Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Samstag, 9. November 2019

Tanz der Dämonen

Als selbst ernannter Filmkritiker oder sowas, der angeblich kluge Dinge über große und kleine Filme in den Äther hinaus bläst und seine Gedanken dazu mit anderen Menschen teilt, hat man es manchmal schwer, bei manchen Filmen den eigens gesetzten Anspruch an seine Besprechungen einzuhalten. Die Credits rollen noch über den Bildschirm und im Kopf formt sich bereits die Frage, was man nun eigentlich genau über den eben gesehenen Film überhaupt schreiben soll. Einige stellen einen vor die Herausforderung, gefühlt nicht immer das gleiche zu schreiben und dies - hier gelangt man wieder an den eigenen Anspruch - in nicht nur einem oder zwei Sätzen abzuhandeln. Charles Philip Moores Demon Wind gehört wahrlich dazu, wird hier doch schon sein deutscher Titel zu einer überaus generischen Sache. Diesmal sind es keine Teufel sondern dem dünnen Plot des Films folgend Dämonen, die damals sogar im Kino und später in der Videothek ihren Balztanz um die Aufmerksamkeit der Zuschauer vollführten.

Das Plakat teasert mit seinem minimalistischen Motiv an, dass der Schauplatz der Sause hier wie in Sam Raimis Kultklassiker wieder eine Blockhütte ist, an dessen Fenster sich zwei klauenbewehrte Hände unter diesem durchschieben, während eine dämonische Fratze angsteinflößend auf den Betrachter blickt. Die blutroten Lettern des Titels legen sich aufdringlich nieder während die simple Tagline uns in der Hölle willkommen heißt. Weniger durch eine wahrhaft infernalische Sause sondern eher durch sein schleppendes Plotgerüst wähnt man sich einige Minuten nach Filmstart tatsächlich im Höllenfeuer. Tanz der Dämonen schleppt sich wie ein angeschlagener Athlet Meter für Meter auf seiner Plotstrecke dem zu erwartenden Höllenritt entgegen um dann verwirrt im undurchsichtigen Nebel seines Storygewirrs stecken zu bleiben. Mit dem Auftritt der Dämonen wird das Script zu einem lauen Evil Dead-Rip Off mit Zombiefilm-Anleihen und leiert das Einmaleins des Horrors herunter und subtrahiert gleichzeitig wahrscheinlich unnötig empfundene Spannungsbögen.

Es liegt an der seltsamen Stimmung in seiner ersten Hälfte, dass ich letzten Endes beinahe milde Töne für Tanz der Dämonen anstimmen kann. Nicht, dass man in dieser einen tatsächlich bzw. ansatzweise guten Horrorfilm erwarten sollte. In der schleppend verlaufenden Geschichte um Cory, der nach vielen Albträumen zur darin vorkommenden Ruine des alten Farmhauses seiner Großeltern pilgert um herauszufinden, welche dunklen Geheimnisse die Vergangenheit seiner Familie birgt, tauchen einige kleine Einfälle so plötzlich auf wie Corys Freunde auf dessen Weg zum ehemaligen Hof der Familie. Beginnend mit der Rast an einer alten Tankstelle mitsamt Imbiss, die - wie sollte es anders sein - von einem um die dort lauernden Gefahren wissenden älteren Herrn betrieben wird, wabert eine alptraumhafte Atmosphäre durch den Film, in der die wenigen netten Ideen wie Moorlichter aufblitzen um sich langsam im Nebel der Einfaltigkeit aufzulösen. Der beginnende Dämonentanz wird zu einem Ballett der Dämlichkeit, in dem sinnentleerte Dialoge, stark bemühte Mimen und mit Traumlogik versehene Gruselelemente aufeinander treffen.

Aufkeimendes Amüsement über Ideen wie der Verwandlung einer jungen Frau in eine Puppe wird zugunsten einfach getrickster Gore-Eskapaden aufgegeben, die in ihrem mühsamen Aufbau leider mehr dem Ende des Films als dem mit nicht vorhandener Spannung erwarteten Finale entgegenfiebern lässt. Die dunklen Erinnerungen an Tanz der Dämonen, von dem ich nur noch wusste, dass ich ihn vor einigen Jahren beim ersten Sehen sehr dürftig fand, wurden leider doch bestätigt. Wäre der Film einen Mittelweg zwischen Splatter und surrealem Horror gegangen, wäre er ein vielleicht ebenfalls anstrengender, aber leidlich interessanter Film geworden. Lieber verschenkten die Schöpfer das zu Gunsten einer Dauerberieselung mit Bluteffekten, die hinter dem oft angesprochenen Ofen nicht richtig hervorlocken können. So verklärt kann man auf den Film leider nicht blicken wie man möchte, um da die wenigen Dinge, die man doch irgendwie gut findet, als gänzlich positives Gesamtergebnis dastehen zu lassen.

Samstag, 26. Oktober 2019

Slaughterhouse Rock

Den Grund der Bekanntheit einiger Filme aus dem Horrorgenre kann man grob in drei Kategorien aufgliedern: da wären die großen, selbst außerhalb des Genres angesehenen Klassiker, die sich über die Jahre zu Recht ein Standing im Filmbereich erarbeitet haben und durch ihre Qualitäten ein größeres Publikum überzeugen konnten. Weiter gibt es noch die von mir gern als Skandalnudeln bezeichneten Werke, die häufig durch das Stille-Post-Prinzip gepushten Filme, die durch ihren hohen Grad an auf der Leinwand ausgeübter Gewalt (noch besser, wenn bei irgendeiner Kino-Aufführung Menschen den Saal während des Films verließen oder sogar das Bewusstsein verloren) oder eine besonders beängstigender Stimmung zumeist bei jüngeren Menschen zu modernen Mutproben werden. Was früher die Mund-zu-Mund-Propaganda auf dem Schulhof war, verlagerte sich über die Jahre zu in Superlativen badenden Berichten besonders mutiger Hartheimer in Internet-Foren.

