Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Viva Cangaceiro

Aller guten Dinge sind drei. Nach dieser bekannten Redewendung ist auch der Italiener Giovanni Fago vorgegangen und hat sich nach dem dritten von ihm inszenierten Western anderen Genres zugewandt. Wobei er allerdings gerade mit seinem letzten Film aus dieser Sparte ein kleines Ausrufezeichen gesetzt hat, da sich dieser damals wie heute doch schon etwas von den vielen anderen Pferdeopern aus Bella Italia abhebt. Zuerst wandte er sich mit seinem Debüt Django der Bastard (1967) sowie dem darauf folgenden Django - Melodie in Blei (1969) recht gebräuchlichen Geschichten zu und präsentierte diese mit allen für das Genre typische Elementen. Dabei hat Fago auch schon bewiesen, dass er vielleicht kein meisterlicher Macher, aber dafür ein sehr solider Handwerker ist, der ordentlichen Stoff abliefern kann. Mit dem im Original betitelten O'Cangaceiro überrascht Fago plötzlich mit etwas völlig anderem, der bestimmt so manchen Zuschauer mit falscher Erwartungshaltung vor den Kopf gestoßen hat.

Man könnte hier natürlich das Argument anbringen, dass der Cangaceiro einer unter vielen der damals aufkommenden Revolutions-Western ist. Zwar verschlägt es Fago zwar auch auf den amerikanischen Kontinent, doch nicht wie üblich nach Mexiko. Lieber hat er mit seinem umfangreichen Autorenteam (darunter der ebenfalls als Westernregisseur bekannte Rafael Romero Marchent) in der südamerikanischen Geschichte gewühlt und dort in Brasilien die sogenannten Cangaceiros für sich entdeckt. Diese waren im Nordosten des größten Landes Südamerikas marodierende Banden Gesetzloser, welche u. a. Städte oder auch Stützpunkte der Armee überfielen. Durch die in diesem Landstrich vorherrschende Armut rotteten sich die zusätzlich auch noch von der Regierung unterdrückten, unzufriedensten Bürger zu eben solchen Banden zusammen, welche ihre armen Mitbürger meistens in Ruhe ließen und teils sogar unterstützten. Als Darsteller für seinen Gesetzlosen suchte sich Fago einen gebürtigen Mittel- bzw. Lateinamerikaner aus, so dass dieser nicht nur durch sein gutes mimisches Können sondern auch durch sein Aussehen glaubhaft in dieser Rolle überzeugen kann.

Man griff zum Kubaner Tomas Milian, einem wahren Kultdarsteller, der ja schon zur damaligen Zeit in so einigen Italowestern mitwirkte. Und dieser ist eine wahrhaft passende Wahl für die Figur des Esposito, der in den 20er Jahren während eines Massakers des Militärs an der Bevölkerung seines Heimatdorfs, angeschossen und hinterher von einem Eremiten aufgefunden und versorgt wird. Zuerst ist Esposito nur mit der Pflege seiner Kuh beschäftigt, interessiert sich nicht für die Vorgänge in seinem Dorf, über die auch sein Vater mit ihm redet. Esposito ist eine einfache Haut, ein Naivling, ohne große Bezüge zu seiner Umwelt. Während draußen die Armee vor dem Dorf steht und einen dort untergekommenen Cangaceiro zur Kapitulation auffordert, ansonsten würde man die gesamte Bevölkerung umbringen, kümmert er sich aufopferungsvoll um das Tier. Er bekommt die Vorgänge gar nicht mit und scheint selbst bei der Eskalation der Ereignisse vollkommen desinteressiert diese an sich vorbei gehen lassen. Erst als beim Massaker der Militärs auch seine Kuh daran glauben muss, erwacht er aus seiner Welt, in der er zu leben scheint.

Glücklicherweise überlebt er leicht angeschossen die Gräueltaten und wird nun von einem äußerst gottesfürchtigen Einsiedler gesund gepflegt, der Esposito mit seinem religiösen Gebrabbel ziemlich beeindrucken kann. Vor allem: er beeinflußt ihn auch. Esposito wird vom Eremiten für dessen Zwecke benutzt. Laut diesem, ist ihm immerhin schon Gott erschienen, der zufälligerweise die Gestalt des Kuh- und Vaterlosen Manns trug. Esposito scheint wie ein hohles Gefäß zu sein, in welches man seine Zwecke einfüllen kann, damit dieser sie dann ausführt. Er wandert nun durch die Gegend, predigt das heilige Wort und ruft dabei gleichzeitig zum Kampfe und zur Rebellion auf. Dabei wird er in seinen Worten immer radikaler und nachdem er während eines Bettelzuges vom Militär aufgegriffen und verhaftet wird, wandelt er sich zum Cangaceiro. Er schart die Mitgefangenen nach einem Ausbruch aus der Haft um sich und formt eine Bande, welche den Landstrich, in dem er sich mit seinen Kumpanen niederläßt, mit Terror überzieht.

Dabei ist Esposito, der sich mittlerweile auch "Der Erlöser" nennt, aber dem Gouverneur der Region, einem gewissen Branco, im Wege. Immerhin ist dort ein großes Ölvorkommen entdeckt worden, das dem Land und vor allen den höhergestellten Gesellschaften ordentlich Geld in die Taschen fließen lassen würde. Aber die dort eben umherwandelnden Banden sind das einzige Hindernis, welches dem Abbau des Öls im Wege steht. Mit Hilfe eines holländischen Ölsuchers, der schon mal die Bekanntschaft mit dem Erlöser machte, versucht der Gouverneur Esposito auf seine Seite zu ziehen und so die anderen Cangaceiro-Banden zu beseitigen. Unser Erlöser lässt sich wieder einspannen, merkt aber alsbald, dass er von dem schmierigen Herren betrogen wurde, was dessen Versprechungen angeht. Allerdings hat Branco nicht mit der Rache des Erlösers gerechnet.

Nun macht Fago hier mit der Geschichte zwar schon so einiges richtig, dennoch erscheint Viva Cangaceiro doch auch etwas holprig an manchen Stellen. Milian verkörperte übrigens auch schon in Corbuccis Lasst uns töten, Compañeros (ebenfalls 1970) einen naiven Menschen, welcher durch den Einfluss anderer plötzlich in einer für ihn vormals vollkommen uninteressanten Sache verwickelt ist. Auch hier ist seine Leistung wieder sehr gut, nur das Buch bremst seine Figur auch etwas aus. Der religiöse Einfluss auf Esposito, der seinen Retter durch seine Verwundung an der Seite an Jesus Christus erinnert, wird etwas zu schnell auf die Seite geschoben. Fago zeigt uns in wenigen, schnellen und episodisch erscheinenden Szenen den Wandel Espositos. Es scheint als habe er das Potenzial, welches hier schlummerte nicht erkannt oder nicht weiter nutzen wollen. Schnell wird aus dem predigenden Naivling, dem man anmerkt, dass ihm seine Worte von einem anderen in den Mund gelegt sind, ein fast schon einfacher Bandit. Dabei entfernt sich auch Milians Äußeres weg vom einfachen Prediger der mit Kreuz und Machete seine Worte verkündet zu einem stylish interessanten, aber auch überfrachtend aussehenden Halunken.

Esposito spricht von Freiheit, von Aufstand gegen die Unterdrücker der armen Bevölkerung und versucht das Wort Gottes in revolutionäre Tiraden zu wandeln. Er schart mit den ehemaligen Mithäftlingen eine Bande um sich, wie einst Jesus seine Jünger. Man hätte die religiösen Anspielungen ruhig weiter in den Stoff einbauen und natürlich auch ausbauen können, um die Botschaften, die Viva Cangaceiro hier und da mit sich bringt, weiter auszubauen. Die Geschichte des Heilands umgewandelt in eine Art Revolutions-Western mit ganz eigener, ungewöhnlicher Art. Da hätte man etwas daraus machen können, doch die sichere und wohl auch einfachere Spur wird im weiteren Verlauf der Geschichte bevorzugt. Wobei es Fago hier und da noch schafft, leichte Kapitalismuskritik in den Stoff zu Schmuggeln. Beinahe könnte man seinen Esposito als sozialistischen Heilsbringer ansehen, der für das Wohl des Volkes beisteht und der nur auf Gewinn und Moneten schielende Obrigkeit ans Bein pinkeln will. Immerhin hat er mit Eduardo Fajardo als Gouverneur Branco einen schauspielerisch ebenbürtigen Partner bekommen, der auch sehr gut als aalglatter und skrupelloser Geselle, der nur auf seinen persönlichen Vorteil aus ist, rüberkommt.

Da scheint man zuviel auf einmal mit dem Cangeceiro gewollt zu haben. Nicht nur, dass man diese Allegorie auf die Geschichte plötzlich einfach unter den Tisch fallen lässt und auch die vormals starken religiösen Anspielungen sich im Laufe der Geschichte zurücknehmen. Hinzu kommen sozialkritische Töne, die aber auch nur Ansatzweise aufgezeigt werden um weiterhin auch noch die eigentliche Story des Films erzählen zu können. Es passt einfach nicht so richtig und erst spät schafft es der Film, seinen eigenen Weg zu gehen. Hier wandelt er allerdings eher auf den Pfaden einfacherer geprägter Revolutions-Western. Wenigstens kann er sich durch die Ansiedlung der Story in Südamerika und der Zeit in der er spielt, dem 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, deutlich von diesen abheben. Somit ist Viva Cangaceiro auch nochmal etwas ganz eigenes, eine kleines Unikum, dass es trotz seiner Diskrepanzen im Aufbau der Story zu entdecken gilt. Fago schafft es trotz allem, eine interessante Geschichte zu erzählen, bei der eben leider die Anfangs so interessante Figur des Esposito etwas verblasst.

Dieser Wust an Fäden, welche die Autoren des Films aufgenommen haben, verheddert sich etwas an mancher Stelle und einige werden dann auch noch fallen gelassen. So sind dann auch manche Handlungen einiger Figuren etwas schwerer bzw. nicht allzu logisch nachvollziehbar. Hier wollte man wohl eher etwas mehr Pepp in die Handlung an manchen Stellen bringen, damit auch die Action nicht zu kurz kommt. Immerhin wird auch hier ordentlich die Feuerbüchse betätigt, so dass mancher Filmtod gestorben wird. Spätestens beim Kampf gegen die Militärs wandelt sich Viva Cangaceiro zu einem Spektakel, dass durch einen äußerst tristen und nüchternen Stil auffällt. Allerdings punktet der Film auch durch einige gute Einstellungen, die auf das Konto von Kamermann Alejandro Ulloa gehen. Nicht unterschlagen sollte man auch den etwas eigentümlichen, aber dennoch passenden Score von Riz Ortolani der auch so manche Szene sehr gut aufwerten kann.

Vielleicht war Fago nicht die beste Wahl für so einen komplexen Stoff, eventuell hat er mit seinen Mitautoren auch nur zu viel in einen Film packen wollen. Er ist ein guter Handwerker, dem es allerdings etwas an Esprit und hier und da auch an Feingefühl geht. Grundsätzlich ist ihm hier ja ein sehr interessanter Streich gelungen, dessen Motor bei der Fahrt durch die Handlung ins stottern gerät. Man kratzt zu sehr hier und da an der Oberfläche, bohrt aber nicht weiter nach und läßt einen etwas unbefriedigenden Eindruck zurück. Viva Cangaceiro kann sich durch seinen eigenen Charme, den er mit sich bringt, vor dem Fall in die Bedeutungslosig- bzw. Mittelmäßigkeit bewahren. Doch so richtig rund erscheit das ganze einfach nicht. Sicherlich: auch Filme dürfen und sollten Ecken und Kanten haben, doch an diesen stößt man sich allerdings doch irgendwie zu schmerzhaft. Und irgendwie ist der Film trotzdem auch so etwas wie eine klitzekleine Perle, die es zu entdecken gilt. Hier geht die Zwiegespaltenheit, die auch dem Werk innewohnt, fröhlich weiter. Alles in allem aber ein ansprechender Film der auch durch seine ganz außergewöhnliche und andere Art faszinieren kann. Ja, der Giovanni ist schon ein Fuchs. Bevor er mit anderen Arbeiten wieder eher durchschnittliche Arbeiten ablieferte, hat er hiermit schon ein aus seiner Filmographie herausstechendes Stück Film abgeliefert.

Dienstag, 13. Dezember 2011

Djangos blutige Spur

Insgesamt zwanzig Mal nahm der gute Tanio Boccia auf einem Regiestuhl platz und war dabei vor allem im Peplum, also den italienischen Monumental- und Sandalenschinken, zu Hause. Dabei war Boccia zu Beginn seiner Karriere eher auf der Bühne aktiv: er startete als Choreograph und Tänzer, wurde hier und da auch als Mime in Dialektstücken eingesetzt bevor es ihn dann von den Brettern dieser Welt zum wuseligen Filmgeschäft seines Heimatlandes zog. Dies begann gegen Ende der 50er, als mit dem Erfolg des pompösen, amerikanischen Monumentalfilms auch die ersten italienischen Produktionen dieser Machart über die Leinwände dieser Welt flimmerten. Der gute Tanio konzentrierte sich hier eher nicht auf historische, sondern eher alter Legenden und Sagen verbundene Stoffe. Unter seiner Knute erlebten Sagenhelden wie Maciste (Maciste besiegt die Feuerteufel, 1961), Samson (Samson und die weißen Sklavinnen, 1963) oder auch Herkules (Hercules of the Desert, 1964) kostengünstig hergestellte, aber bunte Abenteuer in den Kinos der damaligen Zeit. Mit dabei war meistens der italienische Bodybuilder und Mime Adriano Bellini, der sich hier meist hinter dem amerikanischen Pseudonym Kirk Morris versteckte.

