeit gezeigten, krasser werdenden Extreme offensichtlich belanglos erscheinen und den Zuschauer fast unbeeindruckt zurück. Weniger verkopfte, um die Ecke philosophierte Symbolik und - soweit das überhaupt möglich ist - sinnvoll eingestreute Exzessivität hätten den Film zu einer Art filmischer Neuer Deutscher Todeskunst formen können, wenn überhaupt jemals die Absicht besteht bzw. bestand, sich ernsthaft innerhalb des Films mit dem steten Verfall von Körper sowie Geist auseinanderzusetzen. Nur sein visueller Stil und der stimmige Soundtrack, der sich auch bei fremden Kompositionen von Gerhard Heinz und dem Schauspieler David Hess (Last House On The Left) bedient, fallen gänzlich positiv auf. Der Rest schreitet bei allen unter der dicken Schicht Dreck und Verfall aufblitzenden, guten Ansätzen auf den tiefen Abgrund der Belanglosigkeit zu. Wäre da nicht die Tatsache, dass mir der Film auch einige Tage nachdem ich in gesehen hatte, im Kopf nachhallte. Leider nicht, weil sein Umgang mit der von Dora und seinem Co-Autoren aufgegriffenen Thematik tief beeindruckte, sondern weil er einen lange ratlos zurücklässt, was denn nun überhaupt der Sinn des Ganzen ist. Wäre früher daraus zu 99 Prozent ein gnadenloser Verriss geworden, zuckt man mittlerweile ratlos die Schultern, was dieser Arthouse-Splatter bar jeden wahren Verstands überhaupt soll.

Montag, 23. Dezember 2019

Wish Upon

Alle Jahre wieder, mindestens ein- oder mehrmals, schnappt man sich als Filmfreund und/oder -blogger die deutlich abgegriffene Tatsache, dass die Hollywood'sche Traumfabrik diese Bezeichnung schon lange nicht mehr zu recht trägt. Einfallslosigkeit macht sich breit; Cineast, Bingewatcher und Allesglotzer leiern ihre Beschwerde deutlich müde in die Welt hinaus, dass softe oder harte Reboots, Remakes, Prequels, Sequels, der x-te Superhelden-Blockbuster oder was auch immer die eigene filmische Bubble bzw. Wahrnehmung stört, von einem übergroßen Kreativitätsdefizit zeugt. Der Wunsch nach Innovation, egal in welchem Genre, sprießt seit Jahren und ist so unvergänglich wie Unkraut. Über die Jahre, seitdem dieses Blog existiert, dürfte auch meine Wenigkeit so unermüdlich gewesen sein, diesen Meinungskanon herunter zu beten. Und Wish Upon? Das ist beileibe nicht der erhoffte Heilsbringer des Horrorgenres, die schon längst in Gestalt von Regisseuren wie Ari Aster, dem Duo Justin Benson und Aaron Moorhead oder Jordan Peele sich daran machen, den verdorrten Acker des Genres umzupflügen.

Die Tagline des Films mahnt bereits: Be careful what you wish for! Vielschichtige Charaktere, intelligenter, am besten noch mit Meta-Ebene versehener Horror mit wendungsreicher Story, eine visuell ansprechende Präsentation, eine spannende und mitreißende Art der Erzählung: Wish Upon kann kaum etwas davon bieten. Meine für viele Horror-Produktionen jüngeren Datums zum Lieblingswort gewordene Umschreibung generisch - eigentlich auch erster Todesstoß für einen Film - lässt sich passend auf diesen anwenden. Zwischen Mystery-Thriller und seichtem Horror schwankend erzählt man die Geschichte der Schülerin Clare, einer Bilderbuch-Außenseiterin, mitsamt ebenfalls weniger beliebten Freundinnen und einem Highschool-Beau als heimlichen Schwarm. Die armen Verhältnisse, in denen sie heranwächst, sind ihr peinlich und bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird sie in der Schule den Grausamkeiten von Schul-Liebling Darcie ausgesetzt. Vom alltäglichen Leid geplagt, spricht sie mit der von ihrer Vater beim Schrott sammeln gefundenen, chinesischenWunschbox im Arm den Wunsch aus, dass Darcie doch am besten verrotten soll.

Einen Tag später wird diese mit einem aus dem Nichts aufgetauchten nekrotischen Befall großer Hautteile ins Krankenhaus eingeliefert. Anfänglich noch als Zufall von Clare abgetan, merkt sie bald, dass die geheimnisvolle Box die Kraft besitzt, ihre Wünsche Realität werden zu lassen. Nach dem plötzlichen Tod ihres Onkels erfüllt sich mittels der Box der Traum vom besseren Leben; sie wird an der Schule beliebt, ihr Schwarm interessiert sich für sie und auch ihr sich als Schrottsammler durchs Leben schlagender Vater wird dank Clares Wünsche mit einem neuen Leben bedacht. Dabei bemerkt das Mädchen zuerst gar nicht, dass die Box für jeden getätigten Wunsch einen hohen Preis fordert. Erst durch ihren Mitschüler Ryan und dessen Cousine Gina, die auf Clares Bitten die altchinesische Schrift auf der Box übersetzt, dämmert ihr langsam, dass in den unscheinbaren Holzkasten eine böse Kraft ruht. Umgesetzt wird dies als durchaus interessante, wie leider auch überraschungsarme Mystery-Story, deren Horror-Ausflüge zu einer Art Final Destination Light werden. Anders als die Filme dieser Reihe werden die dort immer unglaubwürdigeren Zufallsabfolgen, die zum Tod der Figuren führen, glücklicherweise nicht übernommen.