Einige Filme, die man in diese zweite Kategorie einordnen kann, findet durch diesen Umstand auch manchmal in der dritten: den Opfern der Justiz. Die Video Nasties, wie man sie in Großbritannien nannte, üben mit dem von Jugendschützern über sie gefällten Urteil einen Reiz des Verbotenen (nicht nur) auf das junge, nach Blut lechzenden Publikum aus. In der allgemeinen Video-Hysterie der frühen 80er Jahre trug der Rundumschlag der rechtssprechenden, deutschen Film-Inquisition einige zweifelhafte Entscheidungen davon. Während manche heutzutage als Klassiker anerkannte Werke durch einige engagierte Nischenanbieter mittlerweile von ihrem Status als besonders jugendgefährdender Film und aus dem Orkus dubioser, österreichischer Label, die einzig von diesen verbotenen Filmen zu (über)leben scheinen, befreit wurden, dürfen sich eben jene Anbieter darüber freuen, dass manche kleineren Filme, die keinen großen kommerziellen Erfolg versprechen, einzig durch den Status als beschlagnahmter Film über die Jahre im Bewusstsein der Fans überleben konnten.

Würde der auch unter seinem Alternativ-Titel Alcatraz Horror bekannte Slaughterhouse Rock (weswegen auch immer) nicht ebenfalls zu diesen überbösen Verbotsfilmen gehören, würden weitaus weniger Menschen überhaupt Notiz von ihm nehmen. Der End-80er-Horrorfilm müht sich, ganz eigenständig im Bestreben zu agieren, unbemerkt Elemente des Klassikers A Nightmare on Elm Street in seine Story unterzubringen. Die Alpträume, welche seine Hauptfigur Alex ereilen und mit einfach getricksten, hübsch matschigen F/X bestechen, versuchen die Grenze zwischen Traum und filmischer Wirklichkeit zu verwischen. Die grauigen Nachtmahre und Visionen eines dämonischen Folterknechts, der es sich im berühmtesten Knast der Weltgeschichte - Alcatraz - gemütlich gemacht hat, plagen diesen so derart, dass er sich schwer auf das College konzentrieren kann. Bekräftigt von seiner Lehrerin, die sich als Expertin für okkulten Schnickschnack aller Art entpuppt und das geheimnisvolle Traumknäuel so plötzlich wie sie in den Reigen der näher beleuchteten Pappfiguren aufsteigt, entwirren kann sowie seinen Freunden, die dem leidenden Jungen helfen möchten, schippern sie in einer wortwörtlichen Nacht-und-Nebel-Aktion zur Gefängnisinsel auf der das dämonische Böse sowie eine tote Rockband mit unglaublich nerviger Frontfrau auf die Kids und Frau Lehrerin warten.

Besagte Rockröhre, dargestellt von der eher im englischsprachigen Raum bekannten Sängerin Toni Basil, bringt einen für die Stimmung des Film unpassenden Schwenk in Richtung Komödie mit lustig gemeintem Gefuchtel und Sprüchen mit sich, der dem bis dahin durchschnittlich geratenen Horrorfilm mehr schadet als gut tut. Die krampfig-kämpferische Stimmungs-Ansage mit der auf Anschlag gehauenen Nebelmaschine, die dem nächtlichen Setting Atmosphäre verleihen soll, verstummt abrupt, wenn kurz zuvor den filmischen Exitus erreichte Charakter in American Werewolf-Manier als Tote wieder auftauchen und mit humoresken Sprüchen ihr Ableben kommentieren und Alex weiterhin zur Seite stehen wollen. Slaughterhouse Rocks Grundton bleibt die ganze Laufzeit über fahrig; selten kann der Film mit gut gelungenen Momenten überzeugen. Dazu gehört eine technisch gute, aber auch für die Szene belanglose, längere Kamerafahrt in einem Diner. Die einzelnen Bausteine des Scripts wurden mit wenig Gespür, geschweige denn Liebe für das Genre-Handwerk zusammengefügt.

Hat man alles schon gesehen; besser, detaillierter, liebevoller. Sein hierzulande seit 1991 bestehender Verbotsstatus rettet den Film eher noch den bisherigen Anbietern der Uncut-Fassung, dass ständig nachkommende, junge Fans die in die Welt des Verbotenen eintreten, diesen uninspirierten Eintrag in der glücklicherweise langsam geringer werdenden Liste an Filmen weiterhin bzw. überhaupt kaufen. Ohne diesen erlangten Status, der aus heutiger Sicht in keinster Weise überhaupt mehr erklärbar bzw. gerechtfertigt ist, wäre Slaughterhouse Rock längst in Vergessenheit geraten. Das äußerst selten abgerufene Potenzial verwässert zu einem spannungsarmen Film irgendwo zwischen Freddy Krüger-Rip Off, Slasher- und Dämonen-Horror, dessen - auch das muss man mögen - billigen Gore-Effekte fast schon zum eigenen Ärgernis für sich selbst zu den besseren Momenten des Werks gehören, dass ansonsten eine belanglose Fußnote in der großen Welt des Horrors ist.



Montag, 21. Oktober 2019

Puppet Master - Das tödlichste Reich

Handelt es sich beim neuesten Teil der Puppet Master-Reihe, diesem langlebigen, aus den Full Moon-Studios stammenden Franchise, noch um eine Reboot oder um einen verkappten Fan-Film? Ein Dutzend Filme später wurde der Zähler so ziemlich auf 0 gedreht. Die in ihrer Qualität schwankenden Sequels werden von Drehbuch-Autor S. Craig Zahler zu Gunsten einer neuen Mythologie um den französischen Puppenmacher André Toulon und seine auf übernatürlichem Wege zum Leben erweckten Schöpfungen ignoriert. War Toulon in der Original-Reihe ein Opfer der Nazis, so stellt er sich laut der comicartig inszenierten Vorgeschichte innerhalb des Vorspanns in die Dienste der Nationalsozialisten. Gleich, ob die altbekannten und wenigen neuen Puppen auf der Seite des Guten oder des Bösen wandeln, bleiben sie gegenüber den Mimen aus Fleisch und Blut unübersehbar weiterhin die eigentlichen Stars des Films. Um diese herum wird mit The Littlest Reich (engl. OT) ein gewaltiger Splatter-Trip jenseits des guten Geschmacks gestrickt, der den Anschein erweckt, dass der Script-Autor den Kern der ursprünglichen Reihe nicht verstanden hat oder verstehen möchte.

