Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Samstag, 6. Juli 2019

Rotten Potatoes oder: Allesglotzer als kleines Heim für den deutschen Genrefilm

Es begann nach den Aufnahmen zum Podcast zu Eiskalte Typen auf heißen Öfen bei Bahnhofskino. Patrick Lohmeier und ich sinnierten noch über den italienischen Polizei- und Genrefilm und überlegten dabei, über welche Art von Film man sich in der Zukunft noch gemeinsam austauschen könne. Patrick kam im Verlauf des Gesprächs auf den deutschen Genre- bzw. Horrorfilm; nicht uninteressiert, aber leicht verhalten nahm ich die Idee gerne auf. Einige Wochen später schlug ich ihm vor, dass wir uns liebend gerne über Robert Sigls Debüt Laurin unterhalten können. Ich stieß damit auf offene Ohren, war Patrick der Film doch im Gegensatz zu mir schon bekannt.

Mit Patricks Erwähnung des deutschen Genrefilms und dem durch eine Besprechung in der Deadline entdeckten Clan der Brandl-Geschwister mit ihrer unabhängigen Low-/No Budget-Filmschmiede wurde meine Neugier auf deutschen Film abseits der vielerorts wahrgenommenen dominierenden Mainstream-Komödien oder kopflastigen Autorenstücke täglich größer. Deutscher Film war und ist weit mehr als das, was (selbsternannte) Filmexperten der hiesigen Lichtspiellandschaft in Foren und andernorts diesem vorwerfen. Genrekino wurde durch solch heute noch gewichtige und allseits bekannten Filme wie Murnaus Nosferatu, Langs Metropolis oder Boese und Wegeners Der Golem wie er in die Welt kam geschaffen und geprägt.

Für gemeinsame Filmabende mit Freunde wurden die ersten Filme aus der Brandl-Schmiede ins Heim geholt und selbst das lang verstorben geglaubte Interesse am deutschen Amateur-(Horror)Film wurde dadurch wiedergeboren. Ich sage selbst von mir, dass ich im Bereich des Films leider mit Interessen-ADHS gestraft bin und ein bestimmtes Werk sehr schnell mein Interesse für eine bestimmte Spielart des Films wecken kann, die ebenso rasch von einem anderen Genre abgelöst werden kann. Das Interesse und die Neugier auf das "exotische" deutsche Genre-Kino schlummerte immer in mir und letztendlich gab Patricks Vorschlag die Initialzündung für eine unregelmäßige Rubrik hier bei Allesglotzer.

Unter dem Label Rotten Potatoes werde ich mich hier keineswegs als Experte für Gemüseanbau im eigenen Garten versuchen, sondern mehr dem deutschen Genrefilm ein kleines Heim hier im Blog geben. Der Fokus liegt natürlich auf Besprechungen der Filme, bei denen ich auch vor "Wald- und Wiesenhorror" aus dem Amateurlager keinen Halt mache. Man sollte nicht erwarten, dass ich mir mit Filmen von Andreas Schnaas, Jochen Taubert oder Heiko Fipper die Gehirnzellen abschieße (ich kenne die drei genannten Herren nicht persönlich und sie können natürlich nette Zeitgenossen sein, gegen ihre Werke hege ich allerdings eine zu starke, persönliche Aversion, als das ich sie mir tatsächlich für eine Besprechung bei Allesglotzer anschauen werde), aber selbst dort gibt es viel obskures oder spannendes zu entdecken.

Abgerundet soll dies mit Betrachtungen, Meinungsbildern und - sofern möglich - auch Interviews mit den Machern werden. All das ist noch Zukunftsmusik und ich weiß selbst, dass es von meiner spärlichen Freizeit einiges von dieser fressen dürfte; die Lust dazu und der Wille, sowas umzusetzen, ist definitiv vorhanden. Für manches brauche ich nur eben etwas länger. Neben Patrick Lohmeier als Zünder der Funken für diese Idee geht der Dank hier auch an Sascha - einem meiner besten Freunde - der dieser Rubrik ihren Namen schenkte. Das deutsche Klischeegemüse Kartoffel auf Englisch faulen zu lassen, was ein ebenfalls gern genutztes Wort für "irgendwas mit Horror" ist, zu verbinden und dazu gleichzeitig ein Wortspiel mit Rotten Tomatoes hinzulegen, war für mich im zermarternd nervigen Namensfindungsprozess irgendwie zu einfach. Es mag sehr simpel, für einige zu bekloppt erscheinen: aber es ist auch ein sehr griffiger Name für diese neue Rubrik.

Selbstverständlich wird auch weiterhin Genrekino aus anderen Ländern hier im Blog ein Zuhause haben. Das mein Fokus meist in der Phantastik bleibt, obwohl ich bei Twitter häufiger bekunde und auch mit den Bildern zu den Sammlungsupdates zeige, dass ich keineswegs nur an sowas interessiert bin, dürfte damit zusammenhängen, dass meine erste Begegnung mit dem Medium Film eben der Horrorfilm war und meine große Liebe zum Kino bzw. Film damit begann. Vielleicht schaffe ich es sogar mal häufiger, andere cineastische Leidenschaften wie die Nouvelle Vague oder Bollywood, was auch den Blognamen mehr rechtfertigen würde, hier einzubringen. Zuerst möchte ich aber gerne für euch in unregelmäßigen Abständen ein paar hiesige, besonders schöne (und faulige) Filme ausbuddeln. Stay tuned for more, die ersten drei Texte liegen schon in der virtuellen Schublade...