Wish Upon bleibt angenehm auf dem Teppich und schafft es in diesen Szenen durch gutes Timing und dem Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer, Spannung aufzubauen. Die Sterbeszenen fallen eine ganze Ecke unspektakulärer als beim mutmaßlichen Vorbild aus. Zum Stil des Films mag das durchaus passen, der Final Impact dieser Sequenzen wird zeitgleich leider auch beschnitten: der erwartete große Knall wird ein leises Puffen. Überraschend gut funktionierte da die offensichtliche Botschaft, die man der jungen Zielgruppe vermitteln will. Die Träume sind Schäume-Message des Scripts winkt merklich ab der zweiten Hälfte wenig galant, aber nicht zu aufdringlich mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl durch die Szenerie. Dank Hauptdarstellerin Joey Kind, die aus Clare eine Figur formt, zu der selbst ältere Semester unter den Zuschauern einen Zugang finden, gelingt es Wish Upon aus einem objektiv betrachtet beliebigen Teenie-Horror-Beitrag einen durchaus sehenswerten Vertreter seiner Zunft zu machen, ungeachtet dessen, dass man vieles, was der Film bietet, als Zuschauer bereits häufig vorgesetzt bekam.

Die in den Medien und sozialen Netzwerken wie z. B. Instagram dauerpräsente Verlockung der schönen, vermeintlich perfekten Welt von Menschen mit makellosem Leben und Aussehen ist eine trügerische Oberflächlichkeit, die selbst mit dem Aufstieg zu diesem Level nicht die dahinter klaffende Leere verbergen kann. Man kann auch mit dem, was einem gegeben wird, zufrieden sein und was gutes daraus machen, gibt Wish Upon seinem (jungen) Publikum mit auf dem Weg und rät diesem mit seiner Moral, den eigenen Blick niemals von diesen Versuchungen blenden zu lassen. Unbedachte ausgesprochene Wünsche bringen wahr geworden lediglich kurzzeitige Erfüllung und irgendwie könnte man das auch als spöttischen Kommentar gegenüber anspruchsvollem Horror-Publikum sehen. Wenn die Phantastik und ihre Möglichkeiten tatsächlich an der Endlichkeit angekommen sind, sollte man sich mit dem, was einem aufgetischt wird, zufrieden geben. Bodenständigkeit ist keine schlechte Eigenschaft, nur ruhen sich Filmkreative leider viel häufiger darauf aus, als ein Wagnis einzugehen. Leider beraubt sich Wish Upon durch sein unglücklich übergroßes Foreshadowing zu Beginn fast jeden Überraschungsmoments. Einzig das fiese Finale kann kurzzeitig schocken, bevor man wieder den Boden der Tatsachen unter den Füßen hat. Diese zeigt, dass bekannte Elemente gekonnt miteinander kombiniert durchaus kurzweilige Unterhaltung bieten kann, Wish Upon aber auch eher im Kurzzeitgedächtnis der Fans haften lässt, weil bei allen positiven Merkmalen die Durchschnittlichkeit vorherrscht. Ich für meinen Teil mochte das und fand vieles sympathisch und nett, wobei leider auch letzteres Adjektiv immer einen kleinen Hauch Negativität mit sich bringt.

Freitag, 13. Dezember 2019

Magnum 45

Unter der Oberfläche brodelt es. Das Blut kocht und die heißen Wallungen der Erregung fließen durch den voyeuristischen Körper von Paolo Cavaras Magnum 45. Sein Intro gleicht einem flirrenden Traum angespannter Hochstimmung, voll von spekulativen Elementen. Die mit knallbuntem 70s-Bad Taste vollgepackte Wohnstube wird zum Schauplatz von für die damalige Zeit ungeahnten Perversionen, oder dem, was man dafür hielt. Ein mit leicht homosexuellen Zügen gezeichneter Mann öffnet einer groß gewachsenen Dame die Tür und lässt sich, kaum dass sie in sein Wohnreich eingetreten ist, unter wonnevoller Zustimmung von dieser Schläge verpassen, bevor er sich lustvoll in ihren Würgegriff begibt. Das damit gleichzeitig sein letztes Stündlein geschlagen hat, lässt an das Slasher-Kino der 80er erinnern, wenn der anonyme Mörder die Protagonisten für ihr sündhaftes Verhalten abstraft. Mit dem Unterschied, dass dieser meist nicht in die frevelhaften Taten einschreitet und ausschließlich die fiktive Exekutive der konservativen Einstellung der Script-Autoren ist.