Puppet Master zeichnet sich durch eine kindliche Naivität in der Ausgestaltung der Geschichte aus, die mehr noch in manchen Sequels zum Tragen kommt, wenn Nazis - once again - in einem US-amerikanischen Genrefilm zum ultimativen Bösen werden, gegen die sich ein von diesen verfolgter Handwerker mit seinem erschaffenen Spielzeug stellt. Die durch ein von Toulon entwickeltes Serum zum Leben erweckten Puppen werden in den Fortsetzungen zu wortwörtlichen Good Guys, wenn sie sich dem Nazi-Pulk kämpferisch entgegenstellen und hiermit kindliche Fantasie während eines Spiels zu Narrative für eine Horrorfilm-Reihe wird, die sich während der verschiedenen Zeitlinien, die sich innerhalb dieser entwickelten, häufiger dem Fantasy-Genre zugewandt hat. Zahlers Neuansatz bricht damit und übernimmt in wenigen Teilen das Grundszenario des ersten Teils, in dem ebenfalls ein Hotel zum Hauptort der Handlung wird. 

In Das tödlichste Reich reisen Comiczeichner Edgar, der seit seiner Scheidung wieder bei seinen Eltern lebt und im Comicladen seines Freundes Markowitz jobbt, mit diesem und seiner neuen Freundin Ashley zu einer Convention, die anlässlich des dreißigsten Jahrestages der sogenannten Toulon-Morde veranstaltet wird. Neben einer Führung durch das Haus, in dem sich die im Prolog geschilderten Vorkommnisse ereigneten, soll dort auch eine Auktion stattfinden, auf der an die 60 von Toulon gefertigte Puppen versteigert werden sollen. In der Nacht vor der Auktion mehren sich die seltsamen Ereignisse, die der Film ausgiebig zur Schau stellt. Die von Toulons lebendig gewordenen Puppen vollübten Morde werden nach der widerwärtigen Ideologie der Herren ihres Schöpfers vollzogen und "lebensunwürdige" Menschen wie Homosexuelle oder Juden dezimiert. Das vom lebendigen Spielzeug vollzogene Massaker ist eine Ansammlung episodischer Mordszenarien, die mit ihrem aggressivem, schwarzen Humor und derben Einfällen fernab jeglicher Political Correctness auffallen.

Das "verweichlichte" Franchise bekommt durch die Feder Zahlers in seinem Reboot einen harten Grundton, der keine positiven Vibes zulässt. Das steht dem Film keineswegs schlecht und gebiert einige krude Szenen, die manchen Gemütern aus verschiedenen Gründen schwer im Magen liegen dürften. Verblüffend blutige Effekte visualisieren Ideen, die in Fun-Splatter-Filmen oder Gore-Eskapaden aus den 90ern und frühen 2000ern ebenfalls gut untergekommen wären. Autor Zahler und sein Regie-Duo Sonny Laguna und Tony Wiklund ignorieren den gegenwärtigen liberal-offenen Ton und orientieren sich an Schwarz-Weiß-Gedankenkonstrukten aus Filmen der 80er. The Littlest Reich ist die Apokalypse in einem kleinen, filmischen Kosmos aus der es kein Entrinnen gibt; die kühle Atmosphäre stärkt die vorherrschende Stimmung der Ausweglosigkeit, bei der kein Licht am Ende des sprichwörtlichen Tunnels, geschweige denn ein Happy End, in Sicht ist. Lagunas und Wiklunds Umsetzung von Zahlers Script ist ein regelrechter Hardgore-Film der sich an kurzlebigeren Genre-Eigenheiten wie Naziploitation orientiert. 

Die Überzeichnung dürfte den Film nicht davor schützen, dass er durch die rigorose Gnadenlosigkeit, mit der die Puppen gegen Gesellschaftsgruppen vorgeht, von einigen scharf angegangen wird. Darf man heute noch fast blauäugig, manche würden ignorant sagen, wie in alten Jahrzehnten Horror inszenieren und die heutige gesellschaftliche Toleranz ignorieren? Der Film eckt gewollt an; seine Provokationen und Geschmacklosigkeiten lassen kurzzeitig den Mund offen stehen und besitzen zeitgleich den Nachgeschmack, dass der (inoffiziell) 13. Film des Franchise diese in die Pubertät bringt und zu gewollt mit Provokationen um sich wirft. Das Script wirkt in seiner episodischen Money Shot-Revue wie ein Fan-Film, der zeigt, was man alles abartiges mit den Toulon-Spielzeugen anstellen könnte. Die neuerliche Dämonifizierung der Puppen macht aus diesen leider ebenso seelenlose Werkzeuge, weit entfernt von ihren Epigonen aus der Hauptreihe, welche bei aller kostengünstigen Trickserei dort weit mehr Persönlichkeit und Eigenleben besitzen als ihre Gleichnisse aus Das tödlichste Reich.

