Freitag, 14. Juni 2024

Becky 2 - She's Back

Beckys Wut war zu groß für einen Film. Drei Jahre nach dem Achtungserfolg von Becky (hier besprochen) ist es wieder an der Zeit, dass die sympathische Rotzgöre durch faschistoide Menners-Gruppen pflügt, was zu allerlei rotzendem Gore führt. Der eingeschlagenen Linie des Vorgängers treu bleibend, entlädt ein erneuter Schicksalschlag für die Protagonistin den in ihr verborgenen, mannigfachen Zorn. Dieses Mal darf die Extremistengruppe "Noble Men" diesen spüren, nachdem drei ihrer Mitglieder ihren Unmut gegenüber der mittlerweile in einem Diner arbeitenden und vor allerlei Adoptiveltern geflüchteten Becky zu lautstark äußern müssen. Ein Vorfall auf der Arbeitsstelle des Mädchens bewegt ein Trio der rechtsextremen Gruppierung, ihr zu Hause einen Besuch abzustatten. Dieses haben Becky und ihr Hund Diego bei der allein lebenden Elena gefunden, um die sich die junge Frau kümmert. Dinge eskalieren, Elena wird ermordet, Diego entführt. Es gilt, den geliebten Vierbeiner zu retten. Daryll, Anführer des örtlichen "Noble Men"-Zweigs wird schnell aufgespürt und mit allerlei kreativen wie brutalen Mitteln versucht, den Hund aus den Fängen der Gruppierung, welche einen Anschlag auf eine Gouverneurin plant, zu befreien.

Als Daryll tritt Sean William Scott in Erscheinung, den man wie den im Vorgänger als Gegenspieler präsentierten Kevin James eher aus Komödien kennt. Scott mangelt es leider etwas an Präsenz und Charisma. Auf seine bekannteste Rolle anspielend, muss man ihm leider attestieren, dass seine Darstellung leider etwas stiff ist. Zumal er im Verlauf von Becky 2 als vermeintlicher Gegenspieler Lulu Wilsons abgelöst wird, wenn sich das wahre Mastermind hinter den "Noble Men" zu erkennen gibt. Dieser Moment ist die einzig etwas überraschende Szene in einem aus dem Vollen der Sequel-Regularien schöpfenden Film. Leider setzt man zu sehr auf zwar gefällig und kurzweilig umgesetztes, aber auch altbewährtes, dass glücklicherweise in eine knackig kurz umgesetzte Story gepackt wurde. Der Spuk ist überraschend schnell vorbei und wenn Becky mit Einfallsreichtum dem rechten Pack eins aufs Maul gegeben und über den Jordan geschickt hat, hätte man erwartet, dass da irgendwie noch mehr kommen müsse. Obwohl die Gewalt und manche Teile der Geschichte überzogen comicartig umgesetzt worden sind, fühlt sich das auch gehemmt an. Zurückgenommen, zurückhaltend, womöglich auch, um die angeteaserte und mittlerweile so gut wie bestätigte nächste Fortsetzung vorzubereiten. Dank der Präsenz von Lulu Wilson, um die der Film eindeutig gebaut wurde, ist auch Becky 2 ein in weiten Teilen unterhaltsames Sequel, dem mehr Variation gut gestanden hätte.