Mit dieser Einstellung konterkarieren die Autoren von Magnum 45 den exploitativen Charakter ihrer Geschichte. Die vom Trio Paolo Cavara, Enrico Oldoini und Bernardino Zapponi erschaffene Filmwelt ist durchflutet von Sexualität; deren allgegenwärtige Präsenz übersteigert die mit der 68er-Bewegung und dem Hippietum aufgekommene neue Offenheit der Gesellschaft gegenüber Sex und seine verschiedenen Formen. Mit den Mitteln des Exploitation-Films machen sich die Autoren dieser zu nutzen; das gezeigte wirkt weniger ansprechend erotisch, sondern mehr wie schmuddelig durchzogene Altherren-Fantasien aus den schummrigen Ecken ranziger Sex-Shops. Mit seinem bis auf wenige Ausnahmen vornehmlich tristen und unspektakulären Look entwickelt sich der Film in seiner ersten Hälfte zu einem durchaus schmierigen Erlebnis, ohne jemals solche derben Sphären zu erreichen, wie sie z. B. ein Andrea Bianchi erschaffen hätte.

Gleichzeitig steht dem scharfen Treiben um einen dubiosen Verein Namens Freunde der Natur und einem Mörder, der am Tatort Seiten aus dem Kinderbuch "Der Struwwelpeter" hinterlässt, mit dem in diesem Fall ermittelnden Kommissar Gaspare Lomenzo ein gutbürgerlicher Charakter gegenüber. Er mag (zu Beginn) eine dunkelhäutige Freundin haben, die ihn mit "exotischem" Essen und Liebesspielen verwöhnt und gibt sich anscheinend offen gegenüber dem Anderen, welches immer mehr zur Normalität zu werden scheint; je weiter die Geschichte voranschreitet, erkennt man, dass sich Lomenzo in die vorherrschenden Gepflogenheiten versucht einzuleben, aber eigentlich lieber am gewohnten und bekannten festhält. Und seien es nur seine heißgeliebten Spaghetti. Dies hindert ihn nicht, während der Abwesenheit seiner Freundin mit deren Bekannten Jeanne anzubandeln und eine Liebelei mit ihr zu beginnen. Entpuppt sich das schöne Modell doch gleichzeitig als wichtige Hinweisgeberin für Lomenzos Fall, da sie ihm ausgiebig von den Begebenheiten während eines Treffens der Freude der Natur und dessen Leiter Hoffmann (damit gleichzeitig ein Namensvetter des Buchautors), bei dem sie beiwohnte, berichten kann.

Der damit beginnende Fokus auf die Arbeit Lomenzos lässt Magnum 45 zu einem unausgeglichenen Werk aus Poliziottescho und Giallo werden. Mit dem Augenmerk auf die Ermittlungen wird die Story dröge und die spekulativen Momente weichen einer Krimihandlung, deren umständlicher Aufbau die gewollte Spannung ausbremst. Bei vielen der eingeführten Figuren, z. B. Riccio, der Besitzer einer großen Detektei, bleibt die Bedeutung für die weitere Geschichte bis zum Schluss im Dunkeln. Dem Script wie Cavara fehlt es an Timing und eingestreute Wendungen sollten den Formeln des Giallo folgend für Aha-Effekte sorgen, die durch den umständlichen Aufbau leider ausbleiben. Auch die Auflösung bringt leider nicht die gewünschte Überraschung. Der Wandel vom sleazigen Giallo zum spröden Polizeifilm mag nicht passen und lässt den Film zwischen den Stühlen sitzen. Als reiner Thriller d'Italiano fehlen ihm die erinnerungswürdigen Momente. Die täten ihm auch als Poliziottescho gut, gibt sich der Film leider in der zweiten Hälfte wie ein handzahmer Fernsehkrimi der damaligen Zeit.

Viele Stränge der Geschichte werden schludrig ausgearbeitet oder hingeworfen; die fehlende Logik lässt das Script diffus wirken und der ausgedehnte Weg zur Auflösung raubt Magnum 45 deutlich seine dichte Atmosphäre und narrative Energie. Das sich Cavara und seine Co-Autoren deutlich der Konservativität zuwenden und die gialloesken Elemente dafür opfern, könnte man auch als Kommentar auf die Entwicklung des Genres verstehen. Vielleicht entschied man sich bewusst dafür, den als gegeben hinzunehmenden Regeln der hier geschaffenen Welt eine unspektakuläre Wandlung zu schenken und aus dem schmierigen Anfang auszubrechen. Ob nun Lomenzo der Fremdkörper in der verdorbenen Welt oder diese es im Weltbild des Kommissars ist, lassen die Schöpfer offen. Konkretisiert wird nur, dass der Schmutz allgegenwärtig ist und der ist - das macht Magnum 45 so klar wie viele andere italienische Genrewerke - anziehend, verführerisch und verdammt hübsch. Verborgen im vertrübten Grau seines Ganzen glänzt der Film mit manchmal umwerfend tollen Kamera-Einfällen und Einstellungen. Das macht ihn keineswegs zu einem runden, aber durchaus interessanten Erlebnis, dem ein großes Stück Entschlossenheit im Auftreten gut getan hätte.

