Mittwoch, 22. Mai 2024
Freitag, 19. April 2024
Dream Scenario
Kristoffer Borgli, Regisseur der empfehlenswerten, bösartigen Satire Sick of Myself, besticht in seinem Hollywood-Debüt schon mit der Besetzung der männlichen Hauptrolle. Er setzt seine Hauptfigur der schnelllebigen Welt der sozialen Medien aus, lässt diese zum Meme werden, bevor der schnelle Hype in Ablehnung umschwenkt und lässt diese von einem Meme aus Fleisch und Blut verkörpern. Der auch für das Script verantwortliche Norweger wirft seinen Protagonisten und das Publikum unvermittelt in die immer grotesker werdende Szenerie, die zunächst so wunderlich wie amüsant ist. Das er seinen Blick auf die Träume einzelner richtet und ihnen vermeintlich Aufmerksamkeit schenkt, ist eine smarte Finte, mit denen er sicherlich viele an der Nase herum führt. Die mit Horror-Zitaten gespickte Traumgebilde irritieren; uns vor der Leinwand wie die Figuren - allen voran Paul. Das nie beantwortet wird, wieso das alles passiert: pure Absicht von Borgli. Auch in der Realität wird selten nach Ursprüngen von Hypes, Memes etc. gefragt. Sie kommen und gehen. Im Falle von Paul äußerst unschön. Der ratlose Wissenschaftler, vom Trubel um seine Person sichtlich überwältigt und teils überfordert, weiß nicht wie ihm geschieht, als die Albträume beginnen, er darin aggressiv zu Werke geht und sich Leute in seiner Gegenwart plötzlich unwohl fühlen und ihn canceln. Der zunächst trefflich awkward umgesetzte Kommentar über die Unsinnigkeiten von Social Media und dem dortigen ephemeren Interesse an Menschen überspannt in der zweiten Hälfte den Bogen mit seiner Sicht auf Cancel Culture. Das Paul unbescholten, damit ein Opfer ist, welches nichts für sein urplötzlich aggressives Auftreten in den Träumen kann, liegt auf der Hand. Ihm werden zu Unrecht Existenzgrundlagen genommen und so honorabel Borglis Finger in diese gesellschaftliche Wunde drückt, so scheint er dies gleichzeitig vollkommen zu verteufeln. Gleich, welchen Hintergrund das Canceln besitzt. Komplett kann man hier mit Dream Scenario nicht konform sein, der die Unauffälligkeit, das Muffige seines Protagonisten bis ins Szenenbild ausbreitet und in schönen Momenten wie aus einem Guss wirkt. Selbstredend fügen sich auch die Traumszenen in die komplette Filmszenerie ein. Borgli schuf eine intelligente Groteske mit einem toll aufspielenden Cage, deren Subtext der zweiten Hälfte es unpassend zum restlichen Werk maßlos übertreibt. Das macht den Film leider falsch edgy.
Montag, 15. August 2022
Vampire Hookers
Es ist eine nette Ablenkung von den Problemen des Films auf narrativer Ebene, weil seine Grundgeschichte eigentlich recht fix fertig erzählt ist. Um eine veritable Laufzeit zu erreichen - Vampire Hookers kratzt knapp an der 80-Minuten-Marke - eiert man leider repetitiv durch die restliche Story und dehnt zusätzlich eine Sexszene genüsslich in die Länge. Böse ist man dem Film deswegen nicht. Santiago versieht sein im Grunde genommen bloßes Konsumkino mit schmeichlerischem Charme, wie eine Katze, die einem Menschen so oft um die Beine schmust, dass man ihr für das, was sie angestellt hat, nicht mehr böse sein kann. Der Film zielt bei seinem Publikum weniger auf den Kopf; mehr peilt er mit seinen emotionalen Projektilen Herz und Bauch an, um es in eine Abenteuerlust zu versetzen, um sich mit den Protagonisten in die Gruft zu wagen und die beiden Freunde so einfach gestrickt zu zeichnen, wie es Santiagos Werk ist.
Dienstag, 12. Oktober 2021
Der Geschmack von Leben
Ihre weiblichen Talkpartner berichten in ihren Geschichten mit traurigen, manchmal resignierenden Gesichtern von Einsamkeit oder sexueller Frustration, was von Nikki mit locker-flockigen Sprüchen weggegrinst wird. Die offenherzige Videobloggerin rät dazu, die Zitronen, die einem das Leben so schenkt, open-minded anzugehen und den sauren Momenten der Seins frohen Mutes zu begegnen um diese wie Nikki mit einem (Dauer)Lächeln zu entfernen. Ein ernsthaftes Interesse am Schicksal der Nebenfiguren und ihren Problemen scheint nicht zu bestehen. In seiner Position als Autor offenbart das belächelnde Abfertigen der Protagonistin Reber als einen alten, weißen Mann, der unter dem Deckmantel einer aneckend wollenden Anti-Establishment-Komödie durchaus reelle Nöte von Frauen nicht für voll nimmt, weglächelt und eine misogyne Haltung annimmt. Lieber rücken er und seine Parterin Mönning, Co-Autorin des Scripts, diese ins rechte Licht. All about Nikki.
Diese erklärt dem Zuschauer, dass das Leben nach Sperma schmeckt. Passend dazu trinkt sie an manchen Stellen aus einem penisförmigen Becher mittels Strohhalm und saugt anscheinend das Leben sinnbildlich in sich auf. Der Film versteht sich als Ode an die Freiheit des Einzelnen und möchte seine Hauptfigur als freche, freizügige und selbstbestimmte Frau darstellen, die mit Augenzwinkern und Witz durch das Leben gondelt und vieles nicht so Ernst nimmt. In wenigen Szenen gelingt es Reber, zumindest ausufernde Deutschtümelei gekonnt zu überspitzen. Im Gesamten wirkt Der Geschmack von Leben infantil und angestrengt humorig. Was edgy wirken soll, etwa die Vlog-Kategorie "Die Fi(c)ktion des Monats", in der Nikki die sexuellen Fantasien ihrer Zuschauer präsentiert, mutet an, als hätte sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in den 90ern an TV-Formaten wie Peep oder Wa(h)re Liebe versucht. Dafür, dass der Film dem gut bürgerlichen Durchschnittsdeutschen gegenüber eine Anti-Haltung einnimmt, mieft es mehr nach Konservatismus.
Donnerstag, 23. September 2021
The Kid Detective
Adam Brody könnte man zwischen den beiden letztgenannten Möglichkeiten verorten. Anfang der 2000er einer der Hauptdarsteller der zu ihrer Zeit beliebten Teenie-Serie O. C., California, gerät man schnell ins Rätselraten, wo Brody nach deren Ende bis zum heutigen Datum noch zu sehen war. Bis auf das Megan Fox-Horror-Vehikel Jennifer's Body will so recht kein weiterer Titel einfallen. Mit diesem Hintergrund erhält seine Rolle des Abe Applebaum in The Kid Detective gewisse Meta-Qualitäten: ein verblasster Serien-Stern mimt einen seinem damaligen Ruhm als Kinderdetektiv hinterher trauernden und in Selbstmitleid versinkenden Typen, der immer noch Detektiv spielt und - sofern sich ein Klient in sein Büro verirrt - banale Fälle löst. Einst gefeiert, als er den Dieb der Schulspenden ausfindig machen konnte, sucht er heuer nach verschwundenen Katzen. Aufwind erhält seine Karriere, als die junge Caroline ihn anheuert, um herauszufinden, wer ihren Freund ermordet hat.
Der im Nebel des Glanzes seiner alten Tage lebende, vor Selbstüberschätzung strotzende und innerlich um die eigene Fehlbarkeit wissende, sich auch deswegen selbst bemitleidende Abe wäre schnell als Unsympath abgestempelt. Der immer etwas als Dauerjugendliche rüber kommende Brody schenkt der Figur eine kindliche Naivität und den Charme des armen Jungens, dem man für seine Schwächen schwer böse sein kann. Ganz egal, in welches Fettnäpfchen er jüngst getreten ist. Auf der anderen Seite offenbart eine Rückblende auf die ruhmreichen Tage das wahre Dilemma von Abes Persönlichkeit. Die Entführung der Gracie Gulliver, Tochter des Bürgermeisters und Sekretärin seiner Kinder-Detektei, sitzt als tiefes Trauma in seiner Persönlichkeit. Weder die scharfe Beobachtungsgabe noch seine schlauen Schlussfolgerungen reichen aus, um in der Erwachsenenwelt und den Ermittlungen mitzuspielen. Der Helfer in der Not ertrinkt in seiner Hilflosigkeit.
Die Gratwanderung zwischen dem Drama um Abes Phlegma, längst mehr Depression als schwerfällige Faulheits-Zelebrierung und einem mal lakonischen, mal hinreißend kindischen und sympathischen Humor ist das eine, was The Kid Detective zu einer kurzweiligen und sympathischen Dramödie werden lässt. Noch herziger ist seine Auslegung als immer etwas aus der Zeit gefallen zu scheinender Film, in dem unsere Gegenwart mit einer 50er-Jahre-Stilistik verschmilzt und immer mit einem Augenzwinkern versehen den Film Noir mit seinen tragischen Detektiv- bzw. Ermittler-Figuren persifliert. Begleitender Off Kommentar, die gescheiterte Existenz von Applebaum, der gerne mal ein oder zwei Gläser Brandy frühstückt, immer abgebrannt, der fantastische Jazz-Soundtrack und ein Fall, der sich als größere Sache als gedacht entpuppt: ohne ständige Veralberung oder Übertreibung gängiger Klischees ist The Kid Detective gespickt von hübschen Ideen, eine Not Quite Hard Boiled-Story, die eine Geschichte um Erwachsene mit einem kindlichen Gemüt erzählt.
