Freitag, 15. September 2023

Das Rätsel des silbernen Halbmonds

Was 1959 mit Der Frosch mit der Maske begann und ein jahrelanger Garant für volle Kinosäle war, wurde 1972 von Umberto Lenzi mit Das Rätsel des silbernen Halbmonds zu Grabe getragen. Die Anstrengungen von der Rialto Film, dem Rückgang der Besucherzahlen ihrer Filmreihe an Edgar-Wallace-Verfilmungen mit einem neuen, internationalen Anstrich entgegenzuwirken, sollten keine Früchte ernten. Die Serie hatte schon ordentlich Patina angesetzt, war vor allem dem jungen Publikum zu piefig und den alten Fans war das, was man ihnen vorsetzte, einfach zu sehr gegen den altbekannten Strich laufend. Die deutsch-italienischen Co-Produktionen, welche 1969 mit Riccardo Fredas Das Gesicht im Dunkeln begannen, folgten dem offenherzigeren gesellschaftlichen Zeitgeist und lockerten sich für mehr Sex and Violence, was für viele Zuschauerinnen und Zuschauer offensichtlich zu viel des Guten war. Es folgte Massimo Dallamanos Das Geheimnis der grünen Stecknagel, bevor mit Lenzis Beitrag eine Ära zu Ende ging. Leider konnte das bundesdeutsche Publikum wenig mit dem, was wir heute unter der Genre-Bezeichnung Giallo zusammenfassen, anfangen. 

Dabei bietet Das Rätsel des silbernen Halbmonds eine altbekannte, aber interessant umgesetzte Murder Mystery um eine wahllos erscheinende Mordserie, bei welcher der Täter am Tatort ein Schmuckstück in Form eines Halbmonds zurücklässt. Nach dem vom Meuchler nicht komplett durchgeführten Mordversuch an der von Uschi Glas sehr fade dargestellten Giulia, versucht die Polizei, den Mörder hinters Licht zu führen. Man inszeniert ihren Tod mitsamt gestellter Beerdigung und bringt sie in einem von ihrem Verlobten Mario unter falschem Namen gemieteten Anwesen unter. Weil die Gesetzeshüter mit ihren Ermittlungen nicht richtig voran kommen, stellt das Pärchen eigene Ermittlungen an und finden heraus, dass die bisherigen Opfer einschließlich Giulia vor einigen Jahren an einem bestimmten Tag alle im selben Hotel unterkamen. Mario, verkörpert vom Spanier Antonio Sabato, verfolgt diese Spur und stößt auf einen Amerikaner, welcher ebenfalls an diesem Tag im Hotel war, und an dessen Schlüsselbund eben jenen Halbmond befestigt war. Beim Versuch, diesen geheimnisvollen Gast ausfindig zu machen, stößt Mario bald an seine Grenzen.

Den traditionellen Formeln des Genres folgend, bietet Lenzi dank seiner routinierten Arbeit eine spannende Mörderhatz, die allerdings auch etwas generisch wirkt. Das Geheimnis des silbernen Halbmonds mag einige spannende Momente besitzen, doch fehlt dem Film das letzte Quäntchen, um ihn innerhalb des Genres in höhere Sphären und gleichzeitig nachhaltig im Gedächtnis zu verankern. Zur schnellen Unterhaltung reicht es dennoch. Schwerer wiegt das Problem, welche man mit den Hauptfiguren hat. Neben der Bundes-Uschi, welche ihre Rolle arg distanziert zum Besten gibt, ist die von Señor Sabato immer ein Stück weit unsympathisch. Komplett mag man sich nie mit diesem anfreunden. Er ist ein Macho-Arsch, überheblich und leider legt ihm das deutsche Dialogbuch ein paar "flotte", platte Sprüche in den Mund, die heutzutage auch nur noch Applaus von beinharten Fans der Synchronisationen von Karlheinz Brunndemann oder Rainer Brandt ernten. Die fehlende Identifikationsfigur lässt die Zuschauerin und den Zuschauer nie zur Gänze in die Geschichte eintauchen. Für kurzweiliges Plaisir taugt der letzte "richtige" Edgar-Wallace-Film aber durchaus.