Mittwoch, 4. Dezember 2019

Wir

Jordan Peele ist der neue Mann der Phantastik für brandaktuelle wie unangenehme Themen. Versuchte er sich in seinem Debüt Get Out (hier besprochen) am übergreifenden Rassismus dieser Tage und scheiterte damit - zumindest für mich - kläglich, packt er mit seinem Zweitwerk Wir die soziale Ungerechtigkeit einer Zweiklassengesellschaft an. Das polemisch am Stammtisch und in niederen Gesellschaftsschichten bescholtene Problem zwischen "denen da oben!" und "denen da unten!" greift der Amerikaner wortwörtlich auf und baut seine Erzählung in ihrer Struktur ähnlich seines Debüts auf. Mit ruhigem Ton und hübscher Kamera der Marke Postkartenmotive entführt er den Zuschauer auf die Reise der Familie von Gabe und Adelaide Wilson in ihren Kurzurlaub an der Küste. Der gemeinsam mit Josh und Kitty Tyler, einem befreundeten Pärchen, verbrachte Tag am Strand, findet kurz nach ihrer Ankunft nur unter Protest von Adelaide statt. In ihrer Kindheit hatte sie genau dort eine unheimliche wie traumatische Begegnung.

Bevor Peele diese im Verlauf seiner Geschichte nochmals aufgreift, widmet er sich in seinem Film vordergründig dem Subgenre der Home Invasion. Vom Strand zurückgekehrt, verwandelt sich die sachte einstellende Idylle in blankes Entsetzen. Vier vermeintliche Unbekannte stehen zuerst regungslos in der Einfahrt des Hauses der Wilsons. Als die ungebetenen Besucher anstalten machen, in dieses einzudringen, entpuppen sie sich als Doppelgänger der Familie und eröffnen eine gnadenlose Jagd auf diese. Aus welchem Grund das überhaupt geschieht, lässt das Script zunächst offen. Mehr bedient sich Peele dem für das Subgenre so typische Szenario des plötzlich, ohne große Vorankündigung eintretenden Grauens. Neue Aspekte lässt der Regisseur Autor außen vor und konzentriert sich darauf, den Zuschauer in die Situation seiner Protagonisten zu zerren. Bis auf die Tatsache, dass die vierköpfige Familie in ihr eigenes Antlitz blickt und die Situation hierdurch atmosphärisch an unangenehmer Bizarrheit gewinnt, bedient sich Peele gängiger Formeln.

Durch den rätselhaften Prolog und einem ruhigen Aufbau gelingt es Peele die Stimmung so gut aufzubauen, dass der Spannungsbogen des Films bis zum Anschlag gespannt ist. Seiner Version eines Home Invasion-Films gelingt das, was anderen Werken aus dieser Richtung weniger gelingt. Der Zuschauer wird emotional bestens integriert; die darstellerische Leistung der Mimen - allen voran sei hier die großartige Performance von Lupita Nyong'o zu erwähnen - ist richtig stark, haucht ihren Figuren zusätzlich Leben ein und lässt sie greifbarer werden. Die Mechanismen des Subgenres sind Peele bekannt und mit seinem Gespür für Timing wächst Wir zu einem durchweg spannenden Terrorfilm heran. Dessen formelle Beschränktheit reichert Peele mit einem übernatürlichen Element an und erweitert seine Möglichkeiten, der Handlung eine Ebene verschiedener Deutungsmöglichkeiten zu schenken. Wir ist ein interpretationsreicher Horrorfilm, bei dem es Peele gelingt, alle unangenehmen Klischees, die aus Get Out einen Reinfall machten, zu umgehen.

Der tiefe Graben zwischen arm und reich, die Auflösung des Mittelstands und der Verfall in eine Zweiklassengesellschaft mit der damit verbundenen Ungerechtigkeit in der US-amerikanischen Gesellschaft wird von Peele als Angriff der niederen Volks auf den Rest der Gesellschaft inszeniert. Er tut gut daran, den Killing Spree auszuweiten und sich nicht mit dem dauerhaften Kampf der Wilsons gegen ihre Doppelgänger zu beschränken. Viele Home Invasion-Filme kranken daran, im beschränkten Raum ihrer Handlung sich auch in ihrem Verlauf einzuschränken und repetitiv zu werden. Peele stellt lieber die Frage in den Raum, ob der Mensch nicht nur langsam im vermeintlichen Kampf gegen andere gesellschaftliche Schichten an sich selbst scheitert, sondern auch, ob die Doppelgänger im Film nicht auch ganz simpel die losgelöste, dunkle Seite unserer Selbst ist, gegen die wir anzukämpfen haben, wenn diese aus dem Untergrund der Persönlichkeit hervortritt.