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Donnerstag, 13. Juni 2024

Tragic Ceremony

Riccardo Freda würde Tragic Ceremony sehr wahrscheinlich selbst jetzt noch - direkt aus dem Jenseits heraus - verleugnen. Der Italiener hasste den Film so sehr, dass er sich aus den Credits streichen ließ und ihn in seinen Memoiren gänzlich ausklammerte. In der Tat ist das, was im Film geboten wird, eine grotesk bis absurd zusammengeschusterte Ansammlung verschiedenster Spielarten des Horrorfilms. Übernatürlicher, Okkult- und eine Prise Gothic-Horror wurden eben irgendwie in ein Script gewurschtelt, bei dem unter anderem auch Schlockmaster Mario Bianchi seine Finger im Spiel hatte. Als MacGuffin und einer der Auslöser der vielen seltsamen Begebenheiten im Plot, muss eine Perlenkette mit gruseliger Hintergrundgeschichte herhalten, die eigentlich ein Geschenk von Industriellensohn Bill an seine Mutter war. Von dieser, wegen ihrer besagten, mysteriösen Vergangenheit abgelehnt, schenkt er das Schmuckstück während eines Trips mit Freunden seiner Liebelei Jane. Dort befindet sich die eigentlich mit einem Segelboot sich durch die Gewässer treiben lassende Gesellschaft auf Landgang, welcher bei einem Trip ins Landesinnere das Benzin ausgeht und durch ein Unwetter in der Villa von Lord Alexander und dessen Gattin aufschlägt. Nichtsahnend, dass das Ehepaar mit anderen Gästen eine schwarze Messe abhalten möchte. Zufällig werden die Teufelsanbeter bei ihrem Treiben von Jane überrascht, was der Auslöser eines Massakers und weiterer, tragischer Ereignisse wird.

Das über Figuren wie Publikum gleichermaßen plötzlich hereinbrechende Blutbad ist Dreh- und Angelpunkt, Climax, eines narrativ unaufgeräumten Films, der rote Fäden so schnell aufnimmt wie er sie fallen lässt. Dadurch entstehen in Tragic Ceremony einige alptraumartige, surreale Momente, die eine zuvor gemächlich vor sich hin bewegende Exposition ablösen. Bei allem Ärger, der ihm dieses Werk bescherte, könnte man zum Schluss kommen, dass Freda mit seiner Regie so gegen das konfuse Drehbuch ankämpfen will. Herr wird er über das darin herrschende Chaos nicht gänzlich. Dafür fehlt ihm doch merklich der Wille, sich ernsthaft zur Gänze diesem Film zu widmen. Gelegentlich blitzt guter Wille auf, beispielsweise in den sanft vom Gothic-Horror geküssten Szenen, in welchen beispielsweise Jane-Darstellerin Diane Keaton durch das Anwesen des von Luigi Pistilli gemimten Lords traumwandelt. Dem Script gleichtuend, womöglich resignierend, wirft Freda die meisten mühselig aufgebauten Szenerien einfach um. Darauf folgender Wieder- bzw. Neuaufbau gestaltet sich ebenso mühsam, was Tragic Ceremony durchaus einen ganz eigenen Reiz schenkt. Das Genre-Mashup, auf das sich italienische Genre- und Exploitation-Filmemacher bekanntlich durchaus verstehen, gestaltet einen wilden Ritt durch Subgenres, der zwar obskur ausfällt, aber überwiegend holprig ist. Es ist ein akausaler Film, der erahnen lässt, zu was italienisches Horrorkino Jahre später in der Lage war, aber in diesem speziellen Falle an zu hohen Ambitionen scheitert. Das macht ihn zu einem seltsamen Filmerlebnis, dessen Obskurität als Pluspunkt zu verbuchen ist, aber vor den Aversionen seines Regisseurs vor dem eigenen Werk kapitulieren muss.

