18. Oktober 2018

Horrorctober 2018: Suspiria (6/13)

Es war einmal ein junges Mädchen, fast schon eine junge Frau, die sich von New York aus auf den weiten Weg über den großen Teich nach Deutschland aufmachte. Dort war die renommierte Schule der einst weltbekannten Tänzerin Elena Marcos ihr Ziel, um die Künste des Tanzes zu studieren und selbst einmal eine berühmte Tänzerin zu werden. In der fest von Sturm und Regen im Griff gehaltenen Nacht ihrer Ankunft trifft die Reisende, Suzie Bannion ihr Name, auf eine Schülerin die durchgeschüttelt von Angst und Panik aus der Schule stürzt, für das junge Mädchen unzusammenhängende Worte in das dunkle Gebäude hinein schreit, bevor sie durch die Regenwände hindurch in den nahe gelegenen, finsteren Wald rennt. Das ängstliche Mädchen wird von ihren Beinen zu einer Freundin getragen, in deren Wohnung sie unter mysteriösen Umständen zu Tode kommt. Die Hüter des Gesetzes ermitteln im ungewöhnlichen Todesfall, während Suzie im strengen Umgang der Lehrerinnen während einer Tanzstunde einen Schwächeanfall erleidet und von ihren Mitschülerinnen fast ferngehalten wird. Dem Mädchen und einer schnell gefundenen Freundin fallen ungewöhnliche Dinge in der Schule auf, über deren Leiterin Elena Marcos seltsame Geschichten erzählt werden.

Es war einmal ein italienischer Regisseur, Dario Argento genannt, der dem Giallo der 70er mit seinem Debüt Das Geheimnis der Schwarzen Handschuhe sein Gesicht gab. Er schuf nicht einen, nicht zwei, sondern drei an der Zahl: die Tier-Trilogie. Nicht zusammenhängende Filme, alle dem psychologisierten Pulp-Thriller Italiens verschrieben, zusammengehalten durch die im Titel vorkommenden Tiere (beim Debüt allerdings nur im Original und englischen Titel). Den Filmemacher zog es weiter zum Fernsehen, zu einer Kriegskomödie mit Italiens bekanntem Bespaßer Adriano Celentano bevor er den Proto-Giallo Profondo Rosso schuf. Der Höhe- und Endpunkt des Genres. Formvollendung auf der Leinwand. Danach packte Argento den Schrecken an und schuf den Auftakt einer weiteren Trilogie. Erzählungen dreier Mütter der dunklen Seite der Welt. Mater Lachrymarum, Mater Tenebrarum und Mater Suspiriorum. Tränen, Dunkelheit und Seufzer. Mother of Tears, Inferno und Suspiria. Unterschiedlicher könnten sie qualitativ nicht sein; musste die Vollendung der Trilogie über Jahrzehnte auf sich warten lassen und endete in einem traurigen Abschluss, begann Argentos Ausflug in die Welt der Ängste und der Hexen mit einem atmosphärischen Opus.

Es war einmal ein Horrorfilm, der wie zuvor und danach entstandene Werke Argentos nicht verhehlen kann, dass der italienische Kult-Filmemacher Probleme hat, Geschichten mit durchgehend gestärktem Erzählbogen zu schildern. Nirgends ist es so egaler wie bei Suspiria. Und: am Anfang war Hitchcock. Selbst Argentos erster Ausflug in das Horrorgenre birgt dessen klassisches Motiv der gestörten Wahrnehmung, des vergessenen Schlüssels zur Auflösung in seinem Kern was Argento immer wieder in seinen Gialli aufgriff. Suzie kann durch den laut peitschenden Regen die Worte der ängstlich flüchtenden Schülerin bei ihrer Ankunft nicht richtig verstehen, deren Zusammenhang nicht in Verbindung mit den Geheimnissen der Schule bringen. Suspiria besitzt damit ein klassisches Grundmotiv des Giallo; klassische Ermittlungsarbeit der ebenfalls vollkommen unbehelligt in seltsame Vorgänge hineingezogene Protagonistin kann man deren Ergründen der Geheimnisse um die Schule und deren Besitzerin Elena Marcos nicht nennen. Wie das Kind zur Jungfrau kommt, ergründet Suzie die Wahrheit. Beiläufig, in kurzen lichten Momenten während ihres delirierenden Zustands nach ihrem Zusammenbruch lichten sich die Schleier im doppelten Sinne.