Mittwoch, 19. Juni 2019

V/H/S: Viral

Man kann den Zusatz im Titel des dritten Teil der Found Footage-Anthologie V/H/S als Superlativ, absolute Steigerung des bisherigen ansehen. Nachdem der zweite Teil S-VHS (ebenfalls im Blog besprochen) auf gleichnamiges Format, welches technisch im Vergleich zur herkömmlichen VHS dank verbesserter Technologie fortgeschrittener war, abzielte, verbreiten sich die Schockersschnappschüsse im Videoformat in Teil Drei viral über den ganzen Globus. Die Protagonisten der einzelnen Segmente zielen darauf ab, dass ihre via Video aufgenommenen Momentaufnahmen, die gleichzeitig sichtbar ihre Sehnsucht nach dem die Langeweile durchbrechenden Spektakel wiedergibt, durch dieses die laut Warhol jedem zustehenden 15 Minutes of Fame einbringen sollen. Die knapp bemessene Viertelstunde verkommt durch das Internet zu einem Augenblick und einem kleinen Anflug von Popularität, die trotz der Fähigkeit des Webs, nichts zu vergessen, im Pool der Abermillionen von Fame Seekern schnell unterzugehen droht.

Sich dem Verhalten der User im Web unterwerfend, ist V/H/S: Viral mehr Collage von abgeschlossenen Geschichten, welche die übergreifende Erzählung weg von der für Anthologien meist üblichen Rahmenhandlung bringt, sondern diese unterbrechen. Sinnbild für den Klick, das Skippen zum nächsten Video der von ihrer Langeweile unter Druck gesetzten Nutzer, auf der Suche nach dem nächsten visuellen Kick. Der stumpfe, aber sinnige Übergang in den Vorgängern, in denen mit dem Wechsel eines Videos die nächste Geschichte eingeläutet wird, entfällt. Was selbst durch eigenes Verhalten vertraut erscheint, wenn man bei bekannten Videoportalen sich vom Flow seiner instinktgesteuerten Interessen treiben lässt, ist filmisch ein ungelenker Bruch. Beibehaltene Stilmittel wie beim analogen Material bekannte Störungen im Bildlauf erweisen sich für Teil Drei als kontraproduktiv. Sie bleiben stilistisches Merkmal, wiederkehrender Artstyle, welcher diesen Beitrag visuell mit beiden Vorgängern verbinden soll.

Weiter bricht man mit dem Found Footage-Stil: schon der erste Beitrag über einen Zauberer, der durch einen Umhang, welcher dem legendären Harry Houdini gehört haben soll, zu Ruhm erlangt, wird als Mockumentary erzählt. Die hier präsentierten Ideen, flott erzählt und mit einem trashigen Charakter von gescriptet anmutenden US-Doku-Formaten versehen, bieten einen vorhersehbaren, aber netten Einstieg. Unnötig sind hier die Einschübe aus alternativem Material - meist privaten Aufnahmen der Protagonisten - die dem Zuschauer eine alternative Perspektive der gezeigten Ereignisse zeigen wollen und die Wirkung der Story merklich schwächen. Als würde man der Generation Klick und Weg die Fähigkeit zum Kopfkino und Fantasie fast gänzlich absprechen. V/H/S: Viral bringt den treffenden Vibe viraler Internet-Phänomene mit sich, die bei allem Spektakel schwerlich länger im Gedächtnis hängen bleiben. Weniger um die in der Netzwelt geborenen Belanglosigkeiten hervorzuheben, sondern eher, weil jedes weitere Sequel in Franchises ein Stück mehr vergessenswertes Junk Food für die Sinne wird.

Einzig Nacho Vigalondos Beitrag über einen Wissenschaftler, dem es gelingt, ein Tor zu einem Paralleluniversum zu öffnen und mit seinem dort lebenden Doppelgänger die Plätze tauscht, sticht durch seine Cronenberg'sche Tonalität hervor. Mit viel Sinn für das richtige Timing schafft es der spanische Filmemacher minütlich die anfänglich greifbar eigentümliche Atmosphäre zu einem ewig andauernden WTF-Moment zu steigern. Die darin lesbaren Verurteilungen Vigalondos von in der Ehe übergriffigen Männern, deren sexuellen Machtgefühle und gleichzeitige Angst vor dem weiblichen Geschlecht spaßig übertrieben (und wortwörtlich) monströs dargestellt werden, lassen sein Videofragment abgeschlossener als das Franchise übergreifend viele andere Kurzgeschichten der Reihe erscheinen. Einzig das bitterböse Ende büßt Wirkung ein; es bleibt zu erwartbar. Sinn- wie den Zuschauer ratlos zurücklassend bleiben die Rahmengeschichte um den auf einen viralen Hit hoffenden Amateurfilmer Kevin sowie der Beitrag der The Endless-Regisseure Justin Benson und Aaron Moorhead.