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Mittwoch, 12. Juni 2024

Killerspiele

Bei einem im Hochleistungssportler-Milieu spielenden Slasher mit der Redewendung Sport ist Mord um die Ecke zu biegen, dürfte abgedroschener nicht sein. Wobei abgedroschen mit Blick auf Killerspiele ein mehr als passendes Stichwort ist. Objektiv betrachtet dürfte man den Film in irgendwelchen Rankings nirgends auf einem der Medaillenplätze vorfinden. Dafür ist seine Inszenierung in den für diese Spielart des Genres wichtigsten Szenen schlicht und ergreifend äußerst uninspiriert. Ein guter Grund hierfür dürfte der Umstand sein, dass Regisseur Michael Elliot laut Aussagen der Darstellerinnen und Darsteller kein Freund von Horrorfilmen war und manchmal merklich desinteressiert wirkte und seine Abscheu dem gegenüber an den Tag legte. So spult der Film das bekannte Teenie-Programm zwischen zarten Romanzen, Eifersucht, strengen Lehrern und an den Karriereträumen ihrer Sprösslinge zweifelnden Eltern ab und nutzt als Schauplatz eine "Falcon Ahtletic School" genannte Sportakademie. Dort trainieren die jungen Menschen für einen Platz bei den nationalen Meisterschaften, über die man sich wiederum für die olympischen Spiele qualifizieren kann. Ein kleiner Nebenplot erzählt noch einen Schwank über den Mannschaftsarzt, der den Athletinnen und Athleten diverse Mittelchen verabreicht, damit man mit den "hochgespritzten" Ostblock-Sportlern mithalten kann.

Selbstverständlich sind dieser und die anderen im Plot existierenden Themen nur dazu da, um so viel Zeit zu schinden, bis es wieder an der Zeit für eine Tötungsszene ist. Leider ist in diesen der drei Jahre früher entstandene und recht ähnliche Graduation Day etwas abwechslungsreicher. Bei Killerspiele beschränkt sich die Figur des Killers darauf, mit gekonnten Speerwürfen - sogar Unterwasser! - die Traumblase von der Goldmedaille sowie das Leben der Girls und Boys an sich zerplatzen zu lassen. Was das ganze seltsam werden lässt, ist der Umstand, dass die redundanten Rahmenhandlungen und das größtenteils unbemerkte Treiben des Mörders parallel nebeneinander her existieren. Beides greift spät ineinander und bis dahin wundern sich die Figuren zwar über den Verbleib ihrer Sportskameraden, gehen aber sogleich ihrem alltäglichen Athletentrott weiter nach. Eine abstruse Handlungsentscheidung, die zusammen mit den restlichen Banalitäten des Films ein guter Grund dafür sein dürfte, dem Film - wenn überhaupt - eine Mitleids-Medaille in Blech zu verleihen. Nur ist da dieser gewisse Faktor Cheesiness - welche schon mit dem pop-rockigen Titelsong beginnt, der mit jeder Note eine dicke Wolke 80er-Flair ausatmet - welcher dazu führt, dass neben der netten Früh-80er-Atmosphäre die Diskrepanzen von Killerspiele zumindest bei mir für eine gewisse Sympathie gesorgt haben. Man kann ihn mit dem krassen, in die Bundesliga aufgestiegenen Außenseiter vergleichen, der versucht, mit den Großen mitzuhalten, aber direkt wieder in die Zweitklassigkeit zurückgeführt wird. Vielleicht ist es in diesem Fall auch die Drittklassigkeit, aber der Versuch, innerhalb des Genres irgendwas zu reißen, ist ziemlich rührig. Wie heißt es doch - um bei abgedroschenen Sportweisheiten zu bleiben - so schön? Dabei sein ist alles. Dazu behandelt der Film im Plot sachte aufploppende queere Motive für seine Entstehungszeit überraschend wertefrei und klischeebefreit und schielt beim Twist im Finale merklich ins Sleepaway Camp rüber. Abgehärtete Horrorfans und Komplettisten, die Redundanz und Repetition nicht scheuen, können gerne - egal ob mutterseelnallanich oder mit Gleichgesinnten - einen Blick riskieren. Vorzugsweise auf die wie üblich tolle, im November 2023 veröffentlichte Blu-Ray von Vinegar Syndrome. In diesem Sinne: Es lebe der Sport!


