5. Juni 2018

Prom Night III - Das letzte Kapitel

Frei nach Ricky Nelsons Hit begrüßte das erste Sequel zu Prom Night die neue, (wortwörtlich) mörderisch hübsche Hauptfigur mit einem freundlich wirkenden Hello Mary Lou. Das hatte zwar fast gar nichts mehr mit dem Erstling zu tun, konnte aber in den Videotheken der Welt soviel Geld einheimsen, dass die Reihe noch einen dritten Film und das erste echte Sequel beschert bekam. Der dritte Aufguss geht konsequent den eingeschlagenen Weg des Vorgängers weiter und weitet dessen Kombination aus Horror und Komödie aus. Was in Prom Night II - wie hier beschrieben - nicht zünden will, öfter in die Hose geht, mag zwar nicht Auszeichnungen für besonders lobenswerten Humor gewinnen, kann im Endeffekt weit mehr als der Vorgänger zu einigen kleinen Lachern verleiten. Leider hat man sich wieder dazu entschlossen, wenig Innovation walten zu lassen und sich auf aus größeren Reihen erfolgreiche Elemente zu berufen.

Wieder sind es die A Nightmare On Elm Street-Filme, an denen man sich nicht bloß grob orientiert, sondern ziemlich frech deren Erzählstrukturen, vornehmlich die der Sequels ab Teil 3 und Darstellung der Bösewichtin abkupfert. Nachdem sich diese während einer Sportübung (!) aus der Hölle befreien konnte, kehrt sie an die Hamilton High School zurück und wird, nachdem sie den Herzschrittmacher des Hausmeisters aus der Brust springen lässt, auf den eher mäßigen Schüler Alex aufmerksam. Der kurz vorm Abschluss stehende Tagedieb, der mit seinem besten Freund Shane von einem Motorradtrip durch die Lande träumt, mit der vernünftigen und hübschen Sarah liiert ist, trifft in der Nacht ihrer Befreiung auf die untote Prom Queen, weil er nochmal einen Abstecher zur Schule machen muss um Bücher zum Lernen für eine anstehende Klausur zu holen. Der schüchterne Junge verfällt der forschen Dame sofort, verbringt eine Nacht mit ihr und hat fortan die aufdringliche und fordernde Mary Lou an der Backe, die in ihm fortan ihren neuen Boyfriend sieht. Forever versteht sich. Durch ihr manchmal mörderisches Eingreifen erleichtert Mary Lou Alex fortan den Schulalltag. Dieser avanciert zum neuen Schulliebling; seine Persönlichkeitsänderung führt zum Streit mit Sarah und als Alex sich endlich von Mary Lou lösen will, hat er es mit einer mörderisch eifersüchtigen Furie zu tun, die Sarah nach dem Leben trachtet.

Glücklicherweise konzentriert sich Prom Night III nicht wie seine Vorgänger zu ausschweifend mit den Vorbereitungen zur titelgebenden Veranstaltung. Selbstverständlich gibt es im dritten Teil auch wieder einen Abschlussball, mehr konzentriert man sich auf den von Mary Lou bezirzten und später gebeutelten Alex und seine Probleme, die nicht nur das Übertreten der Schwelle zum erwachsen werden mit sich bringt, sondern auch eine beherzte, bei ihren gewählten Mitteln zu rabiate, untote Liebesaffäre. Wie der späte Freddy Krueger bekommt Mary Lou dann die meiste Screentime, wenn es darum geht, dem gewählten Love Interest blutig aus der Patsche zu helfen. Zur jeweiligen Situation passend, taucht Mary Lou in verschiedenen Rollen auf und schickt die in ihren Augen dem Herzbuben Schlechtes bringenden auf kreative Art und Weise in die ewigen Jagdgründe. Da wird ein Football zu einem mörderischen Wurfgeschoss, Batteriesäure literweise über ein Opfer ausgeschüttet oder wie im zwei Jahre später entstandenen College Horror-Sch(l)ocker Pledge Class ein Handrührgerät zu einer tödlichen Waffe. Alles garniert mit einer betont coolen, immer einen lockeren Spruch auf den Lippen habenden Mary Lou. Waren es bei Prom Night II noch die albtraumhaften Settings, in die sich die alltägliche Gegenwart verwandeln konnte, versuchen sich die Macher bei Prom Night III dran, an die erste Welle des Funsplatters und den ausgefallenen Settings in den Nightmare-Fortsetzungen anzuknüpfen.

Raubte man auch Freddy Krueger in den Sequels (trotz derer meist ordentlichen bis sehr guten Gesamteindrücke) jegliche Bedrohlichkeit, verkommt auch Mary Lou zu einem weiblichen Pendant des Klingenhandschuh schwingenden Kindermörders. Das die Antagonisten ihre Fingernägel ebenfalls wie Klingen ausfahren kann und Alex gegen Ende wie die Final Girls der Nightmare-Reihe in einer kurzen Sequenz sich mit Bastelarbeiten für den finalen Kampf mit seinem untoten Schwarm wappnet und vorbereitet kann man nicht mal mehr als Hommage sehen. Es ist faules kopieren, dass wenigstens bei Alex' Darstellung als Final Boy mit Augenzwinkern um die Ecke kommt. So dreist man sich auch bei den großen Vorbildern bedient, so schade es ist, dass Mary Lou leider austauschbarer erscheint wie im Sequel: Prom Night III funktioniert. Der Film bietet kurzweiliges Horrorentertainment, das nicht weh tut. Nicht alles mag gelingen - die Gags schwanken zwischen infantil dämlich und vorhersehbar aber doch recht witzig - mit Hello Mary Lou und dem Erstling verglichen, bleibt Prom Night III eine bodenständige Horrorkomödie und tatsächlich der bisher beste Teil der Reihe.

