Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Montag, 2. September 2019

Once Upon A Time In... Hollywood

Es geht auf die Zielgeraden. Once Upon A Time In... Hollywood ist der neunte Film von Quentin Tarantino, der sich der eigenen Ankündigung nach darauf beschränken möchte, nur zehn zu drehen um dann mit dem Filme machen aufzuhören. Bei jedem seiner Filme ist man gespannt darauf, was der Autodidakt mit Hang zum B- und Genre-Films dieses Mal an Anspielungen, Verweisen und Zitaten in diese gepackt hat. Mit dieser kontinuerlichen Manie des Maestros ist seine Unberechenbarkeit (fast) kalkulierbar geworden. Beinahe drei Stunden fröhnt Tarantino dabei seinem Publikum zu zeigen, was er neben seiner eigenen Person an Werken aus Film, Fernsehen und Musik so toll findet. Empfand ich seinen letzten Film The Hateful Eight zu ausgedehnt mit bis aufs Maximum ausgereizten Szenen, in denen man fast den vergossenen Samen schmeckte, den Tarantino durch Ego-Onanie auf sich selbst ergoss, ist sein neuestes Werk erstaunlich zurückhaltend im merklichen Feiern des eigenen Geschmacks.

Präsent ist er natürlich; vor allem im vorzüglichen Soundtrack, der viele tolle Tracks aus der Zeit der 60er beinhaltet. In diese entführt Tarantino, blickt mit leichter Melancholie an das tote Hollywood dieser Epoche mit ihren Stars und Sternchen und wird zugleich zum Märchenerzähler. Seine auserkorenen Protagonisten sind der Schauspieler Rick Dalton und dessen Stunt-Double Cliff Booth, welcher anhand einer sehr überschaubaren Auftragslage für ihn und seinen Boss für letzterem mehr zu einem Mädchen für alles geworden ist. Einst war Rick der gefeierte Star der bekannten Western-Serie "Bounty Law", nun hangelt er sich von Pilotfilm zu Pilotfilm, hat manchmal Gast-Auftritte in Fernsehserien und blickt neidisch auf seine neue Nachbarn: den für seinen neuesten Film Rosemary's Baby gefeierten Roman Polanski und seine junge Frau, die Schauspielerin Sharon Tate.

Während Rick mit Rollenangeboten für Italowestern hadert und seinen Frust über seine Lage in Alkohol ertränkt, erzählt Tarantino nebenbei noch von einem jungen Kerl Namens Charles Manson, der kaum zu sehen und trotzdem immer präsent ist. Mit der Kenntnis über die verübten Morde der Mitglieder seiner Family an der damals hochschwangeren Tate und ihren Gästen, baut der Film eine gewisse Spannung auf, wenn sein Regisseur und Autor fast mal wieder den Bogen überspannt. Hin und wieder stellt sich die Frage, wohin dieser nun eigentlich mit seiner Erzählung überhaupt hin will. Die Handlung wird manchmal schlingern gelassen, greift Andeutungen zu Manson auf, stellt sie mit Cliffs Besuch auf der Spahn Ranch, der Unterkunft der Manson Family zum damaligen Zeitpunkt, in den Mittelpunkt um dann wieder den Fokus auf seine beiden Protagonisten zu legen. Rick wird in den langen Episoden über seinen Versuch, einen neuen Serienhit zu landen, stellvertretend für die Altstars von früher und dem traurigen Niedergang ihrer Karrieren in der im Umschwung befindlichen Traumfabrik.

Tarantinos Blick auf diese Zeit ist bittersüß. Jeder Tragik wohnt zugleich eine Komik inne; Rick Dalton ist ein sympathischer Losertyp, dem man einen erneuten Erfolg gönnen würde, der sich und seiner Karriere im Blick auf die eigene, ruhmreichere Vergangenheit im Weg steht. An seiner Seite ist sein mit einer kriminellen Vergangenheit gestrafter Stuntman Cliff Booth, dessen einfaches Gemüt und dauerhafte Coolness entfernt an den (ebenfalls im Film vorkommenden) Steve McQueen erinnert. Die Beziehung der beiden Männer beschränkt sich nicht auf ein reines Arbeitsverhältnis. In ihr schlummert eine aufrichtige Freundschaft, die mal verborgen, mal ersichtlicher beiden Halt schenkt, wenn gleich Rick diesen spürbarer benötigt. Mit diesem blickt auch Tarantino auf eine Zeit zurück, in der zumindest vordergründig noch alles im Lot in Hollywood war. Once Upon A Time In... Hollywood ist seliges Seufzen seines Schöpfers; Erinnerungen an früher und die (erste) Magie der Stoffe, die einen jungen Quentin Tarantino begeistert haben.

Und er feiert vieles. Serien wie Rauchende Colts, The F. B. I. oder Filme wie Rollkommando oder Gesprengte Ketten. Mit Zitaten oder direkten Ansprachen. Imposant und charmant ist dabei Daltons Erinnung an seine Chance, die Hauptrolle im McQueen-Film Gesprengte Ketten zu bekommen. Mittels hübschem Tricksen aus der Technikkiste wurde dieser durch DiCaprio ersetzt, was zu einigem Schmunzeln führt. Und wenn sich Dalton letztendlich doch für einen Europatrip nach Rom und die Rollenangebote von dort entscheidet, macht Tarantino seine Figur zum Hauptdarsteller des von Mario Bava geschaffenen Nebraska Jim (vor Jahren übrigens hier besprochen). Beim ganzen Schwelgen in Erinnerungen an die gute alte Zeit, als das Testosteron die Leinwände flutete, schaut man Tarantino gerne zu. Dem Film wurde im Netz häufiger angelastet, dass er keine Handlung besäße und langweilig ist. Manchmal fragt man sich wirklich, wohin der Amerikaner nun überhaupt mit seiner Geschichte möchte. Ob das einfach nur hartes nostalgieren ist oder er uns auch wirklich etwas zu sagen hat.