Und als man in der italienischen Filmindustrie die ohnehin schon recht angestaubten Sandalen an den Nagel hing und sich anderen Stoffen widmete, so zog natürlich auch Boccia mit, inszenierte hier mal einen Agenten- und dort einen historischen Abenteuerschinken, bevor er sich dem nächsten Trend widmete. Vier Italowestern entstanden unter seiner Regie, wobei aus dieser Phase wohl vor allem Die sich in Fetzen schießen (1967) herausragt. Dieser Film wurde nämlich schon drei Jahre später neu verfilmt. Das Quasiremake hörte auf den Namen Matalo bzw. in Deutschland Willkommen in der Hölle und stellt einen ausgesprochen psychedelischen und herausragend anderen Italowestern dar. Boccias Vorbild für diesen Ausnahmefilm kommt dabei viel ordentlicher und bodenständiger daher. Zwei Eigenschaften, die man auch seinem letzten Western zusprechen kann. Was allerdings nicht heißt, dass Djangos blutige Spur etwa zu bieder umgesetzt wurde. Man merkt dem Streifen ja schon seine Entstehungszeit, die beginnenden 70er, doch etwas an.

Gerade auch beim Hauptdarsteller Richard Harrison, welcher mit seinem breiten Oberlippenflusensammler hier auf der Suche nach den Mördern seiner Schwester ist. Jeff Cameron ist hier sein Name, ein Kriegsgefangener, der nun in den Süden und seine Heimat zurückkehrt und die niederschmetternde Nachricht überbracht bekommt, dass Schwesterlein Deborah den Radies beim Wachsen von unten betrachten muss. Der Erlös des Verkaufs der Familienranch wurde ihr hier zum Verhängnis. Während der Auszahlung durch die Käufer des Grundstücks, einer Eisenbahngesellschaft, wird sie von einem bediensteten beobachtet. Schon hier geifert er beim Anblick des vielen Zasters die Fensterscheibe voll um dann mit einem Kumpanen in der nahe gelegenen Stadt einen Hinterhalt zu planen, in den Deborah leider auch vollends reintritt. Entrinnen gibt es keinen und während Oberfiesling Montana sogar noch kurz seinen Spaß mit dem armen Mädel hat, wird sie hinterher kaltblütig ermordet. Also schmiedet Jeff nach einigen Hinweisen auf die Mörder, die er gesammelt hat, den Plan, den insgesamt fünf Herren welche am Tod der Schwester schuld sind, sein Leibgericht zu servieren. Natürlich ist dies nichts anderes als eiskalt servierte Rache.

Der gute Harrison, wie Boccias Peplum-Lieblingsdarsteller Bellini ebenfalls ein ehemaliger Muskelpumper, ist hier wirklich gut aufgelegt. Sein flapsiger erster Auftritt als recht neben sich stehendem, verlumpten Kerl der in inniger Zweisamkeit mit seinem Maultier Manolito zu sein scheint, erinnert uns dabei ein klein wenig an diverse Auftritte von Terence Hill in diversen Prügelwestern, die er mit Dauerpartner Bud Spencer bestritt. Zerzaustes Haar, leicht angeschickert und trotzdem immer einen launigen Spruch auf den Lippen. Da verzeiht man ihm auch das schäbige rosa Hemd, welches er in dieser Szene trägt. Diesen kleinen, auflockernden Anflug von Humor lässt schnell die Sympathien für Harrison entstehen. Auch wenn er im weiteren Verlauf des Films ab und an wie ein typischer Held aus US-Western rumrennt, so sieht man dem bärtigen Herren gerne bei seinem Rachefeldzug zu. Eine markige, aber niemals kalauernde sondern eher sehr sorgfältige deutsche Synchronisation unterstreicht dies hier auch noch gekonnt. Hier und da scheint man es in der Ausrichtung Harrisons Figur etwas zu gut gemeint haben, zu cool erscheint der Herr. Seine Figur lässt etwas Verbissenheit in seinen Bemühungen vermissen.

Zumal er ja ohnehin ein sehr leichtes Spiel hat, die Pappenheimer, welche seine Schwester auf dem Gewissen haben, ausfindig zu machen. Hier leiert Boccia, der auch das Script schrieb, die Geschichte leider etwas zu einfallslos einfach runter. Nach dem ersten Hinweis auf den Aufenthaltsort von Obermufti Montana macht sich Jeff einfach dorthin auf, trifft diesen zwar an, bekommt ihn aber nicht in die Finger. Dafür spürt er nach und nach die Komplizen auf und richtet diese logischerweise einen nach dem anderen für ihr grausigen Vergehen. Selbst hier kommt er, bis auf die erste Begegnung mit Montana, nicht in Schwierigkeiten. Hier umgeht Boccia das ungeschriebene Italowestern-Gesetz, dass der Protagonist mindestens einmal in die Hände des Widersachers gerät und schlimmste Misshandlungen aushalten muss. Von daher ist die vom ohnehin unsinnigen deutschen Titel angedeutete Spur keineswegs blutig. Das hier kein Django vorkommt, versteht sich nach den bisherigen Ausführungen zum Film auch von selbst.

Aber Boccia versteht sein Handwerk und schafft es mit dem angesprochen wohlgesonnenen und spielfreudigen Harrison schnell den Zuschauer auf seine Seite zu ziehen. Die wilden (und milden?) Siebziger versprühen ihren Glanz, ihre ganz eigene Art und rein atmosphärisch bietet uns der mit 69 Jahren in Rom verstorbene Regisseur ausgezeichneten Stoff. Staubige, verlassene oder auch sehr runtergekommene kleine Städtchen bilden hier den Hintergrund für eine Geschichte, die einfach mehr Biss vertragen hätte. Somit hätte man wohl auch einen richtig starken Western hinbekommen. Wobei Djangos blutige Spur keineswegs schlecht ist. Einen Innovationspreis wird das Machwerk nie gewinnen, doch besser eine gute, aufgewärmte Story als miese Neukompositionen, die nicht munden wollen. Zumal nicht nur Harrison zu überzeugen vermag. Als weibliche Hauptrolle, die allerdings erst zum Ende etwas Screentime bekommt, bekommt man die dralle Anita Ekberg als Dame aus dem horizontalen Gewerbe zu Gesicht. Irgendwie ist die Rolle der schwedischen Aktrice etwas verschenkt, auch wenn Chemie zwischen ihr und Harrison stimmt. So hat man wenigstens noch eine kleine Nebengeschichte in den dünnen, hier und da vorhersehbaren Stoff, eingebaut bekommen.

Der oberfiese Montana wird von Rik Battaglia gemimt, ausserdem ist auch noch George Wang als einer der Bösewichte zu sehen. Dabei macht auch Battaglia eine gute Figur und ist auch für die wenigen im Film doch zu sehenden Sadismen zuständig. Eventuell gibt es aber im Ausland sogar mehr zu sehen, hier und da erscheint die deutsche Fassung etwas holprig und unvollständig. Dennoch ist die unaufgeregte, aber saubere Machart des Films ein Pluspunkt, die den Stoff bis zu seinem doch eher unspektakulären Ende über die Zeit rettet. Dazu versüßt einem der recht präsente und tolle Score von Carlo Esposito den Film. Die bekannte Rachestory, die man wie den kommenden Besuch im norddeutschen Flachland schon ewig vorher sehen kann, vermag es nun wahrlich nicht, Bäume auszureißen bzw. Begeisterungsstürme zu entfachen. Doch der ohnehin für sein Talent, kostengünstige Stoffe gut aussehen zu lassen, bekannte Boccia schuf einen dennoch sehr lockeren und leicht den damaligen Zeitgeist versprühenden Italowestern. Wie bereits angesprochen, wäre etwas mehr Biss wünschenswert. Aber auch so ist der Film ein voll und ganz zufrieden stellender und in Ordnung gehender Beitrag.

Freitag, 2. Dezember 2011

Meister des Grauens

Wir befinden uns im Spanien des Jahres 1492. Die Inquisition sorgt dafür, dass das Land von Hexen und ähnlichem gottlosen Gefolge gereinigt wird. Der Obersaubermacher hört auf den Namen Torquemada und der Großinquisiteur ist dabei sogar so überzeugt von seinem Tun und dem Werkzeug der Folter als Maßnahme um Hexen zu überführen, dass er sich sogar über eindeutige Weisungen des Papstes hinwegsetzt. In sein grauslig-frommes Tun platzt allerdings die herzensgute Maria, die während einer Hexenverbrennung einen kleinen Jungen vor seiner Auspeitschung bewahren möchte. Selbst ihr Ehemann Antonio kann sie nicht davon abhalten. Torquemada bekommt davon natürlich Wind und lässt Maria unter Verdacht, sie sei ebenfalls eine Hexe, in einen Kerker seines Schlosses werfen. Dort durchlebt die hübsche Dame allerlei Absonderlichkeiten und einen Großinquisiteur, der trotz aller Frömmigkeit sehr triebhafte Gelüste für diese entwickelt. Währenddessen versucht ihr Ehemann mit einem tollkühnen Plan, sie aus den Fängen der Inquisition zu befreien.

Das Werk Edgar Allan Poes ist für Filmemacher aus der Genreschublade ein gut bestückter Fundus für Inspiration und Ideen. Nicht gerade selten wurden seine Geschichten für die große Leinwand adaptiert oder zumindest Elemente aus den ja auch nicht gerade immer sehr leicht umzusetzenden Erzählungen aufgenommen und in so manches Schauerwerk eingeflochten. Dem B-Film-Halbgott Rogar Corman verdanken wir sogar mit die besten Verfilmungen von Poe-Geschichten, welche in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden. Und wenn wir schon gerade bei Veteranen des Genrefilms sind, so dürfen wir nicht Charles Band vergessen. Irgendwie wird dieser ja leider immer etwas vergessen, dabei hat dieser mit seinen Studios Empire und nicht zuletzt auch Full Moon so manch launiges und kultiges Werk abgeliefert. Er mag zwar nicht so bedeutend sein wie Corman, aber dennoch haben wir ihm zum Beispiel die Puppetmaster-Reihe oder auch die kultige Lovecraft-Verfilmung Re-Animator (1985) zu verdanken. Zu Beginn der 90er war dann bei Band und den damals noch recht frischen Full Moon-Studios Poe eine literarische Vorlage Poes an der Reihe, als Film umgesetzt zu werden.

Wobei der Allrounder Band (er ist u. a. Autor, Darsteller, Regisseur und Produzent) hier nur als Produzent fungierte, um eine Herzensangelegenheit von Stuart Gordon umzusetzen. Gordon ist ja als Fachmann für Verfilmungen eines anderen für die phantastische Literatur wichtigen Mannes bekannt: H. P. Lovecraft. Der schon angesprochene Re-Animator geht auf das Konto des vom Theater kommenden Regisseurs, aber auch ebenfalls auf Lovecraft basierende Filme wie From Beyond (1986) oder auch Dagon (2001). Meister des Grauens stellt die erste Berührung Gordons mit Stoff von Poe dar und basiert lose auf der Geschichte "Die Grube und das Pendel". Wenn man den Vergleich zieht, was Gordon besser liegt, so kommt man jedenfalls bei diesem Werk zum Schluss, dass es wohl Lovecraft ist. Dabei ist Meister des Grauens nicht mal ein übler Stinker ohne jegliche Qualitäten. Es ist ein für Full Moon-Verhältnisse, da die Qualität derer Machwerke leider teils auch stark schwankend sein kann, ein sogar überaus sorgfältig produzierter bzw. realisierter Film.

Gordon gelingt hier ein atmosphärisch dichter Film, den man dank der Detailliertheit bei den Kulissen und Requisiten für Full Moon-Maßstäbe sogar schon beinahe opulent nennen kann. Trotz seines weiter durchschimmernden B-Film-Charakters. Es krankt hier aber einfach nur daran, dass man bei der Geschichte selbst, nie so richtig wusste, wohin man diese steuern mag. Meister des Grauens schwebt unentschlossen zwischen Drama und Horror, bietet allerdings von allem deutlich zu wenig, um stärken in einem der beiden Gebiete ausspielen zu können. Dies führt trotz vorherrschender, höherklassiger Qualität zu einigen Längen, die man nicht so recht auszubügeln vermag. Man fühlt sich an die alten Hexenfilm-Klopfer wie zum Beispiel dem deutschen Mark of the Devil (1970) erinnert. Doch man geht an die Thematik bei weitem nicht so ausschweifend heran wie dieser oder andere, ähnlich gelagerte Filme.