Der Story und Peele nach scheinen wir uns auf dem Weg in eine bessere, tolerante Gesellschaft selbst im Weg zu stehen. Seiner bitteren Ironie nach bedient sich der Mensch weiterhin einer kontraproduktiven Aggressivität. Das verbindet er lose mit der 1986 tatsächlich stattgefundenen Wohltätigkeitsaktion Hands Across America, die das Ziel hatte, eine Menschenkette quer durch die USA zu bilden. Die Symbolik der Menschenkette als Zeichen der Solidarität und Gleichheit gegenüber Gesellschaftsschichten etc. pervertiert Peele durch die Mittel, wie die auftretenden Doppelgänger dies bewerkstelligen. Egal ob sozial Benachteiligte (in den USA) häufig und gerne ausgeblendet werden und sie sich in der Schreckensvision des Regisseurs mit rigorosen Mitteln Gehör verschaffen bzw. sich an der Ignoranz der Gesellschaft rächen: man kann Wir auch so lesen, dass unsere über die Jahrzehnte gewonnene Toleranz, Offenheit und Freundlichkeit einer beispiellosen Aggressivität weicht, wenn ein alter, weißer cis-Mann oder andere unliebsame Gestalten die Bildfläche betreten. Schnell verfällt auch der gutmütigste, ausgeglichenste und offenste Mensch - zumindest in den heutigen sozialen Medien - in eine seiner propagierten Denkweise widersprüchliche Intoleranz und Aggression.

Scheiterte Peele in Get Out noch daran, den hoch angesetzten Anspruch differenziert in einen spannenden Horrorfilm zu packen, so gelingt es ihm in Wir weitgehend das Level der eigenen, hoch angesetzten Messlatte zu halten. Lediglich beim Sprung in eine übernatürliche Richtung tauchen in der Handlung einige Ungereimtheiten auf, die durch einen langen Expositions-Monolog von Adelaides Doppelgängerin noch mehr in den Vordergrund rücken. Das mag einigen sauer aufstoßen. Gesamt betrachtet fühlt sich Wir weitaus runder und gelungener als Peeles Debüt an und kann durch seine Thematik und Peeles Herangehensweise an das Genre des Home Invasion-Films gefallen. Das ist tatsächlich ein starker Horrorfilm ,der gemessen an der nicht immer haltbaren Logik seiner Story, trotzdem ein frühes Highlight für das Genre im Jahr 2019 war.

Donnerstag, 28. November 2019

Das Gehirn

Seinen Kopf anstrengen, diesen zum Rauchen bringen, Gedanken kreisen lassen; das Gehirn benutzen. Cogito ergo sum. Die kognitiven Fähigkeiten unserer Spezies lassen uns damit selbst an die Spitze der Evolution stellen und obwohl jeder Mensch ab einem gewissen Alter diese Fähigkeit verschieden ausgeprägt nutzt, können Denker, intellektuell als überlegen angesehene Persönlichkeiten mit oder durch ihr Hinterfragen für einige Zeitgenossen als bedrohlich wahrgenommen werden. Macht über den Menschen und dessen Gedanken erlangen, gleich ob beispielsweise in despotisch regierten Staaten oder religiös/spirituell geprägten Sekten, stellt für deren Führer die ultimative Kontrolle über uns dar; Querdenker unerwünscht. Diese aus der grauen, gleichgeschalteten Masse herausstechenden roten Punkte und ihre Nutzung des Gehirns lässt diese zu den angeblichen Frieden bedrohenden Störenfrieden werden. Überspitzt formuliert erscheinen diese und ihr Denkapparat in den Augen dieser blendenden Lenker als monströse Erscheinungen.

Es verwundert nicht, dass im phantastischen Film schon häufiger sich selbstständig machende, eigenständig operierende Hirne als monströse Antagonisten herhalten durften. Im amerikanischen Science-Fiction- und Horror-Kino der 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, das nicht arm an paranoiden Motiven über Ängste vor fremden, invasiven Mächten und deren Versuch, den amerikanischen Traum und die Menschheit zu untergraben und auszuhöhlen ist, führte dies unter anderem zu Werken wie Die Augen des Satans. Die bösen Kommunisten, das Unbekannte was im nach und nach erschlossenen Weltall lauern könnte, Schattenseiten der weiter voranschreitenden Wissenschaft: die Furcht hatte viele Gesichter, was für Schöpfer kostengünstiger B-Streifen ein wunderbarer Nährboden dafür war, um das Kinopublikum mit ihren Visionen zu schocken. Monster, unsichtbare Feinde, Außerirdische und verrückte Wissenschaftler bestimmten den phantastischen Film dieser Tage.