Groß unterscheidet sich Once Upon A Time In... Hollywood nicht mal groß von früheren Werken, in denen er ebenfalls ausgiebig die Zitate in seine Scripte goss. Mehr fragt man sich mittlerweile bei mancher Kritik am Film, woher plötzlich diese Handlungsgetriebenheit der Leute führt. Fällt es mittlerweile so schwer, sich einfach auf die Stimmung eines Films einzulassen? Mehr als die Erzählung über einen beinahe gescheiterten Schauspieler des System des Old Hollywood ist dieser Film ein Stimmungsbild, das es nicht immer so genau mit den Fakten nimmt, den Zuschauer aber gekonnt in die Zeit mitnimmt und den darin wehenden Wind of Change spüren lässt. Noch blödsinniger ist eigentlich nur, dass ihn eine kleine Protestwelle empörter Bruce Lee-Fans traf, da deren Held im Film in seiner Darstellung nicht sonderlich gut wegkommt. Drauf geschissen. Es gibt auch für mich - der wegen der kultischen Verehrung des Regisseurs von einigen immer mit gewisser Skepsis an dessen Werke herangeht (kennt man die von ihm ausgiebig zitierten Vorbilder, dann kocht auch Tarantino nur mit Wasser) - wenig zu meckern.

Mehr Unberechenbarkeit wäre für sein wahrscheinlich finales zehntes Werk wünschenswert. Es kristallisiert sich eine Formel heraus, wie er seine Filme aufbaut. Mit der Verbindung zu wirklich geschehenen Ereignissen, ist die abschließende Gewalteruption - ähnlich wie in The Hateful Eight - zu erwarten gewesen. Womit wir wieder bei den Märchen wären. Once Upon A Time In.. Hollywood ist neben dem vielleicht auch mit Wehmut durchzogenen Blick auf die gute, alte Zeit ein What if...-Szenario Tarantinos; ein leichtes Märchen, mit unbestimmten Ausgang und der Hoffnung auf bessere Zeiten für die sympathisch gezeichneten Protagonisten. Gerne wandelt man mit ihnen und dem Geist, der hinter der Geschichte steckt noch einmal durch eine unwiederbringliche Zeit, die mit den vielen Gastauftritten und Anspielungen noch häufiger dazu einlädt, dieses zur Abwechslung mal wieder zufriedenstellende Kapitel in der Filmographie Tarantinos aufzuschlagen.

Freitag, 30. August 2019

Assassination Nation

Vielleicht mag ich in den Augen der jüngeren Zunft nun ein (mittel-)alter, weißer Mann sein, der bei Assassination Nation und seiner Prämisse "selbstverständlich" abwinkt. Treffen mich die angesprochenen Themen? Versetzen sie mir Stiche in meine Seele und mein ich, dass tief in mir verborgen wehleidig bei dem, was der Film anspricht, aufjault? Fragen, die mich nach dem Genuss von Sam Levinsons Werk beschäftigten. Mehr, als die Themen, welche auf seiner Agenda stehen. Wenn er damit seine Zuschauer auf- und durchschütteln wollte, sie aus ihrem Phlegma gleichgültiger Zurkenntnisnahme reißen wollte, schafft es Assassination Nation nur bedingt. Sein Problem ist, dass er sich auch auditiv und visuell auf die Seite der neuen Generation stellt, dass man schwer an dessen hippen Style vorbei auf die eigentlichen Ziele der Geschichte schauen kann.

Er bildet die Welt der Freundinnen Lily, Sarah, Em und Bex mit technisch beeindruckenden Mitteln als ein von Social Media beeinflussten Kosmos ab, der ins Wanken gerät, als durch Hackerangriffe Chats und Bilder von Bewohnern des kleinen Städtchens Salem geleakt werden. Gleich, ob es die sexuellen Vorlieben des Bürgermeisters oder die intimsten Geheimnisse der Nachbarn sind: sie bringen Chaos in den kleinen Ort und durch widrige Umstände setzt sich der Verdacht bei vielen Bewohnern fest, dass Lily und ihre Freundinnen die Verräterinnen sind. Passend zum Namen der Ortschaft rotten sich die Bewohner zu einer modernen Hexenjagd zusammen und beschließen auf dem Klimax der Geschichte, dass die Mädchen sterben müssen.

Mit der Ankunft von Chaos und Gewalt wandelt sich Assassination Nation vom schwerfälligen Jugenddrama zu einem grimmen Thriller mit leichten Bezügen zum Home Invasion- und Slasher-Film. Ersteres geschuldet durch die wohl beeindruckendste Szene des ganzen Films, wenn in einer großen Plansequenz mit einer einzigen, langen Kamerasequenz das Eindringen des Lynchmobs in das Haus von Lily gezeigt wird. Mehr als einmal fühlt man sich an die The Purge-Reihe erinnert, wenn die Mädchen den Kampf gegen die Bewohner ihres Heimatorts aufnehmen. Bis es dazu kommt, strengt der Film mit seiner Stilistik mehr an, als dass er mit den angesprochenen Themen Mobbing off- wie online, Feminismus, die Angst der angesprochenen alten, weißen Männern davor und seiner Kritik an einer Gesellschaft die in Zeiten von Fake News vorschnell irgendeine Person als schuldig ausmachen und an den (virtuellen) Pranger stellen, aufzurütteln vermag.

Seine spürbare Prämisse perlt an der geschaffenen glatten Oberfläche der Welt seiner Teenie-Protagonisten, welcher er sich als Stil zu eigen macht, ab. Diese Oberflächlichkeit, unter der die Sorgen und Ängste seiner Figuren aufbrechen um im nächsten Moment von einer neuerlichen, coolen Idee überschattet zu werden, ist das große Problem von Assassination Nation. Sam Levinson schafft es, dass man seine Themen und Absicht, anhand der Konzentration der aktuellen amerikanischen Gesellschaft in der Ortschaft Salem, erkennt und gleichzeitig darüber resigniert, dass dies mittlerweile der Lauf der Welt ist. Ein jüngeres Publikum, dessen Sprache er hier sichtbar beherrscht, mag er damit vielleicht besser ansprechen. Komplett erscheint der Film wie eine lange, ausufernde Rede eines Politikers, die wach- und aufrütteln möchte, aber in der viel trotz viel Rederei wenig gesagt wird.