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Freitag, 7. Juni 2024

Joy Ride - Spritztour

In einigen Filmen von John Dahl sind die Figuren nicht selten on the run. Irgendwie immer in Bewegung, kaum im Stillstand und öfter auf der Flucht befindlich. Selbst wenn sie wie in Red Rock West in einer Schleife festzustecken und an das im Filmtitel befindliche Kaff gefesselt zu sein scheinen. Meist beiläufig nutzt Dahl für seinen Erzählstil die Straße dafür, wofür sie auch im realen Leben gedacht ist: als Transportmittel, ein Instrument, um Charaktere und Handlung wortwörtlich in Fahrt zu halten. Als Auteur bevölkert er seine Geschichten mit Driftern, welche sich den Asphalt unter ihren Rädern oder Füßen bemächtigen. Sie stehen weiterhin im Vordergrund, während sie Runde um Runde drehen, Kilometer fressen und trotzdem nicht von der Stelle kommen, da Dahl dieses Movement seiner Figuren mit endlos erscheinender Wüsteneinöde wiederum so einschränkt, dass letztendlich eine Konfrontation mit Gegenspielern, dem eigenen Schicksal etc. stattfinden muss. Mit Joy Ride - Spritztour war der Amerikaner on the road again, welcher sichtlich von Spielbergs Made-for-TV-Thriller Duell inspiriert wurde. Hier wird die Straße nun klar in den Mittelpunkt gerückt; ist Schauplatz für eine einfache Geschichte um zwei charakteristisch so unterschiedliche Brüder.

Der Saubermann der beiden, Fuller, ist auf dem Weg zu seiner besten Freundin Venna und muss auf seinem Trip einen Abstecher machen, um den Chaoten, Fuller, nach einer Nacht im Gefängnis abzuholen. Eigenmächtig schließt sich Fuller seinem jüngeren Bruder auf dessen Trip an und ersteht ein CB-Funkgerät, mit dem sie einen Trucker, der sich "rostiger Nagel" nennt, einen bösen Streich spielen. Als Frauen getarnt locken sie ihn mit einer Liebesnacht als Versprechen in ein Motel. Sie ahnen allerdings nicht mit der gewalttätigen Reaktion ihres Opfers, als dieser im direkt neben dem Zimmer der Geschwister gelegenen Raum anstatt einer verführerischen Schönheit einen Kerl vorfindet. Der wütende Lkw-Fahrer dreht noch mehr auf und beginnt, als er die Urheber der unschönen Verarsche ausfindig machen kann, diese kreuz und quer durch die Ödnis zu jagen. In Joy Ride erhebt sich die Straße in der Filmographie des Amerikaners vollends zum Dreh- und Angelpunkt. Dabei stammt das Script nicht mal von ihm selbst. Für dieses zeichnen sich Clay Tarver und J. J. Abrams verantwortlich, welche eine minimalistische, aber ungeheuer ausgeklügelt auf Spannungsmomente abzielende Geschichte verfasst haben. Fast ständig mit dem Fuß auf dem Gas brettert Dahl full throttle durch den Film und beweist sein Gespür für effektiven Thrill. Die beiden Autoren erschufen für ihren Macher auf dem Regiestuhl ein Biotop, in dem sich dieser spürbar wohlfühlt und austoben kann. Bis zu seinem Höhepunkt ist der Film ein mitreißender Road-Thriller, der seine Schwächen - eher stereotyp angelegte Teen-Figuren und die an sich überkonstruierte Handlung - schnell vergessen macht. Beinahe ironisch erscheint es, dass der hier nur auf die Inszenierung konzentrierte Dahl in einem von seinen selbst verfassten Werken gar nicht so weit entfernten Schauplatz-Konstrukt letztendlich selbst aus dem erzählerischen point of no return insofern den Ausbruch schafft und beweist, dass er nicht nur eine gewisse Art von Genre kann.