Ein weiterer Durchhänger des Protagonisten geht leider zu Lasten des Plots, der mit seiner Hauptfigur in der zweiten Hälfte in den Seilen hängt und sich mit leichten Mühen wieder aufrappelt. Die dunkle Seite der Geschichte um Abe und der Entführung Gracies, die nicht nur dem ehemaligen Kinder-Detektiv sondern auch seiner Heimatstadt und ihren Bewohnern das sonnige, unbeschwerte Gemüt und die Unschuld nahm, bricht stark mit der unbeschwerten Tonalität der ersten Hälfte. Es mag eine Vorbereitung auf die niederschmetternde Auflösung am Ende sein; dem Film gelingt dieser Übergang nicht ganz so sauber. Wenn Abe seiner Nemesis in Form des Entführungsfalls von einst gegenüber tritt, diesen nochmal aufrollt und wie bei Hitchcock zuvor nicht beachtete Details einen Zusammenhang ergeben, klatscht dem Zuschauer das Ausmaß der Auflösung nicht so schonungslos schockend ins Gesicht wie beabsichtigt.
Ihre Wirkung verfehlt sie nicht, nur fehlt ihr die ganz große Überraschungswirkung. The Kid Detective muss sich beim vorbereitenden Aufbau im Plot und der gewollten Wendung in der Stimmung um 180 Grad einen Vergleich mit dem RKSS-Hit Summer of 84 gefallen lassen. Glücklicherweise liegt es dem Film fühlbar fern, seine Vorbilder im Bereich des Noirs oder auch den genannten Film des kanadischen Trios plump kopieren zu wollen. Was Applebaum hier aufdeckt, hallt nach. Ihm, seiner Klientin Caroline, der ganzen Stadt. Das Finale von The Kid Detective ist ein bittersüßes, dass seinen Figuren die letzte Erinnerung an das Vergangene nimmt, von dem der Film selbst bis dahin größtenteils beseelt ist. Gleichzeitig ist es Abes vermeintlicher Übergang von der Verlierer- auf die Gewinnerstraße und der Geruch von Aufbruch und Hoffnung liegt für ihn und seine Heimat in der Luft. Diese Hoffnung hat man auch für Adam Brody, der hier sichtbar Lust und Spaß an dieser Rolle hatte; vielleicht auch, weil der Werdegang seiner Figur Gefühle in den weniger ruhmreichen Momente in der Karriere nach O. C., California spiegeln und gewissermaßen verarbeiten ließen. Vielleicht hilft ihm die kleine Rolle im jüngst größtenteils wohlwollend aufgenommen Promising Young Woman. Bei The Kid Detective, der bislang letzte Eintrag in seiner Filmographie, darf man derweil hoffen, dass dieser noch kleine, unbekannte Film bekannter wird. Verdient hat er es auf jeden Fall.
Sonntag, 29. August 2021
Willy's Wonderland
Der Darstellungsexzentriker nannte in Interviews u. a. den deutschen Stummfilm-Expressionismus als einen seiner mimischen Einflüsse und scheint dies als Ankerpunkt für seine Performance in Willy's Wonderland zu machen. Ohne ein einziges Wort zu sprechen krachledert er durch einen Film, den man anscheinend ausschließlich um den dezent hochschwappenden Neu-Kult um Cage gestrickt hat. Als namenloser Automobil-Desperado strandet er durch eine Panne in einem kleinen Städtchen. Weil er die Reparatur seines Wagens nicht zahlen kann, geht er auf den Deal ein, dass er seine Schulden durch das Säubern des seit einigen Jahren geschlossenen Vergnügungszentrums "Willy's Wonderland" begleicht. Kurz nachdem er seinen Job angetreten hat, muss er feststellen, dass die sich im Gebäude befindlichen animatronischen Puppen ein dämonisches Eigenleben führen. Weil Cage ganz offensichtlich der über allem strahlende Held der Farce ist, klöppelte man noch eine Gruppe Teens um die Adoptivtochter der örtlichen Polizeichefin ins Drehbuch, die beim Versuch, das Zentrum wegen der unter vorgehaltener Hand schon lange bekannten unheimlichen Vorgänge darin abzufackeln bzw. Cage aus diesem zu befreien versucht, lediglich als Kanonenfutter für die Puppen um Maskottchen Willy herhalten dürfen.
Bei der sich abspulenden Chose besitzt der Film den Unterhaltungswert eines reellen Aufenthalts in einem abgetakelten Vergnügungszentrums für Kinder, bei dem der Spaß unter einer dicken Schicht aus Dreck und Peinlichkeit begraben ist. Der um Cages Hausmeister-Desperado und die verschiedenen Figuren - darunter befinden sich u. a. eine Elfe, ein Gorilla und das Wiesel Willy - konstruierte Plot fühlt sich halbherzig und uninspiriert an, während die Regie von Kevin Lewis daraus einen aufgesetzt wirkenden Film macht. Willy's Wonderland besitzt eine unangenehme Gezwungenheit, die den Film steif und unnatürlich wirken lässt. Er muss vieles und kann nichts. Erzwungener Kult, weil es sein Hauptdarsteller ist und man dessen minimales Momentum für sich nutzen will. Quasi Cageploitation, bei dem wenigstens dieser in seinem Rollenverständnis aufgeht und die einzige Coolness im ganzen Filmkonstrukt mit sich bringt. Cage chargiert selbst seine Gegenspieler aus Plüsch, Stahl und dämonischem Schmodder an die Wand. Die Puppen bleiben wie ihre menschlichen Gegenspieler substituierbar; sie besitzen bei weitem nicht den Charme wie ihre kleinen Kollegen aus dem zugegeben wechselhaften Puppet Master-Franchise und sind wie so vieles Mittel zum Zweck für die Macher.
Die scheinen einzig darauf zu vertrauen, dass ihr abgelieferter Celluloid-Mist schon irgendjemand lustig finden wird. Dem Humor fehlt es an Witz und Timing. Einzig wirklich lustiger Moment ist der, wenn Cages Digitaluhr inmitten eines Kampfes mit den Robotern die nächste Pause ankündigt und dieser den inneren Konflikt zwischen weiterkämpfen und korrektem Einhalten der Pause wunderbar transportiert. Er entscheidet sich für letzteres und lässt rätseln, ob der namenlose Protagonist eventuell Deutscher ist. Wobei er dann wohl nicht so cool am Flipper tänzeln könnte, wie er es in den Pausen macht. Als Horrorfilm geht jeglicher Suspense ab und die Anspielungen auf andere Genre-Werke registriert man als Zuschauer mehr angestrengt als erfreut. Willy's Wonderland ist ein steriler Film, intendierter Kult der dies niemals werden wird mit Potenzial, von der Generation SchleFaZ irgendwann bei peinlichen Trinkspielchen mit Rütten und Kalkofe auf und vor der Mattscheibe gefeiert zu werden. Obwohl ich dieses Mode- bzw. Jugendwort schrecklich finde, muss ich gestehen, dass cringe perfekt dazu passt, den Film zu umschreiben. Zumindest Cage gibt alles und noch mehr, aber das rettet leider nichts an diesem Fun-Splatter "mit ohne" Fun.
Freitag, 24. April 2020
The Greasy Strangler
Was dies mit The Greasy Strangler zu tun hat? Manchmal überkommt auch mich bei aller Abgeschlagenheit der innere Zwang, eher: ein unbändiges Verlangen, das man doch noch gerne was schauen möchte. Als meine Wahl auf diesen fiel, war ich an einem Samstag durch meine Arbeit schon seit 5 Uhr wach, aber wollte Abends, als meine Freundin zu Bett gegangen war, trotzdem noch einen Film schauen. Schon länger auf meiner Watchlist stehend, wählte ich den laut Empfehlung eines Arbeitskollegen "sehr speziellen Streifen" aus und hoffte für mich, dass ich ohne größere Anflüge von spontanem Kurzschlaf die nächsten gut neunzig Minuten durchstehen würde. Der Film lief gerade einmal ca. zehn Minuten, als jede körperliche wie geistige Erschöpfung wie weggeflogen war. Denn das, was ich dort auf dem Bildschirm sah, war eine bizarre Geschichte mit obskuren Figuren und deren irrealem Verhalten in einem vom Glamour befreiten Los Angeles in dem Ronnie mit seinem Sohn Brayden eine fragwürdige Tour durch die weniger glanzvollen Teile der Stadt für Touristen anbieten, in denen sie ihnen angebliche Wirkungsstätten späterer Discogrößen zeigen. Auf einer dieser Touren lernt der mit seinem Vater in einem Haus lebende Brayden die robuste Janet kennen. Die beiden knüpfen zarte Bande, wenn da nicht der nach extra fettigem Essen gierende Ronnie wäre, der in seiner maßlosen Selbsteinschätzung ein Auge auf die junge Dame wirft und ständig wie offensichtlich verneint, der in der Stadt umhergehende Bratfett-Mörder, einem wie der Name sagt über und über mit Küchenfett eingeschmierter Serientäter, zu sein.