Der leicht bittere Nachgeschmack des Films entsteht weniger durch seine plump-rotzige Sprache und der simplen Ausgestaltung der Story. Irgendwann wünscht man sich nur etwas mehr Background, angefixt von den durch aus guten und für die Reihe Puppet Master frischen Ansätze. Das bleibt aus und Das tödlichste Reich bleibt dieser im Unterton leicht danebene, nicht unsympathische B-Movie der sich von den Vorbildern aus früheren Jahrzehnten nicht groß unterscheidet. Pulpige Schludrigkeit, welche der Geschichte gute Momente raubt und auch den grimmigen Humor teils nicht komplett zünden lässt. Das zunächst unbefriedigende Ende kündigt in großen Lettern eine Fortsetzung an, die dann hoffentlich wirklich mehr davon bietet, was man sich wünscht: das auch mit Das tödlichste Reich eine eventuell weitere, alternative Zeitlinie in der Reihe begonnen wird, die nicht unbedingt so ausarten muss wie diese, aber einige Liter frisches (Kunst-)Blut in die Marke Puppet Master pumpt. Vielleicht sollte S. Craig Zahler nicht nur weiter an der Story schustern sondern diese auch gleich selbst umsetzen. Manchmal fehlt dem Regie-Duo die nötige Kraft, den manchmal undankbar generischen Stoff des Scripts so garstig umzusetzen, wie Zahler diesen wollte.

Mittwoch, 16. Oktober 2019

[Rotten Potatoes #3] Skin Creepers

Horror zweifacher, gänzlich unterschiedlicher Natur, schlängelt sich durch Skin Creepers und lässt dem "reellen" Grauen lange Raum zum Entfalten. Bevor die übernatürliche Komponente - zuerst mit kurz gehaltenen Rückblenden in die Handlung gebracht - die Überhand gewinnt, werden die beiden Protagonisten Daniel und Ben mit den Schwierigkeiten ihres persönlichen Projekts konfrontiert. It's all about the struggle being an independent filmmaker. Zwei Brüder, ein Traum: eigentlich wollen sie nur ihre Idee, den Traum vom eigenen Film, umsetzen. Ein hochkarätiger Erotikthriller von internationalem Format soll es sein. Doch die Produktion ist mit vielfältigen Problemen vorbelastet. Die ausgesuchte Location ist eine heruntergekommene Fabrikhalle, die einer großen Filmproduktionsgesellschaft gehört, deren schnöseliger Obermufti nicht gewillt ist, diese zur Miete abzugeben. Die Kosten für den Film, von denen mehr als die Hälfte die Gage für die aus den USA eingeflogene Hauptdarstellerin Sasha Blue verschlingt, wachsen immens; in die Presche soll der zwielichtige Zuhälter Lederkalle als zusätzlicher Geldgeber springen.

Der komödiantische Ton von Skin Creepers entpuppt sich als launige Angelegenheit, die zwei sympathischen Figuren mit den Schwierigkeiten einer unabhängigen Filmproduktion konfrontiert. Debütant Ezra Tsegaye erdachte mit seinem Co-Autoren Sebastian Kühne eine erzählerisch nicht immer ausgeglichene Geschichte, die dem Horror zunächst wenig Platz zur Verfügung stellt und lieber mit Andeutungen in kurzen Rückblenden arbeitet. Zunächst ergeht man sich in der stereotypen Darstellung des Loser-Brüderpaars und ihrer dezent übergeschnappten Vision vom nächsten dicken Filmbrocken, der seismische Schwingungen in die Filmwelt bringen soll. Die planlosen Herren, von ihren Darstellern Nicolás Artajo und Nicolas Szent lässig gespielt, entpuppen sich als mit der Situation überforderte, gescheiterte Regisseure. Amateure die Hollywood spielen und mit einem schalen Porno den großen Gewinn einstreichen wollen. Living in oblivion mit dem Traum, aus der unendlichen Dimension des (semiprofessionellen) Hobbyfilmers und dessen Schlund des Vergessens auszubrechen. Gemessen an Auswüchsen des unabhängigen deutschen Horror-Films bildet Skin Creepers eine fragile Meta-Ebene.

Die überzeichnete, zumeist von Klischees beherrschte Story drängt einem förmlich die Interpretationsmöglichkeit auf, dass Tsegaye ironisch persönliche Probleme mit der Realisierung eines Films in die Story einflechtet. Tiefer als mit dem erdachten Handlungsverlauf Situationskomik zu erzeugen, geht Tsegaye leider nicht. Ben und Daniel als Sinnbild gewordener Kommentar auf Amateurfilmer aus der deutschen Genreszene zu sehen, lässt Tsegaye zugunsten des weiter auf lustig getrimmten Horror zerbrechen. In der damit eingeläuteten zweiten Hälfte geht seinem Drehbuch die Puste aus. Das im Hotelzimmer Sasha Blues befindliche Bild mit diabolischer Aura, dessen Bann aus dem Porno-Sternchen wortwörtlich eine dämonische, Allüren auslebende Oberdiva werden lässt, stellt die beiden Nachwuchsregisseure vor weitere Probleme. Sasha beißt am ersten Drehtag einem bei Lederkalle ausgeliehenen Mädchen die halbe Lippe ab, lässt so dem Duo mächtig die Düse gehen und sie versuchen, der Besessenen den Leibhaftigen wieder auszutreiben, als diese erkannt haben, womit sie es zu tun haben. In ihrer Verzweiflung rufen sie sich einen abgehalfterten und sein Geld im Internet Astro TV-like als Lebensberater verdienenden Prediger, der Sasha Blue wieder in Normalzustand versetzen soll.

Während Tsegaye im vom Humor geprägten ersten Teil mit den Mystery-Einschüben einen gewissen, gering gehaltenen Grad an Spannung erzeugen kann, wird dem Horror in der zweiten Hälfte durch langgezogene, geschwätzige Szenen jegliche Kraft genommen. Ausufernde Erklärungen des von Dieter Landuris hübsch schrullig dargestellten Predigers und eine steife Orientierung an Friedkins Klassiker The Exorcist, bei der selbst die Abweichungen und der Versuch, einen eigenen, erklärenden Mythos zu etablieren nicht fruchten, bringen dem Zuschauer mehr Ungeduld als Interesse am weiteren Verlauf des Plots. Die darin schlummernden Ideen müssen in langen Mono- oder Dialogen erzählt werden, was man lieber dargestellt hätte. Im Finale angelangt, gelingt es dem Film kaum, seine dösige Narration mit seichtem Effektgewitter abzuschütteln. Die eingestreuten, saftigen Gore-F/X können sich sehen lassen, bleiben leider eher eine Fußnote der schwächelnden Story. Der einfache Humor, dessen laue Situationskomik durch gut aufgelegte Darsteller aufgewertet wird, ist kaum mehr präsent und Skin Creepers büßt die Chance ein, eine nicht gerade originelle, aber kurzweilig spaßige Horrorkomödie zu sein.