Aus dieser Schnittmenge bedient sich auch Ed Hunts Das Gehirn und fügt dem Ganzen eine nicht gerade subversive Medienkritik über deren Macht, das Denken der Gesellschaft zu manipulieren und den in den 80ern in den USA groß im Kommen befindlichen TV-Gurus hinzu. Mittels seiner Sendung "Independent Thinking" versucht der Wissenschaftler Anthony Blakely mithilfe eines mutierten, extraterrestrischen Gehirns und seiner Fähigkeiten, seinen Zuschauern einer Gehirnwäsche zu unterziehen um somit die Kontrolle über deren Denken zu erlangen. Ihm dazwischen funkt der intelligente wie rüpelhafte Highschool-Chaot Jim Majelewski, dem nach einem weiteren Schulstreich bei dem er erwischt wurde, von seinem Direktor auferlegt wird, sich im Institut des Wissenschaftlers behandeln und läutern zu lassen. Bei Querdenker Jim funktioniert die Hirnwäsche nicht, einzig Halluzinationen machen ihm nach seinem Besuch in Blakelys Psychological Research Institute zu schaffen. Der Wissenschaftler kann den Fehlschlag nicht auf sich sitzen lassen und will Jim zurück in seinem Institut sehen. Seine Freundin Janet und sein bester Kumpel Willie versuchen dem Jungen zur Hilfe zu kommen und stehen ihm auch im zuerst ungleichen Kampf gegen Blakely und sein monströses Hirn zur Seite.

Die durchaus als hanebüchen zu bezeichnende Geschichte des Scripts wird ganz in Tradition der Vorbilder aus den 50ern mit notwendigem Ernst vorgetragen, nicht ohne hier und da eine Prise Humor einzuwerfen. Hauptfigur Jim wird als vager Feris Bueller-Verschnitt gezeichnet und sein Darsteller Tom Bresnahan gelingt es meist, genügend spitzbübischen Charme für seine Rolle abzurufen. Mit seinem Gegenspieler landete man mit David Gale einen kleinen Casting-Coup. Der durch Re-Animator bekannte und durch seine Rolle darin auch für Das Gehirn prädestinierte Mime darf als Dr. Blakely punkten, erreicht hier allerdings nicht die kongeniale Verrücktheit wie in Gordons Lovecraft-Adaption. Gale spielt zurückhaltender; die mit dieser Darstellung vermutlich beabsichtigte aalglatte Ausstrahlung der Figur möchte nicht immer zünden. Zumindest das Tempo stimmt; Ed Hunt pflügt regelrecht durch die Geschichte und kann durch die aufgenommene Geschwindigkeit zumindest halbwegs deren Leerlauf umkurven. Jims Kampf gegen Blakely und das herrlich krude dargestellte Monster-Gehirn, welches irgendwann im Film durch sein Wachstum sogar ein Gesicht erhält, tritt manchmal auf der Stelle.

Zu offensichtlich versucht Das Gehirn seine einzelnen Einfälle mit der Kreuzung durch Kritik an der manipulativen Kraft der Medien aufzupeppen und dem erzählten Schlock etwas mehr Seriosität zu schenken. Selten funktioniert das eindringlich; mehr kippt der Film in die Richtung des satirischen Horrorfilms, was weiter eher in seichten Fun-Splatter mündet. Richtig böse kann man den Schöpfern des Films nicht sein. Das Gehirn mag in einigen Momenten zu generisch erscheinen und sticht auch durch seinen dem geringen Budget geschuldeten, leider recht trist gehaltenen Look nicht weiter hervor wie einige andere damals diese Richtung beschreitenden Werke. Besäße er nicht größtenteils den spitzbübischen Charme seiner Hauptfigur, dem man seine Ausfälle eben so gerne verzeiht wie dieser und zum Schmunzeln einlädt. Da drückt man schon einmal ein Auge zu, wenn die Story auf der Stelle tritt oder das Finale regelrecht schlapp wirkt. Als dem B-Film der 50er nacheiferndes Werk geht Das Gehirn weitgehend in Ordnung.

Samstag, 9. November 2019

Tanz der Dämonen

Als selbst ernannter Filmkritiker oder sowas, der angeblich kluge Dinge über große und kleine Filme in den Äther hinaus bläst und seine Gedanken dazu mit anderen Menschen teilt, hat man es manchmal schwer, bei manchen Filmen den eigens gesetzten Anspruch an seine Besprechungen einzuhalten. Die Credits rollen noch über den Bildschirm und im Kopf formt sich bereits die Frage, was man nun eigentlich genau über den eben gesehenen Film überhaupt schreiben soll. Einige stellen einen vor die Herausforderung, gefühlt nicht immer das gleiche zu schreiben und dies - hier gelangt man wieder an den eigenen Anspruch - in nicht nur einem oder zwei Sätzen abzuhandeln. Charles Philip Moores Demon Wind gehört wahrlich dazu, wird hier doch schon sein deutscher Titel zu einer überaus generischen Sache. Diesmal sind es keine Teufel sondern dem dünnen Plot des Films folgend Dämonen, die damals sogar im Kino und später in der Videothek ihren Balztanz um die Aufmerksamkeit der Zuschauer vollführten.