Je länger ihr Aufenthalt in der Akademie andauert, desto mehr brechen geläufige Narrationsregeln auf. Suspiria entpuppt sich als unheimliches Erwachsenenmärchen mit Alptraumlogik und die Tanzschule wird zu einer ganz eigenen Welt, losgelöst vom Rest unserer bekannten Realität. Sinnbildlich betritt Suzie diese schon als sie den Flughafen nach ihrer Ankunft in Deutschland verlässt, was Argento beiläufig mit Gegenschnitten auf die Öffnungsmechanik in Nahaufnahme, deren Geräusche man deutlich auf der Tonspur vernehmen kann, darstellt. Suzie gleitet, begleitet vom Beginn des markanten Themes der Experimental-Prog-Rock-Band Goblin, durch den Regen und wird mit einer simplen, markant ausgeleuchteten Taxifahrt in das Herz dieser anderen Welt transportiert. Bevölkert ist sie abermals von obskur anmutenden Nebenfiguren, denen Argento eine Aura des unheimlichen schenkt. Hinzu kommen von Neid und Selbstsucht durchfahrene Mitschüler und Alida Valli als gestrenge Lehrerin, Argentos Version von Fräulein Rottenmeier. Inmitten dieser Ansammlung unmenschlich handelnder Menschimitationen ist das verlorene, verschreckte Mädchen Suzie. Mit den Schritten aus dem Flughafen sprang sie Alice gleich in ein Loch zu dieser anderen Welt in der alte, böse Mächte schlummern.

Daraus schafft Argento mit übersteuerten, nahezu pervertiert bavaesken Farbspielereien und einem allpräsenten Score einen Rausch filmgewordener Nachtmahre. Der Italiener machte nie einen Hehl daraus, dass er mit seinen Filmen stets gewisse Eigentherapie betrieb und darin seine Alpträume verarbeitete. Man darf dem Unterbewusstsein des Mannes dankbar sein, dass er zu solch einem Film fähig war. Suspiria vermochte formell bereits in seiner Entstehungszeit mit seinem Verständnis von Horror keine Neuerungen in das Genre zu bringen. Er öffnete es aber vielleicht für Filme, die von ihrer Stimmung getragen werden. Weniger Film, mehr Trip spricht Suspiria das Innerste an und schenkt stilisierte Bilder des unterbewussten Schreckens der sich selten zu wortwörtlich blutig roten Schocker- oder Todesszenen wandelt. Mit letzteren sucht Argento in deren Inszenierung nochmals die Nähe zum Giallo, um mit den stilisierten Ableben der Figuren und dem Aufblitzen scharfer Rasiermesserklingen die bösen Mächte in der Gegenwart zu verwurzeln. Manchmal stört das den traumartigen Sog der episodisch ausfasernden Geschichte, die mich persönlich auch bei dieser Sichtung wieder von Beginn an packte. Ist man einmal im eigenartigen Rausch dieser gefangen, gleitet man zusammen mit Suzie herzlich gerne durch die Gänge der Tanzschule deren Herz uns im Finale mit MC Escher-artigen Wandgemälden, bombastischem Getöse und entfesselten Farben nochmals all ihre traumhafte Schönheit des Seltsamen zeigt.

16. Oktober 2018

Horrorctober 2018: The Descent (5/13)

Horrorctober-Film No. 5 und Man vs Nature die Zweite. Das Opus Magnum Neil Marshalls, nach seinem netten Einstand Dog Soldiers und vor dem zu gut gemeinten Doomsday sowie weit vor seinem Abstieg in den Abgrund des TV-Serien-Regisseur-Daseins (im Premium-Segment mit Folgen für u. a. Hannibal oder Game of Thrones) entstanden. Anders als der zuvor im heimischen Lichtspielhaus goutierte Preservation zelebriert der Brite mehr die direkte Konfrontation des kleinen irdischen Lichts, genannt Mensch, mit der übermächtigen Natur. Über weite Strecken ist The Descent mehr ein klassischer Survival-Thriller, in dem Marshall das Machtverhältnis zwischen dem Menschen und dem Planeten, auf dem dieser so viele Jahre verweilt, in beeindruckenden Einstellungen versinnbildlicht. Gegenübergestellt wird eine Gruppe von Frauen, Freundinnen, die Monate nach dem tragischen Unfalltod der Tochter und des Manns von Sarah zusammenkommen um sich ihrem gemeinsamen Hobby zu widmen: dem Überwinden von Naturgewalten.