Mit dem gebotenen Production Value seines Films muss sich Tsegaye nicht mal verstecken. Skin Creepers sieht ordentlich aus und ist weit weg vom Schicksal des Films seiner Protagonisten, ein billiges Machwerk zweifelhafter Natur zu sein. Bei den sichtbar einfach getricksten Visual F/X drückt man ein Auge zu und will mehr positives beim Film finden, da man ihm anmerkt, dass seine Macher hundertprozentig hinter ihrem Werk stehen uns so viel Herzblut wie die Protagonisten mitbringen. Leider ist das Verhältnis zwischen funktionierendem Horror- und Komödienpart zu unausgeglichen. Skin Creepers verschenkt viel und bleibt im Niemandsland des Durchschnitts stecken. Bleibt seinem Schöpfer zu wünschen, dass er Aufgrund der besseren ersten Hälfte nicht von findigen Produzenten seichter Komödien für den deutschen Kinomassenmarkt gefunden wird. Man sollte ihn lieber noch mal üben lassen, ein besseres, ausgeglicheneres Verhältnis zwischen kraftvollem Horror und verschmitztem Humor zu finden.

Dienstag, 1. Oktober 2019

Rambo: Last Blood

Im Jahr 1982 wurde das erste Blut vergossen, als Sylvester Stallone die Filmbühne als vom Vietnamtrauma geplagten Veteranen John Rambo betrat. Über die Jahrzehnte hinweg baute Stallone neben seinem Boxer Rocky Balboa eine zweite, für sein eigenes filmischen Vermächtnis sowie für das Actionkino der 80er Jahre ikonische Figur auf. Als diese ersten Blutstropfen aus dem ständig im Kampfmodus befindlichen, ruhelosen Ex-Soldaten flossen und er im ländlichen Amerika dank eines erzkonservativen Sheriffs erst zum Gejagten und dann zum in die Ecke gedrängten Opfer und Jäger wurde, wurde gleichzeitig das amerikanische Actionkino defloriert. Ist First Blood ein schauspielerisch manchmal bemühtes, deprimiert gehaltenes Vietnam-Drama, dass mehr und mehr zum Action-Thriller wird, wandelte sich die Reihe mit ihren drei Sequels zu Filmen, die in ihrer reaktionären Totalität nur von den ekelhaft vor Konservativität triefenden Cannon-Produktionen mit Chuck Norris übertroffen wurden.

Die Kritik am zweiten Teil bezüglich seiner Haltung gegen über der Vietnamesen, seinem Rassismus: es ist nachvollziehbar. Als reiner Action-Film bumste er mit seinem Breitwand-Feuersturm den Zuschauer in dessen (Kino-)Sessel und das Genre in eine neue Dimension. Selten sah sowas bis dahin und selbst bis heute so gut gefilmt aus wie hier. Nach der vielen Schelte über die erste Fortsetzung, packte Stallone mit dem UdSSR-Einzug in Afghanistan ein (zur Produktionszeit) heißes Eisen an, dass beim Kinostart längst wieder abgekühlt war und schaffte es mit dem philantropischen Ton von Rambo 3 sogar, bei aller Mittelmäßigkeit des Films, dass man diesem in West-Deutschland das Prädikat "besonders wertvoll" verlieh. Lange Zeit durfte die Figur im Ruhestand verweilen, bis Stallone nochmal Blut leckte und dieses im vierten Aufguss, schlicht John Rambo benannt, eimerweise über seine Feinde und das Publikum kübelte. Das vom Action-Altstar gewollte Abbild des realen Kriegsschreckens verquickt dabei Mechanismen des Splatter-Kinos mit Old School-Action.

Elf Jahre gingen ins Land bis nun - laut Titel wohl final - das letzte Blut von John Rambo vergossen wird. Last Blood will wieder einmal die - gemessen an Teil 2 und 4 - gesteckte Messlatte an krachiger Action der guten alten Zeit ein Stück weiter nach oben setzen. Das blutige Superlativ bricht als ausgedehnte Zelebrierung stumpfer Action im Finale für gut zwanzig Minuten über den Zuschauer herein und bietet Explosionen und viele blutig zerfetzte und vom kalten Stahl der von Rambo teils selbst geschmiedeten Messer penetrierte Leiber. Zwischen kaltschnäuziger Gnadenlosigkeit und heißblütiger Körperlichkeit wird ein abschließendes Feuerwerk an Actionszenen abgebrannt, auf das kein weiterer Teil folgen sollte und muss. In den elf Jahren seit Rambos letztem Auftauchen haben sich die Zeiten auf der Leinwand und der Weltkarte verändert. Mittlerweile ist das, was Stallone mit seinem Regisseur Adrian Grünberg bietet, Kino für alte, weiße, heterosexuelle Actionfans. Ein Hauch Trump weht scheinbar in der Geschichte, wenn der nach Rache sinnende, weiters ruhelose Veteran John Rambo mit seinem Pick-Up nach Mexiko brettert, um seine Nichte aus den Fängern von Mädchenhändlern zu befreien.