Share:

Sonntag, 6. August 2023

Nackt über Leichen

Lucio Fulci war nicht nur abseits der Leinwand ein Querkopf. Diese Eigenschaft übertrug sich des Öfteren auch auf seine Filme. Während seine Beiträge zur Untoten-Welle im Kino der 80er den wandelnden Leichnamen schon mal ein gespenstisches Wesen wie in Ein Zombie hing am Glockenseil (hier besprochen) verlieh oder sie zur pervertierten Verkörperung des allgegenwärtigen Todes innerhalb eines surrealen Albtraums wie in Über dem Jenseits (hier besprochen) wurden, waren seine Gialli nie zu einhundert Prozent das, worüber man das Subgenre heute definiert. Bereits mit seinem ersten Beitrag Nackt über Leichen geht der Italiener eigene Wege und schuf innerhalb seiner sehr diversen Filmographie wohl einen seiner besten Filme. Mit diesem kredenzt er dem Publikum eine vordergründig ruhig erzählte Kriminalgeschichte um den Arzt George Dumurrier, Leiter einer Privatklinik, um deren Finanzen es nicht gerade gut steht. Nachdem seine ungeliebte Gattin Susan ihrer langjährigen Krankheit erliegt, winkt ihm durch die damit verbundene Erbschaft finanzieller und dazu persönlicher Segen. Einer Heirat mit seiner Geliebten Jane scheint damit an sich ebenfalls nichts mehr im Wege zu stehen.

Doch wo das Glück ist, ist in der negierten Welt des Giallo das Unglück nicht weit. In einer Stripbar stößt das Paar auf die Tänzerin Monica Weston, die Georges toter Gattin zum Verwechseln ähnlich sieht. Mit dem Auftauchen der Doppelgängerin brauen sich über dem Kopf des Doktors pechschwarze Wolken zusammen und zu spät bemerkt dieser, dass er Opfer eines Komplotts ist, der ihm schnurstracks den Weg in die Todeszelle weist. Die unterhalb der Schönen und Reichen schwelende Niedertracht findet man im Giallo nicht gerade selten. Nackt unter Leichen unterscheidet sich von ähnlich gelagerten Filmen dadurch, dass Fulci in deren Darstellung jegliche Überspitzungen fürs Erste außen vor lässt. Bevor er zeigt, wie abgrundtief böse die Verschwörung gegen George eigentlich ist, lässt er dies die Menschen vor der Leinwand oder dem heimischen TV-Gerät vage spüren, ohne dass der Protagonist im Plot bereits etwas von der Konspiration ahnt. Das die Geschichte im finalen Akt doch einige sich überschlagende Wendungen in petto hat, ist eher als "großer Knall", den irreversiblen Climax, zu bezeichnen, der alles, was bisher unterschwellig im Plot brodelte, eruptieren lässt. Selbstverständlich kann man diese Handhabe als für den Giallo durchaus übliche Art der Narration, die bereits in Filmen, die vor und nach Fulcis Giallo-Erstling auftritt, bezeichnen.

Was Nackt über Leichen von einem Teil der beliebten italienischen Thriller und Krimis unterscheidet, ist seine Art der Präsentation. Der Film, dessen Handlung in den Vereinigten Staaten spielt, fühlt sich auch amerikanischer an. Während viele Gialli mehr dem "German Krimi", also den Edgar-Wallace-Verfilmungen, nacheifern und auch nicht unerheblich von der europäischen schwarzen Romantik beeinflusst sind oder sich später häufig auf das Œuvre von Hitchcock berufen, kreuzt Fulci in seinem Werk den Film Noir mit dem im damaligen, pop-kulturellen Zeitgeist angesagten, psychedelischen Look. Die dargestellte filmische Hardboiled-Welt ist aufregend bunt, fabelhaft fotografiert und über allem thront die in einer Doppelrolle auftretenden, österreichische Darstellerin Marisa Mell, eine markante Schönheit, als Femme Fatale. Ihr erstes Auftreten als Monica heizt die Stimmung des Films, die vom jazzigen Soundrack Riz Ortolanis prächtig unterstützt wird, ordentlich auf und ist quasi die Schlüsselszene, welche einen imaginären Schalter umlegt und die Perversion Story vollends ins Rollen bringt. 