Wildwasserrafting, Klettern oder Höhlen erforschen: die Freundinnen verbindet diese Liebe, sich in extreme Situationen zu bringen und die Natur dabei zu bewältigen, zu bezwingen. Nichts deutet darauf hin, dass die von Organisatorin Juno ausgesuchte Höhle eine besondere Extreme für die Frauen wird. Es beginnt nach dem Abstieg mit dem Einsturz eines schmalen Tunnels. Bei Sarah bricht das vom Unfall verursachte Trauma langsam wieder auf, Junos eigenmächtige und gegenüber dem Rest der Gruppe verheimlichte Änderung über die ausgesuchte Tour und ein schwerer Unfall mit Knochenbruch steht ihnen zusätzlich im Weg, aus der Höhle hinaus zu finden. Es scheint, als würde dieses Mal Mutter Erde die Herausforderung gewinnen und das der Feind das dünne Nervenkostüm der Gruppenmitglieder sowie das unterirdische, enge Labyrinth aus Gestein und Wasser ist. Dies wird zu einem Abstieg in die Hölle, angedeutet durch einen schönen wie extremen Weitwinkel-Shot, in dem die sich in den Eingang der Höhle abseilenden Abenteurerinnen schrecklich klein und unwichtig erscheinen.

Verschluckt vom Erdendunkel schürt Marshall die Beklemmung simpel wie effektiv mit Lichtspielereien. Die Schwärze ist allgegenwärtig. Sie verschluckt die Protagonisten wie den Zuschauer, der mit diesen zusammen seine Augen durch die dunklen Schleier der Höhle presst. Aus diesem Schwarz blitzen kleine Flecken Licht auf, die uns die Freundinnen beim Erforschen der Höhle zeigen. Das Wechselspiel zwischen bildschirmfüllenden und mit Licht und Dunkelheit spielenden Szenen, perfekt ausgeleuchtet, smart geschnitten, lässt die Atmosphäre förmlich spürbar werden. Die in dunklem Orange und blutigem Rot gehaltenen Bilder lassen im Stil The Descent zur unterirdischen, argentoesken Bilderflut werden. Aus der finsteren Schwärze und dem Höllenrot entsteigt überraschend, ohne das der Zuschauer groß darauf vorbereitet wird, das namenlose Grauen. Der Tiefe perfekt angepasste, animalische Humanoide, welche die Jagd auf das Frischfleisch eröffnen und für die Frauen aus der Höhle eine Todesfalle werden lassen. Dem klaustrophobischen Kannibalenterror entspinnt das Drehbuch ungeheuer intensive Szenen. Nur die im hohen Tempo aufflackernde Hektik bremst die Intensität des Filmes im zweiten Akt des öfteren aus.

Zeit bleibt dennoch kaum, die kleinen Schwächen von The Descent näher zu betrachten. Die weiblichen Figuren sind wie ihre männlichen Epigonen bis auf Hauptfigur Sarah leider eindimensional und einige Nebencharaktere spürbar nur als Futter für die tödlichen Höhlenbewohner existent. Marshalls Idee, mal nicht wie sonst üblich halbwegs gestandene Mannsbilder in den sicheren Tod zu schicken sondern Frauen auszuwählen, bleibt eine tolle, selbst heute noch frische Entscheidung. So steigen seine Figuren, Sarah voran, hinab in ihre eigenen Abgründe, die sie dem Genre geschuldet zu typisierten Charaktere entwickeln lässt, welche auch in männlicher Form im Horror seit Jahrzehnten existieren. Ihr Leidensweg scheint ebenfalls vertraut; Marshall setzt die Versatzstücke clever zusammen und entfacht einen mitreißenden Sog an Spannung und Gewalt. Das nackte Überleben von Sarah und ihren Gefährtinnen kulminiert in explosive Szenen. Terrormovie goes Underground. The Descent packt uns daneben in seiner geschickten Inszenierung bei unseren eigenen Urängsten: Enge,die Dunkelheit, das vermeintlich darin lauernde, namenlose Böse. Marshall kitzelt es aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche und lässt seine Figuren wie den Zuschauer spüren, dass etwas unbekannt schreckliches dort unten lauert.

Kenner Lovecrafts dürften frohlocken. Die in seinen Geschichten heraufbeschworene Stimmung der ständigen Bedrohung wird vom britischen Regisseur geschickt in die Handlung eingewoben und die Kreaturen erinnern in ihrem Aussehen an die Monster in der 1923 entstandenen, schon häufiger verfilmten Kurzgeschichte "Die lauernde Furcht" (Original: The Lurking Fear). Der Brite geht es weniger abstrakt als Lovecraft an und lässt die direkte, rohe Gewalt sprechen. Obwohl The Descent ein Rewatch ist, auf den ich schon länger Lust hatte und die Gelegenheit packte, ihn für den Horrorctober anzugehen und meinen Hang zur Prokrastination damit zu bekämpfen, vergaß ich über die Jahre, wie gut The Descent eigentlich ist. Es schien diesmal so, als habe er sich mit all seiner Größe komplett vor mir entfaltet und bescherte mir das erste große Highlight in der diesjährigen Aktion. Selten schaffte es ein Film hinterher gängige Genremuster mit so viel Können in ein so intensives Erlebnis zu verwandeln.