Beinahe erwartet man, dass Stallone nicht nur Messer und Wumme, sondern auch Backsteine, Kelle und Mörtel einpackt, um noch schnell an der Grenze eigenhändig eine Mauer hochzuziehen. Bis der Film seinen Climax erreicht, versucht man sich krampfig daran, eine Geschichte zu erzählen, die dünn davon handelt, dass Rambo nach all den Jahren weiter geplagt ist vom Trauma, wie viele seiner damaligen Genossen mit den schrecklichen Eindrücken allein gelassen; sich mit den Umständen der gegenwärtigen Zeit arrangierend, schläft er nicht im Haus seiner Ranch im tiefsten Texas, sondern in den von ihm auf dem Gelände eigens gegrabenen Tunneln. Rambo kann sie alle zerficken; nur das traumatische Kriegsschicksal hat diesen gebrochenen Mann schon längst komplett gefickt. Aus dem erkalteten und versteiften Botox heraus blickt Stallone mühsam gebrochen in seine Hände, in die Wüste, in die Kamera. Wenn seine Nichte Gabrielle durch die Hilfe einer Freundin den lange abstinenten Vater ausmacht, ihn zur Rede stellen will, aufsucht und dabei in die Fänge kaltblütiger Zuhälter und Mädchenhändler gerät, was unwiderruflich in einen letzten, finalen Schlag des Schicksals gegen John Rambo mündet, quält der Plot mit Umständlichkeit und aufgesetzten Dialogen.

Das letzte Aufbäumen seiner Figur und von Stallone selbst, der diese im Abspann mit einem Zusammenschnitt von Szenen aus den bisherigen und dem neuesten Werk der Reihe würdigt, ist mühselig und traurig anzuschauen. Der kalte, digitale Look des Films bettet ihn in ein hässliches, trübseliges Kleid, dass so billig wirkt, dass man Angst bekommt, dass aus einer dunklen Ecke im nächtlichen Mexiko ein beleibter Steven Seagal um die Ecke biegt und wie der Confused Travolta dreinschaut, weil er meint, es würde gerade sein eigener, neuester C-Actioner gedreht werden. Last Blood ist in vielen Dingen hässlich: in der Umsetzung seines Plots, der mehr als nur zweckdienlich auf die finale Konfrontation hinarbeitet und nicht einmal Spannung aufkommen lässt; in der Darstellung der rohen Gewalt, die einige herbe Szenen bietet, die mit ebenfalls hässlichen wie manchmal sehr mauen, digitalen F/X hergestellt wurden; und in seiner Zelebrierung der Genre-ikonischen, mittlerweile überholten Figur des John Rambo. Die alten Actionhelden sind tot. Sie haben sich selbst überlebt und sind verblassende Bilder einer alten Zeit.

Stallones Bemühen, gegenwärtige Strömungen mit dem Ton einiger Filme der "guten, alten Zeit" zu vermengen ist gescheitert wie seine Figur, sich in der Post-Vietnam-Welt zurechtzufinden. Sein einsames Zurückbleiben im Schaukelstuhl lässt am Ende auf ein leises Beenden der Reihe vermuten. Wenige Minuten später reitet John auf seinem Pferd den Bergen entgegen und man hofft, dass er dort seinen Frieden findet und nicht mehr vom Berg heruntersteigt. Rassistische Stereotypen, die die Antagonisten so unsympathisch wie nur möglich erscheinen lassen, gute amerikanische Bürger die unter schweren seelischen Lasten für die aufrecht zu erhaltenden Werte ihrer Nation einstehen und ein Rollenbild, bei dem einige Vertreter leichte Verätzungen im Gefühlsleben durch deren toxischen Maskulinität davonzutragen schienen, sind lange nicht mehr zeitgemäß. So ernst, wie Stallone seine dünne Geschichte nimmt, muss jeder Versuch, sowas wie Actionfilme aus den 80ern und frühen 90ern ironisch oder mit neutralem, distanziertem Blick zu schauen, scheitern. Seine Version eines altmodisch gefärbten, in den Strömungen des gegenwärtigen Genres paddelnden Films geht größtenteils baden und lässt einzig mit dem antrocknenden Blut des Zwanzig-Minuten-Geschnetzels verwundert bis halbwegs beeindruckt durch diese knallharte Kompromisslosigkeit zurück. Wollen wir hoffen, dass Last Blood tatsächlich das letzte Auftreten von John Rambo war.

Sonntag, 29. September 2019

The Possession of Hannah Grace

In drastisch überspitzter und pervertierter Weise erinnern Horrorfilme auch daran, dass jedem Ende ein Anfang innewohnt. Die Präsenz des Todes, der ständige Verfall dem wir Menschen unterliegen: er wird uns in gruseliger und/oder gewaltsamer Szenerie vor Augen geführt. Der für uns unausweichliche Moment wird ein Spiel mit dem Adrenalinspiegel des Zuschauers und erinnert in unserer alltäglichen Verdrängung seine unterschwellige Präsenz in vielen Situationen des Lebens. Der grimme schwarze Schnitter kann jederzeit zuschlagen und mit vielen Gesichtern erscheinen. Unsere verborgenen Hoffnung, ihm so lange wie nur möglich zu entkommen bevor die letzte Stunde schlägt, wird romantisiert, makaber oder plump derb in düstere Kunst verwandelt. Das Spiel mit der Angst, dass Kitzeln menschlicher Urängste wurde im Film über die Jahre zu einem großen Industriezweig, dessen Kommerzialität der Kunstform Film Freiraum für frische Ideen raubt.

Technisch routinierte Ware, die ein Gros des Publikums erreichen kann und künstlerisch anspruchsvoll ist bzw. den Limitationen des Genres neue Ansätze entlocken kann, ist - zumindest im Mainstream - rar geworden in jenen Zeiten. The Possession of Hannah Grace trägt Momente in sich, die die Hoffnung auflodern lassen, dass er so etwas bewerkstelligen könnte. Wieder steuert ein Ende, in diesem Falle das Ableben titelgebender Hannah Grace, gleichzeitig auf einen Anfang zu. Der Exorzismus der von einem mächtigen Dämon besessenen jungen Frau scheitert. Sie stirbt und macht Platz für Protagonistin Megan, deren für sie unrühmliches, eigentlich traumatisch bedingtes Ende bei der Polizei der Beginn ihrer Anstellung in der Gerichtsmedizin eines Krankenhauses ist. Während ihrer Nachtschichten nimmt sie die dortigen Neuzugänge in der Kartei auf und bereitet diese auf die Obduktion vor. In ihrer zweiten Nacht nimmt mit der Einlieferung der übel zugerichteten Leiche einer jungen Frau der Schrecken seinen Lauf. Ein Obdachloser dringt unbemerkt in das Krankenhaus ein, versucht die frisch eingelieferte Leiche zu verbrennen und auch sonst gibt die Tote der jungen Ex-Polizistin einige Rätsel auf.