Horror, Komödie, Drama: im Kern ist The Greasy Strangler ein Vater-Sohn-Drama um zwei Menschen, die man am Rande der Gesellschaft verorten kann und versuchen, in dieser sich zurecht zu finden. Durcheinander gewirbelt wird das Gefüge durch die angeblich weibliche Bedrohung in Form von Braydens Romanze mit Jane. Ronnie reagiert, nachdem die Mutter die beiden vor Jahren bereits verlassen hat, mit kindlichem Trotz und Eigensinn auf die Invasorin, die im Begriff ist, ihm seinen letzten Bezugspunkt und Halt zu nehmen. Regisseur Jim Hosking wirbelt mit seinem Co-Autoren Toby Harvard die weitere Story mit weniger unerwarteten, mehr abstrusen Wendungen durcheinander, als er Ronnie in die Offensive gehen und Jane seinem Sohn ausspannen lässt. Normal als Begrifflichkeit allgegenwärtiger, kollektiver Wahrnehmung scheint in diesem Film nicht viel zu sein. Absurde Details wie der schweinsnasige Freund Braydens oder Augen, die wie in Cartoons aus den Köpfer der Opfer des Killers herausploppen werden innerhalb des filmischen Mikrokosmos als selbstverständlich verkauft. In seiner grenzenlosen Absurdität schwankt der Film zwischen den Filmen eines John Waters oder Quentin Dupieux sowie einer guten Portion Monty Python.
Übertrieben hervorgehobene Ekeldetails in einzelnen Szenen, betont gewaltig oder winzig dargestellte männliche Genitalien, leichter Einschlag in einen vulgären Humor und allgegenwärtige Hässlichkeit als gewählte Ästhetik des Films: Jim Hosking erstellt in The Greasy Strangler einen Gegenentwurf zur bekannten schillernden Scheinwelt eines Los Angeles mit seinen Stars und Sternchen. Durch die Verbindung mehrerer Genres geht The Greasy Strangler trotz seines vorherrschenden Konzepts vom "Mut zur Hässlichkeit" die klare Linie etwas verloren. Ohne wirklich die Mechanismen des Horrorfilms voll ausspielen zu wollen, schwankt der Film in manchen Szenen unentschlossen zwischen reiner Komödie und Anflügen konventioneller Horrorformeln, die der Groteske eine komplette, klare Struktur verwehren. Mehr nimmt der Film die wankelmütige Persönlichkeit seines Protagonisten Big Ronnie an, der bei all seinen lauten Ausbrüchen, Extravaganzen und diffusen Verhaltensmustern nicht verbergen kann, dass er unter dieser Hülle eine fragile Seite besitzt, die geschützt werden möchte. Ohne in Gefühlsduseligkeit abzudriften, behält Hosking hier den Weg bei und setzt bis zum gleichermaßen seltsamen wie in der Syntax des filmischen Kosmos dennoch völlig normalen Happy Ends auf die größte Stärke seins Films: einer Welt bevölkert von Figuren und deren Aussehen, Handlungen und Eigenheiten die bei geringer repetitiver Handlungsmuster als großes Ganzes soweit funktionieren, dass man meist ungläubig mit offenem Mund, immer leicht verzogen zu einem Grinsen oder sich anbahnenden Lachen - - frei nach dem Motto Seeing is believing - in seinem Heimkino sitzt. Da funktioniert der Film wirklich sehr gut und bot mir, der ein Herz für filmische Absurditäten besitzt, eine nicht enden wollende Flut an verzückenden Unglaublichkeiten.
Dienstag, 11. Februar 2020
Parasite
Bei den ersten Nachhilfestunden in der imposanten Villa der Parks entgeht Ki-woon nicht, dass Yeon-kyo Park, die Mutter seiner Schülerin, leicht beeinflussbar ist. Mit perfiden und wahnwitzigen Aktionen verschafft sich dadurch der Rest seiner Familie als frisch eingestelltes Personal Zugang zu deren Heim und erschleicht sich das Vertrauen der reichen Familie, die abgelenkt durch ihre eigenen Probleme aus ihrer neureichen Welt, nicht bemerkt, welches Spiel die Kims mit ihnen spielen. Geblendet von der imposanten Kulisse ihrer Wirkungsstätte und dem verlockenden, im Vergleich zum eigenen anscheinend sorgenfreien Leben treiben es die Kims immer weiter und erliegen nahezu den Verlockungen des Luxus. Der Plan und dessen Verlauf erscheinen nahezu perfekt, bis die zuvor rausgeekelte ehemalige Haushälterin der Parks eines Nachts auftaucht, in welcher die Kims die Villa der zu einem Camping-Ausflug ausgeflogenen Familie für ein ausgelassenes Gelage nutzt.
Der Verlauf dieser Nacht bringt tiefgreifende Veränderungen im Leben der beiden porträtierten Familien und in der Stimmung des Films mit sich. Ist Parasite bis dahin eine gallige Sozialsatire, die leicht überspitzt die wortwörtlich ganz unten, in einer verfallenen Kellerwohnung hausenden Kims in das Leben der privilegierten Kims crashen lässt, switcht das Drehbuch die Story in einen clever konstruierten Thriller um, der durch den manipulativen Erzählstil der ersten Hälfte den Zuschauer längst auf seiner emotionalen Seite hat. Das schwere Leben der sozial benachteiligten Menschen und rational betrachtet abwegige Wendungen erscheinen hierdurch schlüssig; Bong Joon-ho drückt seinen Finger tief in eine unbemerkt geöffnete Wunde und lässt diese durch den Verlauf seiner Geschichte schmerzlich brennen. Vordergründig lässt er mit Blick auf die südkoreanische Gesellschaft kein gutes Haar an dieser und stellt die darin besser gestellten als vordergründig harmlose Menschen dar, die in ihrer Blase existierend, mit ganz eigenen Problemen kämpfend, vor sich hin vegetieren. Entfremdung in der eigenen Familie, Traumata, Neurosen: First World Business Sickness, von der die Kims parasitär ihren sich erhöhenden Lebensstandarf füttern.
Bong Joon-ho vermeidet es, in seinem Film zugunsten der Kims einseitig auf die Geschichte zu blicken. Zugegen haben sie durch die unsentimentale Darstellung ihres Alltags und den gewieften, bitterbösen Plan die Sympathie des Zuschauers auf ihrer Seite; unsympathisch sind ihre reichen Epigone keineswegs. Die harmlosen Parks erscheinen freundlich, gleichzeitig nahezu unbemerkt gleichgültig gegenüber ihren Untergebenen, von denen sie sich gleichermaßen parasitär ernähren: ohne ihre Vereinnahmung der Kims, wäre beinahe gar kein geregeltes Leben für die Familie möglich. Der Hund frisst den eigenen Schwanz. Parasite strickt daraus ein erschütterndes Thrillerdrama, in dem feine Risse in der heiteren Fassade entstehen. Verborgen brodelnde Missgunst, Hass gegenüber den Privilegierten, nebenbei geäußerte Aussagen über den Muff der Kellerleute die wie Gleichgültigkeit und Arroganz gegenüber den sozial schwächeren klingt, obwohl es vielleicht gar nicht so böse gemeint ist, kochen hoch und kulminiert in einem hochdramatischen Massaker bei der aufgestaute Wut und Emotionen ungefiltert in Leiber gestoßen und geschlagen wird.
Nach Snowpiercer und Okja, in denen der Südkoreaner ebenfalls Klassenkampf und Kapitalismuskritik einbaute und daraus eine düstere Gesellschaftsdystopie bzw. eine überzogene, bunte gemischte Kritiktüte zeichnete, schaltet er in Parasite einen Gang zurück, scheint seinen Stil gefunden zu haben und ist dann am besten, wenn er gleichzeitig leichtfüßig und messerscharf beide sozialen Schichten beobachtet und mit schwarzem Humor angereichert der Gesellschaft damit den Spiegel vorhält. Fast bedauerlich, wenn er in der zweiten Hälfte wieder lauter wird, als hätte ihn die in den Kims und anderen benachteiligten, traurigen Figuren seiner Geschichte schlummernde Wut übermannt. Das lässt die Tonalität des Films sachte beben und schafft darin Unebenheiten, über die er stolpert. Richtig ins Straucheln gerät er deswegen nicht. Elegant hält er sich auf den Beinen; spätestens wenn ein sintflutartiger Regen die Existenz von Ki-woons Familie fast gänzlich hinfort spült und die Ausweglosigkeit gepaart mit steigernder, gespürter Ungerechtigkeit in Gewalt gewandelt wird, kriecht Bong Joon-ho mit seiner Geschichte zurück ins emotionale Bewusstsein seiner Zuschauer. Parasite ist hierbei angenehm zurückhaltend im Versuch, diesen mit einer Moral zu indoktrinieren bzw. zu beeinflussen.