15. Oktober 2018

Horrorctober 2018: Preservation (4/15)

Man vs Nature die Erste in meinem diesjährigen Horrorctober mit der Erkenntnis: man muss nicht gleich ins ferne All, damit keine Menschenseele schmerzerfüllte Schreie hören kann. Ein Campingtrip genügt. In Preservation fahren das Ehepaar Wit und Mike Neary als Vertreter des modernen, urban geprägten Menschen mit Mikes Bruder Sean, ein pragmatischer und bodenständiger Kerl, einer der Marke bei dem man am liebsten alle vier Buchstaben des Wortes Kerl groß schreiben möchte, in die Wildnis hinaus um einige erholsame Tage zu verbringen. Es wird ein unfreiwilliger Abenteuertrip, eine Jagd, bei der die drei zu den Objekten unbekannter werden, welche sie gnadenlos durch ein stillgelegtes Naturschutzreservat jagen. Die Schmerzensschreie, welche die Urlauber während ihres Martyriums den stummen Bäumen entgegenschleudern, werden nur von ihren maskierten Peinigern wahrgenommen. Andere Menschen sucht man in dieser verlassenen, weit abgelegenen Umgebung vergebens.

Ebenfalls gesucht wird die Innovation, welche Autor und Regisseur Christopher Denham außen vor ließ. Preservation ist ein geradliniger Backwood-Terrorfilm, der keinen Preis für die frischesten Ideen gewinnen könnte. Es wird auf die bewährte Formel des Subgenres gebaut, die Abläufe der Geschichte erscheinen bekannt und vertraut. Kaum im Wald angekommen und aus dem Wagen gestiegen, legt der Film eine falsche Fährte, die man leicht erschnuppern kann. Aus dem emotionalen Gestrüpp der Protagonisten wuchern dezent Konflikte, bis man nach der ersten Nacht von Zelt und Besitz beraubt in der Wildnis erwacht, mit einem schwarzen Kreuz auf der Stirn. I choose you schreit es den noch ahnungslosen Figuren entgegen, bevor die namen- und gesichtslosen Unbekannten auftauchen und zur Tat schreiten. Hinter grimmig dreinblickenden Masken und in großen Jacken, Panzern und Polsterungen gepackt und versteckt, scheint dem Trio die gewalttätige Seite der heimischen Urbanität in die fast unberührte Natur gefolgt zu sein.

Die Modern Rednecks beginnen ihr Spiel und Preservation nimmt an Fahrt auf. Auf der Erstschlag folgt der Gegenschlag, die städtischen Eindringlinge können erstaunlich gut mithalten und ziehen, so will es das Gesetz des Genres, doch den Kürzeren. An diesen Entscheidungen im Drehbuch kann man sich stören, wenn der Erfahrene des urbanen Dreiers schnell seinen Odem aushaucht und die Figur, die am wenigsten Ahnung vom Überleben in der Wildnis hat, in Windeseile alle Survivalregeln des Backwood-Thrillers/-Horrors befolgt. Unglaubwürdige Genresyntax, lax von Regisseur Denham zu Papier gebracht, trifft auf geschmackvollen Stil. Aufgeräumt und hell, kalt und gleichzeitig in warme Farben getaucht ist Preservation einer der wenigen digital gedrehten Filme, an dessen Stil ich mich nicht störe sondern zugebe, dass es ihm gut steht. Hinzu gesellt sich ein akustisch-elektronischer Soundtrack, dessen vage an Country erinnernden Melodiebögen sich ins Ohr schmeicheln.