Das Plakat teasert mit seinem minimalistischen Motiv an, dass der Schauplatz der Sause hier wie in Sam Raimis Kultklassiker wieder eine Blockhütte ist, an dessen Fenster sich zwei klauenbewehrte Hände unter diesem durchschieben, während eine dämonische Fratze angsteinflößend auf den Betrachter blickt. Die blutroten Lettern des Titels legen sich aufdringlich nieder während die simple Tagline uns in der Hölle willkommen heißt. Weniger durch eine wahrhaft infernalische Sause sondern eher durch sein schleppendes Plotgerüst wähnt man sich einige Minuten nach Filmstart tatsächlich im Höllenfeuer. Tanz der Dämonen schleppt sich wie ein angeschlagener Athlet Meter für Meter auf seiner Plotstrecke dem zu erwartenden Höllenritt entgegen um dann verwirrt im undurchsichtigen Nebel seines Storygewirrs stecken zu bleiben. Mit dem Auftritt der Dämonen wird das Script zu einem lauen Evil Dead-Rip Off mit Zombiefilm-Anleihen und leiert das Einmaleins des Horrors herunter und subtrahiert gleichzeitig wahrscheinlich unnötig empfundene Spannungsbögen.

Es liegt an der seltsamen Stimmung in seiner ersten Hälfte, dass ich letzten Endes beinahe milde Töne für Tanz der Dämonen anstimmen kann. Nicht, dass man in dieser einen tatsächlich bzw. ansatzweise guten Horrorfilm erwarten sollte. In der schleppend verlaufenden Geschichte um Cory, der nach vielen Albträumen zur darin vorkommenden Ruine des alten Farmhauses seiner Großeltern pilgert um herauszufinden, welche dunklen Geheimnisse die Vergangenheit seiner Familie birgt, tauchen einige kleine Einfälle so plötzlich auf wie Corys Freunde auf dessen Weg zum ehemaligen Hof der Familie. Beginnend mit der Rast an einer alten Tankstelle mitsamt Imbiss, die - wie sollte es anders sein - von einem um die dort lauernden Gefahren wissenden älteren Herrn betrieben wird, wabert eine alptraumhafte Atmosphäre durch den Film, in der die wenigen netten Ideen wie Moorlichter aufblitzen um sich langsam im Nebel der Einfaltigkeit aufzulösen. Der beginnende Dämonentanz wird zu einem Ballett der Dämlichkeit, in dem sinnentleerte Dialoge, stark bemühte Mimen und mit Traumlogik versehene Gruselelemente aufeinander treffen.

Aufkeimendes Amüsement über Ideen wie der Verwandlung einer jungen Frau in eine Puppe wird zugunsten einfach getrickster Gore-Eskapaden aufgegeben, die in ihrem mühsamen Aufbau leider mehr dem Ende des Films als dem mit nicht vorhandener Spannung erwarteten Finale entgegenfiebern lässt. Die dunklen Erinnerungen an Tanz der Dämonen, von dem ich nur noch wusste, dass ich ihn vor einigen Jahren beim ersten Sehen sehr dürftig fand, wurden leider doch bestätigt. Wäre der Film einen Mittelweg zwischen Splatter und surrealem Horror gegangen, wäre er ein vielleicht ebenfalls anstrengender, aber leidlich interessanter Film geworden. Lieber verschenkten die Schöpfer das zu Gunsten einer Dauerberieselung mit Bluteffekten, die hinter dem oft angesprochenen Ofen nicht richtig hervorlocken können. So verklärt kann man auf den Film leider nicht blicken wie man möchte, um da die wenigen Dinge, die man doch irgendwie gut findet, als gänzlich positives Gesamtergebnis dastehen zu lassen.

Samstag, 26. Oktober 2019

Slaughterhouse Rock

Den Grund der Bekanntheit einiger Filme aus dem Horrorgenre kann man grob in drei Kategorien aufgliedern: da wären die großen, selbst außerhalb des Genres angesehenen Klassiker, die sich über die Jahre zu Recht ein Standing im Filmbereich erarbeitet haben und durch ihre Qualitäten ein größeres Publikum überzeugen konnten. Weiter gibt es noch die von mir gern als Skandalnudeln bezeichneten Werke, die häufig durch das Stille-Post-Prinzip gepushten Filme, die durch ihren hohen Grad an auf der Leinwand ausgeübter Gewalt (noch besser, wenn bei irgendeiner Kino-Aufführung Menschen den Saal während des Films verließen oder sogar das Bewusstsein verloren) oder eine besonders beängstigender Stimmung zumeist bei jüngeren Menschen zu modernen Mutproben werden. Was früher die Mund-zu-Mund-Propaganda auf dem Schulhof war, verlagerte sich über die Jahre zu in Superlativen badenden Berichten besonders mutiger Hartheimer in Internet-Foren.