Deren Bonestorm hab ich für mich in erster Unentschlossenheit über ein finales Urteil über die Episode in Tombs Of The Skating Dead umbenannt. Die dort auftauchenden, lebendigen Skelette erinnern weitgehend an die untoten Geschöpfe aus Amando de Ossorios Die Nacht der reitenden Leichen und terrorisieren glücklose wie nervige Skateboard-Kids, die während eines Trips nach Tijuana endlich ihre Vision eines coolen Skateboard-Videos umsetzen wollen. Die gelangweilte Stimmung der Kids ist das Beste und greifbarste, was das Regie-Duo in ihrem ansonsten eher als Effekt-Demo durchgehenden Beitrag abliefern. Weitaus abstruser gestaltet sich die übergeordnete Geschichte um Kevin und seiner Hatz nach einem Amok fahrenden Eiswagen, welchen er nach der Entführung seiner Freundin Iris in diesem unnachgiebig verfolgt. Der Bruch mit linearen Erzählmustern und die Aneinanderreihung verschiedener Bildmaterialien, welche die Syntax des Found Footage-Subgenres ignoriert und nur dessen Stilistik übernimmt und der unglückliche Umstand, dass sie ohne sichtbaren Übergang von den einzelnen Kurzgeschichten unterbrochen wird, lässt sie zu aufgeblähtem Horror 2.0 werden.

Künstlerische Ambitionen verkümmern. V/H/S: Viral bleibt emotional künstlich. Iris, die Kevin zum Schluss auf der aus den ersten beiden Teilen bekannten Fernsehgerät-Installation erscheint, schmettert ihrem Liebsten im Loop Go Viral entgegen, während er wie der Zuschauer fassungslos dem sinnentleerten Horror entgegenblickt. Es bleibt festzustellen, dass alle Werke des Franchises einiges an Potenzial mitbringen und ihr offener, experimenteller Charakter mehr als löblich ist. Öfter sang' ich in der Vergangenheit im Bezug auf die US-Indie-Horrorszene ein Loblied auf die neuen, schrägen, mutigen Blickwinkel, welche die darin ihr Unwesen treibenden jungen Köpfe auf das Genre haben. Sicherlich mag nie alles komplett passen, was ich bei V/H/S sogar sehr charmant fand. Leider bleibt bei mir das Gefühl, dass die komplette Reihe leider manchmal genauso sinnlos durch den Ideenstrom seiner Macher wabert wie ein Teil seiner Zielgruppe täglich durch die Social Media-Kanäle. Viele interessante Einfälle wurden darin über die Jahre präsentiert und es bleibt jetzt schon spannend, ob die Langzeitwirkung des Mumblegores die der viralen Web-Phänomente überdauert.

Freitag, 14. Juni 2019

S-VHS

Im Kern ähnelt S-VHS seinem Vorgänger V/H/S (hier besprochen) sehr: abgesehen von den für Episodenfilme meist üblichen, qualitativen Schwankungen bei den einzelnen Geschichten, erscheinen diese auch im Sequel manchmal als wildes drauflos gefilme ohne größeren Plan. Teils gar nicht so uninteressante Gedankenspiele entwickeln sich im Found Footage-Stil des Films zu nicht ausgearbeiteten, skizzierten Erzählungen. Verwackelte, gefilmte Treatments sozusagen. Dafür bleibt man dem ungeschriebenen Gesetz der Fortsetzungen treu und versucht, noch einen drauf zu setzten. Das negative voraus geschickt, funktionieren die unsauberen, nicht ausgestalteten Geschichten weniger gut als im ersten Teil. Bestes und traurigstes Beispiel ist die Entführung von Außerirdischen, welche die Pyjamaparty von einigen Kids sprengen. Der dortige Terror der extraterrestrischen Besucher ist eine chaotische und stressige Ansammlung an Geschrei, Übergriffen der Aliens und der Flucht vor diesen.

Jason Eiseners Beitrag ähnelt einem planlosen Amateur-Video, in dem alle als cool empfundenen Ideen hintereinander gereiht und ohne Rücksicht auf Verluste im Hardcore-Modus runtergenudelt wurden. Übersetzt man super aus dem Lateinischen, so bedeutet das Wort über. Der selbsternannte Auftrag der Macher und des Endprodukts, dem Zuschauer gesteigerten Horror im Vergleich zu Teil Eins und überdrehte Storys zu präsentieren, lässt auf den Titel des Films blickend eine Meta-Ebene entstehen. Höher, schneller, weiter. Weil ein Sequel sowas tun muss. Ironie bei Eiseners Episode: sie erinnert daran, wodurch das Format S-VHS am bekanntesten wurde: als ein bei Amateur- und semiprofessionellen Filmen beliebtes System. So stumpf wie deren Elaborate - gemessen am Output älterer Amateur-Filme aus hiesigen Gefilden - manchmal waren, überrascht es wenig, dass eine der spaßigsten Episoden uns eine via GoPro gefilmte Zombie-Apokalypse präsentiert, in die ein Fahrradfahrer hineinschlittert, von Untoten angefallen und letztendlich zu einem wird.

Der Zombie-Film aus der Ego-Perspektive nutzt die Einfachheit des Subgenres der Untotenfilme um gleichzeitig spannend und rasant die Verbreitung einer Zombieseuche zu zeigen. Hier nutzt S-VHS die um Authentizität bemühte Syntax der Found Footage-Stilistik fast perfekt. Weniger ist mehr: die minimalistische Geschichte ohne Schnörkel packt den Zuschauer besser als die beispielsweise mit einer guten Idee auskommenden erste Episode über ein implantiertes künstliches Auge mit Kamera, womit dessen Besitzer plötzlich tote Menschen wahrnehmen kann. Die heutzutage an Black Mirror erinnernde Idee bleibt interessant; die Ausarbeitung hingegen verkommt schnell zu generischem Geisterhorror zwischen The Sixth Sense 2.0 und stylischem Indie-Horror. Hier wie in der besten Episode über ein Kamerateam, welches über eine seltsame Weltuntergangs-Sekte eine Dokumentation drehen möchte wirkt S-VHS trotz seines Found Footage-Stils manchmal weniger wie zufällig oder gewollt mitgefilmtes Amateurmaterial, welches einem Horror bringen soll sondern mehr nach mit diesem Stil arbeitender Film.