Bei fehlenden Innovationen, dem hübschen Look und einem Erzähltempo, welches zu erahnenden Momenten einen kurzweiligen Charakter schenkt, ist Preservation kein großes Feuerwerk, der aber in seinen positiven Szenen mich durchaus überrascht hat. Wenn Christopher Denham die Masken seiner Antagonisten fallen lässt, beschert er die größte Überraschung. Es mag übertrieben sein, wirkt im Nachgang kurze Sekunden später schlüssig. Das entlockte mir ein ungläubiges Lachen, eben wegen diesen beiden gegensätzlichen Extremen. Ich fühlte mich dezent an Eden Lake erinnert, ohne dass Preservation sich zu stark an diesem bedient. Würde Christopher Denham in seiner Geschichte die Hüllen bzw. Masken eher fallen lassen, wäre der Film einiger Stärken beraubt worden. Auf der anderen Seite wäre er ein etwas anderer, mehr eigenständiger Film geworden, als er letzten Endes ist. Für gewisse Kurzweil sorgt der Film bei allen bekannten Elementen allemal. Wo manches Mal das Timing nicht richtig sitzt, hat man bei der Auflösung fast alles richtig gemacht und die unglaubwürdigen Stellen werden einfach unter den Mantel des Schweigens gepackt. Es kann ja nicht alles gleich Deliverance sein.

13. Oktober 2018

Horrorctober 2018: All The Boys Love Mandy Lane (3/13)

Party, saufen, exzessiv bis zum nächsten Morgengrauen feiern, kiffen, ficken. Wir sind jung. Wir sind schön. Wir sind oberflächlich. Wir sind alles, nur nicht die Freunde, für die wir uns halten. Das dünne Band der Gemeinschaft zerbricht, sobald der kleinste Konflikt am Horizont erscheint. Das angeknackste innere Gefüge zerbricht letztendlich durch gewaltsames Eingreifen von außen. Schuld daran ist die personifizierte Unschuld, eine unnahbare Göttin der Jugendlichkeit: Mandy Lane. Das Mädchen, dass eben alle Boys - separated from all the real men - anzieht wie Licht die Motten. Bunte Sträuße geballter Hormone, konzentriertes Testosteron werden der jungen Frau reihenweise geschenkt. Bildlich wirft man sich für sie in den Staub, tatsächlich wirft man sich für sie vom Dach. Der Sprung von dort oben endet für den Gastgeber der Party tödlich. Angetrieben wurde der alkoholisierte Jugendliche von Mandys bestem Freund, dem augenscheinlichen Wächter derer Unschuld.

Sechs Monate später folgt nun das ausgelassene präsentieren eigener Egomanien auf einem opulent wirkenden Landsitz. Keine Spur von Mandys Freund, der wie ein Luchs auf das Mädchen aufzupassen schien. Ist die unnahbar wirkende junge Frau das Opfer vieler nach ihr gierenden Jungwölfe, die gierig ihre Zähne in ihr nacktes Fleisch rammen wollen oder ist Mandy vielleicht sogar ein Wolf im Schafspelz, der die Jungs im ihren finalen Stunden zu dummen Welpen degradiert? Ein Szenario, 2006 in die Kinos gebracht, welches vor 12 Jahren so frisch war wie 1981 abgelaufene Konservenkost. All The Boys Love Mandy Lane. All The Fanboys Heart Overhyped Mandy. Sind wir mal ehrlich: es ist erstaunlich, wie dieser in der ersten Hälfte einfallslose Slasher von seinem Publikum beklatscht wurde. Es war kein großer, eher ein kleiner, vielleicht sogar eher ein Geheimtipp, aber: häufig wurde die Mär vom in weißer Unschuld gekleideten Rotkäppchen, gejagt von notgeilen Nachwuchsalphamännchen, als frisches Blut für das dahinsiechende Slashergenre angepriesen.

Bis der Film seine Qualitäten ausspielen kann, quält man sich nahezu durch lauen Teeniequatsch, mit dem in den Jahren zuvor - seit dem Erfolg von Screamviele andere Slasher mit jugendlichen Charakteren bereits wenig Interesse hervorlocken konnten. Es wird gestritten, es wird gebuhlt, es wird gebaggert, dicke Eier schwellen vor Wut über die Abweisung der angebeteten Göttin weiter an während die weiblichen Figuren sich im Bitch-Fight üben. Erste unliebsame Kandidaten und Figuren beißen irgendwann ins Gras. Ein Unbekannter hat sich selbst zur Party eingeladen um die Gäste vorzeitig von dieser und aus deren Leben zu geleiten. Realismus trifft auf die oberflächliche Welt dieser nervigen Rich Kids und fordert gnadenlosen Blutzoll. Dazwischen werden die schönen Menschen im hippen Indiestyle, untermalt mit locker durch das Ohr blubbernden Soundtrack, darunter eine äußerst gefällige Covernummer von Americas "Sister Golden Hair", dargestellt.