Sonntag, 25. August 2019

Lords of Chaos

Mit den Bands Motörhead, Grave Digger und Sodom hat alles angefangen. Seitdem befinde ich mich seit gut zwanzig Jahren - trotz Unterbrechungen und damit verbundenen, auf andere Genres bzw. Subkulturen verschobenen Interessen - in den Klauen des Heavy Metal. Im letzten Jahr brachte mich die schwedische Okkult Rock-Band Ghost mit ihrem aktuellen Album zurück zu den musikalischen Wurzeln und während ich zu Beginn meiner "Metaller-Karriere" bei extremeren Spielarten wie Death- oder Black Metal wegen der stumpfer Brutalität der Musik wenig begeistert meist schnell abwinkte, erwachte über die Jahre zumindest für Black Metal leichtes Interesse. Trotz weniger Berührungspunkte mit diesem Subgenre stößt man, wenn man sich intensiver mit Heavy Metal auseinandersetzt, auf einen der größten Skandale, der es über die Szenemauern hinaus schaffte, für großes Medienecho sorgte und Black Metal ins Bewusstsein vieler Menschen setzte:
die durch Brandstiftung entstandenen Kirchenbrände im Norwegen der frühen 90er und den Mord von Kristian "Varg" Vikernes an seinem Bandkollegen Øystein "Euronymus" Aarseth.

Nachdem die musikalisch spannende, chaotische und gewalttätige erste Welle der noch jungen Black Metal-Szene in Skandinavien abebbte, erschien im Jahr 1998 das Sachbuch Lords of Chaos. Die verschiedenen Vorkommnisse der vergangenen Jahre wurden darin aufgearbeitet und ließ die damaligen, mit den im Buch beschriebenen Vorkommnissen verknüpften Szene-Köpfe der damaligen Zeit, darunter auch Vikernes, zu Wort kommen. Das Buch mit den darin abgedruckten, ungefilterten wie unkommentierten Gesprächen wurde in und außerhalb der Szene kontrovers aufgenommen. Die Verstrickungen von Autor Michael Moynihan in die rechtsextreme Szene heizten die Diskussionen um das Werk zusätzlich an. Viele Jahre nach seiner Veröffentlichung nahm sich Jonas Åkerlund dem Buch an und arbeitete als ausführender Produzent, Autor und Regisseur an einer Verfilmung dessen. In Bezugs auf das Thema erweist sich der Schwede, welcher sich als Videoclip-Regisseur für Madonna, Sigur Rós, The Prodigy oder Rammstein einen Namen machte, als gute Wahl. Von 1983 bis 1984 saß er unter dem Pseudonym Vans McBurger hinter dem Schlagzeug der schwedischen Metal-Band Bathory, welche mit ihrem Sound u. a. auch den Black Metal beeinflusste und deren bekanntes Goat-Motiv des Debütalbums häufiger auf den Shirts der Figuren des Films zu sehen ist.

Dieser entpuppt sich als zweischneidige Angelegenheit. Lords of Chaos schildert die Geschichte aus der Sicht von Øystein Aarseth, der als Erzähler fungiert und mit Voice Overs die Geschichte vorantreibt und kommentiert. Euronymus ist der Verbindungspunkt mit dem Zuschauer, der diesen aktiv anspricht, während der Film über weite Strecken die Handlung so nüchtern anpackt, dass eine distanzierte Kühle entsteht. Ansatzweise erinnert man sich in den Schlüsselmomenten rund um Aarseth und den Anfangstagen seiner Band Mayhem sowie dem kriminellen Treibens seines "Inner Circle" nach der Gründung des Plattenladens Helvete in Oslo bei deren Darstellung an die unmenschlich kalte Stimmung einiger Black Metal-Songs erinnert. Als Kenner der Materie besitzen manche Szenen trotz des Wissens, was folgt, eine unangenehme Wirkung. Der Suizid des ersten, schwer depressiven Sängers Per Yngve "Dead" Ohlin und der von Bård "Faust" Eithun begangene Mord an einem Homosexuellen in Lillehammer sind durch Åkerlunds stiller Beobachter-Perspektive schwer im Magen liegende Szenen die nachhallen.

Leider wird diese Sicht auf die vergangenen Zeiten von Momenten durchbrochen, in denen die Geschichte und die darin vorkommenden Menschen für ein hippes, PC-getreues Publikum und deren Sensationslust vorgeführt wird. Metal-Fan als solche und Black Metal-Anhänger insbesondere erscheinen in ihrer Andersartigkeit ein gefundenes Fressen für Szenen, die plump provokativ wirken sollen und damit höchstens in ihrer Blase durch gentrifizierte Trendviertel schwebendes Hipstervolk oder Senioren jenseits der 80 schockieren können. Nicht von ungefähr erinnert das an Reportagen der Vice. Diese hat Lords of Chaos mit ihrer Firma Vice Films mitproduziert und hat den Black Metal schon zu früheren Zeiten für sich entdeckt. True Norwegian Black Metal - ein Begriff der auch im Film selbst häufiger fällt - ist eine von der Vice produzierte Kurz-Dokumentations-Serie über die extreme Spielart des Heavy Metals. Wie das zugrunde liegende, verfilmte Buch wurde diese alles andere als gut aufgenommen und den Machern absichtliche Falschinformation vorgeworfen; Hauptsache die Zielgruppe erhält neues Futter über die "abartigen" Andersartigkeit außerhalb der eigenen Blase.

Nötig hat Lords of Chaos dieses Gehabe eigentlich nicht. Åkerlunds Film schafft die Balance zwischen kühler Studie und True Crime-Drama und ermöglicht dem Zuschauer einen Einblick in die Anfangstage einer Szene und Musikrichtung, bei der ich selbst ständig zwischen Faszination und Abscheu schwanke. Wie das Buch enthalten sich Åkerlund und sein Co-Autor Dennis Magnusson jeglichen Urteils über die Geschehnisse. Sie lassen Euronymus sprechen und zeigen an seiner Person das ganze Paradoxon des Black Metals. In keiner anderen Spielart des Metals ist man um angebliche Authentizität bemüht und schwankt auf dem schmalen Grat zwischen ideologischer Extreme und purem Posertum. Der schwelende Konflikt zwischen Aarseth und Vikernes, begonnen bei Kleinigkeiten wie dem bemängelten Scorpions-Patch an der Jacke Vikernes' beim ersten, kurzen Aufeinandertreffen der beiden entwickelt sich zu einer hochexplosiven Mischung aus auseinander triftenden Ideologien, Eifersucht und der "existenziellen" Frage, was eigentlich true ist. Die Konzentration auf Euronymus lässt diesen zu einer tragischen Figur werden, der den Zwängen der Szene hätte entwachsen können.