Ein fremdartig schöner Ausdruck liegt auf dem Gesicht der jungen Toten und ihr offensichtlich gewaltsamer Exitus schenkt ihr eine Aura zwischen erschreckend abstoßend und makaber anziehender Schönheit. In diesen kurzen Augenblicken gibt der Film den Blick auf die zwei Extreme des Todes - seine wie im Gothic Horror romantisierte Schönheit und die gleichzeitig erschreckend direkte Message des unumgänglichen Endes - frei, gebettet in eine eigentlich ansprechend dichte Atmosphäre. Ihr liegt eine Traurigkeit inne; Anspielungen, Rückblicke - sie geben vereinzelte Einblicke in Megans Vorgeschichte, die sie zu dieser Anstellung und diesem kleinen Neuanfang führte. In teils bemühter Subtilität versucht sich The Possession of Hannah Grace als klassisch tragischer Horrorstoff; das Trauma seiner Protagonistin dient dazu, sie mit diesem durch die irrationale Situation, in der sie sich befinden wird, erneut zu konfrontieren. Das sie es bewältigen wird, liegt ebenso auf der Hand wie die Tatsache, dass die Leiche als Hort des Bösen weniger im Reich der Toten verhaftet ist wie zuerst angenommen.

Zu Beginn kreiert das Script ein ansprechendes und Spannung versprechendes Szenario. Megans Persönlichkeit wird einiges an Raum geschenkt, die Nachts so gut wie verlassene Gerichtsmedizin gewinnt als zusätzlich Atmosphäre aufbauendes Setting, in dem man sich selbst nicht gerne befinden möchte. Die anfänglich leise eintretenden Schauereffekte bieten bei weitem nichts neues, beziehen ihre Effektivität aus der abgeschlossenen bzw. beschränkten Räumlichkeit. Das sich aufbauende ungute Gefühl im Wissen um die Hintergrundgeschichte der für Megan unbekannten Toten ist ein erster, kleiner Pluspunkt für den Film, der in seinem weiteren Verlauf einsam allein auf der Pro-Seite des Werks verweilen muss. Allzu hastig schwankt The Possession of Hannah Grace trotz spannender und interessanter Ausgangslage zwischen bemühtem Horror mit dramatischem Unterbau und ärgerlichem Jumpscare-Einerlei, garniert durch eine immer munter werdende Leiche, deren Bewegungsabläufe an die von Kayako, der furchterregenden Geister-Mutter aus dem japanischen Horrorfilm Ju-On: The Grudge, erinnern.

Laut. Übersteuert. Einfallslos. Attribute, die man dem Film leider zugestehen muss. Der Gedanke, was nach einem fehlgeschlagenen Exorzismus passiert und die Gegenüberstellung im Wirken des Todes auf den Zuseher, ist eine interessante Idee, deren Ausarbeitung im Gesamteindruck mangelhaft ist. Das hätte ein Geheimtipp á la The Autopsy of Jane Doe werden können. Zwar macht auch dieser - ebenfalls durch seine zugänglichere, simpler gehaltenen zweiten Hälfte - auch nicht alles richtig, aber überzeugt viel mehr durch seine dichte Atmosphäre und der durchgehenden Spannung in der ersten Hälfte. So wird mehr der Verlauf und die Wandlung des Films mehr zum Drama als seine Geschichte. Das Finale wirkt schludrig, Megans Traumabewältigung wird als nötiges Übel abgefrühstückt, bevor das versöhnliche Ende auf die Credits zusteuert. Schreckenerregend ist am Film letztendlich einzig die Tatsache, wie leichtfertig er seine gute Idee immer weiter zu einer gefühllosen und einfallslosen Horrorposse werden lässt.

Donnerstag, 19. September 2019

Der goldene Handschuh

Ein kleiner Mann, sichtlich gegerbt vom Leben, steht in der Tür zwischen Wohnstube und kleiner Küche und schimpft über den von seinem Besuch angesprochenen Gestank, den sein kleines Wohnreich durchflutet. Es sind "die scheiß' Griechen unter ihm", welche "von morgens bis abends Lamm und all so'n Zeug" kochen und damit das Haus vollstinken. Das Gezeter wird mit leicht ostdeutschem Dialekt durch die Lippen in den Raum geschleudert; die Szene spielt in den 70ern und irgendwie denkt man sich, dass sich im Vergleich zu heute nicht wirklich was geändert hat. Der Name des schimpfenden Herren ist Fritz Honka, ein dem Anschein nach vom Leben und der Trunksucht mitgenommener, einfacher Mann. Während viele Menschen metaphorisch ihre Leichen im Keller haben, hat Honka diese wortwörtlich hinter seiner Zimmerwand. Gelegenheitsprostituierte, obdachlose Frauen, verlorene Seelen, welche er in seiner Stammkneipe - dem goldenen Handschuh - und ebenso wie er sichtlich vom Leben und dem Alkohol ausgezehrt, werden von ihm in Hoffnung auf Sex und vielleicht auch auf etwas mehr Menschlichkeit in seine Dachstube gelockt und überwältigt von seinem ungestümen Trieb umgebracht.