Neben einem wenig Leerlauf bietendes Buch, dessen repetitive Erzählstruktur nur auf dem Weg zum Finale Ermüdung mit sich bringt, kann Prom Night III mit herrlich matschigen F/X punkten. Wenn Alex Mary Lou am Ende in die Hölle folgt um Sarah aus ihrer Gewalt zu befreien, greift man nicht nur wieder ein typisches Motiv der Nightmare-Reihe auf, sondern wartet mit sehenswerter Effektarbeit und guter Atmosphäre auf. Das die Autoren zudem ein fieses wie offenes Ende, welches mit zwei Augen auf eine etwaige Fortsetzung schielt, präsentieren, ist eine handfeste (und die größte) Überraschung. Hätte man den im Stoff durchaus befindlichen Hintersinn mehr aufgegriffen, hätte der Film sogar eine äußerst angenehme und rundum zufriedenstellende Sache werden können. Streift man mit seiner Geschichte den Ausbruch, das Coming of Age eines frustrierten Jugendlichen, der aus seiner Durchschnittlichkeit ausbrechen will und sich durch seinen (schlechten) Einfluss verändert.

Wenn Alex langsam und kontinuierlich sich am vermeintlich schönen Platz an der Sonne zurechtfindet, seine "böse" Seite entdeckt und mit frecher Einzellocke auf der Stirn, Lederjacke und Motorrad erscheint, fühlt man sich an frühe 50er-Exploiter aus den USA Richtung Rockermovie und den dort auftretenden Motiven der juvenile deliquency erinnert. Gebeutelt wird Alex auch von der wahnhaften Liebe Mary Lous, deren dämonisches Stalking zeitlos und aktuell bleibend wirkt und deren Verhalten mit in die Rockerfilm-Motive fließt. Es mag eher dem kurz aufblitzenden moralischen Standpunkt der Story dienen, wenn Alex sich wieder der guten Seite zukehrt. Losgelöst von dieser Schnellschuß- und Videothekenreihe könnte so ein Stoff in den richtigen Händen durchaus für ansprechende Horrorkost sorgen. Aber ich möchte mich nicht beschweren. Nach den beiden ersten, durchschnittlichen Filme der Reihe sorgt Prom Night III für das, wofür er auch konzipiert wurde: Kurzweil für Videothekenpublikum der damaligen Jahre, der man das dreiste kopieren und abkupfern bei größeren Reihen und die schematisch altbekannte Geschichte verzeihen kann. Anders als es uns der (nur beim deutschen Titel existierenden) Untertitel Das letzte Kapitel glauben machen will, folgte zwei Jahre später noch ein vierter Teil, in dem Mary Lou nicht mehr vorkommt. Die Macher hatten wohl ein Einsehen, dass man der Dame mehr Persönlichkeit hätte schenken können, bevor sie mit Teil 3 endgültig zum "weiblichen Freddy mit dem Kleid" wurde. Zusammen mit dem 2008 entstandenen Remake des ersten Teils wird darüber alsbald hier im Blog zu lesen sein.

2. Juni 2018

Mary Lou - Prom Night II

Es vergingen gut sieben Jahre, bis im weiten Kanada die Idee geboren wurde, aus einem frühen, sich schwer dahinschleppenden Slasher Namens Prom Night ein Franchise zu machen. 1987 überschritten die maskierten Hieb- und Stichwaffennutzer ihren filmischen Zenit. Dank größerer Erfolge wie Hellraiser und einiger kleineren DTV-Horrorfilme schlichen Mitte der 80er dämonische Entitäten auf der Beliebtheitsskala der Fans langsam kontinuierlich nach oben. Findige Filmefabrizierer wohnt seit jeher eine für das Business benötigte Unverfrorenheit inne und so verwundert es nicht, dass Mary Lou, so der Titel des ersten Prom Night-Sequels, kaum was mit dem Erstling zu tun hat. Die Brücke zu diesem schlägt man ganz dreist damit, indem wieder eine Highschool als Handlungsort herhält, dort vor langer Zeit ebenfalls ein tragischer Unfall geschah und es hier ebenfalls die Situation gibt, dass der Vater einer der Hauptfiguren gleichzeitig Direktor der Schule ist. Der Rest der Handlung entfernt sich komplett vom Slasherdasein seines Vorgängers.

Wie dieser, blickt Mary Lou zuerst zurück in die Vergangenheit. Dort lernen wir die titelgebende Dame kennen: ein keckes, freches und moralisch flexibles Mädchen, dass auf dem Abschlussball ihren Begleiter versetzt und hinter den Kulissen mit einem anderen rummacht. Aus Rache will der geschasste Bill sich an der frisch gebackenen Prom Queen später am Abend rächen. Eine von ein paar Quatschköpfen in den Müll geworfene Stinkbombe soll ihr die Preisverleihung vermiesen. Bei Bills Aktion fängt Mary Lous Kleid Feuer und reißt sie in den Flammentod. Jahre vergehen, Bill ist mittlerweile Direktor der besagten Schule, sein Sohn dort Schüler, welcher mit der durch eine streng gläubigen Mutter gestraften Vicki geht. Auch für diese Generation steht das Ende der Schulzeit und der Abschlussball bevor. Auf der Suche nach einem peppigen Kleid für ihre Freundin Jess stößt Vicki im Keller der Schule auf einen verriegelten Koffer, in dem u. a. die Robe und die Krone der verstorbenen Mary Lou untergebracht sind. Nachdem sie diesen geöffnet hat, wird das Mädchen von allerlei verängstigenden Halluzinationen und der immer wieder auftauchenden, gespenstischen Mary Lou heimgesucht und merkt nicht, dass sich der dämonische Rachegeist der toten Abschlussballkönigin ihres Körpers bemächtigen will.