Der steifen Sicht des Films auf ihren Protagonisten nach könnte man Åkerlund eine einseitige Konzentration vorwerfen. Vikernes bleibt in seiner Darstellung gefühlt eine Randfigur, obwohl er der zweite Protagonist ist. Im Vergleich mit dem Buch ein sorgsam eingeschlagener Weg und Kontrast. Das der Norweger damals eine eigentlich leicht manipulierbare wie gleichzeitig einnehmende Persönlichkeit war, die sich über die Jahre (bis in die Gegenwart) gefährlich radikalisierte, wird schnell klar. Die im jugendlichen Rebellentum anhaltende Ablehnung gegenüber der Institution Kirche, weil sie den Glauben der norwegischen bzw. skandinavischen Vorfahren vertrieb und die Vermengung mit nationalistischem Denken eskalierte in den auch im Film gezeigten Kirchenbrandstiftungen; eine Konsequenz der ersten, frühen Radikalisierung Vikernes'. Dieses leere Gefäß, welches er in Andeutungen vor dem ersten Treffen mit Aarseth gewesen schien, war gleichzeitig gerne aufnahmebereit für die satanistische, lebensverneinende Welt des Black Metal. Noch heute ist die Szene Tummelplatz vieler zweifelhafter Gestalten und Nährboden für nationalsozialistische Auswüchse.

Die in Lords of Chaos beschriebene Zeit in Norwegen (und den angrenzenden Nachbarländern) quoll über vor hungrigen und jungen Menschen, die mit dieser neuen Extremen in der Subkultur über die nächsten Jahre in der Szene für Aufsehen und Kontroversen sorgen sollten. Gleichzeitig war ihr jugendliches Alter ein offenes Tor für extreme, radikale Gedankengänge. Würde die überwiegende Neutralität des Erzählstils nicht manchmal Platz machen für die sensationshaschende Zurschaustellung einer Subkultur, aus der Åkerlund selbst entstammt, wäre der Film im Gesamtton eine Nuance eindringlicher. Ebenso verzichtet er auf einen zu befürchtenden nostalgisierten Blick in die Vergangenheit. Das wird dem Zuschauer überlassen, der - sofern Fan - beim Anblick von Platten und Postern solcher Bands wie Metal Church, Motörhead oder Mercyful Fate sich ein leichtes Lächeln wegen des gebotenen Anblicks nicht verkneifen kann. Bei mir selbst war die kurz im Bild zu sehende "In The Sign Of Evil"-LP von Sodom - die Gelsenkirchener waren mit ihrem Spiel und dem rumpeligen Sound dieser und nachfolgenden Veröffentlichungen ebenfalls ein großer Einfluss für die frühen Black Metal-Bands - ein kurzer Grund spontanen feierns. Bei aller Kritik an der unterschiedlichen Tonalität kann man auch Lords of Chaos als spannenden und interessanten Blick in eine Subkultur ewiger Extreme ansehen und feiern dessen unaufdringliche Fotografie zeigt, dass in deren Schwärze eine faszinierende Schönheit innewohnt, deren Wirken auf einen selbst gefangen nimmt und begeistern kann.

Freitag, 23. August 2019

[Rotten Potatoes #02] Montrak

Zum ersten Mal tauchte Montrak 2002 auf der Bildfläche des deutschen Horrors auf. Über Timo Roses Label Sword of Independence wurde der Meister der Vampire dem deutschen Publikum vorgestellt. In seiner ersten Manifestation wurde der Film das, was viele Genrefans an hiesigen Produktionen aus dem Underground nicht mögen: Regisseur Stefan Schwenk und seine wie er selbst blutjunge Posse knallten einen Film zwischen gestelzt cooler Gangster-Action, Vampir-Horror und flacher Komödie auf Video, der mit einigem Enthusiasmus, aber wenig Budget und Können umgesetzt wurde. Die Jahre zogen ins Land, Schwenk realisierte mit Sick Pigs einen weiteren Film und stand häufiger bei anderen Indie-Produktionen vor der Kamera. In Zeiten des Crowdfundings versuchte der in Bayreuth geborene Enddreißiger Budget für eine Neuverfilmung seines Erstlings zu sammeln. Die benötigte Kohle kam zusammen und Schwenk konnte seine Vampirgeschichte erneut verfilmen.

Dank des höheren Budgets schenkte der Regisseur und Autor seinem Werk eine ausgedehnte Exposition und unterteilte die Geschichte in Kapitel. In den ersten beiden wird man in das Franken des 15. Jahrhunderts geführt. Dort waltet titelgebender Montrak als gottesfüchtiger Ritter, bis ihm vom Tod seine große Liebe genommen wird. Hasserfüllt sagt er sich von Gott los und wendet sich den dunklen Mächten zu. Durch einen Pakt mit Luzifer, der ihm einen magischen Ring schenkte, erhält er mit diesem ewiges Leben und wird gleichzeitig zum vampirischen Sklaven der Dunkelheit gemacht. Im kriegerischen Treiben der damaligen Zeit schart er eine Gefolgschaft um sich, dem ein Lynchmob entgegen tritt, als er mitsamt seinen Gefährten entdeckt wird. Um diese und die Vampire selbst in Vergessenheit geraten zu lassen, lässt er sich vom Mob töten. Zeitsprung in die Gegenwart: ohne Job, ohne Freundin und ohne großes Selbstbewusstsein gammelt Frank wieder bei seiner Mutter und seinem nervigen Bruder.