Einige Filme, die man in diese zweite Kategorie einordnen kann, findet durch diesen Umstand auch manchmal in der dritten: den Opfern der Justiz. Die Video Nasties, wie man sie in Großbritannien nannte, üben mit dem von Jugendschützern über sie gefällten Urteil einen Reiz des Verbotenen (nicht nur) auf das junge, nach Blut lechzenden Publikum aus. In der allgemeinen Video-Hysterie der frühen 80er Jahre trug der Rundumschlag der rechtssprechenden, deutschen Film-Inquisition einige zweifelhafte Entscheidungen davon. Während manche heutzutage als Klassiker anerkannte Werke durch einige engagierte Nischenanbieter mittlerweile von ihrem Status als besonders jugendgefährdender Film und aus dem Orkus dubioser, österreichischer Label, die einzig von diesen verbotenen Filmen zu (über)leben scheinen, befreit wurden, dürfen sich eben jene Anbieter darüber freuen, dass manche kleineren Filme, die keinen großen kommerziellen Erfolg versprechen, einzig durch den Status als beschlagnahmter Film über die Jahre im Bewusstsein der Fans überleben konnten.

Würde der auch unter seinem Alternativ-Titel Alcatraz Horror bekannte Slaughterhouse Rock (weswegen auch immer) nicht ebenfalls zu diesen überbösen Verbotsfilmen gehören, würden weitaus weniger Menschen überhaupt Notiz von ihm nehmen. Der End-80er-Horrorfilm müht sich, ganz eigenständig im Bestreben zu agieren, unbemerkt Elemente des Klassikers A Nightmare on Elm Street in seine Story unterzubringen. Die Alpträume, welche seine Hauptfigur Alex ereilen und mit einfach getricksten, hübsch matschigen F/X bestechen, versuchen die Grenze zwischen Traum und filmischer Wirklichkeit zu verwischen. Die grauigen Nachtmahre und Visionen eines dämonischen Folterknechts, der es sich im berühmtesten Knast der Weltgeschichte - Alcatraz - gemütlich gemacht hat, plagen diesen so derart, dass er sich schwer auf das College konzentrieren kann. Bekräftigt von seiner Lehrerin, die sich als Expertin für okkulten Schnickschnack aller Art entpuppt und das geheimnisvolle Traumknäuel so plötzlich wie sie in den Reigen der näher beleuchteten Pappfiguren aufsteigt, entwirren kann sowie seinen Freunden, die dem leidenden Jungen helfen möchten, schippern sie in einer wortwörtlichen Nacht-und-Nebel-Aktion zur Gefängnisinsel auf der das dämonische Böse sowie eine tote Rockband mit unglaublich nerviger Frontfrau auf die Kids und Frau Lehrerin warten.

Besagte Rockröhre, dargestellt von der eher im englischsprachigen Raum bekannten Sängerin Toni Basil, bringt einen für die Stimmung des Film unpassenden Schwenk in Richtung Komödie mit lustig gemeintem Gefuchtel und Sprüchen mit sich, der dem bis dahin durchschnittlich geratenen Horrorfilm mehr schadet als gut tut. Die krampfig-kämpferische Stimmungs-Ansage mit der auf Anschlag gehauenen Nebelmaschine, die dem nächtlichen Setting Atmosphäre verleihen soll, verstummt abrupt, wenn kurz zuvor den filmischen Exitus erreichte Charakter in American Werewolf-Manier als Tote wieder auftauchen und mit humoresken Sprüchen ihr Ableben kommentieren und Alex weiterhin zur Seite stehen wollen. Slaughterhouse Rocks Grundton bleibt die ganze Laufzeit über fahrig; selten kann der Film mit gut gelungenen Momenten überzeugen. Dazu gehört eine technisch gute, aber auch für die Szene belanglose, längere Kamerafahrt in einem Diner. Die einzelnen Bausteine des Scripts wurden mit wenig Gespür, geschweige denn Liebe für das Genre-Handwerk zusammengefügt.

Hat man alles schon gesehen; besser, detaillierter, liebevoller. Sein hierzulande seit 1991 bestehender Verbotsstatus rettet den Film eher noch den bisherigen Anbietern der Uncut-Fassung, dass ständig nachkommende, junge Fans die in die Welt des Verbotenen eintreten, diesen uninspirierten Eintrag in der glücklicherweise langsam geringer werdenden Liste an Filmen weiterhin bzw. überhaupt kaufen. Ohne diesen erlangten Status, der aus heutiger Sicht in keinster Weise überhaupt mehr erklärbar bzw. gerechtfertigt ist, wäre Slaughterhouse Rock längst in Vergessenheit geraten. Das äußerst selten abgerufene Potenzial verwässert zu einem spannungsarmen Film irgendwo zwischen Freddy Krüger-Rip Off, Slasher- und Dämonen-Horror, dessen - auch das muss man mögen - billigen Gore-Effekte fast schon zum eigenen Ärgernis für sich selbst zu den besseren Momenten des Werks gehören, dass ansonsten eine belanglose Fußnote in der großen Welt des Horrors ist.



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