Diese auch im Namen des Werks vorkommende, Perversion Story ist ein englischer Alternativtitel, und konkret benannte Pervertierung ist innerhalb des Genres, bei der Konstruktion des jeweiligen filmischen Kosmos, gern genutzt. Nackt über Leichen mag im Vergleich mit anderen Gialli und deren Zeichnung ihres Weltbild zurückhaltender sein, aber Fulci wäre nicht er selbst, wenn er nicht noch einen drauf legen würde. Hintergründig fühlt sich sein Film abgründiger, schwärzer, als andere an. Wer bislang an den Qualitäten Fulcis zweifelte, sollte sich durch Nackt über Leichen eines Besseren belehren lassen. Gelingt es ihm dort doch die zukünftig mehr herausstechenden bzw. herausgearbeiteten Übertreibungen innerhalb des Giallo griffiger, dezent subtiler und damit rationaler darzustellen. Gleichzeitig zeigt der Italiener bereits hier, dass diese Spielart des italienischen Kinos und er gut zusammenpassen sollten. Mit Nackt über Leichen beginnt der Reigen von dunklen, ungeheuren Geschichten, die er in seinen späteren Gialli erzählen sollte und bereitet zu einem Teil auch den Umbruch im Genre vor, der 1970 mit Argentos Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe erfolgen sollte. Gemessen an noch kommende Werke des streitbaren Regisseurs gelang diesem hier ein aufgeräumter wie gleichermaßen komplexer Film, der über wenige Zweifel - im Gesamtgefüge mutet manche Wendung leider zu konstruiert an - erhaben ist.

Share:

Montag, 31. Juli 2023

Project Wolf Hunting

Nachdem im letzten Jahr der aus Taiwan stammende The Sadness die Gorehounds verzücken ließ, legt heuer Südkorea einen nach. Project Wolf Hunting positioniert sich zwischen knallharter, körperlicher Action, dessen Prügelszenen an den mehr als zehn Jahre zurückliegenden Überraschungs-Hit The Raid denken lassen, und aktionsorientierte Science-Fiction á la Predator oder Terminator. Die Geschichte ist natürlich schnell erzählt: die Überführung von gefährlichen Schwerstverbrechern von den Philippinen nach Südkorea via Frachtschiff geht gehörig schief. Unterwandert von Saboteuren, werden die für den Transport abgestellten Polizistinnen und Polizisten überwältigt und die Kriminellen befreit. Innerhalb der Reihen der Gangster entbrennt ein Kampf um die Vorherrschaft, während die überlebenden Beamten im Staatsdienst versuchen, ihrer menschlichen Fracht Herr zu werden und die Kontrolle zurück zu erlangen. Beide Seiten ahnen jedoch nicht, dass im Rumpf des Schiffs Alpha, eine Art Supersoldat, welcher bei der Auslieferung der Verbrecher nach Südkorea geschmuggelt werden sollte, erwacht und seinem Blutdurst ungehemmt nachgeht.

Mit dem Auftritt des metallisch stumpf durch die Frachter-Räumlichkeiten stapfenden menschlichen Superwaffe entfacht sich ein blutiges Actionfeuerwerk, das die in punkto Gewalt von The Sadness hoch angelegte Messlatte scheinbar übertreffen möchte. Einzelne Schläge treffen ihre menschlichen Ziele sofort tödlich, Körper werden mit purer, übermenschlicher Kraft zerschmettert oder zerrissen und als absolut absurdes Highlight, dass den comichaften Charakter der dargestellten Gewalt unterstreicht, werden Menschen mit ihrem eigenen, abgerissenen Körperteil totgeprügelt. Eine Szenerie, wie man sie eigentlich nur in einem Troma-Film zu sehen vermag. Die Schlacht entbrennt, der Film enthemmt, der Zuschauer stumpft ab. In zwei Stunden ziehen zunächst die Schwerstkriminelle und dann Alpha eine Schneise der Verwüstung hinter sich her. Während das Schiff in dunkler Nacht über den Ozean gleitet, watet in seinem Inneren seine humanoide Fracht durch ein blutrotes Meer. Drei Anläufe benötigte der deutsche Verleiher Capelight, bis die FSK den Film in seiner ungekürzten Version freigab. 