Glücklicherweise präsentiert das Drehbuch schnell die Identität des Mörders, der nicht ein weiterer, maskierter Scharfrichter im Auftrag konservativer Moralvorstellungen, sondern ein gebrochener Mensch ist. All The Boys Love Mandy Lane wird zum leichten Outsider-Drama, lässt durch seine verkommenen und unsympathischen Hauptfiguren eher mit dem Täter mitfühlen und zwischen all' den hübschen Bildern und der wütenden Stimmung blitzen erste Anzeichen auf, welche später zum finalen Twist ausholen. Mandys Unnahrbar- und Makellosigkeit bekommt feine Risse, die im Finale zum Abgrund werden. Dieser Final Girl Blueprint entpuppt sich hinter der schönen Fassade als blondes Gift. Vadim wusste schon: Und ewig lockt das Weib. Die verlockende Weiblichkeit wird in All The Boys Love Mandy Lane zur sinnbildlich dämonischen Bedrohung für die Stärken des männlichen Geschlechts. Der Film spielt mit den im Slasher vorgegebenen Rollenbildern, hat einen sehenswerten fancy Look und katapultiert sich mit vorgegaukelter Cleverness auf eine wackelige Meta-Ebene für das Horrorsubgenre. Der Twist, von einem Freund als nicht zu erwartend beschrieben, lässt sich tatsächlich dank der hintergründigen Hinweise zwischen den Zeilen erahnen, schenkt dem ganzen Film dafür ein markanteres Profil als die beinahe missratene, gesichtslose erste Hälfte. Die Idee von All The Boys Love Mandy Lane ist gut gemeint, aber mäßig umgesetzt. Man ruht sich auf dem Twist aus und lässt vorher schnöden Durchschnitt hemmungslos regieren. Im Endeffekt ist das viel zu wenig für einen richtigen (kleinen) Indieknaller, durch zugegeben durchaus hübsch, aber bei weitem nicht so clever ist, wie er sein möchte.

5. Oktober 2018

Horrorctober 2018: The Heretics (2/13)

Die zweite Runde des 2018'er Horrorctobers beschert mir mit The Heretics einen Film, der irgendwann mit jeder fortschreitenden Minute sein durchaus vorhandenes Potenzial verschenkt. Interessant ist hierbei, dass die Qualitätskurve nicht rapide abstürzt, sondern wie auf einer kurvigen Bergstraße ins Schlingern gerät, sich auf der Strecke halten kann, aber immer gefährlich nahe am Abgrund entlang verläuft. Regisseur Chad Archibald verliert im weiteren Verlauf die Kontrolle; The Heretics rauscht frontal über die Strecke und selbst wenn die Mängel von einem Totalschaden entfernt sind, ist das Endergebnis ernüchternd mäßig. Sein Beginn verspricht solide Okkulthorror-Kost und nimmt sich angenehm Zeit um seine Figuren einzuführen. Im Zentrum der Geschichte steht Gloria, welche vor Jahren von einer Gruppe Satanisten entführt wurde. Nach einem blutigen Ritual, welches in Massensuizid endete, entkam die junge Frau und leidet seitdem an Alpträumen.

Diese werden wieder real, als sie nach einem Besuch bei ihrer Freundin Joan, welche sie bei ihren regelmäßig stattfindenden Therapiegruppensitzungen kennenlernte, erneut entführt wird. Gloria gelingt es, ihrem Kidnapper ihr entwendendes Handy zu entreißen und einen panischen Hilferuf auf den Anrufbeantworter ihrer Mutter zu sprechen. Ihre Freundin Joan organisiert in halb hysterischem Zustand auf eigene Faust einen Suchtrupp, während Gloria von ihrem Entführer in einer kleinen Berghütte festgehalten wird. Dort offenbart sich dieser ihr als Überlebender des damaligen Massakers und das er sie vor den Brüdern und Schwestern des Kults schützen will, da durch das Ritual ein Dämon in sie gefahren sei. Das entpuppt sich über erste Strecken mehr als Thriller, denn als Horror, der in kleinen Dosen in die Story integriert wird. The Heretics spielt dabei mit der Wahrnehmung seiner Figuren und des Zuschauers, lässt den besagten Dämonen bedrohlich im Dunkel der Hütte für wenige Sekunden auftauchen und genau so schnell wieder verschwinden.