Gegenschnitte aus zwei verschiedenen Videoquellen mögen zwar die Narration der Geschichte besser voran treiben, stehen der strengen Auslegung der gewählten Stilistik nach eher in Tradition von konventionell erzählen Filmen und sind kontraproduktiv, um die angebliche Echtheit des Materials wirken zu lassen. Man könnte S-VHS more of all als Untertitel andichten. Der Wille, mehr von allem zu bieten, lässt das Vergnügen im Gegensatz zum ebenfalls nicht perfekten, aber gesamt gesehen besseren Vorgänger schmälern. Die Geschichten um den Biker und die Sekten-Reportage können den qualitativ abfallenden Rest des Films nicht retten. Man bleibt der Charakteristik seines Produkts verglichen mit V/H/S treu. Die Rahmenhandlung um einen Detektiv und seiner Begleiterin, die auf der Suche nach einem vermissten Jugendlichen in ein verlassenes Haus auf eine Installation aus Fernsehgeräten und Videorekordern stößt, bleibt bis zum Ende sinnentleert und ein dürftiger Rahmen, der die einzelnen Episoden zusammenhält. Kruder als der Rahmen des Vorgängers und weiterhin aufgesetzt. Das letzte Flimmern der rollenden Endcredits hinterlässt einen trüben Gesamteindruck von mehr verspieltem Potenzial als im ersten Teil. Die sich versammelten Videorebellen scheitern mit ihrer Horrorrevolution und dem durchaus interessanten Konzept an den eigenen Überambitionen.

Mittwoch, 29. Mai 2019

Class Of Nuke 'Em High

Beide gelten sie als Kult, wenn es um das Kult-Independent-Studio Troma geht, bis vor kurzem konnte ich mit deren Maskottchen - dem Toxic Avenger - herzlich wenig anfangen. Früher wirkte der Film für mich wie eine konfuse Ansammlung verschiedener Ideen, die nicht alle funktionieren wollen. Der tiefschwarze, keinen Pfifferling auf Political Correctness gebende Humor, die einfachen wie kruden Effekte, die manchmal dahingerotzten Ideen wollten nie ineinander über greifen. Nachdem ich es mit Toxie nochmal probierte und unerwartet positiv überrascht wurde, wollte ich nochmal in der Class Of Nuke 'Em High die radioaktiv verseuchte Schulbank drücken. Bei meiner ersten Begegnung mit Troma-Produktionen hatte dieser klar die Nase vorn und wurde als viel besser als das Abenteuer um den toxischen Rächer empfunden.

Letzteren kann man selbst heute noch als grobe Skizze für das bezeichnen, was Troma über die Jahre ausmachen sollte. Die Firma um Lloyd Kaufman und Michael Herz schuf mit beiden Filmen den Beginn eines eigenen Universums voller Mutanten, Freaks, selbsternannten Außenseitern und anderem obskurem Gefolge. Class Of Nuke 'em High definiert die mit Toxie eingeschlagene Richtung aus und ist die Reinzeichnung des ersten Konzepts der chaotisch-anarchischen Horror-Punk-Show Tromas. Wieder sind die Auswirkungen radioaktiver Verseuchung ausschlaggebend für die Handlung: das nahe an der örtlichen Highschool von Tromaville gelegene Atomkraftwerk hat mit einem Leck zu kämpfen, welches dessen Betreiber als Lappalie abtut. Die ausgetretene Flüssigkeit verseucht das Grundwasser und lässt das auf dem Schulgelände angebaute Hasch der damit dealenden Rocker-Gang Cretins üppig sprießen. Ein daraus gefertigter, verseuchter Joint bringt mit seinen Nebenwirkungen beim Liebespärchen Chrissy und Warren eine Lawine von wortwörtlichen Ungeheuerlichkeiten ins Rollen.

In Folge dessen mischen die Verantwortlichen in ihre Parodie auf gängige High School-Komödien nicht nur ihre weitaus schmierigere Version von Mark L. Lesters Class Of 1984 sondern auch derben Monster-Horror. Das dargebotene Panoptikum zerfasert trotz ähnlich episodisch angelegter Narrative weit weniger in seine szenischen Einzelteile, wie es Toxic Avenger tut. Dies resultiert ausgerechnet aus der in den Film eingefügte Normalität, verkörpert durch die Protagonisten Chrissy und Warren. Sie sind die menschlichsten Figuren in einem Kosmos, in dem selbst ihre den Klischees der 80er-Teenie-Bums-Komödie entsprechenden Freunde wie übersteigerte Karikaturen dieser wirken. Gleichzeitig scheinen diese der Versuch von Troma zu sein, nach dem Überraschungserfolg von Toxic Avenger dessen Rezeptur zu verfeinern und mit den beiden jugendlichen Hauptfiguren sich bei einem größeren Publikum, dem Mainstream, vorzustellen. Im Kern und äußerlich weiterhin eine Low Budget-Produktion die Selbstbewusst damit umgeht, empfindet man Class Of Nuke 'Em High im direkten Vergleich mit dem ersten Hit des Studios als runder und in sich geschlossener.