Die einzigen Wendungen, welche der Film für sein Publikum in Petto hat, sind ständige Verschiebungen im Fokus auf die Gegenwehr leistenden Überlebenden. Kaum scheint einer der austauschbaren Charaktere als Hauptfigur ausgemacht, so haucht sie ihr Lebenslicht unfreiwillig aus. Man sucht weiter nach einem Bezugspunkt inmitten der sich dem Zuschauer förmlich aufdrängenden Körperlichkeit des Films. Dessen schmutziger Look und die betont natürliche Darstellung seines fantastischen Tropes verhindern, dass Project Wolf Hunting übertrieben comichaft wie beispielsweise die vom Fandom zum Kultfilm aufgebauschte Manga-Verfilmung Story of Ricky wirkt. Komplett funktioniert das nicht. Die Laufzeit und die wenigen Variationen im Plot bringen die Geschichte schwer voran und lassen einzig die ganz Hartgesottenen bis zum Ende eine durchaus gekonnte Action-Schlachtplatte durchstehen, deren mäßige bis ärgerlich schlechte Special Effect-Arbeit den angestrebten, natürlichen gritty and grungy Look and Feel sabotiert. Dieser Art von den Zuschauer kraftvoll überrumpelndes Spektakel fehlt es an Langzeitwirkung und seine in voller Blüte stehende Pracht dürfte im Gedächtnis der Menschen nur allzu schnell verflogen sein.

Share:

Freitag, 2. Juni 2023

Milly... und sowas nennt sich seine Mutter

Tausendmal geseh'n, tausendmal hat's nicht tangiert und auch beim tausendundeinen Mal ist die ohnehin allseits bekannte Prämisse eines Films nicht so prickelnd, dass es einen beim Genuss des Werkes vom bevorzugten Sitzmöbel hebt. Der durch seine Fernsehausstrahlungen auch unter dem Alternativtitel Der Todesengel von San Francisco bekannte Thriller aus der dritten (oder vielleicht auch vierten) Reihe schickt seiner im Mittelpunkt der Handlung stehenden Familie ein Schwiegermonster par excellence, frisch aus einer psychiatrischen Anstalt ausgebüxt, auf den Hals, welche weniger harmlos schrullig scheint, als es der erste, oberflächliche Eindruck erwecken mag. Nach zehn Jahren Funkstille steht Milly urplötzlich vor der Tür des trauten Heimes ihres Sohnes Bill, wird von diesem gegen Willen seiner Frau Arlene im geräumigen Domizil der Familie einquartiert und darf mit einigen Auffälligkeiten glänzen. Ob die eventuell mit der Situation heillos überforderte Verwandtschaft der alten Dame deren psychologischen Zustand unterschätzen, ignorieren oder als exzentrischen Zug abtun, bleibt Interpretationssache des Zuschauers.

Gleichermaßen darf geraten werden, was der Film eigentlich sein möchte. Als reiner Thriller lässt er eben diesen Part arg schleifen und paart die verschrobenen Auftritte Millys mit einem überraschungsarmen, sattsam bekannten Handlungsaufbau in dem sie alles aus dem Weg räumt, was in ihren Augen moralisch verkommen ist oder zwischen ihr und dem geliebten Sohn steht. Wenn Milly im letzten Drittel des Films völlig von der Rolle ist und man in einigen Szenen merklich Richtung Slasher steuert, steigert das den Unterhaltungswert zwar nicht in ungeahnt höhere Sphären, aber bringt eine dringend benötigte, aber zu späte Abwechslung. Bis dahin wirft Milly die Frage auf, wieso das dezent vorhandene Potenzial als gallige Satire auf die amerikanische Vorbildsfamilie bzw. Fernsehfamilien aus US-TV-Shows der 70er und 80er nicht komplett abruft. Der Culture Clash zwischen der harmonischen und damit schrecklich ätzenden Vorzeigefamilie und der verschütt' geglaubten Milly lodert kurz auf und löst sich schneller wieder in Rauch auf, als man den deutschen Filmtitel komplett ausgesprochen hat. Das Problem liegt zum größten Teil darin, wie sich der Film präsentiert.