Dieser zeitliche Bruch brilliert in den ersten Minuten durch die unglückliche Entscheidung Schwenks, den komödiantischen Part des Ursprungsfilms in die Neuverfilmung zu übertragen. Mehr peinlich wie lustig fällt die Umsetzung aus. Alle vorgestellten Charaktere wirken unsympathisch, das dargestellte Familienklischee mit sich angiftenden Brüdern wirkt, je länger die Szene andauern, deplatziert. Mit Frank und dessen bald hinzukommenden besten Freund, der ein fürchterliches Cowboy-Faible besitzt, hangelt sich der Zuschauer durch eine ebenso dümmliche Disco-Szene, in welcher der neue Protagonist auf Nikki trifft. Es stellt sich raus, dass sie eine Vampirin ist, die zum Clan Wladislaws gehört, welcher zu den wenigen Überlebenden aus Montraks Gefolge gehört. Aus dem Untergrund heraus versucht Wladislaw seinen Meister mit Hilfe seines Rings wiederzuerwecken. Dafür benötigt er einen Menschen, der blind vor Zorn grenzenlosen Hass in sich trägt.

Um das Vampir-Epos abzurunden bricht Schwenk in seiner Geschichte ein letztes Mal und führt mit Harry eine weitere neue Figur ein, an die es sich zu gewöhnen gilt. Dieser gehört einer im Untergrund für die Regierung arbeitende Einheit an, welche sich mit übernatürlichen Phänomenen beschäftigt, welche Wladislaws Gang dicht auf den Fersen ist. Diese Einheit hat für Montrak selbst zwei Bedeutungen: einerseits ist es die klar definierte Opposition zu den vampirischen Antagonisten und zum zweiten bietet sie Anlass, dass krampfig coole Typen mit dicken Wummen durchs Filmset laufen und kontinuierlich rumballern dürfen. Es sind Momente, in denen man den Einfluss des Heroic Bloodshed-Films und Tarantinos Aufgreifen von dessen Elemente verflucht. Es scheint ein eisernes Gesetz zu geben, welches besagt, dass deutsche Amateur- bzw. Indie-Produktionen aus dem Horror-Bereich Figuren haben muss, die in Anlehnung an das Hong Kong-Kino bzw. Tarantinos Filmen per Definition cool agieren und mit möglichst vielen Wummen rumballern müssen.

Schwenks eingeschlagene Richtung kostet dem Film neben der Kontinuität und einen erzählerischen Fluss, zu häufig wird dieser mit der immer neuen Einführung von Figuren - den Subplot über einen Bauern der Montraks Ring habhaft wird könnte man sich komplett schenken - unterbrochen auch den sich in der ersten Hälfte entwickelnden guten Eindruck. Die Szenen im Mittelalter sind stimmig umgesetzt. Zeitweise mögen diese an Fan-Videos aus der Mittelalter-Szene erinnern; der Ansatz sich ausführlich mit Montraks Weg ins Dasein als Vampir zu beschäftigen bleibt positiv im Gedächtnis. Mehr lineare Struktur des Scripts hätte dem Film besser getan als der Versuch, wie z. B. Tarantino weitere Figuren einzuführen, damit diese im Finale aufeinander treffen können. Wobei man sich bei Frank fragt, ob er lediglich als Überbleibsel des Ursprungs eingeführt wurde oder Schwenk einen tieferen Sinn mit diesem verfolgt. Montrak bläht sich auf zwei eine epische Laufzeit von zwei Stunden aus, ohne diese in der zweiten Hälfte komplett sinnvoll zu nutzen.

Die für das Projekt gewonnenen, durchaus namhaften Darsteller - darunter Sönke Möhring, Dustin Semmelrogge, Diese Drombuschs-Darstellerin Sabine Kaack, "Tech-Nick" Antoine Monot Jr., "Gina Wild" Michaela Schaffrath, Cosma Shiva Hagen, Udo Schenk oder Charles Rettinghaus (u. a. die deutsche Synchronstimme von Jean-Claude Van Damme) verleihen Montrak weitere Größe, um das Gesamtwerk final gewaltiger wirken zu lassen, als es überhaupt ist. Mit einem lässigen "Schaut, wen ich für das Ding alles heranpfeifen kann!" winkt Schwenk fast schon selbstgefällig dem Zuschauer zu. Das ist durchaus beachtenswert, lässt aber nicht übersehen, dass Montrak in der zweiten Hälfte seine geringe Eigenständigkeit zu Gunsten der Orientierung am Hollywood-Duktus aufgibt. Die coolen Schießereien wirkten schon vor gut 20 Jahren im deutschen Amateur-Film deplatziert und meist lächerlich als tatsächlich mitreißend. Mit einer geradlinigeren Storystruktur und einer größeren Konzentration auf den Horroranteil hätte Montrak sich weitaus höher als letztendlich im Durchschnitt platzieren können. Zwar orientiert sich Schwenk in den Gegenwarts-Kapiteln leicht an Filmen wie dem Vampir-Kult The Lost Boys, hätte dort aber zumindest mehr beim Zuschauer gewonnen, als mit dem halbgaren Action-Horror-Endergebnis.

Mittwoch, 14. August 2019

Mystor - Deathstalker 2

Fünf Jahre nachdem der Todesjäger seinen ersten Auftritt (hier besprochen) in den deutschen Lichtspielhäusern hatte, wurde sein zweites Abenteuer auf die Fans zünftiger Barbaren-Action losgelassen und direkt in die Videotheken gestellt. Vom im ersten Teil vorherrschenden ernsten und für heutige Verhältnisse leicht zweifelhaften Ton gegenüber Frauen ist im vom deutschen Videoverleih nach dem Protagonisten Mystor betitelten Sequel nicht viel übrig geblieben. Beau John Terlesky, ein waschechter 80s-Posterboy mit Zahnpastawerbung-Lächeln und Föhnwelle ist ein verschmitzter, wieselflinker Held, der mit der Darstellung seiner Figur auch im Oneliner-Action-Kino der damaligen Zeit einen Platz gefunden hätte. In jeder möglichen und unmöglichen Situation flutscht dem Herren ein kesser Spruch aus dem Mund; in der deutschen Synchronfassung erinnert dies teils an die Spruchschmieden eines Karlheinz Brunnemann oder Rainer Brandt.