Das legt gleichzeitig die Schwäche des Films frei. Der gesponnene rote Faden und die ebenfalls einfache, wenn auch bemüht feiner ausgearbeitete Geschichte wird bis zum Ende mühsam mit "Inhalt" aufgebläht, der lediglich eine kleine leere Blase in der Narrations-Bubble des Films ist. Diesen Nichtigkeiten folgen repetitive Momente, welche die wenigen für die Handlung relevanten Szenen ummanteln. Da gewinnt für mich mittlerweile knapp Toxic Avenger mit seiner ungestümeren Art, dessen Fuck Off!-Haltung sich etwas echter anfühlt als die in Class Of Nuke 'em High durchschimmernde bemühte Kompetenzhaltung. Vielleicht schimmert hier bereits das durch, was man späteren Troma-Produktionen anlasten kann: das ausruhen auf dem ewig gleichen, das wenig Variationen im eng gesteckten Rahmen zulässt. Spaß macht der Film mit seinen herrlich geschmacklosen und bekloppten Ideen immer noch. Die Cretins dürften die beste dämlich-fiese Film-Gang der 80er sein und die im Bemühen größer zu wirken eingesetzten Schmodder-Effekte, allen voran das Monster, funktionieren heute noch. Regisseur Richard W. Haines setzt das von ihm mitverfasste Script atmosphärisch dicht um und kann für viele gute (Troma-)Momente voller filmischer Anarchie sorgen, die mehr als einmal Spaß am gewollt schlechten Auftritt der Troma-Filme bringen. Wenn Bad Taste wirklich Good Taste ist (wobei wir Trash- und Obskuritäten-Freunde ohnehin auf diesen Spruch schwören), dann ist Class Of Nuke 'em High ein Beweis dafür.

Donnerstag, 23. Mai 2019

The Destructor (Prey)

Die Freuden und Leiden der Schönheit: auf den ersten Blick betörend in seinem Äußeren, offenbart sich Ding wie Mensch näher betrachtet in seinem innersten hochgradig verdorben. Auf einen kleinen Mikrokosmos heruntergebrochen, betrachtet Norman J. Warrens Prey recht eigenartig die Auswüchse den verheißenden Verlockungen von Fassaden mit schönem Anschein. Die scheinbar von der restlichen Welt abgeschottet in einem alten Bauernhaus lebenden Frauen Jessica und Josephine mögen im pittoresken Landstrich ein harmonisches Leben führen, die traute Zweisamkeit ihrer Beziehung lässt schnell Risse durch Josephines herrisches Wirken erkennen. Die hübsche Erscheinung ihrer Partnerin zieht sie an und ängstigt sie zugleich. Mit wenig Selbstbewusstsein und Verlustängsten ausgestattet, mausern sich diese durch deren Wechselwirkung in eine langsam voranschreitende, psychisch unterschwellige Gewalt gegenüber Jessica.

Alles, was nur annähernd für den Verlust ihrer Partnerin sorgen könnte, sieht Josephine als potenzielle Bedrohung. Früh wird angedeutet, dass die Beziehung sehr einseitig zu sein und Jessica in diese hinein gezwungen scheint. Josephines Paranoia nimmt stärkere Züge an, als der verletzte und verwirrt wirkende Anders vor der Tür der beiden Frauen steht und um Hilfe bittet. Wenig begeistert vom Eindringling, gibt Josephine ihrer hilfsbereiten Freundin nach, den Mann zu versorgen. Dessen merkwürdiges Verhalten wird von den beiden Frauen verwundert wahrgenommen, jedoch nicht weiter hinterfragt; ohne zu ahnen, dass Anders ein Außerirdischer ist, der den Planeten auskundschaften soll. Bevor dessen wahre Identität aufgedeckt wird, stellt er für Josephine eine Gefahr für ihre Beziehung dar. Richtig abgeneigt scheint ihre Freundin vom attraktiven, mit Ted Bundy-Seitenscheitel ausgestatteten Alien nicht zu sein.

Dessen wahres Gesicht behält Prey - kürzlich als Bootleg unter dem Titel Alien Prey hierzulande auf Blu Ray veröffentlicht - dem Zuschauer vor. In einer vor Klischees triefenden Szene mitsamt im Auto fummelnden Pärchen und einer im falschen Zeitpunkt drückenden Blase des männlichen Parts präsentiert der Film den extraterrestrischen Beau als blutdürstige Bestie mit Raubkatzen-artigem Gesicht, der nach dem Mord am harnlassenden Herren dessen Gestalt annimmt. Die sichtbar kostengünstige Maske lässt den außerirdischen Einzelinvasor wie eine angestrengt böse wirken wollende Miezekatze mit süß geschminkter Stupsnase aussehen und lockte mir mit dem ersten Auftritt einen größeren Lacher hervor, lässt ihn im Zusammenspiel mit den beiden weiblichen Protagonistinnen zu einer metaphorischen Bedrohung heranwachsen.