Obwohl anscheinend eine Produktion für den Direct To Video-Markt, wirkt Milly... und sowas nennt sich seine Mutter mehr wie ein Fernsehfilm. Auch die wenigen Effekt- und Nacktszenen, welche man zu Gesicht bekommt, können nicht verhehlen, dass der ganze Rest immer etwas bieder und mit angezogener Handbremse inszeniert wirkt. Als wolle man mit erhobenem Haupte und Restwürde wissentlich im schundigen Filmmorast untergehen und sich ein gewisses (nicht unbedingt vorhandenes) Niveau herbeidenken. Ausgerechnet diese damit vorherrschende Stimmung ist es, die bei Stange halten kann. Das wenige Budget, die Ideenlosigkeit, sichtlich bemühte Darstellerinnen und Darsteller, eine uninspirierte Regie die nur in einzelnen und wenigen Szenen nette Einfälle bietet (gleiches gilt übrigens auch für die Kameraarbeit): es scheint den Menschen vor und hinter der Kamera immer bewusst gewesen zu sein, was man da überhaupt fabriziert. Neben dem über dem Film schwebenden Umstand ist es zuletzt Marilyn Adams, die Ehefrau des in der Comicwelt mehr als geschätzten Neal Adams - der Batman nach seiner durch die TV-Serie der 60s begonnenen quietschbunten Phase zurück in die ernsthafte Düsternis zurückführte - welche mit ihrem leicht daneben wirkenden Overacting in jeder Szene, in der sie zu sehen ist, dem Werk etwas positives schenkt.

Zuletzt irgendwann durch seine häufigeren Ausstrahlungen im Nachtprogramm diverser Privatsender gesehen, war es für mich wie für die Familie von Bill (im übrigens von Joe Estevez gemimt) ein eigenartiges Wiedersehen mit Milly. Ganz wahrscheinlich wäre das die meiste Zeit über cringe, aber auch wenn einem bewusst ist, dass das, was sich da auf dem Bildschirm abspielt alles andere als gut ist, kann man sich als schundfilmaffiner Filmfreund dem verschrobenen Charme des Films nicht ganz verwehren. Nachdem der Film hierzulande vor kurzem leider nur als augenscheinlich leidlich aufgehübschter Videorip auf DVD veröffentlicht wurde (ein Schelm, wer böses dabei denkt...), bleibt zu hoffen, dass sich ein auf solchen Schlock spezialisiertes US-Label wie beispielsweise Culture Shock Releasing dem Werk annimmt und ihn auf ansprechendere Weise auf Blu Ray veröffentlicht. Immerhin haben diese mit der SOV-Produktion The Flesh Merchant bereits ein Werk mit Joe Estevez in der Hauptrolle veröffentlicht, was ein wenig hoffen lässt.

Share:

Dienstag, 25. April 2023

Die geschändete Rose

Die Einflüsse von Georges Franjus Horrorklassiker Augen ohne Gesicht (hier besprochen) sind nicht von der Hand zu weisen und doch würde man es sich zu einfach machen, Claude Mulots Film als eine bloße Kopie abzutun. Die geschändete Rose ist weniger unterkühltes, gothisches Horrordrama sondern ein öfter schwülstiges, mehr im Pulp haftendes Melodram zwischen Schauergeschichte und Einflüssen des damals erstarkenden modernen Horrorfilms. Ist es bei Franju der sich in seiner Schuld windende Dr. Génessier, welcher seiner leidenden Tochter nach einem fürchterlichen Unfall ein neues Antlitz schenken möchte, so ist es bei Mulot der Maler Frédéric Lansac, der seiner Muse Anne - Opfer einer von Frédérics früherer Flamme Moira begangenen Eifersuchtstat - zu alter Schönheit verhelfen möchte. Frei von jeglichen medizinischen Kenntnissen erpresst er den von seinem Geschäftspartner - beide betreiben nebenher eine Art Wellness-Studio - für dieses eingestellten Professor Romer zur Mithilfe, als er hinter die kriminellen Machenschaften des ehemaligen Schönheitschirurgen kommt. Aufgrund der schwere von Annes Verletzungen kommt dieser zum Schluss, dass einzig eine Gesichtstransplantation noch helfen kann. Geeignete, selbstverständlich unfreiwillige Spenderinnen findet das Duo dabei unter der Kundschaft ihres Schönheitstempels.

Im Vergleich mit Franjus Film fehlt es Mulot an Feinschliff und Progressivität; was die beiden eint ist ihre durchgehend melancholische Stimmung. Das wird vom Franzosen so konsequent verfolgt, dass selbst in den dargestellten glücklichen Tagen von Anne und Frédéric über diesen unheildrohende schwarze Wolken schweben. Das unausweichliche Schicksal der beiden Liebenden hängt dort einem Damoklesschwert gleich über den beiden Liebenden, was dem Erzählstil des Films geschuldet ist. Mittels Off-Kommentare, Rückblenden und dem durchgängig von Traurigkeit beseelten Soundtrack schafft Mulot diese Atmosphäre, der richtig spannende Momente leider abgehen. Die Stimmung ist und bleibt hübsch, nur leider bleibt der Umstand im weiteren Verlauf des Films bestehen. Der Plot ist an manchen Stellen verschachtelt und einige Stränge der Geschichte greifen hierdurch zu spät ineinander. Interessanterweise scheint Mulot weniger an plumpen Schocks interessiert zu sein und orientiert sich am den tragischen Elementen des klassischen Horrors. Wären da nicht die Entscheidungen, den damaligen offener werdenden Zeitgeist in seinen Film einfließen zu lassen.