Lieber beobachtet Bong Joon-ho bis zum Schluss und lässt uns mit den aus den Verstrickungen der Geschichte entstandenen Konsequenzen allein zurück. Das mag nicht jedem gefallen und scheint für manche im Gefälle beider Filmteile weiterhin zu grob. Im dargestellten System, in dem wir alle leben, gibt es nur eben kein Zuckerschlecken. Der viel zitierte Ponyhof existiert weder in Castrop-Rauxel, München, Palermo oder irgendwo in Südkorea. Der Kapitalismus frisst kontinuierlich weiter die sozial Schwachen auf und lässt Menschen mit gut gepolstertem Konto, sinnbildlich durch den Wohnort der Parks gezeigt, über dem niederen Volk thronen. Scheint der Regisseur in früheren Werken mit Stilistiken, Genres und Formeln der Narration experimentiert zu haben, hat er nun seinen eigenen Weg gefunden und seine Handschrift verfeinert. Parasite ist eine scharfe, ob seiner Laufzeit von gut zwei Stunden niemals langweilig werdende Beobachtung einer Gesellschaft zweier Klassen, die aufeinander losgelassen, überspitzt ausgedrückt sich gegenseitig niedermetzelt. Die vorherrschende Kontrolle funktioniert noch; Bong Joon-ho gelingt es mit seinem dezent überspannten Bogen dies aufzuzeigen und gleichzeitig eine wunderbar böse, sympathische und bewegende Geschichte zu erzählen.
Mittwoch, 16. Oktober 2019
[Rotten Potatoes #3] Skin Creepers
Der komödiantische Ton von Skin Creepers entpuppt sich als launige Angelegenheit, die zwei sympathischen Figuren mit den Schwierigkeiten einer unabhängigen Filmproduktion konfrontiert. Debütant Ezra Tsegaye erdachte mit seinem Co-Autoren Sebastian Kühne eine erzählerisch nicht immer ausgeglichene Geschichte, die dem Horror zunächst wenig Platz zur Verfügung stellt und lieber mit Andeutungen in kurzen Rückblenden arbeitet. Zunächst ergeht man sich in der stereotypen Darstellung des Loser-Brüderpaars und ihrer dezent übergeschnappten Vision vom nächsten dicken Filmbrocken, der seismische Schwingungen in die Filmwelt bringen soll. Die planlosen Herren, von ihren Darstellern Nicolás Artajo und Nicolas Szent lässig gespielt, entpuppen sich als mit der Situation überforderte, gescheiterte Regisseure. Amateure die Hollywood spielen und mit einem schalen Porno den großen Gewinn einstreichen wollen. Living in oblivion mit dem Traum, aus der unendlichen Dimension des (semiprofessionellen) Hobbyfilmers und dessen Schlund des Vergessens auszubrechen. Gemessen an Auswüchsen des unabhängigen deutschen Horror-Films bildet Skin Creepers eine fragile Meta-Ebene.
Die überzeichnete, zumeist von Klischees beherrschte Story drängt einem förmlich die Interpretationsmöglichkeit auf, dass Tsegaye ironisch persönliche Probleme mit der Realisierung eines Films in die Story einflechtet. Tiefer als mit dem erdachten Handlungsverlauf Situationskomik zu erzeugen, geht Tsegaye leider nicht. Ben und Daniel als Sinnbild gewordener Kommentar auf Amateurfilmer aus der deutschen Genreszene zu sehen, lässt Tsegaye zugunsten des weiter auf lustig getrimmten Horror zerbrechen. In der damit eingeläuteten zweiten Hälfte geht seinem Drehbuch die Puste aus. Das im Hotelzimmer Sasha Blues befindliche Bild mit diabolischer Aura, dessen Bann aus dem Porno-Sternchen wortwörtlich eine dämonische, Allüren auslebende Oberdiva werden lässt, stellt die beiden Nachwuchsregisseure vor weitere Probleme. Sasha beißt am ersten Drehtag einem bei Lederkalle ausgeliehenen Mädchen die halbe Lippe ab, lässt so dem Duo mächtig die Düse gehen und sie versuchen, der Besessenen den Leibhaftigen wieder auszutreiben, als diese erkannt haben, womit sie es zu tun haben. In ihrer Verzweiflung rufen sie sich einen abgehalfterten und sein Geld im Internet Astro TV-like als Lebensberater verdienenden Prediger, der Sasha Blue wieder in Normalzustand versetzen soll.
Während Tsegaye im vom Humor geprägten ersten Teil mit den Mystery-Einschüben einen gewissen, gering gehaltenen Grad an Spannung erzeugen kann, wird dem Horror in der zweiten Hälfte durch langgezogene, geschwätzige Szenen jegliche Kraft genommen. Ausufernde Erklärungen des von Dieter Landuris hübsch schrullig dargestellten Predigers und eine steife Orientierung an Friedkins Klassiker The Exorcist, bei der selbst die Abweichungen und der Versuch, einen eigenen, erklärenden Mythos zu etablieren nicht fruchten, bringen dem Zuschauer mehr Ungeduld als Interesse am weiteren Verlauf des Plots. Die darin schlummernden Ideen müssen in langen Mono- oder Dialogen erzählt werden, was man lieber dargestellt hätte. Im Finale angelangt, gelingt es dem Film kaum, seine dösige Narration mit seichtem Effektgewitter abzuschütteln. Die eingestreuten, saftigen Gore-F/X können sich sehen lassen, bleiben leider eher eine Fußnote der schwächelnden Story. Der einfache Humor, dessen laue Situationskomik durch gut aufgelegte Darsteller aufgewertet wird, ist kaum mehr präsent und Skin Creepers büßt die Chance ein, eine nicht gerade originelle, aber kurzweilig spaßige Horrorkomödie zu sein.
Mit dem gebotenen Production Value seines Films muss sich Tsegaye nicht mal verstecken. Skin Creepers sieht ordentlich aus und ist weit weg vom Schicksal des Films seiner Protagonisten, ein billiges Machwerk zweifelhafter Natur zu sein. Bei den sichtbar einfach getricksten Visual F/X drückt man ein Auge zu und will mehr positives beim Film finden, da man ihm anmerkt, dass seine Macher hundertprozentig hinter ihrem Werk stehen uns so viel Herzblut wie die Protagonisten mitbringen. Leider ist das Verhältnis zwischen funktionierendem Horror- und Komödienpart zu unausgeglichen. Skin Creepers verschenkt viel und bleibt im Niemandsland des Durchschnitts stecken. Bleibt seinem Schöpfer zu wünschen, dass er Aufgrund der besseren ersten Hälfte nicht von findigen Produzenten seichter Komödien für den deutschen Kinomassenmarkt gefunden wird. Man sollte ihn lieber noch mal üben lassen, ein besseres, ausgeglicheneres Verhältnis zwischen kraftvollem Horror und verschmitztem Humor zu finden.
Mittwoch, 29. Mai 2019
Class Of Nuke 'Em High
Letzteren kann man selbst heute noch als grobe Skizze für das bezeichnen, was Troma über die Jahre ausmachen sollte. Die Firma um Lloyd Kaufman und Michael Herz schuf mit beiden Filmen den Beginn eines eigenen Universums voller Mutanten, Freaks, selbsternannten Außenseitern und anderem obskurem Gefolge. Class Of Nuke 'em High definiert die mit Toxie eingeschlagene Richtung aus und ist die Reinzeichnung des ersten Konzepts der chaotisch-anarchischen Horror-Punk-Show Tromas. Wieder sind die Auswirkungen radioaktiver Verseuchung ausschlaggebend für die Handlung: das nahe an der örtlichen Highschool von Tromaville gelegene Atomkraftwerk hat mit einem Leck zu kämpfen, welches dessen Betreiber als Lappalie abtut. Die ausgetretene Flüssigkeit verseucht das Grundwasser und lässt das auf dem Schulgelände angebaute Hasch der damit dealenden Rocker-Gang Cretins üppig sprießen. Ein daraus gefertigter, verseuchter Joint bringt mit seinen Nebenwirkungen beim Liebespärchen Chrissy und Warren eine Lawine von wortwörtlichen Ungeheuerlichkeiten ins Rollen.
In Folge dessen mischen die Verantwortlichen in ihre Parodie auf gängige High School-Komödien nicht nur ihre weitaus schmierigere Version von Mark L. Lesters Class Of 1984 sondern auch derben Monster-Horror. Das dargebotene Panoptikum zerfasert trotz ähnlich episodisch angelegter Narrative weit weniger in seine szenischen Einzelteile, wie es Toxic Avenger tut. Dies resultiert ausgerechnet aus der in den Film eingefügte Normalität, verkörpert durch die Protagonisten Chrissy und Warren. Sie sind die menschlichsten Figuren in einem Kosmos, in dem selbst ihre den Klischees der 80er-Teenie-Bums-Komödie entsprechenden Freunde wie übersteigerte Karikaturen dieser wirken. Gleichzeitig scheinen diese der Versuch von Troma zu sein, nach dem Überraschungserfolg von Toxic Avenger dessen Rezeptur zu verfeinern und mit den beiden jugendlichen Hauptfiguren sich bei einem größeren Publikum, dem Mainstream, vorzustellen. Im Kern und äußerlich weiterhin eine Low Budget-Produktion die Selbstbewusst damit umgeht, empfindet man Class Of Nuke 'Em High im direkten Vergleich mit dem ersten Hit des Studios als runder und in sich geschlossener.