Mit Blick auf das Entstehungsjahr erscheint die Entscheidung, ein lesbisch lebendes Paar als Hauptfiguren zu etablieren mutig wie frisch. Josephine verkommt zwar leider zur Klischeelesbe mitsamt obligatorischer Kurzhaarfrisur, ihre Gespielin Jessica wird ebenfalls wenig akzentuiert als schön anzusehendes wie naives Weiblein dargestellt, doch mit seinem lethargischen Blick auf das Leben der beiden Frauen und den seltsam erscheinenden Fremden entwickelt die Story ungeahnte Zwischentöne. Diese entstand, mag man der Trivia Section der IMDb glauben schenken, während des zehn Tage andauernden Drehs komplett während der Dreharbeiten. Das ungezwungene drauf los filmen und die Planlosigkeiten der dürftigen Ideen, welche zwischen Nutzung gängiger Horrorfilm-Muster und interessanten Einzelszenen schwankt, lässt The Destructor (dt. Videotitel) zu einem spontanen Sonntagsvideo des Horrorfilms werden. Die durch den streng abgesteckten, kleinen Mikrokosmos des Films und dem Anschein, dass die Macher dem inneren Willen, einfach drehen zu müssen, folgen, entrückte Atmosphäre lässt erahnen, wie es ausgesehen hätte, wenn Jess Franco einen Alien-Horror-Film gemacht hätte.
Dem spanischen Kult-Vielfilmer Franco gleicht dem in seinen kleineren Werken herrschenden Dilettantismus, den The Destructor mit sich bringt und gleichzeitig auf mich als Zuschauer eine Faszination ausübte. Die krude Story entwickelt sich zu einem ätzend langsamen Psycho-Horrordrama aus der Exploitation-Ecke - selbstredend lässt man bei den aufgebauten Konstellationen mögliche Sexszenen nicht aus - das gleichzeitig als Metapher auf die wortwörtliche Bedrohung der Bestie Mann auf den Feminismus der damaligen Zeit und der Frau an sich gesehen werden kann. Spekulativ, surreal und wie der von mir sehr gemochte Alien-Rip Off Inseminoid des Regisseurs Norman J. Warren atmosphärisch entrückt stellt der Film plumpe Exploitation halbwegs intelligenten Ansätzen wie mit dem Spiel der Rollen von Mann und Frau (Stichwort: Partyszene) gegenüber. Der mehr auf Stimmung und kaum aus den Puschen kommende Spannung bauende, merkwürdige Kammerspiel kulminiert in einer ultrablutigen Szene und einen Twist, den man gleichzeitig als abschließend bitteres Fazit der herrischen Männerrasse über die Frau sehen kann. Die Doppeldeutigkeit des Originaltitels im Bezug zum Filmplot ist ein nettes Wortspiel für einen Film, dessen Unterton und dem damit einhergehenden Potenzial für die Macher unbemerkt durch die unbekümmert bräsige Handlungsmonotonie waberte und ein faszinierendes wie eigentümliches Gesamtwerk hinterlässt; gerade wegen seiner eigenartigen Machart. 

Dienstag, 14. Mai 2019

Suspiria (2018)

Viele Frauen kann sie ersetzen, selbst ist sie der in einer schlichten Wandtafel eingravierten Redewendung nach nicht ersetzbar: die Mutter. Diese scheint für Luca Guadagninos Remake des Argento-Kultfilms ein Leitspruch zu sein. Simples Ergebnis: mag sie noch so viele Rolle einnehmen oder ausfüllen; im Kern bleibt sie lebensschenkender Ursprung. Gleich ob wie bei der banalen philosophischen Frage, nun Ei oder Huhn zuerst da waren, Einspruch erhoben wird, dass zuerst ein Samen von Nöten ist, um eine Befruchtung einzuleiten. In ihrem Schoße reift es bis zur Geburt heran. Ihre Fürsorge und Aufopferung steht dem gestrengen Bild des Vaters gegenüber, der selten mit gleicher Wärme ausgestattet ist oder wahrgenommen wird. Ohne (ihre) Weiblichkeit auch kein Leben, keine Schöpfung. Guadagninos Suspiria ist voll damit. Männer spielen eine untergeordnete Rolle und die präsenteste männliche Figur wird von einer weiblichen Darstellerin verkörpert.

Eine reine Huldigung der Frau und des Feminismus ist Suspiria mitnichten. Steht die Mutter hier auch als Schöpferin und Verkörperung des Bösen: Mater Suspiriorum aka Helena Markos, gefeierte Tänzerin, Buchautorin und Direktorin der im geteilten Berlin der 70er Jahre ansässigen Tanz-Akademie. Die dort nach ihrem gut verlaufenen Vortanzen aufgenommene Susie Bannion erfährt langsam das, was die entschwundene Schülerin Patricia aufgedeckt und dem Psychologen Josef Klemperer anvertraut hat. Markos und ihre treu ergebenen Lehrerinnen sind in Wahrheit Hexen. Unter den Fittichen von Madame Blanc, die den Schülerinnen einiges abverlangt und eine komplette Aufopferung für den Tanz fordert, bemerkt Susie zuerst nicht das eigenartige Verhalten ihrer Ausbilderinnen. Erst ihre Begegnung mit Klemperer bringt sie dazu, nach erstem Anzweifeln seiner Aussagen, näher hinzuschauen.