Leider gleicht Mary Lou seinem Vorgänger im Erzähltempo; wie eins Paul Lynchs Werk lässt man sich schön Zeit und präsentiert einen mitgenommenen Michael Ironside als Vater von Vickis Freund Craig, der mit den Zukunftsplänen seines Sprößlings nicht richtig einverstanden ist. Auf der anderen Seite plagt sich Vicki mit ihrer christlich fundamentalen Mutter herum, gegen die selbst ihr milde gestimmter Vater nicht ankommt und die auf die Umsetzung ihrer Pläne für die Tochter besteht. Darin kommen ein angedachtes Jahr "rumjobben" und Craig als akzeptierter Freund nicht vor. Dann wäre da noch Jess, die sich mit einer für ihr Alter größeren Katastrophe auseinandersetzen muss. Die Teenie Soap-Momente versuchen die Macher gleichzeitig mit einer Prise Humor aufzupeppen. Schön, dass dieser nicht in flache, pubertäre Zoten verfällt. Schade, dass jeglicher Versuch trotzdem meistens in die Hose geht. Der Witz, sofern vorhanden, will sich in Form leicht inszenierter Szenen in Tradition diverser 80er-Teenie-Kultfilme oder als dauerpräsentes huldigen und zitieren diverser Genrefilme präsentieren. Letzteres schlägt sich auch darin nieder, dass die Figuren Nachnamen bekannter Regisseure (Carpenter, Romero, Browning, Henenlotter etc.) tragen. Das hat ein Jahr zuvor Fred Dekker z. B. in seinem Night Of The Creeps leichtfüßiger und witziger hinbekommen.

Weit interessanter fällt die Mixtur des phantastischen Teils der Geschichte aus. Hier pendelt der Film dauerhaft zwischen Versatzstücken von Der Exorzist, Carrie - Des Satans jüngste Tochter und (besonders) A Nightmare On Elm Street. Wenn der Film die Wege des letzteren beschreitet, bekommt er seine besten Momente hin. Da verwandelt sich die Mensa in ein versifftes wie verstörendes Drecksloch, auf den Gängen der Schule wird Vicki von unbekannten Lederjacken-Rockern bedroht und urplötzlich in eine Tafel hinein gezogen. Das Niveau des Vorbilds erreicht man nicht, durch den dazwischen liegenden Augenmerk auf die weltlichen Probleme der Teenies bekommt Mary Lou niemals die von der Geschichte benötigten Spannungskurve; das Buch bremst sich regelmäßig selbst aus und bald verfällt man in einen ähnlich tödlichen Leerlauf, den auch der Erstling der Reihe besaß. Die solide, aber nicht außergewöhnlich auffallende Ausstattung und Gestaltung des Films beschert ihm dazu eine dezent klinische Atmosphäre, wie sie einige DTV-Produktionen der ausgehenden 80er besaßen. Nur beim Finale schöpft man nochmal aus dem vollen, wenn Mary Lou wortwörtlich der eingenommenen sterblichen Hülle entsteigt. Ein hübscher Effekt wird da geboten, bevor Mary Lou-Darstellerin Lisa Schrage wie einst Sissy Spacek aufräumen darf. Leider hat das Sequel hier schon mehr verloren, als dass es noch mehr Sympathien oder an Qualität gewinnen kann. Mary Lou ist solider, aber ebenfalls schnell wieder vergessener DTV-Massenquark mit wenigen netten Einfällen. Das ist soweit in Ordnung, aber ist von richtig guter Unterhaltung leider ebenso weit entfernt. Löblich ist dafür der eigentliche Versuch der Macher, ein weibliches Gegenstück zu Freddy Krueger aufzubauen. Versuchte Emanzipation im Gebiet der leider selbst heute meist vom männlichen Geschlecht dominierten Gebiet der Horrorfilm-Schreckikonen, die leider ebenso scheiterte wie andere Reihen (Die Sequels zu Sleepaway Camp oder die schon leicht unterbewerteten Night Of The Demons-Filme), die versuchten, einen weiblichen Antagonisten als Kultfigur zu etablieren. Das ist weitaus mehr eine Schande, als der Film Mary Lou selbst.

Prom Night (1980)

Als Prom Night in die Lichtspielhäuser dieser Welt entlassen wurde, befand sich der Slasher noch in den Kinderschuhen. John Carpenters Halloween war gerade mal zwei Jahre alt; Sean S. Cunninghams Freitag der 13. befand sich gerade mal zwei Monate in den Kinos, als Paul Lynchs Films anlief. Ebenfalls 1980 startete der recht hübsche Terror Train aka Monster im Nachtexpress, mit dem der Slasherzug langsam Fahrt aufnahm. Obwohl Prom Night selbst nur in den USA über die Jahre einen gewissen Kultstatus erlangen konnte und er unverkennbar ein früher Versuch, vom Erfolg des Carpenter-Films zu profitieren, ist, schaffte er es auf insgesamt drei Fortsetzungen. 2008 wurde er im allgemeinen Aufpolierwahn der amerikanischen Genrefilmindustrie remaket. Heutzutage kann man den Ursprungsfilm schnell als "einer unter vielen", dem bekannten Cash In abstempeln. Schaut man nochmal auf die Eingangs erwähnte Ausgangssituation, dass Prom Night einer der frühen Slasher ist, erkennt man ihn als Ursprung der kleineren Slasher, die aus zweiter und dritter Reihe nachkamen. Sein Plotverlauf wurde dankend von unzählig vielen Regisseuren angenommen und mit mehr oder weniger Aufwand umgewandelt.