Leider geht der Film den weniger subtilen Weg und konzentriert sich nicht auf die aufkommende Frage, ob es sich dabei um kollektive Wahnvorstellungen von Gloria und ihrem Entführer sind. Um den nach Effekten gierenden, einfachen Genrefan zu befriedigen, entschließt man sich, Gloria nach und nach äußerlich torturreich zu etwas dämonischen transformieren zu lassen. Dieser an Bodyhorror heranreichende Schritt kulminiert in einigen ekligen Effektszenen, raubt der Geschichte aber gleichzeitig die gering vorhandene Doppelbödigkeit. Der Subplot um die immer stärker emotional entgleisende Joan, die durch die Entführung ihrer Freundin den Verstand zu verlieren scheint, wird erst durch den späteren Twist mit der Hauptstory verbunden und fühlt sich vorher als seltsamer Fremdkörper im Storygefüge an. Ist die Katze einmal aus dem Sack, wird The Heretics aller aufkommenden Stärken nahezu beraubt. Es bleibt ein Horrorthriller, der mit geringer Spannung, dafür straightem Weg Richtung Finale einen maximal okayen Gesamteindruck hinterlässt.

Den Machern des Films scheint das Potenzial der Geschichte, daraus einen subtil arbeitenden, okkult gefärbten Horrorthriller über die wahnhafte Macht des Glaubens entgangen zu sein. Die durchaus dichte und hübsche Atmosphäre, verstärkt durch die ansehnliche Ausleuchtung während der Szenen in der Hütte, wäre ein idealer Nährboden für eine solche Art von Film gewesen. Der eingeschlagene Weg ist durchaus goutierbar, lässt allerdings die vergebenen Chancen der Story nach Ende des Films lange nachhallen. Lieber setzt man noch einen drauf und präsentiert in der letzten Einstellung einen derart dummen Einfall, der zwar nicht alles, aber einiges zuvor aufgebautes, zunichte macht. Auch wenn er vorhersehbar ist, setzt er allem die Krone auf und lässt das aufgebaute Ansehen von The Heretics beim Zuschauer sinken. Eben weil man zuvor behutsam, langsam an die eigene Geschichte herangegangen ist, zwar keine gut gezeichneten, aber bemüht charakterisierten Hauptfiguren präsentiert und Pfade für einen im Subtext mitnichten gut gefüllten, aber leicht cleveren Film geebnet hat. Im Endeffekt hat man als Zuschauer durch weniger gute Entscheidungen der Macher, lieber auf Nummer sicher gehen zu wollen, einen durchschnittlichen Mix aus Okkult- und Bodyhorror.

4. Oktober 2018

Horrorctober 2018: The Barn (1/13)

Wie viele Kellen Retro vertragen wir noch, ehe wir im nostalgisch rückwärts gerichteten Blick aktuelle, zeitgenössische Werke komplett übersehen oder dieser überdrüssig sind? Egal ob neue, im pixeligen 8- oder 16 Bit-Stil gehaltene (Indie-)Games, Bands die sich in verschiedenen Genres deren Wurzeln oder zeitliche Strömungen annehmen oder seit der Netflix-Hitserie Stranger Things die wieder schwer angesagten 80er im Film: selbst ich Retro-Afficionado musste mich ertappen, wie ich beim derzeitig gefühlt x-ten Boom der 80er anfing, leicht angestrengt zu schnaufen. Ich mag Stranger Things u. a. wegen der Detailverliebtheit im Bestreben, die 80er so authentisch wie möglich darzustellen und auch hemmungslos dieses Jahrzehnt und dessen Genrefilme huldigende Meta-Genre-Knaller wie Turbo Kid. Aber irgendwann dürfte man doch übersättigt sein oder ist doch noch etwas Platz im enger werdendencVerdauungsapparat der Freaks? Meinen Einstieg in den diesjährigen Horrorctober könnte man vorschnell als weiteren, beliebigen Beitrag zur Retro- bzw. 80er-Welle abtun.

The Barn fühlt sich dazu verpflichtet, dem Direct-To-Video-Horrorkrempel, den Videothekenlückenfüllern und den größeren und kleineren Perlen aus diesem manchmal unüberschaubar scheinenden Gestrüpp aus dem man häufig einfach mäßige Vertreter des Genres zog, zu huldigen. Justin M. Seaman, Autor, Produzent und Regisseur in Personalunion, scheint sich in seinem Leben viel davon angesehen und diese genaustens studiert zu haben. Die Geschichte seines u. a. via Indiegogo-Kampagne finanzierten Films hat man selbst während der Blütezeit des abgegriffenen Videohorrors schon x-fach gesehen. Nach einem kleinen Intro, das uns wieder einmal lehrt, dass Minderjährige im Horrorfilm grundsätzlich Probleme haben, ihnen auferlegte Regeln zu befolgen, lernen wir die Freunde Josh und Sam kennen, welche 1989 während der Halloween-Zeit mit einem selbst zusammengezimmerten Schauer-Kabinett versuchen, über die Runden zu kommen. Nach Disputen des nahezu von Halloween besessenen Sams mit seinem Vater und der örtlichen Lehrerin, wollen die Kumpels mit Sams heimlichen Schwarm Michelle und einigen weiteren Freunden nochmal richtig die Sau raus lassen und hinterher das Konzert einer angesagten Metal-Band besuchen. Während einer Rast entfachen die Teens in einer schon aus dem Intro bekannten Scheune das Böse in Gestalt dreier fürchterlicher Dämonen.