Bis auf einige wenige Szenen hält sich Meister des Grauens zurück, womit die wenigen, gezeigten Grausamkeiten noch mehr Wirkung erzielen. Wer also ein Feuerwerk an Grausamkeiten und Folterungen erwartet, wird hier eher enttäuscht. Durch die Unentschlossenheit bei der Ausrichtung des Films, verpufft an manchen Stellen allerdings der Old School-Grusel, den man hier erwirken wollte. Es mag sich einfach keine richtige Spannung einstellen. Auf der anderen Seite verpuffen die dramatischen Anflüge durch einige wohl Alibimäßig hinzugefügte, übernatürliche Phantastereien. Hier punktet der Film aber durch die Darstellung von Lance Henriksen, welcher der Figur des Torquemada (der übrigens auch real existierte) unheimlich viel Leben einhaucht. Ohne großes Overacting, sondern sogar sehr akzentuiert gibt er hier einen beinahe schon religiös fanatischen Mann, der durch die Verlockung einer Frau mit sich selbst und seinen Prinzipien hadert. Diese Töne, die man hier bei Meister des Grauens anschlägt, sind ziemlich ungewöhnlich für Full Moon-Streifen. Es steht dem Film aber, Henriksen trägt diesen durch seine Leistung sogar zu einem gewissen Teil, kann selbst aber auch nicht über den langatmigen Gesamteindruck retten.

Dafür stehen ihm zwar in den Nebenrollen einige ebenfalls gute Darsteller wie Herbert West himself, Jeffrey Combs, der für einige Minuten zu erblickende Oliver Reed oder auch Mark Margolis zur Seite, aber auf der anderen Seite der Hauptdarsteller regiert der Durchschnitt. Sowohl Rona de Ricci als Maria als auch deren Filmehemann Jonathan Fuller liefern zwar okaye Leistungen ab, doch gerade de Ricci verblasst in den Szenen neben Henriksen total. Hier wäre eine erfahrenere Darstellerin wohl die bessere Wahl gewesen. Der Film bietet zwar einige nette Schauwerte, schafft es allerdings nicht, zu fesseln. Selbst der Aspekt, die Poe'sche Originalgeschichte mit der Zeit der Inquisition zu verbinden, der erst ungewöhnlich, dann aber als gute Wahl erscheint, kann hier nichts mehr herausreißen. Sogar dann, wenn Gordon andere bekannte Elemente aus dem Oeuvre des Herrn wie dem lebendig begraben sein, auspackt.

Auch wenn Meister des Grauens mit einem sehr gut aufgelegten Hauptdarsteller aufwarten kann und hier und da einige nette Szenen bietet, so ist die Inszenierung insgesamt etwas zu kraftlos. Diese Hin- und Hergerissenheit zwischen Drama und Horror lähmt das ganze. Gordon und sein Stammautor Dennis Paoli hätten sich vorher besser entscheiden sollen, welchen Weg sie einschlagen. So verpufft so manch guter Ansatz im Wust der Mittelmäßigkeit, obwohl wir es hier mit einer richtig guten Full Moon-Produktion zu tun haben. Eventuell ist es auch die hier nicht ganz passend zu scheinende ironische Art und Weise, wie Gordon sich dem Konstrukt seiner Geschichte nähert. Schwarzer Humor funktioniert wunderbar mit der abgehobenen Fantasterei eines Lovecrafts, doch bei Poe scheint dies hier und da ein Griff in die Toilettenschüssel zu sein. Mal funktioniert es zwar, jedoch nicht immer. Man verschenkt viel bei Meister des Grauens und im Endeffekt geht das ganze zwar noch in Ordnung, aber man verbleibt als Zuschauer auch noch etwas unbefriedigt zurück. Da wäre eben noch mehr drin gewesen, als einem hier geboten wird.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Pronto Amigo

Ein Treck wird im Tal des Todes vom Banditen El Condor und seinen Kumpanen überfallen und bis auf die blonde Janet über den Haufen geschossen. Da der Mexikaner dem Militär schon länger ein Dorne im Auge ist, setzt man einen fähigen Mann auf diesen an. Der eigentlich schon in Ungnade gefallene und im Gefängnis einsitzende Pat Scotty wird von seinem Onkel, dem General höchstpersönlich, aus dem Knast geholt um sich dann in die Bande von Condor einzuschleichen. Der einem luxoriösen Lebensstil nicht abgeneigten und immer am schnöden Mammon interessierte Scotty willigt ein und wird als vermeintlicher, in der Wüste nach Gold suchendem Gringo von Condor schon beim ersten Aufeinandertreffen in die Bande aufgenommen. In dessem Lager freundet er sich mit der Gefangenen Maja, einem Indianermädchen, an die dann auch noch ein Zünglein an der Waage spielt, als es doch nicht so einfach wie gedacht wird, Condor samt Schergen auszuschalten. Zumal der ebenfalls im Regiment des Generals befindliche Ehemann der gefangen genommenen Janet nach seiner Ehefrau sucht und dies die Lage ebenfalls nochmals etwas kompliziert.

Nur eine ganz so dramatische und spannende Sause ist die Geschichte dann doch nicht. Das mag man kaum glauben, inszenierte Regisseur mit weitaus mehr Elan und weniger Hemmungen den unglaublichen Giallo In The Folds Of Flesh (1970) der auch wohl zu seinem bekanntesten Streifen gehört. Vielleicht war Bergonzelli einfach noch nicht so richtig auf dem Schaffenshöhepunkt angelangt oder hat hier ganz einfach nur seinen Job erledigt. So genau werden wir es nie erfahren, verstarb Bergonzelli doch schon 2002. Der Regisseur, welcher Anfang der 50er Jahre seine Karriere im Filmgeschäft als Darsteller begann, war wie so viele seiner Kollegen in keinem bestimmten Genre zu Hause und versuchte sich überall. Dabei gingen sogar zwei Aufklärungsfilme aufs Konto, während er in der späten Phase seiner Regiekarriere sich eher erotischeren Stoffen widmete. Da schien er bei bereits erwähntem Giallo-Übersleazer auf den Geschmack gekommen sein. Neben Pronto Amigo hat er auch noch einige andere Italowestern vollendet, darunter mit Das letzte Gewehr (1964) einen der ersten in Italien gedrehten Western. Bekanntestes Werk aus dieser Schublade dürfte wohl der 1971 enstandene Sando Kid spricht das letzte Halleluja darstellen, bei dem allerdings auch der geborene Argentinier León Klimovsky seine Finger mit im Spiel hatte.

Bei Pronto Amigo gibt sich Bergonzelli aber recht zugeknöpft. Zurückhaltend wird hier eine Geschichte erzählt, die sich von den üblichen Rachegeschichten oder dem Kampf um den schnöden Mammon abhebt, wobei letzteres schon noch in der Story enthalten ist. Dem Regisseur und seinem Co-Autoren Ambrogio Molteni gelingt es auch, dass die verschiedenenen Elemente des Films zusammen passen und ineinander greifen. Das Hauptaugenmerkt richtet man auf die Beziehung zwischen Scotty und dem mexikanischen Wüstling, lässt allerdings auch die anderen Nebenstränge der Handlung nicht außer acht. Wobei man gegen Ende die dramatische Wendung in der Geschichte um Janet und ihren Ehemann ein wenig schnell abfrühstückt und somit abhakt. Dies erscheint so, als wollte man hier noch ganz schnell - ehe man es vergisst - einen Strich unter diese Sache setzen. Allerdings schafft es das Autorenduo nicht richtig die hohen Vorgaben die man sich vielleicht auch versehentlich gesetzt hat, umzusetzen. Während es andere Filme aus dem gleichen Genre verstehen, ihre beiden ungleichen Protagonisten ins rechte Licht zu rücken und deren Beziehung genaustens zu betrachten und zu analysieren so bleibt Bergonzelli hier schon zu Beginn auf der Strecke liegen.

Hauptdarsteller Bob Henry, für den Pronto Amigo gleichzeitig erster und letzter Film in der Karriere als Darsteller war, gibt einen betont lässigen und coolen Helden, der eher die typischen Züge der Hauptfiguren in klassischen Western aufweist. Auch wenn er wie einige Antihelden späterer Werke aus dem Italowestern wohl eher immer auf den großen Reibach bedacht ist, so trägt er sein Herz doch am rechten Fleck. Dies wird schon mit der ganz sachte auflodernden Beziehung zwischen ihm und der Indianerin Maya angedeutet. Er ist eben ein gütiger Mann, ein Heroe im althergebrachten Stil. Etwas differenzierter geht man es bei El Condor an, auch wenn dies nur Andeutungen sind. Der mit strenger Hand über sein Gefolge herrschende Kerl, der schnell mit roher Gewalt bei der Sache ist, wenn jemand aus der Reihe tanzt, scheint aber auch seine gute Seiten zu haben. Gottesfürchtig ist er und ein wohl umsorgender und liebender Vater, wenn er in Szenen mit seinem Kind zu sehen ist. Außerdem scheint er auch ein ausgemachter Tierfreund zu sein. Doch an und für sich haben wir es dann doch eher mit dem fiesen und gnadenlosen Banditen aus dem Nachbarland der Staaten zu tun.

Etwas ungewohnt erscheint bei diesem übrigens auch die Tatsache, dass der Mexikaner vom chinesischen (!) Darsteller George Wang verkörpert wird. Dabei macht der Schauspieler, welcher auch in ettlichen anderen Italowestern vor der Kamera stand, gar keine so schlechte Figur. Im direkten Vergleich mit seinem Gegenüber Henry geht er sogar als klarer Sieger aus dem Schauspielduell hervor. Wang scheint sichtlich Freude an der Rolle zu haben und stiehlt dem Rest der Belegschaft die Schau, wobei aber auch die anderen Kollegen eine gute Figur machen. Überraschen an Pronto Amigo ist dabei auch, dass in dem ansonsten sehr maskulin geprägten Genre diesmal zwei weibliche Figuren eine größere Rolle spielen. Als verschleppte Janet erleben wir dabei die in anderen Genreproduktionen ansonsten eher freizügiger auftretende Lucretia Love. Zarte Bande mit Held Scotty darf die gar nicht mal schlecht ausschauende Marisa Solas schließen, während im Gefolge der vor allem als Nebendarsteller in einigen Poliziotteschi bekannt gewordene Luciano Catenacci, stilecht mit blankem Schädel, auftaucht. Man macht seine Sache gut, ausreißer gibt es keine zu entdecken. Weder nach oben noch nach unten, was auch im Gesamteindruck von Pronto Amigo dessen Mängel ausmacht.

Bergonzelli hat hier einen Streifen geschaffen, den man als rundum okay betrachten kann, der allerdings keine Glanzstunde des Genres darstellt. Das wohl etwas geringere Budget konnte man gekonnt verstecken und die Settings, in denen der Film vorüberwiegend spielt, sind sogar ziemlich ansprechend geraten. Gerade die von El Condor besetzte Klosterruine weiß zu gefallen und verleiht dem Film noch etwas an Atmosphäre, die ihm wohl ansonsten verlustiert gegangen wäre. Geht man mal vor die Klostermauern, so ist es westernuntypisch ziemlich Grün vor der Haustür und die Wüste erscheint so, als habe man in den Drehpausen von Demofilo Fidani dessen Stammsteinbruch benutzt. Wobei Pronto Amigo bei weitem nicht so sehr nach Low Budget wie dessen Machwerke ausschaut und gegen Ende sogar mit einigen aufwendigen Massenszenen punkten kann, die man so gar nicht erwartet hätte. Da kommt sogar einiges an Action auf, die man sonst eher schmerzlich im Film vermisst und dem Gesamtpaket deutlich gut getan hätte. Der Western fließt wie ein Fluss in ruhigen Morgenstunden an einem vorbei, dann stürmt es ein wenig und ehe man sich versieht ist das ganze auch schon wieder vorbei.