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Samstag, 25. Mai 2024

Kill Me Again - Töten Sie mich

In John Dahls zweitem Film Red Rock West gibt es eine kleine, vordergründig nichtig erscheinende Szene, in der eine Nebenfigur einen Satz von sich gibt, der hintergründig einiges über die ersten drei Filme des Amerikaners aussagt. Darin lässt Hauptdarsteller Nicolas Cage an einer im weiten Nirgendwo liegenden Tankstelle für die letzten Dollar, die in seiner Brieftasche sind, den Tank seines Autos befüllen. Bezogen auf den sich noch gut in Schuss befindlichen Straßenkreuzer, bemerkt der Tankstellenbesitzer gegenüber Cage "You know, they just don't make them that way anymore!" Betrachtet man Dahls erzählerischen und gestalterischen Ansatz bei seinen ersten drei Filmen, so erscheint uns dieser alte Kerl plötzlich als Sprachrohr des Regisseurs. Leicht wehmütig scheint er damit das zu kommentieren, was er selbst auf die Beine gestellt hat. Völlig darüber bewusst, dass dies einer alten, vergangenen Zeit entstammt und nicht dem cineastischen Zeitgeist entspricht. Bereits mit seinem Debüt Kill Me Again - Töten Sie mich wendet er sich dem Noir-Crime bzw. -Thriller der 40er und 50er Jahre zu und lässt die goldene Zeit gebrochener Helden, zwielichtiger Gestalten und gleichermaßen verführerischer wie gefährlichen Femme Fatales wieder aufleben. Mit dem Plot werden gleich mehrere, gebräuchliche Tropes des Genres vereint.

Der abgebrannte, verschuldete Privatdetektiv Jack Andrews steht mit dem Rücken zur Wand. Seine zwielichtigen Gläubiger möchten endlich ihre Kohle wiedersehen und setzen ihm ein Ultimatum. Glücklicherweise taucht kurz darauf Fay Forrester in seinem Büro auf und bietet ihm eine hohe Summe, wenn er ihr dabei hilft, sie vor ihrem gewalttätigen Ex-Mann Vince zu beschützen. Dabei soll Jack ihren Tod vortäuschen und ihr eine neue Identität verschaffen. Ungläubig und misstrauisch geht er mit Blick auf die stattliche Entlohnung, die ihm winkt, auf den Job ein. Als dieser vermeintlich erfolgreich ausgeführt wurde, muss der Schnüffler feststellen, dass sein Misstrauen gegenüber der attraktiven Fay nicht unbegründet war und muss sich zudem vor gegen seine ungeduldigen Gläubigern, Vince und der Mafia höchstpersönlich behaupten. Eine Classic-Noir-Story, sich zweifellos in der Zeit der ausgehenden 80er abspielend, in der kleine Details mit dieser Epoche bricht. Dahls Cineastik lässt die Zeit aufweichen. Fahrzeuge, diverse Szenenbilder, Kleidungsstil einzelner Figuren und nicht zuletzt Zitate filmischer Vorbilder: gleichermaßen Verweise auf die Epoche und Hochzeit des Genres, welche so stimmig platziert werden, dass das Konstrukt des Films zeitlos erscheint. Die Konzentration auf solcherlei Kleinigkeiten, scheinen den Regisseur so abzulenken, dass es selten gelingt, mit Verve und spannungsreich zu inszenieren. Die Reproduktion von Genre-Merkmalen funktioniert, komplett verinnerlicht hat Dahl dieses hier noch nicht. Dies sollte erst in seinen anderen Neo Noirs folgen. Gleichzeitig krankt Kill Me Again an seinem blassen Hauptdarstellern Val Kilmer und dessen damaliger Frau Joanne Whalley-Kilmer. So sollte man seinen Erstling eher als interessante, aber an sich ausbaufähige Fingerübung verstehen.