Ob die in Die geschändete Rose vorkommenden Nuditäten zu seiner Entstehungszeit sehr spektakulär waren, lässt sich bezweifeln; zumindest auf der Marketingseite konnte man ihm dem Publikum als ersten Sex-Horror-Film der Geschichte verkaufen. Gefühlt waren da die Werke des damals erst beginnenden Jean Rollin freizügiger. Diesen könnte man auch als Einfluss auf Mulot ausmachen, nur konnte damals lediglich sein Langfilmdebüt Die Vergewaltigung des Vampirs von 1968 länger in Mulots Bewusstsein verweilen. Im Veröffentlichungsjahr 1970 kam zwar Rollins Die nackten Vampire in die französischen Kinos, doch zwischen den Kinostarts beider Filme liegen gerade mal vier Monate, was eine zwar machbare, aber auch ziemlich knappe Kiste wäre. Fakt ist, dass Produzent Edgar Oppenheimer nackte Tatsachen im Film wollte. Mulot lieferte ab; manche Szenen wie ein Traum der bereits entstellten Anne oder die im Schloss der Lansacs lebenden stummen Zwerge Igor und Olaf, eine liebenswerte Absurdität des Films der ihn mehr in Richtung Pulp-Poesie driften lässt, könnten auch bei Rollin vorkommen.

Abgerundet wird das triviale Vergnügen des Films von einigen zwar eher harmlosen blutigen Momenten und der tollen Casting-Entscheidung, Jess Franco-Regular Howard Vernon als Professor Romer zu besetzen. Vernon ist gerade in solcher Art von Filmen immer sehr willkommen und gibt einen sinisteren Wissenschaftler mit tragischem Hintergrund. Neben der ungeordneten Narration wird Die geschändete Rose auch davon ausgebremst, dass der Eindruck ensteht, dass die vom Produzenten geforderten Nacktheiten ein Zugeständnis Mulots waren und dies in dieser Ausführlichkeit gar nicht in seinem Film haben wollte, auch wenn sein Fokus eben auf diesen und den wenigen Effektszenen zu liegen scheint. Hätte man diese extrahiert, bliebe das Erzählte häufig etwas arg bieder und behäbig. So sind es die erstmal ungleich erscheinenden Kontraste zwischen Gothic-Horror der alten Schule und Einflüsse des waltenden Gedankenguts seiner Epoche, die aus dem Mulots Werk zwar kein Meisterwerk, aber ein mit Abstrichen noch sehenswertes Film-Kuriosum werden lassen, dass zu Unrecht häufig in den Schatten von Augen ohne Gesicht geschoben wird. Schon allein die Verschiebung auf die Entmenschlichung Annes einhergehend mit dem Verlust ihres Gesichts ist eine Abgrenzung zu seinem Vorbild, mit dem man hätte noch etwas mehr anstellen können. Vergnüglich ist's allemal.

Share:

Samstag, 8. April 2023

[Rotten Potatoes #07] Hinter den Augen die Dämmerung

Der filmische Retro-Trend scheint abgeebbt zu sein; die Implikation des 80s-Look-and-Feel in modernen Produktionen nahm in der letzten Zeit deutlich ab und darf nun wahrscheinlich selig vor sich hinschlummern, bis irgendwas das nächste Revival ausgelöst wird oder ambitionierte Filmemacherinnen und -macher sich der Charakteristika von Produktionen aus dem Jahrzehnt bedienen. Komplett von der Bildfläche wird die Prämisse, einen Film so wirken zu lassen, als stamme er aus einem vergangenen Jahrzehnt, nie verschwinden. Eventuell stehen nach Ti Wests überraschend gutem X bald die dreckigen Exploitation-Werke aus den 70ern im Trend. Ebenfalls deutlich in den 70ern sowie den ausgehenden 60ern verwurzelt ist Kevin Kopackas Hinter den Augen die Dämmerung, welcher mit seinem Werk mehr dem europäischen Genre-Kino der genannten Jahrzehnte huldigt. 