Das legt gleichzeitig die Schwäche des Films frei. Der gesponnene rote Faden und die ebenfalls einfache, wenn auch bemüht feiner ausgearbeitete Geschichte wird bis zum Ende mühsam mit "Inhalt" aufgebläht, der lediglich eine kleine leere Blase in der Narrations-Bubble des Films ist. Diesen Nichtigkeiten folgen repetitive Momente, welche die wenigen für die Handlung relevanten Szenen ummanteln. Da gewinnt für mich mittlerweile knapp Toxic Avenger mit seiner ungestümeren Art, dessen Fuck Off!-Haltung sich etwas echter anfühlt als die in Class Of Nuke 'em High durchschimmernde bemühte Kompetenzhaltung. Vielleicht schimmert hier bereits das durch, was man späteren Troma-Produktionen anlasten kann: das ausruhen auf dem ewig gleichen, das wenig Variationen im eng gesteckten Rahmen zulässt. Spaß macht der Film mit seinen herrlich geschmacklosen und bekloppten Ideen immer noch. Die Cretins dürften die beste dämlich-fiese Film-Gang der 80er sein und die im Bemühen größer zu wirken eingesetzten Schmodder-Effekte, allen voran das Monster, funktionieren heute noch. Regisseur Richard W. Haines setzt das von ihm mitverfasste Script atmosphärisch dicht um und kann für viele gute (Troma-)Momente voller filmischer Anarchie sorgen, die mehr als einmal Spaß am gewollt schlechten Auftritt der Troma-Filme bringen. Wenn Bad Taste wirklich Good Taste ist (wobei wir Trash- und Obskuritäten-Freunde ohnehin auf diesen Spruch schwören), dann ist Class Of Nuke 'em High ein Beweis dafür.
Mittwoch, 30. Januar 2019
Anna und die Apokalypse
Zugegeben: auf die Idee, Szenerien aus beliebten, für eine jugendliche Zielgruppe zurecht geschneiderten Musical-Formaten, wie Highschool Musical oder Glee mit Zombiehorror zu verbinden, muss man erst einmal kommen. Richtig zünden mag diese, in Kombination, nicht. Die beschriebene Szene birst über vor lustig gemeinten Einfällen, selten kann man richtig darüber lachen. Mehr als ein amüsiertes Schmunzeln kann das Drehbuch und die routiniert anmutende Regie von Debütant John MacPhail nicht aus dem Zuschauer herauslocken. Selten wird es humortechnisch richtig schwarz; lieber bleibt man so harmlos wie die persiflierten Teenie-Komödien. Horrorkomödien und britischer Humor können, wie wir seit Shaun of the Dead wissen, wunderbar funktionieren. Leider will das Drehbuch auf der sicheren Seite bleiben und setzt neben den gängigen Tropes beider Genres auch auf Gags, die zu erwarten sind. Sei es kreatives Ablenken oder Töten der untoten Schar, Slapstickelemente oder Späße im modrig-gorigen Bereich: vieles fühlt sich bekannt, zu vertraut, an, um richtig zu überzeugen.
Mehr funktioniert Anna und die Apokalypse ausgerechnet als Musical. Die Darsteller sind passend für die Rollenfiguren ausgesucht. Diese wiederum präsentieren ein buntes Potpourri aus für das Genre bekannte Charakteren. Der strenge aber milde Vater, die aufmüpfige Tochter, die leicht feministisch angehauchte Aktivistin, der Nerd, der unliebsame Rowdie, der überstrenge Schuldirektor und der hoffnungslos in die beste Freundin verknallte Durchschnittstyp. Die Macher kennen die Vorbilder und führen den Zuschauer ohne Hast in ihre Welt ein. Bis der erste Untote auftaucht, vergeht eine Zeit. Gesungen wurde bis dahin häufiger; und das ziemlich überzeugend. Die Songs orientieren sich am zeitgenössischen Pop, laufen allerdings keinem Trend hinterher. Modern arrangiert, zeitlos und - was manchem Radio-Pop-Liedchen ebenfalls anhaftet - gleichförmig bekommt der Zuschauer leichte Rocker, nach vorne treibende Pop-Nummern, Balladen, klassische Musical-Nummern in die Ohren gepflanzt. Manches funktioniert im Kontext des Films recht gut und einige Lieder laden tatsächlich zum Mitwippen ein.
Leider überkommt einen zeitweise das Gefühl, dass Anna und die Apokalypse ein Bewerbungsfilm ist, um mehr Aufträge im Filmgeschäft zu erhalten. Die Funktionalität der hier kombinieren Genres verstehen die Macher sichtbar. Das geringe Budget wird gut genutzt, technisch bewegt man sich auf ordentlichem Niveau. Die digitale Optik lässt manchmal Atmosphäre vermissen, den in der Kombination schlummernden Irrwitz lässt man selten aufblitzen. Überraschend ist dann, dass die Mimen nicht nur davon singen, dass da kein Hollywood-Ending ist. Das Leben ist kein Ponyhof, keine vor den Zombies rettende Insel. Das für Teenie-Filme Happy End bei dem sich alle lieb haben, alle für einander bestimmten zueinander finden: Fehlanzeige. Die Ausweglosigkeit des Zombie-Genres, dessen apokalyptischer Grundgedanke bleibt bestehen. Das ungewisse Ende für die Überlebenden, deren Flucht aus dem kleinen Nest, in dem durch eine Grippepedemie das Unheil seinen Lauf nahm, steht für den Schritt aus der Jugend in die Welt der Erwachsenen. Diese und ihr grauer Tag kann auffressen wie die Untoten die Lebenden. Coming of Age mit Zombies, der in seiner Durchschnittlichkeit und wenig auf allen angepeilten Ebenen gut funktionierenden Szenen nie komplett überzeugen mag. Das ergibt im Abschlusszeugnis eine 3. Aber mit Plus.
Freitag, 9. November 2018
The Toxic Avenger
Vielleicht liegt darin auch das Problem begründet. Tromas Filme sind, anders als z. B. die Werke eines Andy Milligan oder Ted V. Mikels oder eines meiner liebsten Trash-Obskuritäten-Kabinetts, dem mexikanischen Horrorknaller Night Of The Bloody Apes, von vornherein als dilettantisch geplant, während sich (nicht nur) die aufgezählten Trash-Auteure sowie der Mexploitationer trotz der bewussten Limitation des Talents ihrer Schöpfer sich bierernst nahmen und deren Werke auf einer unfreiwilligen Art belustigen können. Intendierter Trash, der wild mit dem Zaunpfahl fuchtelnd darauf hinweisen möchte, wie scheiße und deswegen lustig er ist, möchte bei mir nicht hundertprozentig funktionieren. Bei meinem ersten Versuch, mich durch das Troma-Programm zu pflügen, kam ich zu dem Schluss, dass Class Of Nuke 'Em High der beste Film des Studios ist. Oliver Nöding argumentiert in seinem Review das, was ich genau so unterschreiben kann: weil er eben eine schlüssigere, rundere Geschichte erzählt als zum Beispiel The Toxic Avenger.
Jahre nach meinem ersten Versuch mit den Filmen der Trash-Schmiede packte mich der Gedanke, es wieder mit Troma und deren Maskottchen zu versuchen. The Toxic Avenger, die definierende Origin-Story eines ganzen Produktionsstudios, machte mir zu meiner Verwunderung mittlerweile deutlich mehr Spaß wie früher. Zwar benötigt man für sowas weiterhin eine weit nach unten verschiebbare Schmerzgrenze, nun begegnet einem innerhalb der zugegeben dünnen Alibistory, nahezu anarchisch umgesetzt, eine den Film aufwertende, subversive Kraft. Kaufman und sein Co-Regisseur sowie -Gründer Michael Herz zeigen mit Genuss dem in den 80ern groß gehuldigten Körper- und Fitnesskult den Mittelfinger und ziehen ihn respektlos nicht durch den Kakao, sondern direkt durch eine dicke Schicht alter, stinkiger Fäkalien. Verpackt ist das in eine kaputte Superhelden-Geschichte um den trotteligen Melvin, Hausmeister im Fitness-Center der kleinen Ortschaft Tromaville. Die fiktive Stadt liegt direkt vor den Türen New Yorks und fungiert als Lager für hoch toxischen und gefährlichen Müll für die Industrie der Weltstadt und zwielichtige Geschäftsmänner aus dem Umland.
Von den gelangweilten und selbstgefälligen Halbstarken Bozo und Slug immer auf den Arm genommen, kommt es bei einem Streich der beiden und ihrer Freundin Julie zu einem folgenschweren Unfall. Auf der Flucht vor dem lachenden Fitnessmob springt Melvin aus dem Fenster und geradewegs in ein Fass mit radioaktiv verseuchtem Müll, auf einem vor dem Fitnesstempel parkenden Transporter stehend, was ihn zum deformierten wie ultrastarken Toxie mutieren lässt. In dieser neuen Form mausert sich der bisher veralberte Putzgeselle zum neuen Liebling der Bewohner Tromavilles, bekämpft er fortan alle kriminellen Subjekte innerhalb der Stadtmauern. Sehr zum Leidwesen des korrupten Bürgermeister Belgoody, dem Toxie deswegen bald ein Dorn im Auge ist und das Militär mobilisiert, um der Bedrohung durch das monströs Gute Herr zu werden.