Es ist ein ganz unaufgeregter und unauffälliger Film, der im Reigen der Italowestern irgendwo in der zweiten oder dritten Reihe steht und einem nicht weiter auffällt bzw. den man nach betrachten auch schnell wieder vergessen könnte. Richtig bemerkenswertes bleibt nicht hängen, außer die Tatsache, dass der Film auch nicht übermächtig weh tut. Bergonzelli hätte seinem Film ruhig mehr Biss verleihen können, so kommt Pronto Amigo ein wenig wie abgestandene Limo die an Geschmack und prickeln verloren hat rüber. Da passt sich auch der Score von Gian Piero Reverbi an, der auch recht unbemerkt im Hintergrund vor sich hin dudelt ohne dass er mal ganz prägnant in der Vordergrund tritt. Das ist weder Fisch noch Fleisch was einem Bergonzelli vorsetzt und auch wenn das ganze ein wenig fade erscheint, so war es im Endeffekt dann doch ganz in Ordnung. Mehr aber auch nicht. Verschenkte Möglichkeiten bietet der Film ebenfalls, gerade bei der Beziehung zwischen Condor und Scotty hätte man noch etwas mehr in die Tiefe gehen können, wenn das Gespür dafür vorhanden gewesen wäre. Oder einfach nur etwas mehr Schwung, Pepp und Action - das würde Pronto Amigo auch gut zu Gesicht stehen. Für einmal Anschauen reicht der Film aber dennoch aus. Auch wenn man weiss, dass der Herr Bergonzelli auch anders kann.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Sonntag, 9. Oktober 2011

24 Frames - Die Woche bei den Kollegen

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Donnerstag, 29. September 2011

Perrak

Paula - Emil - zweimal Richard - Anton - Kacke. Perrak. So wird der Name des namensgebenden Kommissaren, der in dieser deutschen Kriminalgeschichte die Ermittlung übernimmt, buchstabiert. Zwar nicht von ihm selbst sondern von seinem nassforschen Söhnchen Joschi, doch man kann dies ohne große Einwände so abnicken. Das ist ein rauher Ton, der hier vorherrscht und auch innerhalb der Geschichte beibehalten wird. Es weht eine steife Brise. Dies darf auch nicht verwundern, geschieht dies doch alles inmitten von Hamburg, das von seiner tristesten und unwirtlichsten Seite gezeigt wird. Postkartenkulissen sieht man woanders. Nicht in Perrak. Die erhöhte Windstärke gibt den Ton vor und so braust man auch richtig durch die Handlung. Ein Wirbelwind rauscht durch die Handlung, welche trotz einfacher Ausgangslage so einige Wendungen zu bieten hat. Es beginnt mit einer Leiche, die von einem Obdachlosen mitten auf einer Müllhalde gefunden wird. Dank des geschulten Blicks von Perrak wird die auf den ersten Blick als junge Frau scheinende Tote als Transvestit Toni identifiziert. Bei den darauf beginnenden Ermittlungen deckt dieser so einiges auf. Es geht um Erpressung, sexuelle Ausschweifungen von hohen Amtsträgern, kompromittierende Fotos und einen Batzen Kohle. Hinter dieser ist unter anderem auch der Gauner Kaminski her, der bald zum erbitterndsten Widersacher Perraks wird. Als dieser den Drahtziehern hinter dem Mord an Toni auf die Schliche kommt, schreckt Kaminski auch nicht vor einer Entführung zurück.

Inspektor Perrak greift ein. So der Kinotitel des Films, der wirklich wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge paßt. Wobei er ja nicht nur eingreift. Perrak packt zu. Geschehen ist dies unter der Regie von Alfred Vohrer. Bekannt wurde der in Stuttgart geborene Regisseur und Drehbuchautor, welcher im Zweiten Weltkried einen Arm verlor, vor allem durch sein mitwirken an der äußerst erfolgreichen Serie der Edgar Wallace-Verfilmungen, welche von Horst Wendlandt produziert wurden. Auf sein Konto gehen dabei unter anderem Die toten Augen von London (1961), Der Zinker (1963), Der Hexer (1964) oder auch Der Mönch mit der Peitsche (1967). Insgesamt war ein 14 Wallace-Verfilmungen beteiligt. An den Sets der Karl May-Verfilmungen schaute Vohrer auch mal kurz rein und inszenierte im Jahre 1964 Unter Geiern. Es folgten noch drei weitere Filme auf die Werken von Karl May beruhten. Ende der 60er verließ Vohrer Wendlandts Rialto Film und wechselte zu Roxy. Dort wurde er unter anderem auch Regisseur von einigen Johannes Mario Simmel-Verfilmungen wie Und Jimmy ging zum Regenbogen (1971) oder auch Liebe ist nur ein Wort (1972). Ab Mitte der 70er nimmt Vohrer dann auch Jobs beim TV an und trifft bei Derrick zum Beispiel wieder auf Horst Tappert, mit dem er auch schon einige Kinofilme zusammen drehte. Seine letzte Arbeit für das Kino ist der Krimi Anita Drögemöller und die Ruhe an der Ruhr (1976) bevor er sich auf die Arbeit beim Fernsehen konzentriert. Im Jahr 1986 stibt der von der Kritik oft verschmähte Regisseur in seiner Wahlheimat München.

Der schon angesprochene Horst Tappert, dem deutschen Publikum bestens als Kult-TV-Ermittler Stephan Derrick bekannt, gibt hier - nach zwei Auftritten als Inspektor Perkins innerhalb der Edgar Wallace-Reihe und diversen Rollen in TV-Krimis - einen Polizisten, der beinahe schon an die einzelgängerischen Kommissare diverser, später entstandenen italienischen Poliziotteschis heranreicht. Wer den Schauspieler bisher nur von seiner Erfolgsserie kannte, dem steht bei dessen Auftritt in Vohrers Krimireißer ein wenig der Mund offen. Obwohl man hier nicht offensichtlich und vordergründig auf Action und große Effekthascherei setzt, so ist die Art und Weise, wie Perrak auftritt, wirkungsvoll. Ein harter Hund, der trotzdem irgendwo einen weichen Kern besitzt und in jeder Situation immer einen passenden Spruch parat hat. Aufgelockert werden Handlung und auch die Figurenzeichnung unseres Protagonisten, wenn Sohnemann Joschi auf der Bildfläche erscheint. Hier schimmert auch ein wenig der Stil bzw. Aufbau der Wallace-Filme durch. So ist der von Georg M. Fischer verkörperte Jungspund ein klein wenig der lustige Sidekick. Ein ungestümer junger Kerl, der seinen hier oftmals etwas überfordert erscheinenden Vater, gerade was dessen Damenbekanntschafen angeht, an den Rand der Verzweiflung bringt. Diese humorigen Szenen lockern den grimmigen Gesamtton von Perrak auf und fügen sich homogen in das Gesamtbild ein. Es wirkt einfach passend, die Chemie zwischen beiden Darstellern stimmt sichtlich und so sind diese Szenen glücklicherweise niemals als störend wahrzunehmen.

Dieses wahnwitzige Stück Film zeichnet sich ohnehin durch die spürbare Lust am Stoff vor und hinter den Kulissen aus. Vohrer und seine Helfer hinter der Kamera scheinen wie beflügelt vom wilden Stoff und geben somit ein hohes Tempo vor, mit dem man durch die wilde Geschichte voranschreitet. Man gibt sich bewusst locker und easy, die Übergänge zwischen den Szenen kommen genauso wie aus der Pistole geschossen wie so mancher Spruch über Tapperts Lippen. Das Bild des norddeutschen Milieus wirkt zwar überzeichnet, aber dank der routinierten Arbeit des Regisseurs geschieht dies mit einer ganzen Wagenladung an Charme. Einem, der rauh und ehrlich daherkommt. Dazu weiten sich dann die Augen, wenn so einige Unglaublichkeiten vom Stapel gelassen werden. Political correctness ist bei Perrak ein Fremdwort. So wird ein farbiger Handlanger vom zwielichtigen Kaminski die ganze Laufzeit des Films über Bimbo gerufen und in einer Szene mit Farbe übergossen. Diese fließt aus Farbeimern, in die vorher zur Einschüchterung des Afrikaners geschossen wurde, über diesen und ergibt am Ende die Kombination der bundesdeutschen Flagge. In heutigen Zeiten undenkbar, damals wurde es einfach gemacht. Kopfüber stürzt sich Vohrer in den Sumpf der Kleinkriminellen und zeigt uns ein zwielichtiges Panoptikum an undurchsichtigen Figuren.

Nicht nur, dass Arthur Brauss als Casanova einen übermäßig betont coolen Schläger und Handlanger von Kaminski gibt. Das von Manfred Purzer geschriebene Script strotzt nur so vor miesen und fiesen Typen. Der Anfangs so unscheinbar wirkende Wolf Roth wird als Nick ein richtig ätzender Kerl, der ein falsches Spiel zu spielen scheint. Getoppt wird dies nur durch die Tatsache, dass der heute vor allem als Kabarettist bekannte Jochen Busse einen unheimlich schmierigen und abstoßenden Kerl gibt, der ebenfalls ziemlich undurchsichtig daherkommt. Auch wenn Tappert ohnehin schon ein mimisches Highlight darstellt und wohl niemals mehr cooler in Erscheinung tritt, so sind seine Schauspielkollegen, egal ob nun männlich oder weiblich, auch mehr als nur gut bei der Sache. Der Cast wurde wirklich sehr sorgfältig ausgewählt. Dieser sorgfältigen Arbeitsweise am Film hat man auch zu verdanken, dass sich der Stoff in seinen zahlreichen Wendungen nicht verzettelt. Die rasante Gangart des Buchs und Vohrers sachkundige Arbeitsweise sorgen dafür, dass Perrak zu einem äußerst vergnüglichen Gesamtpaket wird. Auch wenn ab einem gewissen Punkt die Geschichte trotz ihrer verschachtelten Erzählweise etwas vorhersehbar wird. Dort ist man als Zuschauer dem guten Stück schon längst erlegen.

Der Film packt einen unverblümt und stürzt einen förmlich in sein Geschehen, diesen Kosmos, bevölkert von allerlei seltsamen, undurchsichtigen und gerade deshalb so faszinierenden Figuren. Es ist eine grob erzählte Geschichte bei dem die damalige Werbung für den Film, die diesen als pulvertrockenen Sittenreißer anpreist, sogar einmal recht hat. Perrak ist nicht einfach nur pulvertrocken. Das Ding hier ist knochentrocken. Doch in all seiner Trockenheit scheint auch wieder Vohrers Einfallsreichtum aus. Der atmosphärisch dichte Reißer bietet sogar hier und da einige schöne bzw. ungewöhnliche Kameraeinstellungen, mit denen der Regisseur auch schon in seinen Wallace-Filmen arbeitete. Beim Mord an Emma wird die Inszenierung ja sogar schon beinahe gialloesk. Gerade solche kleinen Feinheiten veredeln dieses urige Stück deutschen Filmguts, fernab vom damals schon aufkeimenden Neuen Deutschen Films. Perrak bewegt sich meilenweit weg vom intellektuellen Autorenkino. Feinfühligkeit sucht man hier vergebens. Wer aber auf grobe Schellen steht, der ist hier bestens aufgehoben. Ein vorzügliches Krimivergnügen wird hier geboten, dass zeigt, dass auch die hiesigen Filmemacher dazu in der Lage waren, sowas wie Exploitation und/oder Sleaze zu produzieren. Was das angeht, steht Perrak dem deutschen Übersleazer Blutiger Freitag (1972) in nichts nach. Auch wenn Olsens Film noch ein Stück packender geraten ist, so ist auch Perrak ein äußerst sehenswertes Stück aus deutschen Landen, dass es zu entdecken gilt. Prädikat: unkorrekt und verdammt gut dabei!

Sonntag, 4. September 2011

Aktion deutscher Film

Denk ich an deutsche Filme in der Nacht...

...bin ich um den Schlaf gebracht. Oder aber auch nicht. So schlimm steht es um meine Aversion gegenüber der hiesigen Filmerzeugnisse auch nicht. Immerhin soll ja schon allein wegen des Blognamens eine Offenheit gegenüber den unterschiedlichsten Filmen aus aller herren Länder eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Und tatsächlich: je exotischer das Land, aus dem das Werk stammt, desto interessierter werde ich. Oder wie viele von euch haben schon jemals einen Film aus der Mongolei (in meinem Falle Der Dieb von Ulan-Bator) gesehen? Doch das Land von Dschingis Khan soll nicht unser Thema sein. Die Überschrift deutet es an: es geht um Filme aus unserem Heimatland. Und ausgerechnet immer dann, wenn der Begriff "deutscher Film" an mein Ohr dringt, so wird selbst so einem großen und aufgeschlossenem Filmfreund wie mir kurzzeitig mulmig.

Aber die Aktion, zu die unser liebenswerter, intergalaktischer Affenmensch aufgerufen hat, dient keineswegs dazu, deutsche Filme in Grund und Boden zu dissen. Das Gegenteil ist der Fall. Mit seiner Aktion möchte er zu einem gemeinschaftlichen Erleben von Filmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz anregen und somit auch dem vergessen so mancher kleinen Perle aus diesen Ländern entgegenwirken. Lange hat es gedauert, bis mein Artikel zu dieser Aktion das Licht der Welt erblickte, versprach ich dem werten Bloggerkollegen doch schon vor einiger Zeit in einer Mail auf Dirty Pictures, bei seiner Aktion mitzumachen. Akkuter Zeitmangel hat die Geburt des Artikels etwas verzögert. Doch wie sagt man so schön: was lange währt, wird endlich gut! Und zuallererst bekenne ich mich schuldig. Zu Anfang meiner "Karriere" als Cineast hatte ich hiesigen Filmen gegenüber genauso große Vorbehalte wie ein großer Teil des durchschnittlichen Filmguckers, der nur Mainstream-Fast Food aus der ehemaligen Traumfabrik gewohnt ist. Erst nach und nach, mit den Jahren, bemerkte ich, was für durchaus feine, ja sogar meisterliche Stücke an Film in Deutschland entstanden!