Ein tragischer Unfall bietet den Aufbau für die später folgenden Untaten eines maskierten Meuchlers. Kinder spielen in einem alten und verfallenen Schulgebäude fangen, treiben die ungebetene Spielkameradin Robin in die Enge und verängstigen das Kind so sehr, dass es bei seinem Versuch, den anderen Kindern zu entgehen aus dem Fenster des obersten Stockwerks stürzt und stirbt. Erschrocken vom tragischen Zwischenfall schwören sich Wendy, Nick, Kelly und Jude, nichts vom eigentlichen Hergang der Geschehnisse zu verraten und zu verschwinden. Wenig später wird das tote Mädchen aufgefunden und ein Sexualstraftäter für die Tat behelligt. Sechs Jahre danach sind die damaligen Kids Teens, die vor ihrem Schulabschluss stehen. Parallel dazu entkommt der beschuldigte und verurteilte angebliche Mörder Robins aus der Heilanstalt in der er untergebracht war. Wenig später erhalten die Jugendlichen Drohanrufe eines unbekannten, der unmissverständlich klar stellt, dass er sich für die Ungerechtigkeit von damals rächen will. Ins Kreuzfeuer geraten auch Kim, Nicks Freundin und Schwester der toten Robin sowie ihr Bruder Alex.

Mehr noch in den ausgegangenen 70ern verwurzelt, legt Prom Night ein gemächliches Erzähltempo vor. Man lässt sich Zeit für seine Figuren, die leider sehr stereotyp ausfallen und die gängigen Klischees bedienen. Leider verstreicht auch einige Zeit, bis der Mörder komplett in Erscheinung tritt. Bis dahin konzentriert sich die Geschichte mehr auf das "Wer mit wem?", die Frage der Fragen die das Geschehen vorm bevorstehenden Abschlussball beherrscht. Nick wird von Ex-Freundin Wendy, die sich als durchtriebenes Biest entpuppt, umworben, was ihm einige Probleme mit Kim einbringt. Jude sucht nach einem Begleiter und trifft den schmierigen Slick, während Kim und ihr Freund Drew Probleme im horizontalen Bereich haben. Selten holt man den Thrillerplot in den Vordergrund; der anfängliche Aufbau, nicht uninteressant mit ansprechenden und schnell montierten Szenen der Drohanrufe, lässt auf einen recht interessanten frühen Schlitzerknaller schließen um dann in den Teenie Soap- und Leerlauf-Modus zu schalten. Außer für ein US-Publikum, das mehr Bezug zu den Themen rund um den Abschlussball hat, wird es für den Zuschauer zu einem leichten Kampf, bei der Sache zu bleiben.

Toppen tut das der Film mit einer ausgiebigen Discotanz-Szene, die zugegebenermaßen gut choreographiert ist, aber noch mehr Spaß machen würde, wenn sie außerhalb eines Horrorfilms existieren würde. Eine Stunde ist dort schon vergangen, der Ball längst im Gange und endlich darf auch der Mörder zuschlagen. Dieser ist wie so oft der verlängerte Arm einer konservativen Moral; auch hier werden Heranwachsende kurz nach dem vorehelichen Koitus oder dem Rauchen von Joints umgehend für ihr Vergehen gerichtet. Der verschleppte Storyaufbau bringt der letzten halben Stunde Schwung, lässt sie leider gleichzeitig überhastet, hektisch im abhandeln erscheinen. Das lässt kleine Feinheiten, die Prom Night im Ansatz besitzt, untergehen. Der Mörder mag in seinem Handeln ungelenk, im Kampf mit den Opfern sogar tolpatschig erscheinen, lässt ihn dafür - allein durch seinen bieder wirkenden Auftritt mit einfacher dunkler Kleidung und Sturmmaske - menschlicher und weit weniger als unbezwingbares Phantom erscheinen als seinerzeit schon Michael Myers war. Dazu ist es recht interessant, wie die jungen Leute in ihrer eigenen (Filter)Blase existieren und von der Bedrohung des ausgebrochenen Straftäters scheinbar nichts bemerken. Dieses (wissentliche) Ausblenden eines Handlungsstrangs der Geschichte für gewisse Figuren, der eigentlich nicht unbemerkt sein kann, wurde typisch für B- und C-Slasher und ist mir persönlich nur noch in der erzählerischen Gestaltung von Storylines im Wrestlings bekannt.

Sich den Film damit schönzureden funktioniert leider nicht. Prom Night bietet eine gutklassige 70er-Stimmung, aber ist von einer richtig kurzweiligen Slasher-Unterhaltung weit entfernt. Man benötigt Durchhaltevermögen um sich durch die Handlung zu hangeln. Nächster Schwachpunkt ist Hauptdarstellerin Jamie Lee Curtis, der man hier nur noch bedingt das Teeniemädchen abnimmt. Das lässt die Distanz vom Zuschauer zu ihrer Figur länger bestehen, als es für den Film dienlich ist. Durch dessen schwachen Thriller-Plot erahnt man die Identität des Mörders zudem recht früh. Hinweise werden zwar spärlich gegeben, da Prom Night für solcher Art Filme zur einer Blaupause wurde, ist erfahrenen Zuschauern schnell klar, was Sache ist. Am Ende ist man mit den Protagonisten erleichtert, wenn der ganze Spuk vorbei ist. Wenn man den Film mit einem einzigen Wort beschreiben solle, bleibe ich leider immer bei miefig hängen. In seinem Inneren ist er stark mit den schlechten Eigenschaften kleinerer Filme aus den 70ern behaftet. Eben jener miefigen, muffigen Langsamkeit, die je nach Ausgangslage angenehm oder hinderlich ist. Dafür ist es schön hier Leslie Nielsen einige Jahre vor seinem späten Durchbruch als Lt. Frank Drebbin zu sehen. Kleiner useless fact zum Schluss: dessen ab Die nackte Kanone zu seinem Stammsprecher avancierenden Synchronsprecher Horst Schön hört man hier als Stimme des ermittelnden und dem ausgebrochenen Sexualstraftäter hinterherjagenden Lt. Darryl McBride. Und Frank Glaubrecht (u. a. Al Pacino) ist auch noch mit von der Partie in der dt. Sprachfassung, was dem Film nicht komplett, aber bedingt aus der Patsche hilft und in keinster Weise retten kann.