Das macht aus Deathstalker 2 eine Nummern-Revue der guten Laune, die mit aufgesetzter Heiterkeit ihr Fantasy-Märchen nach Schema F runterleiert. Der Deathstalker schlittert hier in die Arme der Hellseherin Reena, die von sich behauptet, eine aus ihrem eigenen Königreich vom bösen Zauberer Jarek verjagte Prinzessin zu sein. Mit diesem und seinen Schergen schließt der Todesjäger selbstverständlich sehr schnell Bekanntschaft und nach anfänglicher Skepsis entschließt sich Mystor, Reena bzw. Eevie, so deren echter Name, zu helfen. Mit ihr im Schlepptau reitet er in flottem Galopp dem Showdown mit dem Zauberer entgegen und muss auf diesem Weg allerlei Abenteuer bestehen. Regisseur und Drehbuch-Co-Autor Jim Wynorski, ein erprobter Recke auf dem weiten Feld dusseliger B-Filme lässt sich nicht lumpen und verwurstet neben gängigen Fantasy-Dauerbrennern wie Amazonen sogar Horror-Einflüsse und lässt u. a. eine Horde Untoter auf seine Protagonisten los.

Die geringe Laufzeit und das dabei meist durchwegs hohe Tempo der Erzählung bietet eine Fülle an unterschiedlichsten Settings, in denen nach deren Aufbau die Protagonisten in action- und spruchlastigen Sequenzen dafür sorgen sollen, dass der nächste Money Shot die Zuschauer gebührend bei Stange hält. Besonders beeindruckendes Spektakel bleibt in der Low Budget-Produktion, die sichtbar noch kostengünstiger als das Original ist, meist aus. Die gebotenen Kämpfe mit Schwert und Fäusten ist durchschnittlich choreographierter Genrestandard, die sichtlich nur existieren, damit John Terlesky den nächsten Spruch raushauen kann. Die entdeckte Lustigkeit, wahrscheinlich auf den Erfolg solcher Actionkomödien wie Lethal Weapon oder Beverly Hills Cop zurückzuführen, mag nie richtig passen. Der laue Humor sorgt meist mehr für angestrengtes Schnaufen als für entzücktes Lachen. Einzig das Wrestling-Match (!) gegen die stärkste Amazonen-Kriegerin bietet bei aller Albernheit eine amüsant kuriose Note.

Der häufig als beste Fortsetzung der Tetralogie beklatsche Deathstalker 2 krankt mehr an seiner Unentschlossenheit, ob er nun wirklich ein Fantasy-Abenteuer mit lauer B-Action oder eine selten sogar meta-referenzielle Komödie, die das gewählte Genre parodiert, sein möchte. Beides funktioniert minder gut und eher kämpft man als Zuschauer damit, den Film im Kopf für sich nicht frühzeitig abzuhaken. Wenige Ideen funktionieren soweit, dass der als stumpfes Unterhaltungswerk konzipierte Trasher tatsächlich unterhält. Mehr belustigen hier die Einflüsse des Jahrzehnts, in dem Mystor entstanden ist häufiger, als die gewollten Gags. Weit voran die aktuelle Frisurenmode der 80er, die in diesem eher durchschnittlichen Fantasy-Abenteuer sichtlich die Köpfe seiner Darsteller schmückt.

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Freitag, 2. August 2019

Nemesis

Es mag in manchen meiner Texte anmuten, dass nur die damalige italienische Genrefilm-Schmiede eine muntere Rip Off-Kultur pflegte. Zwar schielte man dort häufig auf die erfolgreiche Rezepturen der Hollywood-Kassenschlager, doch auch Filmemacher anderer Nationen ließen und lassen sich gerne von großen Vorbildern inspirieren und werfen diese munter in eine Schüssel. Ein gutes Beispiel ist dafür Nemesis, Albert Pyuns zweiter Ausflug in die Gefilde stark von Action betonter Science-Fiction nach dem Van Damme-Vehikel Cyborg. Mäanderte der auf Hawaii geborene Amerikaner darin durch seine postapokalyptische Erzählung und ließ seinen belgischen Actionimport die Lethargie des Films selten komplett wuchtig mit Muskel- oder Feuerkraft durchbrechen, feuert in Nemesis seine Inspirationskanone aus allen Rohren.

Seine im L. A. des Jahres 2027 spielende Zukunftsvision beginnt mit einem dystopischen Neo Noir-Szenario, in dem sich nach einem Nuklearschlag während eines Krieges die Welt mühsam mit Hilfe der modernen Technik wieder aufrappelt. Die Symbiose aus Maschine und Mensch schreitet voran, biomechanische und neu gezüchtete Organe verschmelzen mit Fleisch und Blut. Pyun lässt seine Off-Erzählerin von Datendealern und Cyber-Terroristen erzählen, welche zu Beginn von Undercover-Cop Alex Rain - selbst leicht durch technische Hilfsmittel nicht hunderprozentig menschlich - dingfest gemacht werden sollen. Die Mission beginnt gut, bis Alex in einer verfallenen Fabrik von der Terroristen-Gruppe beinahe erschossen wird. Der schwer verwundete Cop wird in einer Not-OP gerettet und rechnet Monate später während seiner Rehabilitation nebenbei mit seinen Fast-Mördern ab.

Doch bevor er Phoenix gleich aus der Asche seiner verfehlten Vergangenheit steigt, sieht der Zuschauer Alex' Abstieg als drogensüchtiger Schmuggler in Neu Rio de Janeiro, begleitet ihn bei einem fehlschlagenden Deal und darf nach einem weiteren rüden Zeitsprung den abermals geretteten Cyber-Marlowe in einem Gefängnis wiederfinden, aus dem er von seinen früheren Brötchengebern nur rausgeholt wird, wenn er eine von den Terroristen gestohlene Diskette mit Sicherheitsmaßnahmen für ein geplantes Treffen von Vertretern der amerikanischen und japanischen Regierung wiederbeschafft. Nach anfänglicher Weigerung knickt Rain ein, immerhin wurde ihm eine Bombe in den Hals implantiert, die in drei Tagen detonieren soll, sollte er nicht den Job erledigen, der ihn nach Indonesien, in die Hände der Cyber-Terroristen und in eine große Verschwörung führt.