Die Initialzündung kam dabei mit zwei damals noch neueren Filmen, die mich durch ihre mitreißende Machart und einer wirklich sehr eigenwilligen, da frischen und etwas anderen Inszenierung überzeugt haben. Die Rede zum einen von Das Experiment (2001) und zum anderen von Lola rennt (1998). Gerade letzterer hat mich durch seine visuellen Experimente und Eigenheiten wirklich geflasht, während Hirschbiegels Thriller-Drama ja wirklich ein den Zuschauer sehr einnehmender Film ist. Meine Vorurteile wichen immer mehr und da ich mich auch rein vom Geschmack her weiterentwickelte (Anfangen bei Horror/Splatter wurde bald alles an Filmen aus jeglichem Genre verschlungen), waren auch deutsche Filme sehr willkommen. Die sich bei mir schon bald entwickelte Vorliebe zum (vornehmlich französischen) Autorenkino ließ mich natürlich auch einige "höhertrabende" Werke aus Deutschland antesten. Bis heute stehe ich dabei mit Rainer Werner Fassbinder auf Kriegsfuss. Ich erkenne sein Werk und Wichtigkeit für den deutschen Film an, doch persönlich bin ich nicht der größte Freund seines Schaffens.

Erst vor einiger Zeit bemerkte ich dabei, dass aus dem filmischen Deutschland eben nicht nur Heimatschmonz, Pennäler-Klamauk, Report- und andere Softsex-Filme, kopflastiges Autorenkino oder Edgar Wallace-Krimis kommen. Diese verbinden ja wohl viele Gelegenheitsgucker mit dem Überbegriff "Deutscher Film". Doch auch ich bemerkte erst sehr spät bei genauerem Wühlen, was es da noch alles an Schätzen aus unserer Heimat gibt. Ich gebe zu, dass hierfür auch das eigene Forum eine perfekte Lektüre bot die hungrig auf die etwas anderen Filmerlebnisse aus Deutschland machten. Dabei stehe ich glaube ich immer noch am Anfang meiner Entdeckungsreise durch die hiesige Filmlandschaft, so viele kleine und größere Perlen gibt es da noch zu sehen. Deswegen schätze ich auch so die Idee des werten Ape-Mans. Dadurch wird man noch ein wenig mehr auf bisher unbekanntere Werke gestoßen oder auch an einige erinnert, die man vielleicht schon fast vergessen hätte.

Da merkt man erstmal, dass es in den vergangenen Jahrzehnten eine Filmindustrie gab, die gleichwohl offener und mutiger als in der heutigen Zeit war. Sicherlich, Till Schweiger hat mit seinen letzten Filmen Erfolge an den Kinokassen gefeiert. Doch meiner Meinung nach stagniert der deutsche Film ein klein wenig. Beziehungs- bzw. Liebeskomödien, Autorenfilme und Dramen scheinen die (Kino-)Landschaft hierzulande zu bestimmen. Bis auf einige rar gesäte Ausnahmen gibt es sonst beim Unterhaltungsfilm keine mutigen Projekte zu vermelden. Solche tollen Reißer wie Zinksärge für die Goldjungen (1973) oder Inspektor Perrak greift ein (1970) scheinen heute genau so wenig möglich wie psychedelische und auch den Geist ansprechende Dinge á la Engel die ihre Flügel verbrennen (1970). Ich möchte aber bei weitem kein Klagelied über die Eintönigkeit der heutigen, inländischen Filmlandschaft anstimmen. Dies tun andere schon zu hauf. Trotzdem wäre es schön, wenn der deutsche Film wieder etwas mehr risikoreicher werden würde. Und das nicht nur unbedingt im Underground. Fröhnen wir in dieser Aktion bzw. nun lieber solcher Werke wie die gerade eben angesprochenen oder auch anderen, schönen Filmen. Es folgen nun nach dieser langen Vorrede zehn von mir wirklich sehr geschätzte, deutsche Filme. Sicherlicht habe ich trotz genauem Nachdenken wieder so einige Lieblinge vergessen. Die Reihenfolge ist dabei rein willkürlich.

1. M - Eine Stadt sucht einen Mörder (Fritz Lang, 1931)
Was der Herr Lang da geleistet hat, besitzt auch heute noch einen schier unglaublichen und mitreißenden Stil, trotz seines Alters. Hier trifft das Wort zeitlos wirklich zu. Und mit Peter Lorre hat man zudem einen grandiosen Hauptdarsteller.

2. Aguirre - Der Zorn Gottes (Werner Herzog, 1972)
Ich mag Herzog. Und ich mag Kinski. Sich für einen der Filme, die die beiden miteinander gemacht haben zu entscheiden, fiel aber gar nicht mal so schwer, da Aguirre in meinen Augen immer noch der intensivste ist. Kinski gibt keine 100, er gibt 1000%. Ein großartiges historisches Drama mit ganz eigener Atmosphäre.

3. Blutiger Freitag (Rolf Olsen, 1972)
Heinz Klett! Wer den Film kennt, bekommt ein freudiges und wissendes Grinsen ins Gesicht gezaubert wenn er diesen Namen hört. Ein räudiges und hartes Stück Film von einem der interessantesten Handwerker der deutschen Filmindustrie der 60er und 70er: Rolf Olsen. Reißerische Krimikost die mitreißt. Nicht nur durch den sehr gut aufgelegten Hauptdarsteller Raimund Harmstorf.

4. Der Totmacher (Romuald Karmakar, 1995)
Man mag von Götz George halten, was man will: der Mann kann spielen! Dies hat er auch in einigen anderen Filmen gut zur Schau gestellt, doch was er hier als Serienmörder Fritz Haarmann vermag, ist meiner Meinung nach seine beste Leistung. Das Kammerspiel ist eindringlich und die auf den originalen Aussagen Haarmanns beruhenden Monologe/Aussagen lassen einen in Verbindung mit Georges Darstellung so manches mal fassungslos werden.

5. Die Zärtlichkeit der Wölfe (Ulli Lommel, 1973)
Und nochmal Haarmann. Diesmal wurde der Stoff vom Gefolge Fassbinders - Lommel als Regisseur, Kurt Raab als Hauptdarsteller - verfilmt. Eine wohl schon etwas vergessene Perle, mit einer sehr unbehaglichen Stimmung gesegnet. Auch wenn Raab nicht an George im Totmacher heranreicht, so haucht auch er in seiner Interpretation Haarmanns diesem Leben ein.

6. Roula (Martin Enlen, 1995)
Eine sehr zurückgenommene Inszenierung, die dafür ihre Stimmung intensiviert und Anica Dobra als Hauptdarstellerin aufblühen lässt. Ein eindringliches und fesselndes Psychodrama mit einem heiklen Thema.

7. Die Schlangengrube und das Pendel (Harald Reinl, 1967)
Gothic Horror aus Deutschland. Kann das funktionieren? Und ob! Unter der routinierten Regie von Reinl und mit reichlich Starpower versehen (u. a. sind Christopher Lee, Karin Dor und Lex Barker mit von der Partie) hat dieser einen atmosphärischen und überaus bunten, aber auch sehr liebevoll umgesetzten Grusler geschaffen.

8. Das Millionenspiel (Tom Toelle, 1970)
Eine TV-Produktion aus den 70ern mit dem damaligen Hitparade-Moderator Dieter Thomas Heck und Komiker Dieter Hallervorden vor der Kamera. Ein sehr guter und spannend umgesetzter Thriller der Filme wie Running Man (1987) vorweg nimmt und eine auch heute noch aktuelle Betrachtung auf die Sensationslüsternheit der Medien ist.

9. Jenseits der Stille (Caroline Link, 1996)
Ein leises Drama, dass Frau Link hier eingefangen hat und durch eben diese leisen Töne, die es einschlägt auch so begeistern kann. Dazu ist der Film auch noch mit einer wirklich schönen Kameraarbeit gesegnet.

10. Nosferatu - Symphonie des Grauens (Friedrich Wilhelm Murnau, 1922)
Einer der ganz großen, beinahe schon ein "Überfilm", obwohl noch aus der Stummfilmära stammend. Dafür definiert er teils die Darstellung des Vampirs im Film für die nächsten Jahrzehnte, baut eine dichte Atmosphäre auf und kann selbst heute noch mit wunderbaren Einstellungen begeistern. Und über die Darstellung Max Schrecks als Graf Orlock braucht man ohnehin nicht reden.

Dies waren sie nun: zehn sehr geschätzte und sehr gerne gesehene Werke aus Deutschland. Mit Sicherheit habe ich dabei einige Filme vergessen oder auch übersehen, die ich auch noch sehr gerne mag. Doch die hier aufgelisteten Werke sind vor allem auch Titel, die mir ohne großes Überlegen sofort in den Kopf geschossen kommen, wenn man mich nach meinen Lieblingen aus Deutschland fragt. Bis auf einige Abweichungen sind da vor allem auch Standardwerke vertreten, aber es ist ja keine Pflicht, mit den unbekanntesten Filmen zu punkten. Wie erwähnt: das sind meine Favoriten. Außerdem ist diese Aktion auch dafür da, auf eine unheimlich interessante Entdeckungsreise zu gehen. Und auf diese begebe ich mich auch jetzt!

Denn das sind meine größten Erwartungen an die Aktion. Spannende und interessante Beiträge zu einem doch immer noch vernachlässigten Thema und einem großen und weiten Feld, das an einigen Stellen noch kaum erforscht ist bzw. wieder in die Erinnerung gerufen werden muss. Da wird mit Sicherheit das Wissen erweitert und auf so manchen Film aufmerksam gemacht um so den Hunger nach neuen Filmen und Erfahrungen mit diesen, die so unterschiedliche Hintergründe aufweisen können, zu stillen. Und wir Filmliebhaber wissen ja, dass so ein Hunger ab und an beinahe schon als unstillbar oder wenigstens sehr groß bezeichnet werden kann. So bin ich noch auf viele tolle Beiträge und Vorstellungen gespannt.

Donnerstag, 1. September 2011

Samen des Bösen

Griffige Werbesprüche bzw. Taglines sind das A und O, um das Publikum überhaupt auf einen Film aufmerksam zu machen und dieses dann in das Kino zu locken. Im Falle von Ridley Scotts Alien (1979) hat man da alle Arbeit geleistet und sich nicht nur einen einprägsamen sondern auch gar nicht mal so falschen Spruch ausgedacht. Bekanntlich lautet dieser "Im Weltall hört dich niemand schreien" und diese unendlichen Weiten verschlucken trotz ihrer Lautlosigkeit mit Sicherheit jeden Schreckensschrei, den man bei einer Konfrontation mit schlechtgelaunten Außerirdischen von sich gibt. Der im von Scotts düsterem Meisterwerk ausgelösten Boom zwei Jahre später in Großbritannien enstandene Samen des Bösen könnte aber die Tagline widerlegen. Denn die dort von Judy Geeson abgelassenen Schreie würden mit Sicherheit auch in den am weitesten entfernten Winkeln der Galaxie noch gehört werden.

Ihre Rolle als Sandy bietet ihr allen Anlass zum Schreien. Immerhin ereilt sie das Schicksal, als Mitglied einer auf einem nicht näher benannten, fremden Planeten stationierten Crew von Forschern von einem fremden Wesen nicht nur angegriffen, sondern auch vergewaltigt zu werden. Hinterher macht sie die von einigen davor geschehenen und unschönen Ereignissen gebeutelten Mitglieder einen Kopf kürzer und dezimiert einen Kollegen nach dem anderen. In ihrem Leib die Brut des Außerirdischen tragend. Die wenigen Crew-Mitglieder, die die Angriffe der hochschwangeren sowie hochaggressiven Frau überlebten, versuchen sich mit allen Kräften gegen diese zu wehren. Dies ist dabei der traurige Höhepunkt von seltsamen Vorfällen, seitdem bei einer Untersuchung eines Tunnels eine rätselhafte Explosion diesen zum Einsturz brachte und somit zwei der Forscher mehr oder minder schwer verletzte. Dabei gefundene Kristalle brachten noch mehr Geheimnisse mit sich und als einer der von der Explosion betroffenen Crew-Mitglieder scheinbar den Verstand verliert und auf seine Kollegen losgeht und den (mittlerweile geretteten) Kollegen retten will, ahnt noch niemand, was ihnen noch bevor steht. Denn Sandy legt auf den Terror innerhalb des Hauptquartiers noch eine ganze Schippe drauf.

Wer allerdings glaubt, dass dies auch der Film selbst tut, immerhin besticht er ja gerade wieder im deutschsprachigen Raum mit einem besonders reißerischen Titel, der irrt sich. Der im Originalen schlicht Inseminoid betitelte Film stellt im Wust der vielen Alien-Rip Offs, die in den 80ern entstanden sind, sogar eine angenehme Ausnahme dar. Regisseur Norman J. Warren präsentiert uns hier nämlich einen Alien-Horror bei dem das wichtigste Element, nämlich der allseits beliebte, schlecht gelaunte Extraterrestrier gar nicht mal die erste Geige spielt. Es rückt in den Hintergrund und wird für das Buch nur ein Mittel zum Zweck, um die Geschichte in ganz eigene Bahnen zu lenken. Die fremdartigen Aggressoren bekommen nicht mal an die fünf Minuten Screentime geschenkt. Also ist Samen des Bösen einfach nur eine riesengroße Mogelpackung? Mitnichten. Der mit einer recht interessanten Filmographie gesegnete Warren schafft es wunderbar, seinen Film durch diesen Umstand zu etwas besonderem zu machen. Es ist vielleicht nicht alles rund und sauber ausgearbeitet, aber im Gesamteindruck gibt sich der Film mehr als ordentlich.