Den Hexenkult um Markos nutzen Guadagnino und sein Drehbuchautor David Kajganich als geschicktes Sinnbild für ihre mannigfaltigen Ideen. Die Tanz-Akademie erscheint im Kontext der Zeit, in welcher die Geschichte angesiedelt ist, als Berlin innerhalb Berlins. Abgeschottet, ein eigener Staat innerhalb eines anderen, dessen System, sein Innerstes, marode und von Spannungen geprägt ist. Der Zirkel ist in zwei Lager um Markos und die zurückhaltendere, progressiver denkende Blanc gespalten und drohte durch die Schnüffeleien Patricias entdeckt zu werden. Der aufmüpfigen Schülerin wird nach ihrem Verschwinden nachgesagt, dass sie ihr erweckendes Rebellentum im Untergrund weiter auslebt. Der deutsche Herbst ist allgegenwärtig; Radio- und Fernsehmeldungen künden fast beiläufig von der Entführung Hanns-Martin Schleyers, der Landshut und anderen Aktionen der RAF. Das Politikum des Zirkels lässt diesen als Abbild des alten, von innen vergifteten Deutschlands nach der noch nicht lange vergangenen Nazizeit erscheinen.

Guadagninos Horror ist ein Horror des Inneren, begründet auf allgegenwärtige Ängsten. Was Patricia widerfährt, scheint Klemperer - einem Juden - und Susie und der Mitschülerin und zur Freundin gewordenen Sara bevorzustehen. Der erlesene Kreis der elitären Hexen beseitigt mit kaltem Kalkül all' jene, von denen eine Gefahr ausgehen könnte. Im Kontrast zu Argentos Vision eines poppigen, schrillen und verzaubernden Horrormärchens schlägt sich diese Angst im Bild des Films nieder. Die Farbgebung ist matt und der Schleier des deutschen Herbstes verschluckt in seinem grauen Schlund jedwede kräftige Farbe. Den einzigen Kontrast stellen die Tanzszenen dar. Guadagnino schenkt ihnen Raum und ergibt sich der bzw. dessen Kunst getreu dem Motto von Madame Blanc. Mit der Unterteilung in sechs Akte und einem Epilog ist Suspiria wie ein Theaterstück aufgebaut und die im Film ausgesprochene Aufforderung seitens der Lehrmeisterinnen, sich mit Haut und Haaren dem Tanz und dessen Kunst zu widmen, lässt vermuten, dass Guadagnino mit seiner Coverversion des Originals diesen ursprünglichen Kunstformen Tribut zollt.

Jene Momente schenken der kühlen Sprache des Films eine angenehme Körperlichkeit. Die Kamera ist dicht an den Performern und Hauptdarstellerin Dakota Johnson dran. Jede eingefangene Körperbewegung, mag sie noch so unscheinbar sein, wird ausgedehnt zelebriert. Es ist die Intimität dieser Szenen, durch die die erste Mordszene nicht nur allein durch ihre Darstellung lange im Gedächtnis bleibt. Gipfeln tut dies in eine faszinierende, grotesk ausufernde Finalszene, deren rauschartige Performance einem wortwörtlichen Blutbad weicht, dass seltsam unpassend im Vergleich zum vorangegangenen, eher ruhigen Horror ist. Häufig macht Suspiria den Eindruck, dass Guadagnino und sein Autor Kajdanich den Film zu einer bedeutungsschwangeren Kunstnummer hochstilisieren und ihre Version gezwungen oppositionär zum Original gestalten. 

Das raubt ihm die Lebendigkeit und lässt ihn wie die bühnenhaften Anfangswerke Fassbinders erscheinen. Vieles sollte da auf einmal in die Geschichte und lässt seine Metaebene bei allen vorhandenen Deutungen beinahe zerbirsten. Sinnbild für die Stimmung Deutschlands in den 70ern und wie allseits präsenter Terror im Alltag den Menschen beeinflusst, eine Studie über die Formen der Macht und ihren Auswirkungen, eine Zelebrierung der Weiblichkeit und des Feminismus und gleichzeitige Überzeichnung seiner Kraft. Die Faszination Suspirias rührt daraus, was Guadagnino und Kajdanich in den Film gesteckt haben und in der Wirkung ihrer Horror-Performance, die mit zweieinhalb Stunden eine epische, aber zu keiner Sekunde langweilige Laufzeit besitzt. Wie großartige Kunstwerke anderer Strömungen lädt Guadagninos Suspiria gerne dazu ein, sich immer wieder durch seine Kapitel zu pflügen und seine Details auseinander zu nehmen.

Dienstag, 7. Mai 2019

Stephen King's Stark

Bei George A. Romeros Verfilmung des Stephen King-Romans The Dark Half, im deutschen schlicht Stark, nach dem Pseudonym des schreibenden Protagonisten benannt, frage ich mich gerne, ob Romero im Plot ein Klagen über das Leben als Schöpfer von vom Feuilleton gerne als reine Unterhaltung oder negativer als Schund abgetaner Horrorwerke, gleich ob literarisch oder filmisch, herauslas. King wie Romero wurden damit bekannt, wobei letzterer in seinen Zombiefilmen Night of the living Dead und Dawn of the Dead durchaus sozialkritische und subtile Töne anschlägt. Eher ist es King, welcher die Geschichte seine Figur Thad Beaumont in einigen Dingen autobiographisch färbte und mit dem Ausgangspunkt von diesem augenscheinlich beklagt, dass es schwer ist, aus dem selbst geschaffenen Gefüge auszubrechen.