Das Drehbuch erweist sich in seinen kreierten Szenarien als sprunghaftes Quasi-Best Of des damaligen Action- und Science-Fiction-Kinos. Die nicht gerade wenigen Versatzstücke werden in aneinander gepappten Story-Abschnitte geworfen, grob umgerührt und ohne Rücksicht auf narrative Verluste vom während seiner Karriere nicht gerade häufig mit Lorbeeren überhäuften Pyun auf ordentlichem B-Movie-Niveau über die Ziellinie gebracht. Einige der in Nemesis dargebrachten Konstrukte, die Präsenz der Offensichtlichkeit der zitierten Einflüsse außen vor gelassen, machen einen für das produktionstechnische Niveau des Films guten Eindruck. Die Noir-Einschübe versuchen dem Protagonisten Ecken und Kanten zu verleihen; seine Rehabilitation und Wiedergeburt präsentiert sich überraschend gut gefilmt und versucht dem Stoff (Pseudo-)Tiefe zu verleihen. Zugunsten der Actionlastigkeit des folgenden Plots lässt man diese leider Fallen und lässt Olivier Gruners Figur zum Prügel-und-Baller-Hero von der Stange werden.

Ansätze einer gewissen Eigenständigkeit lässt man großzügig liegen. Nemesis bedient sich fleißig bei seinen großen Vorbildern und bevor Hollywood kurze Zeit später vollkommen von den Einflüssen des Actionkinos aus Hong Kong geflasht wurde, lässt Pyun seine Figuren beeinflusst vom Heroic Bloodshed auch mal Woo'sches Todesballett tanzen und Shootouts in die rostig-schrottige Eleganz des Gesamtwerks stecken. Über allem thront dabei Ridley Scotts Blade Runner, bei dessen Geschichte sich man großzügig bedient, obwohl Pyun über seinen Film sagt, dass er hier Dinge verarbeitet, die schon lange in ihm schlummerten. Vielleicht war es auch einfach nur die Frage, ob er etwas ähnliches wie Scott, nur mit viel weniger Budget, hinbekommt. Was uns wieder zur Eigenständigkeit des Filmes bringt. Thematisch rennt man ebenfalls dem angesprochenen Science-Fiction-Klassiker hinterher und lässt in unerwarteten Momenten Ideen aufblitzen, die viel zu schade sind, so fahrlässig wie hier wieder fallen gelassen zu werden.

Der Frage, was einen Menschen menschlich macht und was dessen Kern ist, entlockt Nemesis wahrlich keinen neuen Ansatz. Eher treibt er das Spiel mit der Entfernung vom Menschlichen auf die pervertierte Genre-Spitze. Die Vermischung von Technik und Organik, der grob-industrielle Cyber(punk)-Stil des Films lässt die Figuren seines Plots sich von den mechanischen Hilfsmitteln abhängig machen. Die Fragen, wie viel Mensch man noch ist und wie viel Cyborgtechnik in einem steckt, lässt mittlerweile Assoziationen zur heutigen Abhängigkeit unserer Spezies in manchen Bereichen des Alltags gegenüber der Technik aufkommen. Wie weit machen wir uns dieser zum Untertan? Lässt sich der Kern unseres Wesens, die Seele, irgendwann technisch abstrahieren und aufbewahren? Einer der wenigen, aber interessanten Ideen des Scripts nach ja. Es sind solche Momente, die für mich Nemesis nicht unbedingt besonders, aber interessant bleiben lässt.

Die konfuse Gesamtheit schmälert den guten Eindruck dieser seltenen Augen- und Lichtblicke, was
Nemesis ein goutierbares Action-Flickwerk bleiben lässt. Was wäre das für ein Film geworden, der neben dem bloßen Abkupfern der großen Vorbilder aus diesen Gedankenspielen oder den wenigen, aber gleichermaßen interessanten und starken Frauenfiguren mehr herausgeholt hätte? Zugeben muss man, dass hier letztendlich das Testosteron (leider) weiter die Nase vorn hat. Dank der Berührung mit solchen Filmen zu Beginn meines Fanseins, entwickelte sich eine Vorliebe für solche einfach gestrickten, billigen Knaller, die dafür geschaffen wurden, entweder im Videotheken-Regal zu verstauben oder von dort aus das Herz der Genre-Liebhaber zu erobern. Weitaus weniger schlimm wie immer erwartet, hat Nemesis nicht unbedingt mein Herz erobert, aber für interessierte und amüsierte Zurkenntnisnahme gesorgt.

Dienstag, 30. Juli 2019

American Rikscha

Wild Strömungen des (aktuellen) populären Kinos in ein einzelnes Drehbuch stopfen, ohne Rücksicht auf Verluste, praktizierten italienische "Billigfilmer" noch Ende der 80er, als deren Rip Off-Industrie schon stark angeschlagen in den Seilen hing. Ich hatte schon immer leicht meine Probleme mit italienischem Genrekino, welches in dieser Zeit entstand. Das einzigartige Flair, welches die Filme aus dem Mittelmeerland wenigstens bis Mitte der 80er besaßen, ging immer mehr flöten und wich einem generischen Videolook und einer krampfhaften, dem noch geringeren Budget der damaligen Produktionen verschuldeten billigen Amerikanisierung des fertigen Werkes. Man konnte sie von anderen Massenproduktionen für den DTV-Markt nicht mehr von bräsigen US-Schoten unterscheiden. Seit dem internationalen Erfolg des Italo-Westerns versteckten sich die Italiener im Bestreben um eine bessere, internationalen Vermarktung hinter Pseudonymen und ließen durch eine internationale Besetzung ihre Produktionen größer wirken.