Der Terror ist eher menschlicher Natur. Was zuerst der im Tunnel verunglückte und verletzte Ricky ist, der urplötzlich nicht mehr alle Murmeln beisammen hat und wohl von einer unbekannten Macht ergriffen wird und daraufhin ein wenig durchdreht, wird dann zu Sandy. Dieser Figur wird vorher gar nicht so viel Beachtung geschenkt und erst als sie und ihr Kollege im Tunnel, in dem sich diese seltsame Explosion ereignete Fotos machen soll, von einem fremden Wesen angegriffen werden, rückt sie in den Fokus der Handlung. Mit gemächlichem Tempo schreitet Warren hier durch diese und läßt sie langsam aufbauen. Das gelingt auch ganz gut, auch wenn sich trotzdem an manchen Stellen Längen einschleichen. Leider tauchen diese gerade dann auf, wenn Sandy sich daran macht, die restlichen Kollegen abzumurksen. Es gelingt dem Regisseur aus der Story soviel rauszukitzeln, dass eine gewisse bedrohliche Stimmung erzeugt wird, die durch den kalten Grundton des Films untermauert wird. Der klaustrophobische Unterton des Films kann aber nicht allzu stark Spannung aufbauen.

Geeson mimt voller Inbrunst. Ihr Overacting sticht hervor und überstrahlt die Kollegenschaft, die allerdings auch redlich bemüht ist, ihre Sache gut zu machen. Aber schnell merkt man, wer der eigentliche Star des Films ist. In den besten Momenten von Samen des Bösen blitzt nicht nur das Talent und Potenzial von Warren auf, es beginnt sogar für kurze Momente zu strahlen. Es gelingt ihm aus den  für die Produktion - an der immerhin auch Run Run Shaw, Begründer der für ihre Martial Arts-Filme bekannten Shaw Brother-Studios, beteiligt war - zur Verfügung stehenden geringen Mitteln  das nötigste herauszuholen. Der Planet erscheint unwirtlich, unfreundlich und die Forschungsstation mit ihren langen, unterirdischen Gängen kommt dann und wann auch erfreulich unheimlich rüber. Untermauert wird die vorherrschende bedrohliche und kalte Stimmung durch einen sehr wabernden Synthiesound der mehr auf Soundcollagen, denn auf Harmonien setzt und diese nur als kleine, aber starke Akzente einsetzt.

Der Film funktioniert, hat aber noch so einige Ecken und Kanten zu bieten. So vergißt man in der allgemeinen Hysterie um Sandy schon so einige Dinge innerhalb der Geschichte, die auch nie wirklich geklärt werden. So wird nie genau geklärt, was es eigentlich mit den rätselhaften Kristallen die im Tunnel gefunden werden, auf sich hat. Dies ist ein Missstand, den der Film immerhin dank seines ganz eigenen Charmes noch ausbügeln kann. Das auch vieles über den genauen Sinn der Mission der Forscher und auch die Hintergründe des Planeten im Dunkeln bleibt, macht auch nicht viel aus und steigert so sogar noch die Stimmung von Inseminoid. Eine genauere Struktur hätte der Story trotzdem gut getan. Dafür bietet der Umstand, dass man es hier mit Alienhorror bei dem eben das Alien fehlt, zu tun hat, einiges an Freude. Warren legt seinen Space-Schocker wie einen Thriller aus, in dem ein Serienkiller bzw. hier eben eine Schwangere die zeigt, dass die von Hormonschwankungen von sich in anderen Umständen befindlichen Damen gar nicht so schlimm sein können, wütet. Er baut eher auf Spannung, was allerdings nur bedingt funktioniert. Da hätte die Story ruhig noch etwas straffer sein können.

Trotzdem schafft es der Film mit einigen guten Szenen zu punkten (zum Beispiel die verzweifelte Aktion einer Forscherin, sich aus einer misslichen Lage zu befreifen). Wer sich dank des deutschen Titels aber eine wüste Orgie aus Sex und Gewalt erhofft, der liegt falsch. Auch wenn der Härtegrad gegen Ende deutlich zunimmt, so versprüht Samen des Bösen eher angenehm oldschooligen Charme. Selbst die Schlüsselszene des Films, der Akt des Aliens mit Sandy, ist alles andere als geschmacklos inszeniert worden. Für viele andere Filmschaffende wäre dies der perfekte Moment gewesen um mit der Kamera auf fleischliche Action zwischen dem interstellaren Wesen und der Erdenfrau drauf zu halten. Um die damals strenge Zensur der BBFC, dem britischen Gegenstück zur FSK, zu umgehen, inszenierte Warren die Vergewaltigung zwischen eindeutig und angedeutet. So mutiert der Penis des Außerirdischen zu einer gläsernen Röhre, durch die der Samen des Wesens in die arme Sandy hineingepumpt wird.

Allein diese wirklich gut umgesetzte Szene zeigt, was da hätte alles aus dem Film werden können. Doch das Drehbuch macht dem ganzen etwas einen Strich durch die Rechnung, hält sich zu sehr bei der Figur von Sandy auf und Warren gibt diesem einfach nach. Doch dank der liebevollen Umsetzung von Samen des Bösen kann man dem Regisseur gar nicht mal so sehr böse sein. Dafür funktioniert der Film dann doch recht gut, auch wenn die Längen immer wieder an der Grenze zum Unangenehmen kratzen. Doch diesem ganz besonderen, etwas verschrobenen Reiz des Films kann man sich nicht verwehren. Es ist wohl einer der seltsamsten, aber gerade deswegen auch so interessantesten Alienhorrorstreifen, die seit den frühen 80ern entstanden sind. Warren hätte noch etwas mehr aus dem Stoff rausholen können, war aber vielleicht auch etwas durch die angesprochene strenge Zensur damals auf der Insel gehemmt. Geleistet hat der Brite dafür dennoch etwas gutes. Wer also kein Problem mit leicht gemächlichen Geschichten bzw. Filmen hat, der sollte mehr als nur einen Blick riskieren. Mit klein gedrehten Erwartungen entdeckt man hier einen durchaus gut gelungenen Film den man lieb haben kann.

Sonntag, 21. August 2011

Schön, nackt und liebestoll

Es ist ja nicht so, dass der damalige deutsche Verleih bei der Suche nach einem griffigen, deutschen Titel für Rivelazioni di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile unrecht behielt. Die Damen in diesem Film sind sehr wohl schön, geizen nicht mit ihren körperlichen Vorzügen und sind auch recht liebestoll. Nur ist das eben ein ganz geringer Aspekt des Films, so dass der Titel bei weitem nicht dem Film gerecht wird. Ohne Vorabinformationen könnte man dahinter eben so gut eine Sexklamotte oder anderes Filmwerk mit ordentlich Schnackseln darin vermuten. Gerade wegen solchem unzüchtigen Verhalten geht es der weiblichen Cast-Belegschaft in diesem Giallo an den Kragen. Kleine Sünden bestraft der Herr ja bekanntlich sofort, bei größeren wird ein maskierter, manteltragender Messerschlitzer auf die Damenwelt losgelassen.

Die Sünde besteht darin, dass einige Ehefrauen aus der besseren Gesellschaftsschicht ihre gut betuchten Ehemänner betrügen. Dies bleibt nicht unentdeckt und besagter Fremdling beschattet die untreuen Frauen, fotografiert sie bei ihrem Tête-à-Tête um diesen dann wenig später mit gezielten Messerstichen das Lebenslicht auszublasen. Am Tatort hinterlässt er dabei immer die aufgenommenen Fotos der Seitensprünge des Opfers zurück. Der Fall entwickelt sich zu einer harten Nuss für den ermittelnden Kommissar Capuana, da die Beweislage was Hintergründe und Motive des Täters angeht, sehr dünn ist. Hier und da springt ihm ein Verdächtiger vor die Linse, doch tritt er zu sehr auf der Stelle um den stetig vor sich hinmordenden "Rächer" zu überführen. Also bleibt nur die Hoffnung, dass dieser irgendwann in seinem Hochmut einen Fehler begeht.

Umgesetzt wurde diese Mörderhatz von Roberto Bianchi Montero, einem recht ordentlichen Regiehandwerker aus Rom, der ab und an sogar vor der Kamera in Erscheinung trat. Der leider schon 1986 verblichene Italiener war sich dabei für nichts zu schade: war ein Thema bzw. eine Sparte gerade en vogue, so widmete er sich diesem und lieferte einen eigenen Beitrag dazu ab. Wie wechselhaft dabei sein Schaffen war, sieht man bei einem Blick auf seine Filmographie: Während er mit Schön, nackt und liebestoll das Giallo-Genre bediente, so findet man aber auch Mondos (Mondo balordo, 1964), Italowestern (Rache in El Paso, 1972), Krimis (Das Auge der Spinne, 1971), Kriegsaction (Todeskommando Tobruk, 1969) oder auch historisch angehauchte Sexschmonzetten (Die heißen Nächte des Caligula, 1977) in dieser. Der werter Herr, der übrigens der Papa von Trashfilmer Mario Bianchi ist, war sich eben für nichts zu Schade und kannte keine Hemmungen, sich in verschiedenen Genres auszutoben. 

Diese Hemmungslosigkeit kommt Montero auch bei Schön, nackt und liebestoll zu Gute, auch wenn er nicht aktiv am Plot bzw. dem Buch des Films mitgewirkt hat. Dafür gelingt ihm aber eine schöne Gratwanderung zwischen den tollen Hochglanz- bzw. Edel-Gialli welche Anfang der 70er entstanden sind und packt dabei noch eine ordentliche Ladung Sleaze mit drauf und steigt auch schon gleich mit einem nackten (aber auch toten) Frauenkörper in seinen Film ein, den er schamlos plakativ abfilmt um neben den weiblichen Rundungen auch schamlos auf die blutigen Einstiche draufzuhalten. Das geschieht keineswegs plump sondern schon mit einem gewissen Stil. Die Fotographie bewegt sich dabei auf einem angenehm hohen Level und Kameramann Fausto Rossi gelingen einige schöne Einstellungen und Bilder, die sich vor der ersten Riege des Genres nicht verstecken brauchen. Der Film mutet an, als hätte man die Geschichte aus einem Groschenroman den man beim nächsten, zwielichtigen Kiosk gekauft hat, schön ausgeschmückt und in den Einband eines kunstvoll ausgearbeiteten Weltklasseromans gesteckt. Dabei funktioniert dies auch noch tadellos.

Selten war Sleaze so erhaben und schön fotografiert, dass man sich an manche größeren Vorbilder wie Bavas Blutige Seide (1964) oder auch Margheritis Sieben Jungfrauen für den Teufel (1968) erinnert fühlt. Aus ersterem ist auch das klassische Outfit des Killers entlehnt: der einzige Unterschied besteht nur darin, dass der Mörder in Schön, nackt und liebestoll keine weiße, sondern eine schwarze Maske trägt. Dabei darf er ja auch so einige hübsche Damen anpacken und deren Screentime verkürzen, welche jedem Liebhaber des Genres ein Begriff sein sollte. So hauchen hier unter anderem Femi Benussi, Susan Scott, Sylva Koscina oder auch Krista Nell ihr Leben aus. Ohne großartig sexistisch erscheinen zu wollen, muss man zugeben, dass sie sowohl darstellerisch als auch besonders vom Aussehen her eine gute Figur abgeben. Für Eyecandy ist gesorgt, doch auch die männliche Darstellerriege braucht sich nicht zu verstecken. Mit Chris Avram, Silvano Tranquilli oder auch Luciano Rossi sind ebenfalls recht bekannte Namen an Bord. Als Kommissar Capuana erblickt das Auge des Zuschauers den zweimaligen Hitchcock-Darsteller Farley Granger (Der Fremde im Zug und Cocktail für eine Leiche).

Dieser macht seine Sache als meist ratloser und dem Killer hinterhetzenden Polizisten recht gut, wirkt hier und da aber etwas zu routiniert. Man vermisst bei Granger hier und da etwas den Elan, der auch der Geschichte von Schön, nackt und liebestoll im Verlauf fast abhanden kommt. Man dreht sich etwas zu sehr im Kreis und gibt dem Schema, dass der Killer die Ehedamen aus der besser gestellten Gesellschaftsschicht beim Fremdgehen ablichtet, diesen dann auflauert und sie für ihre Taten bestraft, fast etwas zu sehr Zeit. Trotz vieler schöner Frauen und einigen spannenden Momenten blitzen leichte Ermüdungserscheinungen auf, die man aber mit einem interessanten Storytwist gegen Ende hin wieder ausbügeln kann. Da nimmt Montero, wohl etwas zu sehr von den bezaubernden Schönheiten am Set abgelenkt, die Zügel wieder in die Hand und rettet den Film durch ein spannendes Finale vor einem unschönen Absturz.