1. Juni 2018

Humans

Die Autoren von Humans trauten der Schweiz, dem Handlungsort ihrer Geschichte, als Wohnort für den stereotypen Backwood-Hillbilly, wohl selbst nicht über den Weg. Was in den USA durch die dortigen weitläufigen, ausgedehnten Waldgebiete mit ihren unwegsamen Bereichen wunderbar funktioniert, mag im Geiste bei den geläufigen Klischees über das Alpenland zu verschrobene Gedanken führen. Niemand kann sich geistig einfach gestrickte, gewaltsame Lederhosenträger etc. vorstellen, ohne in gewisses Grinsen zu verfallen. Greift man also mal schnell zu irgendwelchen Wissenschaftlern, hier Anthropologen, die natürlich eine unglaubliche Entdeckung gemacht haben. In diesem Fall Menschenfeind Philippe Nahon als Professor Schneider, welcher Fragmente eines Neandertalerschädels findet, die sich von den bisherigen Funden unterscheiden. Sind sie ein fehlendes Glied zwischen dem Urmenschen und dem Homo Sapiens? Um dieser Frage nachzugehen, begibt er sich mit der Doktorandin Nadia und seinem Sohn Thomas in die Schweiz, um endlich seine von Kollegen belächelte Theorie des viel später als angenommen ausgestorbenen Urmenschen zu beweisen.

Dort angekommen, will man sich auf den Weg in ein schwer zugängliches Tal machen, nimmt eine liegengebliebene Touristenfamilie auf und muss nach einem durch einen Steinschlag herbeigeführten Umweg unliebsam durch einen Unfall kopfüber hinab in eine Schlucht stürzen. Die überlebenden kämpfen dort fortan ums Überleben und merken, dass nicht nur die Natur, sondern auch noch jemand anderes ihr größter Feind ist. Dieser wird vom Drehbuch lange zurückgehalten, angedeutet um dann mit genügend Momentum den gewünschten Story-Impact zu erzeugen. Richtig zünden mag er nicht. Die Thematik, die gestreuten Hinweise: sie sind einfach zu durchschauen. Bis dahin versucht sich das Regie-Duo Jacques-Olivier Molon und Pierre-Olivier Thevenin, die zuvor (und danach) vornehmlich Special Effect- und Make Up-Künstler bei Filmproduktionen waren, ihren Film als französische Variante von John Boormans Beim Sterben ist jeder der Erste zu präsentieren. Die nett eingefangenen Schweizer Landschaften schaffen es nicht, durch die auf Imposanz abzielende Fotografie, eine Bedrohung auszustrahlen. Das aufpolierte Filmbild, auf digitalem Material gedreht, gestochen scharf und nicht nachbearbeitet, trägt weiter dazu bei, das alles eher wie eine Fernsehdoku über die Flora und Fauna entlegener Alpengebiete wirkt.

So kämpft sich das übrig gebliebene Forscherteam, welches einen Verlust hinnehmen musste, mit den Touristen durch saftig grüne Wiesen auf steinig-steilem Gebiet, in Brauntönen getauchte Wälder, deren geringes Licht auch nicht mehr Atmosphäre schaffen kann und durch einen reißenden Strom. Dies ist eine der wenigen wirklich spannenden Szenen. Der Rest davor und danach ist bemüht, gängige Survival-Horror-Muster in die für den Stoff zugegeben ungewöhnliche Location zu bringen. Von Eigenständigkeit fehlt leider jede Spur. Dynamik und Eigenständigkeit leider auch. Thevenin und Molon können zu keiner Zeit ein eigenes Profil erzeugen. Sie verwalten viel mehr die Geschichte des Films um sie nach eben jenen Mustern und Formeln in digitale Bilder umzuwandeln. Man orientiert sich, einem Leitfaden gleich, durch eine in vielerlei Hinsicht arme Geschichte. Nach der zu erahnenden Präsentation des eigentlichen Feindes der zusammengewürfelten Gruppe, stürzt die letzte, erhaltene Restspannung ebenfalls ab und ist nicht mehr aufzufinden. Die schon zuvor auffälligen Story- und Logiklücken werden nicht mal im Ansatz versuchend mit Action übertüncht. Humans hält sich selbst in geplanten Spannungsszenen zu stark zurück, nervt bald mit den krampfig wirkenden Konflikten in der Familie und der Gruppe und wird mit jeder Minute anstrengender.