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Donnerstag, 23. Mai 2024

Die Knochenfrau

Inwieweit ist es egoistisch, wenn man der Verwirklichung eigener Wünsche nachgeht und den Erwartungen von außen an der eigenen Personen nicht entsprechen will? Inwieweit soll man sich der Familie oder der Gesellschaft unterordnen, nur weile diese an veralteten Traditionen und Rollenbildern festhalten? Muss man sich erst so lange selbst verleugnen, bis man an einen Punkt gelangt, an dem es schwer ist, einen Strich zu ziehen und einen Neuanfang zu wagen? Fragen, die einem nach Betrachtung von Michelle Garza Cerveras Regiedebüt Die Knochenfrau in den Kopf kommen und die Regisseurin innerhalb ihres Films aufgreift. Ihre Protagonistin Valeria scheint zunächst ein zufriedenes Leben zu führen. Alles scheint zu passen, nur eine Kleinigkeit scheint noch zu fehlen um das alles abzurunden: ein Kind. Als nach mehreren Versuchen ein Schwangerschaftstest positiv ausfällt, beginnt für die junge Frau ein neuer Abschnitt in ihrem Leben und damit ein Umbruch. Die geliebte Schreinerei-Werkstatt in der Wohnung muss in ein Kinderzimmer umgebaut werden, körperliche Nähe wird durch ihren Partner Raúl verweigert, um angeblich dem Ungeborenen nicht zu schaden und die Familie weiß natürlich am Besten, wie sie sich nun zu verhalten hat. Valeria wird zunehmend fremdbestimmt. Damit nicht genug, wird sie von einer knochigen Gestalt heimgesucht, die zur Gefahr für Sie und das Kind wird.

Das die junge Frau mal ganz anders war, wie man sie zunächst kennenlernt, erzählen Rückblenden. Früher war sie in der alternativen und queeren Szene unterwegs, träumte mit der damaligen Freundin Octavia vom Ausbruch aus der einschränkenden Heimat. Doch die wilde, junge Frau entscheidet sich dagegen, will den Erwartungen ihrer Familie gerecht werden; die beiden verlieren sich aus den Augen. Durch Zufall treffen sich die beiden wieder, was Valeria an die damalige Zeit und ihre Wünsche und Träume erinnert. Ihr wird bewusst, dass das in ihr heranwachsende Kind nicht das ist, was sie sich wünscht. Sie sucht sich Hilfe bei einer Tante, die über altes Wissen verfügt, um mit archaischen Ritualen das Baby loszuwerden. An diesem Punkt ist Die Knochenfrau, die Huesera, längst zu einem Drama geworden. Der Horror spielt eine untergeordnete Rolle. Mehr schreit uns Cevera in leisen Tönen ihren Unmut über das Bild der Frau und dem von queeren Menschen in Mittelamerika hinaus. Wenn überhaupt, gehen Veränderungen langsam von statten. Alte Geschlechterrollen bleiben bestehen. Der Ausweg ist beschwerlich oder wie im dargestellten Leidensweg Valerias kaum möglich. Das Cevera in ihrer Sprache recht direkt ist, wenige Interpretationen bietet, zeugt mit Blick auf ihr Herkunftsland von Mut. Mit Blick auf den finalen Twist eine schwierige, weil offensichtlich, Entscheidung. Die Titelgebende Schreckgestalt entpuppt sich als Sinnbild. Dieses kann wiederum ist in seiner Darstellung, die zwischen Folk und Body Horror liegt, noch für genügend Schauer beim Publikum sorgen. Nicht zuletzt, da die Auflösung das ganze Ausmaß der Verzweiflung Valerias offenlegt. Die hier von Die Knochenfrau zur Schau getragenen Simplizität kommt Ceveras Absicht zu Gute. Der Film bleibt damit für das Publikum jederzeit zugänglich, die Wirkung der Geschichte gestärkt. Die Mexikanerin bietet mit ihrem Erstling ein beeindruckend selbstsicheres und sensibles Horrordrama über leider immer noch nicht überall so selbstverständliche, weibliche Eigenbestimmung.