Dieser hätte dieser Sleazeparade im schönen Gewand nämlich nicht gerade gut gestanden. Macht der Streifen doch ansonsten eine gute Figur, auch wenn es keine großen Ausreißer nach oben gibt. Mit den großen seiner Zunft kann er sich zwar nicht messen. Dafür gibt die schön schundige Story (die im deutschen durch einige grobe Sprüche noch etwas verstärkt wird) im edlen wie toll anzusehenden Gewand etwas wenig her. Dafür ist es allerdings interessant zu sehen, dass man hier das Motiv vieler US-Slasher aus den 80ern vorweg nimmt. Das wohl konservativste Horror-Subgenre aller Zeiten schickte ja desöfteren maskierte Grobiane raus, um die moralisch immer mehr verkommende Jugend mit ihren Sünden wie vorehelichem Sex oder auch dem Konsum von Drogen zu bestrafen. Nur das man in Italien dies eben im gehobenen Bürgertum geschehen lässt.

Das lässt Schön, nackt und liebestoll auch zu einem Unikum werden, welches den moralischen Zeigefinger erhebt und Ehebruch als schwere Sünde darstellt, der mit der "Todesstrafe" gesühnt wird. Passend für einen Film, der aus einem sehr katholisch geprägten Land stammt. Auf der anderen Seite demontiert man ja fast wie Claude Chabrol zu seinen besten Tagen, nur nicht mit dessen Schärfe und Präzision, das gehobene Bürgertum und dessen Doppelmoral. Jener angesprochene Regisseur packt dabei seine Geschichten manchmal genauso in ganz entzückend gefilmte Kriminalgeschichten. Wobei das wohl eher ein Zufall sein dürfte. Doch es steht dem Film, der mit einem angenehm jazzigen Score einen weiteren Pluspunkt einfährt. Hätte man hier und da noch ein Brickett mehr in den Ofen geworfen und das Werk noch etwas mehr Pepp dadurch erfahren, hätte es sogar ein ganz großer werden können. So ist Schön, nackt und liebestoll aber ein durchweg guter und sehenwerter Giallo aus der zweiten Reihe. Denn selten hat eine so schmierige Geschichte so gut ausgesehen.

Dienstag, 26. Juli 2011

Satan der Rache

Wer Antonio Margheriti einfach nur einen soliden Handwerker nennt, der tut dem 2002 leider von uns gegangenem Regisseur auch ein wenig Unrecht. Der gebürtige Römer probierte sich in vielerlei Genres und war zudem dafür bekannt, das ganze Filminszenierungsspektakel auch recht flott über die Bühne zu bringen. Wie Fließbandarbeiten muten seine Filme dabei allerdings nicht an. Sicherlich ist nicht alles Gold was da in der Filmographie glänzt, doch über welchen Regisseur kann man schon behaupten, dass dieser nur Perlen vorzuweisen hat? Auch wenn Herr Gänseblümchen (so die wörtliche Übersetzung seines Nachnamens) sich in den 80er Jahren durch den am Anfang des Jahrzehnts entstandenen Die Jäger der Apokalypse (1980) mit weiteren Kriegsactionern einen Namen machte, so darf man im Falle Margheritis nicht vergessen, dass er in einem Genre ganz besonders glänzte: dem Horrorfilm. Dabei ist nicht einmal seine urbane Menschenfressergeschichte Asphalt-Kannibalen (1980), wohl einer seiner bekanntesten Schocker, gemeint. Auch wenn Margheriti vielleicht immer ein klein wenig im Schatten des großen Mario Bava stand, so hat er in den 60er Jahren manch meisterlichen Beitrag zur italienischen Gothic Horror-Welle geleistet. So gilt der 1964 enstandene La danza macabra nicht nur als sein bester Film, sondern auch als Klassiker des Genres.

So richtig wurde er die Einflüsse dieses Genres, in dem er noch recht zu Beginn seiner gut 40 Jahre andauernden Karriere wirkte, nicht wirklich los. Was für einige andere Filme ein glücklicher Umstand wurde. So lebt sein Giallo 7 Tote in den Augen der Katze (1973) von dem Umstand, dass hier typische Giallo-Kost mit gothischen Horrorelementen verbunden wird. Da die Gialli auch ein wenig von den deutschen Edgar Wallace-Filmen beeinflusst wurden und manche das Genre zwischen Thriller, Krimi und teils auch Horror schwankte, ist dies gar nicht mal so ungewöhnlich. Doch selbst in seinen Italowestern schimmern diese Gothic-Einflüsse durch. Nicht unbedingt im 1967 entstandenen Der Tod reitet mit, welcher eher den damals sehr trendigen Eurospy, durch den Erfolg von James Bond eben in Europa entstandene Agentenfilme, in die Zeit des wilden Westens verlegte. Viel eher machen diese sich in dem darauf folgenden Fünf blutige Stricke (1968) und vor allem in Satan der Rache bemerkbar. Bei den Spaghetti-Western war man Experimenten sowieso nie abgeneigt, doch bis auf Giunse Ringo e... fu tempo di massacro (1970), hat man es eigentlich nie wirklich versucht, Horror und Western sprichwörtlich unter einen Hut zu bekommen. Kommen dann aber Western zur Sprache, welche mit Elementen des (Gothic) Horrors arbeiten, so fallen meist die Titel Django und die Bande der Bluthunde (1969) sowie eben Satan der Rache.

Hier erlebt man Klaus Kinski sogar mal als Helden, während er ansonsten doch meistens immer auf der Seite der Bösewichter zu Hause war. Als Gary Hamilton saß er zehn Jahre lang unschuldig in Haft und verbrachte diese Zeit mit Steine kloppen in einem Steinbruch. Durch eine Amnestie des US-Präsidenten und wegen guter Führung wird er entlassen. Schnurstracks zieht es ihn in die Heimat, wo er noch eine Rechnung mit seinem alten Weggefährten Acombar offen hat. Dieser hat nämlich Schuld daran, dass er im Steinbruch versauern musste, als er nach einem Überfall auf einen Goldtransport Hamiltons Feldflasche am Tatort zurückließ um diesem so die Schuld in die Schuhe zu schieben. So konnte sich Acombar Garys Haus und dessen Verlobte Mary unter den Nagel reißen und ist nun ein reicher Mann, der mit seinen Mannen die nahegelegene Stadt und deren Bewohner mit seinen Mannen nach seinen Regeln kontrolliert. Als er die Rückkehr vom Sohnemann von der Offiziersschule feiert, überbringt dieser dem Herrn Papa einen Gruß von einem Mitreisenden, der seinen Besuch für den Abend ankündigte. Als der Name Hamiltons fällt versteinern die Mienen der Anwesenden. Acombar bespricht sich mit seinen Männern und beschließt, Hamilton aus dem Weg zu räumen. Dieser macht sich aber einen aufziehenden Tornado zu nutzen um im Schutze von diesem seine Rache zu üben.

Mit diesem Storydetail schafft es Margheriti, der auch am Buch mitgeschrieben hat, der durchweg an einen Gothic Horror-Streifen erinnernden Stimmung und Atmosphäre einen realistischen und gar nicht so unglaubwürdigen Hintergrund zu geben. Dieser begründet das gespenstische Pfeifen des Windes und die damit verbundenen aufspringenden Türen und Fenster, die man wegen dem fast durchweg düsteren Szenenbild so auch in manchem angenehm altmodischen Gruselschinken sieht. Satan der Rache glänzt in seinen stärksten Momenten mit einer nahezu gespenstischen Stimmung, die man zu Beginn des Films gar nicht erwartet. Hier zeigt man dem Zuschauer den eintönigen Alltag der Strafgefangenen eines Steinbruchs, bei der die Einführung Kinskis mit einem Hauruck-Effekt von statten geht. Mit Schwung erschlägt er eine Klapperschlange, die seine Mitgefangenen beim Abbau der Steine freigelegt haben vollkommen ohne Anzeichen von Furcht. Kinski legt hier einen eiskalten Blick auf, der die Marschrichtung der charakterlichen Entwicklung seiner Figur vorgibt. Der Kultmime mag hier vielleicht nicht alles geben und chargiert so auch nicht vollkommen enthemmt und hemmungslos, doch das leicht unterkühlte Spiel passt zu Hamilton. Die zehn Jahre Gefangenschaft, die er unschuldig vollbrachte, scheinen nicht spurlos an ihm vorübergegangen zu sein. Als er erfährt, dass er ein freier Mann ist, nimmt er dies teilnahms- und regungslos hin. Als wäre dies alles weit weg für ihn, steht er entrückt zwischen den Kameraden. Seine Gedanken scheinen hier wohl schon um Acombar zu kreisen.

Erst beim Szenenwechsel sehen wir einen anderen Hamilton der nun sehr zielgerichtet seine Reise in die alte Heimat aufnimmt. Wie viele andere Westernprotagonisten treibt ein einziger Gedanke ihn und seine Handlungen an. Rache. Ein Motiv, dass man von jedem noch so großen und selbst den ganz kleinen Western kennt. Hundert-, tausendfach benutzt und selbst 1969 war das nicht mehr ganz so frisch. Aber Margheritis Herangehensweise an und die Umsetzung des Stoffs schaffen es, Satan der Rache aus dem Durchschnitt zu hieven. Der kauzige Alte, bei dem sich Hamilton dann nach seiner Ankunft und dem zufälligen Treffen mit Acombars Sohn in der Postkutsche ein Pferd und eine Waffe besorgt, erwähnt in den vielen Worten, die er von sich gibt, einen aufkommenden Tornado. Zu dieser Zeit gleicht der Film vieler seiner Artverwandten. Die Landschaft ist steinig, rauh und die Sonne brütet vom Himmel, an dem weit und breit kein Wölkchen zu sehen ist. Gerade großartig ist es dabei zuzusehen, wie sich der Sturm ankündigt und er so auch nicht nur Dunkelheit über die Stadt bringt, sondern gleichzeitig auch ein Sinnbild für die bevorstehende Handlung wird. Margheriti läßt ihn wie einen Boten erscheinen, der von der Ankunft eines schwarzen Mannes erzählt. Durch einen sehr subtilen und untypischen Score, der auch eher an Horrorfilme erinnert, verstärkt man noch diesen Eindruck. Während erste kleine Anzeichen im Gruselfilm das große Schrecken wie einen Geist oder ein Monster ankündigen, so ist das "Gespenst" hier eben sehr real.

"Vogelschwärme, Dick. Sie fliehen vor dem Tornado. Sie spüren, dass sie krepieren müssen wenn der Tornado kommt." So erklärt Acombar seinem Sohn die seltsamen Geräusche die aufziehen, kurz nachdem dieser Hamiltons Grüße überbracht hat. Die Kombination des leisen Scores, der Vogelstimmen und den vorangegangen Reaktionen des Vaters und seiner Männer läßt Margheriti so erscheinen, wie man in Horrorfilmen die erste leise Andeutung des hereinbrechenden Unheils erscheinen läßt. Mit dem Tornado kommt der Tod. Eine schöne Doppeldeutigkeit, bringt dieser hier doch auch Gary Hamilton mit sich, der mit Acombar sicherlich kein Eis löffeln oder einen Whiskey bechern möchte. Was dann folgt, ist der Kampf eines Einzelnen gegen eine Übermacht an Kontrahenten. Margheriti läßt seinen Protagonisten nun wie ein Geist erscheinen. Ganz in schwarz gehüllt taucht er auf und verschwindet wieder urplötzlich, wird mit dem Dunkel, welches der Sturm mit sich bringt, eins und tritt aus den Schatten der Häuser oder kommt sogar aus der Erde bzw. einem unterirdischen Gang hervor. In dieser Szene könnte man Garys aus dem Boden kommende Hand auch für die kalten Griffel eines Untoten halten. Die Atmosphäre ist dabei zum Schneiden dick und Margheriti läßt Gothic Horror und Italowestern eins werden. So erscheint Acombars Haus durch seine Einrichtung auch eher wie eines der vielen düsteren, auslandend eingerichteten Schlösser aus den gothischen Horrorwerken. Die im Wohnzimmer mit Spiegelwände sorgen dann nicht nur für viele fotografische Kniffe sondern auch für eine weitere schlüssige Darstellung Hamiltons ohne dem Charakter dabei seine Geisterhaftigkeit zu rauben.

Ohnehin ist die Kameraarbeit hier auf einem großen Niveau, die viele tolle, verspielte Einstellungen bietet. Margheriti läßt die Atmosphäre greifbar werden und läßt alle Schauplätze unheimlich und düster erscheinen. Nach seiner Ankunft versteckt sich Hamilton in einer Höhle, wo man somit auch gekonnt mit Licht- und Schattenspielen arbeiten kann und die ebenfalls vom gothischen Schreckwerk bekannten Spinnweben bietet. Hier kann man Margheriti vorwerfen, dass er sich viel mehr in der gekonnten Darstellung der Symbiose zwischen Grusel und Western ergeht, als dass er die Geschichte vorantreibt. Gary schafft es natürlich mit viel List, die auf ihn gehetzten Männer seines Widersachers zu überwinden. Da er bis auf einen gebrechlichen Arzt und eine Saloonbesitzerin keine große Unterstützung hat, kann dies natürlich nicht in aller Schnelle geschehen. Doch während man so manche tolle fotografische Einfälle und atmosphärisch dichte Szenen präsentiert, tritt hier Satan der Rache doch etwas auf der Stelle. Man wünscht sich die Geschichte dann doch etwas variantenreicher. Es entsteht ein kleiner Durchhänger, der den an sich sehr guten Gesamteindruck des Films ein wenig schmälert. Da bemerkt man so richtig, dass hier ganz klar auf die Mischung der Genreelemente gesetzt wird und die Geschichte Beiwerk ist.