The Toxic Avenger schildert diese Geschichte nach dem verstärkt auf Slapstick und Gaga-Humor setzenden Einstieg in einzelnen Episoden, die darauf zielen, dass die geschilderten Straftaten und die besonders abartig und abstrus dargestellten Gangster vom radioaktiv gestählten Melvin blutig vereitelt werden. Das erinnert vom Aufbau an die damals aufkommenden Selbstjustiz-Thriller und Actioner á la Hardcore, den Fortsetzungen von Michael Winners Ein Mann sieht Rot oder The Exterminator. Dazwischen beschränkt sich das Drehbuch darauf, den Bürgermeister durch seine korrupten Geschäfte mitsamt des gelinde nazihaften Polizeichefs als Oberfieslinge zu festigen, Bozo und Slug bei ihrem mörderischen Zeitvertreib und die obligatorische Liebelei des Helden zwischen ihm und der bei einem Überfall auf ein Schnellrestaurant geretteten, blinden Sara zu vertiefen. Mit fortschreitender Laufzeit erweist sich das als repetitiv; Kaufmans und Herz' Film bleibt in diesem Kreislauf aus Gore, bewusst geschmacklosen Gags und Schmalspuraction stecken.
Wäre da nicht das subversive Element, dass The Toxic Avenger als teils gallige Satire auf den damaligen Zeitgeist wahrgenommen werden kann. Ein sprichwörtlicher Real Life-Cartoon, bei dem alles von Beginn an so überdreht ist wie in einer Trickserie. Dazwischen nimmt der Film in seiner naiven Ausstrahlung die Position der ebenfalls Anfang/Mitte der 80er in das Bewusstsein der Gesellschaft rückende Öko-Bewegung ein, wobei der Aufhänger mitsamt des Giftmülls als Auslöser für Toxies Mutation ebenso aus einem x-beliebigen Superhelden-Comic stammen könnte. Diese feine, vielleicht nicht mal von Kaufmann und seinem Drehbuchautor Joe Ritter beabsichtigt, Doppeldeutigkeit rettet häufiger das gesamte, brüchige Gebilde dieser simplen Splatter-Action-Komödie. Nur gegen Ende hat auch sie Probleme, vom einfachen, schnell ermüdenden Erzählkonzept abzulenken. Der Dilettantismus der Leute vor und hinter der Kamera, bis auf den fetzigen Soundtrack sind die Production Skills bewusst oder unbewusst niedrig angesiedelt, wird zur Kunstform des Films, gleichzeitig mit dessen Erfolg zur Schablone für Troma selbst.
Der Erfolg des Films schien unerwartet für Kaufman und Herz zu sein, doch die Besitzer des Studios packten die Gelegenheit beim Schopfe und begründeten auf ihrem bewusst schlecht ausgelegten Schund den Erfolg für die kommenden dreißig Jahre. Eines muss man den beiden lassen: man kann sich über die nicht vorhandenen Qualitäten ihrer eigenen und der eingekauften Werke (mit Ausnahmen natürlich) streiten. Der Trash Tromas unterscheidet sich gewaltig von dem gewollt schlechten Quatsch á la Sharknado, dessen Fortsetzungen oder anderen Dingen von The Asylum. Dem genannten Beispiel merkt man den schnöden Kalkül, auf gewollt schlecht und damit lustig mehr an, als den meisten Troma-Produktionen. Dank viralen Erfolgs im Internet gilt die Haischleuderei als postmoderner Müllkult, begröhlt vom tumben SchleFaZ-Publikum, das gar nicht merkt, wie die kommerzielle Absicht und das Konzept hinter Sharknado und Co. einen eigentlich auf niedrig-souveränem Niveau wandelnden Film vollends bei diesen aufgeht. Die wahre Scheiße ist dann eher das, während der "Müll" von Troma, ich wette einfach mal, dass die Fans der Tele 5-Reihe die doppeldeutigen Momente der besseren Werke des Studios nicht mal nüchtern erkennen würden, im besten Falle immer sympathisch anarchisch erscheint. Respekt haben Herz und Kaufman (der mal sagte, dass 99% der Leute in Hollywood Abschaum sind) keinen, ziehen so lange ihr Ding durch, pfeifen auf Political Correctness und sind damit die wahren Punks des Films. Das macht sie, Troma und auch The Toxic Avenger doch irgendwie sympathisch.
Dienstag, 5. Juni 2018
Prom Night III - Das letzte Kapitel
Wieder sind es die A Nightmare On Elm Street-Filme, an denen man sich nicht bloß grob orientiert, sondern ziemlich frech deren Erzählstrukturen, vornehmlich die der Sequels ab Teil 3 und Darstellung der Bösewichtin abkupfert. Nachdem sich diese während einer Sportübung (!) aus der Hölle befreien konnte, kehrt sie an die Hamilton High School zurück und wird, nachdem sie den Herzschrittmacher des Hausmeisters aus der Brust springen lässt, auf den eher mäßigen Schüler Alex aufmerksam. Der kurz vorm Abschluss stehende Tagedieb, der mit seinem besten Freund Shane von einem Motorradtrip durch die Lande träumt, mit der vernünftigen und hübschen Sarah liiert ist, trifft in der Nacht ihrer Befreiung auf die untote Prom Queen, weil er nochmal einen Abstecher zur Schule machen muss um Bücher zum Lernen für eine anstehende Klausur zu holen. Der schüchterne Junge verfällt der forschen Dame sofort, verbringt eine Nacht mit ihr und hat fortan die aufdringliche und fordernde Mary Lou an der Backe, die in ihm fortan ihren neuen Boyfriend sieht. Forever versteht sich. Durch ihr manchmal mörderisches Eingreifen erleichtert Mary Lou Alex fortan den Schulalltag. Dieser avanciert zum neuen Schulliebling; seine Persönlichkeitsänderung führt zum Streit mit Sarah und als Alex sich endlich von Mary Lou lösen will, hat er es mit einer mörderisch eifersüchtigen Furie zu tun, die Sarah nach dem Leben trachtet.
Glücklicherweise konzentriert sich Prom Night III nicht wie seine Vorgänger zu ausschweifend mit den Vorbereitungen zur titelgebenden Veranstaltung. Selbstverständlich gibt es im dritten Teil auch wieder einen Abschlussball, mehr konzentriert man sich auf den von Mary Lou bezirzten und später gebeutelten Alex und seine Probleme, die nicht nur das Übertreten der Schwelle zum erwachsen werden mit sich bringt, sondern auch eine beherzte, bei ihren gewählten Mitteln zu rabiate, untote Liebesaffäre. Wie der späte Freddy Krueger bekommt Mary Lou dann die meiste Screentime, wenn es darum geht, dem gewählten Love Interest blutig aus der Patsche zu helfen. Zur jeweiligen Situation passend, taucht Mary Lou in verschiedenen Rollen auf und schickt die in ihren Augen dem Herzbuben Schlechtes bringenden auf kreative Art und Weise in die ewigen Jagdgründe. Da wird ein Football zu einem mörderischen Wurfgeschoss, Batteriesäure literweise über ein Opfer ausgeschüttet oder wie im zwei Jahre später entstandenen College Horror-Sch(l)ocker Pledge Class ein Handrührgerät zu einer tödlichen Waffe. Alles garniert mit einer betont coolen, immer einen lockeren Spruch auf den Lippen habenden Mary Lou. Waren es bei Prom Night II noch die albtraumhaften Settings, in die sich die alltägliche Gegenwart verwandeln konnte, versuchen sich die Macher bei Prom Night III dran, an die erste Welle des Funsplatters und den ausgefallenen Settings in den Nightmare-Fortsetzungen anzuknüpfen.
Raubte man auch Freddy Krueger in den Sequels (trotz derer meist ordentlichen bis sehr guten Gesamteindrücke) jegliche Bedrohlichkeit, verkommt auch Mary Lou zu einem weiblichen Pendant des Klingenhandschuh schwingenden Kindermörders. Das die Antagonisten ihre Fingernägel ebenfalls wie Klingen ausfahren kann und Alex gegen Ende wie die Final Girls der Nightmare-Reihe in einer kurzen Sequenz sich mit Bastelarbeiten für den finalen Kampf mit seinem untoten Schwarm wappnet und vorbereitet kann man nicht mal mehr als Hommage sehen. Es ist faules kopieren, dass wenigstens bei Alex' Darstellung als Final Boy mit Augenzwinkern um die Ecke kommt. So dreist man sich auch bei den großen Vorbildern bedient, so schade es ist, dass Mary Lou leider austauschbarer erscheint wie im Sequel: Prom Night III funktioniert. Der Film bietet kurzweiliges Horrorentertainment, das nicht weh tut. Nicht alles mag gelingen - die Gags schwanken zwischen infantil dämlich und vorhersehbar aber doch recht witzig - mit Hello Mary Lou und dem Erstling verglichen, bleibt Prom Night III eine bodenständige Horrorkomödie und tatsächlich der bisher beste Teil der Reihe.