Den italienischen Kern, das Herz dieser Filme - eine unbedarfte, mutige und selbstbewusste Herangehensweise an den Stoff - spürte man den Werken, die Ende der 80er entstanden, nicht mehr an. Hinter aufgesetzten Plots und einem austauschbaren Look zwischen US-TV-Serie und C-Movie-Videoproduktionen verbarg sich der Versuch, damaligen 08/15-Videotheken-Allesleihern filmisches Fast Food zu verticken. Meine Erwartungen an American Rikscha waren gering; insgeheim loderte in meinem Fanherzen die Hoffnung, dass Sergio Martino mit seinem Spätwerk mir ein halbwegs spannendes Werk serviert. Die ersten zehn Minuten des Films ließen diese wachsen. Sein Stamm-Kameraman Giancarlo Ferrando bietet einige hübsche Einstellungen und eine in Zeitlupe ablaufende Sequenz erinnert leicht an die Rückblenden von Martinos bestem Film und meinem Lieblingsgiallo Der Killer von Wien. Wenn dort Hauptdarsteller Mitch Gaylord (!) in seiner Funktion als unbekümmerter Strahlemann eine alte chinesische Lady allein durch seine Muskelkraft im strömenden Regen von einer Bank hebt, blitzt dieses Gefühl aus italienischem Wahnwitz mit großen Sympathiewerten, trotz seiner rational betrachtet unfreiwillig komischen Darstellung, kurz auf.

Die Ernüchterung folgt auf dem Fuße. Mit dem sich ausbreitenden Plot um einen Studenten (Gaylord), der seinen erkrankten Mitbewohner bei dessen Nebenjob als Rikschafahrer vertritt und die Bekanntschaft der Stripperin Joanna macht, die ihn mit einem eindeutigen Angebot auf eine Yacht lockt, macht das kurz aufgetauchte Potenzial der Routine Platz. Auf dem kleinen Luxuskahn angelangt, entdeckt Student Scott, dass ihn ein schmieriger Geselle, versteckt hinter einem Spiegel, beim Schäferstündchen mit der Stripperin filmen wollte. Erzürnt darüber, verpasst Scott dem Kamerawiderling eine Schelle, konfisziert das Videotape und stapft davon. Weil er im Trubel das falsche Video mitgenommen hat, kehrt er an den Ort des Geschehens zurück um sich das richtige Material aushändigen zu lassen. Alles was er vorfindet, ist Chaos und die frische Leiche des filmenden Spanners. In Panik flieht Scott vor dem sich noch auf dem Schiff befindlichen Killer, setzt die Yacht in Brand und befindet sich fortan auf der Flucht vor dem geheimnisvollen wie muskelbepackten Killer und der Polizei, für die er zum Hauptverdächtigen wird.

Das Thrillereinerlei bietet im weiteren Verleih Menschen auf der Suche; der Killer zuerst nach dem versehentlich mitgenommenen Videoband, später nach einer Statue und dem dazugehörigen Schlüssel, die Polizei nach Scott und dieser nach Joanna. Wenn der Student die Stripperin findet, folgt das obligatorische Extremsituationsbumsen und das unfreundlich gegen die Hauptfiguren arbeitende Schicksal, welches diese zusammenschweißt. Um den Plot aufzupeppen, baute man in das Drehbuch - an dem u. a. Sauro Scavolini, Regisseur des Giallodramas Liebe und Tod im Garten der Götter (hier besprochen) beteiligt war - asiatisch gefärbte Mysteryelemente ein. Funktionell grätschen diese in die Handlung rein wie einst Bernd Hollerbach in seine Gegenspieler. Schlagartig brechen sie den Plot auf und überziehen das hitchcock'sche Grundgerüst des Films mit übernatürlichem Effektwerk. Nach langsamer Steigerung übernimmt es gegen Ende die Handlung komplett und lässt American Rikscha zu einer obskuren Mischung aus seichter Mystery und klischeebehafteten Dutzendwaren-Thriller werden. Auf den behäbig hingearbeiteten Genrewechsel folgt eigentlich charmant kruder Humbug, der den in einer Nebenrolle auftretenden Donald Pleasence als TV-Prediger in den Fokus rückt.

Was das Drehbuch ab diesem Zeitpunkt abbrennt, lässt den Zuschauer zwischen belustigtem Schmunzeln und skeptischen Stirnrunzeln schwanken. Der grobe Wechsel möchte nicht richtig passen, obwohl er gleichzeitig American Rikscha aus der Zone der Beliebigkeit leicht heraus pusht. Die wenigen Gore-F/X, die urplötzlich abgebrannt werden (Stichwort: Pleasence lässt wortwörtlich die Sau raus) verwundern, erfreuen und wirken nachhallend wie der verzweifelte Versuch, die traditionelle Formel des italienischen Genrefilms vergangener Jahre zwischen wildem kopieren und kreativer Eigenständigkeit noch einmal wie früher aufleben zu lassen. Die Magie war damals leider schon komplett verflogen. Selbst solche Regisseure wie Sergio Martino, der leicht zwischen routinierter Auftragsarbeit und künstlerisch angehauchten Pulp-Kino wechseln konnte, schafften es nicht mehr, einem Drehbuch das lediglich Einflüsse damaliger Filmhits ohne jeden frischen, kreativen Impuls lieblos aneinanderpappt, im Drehprozess mehr Pepp zu verleihen. Selten fühlt man sich an die glorreichen alten Zeiten erinnert, wenn ein Einfall gleichzeitig hirnrissig wie charmant erscheint, wofür ich italienisches Genrekino u. a. so liebe.

American Rikscha
ist ein leidlich unterhaltender Thriller, der sich wenig von anderen italienischen (Genre-)Filmen der damaligen Zeit unterscheidet. Die geheimnisvolle Katze, welche immer dann erscheint, wenn die Lage für Scott und Joanna brenzlig wird, ist ein nettes Unikum; leider mit geringer Langzeitwirkung. Neben bemühtem Schauspiel kann Paco-Darsteller Daniel Greene den Kenner bei der Stange halten. Die nostalgischen Gefühle halten sich ingesamt wie ein positiver Eindruck des Films in Grenzen. Man will das mögen; nur irgendwann verkommt das in sich ständiges Zwingen und der Kapitulation, die wenige Jahre bzw. Monate von der italienischen Filmindustrie wie sie damals bestand, ausging. Man kann Sergio Martino zugute halten, dass er anders als einige seiner Kollegen nicht komplett dazu überging, schlicht US-Filme in allen belangen zu kopieren. Den anfänglich so tollen Vibe, kann er nicht den ganzen Film über aufrecht erhalten. Man merkt ihm, dem Film und dem Genrekino d'Italiano die Müdigkeit in jeder Minute an.

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