Neue Aspekte vermag man es in dieser nicht zu setzen. Das Altbekannte wird durch sein überaus schickes drumherum zu einem schicken etwas, das zu gefallen weiß. Erst gegen Ende fängt man sich wieder und setzt im Finale zu einer großen Tragödie an und kann somit versöhnen. Es wäre viel zu Schade gewesen, hätte man sich durch diese bildhafte Wucht die Satan der Rache mit sich bringt, auch hinter der Kamera umhauen lassen. Dem Rachefeldzug Hamiltons fehlt es an Spannung. Trotz schlüssiger Unterbringung der Gothic-Elemente ist die Zeichnung des Protagonisten als Unbesiegbarer etwas zu viel des Guten. Trotz der unterkühlten Darstellungsweise von Klaus Kinski. Neben diesem geben sich übrigens auch seine Kollegen keine Blöße und bieten solide bis gute Leistungen. Neben Kinski glänzt vor allem Peter Carsten als Acombar, der trotz großer Zahl an Männer, die er auf seinen alten Kumpel hetzt, immer verzweifelter im Kampf gegen diesen erscheint. Egal welches Mittel er anwendet, gegen Hamilton scheint kein Kraut gewachsen zu sein. Ein wie angesprochen für die Story etwas unglücklicher Umstand, der durch andere feine Mittel wieder ausgebügelt wird. Da dieser aber nicht so schwer wiegt, kann man Satan der Rache als einen rundum gelungenen, meisterlichen und sehr ungewöhnlichen Rache-Western ansehen der einen Blick lohnt. So eine Pracht sollte man nämlich nicht ignorieren.

Dienstag, 28. Juni 2011

Wang Yu - Der Karatebomber

Während der japanischen Besatzung Chinas im zweiten Weltkrieg begeht ein japanischer Kommandant Selbstmord, nachdem einer der Gefangenen sein Vertrauen missbrauchte und mit einem weiteren Gefangenen floh. Kurz darauf folgt ihm auch seine Ehefrau und die drei Kinder des Paares werden von der von Rache getriebenen Tante aufgezogen und einer harten Ausbildung durchzogen, um sich später am Verräter zu rächen. Dieser betreibt ein kleines Restaurant und hat allerlei Sorgen. Seine Tochter ist an den Augen erkrankt und bedarf einer teuren Operation, doch die Ersparnisse für diese gehen meist dafür drauf, seinen Taxi fahrenden Sohn aus allerlei Schwierigkeiten zu holen bzw. dessen Strafen zu begleichen. Der Kung Fu-begeisterte Filius ist nämlich ein ziemlicher Hitzkopf und gerechtigkeitsliebend, was ihn schon in so manche brenzlige Situation gebracht hat. Dafür hilft ihm seine Vorliebe für zünftige Prügeleien weiter, als die mittlerweile erwachsenen Söhne des toten Kommandanten seinen Vater aufgespürt und während eines arrangierten Treffens in Krankenhaus geprügelt haben. Als diese dann auch noch seinen kleinen Bruder und die fast blinde Schwester entführen schlägt seine Stunde um endlich mal richtig die Fäuste sprechen zu lassen.

Vor Bruce Lee war... Jimmy Wang Yu! Der ehemalige Schwimmer, Rennfahrer und Soldat ist vielleicht nie der ausgesprochen technisch perfekte Techniker bzw. Kämpfer gewesen, doch eben die Tatsache, dass er einen durchtrainierten Körper vorzuweisen hatte, brachte ihn Anfang der 60er Jahre zum Film. Er unterschrieb einen Vertrag bei den renommierten Shaw Brothers und unter dem Kultregisseur Chang Cheh begann sein Stern bald zu glänzen. Sein von harten Straßenkämpfen, in die er als Jugendlicher öfters verwickelt war, geprägter Stil war zur damaligen Zeit bahnbrechend und 1967 verhalf ihm der Film Das goldene Schwert des Königtigers zum Durchbruch. Darin verkörperte er zum ersten Male einen einarmigen Helden, was er auch später in diversen anderen Filmen immer wieder gerne tat. Der 1970 entstandene Wang Yu - Sein Schlag war tödlich war der erste erfolgreiche Kampfsport-Film, in denen die Darsteller ausschließlich mit ihren Händen und nicht wie vorher eher üblich, mit Waffen gegeneinander kämpften. Der Streifen löste also einen wahren Trend aus und der Erfolg seiner Filme blieb Wang Yu natürlich nicht verborgen. So forderte er eine große Beteiligung an den Einspielergebnissen, was die Shaw Brothers allerdings verwehrten. Es folgte der Bruch mit dem großen Studio, was einen Gerichtsprozess nach sich zog, dessen Urteil zu folge hatte, dass er keine Filme mehr in Hong Kong drehen durfte.

Dies war auch ein wenig das Todesurteil für seine Filmkarriere. Ihm folgten schnell besser im Kung Fu und anderen Kampfkünsten ausgebildete Darsteller wie der bei Shaw unter Vertrag stehenden Ti Lung oder der bei Golden Harvest bald zum Megastar werdende Bruce Lee. Was dem beim Lees Produktionsstudio involvierten Schauspieler, der nun öfters in Taiwan drehte, filmisch verwährt blieb, wurde von seinem Privatleben teils äußerst spektakulär ausgeglichen. Hiermit stand er äußerst oft mit diversen Affären, Schlägereien im betrunkenen Zustand, dem angeblichen Verprügeln seiner Ehefrau und weiteren Delikten in den Schlagzeilen. Der Schauspieler verstand es auch bald, seine dauerhafte Präsenz in den Klatschspalten der Blätter effektvoll einzusetzen. So ertappte er seine dritte Ehefrau in Begleitung von Reportern und Kamerateams auf frischer Tat beim Seitensprung. In den 80ern stand er in Taiwan sogar wegen Mord vor Gericht, wurde aber aus Mangel an Beweisen wieder freigesprochen.

Ganz so wild und turbolent wie in seinem Privatleben geht es im Karatebomber, welcher schon nach seinem Zerwürfnis mit dem Shaw-Studio entstand, nicht zu. Dabei bietet er aber schon einen äußerst netten Einstieg, wenn die klein gewachsene Tante ihren drei Zöglingen ordentlich Feuer unter dem Hintern macht und ihnen eine knüppelharte und erbarmungslose Ausbildung in den Kampfkünsten gibt. Da werden viele Schichten von Steinplatten mit Händen und Köpfen bearbeitet, Holzpfähle sollen in der Vorstellung der Brüder zum Feind - den Chinesen - werden und man muss sich dem "Stockschlag, welcher ohne jede Gegenwehr erfolgt" aussetzen. Ein hartes Prozedere, wobei ihre Lehrerin und Tante die drei Haudraufmänner im weiteren Verlauf des Filmes locker toppt. Bis zur Konfrontation zwischen dem nache Rache sinnenden Trio und Wang Yu bzw. erstmal dessen Filmvater, vergeht einige Zeit. Der unter der Regie von Shan-hsi Ting (Ding Sin-Saai) entstandene Film läßt viel Zeit verstreichen bis der Part kommt, nachdem das gierige Publikum lechzt. Bis dorthin legt man den Fokus auf die familiären Gegebenheiten. Richtig in die Tiefe geht man allerdings nicht wirklich. Dafür werden den beiden Themen, welche die Familie beschäftigt, ordentlich Zeit gegeben. Um den Zuschauer bei der Stange zu halten, bleibt hier der Fokus auf Troublemaker Wang Yu, der auch schon mal in eine Prügelei gerät, wenn er eigentlich nur eine Streiterei zwischen einem Kollegen und einem betrunkenen Fahrgast schlichten will.

Da geht dann dankenswerterweise der Gaul mit ihm durch was zwangsläufig zur nächsten Klopperei führt. So ist die erste Hälfte von Wang Yu - Der Karatebomber darauf ausgelegt, wie sich dieser immer weiter Probleme verschafft, während im fernen Japan daran gearbeitet wird, sich am Verräter des toten Vaters zu rächen. Die Trainingsszenen sind dabei meist weitaus spannender, da irrsinniger gestaltet. Sie zeugen von einer einfach nur tollen, aberwitzigen Überdrehtheit, wie man sie auch aus so manch anderen Martial Arts-Filmen dieser Zeit kennt. Diese zeugen ja auch von teils aberwitzigen Trainingsmaßnahmen. Zwar bieten auch Wang Yus Sequenzen einige anschauliche Kampfszenen, doch zwischen drin kommt beinahe ein wenig Leerlauf auf. Dabei ist der Einstieg mit der Verfolgung von einer Diebesbande, welche Wang Yu und sein Taxi gerne als Fluchtwagen hätten, sogar einige schön gefilmte Szenen. Man wiederholt sich aber alsbald, auch wenn man versucht, den Film handlungsmäßig voranzutreiben. Die Geldstrafen, zu denen Chen Li, so der Rollenname, verdonnert wird, werden immer höher und so das für die Augenoperation der Schwester angesparte Geld immer weniger. Der Vater überwirft sich beinahe mit seinem Sohn bzw. resigniert und überläßt diesen, nachdem er die Kaution für ihn bezahlt hat, das verbliebene Geld. Ein Martial Arts-Streifen ist aber eben kein Drama. So ist das ganze leicht als Mittel zum Zweck zu durchschauen.

Dafür bietet die erste Hälfte eine sehr nette, größer angelegte Szene im Restaurant eines Kunden von Chen Lis Freundin, der eine ganz besondere Idee hat, wie er die Rechnung für die Lieferungen an sein Haus begleicht. Doch zum Spaß mit Wang Yus Braut kommt er nicht, denn dieser ist natürlich zur Stelle und befreit die Angebete prompt aus den Fängen dieses schmierigen Gesellen. Gut, das der Karatebomber dann etwas mehr in die Gänge kommt, wenn das fiese Japaner-Trio in Hong Kong ankommt und mit der Suche nach Chen Lis Vater beginnt. Mit einer von großer Hand geplanten Finte wird dieser in ein Sägewerk gebeten, man gibt sich als die Söhne des zur Flucht verholfenen Gefangenen aus und würde am liebsten den Herren über den Jordan schicken. Doch weit gefehlt. Dieses Szenario ist vielleicht zu lang geraten, so dass auch so manche Spannungsmomente doch etwas wirkungslos verpuffen. Hier läßt der Film auch längst jegliche Feinheiten in der Inszenierung wie zu Beginn aufblitzend, vermissen. Man pendelt sich auf ein technisch ordentliches Level ein, damit man die Hauptattraktion für den Zuschauer einigermaßen ansprechend präsentieren kann.

Diese ist wie es sich für einen Wang Yu-Film gehört natürlich anständiges Gekloppe in allen Formen. Großartig und technisch ansprechende Choreographien sollte man nicht erwarten. Auch wenn es mit Yasuaki Kurata einen unter anderem in Karate und Kung Fu ausgebildeten Akteur gibt, der einer der drei Brüder mimt, so kann der werte Herr Hauptdarsteller bzw. das ganze Werk eher durch beherztes Zulangen aller Beteiligten glänzen. Das Brüdertrio ist dabei sogar alsbald lieber gesehen als der eigentliche Held der Geschichte, da sich diese mit ihrem Overacting herrlich fies geben und so ein kleines Highlight des Films darstellen. Diese dürfen dann im Duell mit Wang Yu auch ordentlich austeilen, aber mehr noch einstecken. Wer allerdings nach natürlich erfolgreicher Gegenwehr von unserem taxifahrenden Helden dachte, dass wäre schon alles, was der Karatebomber zu bieten hat, der hat sich geirrt. Immerhin gibt es ja noch die Tante der Drei, die es wirklich in sich hat. Die zum Beispiel auch im trashigen und ultrablutigen Der unbezwingbare Super Chan (1971) Tse Gam Guk besticht dabei weniger durch ihr mimisches Talent, sondern eher mit ihrem wahnwitzigen Charakter. Die gute ist für Wang Yu ein ganz schön harter Brocken.

Das ist der Karatebomber für die Fans eher weniger. Man merkt dem Streifen schon seine Schludrigkeiten in der technischen Umsetzung an, was ihm einen gewissen eigenwilligen Charme verleiht, ihn so aber auch etwas verlieren läßt. Der Film hält sich dann doch zu lange bei den Problemen Chen Lis auf. Weniger wäre da in Verbindung mit einer straffer erzählten Story mehr gewesen. Das Ding ist keineswegs schlecht, bietet gutklassige Unterhaltung, kann aber auch gegen die vielen anderen, in der Gegenwart spielenden Kung Fu-Klopper der damaligen Zeit nicht wirklich ankommen. Erst einige Jahre später konnte der Hauptdarsteller mit dem furiosen Duell der Giganten (1975) nochmal einen kleinen Hit landen. Beim Karatebomber reicht es nur zu einem kleinen Zwischendurch-Streifen, der eher Lust nach mehr macht. Als Appetizer geht er aber mit einem zugedrückten Auge noch in Ordnung.


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