Der Gipfel ist erreicht, als ein einfach voraus zu ahnender Twist präsentiert wird, der mit einem aberwitzigen zweiten Twist übertrumpft wird. Letzterer zieht die zuvor angestrengt aufgebaute Geschichte ins lächerliche und bietet eine Szene, die mit Klischee-"Ureinwohnern" der Schweiz, in Schwyzerdütsch gesprochen, jede Ernsthaftigkeit vermissen lässt und wie eine schlechte Heimatfilmversion bekannter Backwood-Horror-Vorbilder á la The Hills Have Eyes etc. wirkt. Das nun die vormals angestrengt etablierten Feinde in die Operrolle switchen, man ein wohl aufwühlend chaotisch gemeintes Finale herunterspult, welches so grob wie die Figuren vor der Kamera agiert, auftischt, verstärkt den ärgerlichen Gesamteindruck des Films. Das Regie-Duo scheint überfordert mit dem Stoff zu sein, vertraut ganz auf die steife Orientierung an den (über)großen Vorbildern und kann in seiner Profillosigkeit nicht mal Fans mit weit nach unten gelegten Erwartungen hinter den Ofen hervorlocken. Selbst dann nicht, wenn manchmal doch gut ausgeleuchtete, atmosphärische Szenen erzeugt werden oder die gute Maskenarbeit auffällt. Zwei Elemente, die nicht gegen den unterdurchschnittlichen Rest ankämpfen können. So schnell, wie die Gruppe sich in der Schlucht wieder findet, fällt Humans in die Vergessenheit zurück. Hier verwirft man selbst sehr schnell den aufkeimenden Gedanken, dass man einige Elemente der Story als Metapher auf Xenophobie sehen könnte. Das gibt die krampfige, ideenlose Geschichte und Inszenierung einfach nicht her.

31. Mai 2018

Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe

Copy & Paste. Das italienische Genrekino lebt(e) seit Jahrzehnten vom schamlosen kopieren, einfügen und remixen. Auch Dario Argento. Der zuvor als Drehbuchautor in Erscheinung getretene Regisseur orientiert sich in seinem Debüt Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe klar an Vorbildern. Der Unterschied zu seinen Kollegen ist, dass es hier mit Respekt geschieht. Orientierte sich der Giallo in den 60ern, seit Mario Bavas das Subgenre begründende Filmen La ragazza che sapove troppo (aka The Girl Who Knew Too Much) und Blutige Seide, am manches Mal arg gemächlichen britischen und deutschen Krimi, steht Argento für den italienischen Thriller Anfang der 70er für den Aufbruch zu neuen Ufern. Er entstaubt den Giallo, frischt ihn auf, fügt ihm Elemente hinzu, die sich in unzähligen folgenden Werken wiederfinden. Mit seinem Debüt legt Argento eine Blaupause vor, an der sich nachfolgende Regisseure mit ihren Werken orientieren.

"This italian fellow is starting to make me nervous." - Die Worte von Alfred Hitchcock, nachdem er Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe sah. Kennt man die Filme des Master of Suspense, ist der Einfluss dessen auf Argento bei seinem Erstlingswerk unübersehbar. Die Geschichte bietet schon das erste für den Briten typische Motiv, das ein vollkommen unbehelligter, unschuldiger Mensch urplötzlich in einen Kriminalfall hineingezogen wird. Bei Argento ist das Sam Dalmas, ein in Rom Urlaub machender Autor, der Nachts bei einem Spaziergang Zeuge eines versuchten Mordes an der Galeristengattin Monica Ranieri wird. Durch sein versuchtes Eingreifen verhindert er diesen so, dass die schwer verletzte Frau überlebt und versucht fortan, die Polizei und den ermittelnden Kommissaren Morosini bei der Lösung des Falls zu helfen. Er stößt auf eine zuerst zusammenhanglos erscheinende Serie von Morden an jungen Frauen und ein geheimnisvolles Bild, welches etwas mit diesen zu tun haben scheint. Der Mörder bekommt Wind von der Sache und versucht fortan, Sam und seiner Freundin Giulia nach dem Leben zu trachten.

Violence and sexy suspense. Der Kern, die Grundformel und -aussage des (traditionell ausgerichteten) Giallo, welche dessen unbändigen Willen nach Stilisierung von Mord und Sex mit diesem Film festgelegt wurde. Hintergründig wird sie von Argento definiert und in wenigen Szenen angewandt. Der gesellschaftliche Wandel, der Einfluss der friedlichen Protestbewegungen seit 1968, schlägt sich merklich ab diesem Jahr auch in der Popkultur nieder. Das triviale Kino selbst wird ebenfalls von den auf ihm lastenden dicken Staubschichten letzter, überholten Moralvorstellungen befreit. Sex und Gewalt drängen aus dem Untergrund, dessen mehr oder minder halbprofessionellen Low Budget-Werken, hervor; das katholische Italien befreit sich auch mit Hilfe solcher Filmemacher wie Argento von einer Fessel der Zensur. Wie bei Hitchcock erhalten einfache Krimigeschichten einen psychologischen Unterbau. Weniger mit der Tiefe des Engländers verbunden. Italienische Filmemacher orientieren sich an den dem Subgenre seine Bezeichnung schenkende Groschenromankrimis mit seinen gelben Einbänden. Sie setzen die psychosexualisierten Motive der Täter spekulativ ein. Argento hält sich in Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe weitgehend zurück, lässt den Morden an weiteren Opfern des unbekannten Täters einiges an Raum und inszeniert eine Tötung wie eine stilisierte Vergewaltigung.

Wie bei Hitchcock ist das gezeigte Bild der Frau auch bei Argento nicht das allerbeste. Eine Feindlichkeit gegenüber dem Geschlecht, wie sie dem Italiener damals vorgeworfen wurde, kann man ihm nicht komplett abstreiten. Der Film wirkt manchmal wie das Abbild einer leichten Angst vor stark wirkenden Frauen. Ihnen wird mit dem Protagonisten das typische Bild des markanten Mannes entgegengestellt; kantig, ein guter Job für Darsteller Tony Musante. Ein, wie man sagt, damals schwieriger Geselle. Infolgedessen ist er nicht nur Hobbyermittler. Er ist auch Held für seine Freundin, der schützenswerten Frauenfigur, die den Killer, das wortwörtlich schwarze Phantom, stärker als Bedrohung etabliert. Dazwischen spielt Argento mit Wahrnehmung und Erinnerung. Motive, die er in seinem Profondo Rosso etabliert. Es ist nicht nur die vage Annahme des Kommissaren, dass Salmas vielleicht was mit dem versuchten Mord an Ranieri zu tun hat. Der Autor jagt den Mörder und dieses eine Detail, das fehlende Puzzlestück, mit dem er alle Indizien verbinden kann. Once again: Hitchcock.