Die Leichenteile entsorgt er teils in Müllbeuteln, die er in alten Industrieanlagen etc. versteckt oder in einem dürftig vernagelten Loch in seiner Wohnzimmerwand, von wo aus der süßliche Duft des Todes seinen Gestank in Honkas Reich ausbreitet. Er wollte schon immer einen Horrorfilm machen, erklärte Fatih Akin während der Promotion-Phase zu seiner Verfilmung von Heinz Strunks Buch Der goldene Handschuh, beruhend auf dem Leben und den Taten des echten Fritz Honka, dessen mörderisches Treiben erst durch einen Brand in seinem Wohnhaus durch das auffinden von Leichenteilen durch einen Feuerwehrmann entdeckt wurde. Akins Umsetzung erinnert weniger an düstere Serienmörder-Filme wie John McNaughtons Henry oder Finchers Se7en, welche in ihrer Stilistik neben Thriller- oder Drama-Elementen sichtbar eine Brücke zum Horror schlagen. Der goldene Handschuh ist deutscher Autoren-Horror, weit weg von üblichen Formeln des Genres, was dem Film die Unterbringung in die Rotten Potatoes-Rubrik verwehrte.

Strunk nicht unähnlich, blickt Akin in seiner Umsetzung nicht alleine auf das Leben eines Mannes, der durch seine in Heimen verbrachte Kindheit und durch Unfälle, Krankheit und Alkoholsucht ein wenig attraktives Äußeres besaß, welches sein Selbstwertgefühl äußerst niedrig hielt. Der goldene Handschuh streift durch das Kiez-Milieu Hamburgs mit seinen schrulligen, traurigen und gebrochenen Gestalten und schält seinen Protagonisten und seine Stammkneipe als dessen Mittelpunkt heraus. Soldaten-Norbert, Doornkaat-Max, Tampon-Günther, Anus: sie bleiben Kuriosa der Geschichte; im Buch "die Schimmligen" genannt; Hamburger Originale von ganz unten, um anscheinend den nüchternen Blick auf Honkas Treiben aufzulockern. Ein Ankerpunkt für das Publikum, an dem es Rasten kann, bevor der gammelige Gestank, spärlich von Raumduftsprays und einer Armada Wunderbäumchen bekämpft, phantomartig die Nase des Zuschauers wieder kitzelt. Was Heinz Strunk in schockierend quälend langen Szenerien beschreibt, konzentriert Akin in seinem Film zu abstoßenden Momentaufnahmen, die berechnend zwischen Schock und Aussparung pendeln. Wirksam ist beides.

Im Buch klebt man mehr an "Fiete", wie Honka gerufen wurde, ist näher an der Figur dran; Akin bewahrt sich eine Distanz. Starr bleibt die Kamera beispielsweise vor Honkas Schlafzimmertür stehen und gibt vom Treiben des Mannes mit den wehrlosen Frauen so viel Preis, wie es der schmale Durchgang zulässt. Morde geschehen zudem meist im Off und lassen das Kopfkino des Zuschauers den Rest erledigen. Mehr ist Akin bemüht, einen Einblick in das trostlose Leben und das Umfeld des Protagonisten zu geben. Trotz der neuen Arbeit nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit, einem versuchten Entsagen vom Alkohol bleibt unmissverständlich zu sehen, dass Honka mit seinem Milieu verzahnt war. Ein Zwischenfall auf der neuen Arbeit, sein (erneutes) soziales Scheitern treibt ihn zurück in die Arme des Alkohols, der ihm nur für kurze Zeit Wärme schenkt. Der goldene Handschuh ist dabei Sammelpunkt für die Leidgenossen, die zwischen ihren gegenseitigen Derbheiten und dem rauen nordischen Charme wohl auch sowas wie Sympathie für einander empfinden können, wenn sie nicht vom betörend betäubenden Fusel verblendet werden.

Akin arbeitet brav die wichtigsten Punkte der Buchvorlage heraus, schreitet flotten Schrittes zum Finale um bis dorthin in einen spröden Erzählstil zu verfallen, der entfernt an den des neuen deutschen Films oder Kurt Raabs Die Zärtlichkeit der Wölfe (hier besprochen) erinnert. Wenig spannend, weniger schockierend oder gleichzeitig faszinierend wie anekelnd als manche Passagen des Buchs bleibt Der goldene Handschuh eine durchaus interessante Sozialstudie, ein Sozialdrama das leicht genug bleiben möchte, um das deutsche Mainstream-Publikum aus dem Mittelstand und darüber hinaus in ihren kuschelig-weichen Kinosesseln oder auf ihren monströsen Wohnlandschaften zu gruseln. Manchmal verirrt sich Akin in seiner Faszination von dieser Welt von unten und treibt planlos durch die Geschichte. Planlos bleibt man auch beim kleinen Nebenplot um Jungspund Willi und seiner Angebeteten Petra, der diese irgendwann nach einer ersten Solo-Erkundung in die titelgebende Kneipe einlädt.

Sie scheinen nur dafür da zu sein, um zwischen all dem Pöbel und Gesocks normale Menschen in den Plot einzubauen und sind eigentlich Überbleibsel zweier Nebengeschichten des Buchs. Sein gut getroffener Milieu-Ton kann nicht verstecken, dass vieles an Der goldene Handschuh doch oberflächlich bleibt wie um Niveau bemühte Hartz-IV-Dokus auf RTL2 und weniger den gewollten Horror bietet, den sich Akin ausgemalt hat. Faszination übt der Film aus, auch durch seine extreme Detailgenauigkeit in der Darstellung des Kiez-Prekariats und dessen extra für den Film nachgebauten Treffpunkts. Fritz Honka selbst verkommt leider zum next german Boogey Man in einer durchaus bemühten und ebenfalls durchaus sehenswerten Sozial- und Milieustudie, die "ganz unten" angekommen sich wie Kiez-Touristen letztendlich nicht trauen, ganz in diese Welt einzutauchen. Akin ist eben nur mal kurz gucken, während Strunk in seinem Buch das ganze Übel schonungslos offen legt.

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