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Mittwoch, 22. Mai 2024

Don't Scream... Die - Spur in den Tod

Einige Filme können einem ob ihres Schicksals im deutschen Heimkino-Bereich einfach leid tun. In die Fänge eines Grabbeltisch-Verleihers geraten, erhielt Rolfe Kanefskys There's Nothing Out There vermutlich mittels Baukasten den nichtssagenden Titel Don't Scream... Die - Spur in den Tod verpasst und durfte, angeboten für wenige Euro, über Jahre in den Wühltischen der Elektrofachmärke verschimmeln. Schaut man in sein Entstehungsland, so wurde das sich zu Zeiten der DVD im Vertrieb von Troma befindliche Werk vor wenigen Jahren sogar in 2K abgetastet und von Vinegar Syndrome auf einer üppig ausgestatteten Blu Ray veröffentlicht. Über die Jahre konnte er sich eine kleine Fanbasis aufbauen und nicht selten wird er von seinen Anhängern als Blaupause für die Meta-Spielereien in Wes Cravens Scream - Schrei! gefeiert, was zunächst faktisch nicht komplett abzustreiten ist. Der 1991 vom zu dieser Zeit gerade einmal 19-jährigen Regisseur und Autoren Rolfe Kanefsky umgesetzte Streifen versucht gleichzeitig Persiflage und Meta-Trash-Movie zu sein. Denkbar simpel und bekannt ist dabei das Grundgerüst der Story. Ein Gruppe junger Leute fährt während der Ferienzeit in das einsam gelegene Ferienhaus eines Onkels und achtet, von der Feierlaune vernebelt, nicht auf die Anzeichen der drohenden Gefahr in Gestalt eines froschähnlichen Monsters. 

Wäre da nicht Mike, seines Zeichens eingefleischter Horror-Connoisseur, der Aufgrund seiner Genre-Kenntnis hinter jeder Kleinigkeit eine Gefahr lauern sieht und seinen Freunden damit auf die Nerven geht. Gebetsmühlenartig versucht der arme Tropf dies der Truppe mittels der eisernen Horror-Gesetze zu verdeutlichen. Ernst nimmt ihn niemand und so müssen die meisten der Figuren auf die harte Tour lernen, dass der Filmfan recht behalten soll. Glücklicherweise erzählt uns Kanefsky seine Geschichte dabei weit weniger anstrengend, wie er seinen Helden zeichnet. Da dessen Darsteller sein Spiel eine Spur zu hysterisch und übertrieben anlegt, fällt es oft schwer, diesen als Hauptfigur zu akzeptieren. Das Spiel mit der Meta-Ebene entschädigt, kommt aber weitaus spät zu tragen und liefert einige gelungene Gags. Kenntnisreich führt der Regisseur uns vor Augen, dass er sich - wie Mike - ebenfalls mit den Genre-Konventionen auskennt, ruht sich aber gerade zu Beginn stark auf dem mit Klischees angereicherten Aufbau aus. Da kippt Don't Scream... Die mehr in die Richtung der puren Persiflage und entlarvt, dass das Spiel mit der Meta-Ebene weniger clever ist, wie man Glauben machen möchte. Da hat es der weitaus erfahrenere Craven mit seiner Einleitung der Slasher-Renaissance besser verstanden, mit den Regeln des Horrorfilms zu spielen und diese gekonnt zu überspitzen. Seinen Charme und Sympathien bezieht Don't Scream... Die mehr aus seinem merklich intendierten Trash-Ansatz und das man sich nicht allzu ernst nimmt; gerade mit Blick auf die Einbeziehung der Meta-Ebene, bei dem man gewahr wird, dass ein Genre-Fan am Werk war, welches aber durchaus Potenzial mit sich bringt. Mit seinem Debüt feiert Kanefsky eine launige Horrorparty und merzt die Schwächen seines Films vor allem damit aus, dass er ebenso spürbar eine mehr als gute Zeit beim Dreh hatte. 
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