Und was macht der deutsche Verleih daraus? Bryan Edgar Wallace. Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe wurde als Verfilmung eines Stoffs des Wallace-Sohnes vermarktet, der eigentlich mehr mit Spionagegeschichten unterwegs war und dessen Werke man im Zuge der Edgar Wallace-Filmreihe versuchte, ebenfalls im Kino zu etablieren. Was macht die deutsche Synchro daraus? eine gutklassige, zu Beginn leicht besorgniserregende Synchronisation, wenn Rainer Brandt auf Tony Musante arg flapsig um die Ecke stapft. Die Sorge wird groß, dass, wie andere Werke des Sprechers und Dialogbuchautoren, die deutsche Sprachversion arg kalauernd ausfällt. Es hält sich in Grenzen. Ausgerechnet die obskuren Nebenfiguren werden hierdurch in ihren Eigenschaften verstärkt. Na servus! Was macht aber nun Argento aus dem Film? Es ist mehr als eine Fingerübung, obwohl, und da liegt eine Schwäche, Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe unentschlossen wirkt. Das, was der Giallo in späteren Jahren bietet, ist da: die stilisierten Mordszenen, hier noch nicht so groß ausgedehnt; eine ansprechende Fotografie, weit weg von späteren Verspieltheiten des Regisseurs, wie sie z. B. Profondo Rosso bietet. Ein tief verwurzeltes Trauma, das den Mörder den Antrieb für seine Taten bietet.

Argento sucht mit diesem Film seinen Weg, zeigt aber dem Kenner seiner späteren Werke deutlich, in welche Richtung es noch gehen sollte. Den Suspense eines Hitchcocks erreicht er nur selten. Die spannendsten Szenen werden von klassischen Spannungsszenen des Krimis, teils sogar am gothischen Horror orientiert, beeinflusst. Nebelschwaden wabern durch die dunkle Stadt, in Hut und Mantel gehüllte Polizisten erscheinen wie mögliche Meuchelmörder in einer nächtlichen Stadt, die in ihrer Ausleuchtung an den Film Noir erinnert. Die Orientierungslosigkeit, das Suchen nach der filmischen Identität Argentos hält den Film manchmal auf. Man merkt, dass er sich noch ausprobieren will. Was der Italiener hier schon gefunden hat, ist das Talent für spannende Sequenzen, die hier durch einen experimentellen, dissonanten Score von Ennio Morricone verstärkt werden. In vielerlei Hinsicht ist Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe ein Übungsfilm, der dafür sehr gelungen ausgefallen ist. Wenige schaffen zudem, für ein Subgenre eine Blaupause, beinahe ein Regelwerk aufzustellen. Argento gelingt es und trotz der starken Orientierung an Hitchcock blitzt hier schon seine eigene Handschrift auf, die er spätestens Mitte der 70er perfektionierte. Es ist ein toller, aufregender Startschuss für die Hochphase des Giallo mit minimalen Schwächen.

23. Mai 2018

Cargo (2017, Netflix)

Der Raubbau am Planeten schreitet voran. Der Mensch stemmt sich mit internationalen Abkommen, erneuerbaren Energien, einem neuen Bewusstsein für den Lebensraum und seine Natur dagegen und beutet ihn im Gegenzug weiter aus. Wälder werden gerodet, die Erderwärmung um einige Grad hochgeballert, obwohl man sie senken will und Rohstoffe werden durch Methoden wie Fracking rücksichtslos gefördert, abgebaut - bis nichts mehr übrig ist. Inmitten des australischen Buschs steht in Cargo eine Frackinganlage als stummes Mahnmal für die katastrophale Entwicklungen, mit der die Menschheit im neuesten, potenziellen Netflix-Hit konfrontiert wird. Es wird nicht direkt benannt, der Förderturm wird nur von der Kamera mit einem fast vorwurfsvollen Blick eingefangen. Umweltschützer kritisieren schon lange auf Grund des mit dem Prozess verbundenen Chemikalieneinsatzes die Vergiftung des Grundwassers. Yolanda Ramke und ihr Regiepartner Ben Howling spinnen daraus ein maximales Katastrophen- und Horrorszenario.

Dieses entfalten die beiden Filmemacher langsam. Es deutet zu Beginn wenig darauf hin, dass Kay, ihr Mann Andy und deren einjährige Tochter Rosie sich auf einer ungewissen Reise, einer Flucht vor einer unsichtbaren Bedrohung sind. Ihr langsam auf dem Fluss treibendes Hausboot, die hübsch eingefangene Landschaft: eher sieht es wie ein neu begonnenes Aussteigerleben aus. Erst mit der Zeit offenbart die Geschichte, dass die Menschheit von einem aggressiven Virus ausgemerzt wurde. Wenige Überlebende versuchen sich im unwirtlichen Land zurechtzufinden; die kleine Familie ist auf dem Weg, einen letzten Rest Zivilisation zu finden. Zuerst stoßen sie auf eine gekenterte Yacht, die Andy erfolgreich nach neuem Proviant plündert. Kurze Zeit später macht sich seine Frau Kay eigenmächtig ebenfalls zur Yacht auf um nach weiteren, brauchbaren Dingen zu suchen. Was sie findet, ist der Tod: sie wird von etwas angefallen, mit dem Virus angesteckt. Die Anleitungen in den Notfallpacks, welche die australische Regierung verteilt hat, sprechen von 48 Stunden bis zum eintretenden Tod, der nur einen Übergang zum Dasein als Untoten darstellt. In seiner Verzweiflung versucht Andy, ein Krankenhaus, eine Auffangstation zu finden, in der man Kay behandeln kann. Auf dem angetretenen Landweg kommt es zu einem Unfall in dem Andy von seiner Frau gebissen wird. Ebenfalls infiziert, versucht er vor seinem eintretenden Ableben ein neues Heim für seine Tochter zu finden. Auf seinem Weg trifft er auf das Aborigine-Mädchen Thoomie sowie den zwielichtigen Vic und seine Partnerin Lorraine.