Den Rest kann man sich denken: die Dämonen - eine Vogelscheuche, eine Art Zombie-Bergarbeiter und ein wandelnder Jack O'Lantern - räumen ordentlich unter den Jugendlichen und im nahegelegenen Ort auf, bevor die beiden Hauptfiguren zum finalen Gegenschlag ausholen und sich einzeln dem bösartigen Trio stellen. Regisseur Seaman verbeugt sich in seinem Herzensprojekt in Dauerschleife vor seinen geliebten 80er-DTV-Hits und versucht so gut wie es die zur Verfügung stehenden Mittel hergaben, seinen Film wirken zu lassen, als würde er aus der persiflierten Zeit stammen. Das Indie-Projekt schlägt sich im Vergleich mit ähnlichen kleineren Produktionen beachtlich. In wenigen Momenten kann das digital nachbearbeitete Bild nicht verbergen, dass es sich um eine neuere Produktion handelt, Seaman und sein Team schaffen es aber, mit ihrem limitierten Budget das selbe "Billigheimer"-Feeling der alten DTV-B-Horrorfilme zu erschaffen und die für das Level des Films höchstmögliche Authentizität zu erschaffen. Die Kleidung der Darsteller fand man z. B. überwiegend in Second Hand-Läden.

Dazu gesellen sich matschige, handgemachte Effekte, die - wie früher und zugegeben auch heute noch - mal mehr, mal weniger gut gelungen sind und The Barn einen netten DIY-Charakter schenken. Sehen lassen können sich neben den Masken der drei dämonischen Fieslinge auch das flott runtergerotzte Masskaer in der Stadthalle. Es ist ein gutes Beispiel, mit welchem Tempo man durch die Story pflügt. Einzig auf der Tonspur passiert zu viel: für die Zeit unverkennbare Synthie-Sounds wechseln sich fast pausenlos mit aus dem Jahrzehnt stammenden oder undergroundigen, sich dem Retrosound verschriebenen Rock- bzw. Metalsongs ab. Ein Overkill auf der Tonspur, der trotz der guten Songauswahl bzw. Kompositionen enervierend gerät. Bei allen positiven Aufzählungen soll nicht verborgen bleiben, dass Seamans Absicht, einen neuen alten 80er-B-Horrorflick zu schaffen, funktioniert, aber die Hommage zuweilen zur Kopierpaste mutiert. Er setzt nicht nur sicher die positiven Dinge der alten DTV-Produktionen um, sondern übernimmt gleichzeitig auch deren negativen Eigenschaften.

The Barn fehlt es an Kontinuität; die ohnehin nicht durch Einfallsreichtum glänzende Story verliert sich in der teils episodischen Narration. Lieber treibt man die eindimensionalen Figuren zur nächsten Konfrontation mit einem der Dämonen als die Geschichte auf langer Sicht für das Finale vorzubereiten. Die Gäule gehen mit Seaman durch, der dann seinen Film eine Stufe höher heben möchte, über die von ihm sicherlich geschätzten, dutzenden Vorbilder. The Barn ist merklich ein mit viel Enthusiasmus und Herzblut umgesetztes Projekt, bei dem der Regisseur einige Male von seiner Euphorie übermannt wird und seiner kleinen Indie-Produktion mehr zutraut, als sie es in Realität zu schaffen vermag. Das macht seine Macher und deren Film letztendlich sehr sympathisch, was mich über seine Schwächen getrost hinwegsehen ließ. Es ist ein kleiner B-Kracher mit viel Charme, der wenn alle Stricke reißen mit den hübsch altmodischen praktischen Effekten überzeugen kann. Zwei alte Bekannte aus der glorreichen Zeit schauen auch noch vorbei: Scream Queen Linnea Quigley gibt die gestrenge Mrs. Barnhart und der Ur-Jason (hiermit meine ich Teil 1) Ari Lehman gibt einen Moderator einer TV-Metal-Show. Das Wiedersehen mit beiden erzeugt wie The Barn selbst ein kleines, freudiges Lächeln. Es tut manchmal verdammt gut, sich eben auch an sowas einfacherem zu erfreuen.