Neben einem wenig Leerlauf bietendes Buch, dessen repetitive Erzählstruktur nur auf dem Weg zum Finale Ermüdung mit sich bringt, kann Prom Night III mit herrlich matschigen F/X punkten. Wenn Alex Mary Lou am Ende in die Hölle folgt um Sarah aus ihrer Gewalt zu befreien, greift man nicht nur wieder ein typisches Motiv der Nightmare-Reihe auf, sondern wartet mit sehenswerter Effektarbeit und guter Atmosphäre auf. Das die Autoren zudem ein fieses wie offenes Ende, welches mit zwei Augen auf eine etwaige Fortsetzung schielt, präsentieren, ist eine handfeste (und die größte) Überraschung. Hätte man den im Stoff durchaus befindlichen Hintersinn mehr aufgegriffen, hätte der Film sogar eine äußerst angenehme und rundum zufriedenstellende Sache werden können. Streift man mit seiner Geschichte den Ausbruch, das Coming of Age eines frustrierten Jugendlichen, der aus seiner Durchschnittlichkeit ausbrechen will und sich durch seinen (schlechten) Einfluss verändert.
Wenn Alex langsam und kontinuierlich sich am vermeintlich schönen Platz an der Sonne zurechtfindet, seine "böse" Seite entdeckt und mit frecher Einzellocke auf der Stirn, Lederjacke und Motorrad erscheint, fühlt man sich an frühe 50er-Exploiter aus den USA Richtung Rockermovie und den dort auftretenden Motiven der juvenile deliquency erinnert. Gebeutelt wird Alex auch von der wahnhaften Liebe Mary Lous, deren dämonisches Stalking zeitlos und aktuell bleibend wirkt und deren Verhalten mit in die Rockerfilm-Motive fließt. Es mag eher dem kurz aufblitzenden moralischen Standpunkt der Story dienen, wenn Alex sich wieder der guten Seite zukehrt. Losgelöst von dieser Schnellschuß- und Videothekenreihe könnte so ein Stoff in den richtigen Händen durchaus für ansprechende Horrorkost sorgen. Aber ich möchte mich nicht beschweren. Nach den beiden ersten, durchschnittlichen Filme der Reihe sorgt Prom Night III für das, wofür er auch konzipiert wurde: Kurzweil für Videothekenpublikum der damaligen Jahre, der man das dreiste kopieren und abkupfern bei größeren Reihen und die schematisch altbekannte Geschichte verzeihen kann. Anders als es uns der (nur beim deutschen Titel existierenden) Untertitel Das letzte Kapitel glauben machen will, folgte zwei Jahre später noch ein vierter Teil, in dem Mary Lou nicht mehr vorkommt. Die Macher hatten wohl ein Einsehen, dass man der Dame mehr Persönlichkeit hätte schenken können, bevor sie mit Teil 3 endgültig zum "weiblichen Freddy mit dem Kleid" wurde. Zusammen mit dem 2008 entstandenen Remake des ersten Teils wird darüber alsbald hier im Blog zu lesen sein.
Donnerstag, 15. Februar 2018
Night of the Virgin
Was als schräge Mixtur aus Horror und Teeniekomödie beginnt, steigert sich über knappe zwei Stunden in eine krude Sammlung aller erdenklicher Körperflüssigkeiten, die schwerlich merkt, wann es mal gut ist. Der Film schießt über sein Ziel hinaus und zeigt deutlich, dass es San Sebastián an Timing fehlt. Szenen werden bis zum Äußersten in die Länge gezogen, was schon den ansehnlichen Beginn des öfteren zum Straucheln bringt. Da könnte man Night of the Virgin fast als hintergründig ätzende Satire sehen, die sich das bemühte Paarungspartner suchen in der Disse zur Brust nimmt. Protagonist Nico ist dabei die starke Überzeichnung eines typischen Verlierertypen, der nur schwer Erfolg beim anderen Geschlecht hat. Mit schlechter Frisur, wenig hübschem Gesicht, Überbiss und einem geschmacklosen alten Anzug sitzt er einsam in einer Disse, bekommt von einer auserwählten Schönheit auf die Schuhe gekotzt und hakt den Abend geistig als gelaufen ab. Da trifft er auf die ältere Medea, die den jungen Mann mitsamt seines aufgepumpten Hormonspiegels mit in ihre bescheidene Behausung mitnimmt.
Dort angekommen soll er auf die Kakerlaken (!) aufpassen, wenn er auf eine treten sollte, brächte das Unglück mit sich (!!). Kaum in der Wohnung, passiert Nico dieses Missgeschick, welches er erfolgreich verbergen kann. Doch zum erhofften Geschlechtsakt kommt es nicht. Entweder lenkt ihn die sich seltsam benehmende Medea ab oder Nico schafft es nicht, über seinen Schatten zu springen. Als es zum erhofften Akt kommen soll, schläft Medea mitsamt Penis in der Hand auf ihm ein und dann klopft "Spinne", der Ex-Freund der Hausherrin, an die Tür und bittet mit harschem Ton um Einlass. Während Nico dadurch immer mehr die Lust daran verliert, den Akt endlich zu vollziehen, drängen ihn von drinnen Medea und von außen Spinne, endlich Sex zu haben. Warum beide so scharf darauf sind, was das ganze mit einer nepalesischen Gottheit und einer im Bad in einem Kelch aufbewahrten Monatsblutung zu tun hat, erfährt der zu seinem Unglück mit zu großer Notgeilheit ausgestattete Nico schmerzlich am eigenen Leib.
Bis die Geschichte dort ankommt, hat der Film mit seinem Protagonisten gemein, dass beide nicht so richtig wissen, was sie tun sollen. Sein ungelenkes, halb peinliches, halb mitleiderregendes Balzen und der Versuch, Medea näher zu kommen, führt zu einigen witzigen, wenn auch kurzen, Momenten in der Geschichte. Die verpuffen schnell, Nico blitzt ab oder wird von eigenen Hemmungen aufgehalten und dann steht er trostlos in der Gegend herum. Ein Sinnbild für die erzählerischen Schwächen des Films, der hier merklich unentschlossen ist, um schon nach gefühlt dutzenden Andeutungen über Medeas Geschichte endlich zum Punkt zu kommen. Anstatt dies durchzuziehen, nimmt man sich den nächsten faden Kalauer zur Brust. Ein fataler Fehler. Das raubt Night of the Virgin jegliche Subversivität und lässt ihn mit Medeas Wandlung zur tödlichen Gefahr den Film in Geschmacklosigkeiten (ent)gleiten, aus den er sich nicht mehr retten kann. Schlimmer noch wird sein Unterton recht zweifelhaft. Nicos gespielter Machismo ist da keine entlarvende Karikatur von sexistischen Alphamännchen dümmlichster Natur, sondern mit der zunehmenden Verwendung des Wortes schwul als Schimpfwort einfach nur peinlich, dumm und sexistisch.
Autor Guillermo Guerrero trägt lieber zur Schau, dass er es unglaublich lustig findet, literweise Körperflüssigkeiten vergießen zu lassen und so oft wie möglich obszöne Wörter zu nutzen. Ich bin beileibe kein Sensibelchen oder erbitterter Verfechter hundertprozentiger Political Correctness. Obwohl ich mich von meinem Denken her sehr weit links einordne, finde ich die krampfhafte, überkorrekte Political Correctness in manchen (linken) Kreisen äußerst seltsam und übertrieben. Was Night of the Virigin in seiner zweiten Hälfte zelebriert, ist wie oben beschriebene, peinliche Person und irgendwann nicht mehr lustig. Mit den Timingproblemen innerhalb der Geschichte wird sowohl der Twist als auch eine beabsichtigt provokante, in die Länge gezogene Geburtenszene weder herausfordernd, noch eklig, noch lustig. Das lässt nur genervt und peinlich berührt hoffen, dass das gezeigte bald vorbei ist. Diese Art von überderbem Humor schien eigentlich ausgestorben und ich frage mich schon, ob das außer irgendwelche Gorebauern überhaupt noch jemand lustig findet. Das dürfte die richtige Klientel sein, wenn in der zweiten Hälfte die leicht feministisch gezeichnete Medea verbal und später auch physisch für dieses Verhalten abgewatscht wird. Das lässt auch den eigentlich so herrlich versifften Look des Films mit seinen manchmal richtig tollen Kameraeinfällen, wenige positive Punkte bei dieser verunglückten Horrorkomödie, vergessen. Wer wirklich Lust auf eine zu lange Ansammlung schlimmsten Humors und literweise Kunstblut hat, die ihren positiven Ansatz wegen Timingproblemen und infantil zweifelhaftem Witz der plumpen Sorte schnell verspielt, sollte - warum auch immer - mal in Night of the Virgin reinschauen.
Mittwoch, 17. Januar 2018
Kick-Ass
Diese kommt mit seiner zweiten Identität, wenn er nach anfänglichem Scheitern, als ihn zwei linkische Gangster niederstechen und er dann von einem Auto angefahren wird, langsam in seine Rolle hinein wächst. Der Unfall bringt ihm zerstörte Nervenenden, viele Metallplatten und damit eine Beinahe-Superkraft, die in seiner nächsten Konfrontation mit einem gewalttätigen Mob trotz seiner unbeholfenen Art sich als hilfreich erweist. Der Konflikt landet im Internet, sein Alter Ego, welches er selbst Kick-Ass tauft, wird zu einem gefeierten Stadthelden und Internetphänomen. Es ruft neben der bisher heimlich angebeteten Katie als potentielle erste Freundin auch den fiesesten, bösesten Gangster der ganzen Stadt auf den Plan, als nach Kick-Ass mit Big Daddy und Hit-Girl weitere, weitaus gezielter operierende Real Life-Helden auftauchen.