Mit den unter seinem richtigen Namen veröffentlichten Büchern verdient der angesehene und als Uni-Professor arbeitende Beaumont nicht viel; mit den unter dem Pseudonym George Stark geschaffenen, rauen Hardboiled-Krimis und -Thrillern steht er regelmäßig in den Bestenlisten. Als ein Erpresser droht, seine Identität auffliegen zu lassen, beschließt der Autor, diesem zuvor zu kommen und einen Schlussstrich zu ziehen. George Stark soll sterben. Öffentlichkeitswirksam möchte er ihn zu Grabe tragen. Seine Agenten beschließen mit ihm zusammen, dass mit einem Artikel im People Magazine die Bombe platzen soll. Kurz nach dem Interview- und Foto-Termin beginnen mysteriöse Morde im nahen Umfeld des Autors, die ihn selbst zum Hauptverdächtigen machen, als seine Fingerabdrücke am Tatort gefunden werden. Spät wird dem von den Ungeheuerlichkeiten überrumpelten Beaumont klar, dass sich sein literarisches Alter Ego George Stark selbstständig gemacht haben muss, da dieser es äußerst unschön findet, dass er nun sterben soll.

Das doppelbödige in Kings Buch geht in Romeros Umsetzung leider etwas abhanden. Steht George Stark dort einerseits als die Crux eines zu höher strebenden Autor, der mit seinem von der Kritik gelobten, von den Lesern leider eher vernachlässigten Büchern nicht die Beachtung von letzteren erhält, die er sich wünscht und ist andererseits die Verkörperung der dunklen Seiten des Menschen. Stark kommt stark nach der Hauptfigur seiner Romane und ist ein schmieriger, zynischer und egoistischer Mensch, der nicht vor Gewalt zurückschreckt um seine Ziele zu erreichen. Er trinkt, raucht, flucht; ist durch und durch ein schlechter Mensch und konzentriertes Böses. Beaumont beginnt durch die psychische Belastung nach Starks auftauchen und den ersten Morden mit dem Trinken. King verarbeitete im Buch teils die eigene Alkoholsucht; erst nach dessen Fertigstellung wurde er komplett trocken.

Romeros Film hingegen ist ein durchaus sehenswerter Horror-Thriller, der aus der Thematik um den düsteren Doppelgänger bzw. Zwilling wenig macht. Eher nutzt er Stark nach dessen Auftreten dazu, die atmosphärisch dichte und bedächtig aufgebaute Geschichte zu zerfasern und ihn in einzelnen Episoden die Menschen aus Beaumonts Umfeld umbringen zu lassen. Diese fühlen sich vom restlichen Film durch ihre konträre Tonalität losgelöst an. Wenn es Romeros Absicht war, dies als Stilmittel durch die Konzentration auf George Stark zu nutzen, so geht dies leider nicht komplett auf. Die Ermordung von Beaumonts Agenten z. B. ist beinahe gialloesk, versucht sich an Farbspielereien á la Dario Argento, möchte gleichzeitig nicht zum ruhiger voranschreitenden Restfilm passen. Im Aufeinandertreffen von Beaumont und Stark lässt Romero diese Stilistik fallen und nutzt die zu Beginn aufgebaute Stimmung der rationalen Welt des Autoren, in die Stark eindringt. Im Gesamtbild von Stark ist dies durchaus logisch, die Mordszenen mögen dennoch leider nicht komplett in den Film passen.

Kings Ton, wie der Horror in die behütete, unschuldig wirkende Welt der Protagonisten, welche durch deren häufig ländlichen Lebensmittelpunkte betont wird, trifft Romero hingegen sehr gut. Stephen King's Stark kann durch eine dichte Atmosphäre punkten, die den Film auch dann trägt, wenn offensichtlich wird, dass Romero sich im Evil Twin-Plot auf gängigen Mustern ausruht. Dem Regisseur und Drehbuchautoren gelingt es nicht, sich aus dem starren Image bzw. Bild, das die Öffentlichkeit (damals) von diesem hatte, zu befreien. Wie Stark scheint es eine starke Übermacht zu sein, deren Fesseln stärker als geahnt sind. Der zu höherem strebende Schöpfer - hier Romero - erscheint wie ein Träumer, dessen Pegasusflügel alleine beim Gedanken an die Höhensonne anspruchsvollerer Stoffe zu schmelzen beginnen. Leider schien sich Romero mit dieser Rolle im späteren Leben zu arrangieren und kratzte mit weniger erquicklichen Spätwerken am selbst geschaffenen Bild, dass die Fans von ihm hatten. Einzig Land of the Dead sollte von dem, was nach Stark kam, ein kleiner Lichtblick sein. Das phantastische Genre kann für einige Kreative Fluch und Segen zu gleich sein; manchmal scheinen sie gar nicht zu bemerken, dass der auf einem lastende Fluch eher daher rührt, dass sie das Potenzial von dessen nicht ausreizen und den durchaus dort vorhandenen Anspruch (und Intellekt) zugunsten altbekannter, variationsarmer Geschichten liegen lassen oder schlicht nicht wahrnehmen. Das führt wieder zu Romeros Umgang mit Kings Buch, dessen mitschwingenden Untertöne nicht komplett zu ihm bzw. in dessen Drehbuch durchdrangen und für mich trotzdem eine recht gute King-Verfilmung und gleichzeitig der letzte richtig gute Romero-Film in dessen Filmographie ist.

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