Andy trägt dabei nicht bloß seine Tochter auf dem Rücken. Rosie steht gleichzeitig für eine ganze Generation, neu, die wach und aufgeklärt durch die Fehler der vorhergehenden Generationen sein wird. Es sind nicht unbedingt die Fehler ihrer Eltern. Andy und Kay erscheinen progressiv und alternativ; im einfachen Bürgertum verwurzelt, aber mit aufmerksamen Auge ausgestattet. Sie werden selbst das Opfer ihrer Jahrgangsgenossen und der Älteren. Derer, die ihren Blick vor den drohenden Konsequenzen ihres Handelns verschließen. Mit Vic begegnet Andy einem Vertreter dieser Menschen. Er ist der klassische Antagonist, den eine Zombiegeschichte braucht, schon seit Romeros Night Of The Living Dead, um einen Gegenpol zu den Hauptfiguren zu schaffen. Ein Arschloch wie er im Regelbuch steht. Vic ist eines der wenigen Zugeständnisse Ramkes und Howlings an die Formeln des Subgenres selbst, welches sie mit Cargo streifen. Dessen Grundstrukturen übertragen sie in einen Horrorfilm, der seinen Schrecken aus dem Drama um die kleine Familie zieht und weniger von den vorhandenen, geschickt in der Geschichte eingesetzten Untoten oder den dafür verantwortlichen Virus. "Endlich!" möchte man dem Film zujubeln, wenn die wandelnden Leichname einmal nicht die heimlichen Stars sind und deren unstillbarer Hunger für ausgiebig zelebrierte Fressorgien sorgt.

Es gibt sie einmal; die Regisseure schneiden sie nur an, lassen sie beiläufig geschehen. Ihr eigentlicher Fokus liegt auf diese verzweifelte Rettung der Familie, der nachwachsenden Generation inmitten einer postapokalyptischen Restwelt. Einmal mehr beweist Australien dabei, wie gut seine Landschaften, die ein ständiges Oxymoron wunderschön fremdartiger Verwüstung in der Natur bilden, als Handlungsort für solche Szenarien funktionieren. Cargo zieht daraus eine einzigartig schöne Atmosphäre. Verstärkt wird sie in der zweiten Hälfte, wenn die Geschichte sich Thoomie und deren Familie zuwendet. Die angeschnittene Aborigine-Mythik wird gut mit der Erzählung verwoben; das Finale lässt den Film zu einem einzigartigen Ethnohorrorzombiedrama heranwachsen, dessen Faszination weniger von den (zugegeben herrlich ekligen) Effekten, sondern der leicht entrückten Stimmung herrührt. Sie schwankt zwischen Verzweiflung, die der Hoffnung weicht. Ramke und Howling legen diese auf zwei Ebenen: für den Protagonisten auf seiner Mission, die Zeit immer im Nacken und der Menschheit selbst. Man spart sich das Happy End bis zum allerletzten Moment auf und erzeugt gleichzeitig einen schmerzlichen Moment. Jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Nicht zuletzt, weil Thoomie und Andy, die zuerst eine reine Zweckgemeinschaft bilden, zueinander finden und irgendwie auch als Vermittler zwischen den Weißen und den Aborigines fungieren und Differenzen zwischen den Völkern ausradieren.

Cargo ist ein Horrorfilm, der die Natur - once again - zurückschlagen lässt; zeigt, dass die Rücksichtslosigkeit gegenüber unseres Planeten sich früher oder später rächen wird und inmitten seines aufgebauten Szenarios und dessen auswegloser Grundstimmung positive Vibes versprühen möchte. Es gelingt. Jederzeit im Subgenre verwurzelt und weit weniger mit Arthouse-Elementen bestückt wie es irgendwann wirkt, bringen die zwei Regisseure eine wunderbare Botschaft mit auf den Weg. Anders als im US-Horrorfilm, der die Familie final die Bedrohung besiegen lässt, wirkt Cargo weniger kitschig. Die Entwicklung der Handlung bleibt nachvollziehbar. Das ist weit mehr emotional als die meisten positiven Enden der letzten Jahre im US-Genrefilm. Cargo hält sich zurück; lässt den sich aufbauenden Gefühlen genug Raum und ist letztendlich ein Film über Aufopferung. Gegenüber geliebter Menschen, der Familie, den Kindern um diesen eine gute, lebenswerte Zukunft zu bieten, so schlecht diese in Anbetracht der Gegenwart erscheint. Auch der US-Horrorfilm stellt Kinder häufig als schützenswert dar, schafft es aber nicht immer, hier vollkommen ohne Schmalz und Kitsch auszukommen. Andys Opfer, seine Tochter bis zu seinem Ende sicher behütet zu wissen, ist vielleicht sogar der emotionalste Moment in einem Horrorfilm sein langem. Hätten sich Ramke und Howling im narrativen Aufbau und mehr von Genrekonventionen wegbewegt, sich nicht komplett der Stimmung unterworfen, sondern manchmal mehr der Spannung zugewandt, wäre Cargo noch großartiger als er schon ist. Das ist nach The Dead, der noch weitaus mehr die typischen Zombiefilmformeln nutzt, der beste Film des Subgenres seit Jahren.