Die beiden besitzen einen Wums, dass sie Dave an den Rande der Geschichte ballern und die Nebenfiguren heimliche Stars werden. Auch als Kick-Ass existiert der Junge nur, darf ein wenig mit der neuen Freundin vögeln, mit den Tücken des Heldentums kämpfen, während da in zynischer Humorwolke schwebend, die damals gerade 13-jährige Chloë Grace Moretz eine übercoole Gewaltgöre und Nicholas Cage in einer wirklich angenehm schrulligen Rolle den Rache übenden Vater des kleinen Mädchens mimen. Die heraufbeschworene Lässigkeit und comichafte Gewalt, üblich mit Punchlines und weiteren humoresken Einschüben garniert, sind technisch auf hohem Niveau, lassen dabei das vermissen, womit Kick-Ass in seiner ersten Hälfte punkten kann. Da mischt Matthew Vaughn Teeniekomödie mit Coming of Age, ohne den Fehler zu begehen, gezwungenen Tiefgang zu erzeugen. Distanziert locker, etwas schräg erzeugt Kick-Ass ein Gefühl der Sympathie, bevor er wie die Mitschüler selbst gefühlt von seinem Hauptcharakter gelangweilt ist.
Natürlich kann man auch ohne buntes Kostüm ein Held sein, wachsen, dem gefühlt ewigen Verlierer sein entkommen. Die simple Botschaft darf brav bis zum Ende wachsen, davor wird der Ton des Films merklich düsterer, wenn Gangster Frank D'Amico den aus dem Boden wie Pilze hervorsprießenden Helden in Rachedurst hinterher jagt. Da liegt es nahe, dass der am Geschäft mehr als vom Vater gewollt interessierte Filius auch noch in ein enges Kostüm steigt, um mit einer Finte die auf der Abschussliste befindlichen Hit-Girl und Big Daddy in eine Falle zu locken. Das auf der gleichnamigen Comicvorlage basierende Drehbuch baut in die gewollt so real wie möglich aufgebaute Filmwelt eine für das Genre übliche Erzählweise ein und verzerrt das geschaffene Bild in Richtung üblicher Comicmovie-Muster. Spaß macht es trotzdem, ersäuft der Film löblicherweise nicht im erschöpfenden Metagewichse und steckt seine Anspielungen gekonnt in die Handlung.
Es braucht nur eine Weile, bis Kick-Ass wie sein Protagonist zu sich selbst findet. Mit seiner knalligen Erzählweise, in die Handlung spritzende Splatterwellen in den Actionszenen will man sich nie so komplett anfreunden. Man will eben so cool sein, so anders, so herausstechen wie Dave mit seinem Alter Ego. Endlich mal jemand sein und beachtet werden. Die Beachtung des Kinopublikums war so groß, dass eine Fortsetzung entstand. Dave ist am Ende, nach einer anstrengenden Selbstfindung im hautengen Gummikostüm, vielleicht immer noch dieser leicht nerdige Junge. Aber er hat endlich das, was er am Anfang so vermisst: eine Rolle. Selbst außerhalb seines Superheldendaseins und - ebenso wichtig für einen jungen Mann seines Alters - eine Freundin und mit seinem "reellen" Erlebnis, das so comichaft anmutet, kommend, eine ordentliche Portion Selbstvertrauen. Das kann man bei all' der wütenden Dresche, die ein Kind ihren Kontrahenten beschert (hier musste sich Kick-Ass einige Kritik gefallen lassen), einfach nur dem sichtbaren Willen des Films als coole Draufgabe oder (nachvollziehbar) zweifelhaft in seiner offenen Darstellung finden. Für einen Mainstream-Film ist Kick-Ass ein Werk, dass sich den Mechanismen des Superhelden-Films bedient, seine Vorlage nutzt um daraus etwas ganz eigenes zu schaffen: ein Coming of Age-Teenie-Action-Komödien-Dingsbums mit netten Momenten das erst dann cool wird, wenn die gespielte Kühlheit dem leichten Stil des Anfangs weicht.
Donnerstag, 2. November 2017
Einsamkeit und Sex und Mitleid
Will uns Montag also einen Spiegel vorhalten? Uns diesen eingangs erwähnten Stock aus dem Hintern ziehen, damit wir ab sofort lockerer mit Sexualität oder anderen Dingen in unserem Leben umgehen? Mitnichten. Einsamkeit und Sex und Mitleid ist ein Film, der laut und überdreht die Macken unserer Mitmenschen, von uns selbst, in den Mittelpunkt rückt. Daraus kreiert er in Episoden Kleinstgrotesken, wechselt zwischen seinen Filmfiguren, die nebeneinander existieren und deren Wege sich kurz oder länger kreuzen. Vom jugendlichen Moslem, der aus religiösen Gründen keinen vorehelichen Koitus vollziehen kann, außer er würde Geld dafür zahlen bis zum vielleicht nicht zerrütteten, dafür leicht erschütterten Familienkonstrukt mit genervter Teenietochter, leicht depressivem Vater und seiner in einer ökologischen Gutmenschen-Parallelwelt lebenden Frau sind die Figuren mannigfaltig. Bei der großen Anzahl an wechselnden Personen bleibt eine genaue, detaillierte Zeichnung dieser auf der Strecke.
Lars Montag und Helmut Krausser, der Schöpfer der Romanvorlage der auch am Drehbuch mitarbeitete, sind mehr darum bemührt, diese klischeehaft erscheinenden Menschen in verschiedene Situationen zu stecken um somit das Miteinander zwischen den Deutschen zu beobachten. In seinen besten Momenten steigert der Film jedem schon einmal im Leben begegnete Situationen in urkomisch groteske Momente, ohne hierbei z. B. die Hintergründigkeit eines Loriots zu erreichen. Der Humor ist grell, fast krawallig und schielt etwas auf ein aufgeschlosseneres Mainstream-Publikum, dass eben auch mal solche "seltsamen" Streifen schauen möchte, um sich gut zu fühlen. Hinzu kommen Beziehungskisten von fast geschiedenen Ehepaaren, baggernden Singles und sehr offen lebenden Paaren mit sexuell ausgerichtetem Beruf. Der nächste krawallige Aspekt des Films: das Gevögel ist allgegenwärtig und nimmt anderen Faktoren der Geschichte die Luft um ein besseres Gleichgewicht herzustellen.
Leider kann man das nicht als mahnenden Fingerzeig auf Übersexualisierung der Gesellschaft sehen. Hier wird egoistisch gefickt oder will gefickt werden. In diesen Szenen schaltet Montag einen Gang zurück und lässt auch durch die durchschnittlich aussehenden Darsteller den Akt nicht als ästhetisch aufwertende Sache aussehen. Sex gehört auch bei den Deutschen zum Alltag, die gefühlte Überpräsenz in der Geschichte scheint dazu zu dienen, dem letzten verklemmten Zuschauer die Schamesröte ins Gesicht zu knallen. Das lässt alles infantiler erscheinen, als es ist. Das Drama um die einzelnen Figuren rückt in den Hintergrund, erst gegen Ende - wenn der dritte Akt Mitleid einsetzt - werden keine leiseren, aber zumindest ruhigere Töne angesprochen. Hier blicken Montag und Krausser auf die gescheiterten Leben ihrer Figuren. Die zuerst für Typen in der Gesellschaft stellvertretenden Personen bleiben dadurch flach und gewinnen leider keine weiteren Charakteristika hinzu. Auch die guten Darsteller können hier gegen die Klischeezeichnungen nicht anspielen.
Der spöttische Blick des Drehbuchs auf diese uns im Leben begegnenden Typen entwickelt in den richtig starken Szenen schön absurde Momente, die Einsamkeit und Sex und Mitleid vom deutschen Filmeinheitsbrei etwas abheben lässt. Man fühlt sich ertappt oder erkennt zumindest Dinge, die man so schon erlebt oder erzählt bekommen hat. Die oberflächlich einfachen Figuren, von denen der Film lebt, treffen mit ihrer Darstellung ins Herz der Zuschauer. Hinzu kommt der bildgestalterisch durchstrukturierte Stil, der sich so aufgeräumt wie eine deutsche Amtsstube und in anderen Szenen modern und klar gibt. Diese Bilder und die verschachtelte Story lenken davon ab, dass das Kinodebüt des vom Fernsehen kommenden Montag einfacher gestrickt ist als gedacht. Das dramatische Potenzial wird manchmal verschenkt, lieber werden die gebeutelten Personen wieder in eine komisch-absurde Situation gestoßen. Montag und Krausser genießen dies fühlbar und geben wahrscheinlich einen Scheiß darauf, dass einige den Film als zu leicht, zu lustig wahrnehmen. Die Dramatik verlässt leider nie (das wenigstens gutklassige) Fernsehfilm-Niveau. Andererseits ist das auch ein weiterer Fingerzeig auf den Stock im deutschen Volkshintern, den selbst der lockerste Geselle leider doch etwas mit sich trägt. Einsamkeit und Sex und Mitleid schafft es damit, wenigstens für mich zu einem der interessantesten Beiträge aus Deutschland für das Filmjahr 2017 zu werden.