Wenn seine beiden Protagonisten, das Ehepaar Margot und Dieter, nach ihrer Fahrt zu einem frisch geerbten und halb verfallen Schloss dieses inspizieren und bald die Erkenntnis kommt, dass es um die Beziehung der beiden nicht gut bestellt ist und es im Schloss nicht mit rechten Dingen zugeht, erkennt man die Nähe des Films zu den vielen Genre-Werken vergangener Jahre, die ihren Platz zwischen Pulp und Arthouse suchten. Das wären beispielsweise die sehr eigenen und ungewöhnlichen Gialli der Scavolini-Brüder Sauro (Liebe und Tod im Garten der Götter) und Romano (Un bianco vestito per Marialé), generell später Gothic-Horror aus Europa, die Werke des Franzosen Jean Rollin und selbst den frühen Jess Franco mag man an einigen Stellen erkennen. Erfreulicherweise gestaltete Kopacka mit seiner Co-Autorin Lili Villányi den Film nicht bloß als hübsches, aber schnödes, voller Anspielungen überlaufendes Referenzwerk.

Eher spielen die beiden mit den Erwartungen des Publikums und stoßen mit dem ersten und größten Bruch innerhalb der Geschichte diesem schon fast vor den Kopf. Zwar übernimmt man erfreulicherweise die pro-feministische Haltung, wie man sie in einigen Gialli ausmachen kann und bietet starke, unabhängige Frauenfiguren, versucht sich jedoch dann mehr daran, die Sicht auf die weiblichen Protagonistinnen und ihre Emanzipierung gegenüber der negativ gezeichneten, männlichen Hauptfiguren zu legen und bemüht sich Eigenständigkeit. Das man gleichzeitig dabei versucht, bei einem thematischen Aspekt des Plots ein vielschichtiges Meta-Werk zu kreieren, mag konzeptionell nicht ganz aufgehen. Die Verweigerungshaltung des Films gegenüber den Publikums-Erwartungen könnte man schon fast als dessen Ausgrenzung auslegen, weil Kopacka anscheinend viel lieber für sich in seiner erschaffenen filmischen Welt sein und sich darin austoben möchte.

Die Verbindung zu seinen Zuschauern geht damit gegen Ende ein Stück weit verloren und der Film bleibt "nur" ein visuell und künstlerisch sehr hübsches Werk, welches zwar aufregend anders geartet, aber gleichzeitig sehr introvertiert ist. Kopacka verpasst es, sich dem Publikum insofern zu öffnen, als das alle Absichten von Hinter den Augen die Dämmerung komplett nachvollziehbar sind. Es bleiben nach dem Ende einige Fragezeichen zurück, die zwar zu mehr Sichtungen des Films einladen, allerdings auch den Eindruck erwecken, dass die geschaffene Filmkunst selbst jenem Teil des Publikums unzugänglich bleibt, welches sich gerne durch die verschiedenen Schichten eines Werks "durcharbeitet". Trotzdem lohnt es sich, den Film zu entdecken; vor allem, wenn man Freund von oben genannten Filmen bzw. Regisseuren ist und Spaß daran hat, wenn Filme weniger von ihrer Handlung sondern mehr von Stimmungen bestimmt werden. In diesem Punkt hat Kopacka nämlich alles richtig gemacht.

Share:

Samstag, 25. März 2023

Terrifier 2

Zugegeben: die Marketing-Maschinerie von Terrifier 2 läuft wie geschmiert. Berichte über Menschen, die während der Kinoaufführungen in seinem Entstehungsland in Ohnmacht fielen oder sich reihenweise übergeben mussten, die überraschende Uncut-Freigabe für den ebenfalls überraschenden deutschen Kinoeinsatz und ein ihm attestierter extrem hoher Gewaltgrad machte mich tatsächlich etwas neugierig auf den Film. Dessen 2016 entstandener Vorgänger hatte es deutlich schwerer, dass ich ihm meine Aufmerksamkeit schenkte. Die Trailer ließen mich diesen zunächst schnell in meine persönliche Schublade der uninteressanten Filme einordnen. Erst der Verriss im Horrorfilm-Magazin Virus machte leicht neugierig. Nicht gewillt, die albernen und exorbitant hohen "Sammlerpreise" für die augenscheinlich schnell vergriffenen Mediabooks mitzumachen, legte ich mir Terrifier erst als weitaus günstigere Version im Amaray zu und erlebte eine schnell ermüdende Splatter-Setpiece-Sammlung, die es mir nicht wert war, sie hier im Blog zu besprechen. Einzig bei Letterboxd verlor ich ein paar Worte darüber.

Nach Betrachtung des Sequels bin ich zwiegespalten. Verglichen mit dem ersten Teil sieht der Film weitaus wertiger aus und er bemüht sich redlich, innerhalb seiner epischen Laufzeit von weit über zwei Stunden eine Geschichte zu erzählen, welche sich auf der anderen Seite viel zu schnell als vernachlässigbar einstufen lässt. Geplagt vom Tod des Vaters, versuchen die Geschwister Sienna und Jonathan diesen auf unterschiedliche Art und Weise aufzuarbeiten. Während Sienna an einem Kostüm für das anstehende Halloween-Fest arbeitet, welches ihr Vater entworfen hat, entwickelt ihr kleiner Bruder eine Faszination für Horrorclown Art und die von ihm vor einem Jahr begangenen Morde. Dies führt so weit, dass er sich an Halloween als dieser verkleiden will. Dies ruft den vermeintlich totgeglaubten Art auf den Plan, der auf irgendeine Weise mit den beiden Jugendlichen verbunden scheint. Eine Erklärung hierfür liefert uns Schöpfer Damien Leone nicht; mehr wälzt er durch den nicht komplett verarbeiteten Verlust existierenden innerfamiliären Konflikt mit Plattitüden und Banalitäten aus und bedient sich zum Finale hin eines ausgehöhlten Symbolismus, um die wenigen übernatürlichen Elemente, welche bis dahin im Plot auftauchten, zu verarbeiten.

Überhaupt ist Terrifier 2 mehr eine übergroße Bühne für den neuen Horror-Darling Art, der von seinem Darsteller David Howard Thornton eine zwischen faszinierend und bedrohlich abstoßend schwankende Aura geschenkt bekommt. In Tradition anderer langlebiger Horrorfilm-Reihen ist er der eigentliche Star des Films; die ausgewalzten Szenerien lassen ihm viel Raum und tatsächlich ist der makabre Splatstick, den der Film entwickelt, mit sehr schwarzem Humor ausgestattet, der gelegentlich beim Zuschauer punkten kann. Die Absicht Leones, der geifernden Gore-Gemeinde more of the same zu schenken, führt dazu, dass auch Art alsbald alles erzählt hat, was es im beschränkten Kosmos des Film zu erzählen gibt. Der Film tritt irgendwann auf der Selle und wird Opfer der typischen Sequel-Formel, welche die beliebtesten Elemente des Erstlings einfach nur verdoppelt. Mehr kann Leone seinem Baby nicht hinzufügen, außer der Erkenntnis, dass man als Zuschauer wie bereits beim ersten TEil geistig irgendwann übersättigt aussteigt. 

Es bleibt abzuwarten, ob sich der existierende Kult um Art im Horror-Fandom noch mehr festigen kann - ein dritter Teil wurde bereits angekündigt - oder ob er als Blase irgendwann platzt und in der Vergessenheit versickert. Terrifier 2 lässt nämlich auch erkennen, dass sein Schöpfer Damien Leone mehr cleverer Marketingmensch als ambitionierter Geschichtenerzähler ist, der das Potenzial seiner Figur erkannt hat und gewinnbringend ausschlachten möchte. Das dies überhaupt funktioniert, ist tatsächlich dessen Mimen Thornton zu danken, der einer an sich äußerst farblosen Figur das gewisse Etwas schenkt, während alles um ihn herum in der von Art zelebrierten Spirale aus mauem Standardterror und übertriebenem Gewaltexzess ertrinkt und deutlich an seiner Überlänge krankt. Einordnen lässt sich der Film irgendwo zwischen Torture Porn der beginnenden 2000er und mancher tumber (Indie-)Slasher der letzten Jahre, was für mich die Verehrung von Art etwas schleierhaft werden lässt. Die vom Film gehegten Ambitionen sind für diesen einige Nummern zu große (Clowns-)Schuhe, mit denen er sich auf die Fresse legt, zwar wieder aufrappelt und letztendlich doch mehr scheitert als überzeugt.

Share: