Die Tour de Force des unfreiwillig zum Sheriff beförderten Langley in den Weird West fällt bei allen netten Ideen, die der Film bietet, überwiegend narrativ angestrengt aus. Während die sichtlich, dem ebenfalls schmalen Budget geschuldeten, kargen Kulissen dank einer hübschen wie effektiven Fotografie zur Thematik des Films passend erscheinen mögen, nagt der Wurm des Zerfalls im Plot. Einzelne, gelungene Szenen können gegen die restliche, im Leerlauf vor sich hin tuckernde Handlung nicht ankämpfen. Das Mysterium um Cruz Del Diablo, dessen Bewohner und Tyrann Devlin und seiner Bande könnte seichte, aber durchaus ansprechende Unterhaltung bieten. Richtig warm wird man selten mit dem Film, da die darin befindlichen, einzelnen Ideen wenig trefflich zu einem funktionierenden Gesamtwerk zusammengefügt wurden. Die Crux ist, dass das insgesamt betrachtet höchst bedauerlich ist. Ghost Town ist ein einziges hätte, wäre, könnte; was nützt beispielsweise anschauliche Maskenarbeit, wenn der Antagonist ein Abziehbild diverser Schreckensfiguren des B-Horrors und von Western-Mieslingen ist? So planlos wie anfänglich der Protagonist gebiert sich der komplette Film, dem sein Setting sichtlich ein Stück weit egal ist. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet das Land des Westerns diesen nicht adäquat mit Horror-Elementen ausstaffieren kann. Gänzlich gruselbefreit ist der gebotene Schrecken entweder mit Gleichgültigkeit oder bedauernswerter Langeweile gesegnet. Wenn es doch mal funktioniert, bietet Ghost Town leider nicht mehr als Durchschnitt.
Mittwoch, 24. April 2024
Samstag, 24. Februar 2024
Todesmarsch der Bestien
Anders als gewöhnlich ist dieser Ort der Verdammnis nicht analog zur Wohnstatt des Leibhaftigen eine siedend heiße Wüstengegend. Die Schauplätze sind überwiegend in weiß, der Farbe der Unschuld, gekleidet. Was ein großer Kontrast zum Großteil der auftretenden Figuren, deren niederen Triebe anspringen, als Freiheit und Reichtum winken, ist. Für Menschlichkeit ist merklich kein Platz. Um die austauschbaren Verurteilten weht nicht nur ein Hauch klirrender Kälte; es tobt ein Sturm des Nihilismus. Einen Raum der Ruhe lässt der Film seinem Publikum selten. Der zur Zeit der Entstehung bestens mit dem Genre vertraute Regisseur Joaquin Luis Romero Marchent nutzt die Umgebung als Stimmungsgeber; seine handwerkliche Grobschlächtigkeit verstärkt diese tatsächlich. Die Kamera klebt indessen an den Darstellern, Totalen werden nur dann eingesetzt, um mit Blick auf das endlos weiße Land die Ausweglosigkeit der von ihnen gespielten Charaktere zu unterstreichen. Momente der Hoffnung, Lichtblicke in einer hell leuchtenden und gleichzeitig düsteren Szenerie, gibt es selten. Auch die Liebesgeschichte zwischen Sarah und einem der Häftlinge ist - man ahnt es früh - zum Sterben verdammt. Todesmarsch der Bestien erzählt keine tief gehende Geschichte. Der dünne Plot bietet Potenzial, das dem mühsam inszenierenden Marchent aber entgleitet. Die finstere Atmosphäre mancher italienischer Western wird gedoppelt und verdreifacht, angereichert mit ultrablutigen, einfach getricksten Szenen, was Anfang der 90er zur Beschlagnahme führte und spätestens dann Gore-Bauern auf dieses simple Westernstück aufmerksam werden ließ. Zwar ist der Film durch seine Atmosphäre nicht bar jeglicher Faszination, doch man stößt sich mehr unliebsam an seinen Ecken und Kanten, als das man sich an diesen erfreut. Außerdem ist die deutsche (Video-)Synchronisation durch den spartanischen und heruntergeschraubten M&E-Track, trotz bekannter Stimmen, ein Ärgernis. Nett ist hingegen, das der markante Robert Hundar, bürgerlich Claudio Undari, der eher ein Abonnement auf Nebenrollen besaß und der unvergessliche Satyr mit Riesenlümmel in Alfonso Brescias Space-Fickerei Die Bestie aus dem Weltenraum war, hier in der Hauptrolle zu sehen ist.
Mittwoch, 28. März 2018
Bone Tomahawk
Allen Widerwärtigkeiten zum Trotz kann man diese Kannibalenfilme auch als eine in der modernen, aufgeklärten Gesellschaft verwurzelte Urban Angst ansehen. Der in ein Stück unberührte Natur eindringende, technisch fortgeschrittene Mensch sieht sich in einer ihm unbekannten Welt, deren Gefahren nicht aus von ihm selbst geschaffenen Situationen oder Strukturen, sondern aus einer Wildnis, einem ursprünglich wirkenden Stück Erde entsteht. Mutter Natur schlägt zurück: ein Motiv, welches schon im aufgeklärten US-Horrorkino seit Beginn der 70er Einzug erhält, als in der Gesellschaft Themen wie Naturschutz immer höheren Stellenwert erlangte. Die Kannibalenepen italienischer Herkunft sind die pervertierte Mutation davon, in dem nun nicht einfach die Tierwelt, sondern gleich unser Ebenbild in einfacher, weniger intelligenter, aber doppelt gefährlicher Gestalt die Gefahr darstellt. S. Craig Zahler greift in seinem Debüt Bone Tomahawk diese Motive teilweise auf, wenn er das uramerikanische Genre des Westerns und die Menschen einer kleinen Siedlung mit urwüchsigen Wilden, die in ihrem Aussehen stark an die Menschenfresser aus Deodatos Meisterstück erinnern, konfrontiert bzw. kombiniert. Die aufs Minimum reduzierte Geschichte ähnelt dabei fast den italienischen Halbvorbildern.
Eine Veterinärin, ein Deputy und ein inhaftierter Landstreicher werden Nachts von zuerst für Indianer gehaltenen Wilden entführt. Der durch einen Beinbruch gehandicapte Mann der Ärztin (überraschend gut: Patrick Wilson), der Sheriff des Städtchens (mit gutem, reduziertem Spiel überzeugend: Kurt Russell), der alternde Deputy-Stellvertreter (grandios: Richard Jenkins) und der dandyhafte Brooder (ordentlich: Matthew Fox) machen sich auf den Weg, die entführten zu befreien. Dringen in den meist in Südamerika spielenden Kannibalenfilme Suchtrupps, Expeditionen, Forscher etc. in den Dschungel ein, um verschollene, fast verschluckte Menschen zu suchen oder zu befreien, wandelt das ungleiche Vierergespann durch eine triste Wüstenlandschaft um zu den Verschleppten zu gelangen. Zahler lässt seine Truppe spät auf den anthropophagen Schlag Menschen treffen. Zuerst wird Bone Tomahawk zu einem Trip, einem Prüfungsgang seiner Protagonisten, die auf ihrem Weg ihre unterschiedliche Wesen und Eigenarten zum gemeinsamen Sinn der Gruppe zusammenfügen müssen. Es ist ein Ritt in eine ungewisse Zukunft, wobei das Schicksal bedrohlich wie ein Aasgeier über sie schwebt. Die vier Reiter bringen nicht die Apokalypse, sie schreiten langsam aber sicher ihrem (persönlichen) Untergang entgegen. Mancher verdammt zu leben, mancher verdammt zu sterben.
Zahler konzentriert sich in seinem Script auf Kleinigkeiten, lässt die erste Prämisse seiner Protagonisten in den Hintergrund rücken und widmet sich wie zu Beginn des Films, der sich die Zeit nimmt, seine Figuren einzuführen (nicht um vorher aber typisch für das Horrorgenre ein Intro zu präsentieren, dass David Arquette und Sid Haig als erstes Opfer der Menschenfresser in deren Gebiet stolpern lässt und prophezeit, was den Hauptcharakteren blühen kann), lieber seinen Charakteren. Leider lenkt das manches Mal zu sehr von der eigentlichen Geschichte ab, aufkommende Konflikte innerhalb der Gruppe flackern manchmal so schwach wie ein langsam ersterbendes Lagerfeuer auf und verschwinden dementsprechend schnell wieder von der Bildfläche. Die schwerfällige Stimmung des Films, sein langsames Gemüt das in ebenfalls ruhigem Tempo die Ereignisse während der Reise steigert, weiß gut davon abzulenken. Leicht schwerwiegender negativ erscheint das Finale, wenn die Truppe im Gebiet der Menschenfresser ankommt. Letztere, die in ihrer bleichen Körperbemalung auch wie fleisch gewordene Schreckensgespenster anmuten, verlieren - abgesehen von den ersten Szenen in deren Höhle - mit steigender Screentime rapide an Bedrohlichkeit.
Das Potential des Unterbaus von Bone Tomahawk wird wortwörtlich schnell über den Haufen geschossen. Die Wilden verkommen zu Kanonenfutter in einer blutigen Reinkarnation der Hauptfiguren, allen voran der gebeutelte Arthur, Ehemann der entführten Frau, den man durch die bisherige Handlung fast abgeschrieben hätte. Die Anklage der auch im traditionellen Western mitschwingenden Xenophobie, verbunden mit seinem zweifelhaften Hurra-Patriotismus, macht Platz für eine leichte Heroenglorifizierung alter Westernschule. Dem Einfluss europäischer Genrefilme darf man danken, dass Zahlers Werk kein Happy End der schwülstigsten Sorte besitzt. Leider schwächt der Regisseur und Autor die Stärke seines Films ab und verwehrt ihm, dass ich in übergroße Jubelstürme ausbreche. Dennoch bleibt mein Fazit wohlwollend. Die minimalistische Handlung wird in den Händen von Zahler und seinem Team vor und hinter der Kamera zu einer weitgehend ruhigen, zweistündigen Reise, die durch ihre tolle Atmosphäre, dem Zusammenspiel der einzelnen Mimen und schöne Dialoge punkten kann. Übrig bleibt die gelungenste Verbindung von Western und Horror und den Verlust der Unschuld des verklärt dargestellten wilden Westens. Die aufsteigende, heranwachsende Zivilisation, von vier gänzlich unterschiedlichen Charakteren repräsentiert, hat mit ihrer vor-industriellen Urban Angst zu kämpfen, wenn die wie Urmenschen aus einer anderen Zeit über sie hereinfällt. Das angestrengte Aufbäumen führt zu einem Sieg mit bitterem Nachklang; für den Aufbau und Weiterbestand der Zivilisation müssen Opfer gebracht werden. Jahrzehnte früher zeigten uns die Italiener einerseits mit dem Italowestern eine vollkommen misanthropische bis nihilistische Version des wilden Westens und mit ihren Kannibalenfilmen den nächsten Versuch, einer mittlerweile industrialisierten, vorangeschrittenen Zivilisation gegen das (letzte?), gewaltsame Aufbäumen der Natur, des eigenen Ursprungs zu bestehen. Zahler lässt beim ganzen Zynismus dieser zwei Genres in seinem sehr gelungenen Debüt ein Stück weit Hoffnung, dass irgendwann alles wieder besser wird und die hier symbolisch schmerzlich und immer nahe gezeigten Wunden seiner Protagonisten, stellvertretend für die heutige Gesellschaft und Menschheit, bei aller immer noch herrschender Gewalt irgendwann einmal wieder verheilt sind.
Dienstag, 5. Juli 2016
The Hateful Eight
Der Beginn von The Hateful Eight ist sogar recht vielversprechend. Tarantino kann die tief verschneite Westernlandschaft stimmungsvoll zur Wirkung bringen, so dass man sich gerne an Schneewestern wie Leichen pflastern seinen Weg oder Todesmarsch der Bestien erinnert. Der Weg des Kopfgeldjägers Marquis Warren nach Red Rock, zusammen mit dem "Der Henker" genannte Kollegen John Ruth, der die Verbrecherin Daisy Domergue in die Stadt bringen will, baut sich langsam auf. Die Reise in der Kutsche nimmt beinahe die ganze erste Stunde des Films in Beschlag und dort zieht Tarantino alle Register. Kauzige Charaktere präsentiert er, welche die Handlung mit epischen Dialogen vorantragen. Wobei: die Handlung geschieht beläufig, die Nebensächlichkeiten im Dialog der Figuren nehmen den größten Raum ein. Sie sind hübsch und geschliffen, die Reduzierung des Raumes auf die Kutsche erzeugt eine intime und intensive Stimmung. Aber die narrative Stagnation blitzt hier schon stark auf.
Nachdem die Reisenden mit Chris Mannix, dem neuen Sheriff von Red Rock, einen weiteren Passagier aufgenommen haben, macht die Gruppe halt bei Minnie's Miederwarenladen, um Schutz vor dem stärker werdenden Schneesturm zu suchen. Dort treffen sie nicht auf die Besitzerin, aber auf den Cowboy Joe Gage, einen alten General der Konföderierten, den örtlichen Henker und einen bulligen Mexikaner. Während draußen der Schneesturm tobt, zieht auch im Inneren der Hütte ein Sturm auf. John Roth wittert eine Verschwörung und das irgendjemand der anwesenden Personen nicht das ist, was er vorgibt zu sein. Er spricht den Verdacht aus, dass diese Person mit Domergue unter einer Decke steckt um sie zu befreien. Es entsteht ein psychologisches Duell zwischen allen Personen, dass sich immer mehr zuspitzt.
Es mag sein, dass Tarantino mit der Erwartungshaltung seines Publikums spielt, welches nach seinem Django Unchained einen stark auf cool gezeichneten, actionlastigen Western erwartet haben. Die Duelle werden erst sehr spät mit Waffen ausgetragen. Vorher überwiegen weiterhin die Kämpfe mit scharfen Worten. Wenn man nun die Filme des Regisseurs und seine Vorliebe für ausgefeilte Dialoge kennt, schleichen sich bei The Hateful Eight schnell Ermüdungserscheinungen ein. Etwas mehr Schwung hätte dem Film gut getan, vor allem weil er bei den ersten physischen Auseinandersetzungen so grob die Splatterkelle auspackt, dass dies den Fluss des Films stört. Die überzeichnete Gewalt erscheint wie ein Fremdkörper, wenn zum Beispiel plötzlich detailliert ein Kopf zerschossen wird. Das ist dann auch nicht eine Art der Huldigung des gewaltsamen Exploitationkinos, sondern einfach ein unnötiges Element.
Es will in dieses Kammerspiel in winterlicher Westernkulisse nicht passen. Vor allem weil Tarantino dies im finalen Akt langgezogen zelebriert und auch hier nicht gut passen mag. Eine falsch gewählte Art der Intensität; mit einer knackigeren Herangehensweise - der Konzentration der wesentlichen Geschichte - würde The Hateful Eight im Gesamteindruck viel besser wegkommen. Die Zeichnung der Figuren ist wirklich gut gelungen und greifbar für den Zuschauer. Auch der Kniff, den Verlauf der Handlung leicht in die Richtung eines Kriminalspiels mit Whodunit-Charakter zu steuern, ist beileibe nicht verkehrt. Sehr leicht fühlt man sich an Italowestern mit Krimielementen á la Sarg der blutigen Stiefel erinnert. Aber Tarantino hält sich in manchen Dingen zu stark an Nebensächlichkeiten auf, die den Spannungsbogen des Filmes durchhängen lassen.
The Hateful Eight verschenkt dadurch sein großes Potenzial, das er mit sich bringt. Tarantino will - wie auch in einigen anderen seiner Filme - zuviel. Im Falle seines achten Werks auch etwas zu lang. Reduktion auf das Wesentliche ist für die anstehenden, voraussichtlich letzten zwei Filme sehr wünschenswert. Dehnt er doch zum Beispiel auch in seinen beiden Kill Bill-Filmen die Geschichte dort zu stark auseinander. Vielleicht ist The Hateful Eight aber auch einer dieser "Grower", der bei einer zweiten Sichtung mehr wächst, andere Details in seinen knapp 170 Minuten Laufzeit aufzeigt, die vorher nicht bemerkt wurden. Nach der ersten Sichtung bleiben auf jeden Fall diese Eindrücke hängen und geben eine weitere Bestätigung, dass Tarantinos Copy & Paste-Mashup-Kino schon zu lange von Nebensächlichkeiten beherrscht wird. Quentin sollte das machen, was auch die von ihm geliebten und gehuldigten B-Filme taten: eine simple Geschichte rasant und straight erzählen. Das er das durchaus kann, hat er in der Vergangenheit ja auch schon mal bewiesen.
Donnerstag, 24. Januar 2013
Django Unchained
Mit Inglorious Basterds griff er sogar den alten italienischen Kriegsactioner Ein Haufen verwegener Hunde auf, machte ihn bekannt, aber bis auf den Titel strickte er sich seine eigene Geschichte. Er ist eben ein Fan des Regisseurs, Enzo G. Castellari, und huldigte ihn mit diesem Titel. Tarantino scheint es schon lange egal zu sein, ob sein junges Publikum nun die "alten Schinken" kennt und mit den vielen versteckten Anspielungen überhaupt etwas anfangen kann. Jetzt kommt er mit einem Westernepos zurück und holt die Westernfigur Django aus der Versenkung zurück. Nur wenige dürften allein bei den Credits bemerken, dass das Titellied zu Beginn von Django Unchained aus Corbuccis Original stammt. Man könnte fast meinen, als wäre Quentin so etwas wie der coole Onkel, der den Jungspunden da unten in den Kinosesseln mal all die coolen Dinge aus der Vergangenheit näherbringt. Im übertragenen Sinne lässt er sie an das Regal mit den "bösen", aber coolen Filmen. Nur, dass er diese eben zusammenwürfelt und einen ganz eigenen Cocktail daraus mischt.
Denn mit dem 1966 entstandenen Kultfilm, welcher zusammen mit Leones Dollar-Trilogie den Italowestern nachhaltig geprägt hat, hat Django Unchained recht wenig zu tun. Die Protagonisten tragen den gleichen Namen, was dann auch schon die einzige Parallele darstellt. Tarantino huldigt allerdings auch dem Original, indem er Jamie Foxx mit dem Darsteller des "richtigen" Django, Franco Nero, aufeinandertreffen und einen kurzen, ironischen Dialog wechseln lässt. Aus dem fremden und geheimnisvollen Mann mit Kriegsuniform ist bei Tarantino ein schwarzer Sklave geworden, der mit anderen Leidensgenossen von Sklavenhändlern zu einem Handelsplatz für diese eskortiert wird. Er wird vom deutschen (früheren) Zahnarzt und Kopfgeldjäger Dr. King Schulz auf sehr eigene Art und Weise freigekauft. Schulz ist auf der Suche nach den Brittle-Brüdern, weiß allerdings nicht wie diese aussehen. Django hingegen schon. Schulz bietet dem Sklaven für Geld, ein Pferd und vor allem dessen Freiheit an, dass er ihm die Brittle-Brüder zeigt, damit er das Kopfgeld für diese Einstreichen kann. Django willigt ein, hat er mit den drei Ganoven eine persönliche Sache zu klären und ist zudem auf der Suche nach seiner Frau Broomhilda, welche von den drei Brüdern misshandelt wurde. Aus der Zweckgemeinschaft zwischen Kopfgeldjäger und Ex-Sklave entsteht eine Freundschaft und so bietet Schulz Django an, bei der Suche nach dessen Frau zu helfen. Die Spur führt zu Calvin Candie, einem leicht reizbaren Farmer, der auf seinem Anwesen Candyland residiert und kurzweilige Unterhaltung in Mandingo-Kämpfen führt. Mit einer Finte versuchen die beiden, an den Farmer heranzukommen um somit auch auf das Anwesen zu gelangen.
Wer nun Tarantino und dessen Filme kennt, dem dürfte schon klar sein, dass Django Unchained kein waschechter Western ist. Das Genre bietet das Grundkonstrukt für die wilde Sause, die Tarantino veranstaltet. Eine Verbeugung vor dem Italowestern, groß und episch ausfallend, wie es eventuelle einige Fans der italienischen Pferdeepen erwartet haben, ist der Film nicht geworden. Sicher: der Streifen nimmt auch Bezug auf diese Werke, aber wie bereits erwähnt, packt Tarantino noch einiges mehr mit in den Film und wechselt einfach mal ganz frech die Marschrichtung im Verlauf des Films. Die erste Hälfte von Django Unchained kann man noch am konretesten als Western bezeichnen. Dort wird der Film vor allem gar nicht mal von Hauptdarsteller Jamie Foxx, sondern eher von Christoph Waltz, der wohl immer mehr zu Tarantinos Lieblingsmime mutert, getragen. Zu recht. Spielt er doch den verschrobenen, mit übertriebenen guten Manieren ausgestatteten Ex-Zahnarzt und Kopfgeldjäger so pointiert wie eh und je. Man kann sich dem Charme von King Schulz nicht verwehren. Im krassen Gegensatz zu seiner so sauber manierlichen Art ist seine geradlinige, fast schon kaltblütige Ausübung seines Handwerks. Während Django Gewissensbisse plagen, da er einen gesuchten Dieb und Mörder vor den Augen seines Sohnes erschießen soll, zeigt Schulz nur Interesse für die Prämie, die auf diesen ausgeschrieben ist.
Doch Schulz spielt nicht den Gentleman. Er ist einer, durch und durch. Übermäßig genau, wie es die Deutschen nun mal so sind. Präzise und nüchtern. Ein Kopfmensch, der aber auch Herz zeigt und moralische Grundsätze vertritt, an denen es nichts zu rütteln gibt. Er hält nichts von der Sklaverei und behandelt Django wie einen gleichwertigen Menschen. Eine Sache, die zur Zeit der Sklaverei undenkbar ist. Somit gewinnt er nach einiger Zeit dessen Vertrauen. Kramt man nun etwas im Italowestern-Genre so finden sich im Charakter des King Schulz gewisse Parallelen zur Figur des Sartana, der wie der Herr Doktor ebenfalls im feinen Zwirn durch den wilden Westen reitet. Ausgestattet mit Gimmicks, bei Tarantinos Version nicht so ausgeprägt und eher bodenständiger ausgelegt, ist Sartana auch ein meisterlicher Schütze, der diejenigen in die ewigen Jagdgründe schickt, die es nach dessen moralischen Grundsätzen verdient haben. Schulz besitzt ebenfalls diese Fertigkeit und diese Mischung aus knallhartem Pistolero wenn es drauf ankommt und Gentleman. Größere Anspielungen auf weitere Genreklassiker schenkt sich Tarantino. Er konzentriert sich ganz auf seine Version des Django und die von ihm erzählte Geschichte.
Dabei übernimmt er aber schön die typischen Arten des Italowestern, kleidet gerade die erste Hälfte des Films in diesen dreckigen Look, den man schon von den Vorbildern kennt. Etwas episodenhaft wird die Entwicklung der Freundschaft der beiden Männer gezeigt. Kleinere Szenen, auch um die Figuren zu festigen und Django den für den weiteren Verlauf des Films nötigen Hintergrund zu schenken. Nimmt das Hauptdarsteller-Duo allerdings die Fährte von Djangos Frau auf, wird der Weg für die zweite Hälfte geebnet. Hier wird eine ganz andere Richtung eingeschlagen und man bewegt sich weg vom Western. Tarantino scheint nicht nur - wie von einigen US-Schreibern schon bemerkt - von Richard Fleischers Mandingo beeinflusst worden zu sein. In dem 1975 entstandenen Drama stehen auch die Kämpfe zwischen den titelgebenden Mandingos im Vordergrund und bilden auch den Vorwand für King Schulz und Django, an den Farmer Calvin Candie heran zu kommen. Man fühlt sich durch das prachtvolle Setting des Anwesens und den Dialogen über die Art der Sklaven auch unweigerlich an den kongenialen Halbmondo Addio Onkel Tom des Duos Gaultiero Jacopetti und Franco Prosperi erinnert. Gerade bei Candies Ausführungen über das Gehirn der Schwarzen fühlt man sich an so manche Szenen des Mondos erinnert.
Bleibt man bei der Figur des Calvin Candie, so kann man dessen Darsteller Leonardo Di Caprio attestieren, dass er wirklich spürbar spielfreudig diesen unbarmherzigen und eingebildeten Großfarmer darstellt. In vielen Besprechungen wurde sogar angeführt, dass Di Caprio sogar Christoph Waltz in die Tasche stecken soll. Die beiden liefern sich ein Kopf an Kopf-Rennen, bleiben auf gleicher Ebene und schenken sich nichts. In gemeinsamen Szenen ist deren Rededuell ein wahres festessen, auch wenn Tarantino wie in einigen früheren Filmen es teilweise nicht schafft, direkt auf den Punkt zu kommen. In den Dialogen als auch in der ganzen Geschichte wäre weniger mehr gewesen. Django Unchained lässt jetzt nicht irgendwelche Längen aufkommen und den Zuschauer im Wust der vielen Szenen schwimmen, doch der Amerikaner zeigt doch z. B. auch in Pulp Fiction dass er besseres Gespür für Geschichten und deren pointierte Schilderung besitzt. Er verliert sich in manchen Szenen und auch wenn die Ausgrabung alternder Stars wie Don Johnson als rassistischer Farmer Big Daddy ein wirklich schönes Wiedersehen mit diesen ist, so kann man sich über die Kapuzenszene und deren Berechtigung im Film streiten. Dem geplante nächtliche Angriff Big Daddys auf Django und King Schulz geht eine Diskussion mit seinen Schergen vorraus, inwieweit die Kapuzen und vor allem deren Gucklöcher denn überhaupt praktisch sind.
Sicher, die Szene ist sehr lustig und fördert diesen typischen, leicht absurden Humor Tarantinos als auch dessen Talent, witzige und eben sehr skurrile Dialoge zu schreiben, zu Tage. Doch es hätte kürzer ausfallen können und wirkt ein klein wenig unpassend. Ansonsten bleibt Django Unchained bis auf einige wenige Spitzen eher ernst und widmet sich der Suche nach Djangos Frau Broomhilda, einer Sklavin, die bei deutschen Herren residierte. Deren Nachname gibt übrigens auch Auskunft, wohin die Reise des Films überhaupt geht. Von Shaft wird sie genannt und nachdem sich vor allem Waltz und Di Caprio austoben konnen, darf auch Jamie Foxx in der zweiten Hälfte des Films etwas mehr von sich zeigen. Wie so viele Helden der Italowestern-Ära ist er ein wortkarger Charakter, geprägt durch seine Erlebnisse und von Rache angetrieben. Einem Motiv, dass ebenfalls häufig in diesem Genre anzutreffen ist. Neben den persönlichen Motiven, die mit Vergeltung seiner Frau und deren Martyrium zu tun hat, ist dies auch die Abrechnung mit der weißen Herrschaft, die sich als Herrenrasse gegenüber den schwarzen "niederen Menschen" darstellt. Tarantino läßt Django mit den Candies abrechnen, stellt die Farmer stellvertretend für alle Sklavenhalter der Zeit dar und läßt ihn zu sowas wie einem ganz frühen "Bürgerrechtler" erscheinen. Eine actionreiche Abrechnung mit rassistischem Gedankengut und der damaligen Zeit der Sklaverei in seinem Heimatland.
Geschichtsaufarbeitung mit ordentlich Gore, denn wenn es mal Action gibt, dann aber deftig. Tarantino geizt hier nicht blutigen Shoot Outs. Gerade das Finale fällt äußerst intensiv und fies aus und wird in bester Manier des Hong Kong-Actionkinos der 90er teils in Zeitlupe zelebriert. So wie einst John Woo in seinen besten Filmen kommt so ein "Todesballett" zu Stande, eine stilisierte Sterbeoper, verbunden mit schnellen Schnittfolgen wie man aus dem modernen Action-Mainstream kennt. Es funktioniert. Imposant und spannend ist das aufgebaut, auch wenn es seltsam erscheint, wenn Jamie Foxx als Django wie z. B. Chow Yun-Fat mit zwei Pistolen (bzw. Colts) voranhaltend sich durch das Haus ballert. Hier hat sich Foxx' Figur schon längst gewandelt, ist vom noch eher ruhigeren Sklaven der sich erst an die Freiheit gewöhnen muss zum coolen, One-Liner raushauenden Pistolero geworden. Die Verwandlung zu dieser Figur zieht sich über den Film und spätestens wenn Django dann auch wirklich die Hauptfigur in diesem Epos geworden ist, erinnert er uns an die Einzelkämpfer des schwarzen Kinos der 70er. Alleine schon wegen der Zeit, in der der Film spielt, hört man verhältnismäßig oft Wörter wie Nigger und ähnliches. Da passt es auch, dass Tarantino beim überaus hörbaren, ja sehr wundervollen Soundtrack sogar modernere Soulstücke und sogar Hip Hop laufen lässt. Django Unchained ist weniger Western als eher Blaxploitation mit Pferden.
Jamie Foxx reißt den eklig fiesen weißen, welche "seine Nigger" falsch behandelt haben, buchstäblich den Arsch auf. Als er sich auf den Weg zurück zum Anwesen der Candies macht, da diese ihn eigentlich in ein Bergwerk abschieden wollten, er sich aus dieser Lage aber befreien konnte, schaut ihm einer der anderen Sklaven hinterher. Mit bewunderndem Blick und kleinem, wohlwollenden Grinsen auf den Lippen. Django ist ein Kämpfer für die Schwarzen, die Unterdrückten in dieser Zeit. Django Unchained fehlt natürlich schon der nötige Tiefgang, viel eher ist es ein weiteres Spiel Tarantinos mit Versatzstücken verschiedener Genrekino-Strömungen der damaligen Zeit. Die kleineren Untertöne, die hier und da aufblitzen, beziehen aber antirassistische Stellung, auf die coole Art dargestellt. Auch die Reaktion von King Schulz auf einige Dinge, die sich Candie erlaubt oder sagt, sind ganz eindeutig. Doch die Unterhaltung steht hier natürlich sichtlich im Vordergrund.
Diese ist auch eindeutig gelungen. Hier und da ist der Film etwas zu dialoglastig, Tarantino verschwitzt es, die Spannungskurve etwas straffer anzuziehen. Ein Manko ist dies keineswegs. Django Unchained kämpft etwas mit der Blaxploitation-lastigen zweiten Hälfte, die Zweiteilung des Films ist spürbar. Gegen Ende flacht er etwas ab, das feiern von Foxx als obercoolem Fighter ist zwar gut gelungen, lässt aber die Brillanz des Films in einigen Momenten der ersten Hälfte verblassen. Es ist eine pfiffige Idee von Tarantino, die er hier und da einfach etwas anders hätte anpacken sollen. Die Irritationen sind nach kurzer Zeit, wenn der Abspann läuft, wie weggeblasen und lassen ein wohlwollendes Nicken zurück. Tarantino kann es noch, ist allerdings zu sehr verliebt in seine Coolheit, die von vielen Fans so verehrt wird und schafft es nicht, hier und da die Zügel in die Hand zu nehmen. Django Unchained schleift in manchen Momenten, fällt allerdings nicht - um bei den Westernmetaphern zu bleiben - aus dem Sattel. Ein solider, teils sogar wirklich großartiger Film der eben am Egoismus des Regisseurs krankt. Da hätte er zu Gunsten des Films etwas weniger seiner persönlichen Vorlieben in den Film packen sollen.
Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Django Unchained und sein Regisseur schaffen das Kunststück, mal wieder längst untergegangene Genres aufleben zu lassen und diese gekonnt zu vermischen. Zumal er auch von einem erlesenen Cast getragen wird. Neben Don Johnson haben auch Robert Carradine, Bruce Dern und F/X-Legende Tom Savini (der die Effekte für Romeros Dawn of the Dead oder auch den ersten Freitag, der 13. beisteuerte) kleinere Auftritte. Vor allem sollte man auch noch kurz neben den vielerorts schon gelobten Di Caprio und Waltz auch Samuel L. Jackson hervorheben, der als schwarzer Handlanger Steven wirklich eine beeindruckende Leistung hinlegt und der heimliche Star, ein kleiner Showstealer für die großen ist. Immer wenn er auf der Leinwand auftaucht, ist es eine wahre Pracht, seinem Spiel zuzusehen. Django Unchained kann wohl nicht für ein Revival des etwas anderen, dreckigeren Westerns sorgen, macht aber als Zeitreise zurück in die gute alte Zeit des "Schundfilms" sehr viel Spaß und kann auch mit seinen kleinen, unterschwelligen ernsten Tönen überzeugen.
Dienstag, 3. Januar 2012
Il Nero - Hass war sein Gebet
Wirklich erstaunlich, wenn ein eigenes althergebrachtes und bestens bekanntes Motiv urplötzlich so frisch, so anders daherkommt. Selbst dann, wie dieses nicht mal einen völlig neuen Anstrich verpasst bekommen hat, sondern einfach mal sehr experimentierfreudig und offen für Neues behandelt wird. Ist dies dann auch noch in einem Italowestern der Fall, dann hat man mit etwas Glück einen wirklich außerordentlich bemerkenswerten Film vorliegen. Immerhin bieten die Pferdeepen aus dem Mittelmeerland bis auf einige Ausnahmen meist immer selbe Motive in ihrer Handlund. Entweder geht es um den großen Reibach oder offene Rechnungen aus vergangenen Tagen, die es zu begleichen gilt. Nicht zu vergessen das Ausspielen einer oder mehrerer Banden, die meist ein kleines Städtchen terrorisieren. Dies soll gar nicht dispektierlich gegenüber diesem so wunderbaren Genre klingen. Es ist nun mal eher ein Fakt, dass viele Werke aus dieser Sparte sich solchen groben Handlungsverläufen bedienen. Selbst dann, wenn sie an und für sich wirklich neue, frische Wege gehen. Der Western ist alleine ja schon wegen seiner zeitlichen Beschränkung zusätzlich eingeengt, bei möglichen Geschichten, auch wenn es natürlich auch im europäischen bzw. konkret italienischen einige (mal mehr, mal weniger) gute Beispiele gibt, dieses zu sprengen. Nur war der kommerzielle Aspekt immer noch im Vordergrund und selbst bei experimentierfreudigeren Streifen wollte man immer die Balance halten, einem eher der Unterhaltung und leichten Kost zugewandten Publikum gerecht zu werden, aber auch eher dem intellektuellen Filmfreund eine interessante Geschichte aufzutischen. Dann gibt es wiederum auch die Filmemacher, welche sich scheinbar nicht weiter für starre Korsetts und Abläufe innerhalb eines Genres interessieren. Claudio Gora scheint mit solch einer Attitüde an Il Nero herangegangen zu sein. Wobei der Film auf den ersten Blick rein Handlungstechnisch nichts Neues bietet.
Man hat es hier mit dem beliebten Motiv der Rache ist, die die Motivation für die Handlungen von Vincent Kearney darstellt. Dieser musste als kleiner Junge mit ansehen, wie man seinen zu unrecht als Mörder verurteilten Bruder Steven am Baume des eigenen Grundstücks aufgehangen wurde. Als Mann kehrt er in die Heimatstadt Big Springs zurück, die von einem Dreigestirn bestehend aus dem Bankier Alex Carter, dem Großgrundbesitzer Arthur Field und dem Richter Smith beherrscht wird. Diese bestimmen eisern über die Vorgänge in dem kleinen Städtchen, bis eben Stephens Bruder auf der Bildfläche erscheint. Die drei Herren ahnen, weshalb er sich blicken läßt und versuchen alles menschenmögliche, ihn den Radies von unten begucken zu lassen. Allerdings ist Vincent ein sehr gerissener Bursche. Als wäre dies nicht genug, taucht zur gleichen Zeit ein ebenfalls sehr schweigsamer Geselle samt seines Hündchens im Schlepptau in der Stadt auf, der sich schnell auf die Seite von Vincent schlägt. In loser Gemeinschaft raufen sich die beiden zusammen um das Trio und ihre Gehilfen zu bekämpfen, damit Vincent seine Rache bekommt.
Also eine gewöhnliche Story, die viele Italowestern bieten. Doch unter der Fuchtel vom eher als Film- und in seiner Heimat auch als Theaterschauspieler bekannten Claudio Gora wird Il Nero zu einem wahren Erlebnis. Innerhalb der allseits bekannten Geschichte, die sich sogar ganz herkömmlicher Erzählmuster von bekannten Rachegeschichten bedient, brennt der Mann ein wahres Feuerwerk an Ideen ab. Hier und da scheint das ganze ja sogar regelrecht auszuufern und das Grundgerüst des Films beinahe nicht mehr fähig, dies alles zu tragen. Dann scheint sich der Herr, welcher auch am Script mitgeschrieben, aber nochmal zu fangen und die gewöhnlicheren Wege eines Western zu beschreiten. Aber die Freude am experimentieren, mit der Gora an den Stoff herangegangen ist, merkt man dem Film jede Minute an. Gora bricht gerne die klassischen Vorgänge des (Italo-)Westerns auf nur um dann innerhalb von Sekunden sicher dieser wieder zu bedienen. Doch nicht nur dies lässt den Film so unheimlich grotesk erscheinen.
Il Nero scheint Wege zu gehen, wie man es einige Jahre später bei Deodatos Eiskalte Typen auf heißen Öfen (1975) der Fall war. Dieser ist eine übergroße Karikatur und Überzeichnung des Poliziotteschis, der alle Klischees dieses Genres vereint, sich dieser bedient und dabei trotz aller Ernsthaftigkeit die er ausstrahlt, das gezeigte auch eben wieder karikiert. Auch Il Nero wirkt an einigen Stellen stark comichaft und überzeichnet, was allerdings auch gerade wieder die Faszination dieses Films ausmacht. Dabei nimmt sich der Film bierernst und driftet nie ins parodistische oder komödiantische ab. Dies würde Il Nero auch gar nicht stehen. Seine Stärken liegen darin, dass Gora eben mit dem Genre und seinen Mechanismen spielt. Und so manche Szene wie man sie aus tausend anderen Italowestern kennt, mit geringem Aufwand so sehr absurd aussehen lassen kann. Ganz groß und am offensichtlichsten ist hier der Einsatz des Soundtracks. Die von Pippo Franco komponierten Stücke sind wirklich großartige, schmissige Ohrenschmeichler. Nur: sie sind in den meisten Szenen schlicht und ergreifend unpassend.
Was nun bei so manchem Film eine Schwäche wäre, versetzt hier erstmal in ungläubige Starre und Verwunderung. Schon zu Beginn, wenn Carter, Smith und Field auf die Hinrichtung von Vincents Bruder warten, setzt eine äußerst beschwingte und fröhliche Musik an, welche man eher in alten Slapstickfilmen vermuten würde. Das Stück ist dabei nicht nur äußerst eingängig sondern verwandelt diese an und für sich so unscheinbare Szene in eine beinahe schon surreal anmutende, am ehesten aber sehr grotesk erscheinende Sequenz. Dieser Sache bleibt sich Gora treu und experimentiert auch ansonsten munter darauf los. Nach der Titelsequenz ist der erste Auftritt von Tony Kendall als schweigsamer, namenloser Pistolero eine unheimlich coole und überaus schön montierte Szene, welche mit geringen Mitteln einen schönen Spannungsmoment mit sich bringt. Die Spannungen zwischen ihm und diesen Fieslingen im Sammlung ist förmlich spürbar.
Wie auch einige andere Western so bietet auch Il Nero wahrlich extravagante Schnittfolgen und Kameraperspektiven, die sich hier homogen in den ansonsten eher sehr unscheinbar auftretenden Film einfügen. Damit verstärken die etwas ungewöhnlicheren Sequenzen aber diesen sehr speziellen Eindruck, den der Film hinterlässt. Noch stärker wird dieser durch die unheimlich große Anzahl an sehr überzeichneten, skurrilen Figuren, die den Film bevölkern. Alleine schon der durch eine Vielzahl von Agentenstreifen aus der Kommissar X-Reihe bekannt gewordene Tony Kendall und seine Figur ist hier ein schönes Beispiel. Wie der von Goras Sohn Carlo Giordana verkörperte Vincent verkörpert er einen stereotypen Charakter des schweigsamen Pistoleros, der ohne jeglichen Hinweis auf seine Vergangenheit auf der Bildfläche erscheint. Nur: seine Motivation, was er überhaupt in der Stadt will und wieso er vor allem Vincent hilft, bleibt die ganze Zeit über im Dunkeln. Die Protagonisten im Italowestern kommen ja meistens ohnehin ohne große Hintergründe aus, bleiben Schemen und beinahe schon Superhelden aus alten, staubigen Tagen die dort erscheinen, wo Hilfe benötigt wird. Hier wird dies auf die Spitze getrieben. Man schweigt sich nicht nur über die Hintergrundgeschichte des Charakters aus. Man lässt seine Handlungsmotivation vollkommen außen vor.
Außerdem: wo sonst ein Italowestern meist nur einen wortkargen Hauptcharakter zu bieten hat, so fügt Gora in Il Nero sogar zwei ein. Das bemerkenswerte ist ja, dass dies sogar funktioniert. Durch die mit sich gebrachte Extravaganz des gezeigten, spielt es alsbald ohnehin keine Rolle mehr, wieso da Kendall mitsamt kleinem Schosshündchen (!), einer sehr ungewöhnlichen Begleitung für so einen harten Kerl (womit Gora das bekannte Bild des harten Rächers auch gekonnt ironisiert und aufweicht), durch die Handlung spaziert. Bei Vincent hat man ja noch das Motiv der Rache am Tod des Bruders als Grund für dessen handeln. Und wie einst Jean-Louis Trintignant in Leichen pflastern seinen Weg (1968) spricht Vincent kein einziges Wort. Wobei er - anders als Trintignants xxx - mit Sicherheit kein Handicap mit sich bringt. Kendall tut diesem übrigens gleich. Den beiden gegenüber steht der u. a. aus der deutsch-italienischen Co-Produktion Zinksärge für die Goldjungen (1973) Herbert Fleischmann als fieser Bänker gegenüber. In einer kleinen Rolle schaut auch der wieder schön fies rüberkommende Herbert Fux vorbei. Am außergewöhnlichsten ist wohl aber das Mitwirken des österreichischen Schauspielers Gunther Philipp. Der ansonsten eher für leichte Lustspiel- und Komödienkost bekannte Mime macht seine Sache als cholerischer Richter sogar richtig ausgezeichnet. Da hätte die Rolle ruhig etwas größer ausfallen dürfen.
Das Ensemble ist bis in die Nebenrollen gut besetzt (auch noch bemerkenswert: Venantino Venantini als weinerlicher Killer) und macht auch mimisch nicht viel verkehrt. Vielen Charakteren merkt man eine kleine Überzeichnung an, deren Hauptcharekteristika übergroß dargestellt. Das tolle an Il Nero ist einfach die losgelöste Inszenierung die er mit sich bringt. Goras einzigste Regiearbeit im Westerngenre zeichnet sich vor allem durch durch eine spürbare Lust an Andersartigkeit aus, die vor Ideenreichtum nur so sprüht, an diesem aber auch etwas stolpert. Während die meisten Ideen auch wirklich zünden, so verpuffen manche dann allerdings auch und lassen den Film etwas straucheln. Zumal die Handlung dadurch auch etwas sprunghaft erscheint, wobei hier allerdings auch angemerkt sei, dass die deutsche Fassung an manchen Stellen leider doch merklich und leider gekürzt ist. Allerdings kann sie nichts an der Qualität ändern, die der Film mit sich bringt. Vor allem auch nicht an seiner so vollkommen einzigartigen Art, trotz seines sehr unscheinbaren Looks, der nichts von den Außergewöhnlichkeiten die Il Nero mit sich bringt, auf den ersten Blick verrät.
Dafür ist der Reichtum an Details, der haarscharf am Rande des Fasses halt macht bevor dieses droht vor lauter Einfällen überschwappt, einfach zu groß. Dies läßt auch zu, dass sowas wie der eben nicht erklärte Antrieb Kendalls Figur nicht als Schwäche angekreidet werden kann. Die kurze Andeutung, als sich der namenlose Pistolero und dem angeheuerten Killer Sweetey gegenüberstehen (und hier mal nebenbei das klassische Westernduell ebenfalls sehr schön überspitzen), bleibt ja eigentlich zu wenig, bietet aber auch Raum für Interpretationen. Für die eigene Phantasie des Zuschauers. Es scheint beinahe so, als wäre dies beim Schreiben des Buchs sogar Absicht gewesen. Funktionieren tut es und das sogar prächtig. An manchen Stellen wirkt der Film zwar, als wolle man hier und da doch auf Nummer sicher gehen, doch überwiegen hier die vielen bizarren Einfälle. Das tolle an Il Nero ist ja auch, dass diese niemals drohen, den Film zu erdrücken. Sie bereichern ihn und machen ihn zu einem unvergleichlichen Westernerlebnis, dass sich lohnt, zu entdecken. Immerhin hat man es hier mit einer zu unrecht viel zu unbekannten Perle aus dem Wust des Genres zu tun.
Man könnte dem Film und seinem Regisseur einzig und allein anhängen, dass die dünne Geschichte vielleicht eben nur Aufhänger für diese vielen absurden und bizarren Momente sei. Um einfach ein wenig herumzuexperimentieren. Immerhin bietet man eben "nur" dieses allseits bekannte Rachemotiv und verzichtet darauf, in diese noch eine weitere Ebene zu transportieren, um Sozialkritik oder ähnlich hintersinnige Botschaften einzuflechten. Dafür ist Il Nero auch der vollkommen falsche Film. Während spätere Italowesternkomödien teils zu überdreht und krampfhaft versuchen, das Genre zu parodieren, schafft dies Gora auf gewisser Weise auf eine vollkommen ernsthafte Art indem er eben wie bereits angesprochen so manches Klischee vollkommen übertrieben ausarbeitet und dem Zuschauer vorsetzt. An manchen Stellen kratzt er sogar an der Schwelle zur Surrealität, begibt sich dann aber wieder auf leichter bekömmliche Pfade. Hier funktioniert der Hang zur Kommerzialität, die ganz klar erkennbare Trivialität des Films, die aber auch gut genutzt wird, um eben so manch' wunderbar schräge Szene zu gebären. Vollkommen ungläubig kann man sich als Zuschauer auf diesen Trip einlassen, der eben trotz all seiner (prächtigen) Bizarrheiten auch schön bodenständig bleibt. Gora gelang hier ein rundum gelungener Western, der in der zweiten Reihe Genre beinahe in Vergessenheit zu geraten scheint, was der Film in keinster Weise verdient hat. Dies hat dieses sehr tolle und begeisternde Unikum das einen hinterher erstmal geplättet zurücklässt, einfach nicht nötig.
Sonntag, 18. Dezember 2011
Viva Cangaceiro
Man könnte hier natürlich das Argument anbringen, dass der Cangaceiro einer unter vielen der damals aufkommenden Revolutions-Western ist. Zwar verschlägt es Fago zwar auch auf den amerikanischen Kontinent, doch nicht wie üblich nach Mexiko. Lieber hat er mit seinem umfangreichen Autorenteam (darunter der ebenfalls als Westernregisseur bekannte Rafael Romero Marchent) in der südamerikanischen Geschichte gewühlt und dort in Brasilien die sogenannten Cangaceiros für sich entdeckt. Diese waren im Nordosten des größten Landes Südamerikas marodierende Banden Gesetzloser, welche u. a. Städte oder auch Stützpunkte der Armee überfielen. Durch die in diesem Landstrich vorherrschende Armut rotteten sich die zusätzlich auch noch von der Regierung unterdrückten, unzufriedensten Bürger zu eben solchen Banden zusammen, welche ihre armen Mitbürger meistens in Ruhe ließen und teils sogar unterstützten. Als Darsteller für seinen Gesetzlosen suchte sich Fago einen gebürtigen Mittel- bzw. Lateinamerikaner aus, so dass dieser nicht nur durch sein gutes mimisches Können sondern auch durch sein Aussehen glaubhaft in dieser Rolle überzeugen kann.
Man griff zum Kubaner Tomas Milian, einem wahren Kultdarsteller, der ja schon zur damaligen Zeit in so einigen Italowestern mitwirkte. Und dieser ist eine wahrhaft passende Wahl für die Figur des Esposito, der in den 20er Jahren während eines Massakers des Militärs an der Bevölkerung seines Heimatdorfs, angeschossen und hinterher von einem Eremiten aufgefunden und versorgt wird. Zuerst ist Esposito nur mit der Pflege seiner Kuh beschäftigt, interessiert sich nicht für die Vorgänge in seinem Dorf, über die auch sein Vater mit ihm redet. Esposito ist eine einfache Haut, ein Naivling, ohne große Bezüge zu seiner Umwelt. Während draußen die Armee vor dem Dorf steht und einen dort untergekommenen Cangaceiro zur Kapitulation auffordert, ansonsten würde man die gesamte Bevölkerung umbringen, kümmert er sich aufopferungsvoll um das Tier. Er bekommt die Vorgänge gar nicht mit und scheint selbst bei der Eskalation der Ereignisse vollkommen desinteressiert diese an sich vorbei gehen lassen. Erst als beim Massaker der Militärs auch seine Kuh daran glauben muss, erwacht er aus seiner Welt, in der er zu leben scheint.
Glücklicherweise überlebt er leicht angeschossen die Gräueltaten und wird nun von einem äußerst gottesfürchtigen Einsiedler gesund gepflegt, der Esposito mit seinem religiösen Gebrabbel ziemlich beeindrucken kann. Vor allem: er beeinflußt ihn auch. Esposito wird vom Eremiten für dessen Zwecke benutzt. Laut diesem, ist ihm immerhin schon Gott erschienen, der zufälligerweise die Gestalt des Kuh- und Vaterlosen Manns trug. Esposito scheint wie ein hohles Gefäß zu sein, in welches man seine Zwecke einfüllen kann, damit dieser sie dann ausführt. Er wandert nun durch die Gegend, predigt das heilige Wort und ruft dabei gleichzeitig zum Kampfe und zur Rebellion auf. Dabei wird er in seinen Worten immer radikaler und nachdem er während eines Bettelzuges vom Militär aufgegriffen und verhaftet wird, wandelt er sich zum Cangaceiro. Er schart die Mitgefangenen nach einem Ausbruch aus der Haft um sich und formt eine Bande, welche den Landstrich, in dem er sich mit seinen Kumpanen niederläßt, mit Terror überzieht.
Dabei ist Esposito, der sich mittlerweile auch "Der Erlöser" nennt, aber dem Gouverneur der Region, einem gewissen Branco, im Wege. Immerhin ist dort ein großes Ölvorkommen entdeckt worden, das dem Land und vor allen den höhergestellten Gesellschaften ordentlich Geld in die Taschen fließen lassen würde. Aber die dort eben umherwandelnden Banden sind das einzige Hindernis, welches dem Abbau des Öls im Wege steht. Mit Hilfe eines holländischen Ölsuchers, der schon mal die Bekanntschaft mit dem Erlöser machte, versucht der Gouverneur Esposito auf seine Seite zu ziehen und so die anderen Cangaceiro-Banden zu beseitigen. Unser Erlöser lässt sich wieder einspannen, merkt aber alsbald, dass er von dem schmierigen Herren betrogen wurde, was dessen Versprechungen angeht. Allerdings hat Branco nicht mit der Rache des Erlösers gerechnet.
Nun macht Fago hier mit der Geschichte zwar schon so einiges richtig, dennoch erscheint Viva Cangaceiro doch auch etwas holprig an manchen Stellen. Milian verkörperte übrigens auch schon in Corbuccis Lasst uns töten, Compañeros (ebenfalls 1970) einen naiven Menschen, welcher durch den Einfluss anderer plötzlich in einer für ihn vormals vollkommen uninteressanten Sache verwickelt ist. Auch hier ist seine Leistung wieder sehr gut, nur das Buch bremst seine Figur auch etwas aus. Der religiöse Einfluss auf Esposito, der seinen Retter durch seine Verwundung an der Seite an Jesus Christus erinnert, wird etwas zu schnell auf die Seite geschoben. Fago zeigt uns in wenigen, schnellen und episodisch erscheinenden Szenen den Wandel Espositos. Es scheint als habe er das Potenzial, welches hier schlummerte nicht erkannt oder nicht weiter nutzen wollen. Schnell wird aus dem predigenden Naivling, dem man anmerkt, dass ihm seine Worte von einem anderen in den Mund gelegt sind, ein fast schon einfacher Bandit. Dabei entfernt sich auch Milians Äußeres weg vom einfachen Prediger der mit Kreuz und Machete seine Worte verkündet zu einem stylish interessanten, aber auch überfrachtend aussehenden Halunken.
Esposito spricht von Freiheit, von Aufstand gegen die Unterdrücker der armen Bevölkerung und versucht das Wort Gottes in revolutionäre Tiraden zu wandeln. Er schart mit den ehemaligen Mithäftlingen eine Bande um sich, wie einst Jesus seine Jünger. Man hätte die religiösen Anspielungen ruhig weiter in den Stoff einbauen und natürlich auch ausbauen können, um die Botschaften, die Viva Cangaceiro hier und da mit sich bringt, weiter auszubauen. Die Geschichte des Heilands umgewandelt in eine Art Revolutions-Western mit ganz eigener, ungewöhnlicher Art. Da hätte man etwas daraus machen können, doch die sichere und wohl auch einfachere Spur wird im weiteren Verlauf der Geschichte bevorzugt. Wobei es Fago hier und da noch schafft, leichte Kapitalismuskritik in den Stoff zu Schmuggeln. Beinahe könnte man seinen Esposito als sozialistischen Heilsbringer ansehen, der für das Wohl des Volkes beisteht und der nur auf Gewinn und Moneten schielende Obrigkeit ans Bein pinkeln will. Immerhin hat er mit Eduardo Fajardo als Gouverneur Branco einen schauspielerisch ebenbürtigen Partner bekommen, der auch sehr gut als aalglatter und skrupelloser Geselle, der nur auf seinen persönlichen Vorteil aus ist, rüberkommt.
Da scheint man zuviel auf einmal mit dem Cangeceiro gewollt zu haben. Nicht nur, dass man diese Allegorie auf die Geschichte plötzlich einfach unter den Tisch fallen lässt und auch die vormals starken religiösen Anspielungen sich im Laufe der Geschichte zurücknehmen. Hinzu kommen sozialkritische Töne, die aber auch nur Ansatzweise aufgezeigt werden um weiterhin auch noch die eigentliche Story des Films erzählen zu können. Es passt einfach nicht so richtig und erst spät schafft es der Film, seinen eigenen Weg zu gehen. Hier wandelt er allerdings eher auf den Pfaden einfacherer geprägter Revolutions-Western. Wenigstens kann er sich durch die Ansiedlung der Story in Südamerika und der Zeit in der er spielt, dem 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, deutlich von diesen abheben. Somit ist Viva Cangaceiro auch nochmal etwas ganz eigenes, eine kleines Unikum, dass es trotz seiner Diskrepanzen im Aufbau der Story zu entdecken gilt. Fago schafft es trotz allem, eine interessante Geschichte zu erzählen, bei der eben leider die Anfangs so interessante Figur des Esposito etwas verblasst.
Dieser Wust an Fäden, welche die Autoren des Films aufgenommen haben, verheddert sich etwas an mancher Stelle und einige werden dann auch noch fallen gelassen. So sind dann auch manche Handlungen einiger Figuren etwas schwerer bzw. nicht allzu logisch nachvollziehbar. Hier wollte man wohl eher etwas mehr Pepp in die Handlung an manchen Stellen bringen, damit auch die Action nicht zu kurz kommt. Immerhin wird auch hier ordentlich die Feuerbüchse betätigt, so dass mancher Filmtod gestorben wird. Spätestens beim Kampf gegen die Militärs wandelt sich Viva Cangaceiro zu einem Spektakel, dass durch einen äußerst tristen und nüchternen Stil auffällt. Allerdings punktet der Film auch durch einige gute Einstellungen, die auf das Konto von Kamermann Alejandro Ulloa gehen. Nicht unterschlagen sollte man auch den etwas eigentümlichen, aber dennoch passenden Score von Riz Ortolani der auch so manche Szene sehr gut aufwerten kann.
Vielleicht war Fago nicht die beste Wahl für so einen komplexen Stoff, eventuell hat er mit seinen Mitautoren auch nur zu viel in einen Film packen wollen. Er ist ein guter Handwerker, dem es allerdings etwas an Esprit und hier und da auch an Feingefühl geht. Grundsätzlich ist ihm hier ja ein sehr interessanter Streich gelungen, dessen Motor bei der Fahrt durch die Handlung ins stottern gerät. Man kratzt zu sehr hier und da an der Oberfläche, bohrt aber nicht weiter nach und läßt einen etwas unbefriedigenden Eindruck zurück. Viva Cangaceiro kann sich durch seinen eigenen Charme, den er mit sich bringt, vor dem Fall in die Bedeutungslosig- bzw. Mittelmäßigkeit bewahren. Doch so richtig rund erscheit das ganze einfach nicht. Sicherlich: auch Filme dürfen und sollten Ecken und Kanten haben, doch an diesen stößt man sich allerdings doch irgendwie zu schmerzhaft. Und irgendwie ist der Film trotzdem auch so etwas wie eine klitzekleine Perle, die es zu entdecken gilt. Hier geht die Zwiegespaltenheit, die auch dem Werk innewohnt, fröhlich weiter. Alles in allem aber ein ansprechender Film der auch durch seine ganz außergewöhnliche und andere Art faszinieren kann. Ja, der Giovanni ist schon ein Fuchs. Bevor er mit anderen Arbeiten wieder eher durchschnittliche Arbeiten ablieferte, hat er hiermit schon ein aus seiner Filmographie herausstechendes Stück Film abgeliefert.
Dienstag, 13. Dezember 2011
Djangos blutige Spur
Und als man in der italienischen Filmindustrie die ohnehin schon recht angestaubten Sandalen an den Nagel hing und sich anderen Stoffen widmete, so zog natürlich auch Boccia mit, inszenierte hier mal einen Agenten- und dort einen historischen Abenteuerschinken, bevor er sich dem nächsten Trend widmete. Vier Italowestern entstanden unter seiner Regie, wobei aus dieser Phase wohl vor allem Die sich in Fetzen schießen (1967) herausragt. Dieser Film wurde nämlich schon drei Jahre später neu verfilmt. Das Quasiremake hörte auf den Namen Matalo bzw. in Deutschland Willkommen in der Hölle und stellt einen ausgesprochen psychedelischen und herausragend anderen Italowestern dar. Boccias Vorbild für diesen Ausnahmefilm kommt dabei viel ordentlicher und bodenständiger daher. Zwei Eigenschaften, die man auch seinem letzten Western zusprechen kann. Was allerdings nicht heißt, dass Djangos blutige Spur etwa zu bieder umgesetzt wurde. Man merkt dem Streifen ja schon seine Entstehungszeit, die beginnenden 70er, doch etwas an.
Gerade auch beim Hauptdarsteller Richard Harrison, welcher mit seinem breiten Oberlippenflusensammler hier auf der Suche nach den Mördern seiner Schwester ist. Jeff Cameron ist hier sein Name, ein Kriegsgefangener, der nun in den Süden und seine Heimat zurückkehrt und die niederschmetternde Nachricht überbracht bekommt, dass Schwesterlein Deborah den Radies beim Wachsen von unten betrachten muss. Der Erlös des Verkaufs der Familienranch wurde ihr hier zum Verhängnis. Während der Auszahlung durch die Käufer des Grundstücks, einer Eisenbahngesellschaft, wird sie von einem bediensteten beobachtet. Schon hier geifert er beim Anblick des vielen Zasters die Fensterscheibe voll um dann mit einem Kumpanen in der nahe gelegenen Stadt einen Hinterhalt zu planen, in den Deborah leider auch vollends reintritt. Entrinnen gibt es keinen und während Oberfiesling Montana sogar noch kurz seinen Spaß mit dem armen Mädel hat, wird sie hinterher kaltblütig ermordet. Also schmiedet Jeff nach einigen Hinweisen auf die Mörder, die er gesammelt hat, den Plan, den insgesamt fünf Herren welche am Tod der Schwester schuld sind, sein Leibgericht zu servieren. Natürlich ist dies nichts anderes als eiskalt servierte Rache.
Der gute Harrison, wie Boccias Peplum-Lieblingsdarsteller Bellini ebenfalls ein ehemaliger Muskelpumper, ist hier wirklich gut aufgelegt. Sein flapsiger erster Auftritt als recht neben sich stehendem, verlumpten Kerl der in inniger Zweisamkeit mit seinem Maultier Manolito zu sein scheint, erinnert uns dabei ein klein wenig an diverse Auftritte von Terence Hill in diversen Prügelwestern, die er mit Dauerpartner Bud Spencer bestritt. Zerzaustes Haar, leicht angeschickert und trotzdem immer einen launigen Spruch auf den Lippen. Da verzeiht man ihm auch das schäbige rosa Hemd, welches er in dieser Szene trägt. Diesen kleinen, auflockernden Anflug von Humor lässt schnell die Sympathien für Harrison entstehen. Auch wenn er im weiteren Verlauf des Films ab und an wie ein typischer Held aus US-Western rumrennt, so sieht man dem bärtigen Herren gerne bei seinem Rachefeldzug zu. Eine markige, aber niemals kalauernde sondern eher sehr sorgfältige deutsche Synchronisation unterstreicht dies hier auch noch gekonnt. Hier und da scheint man es in der Ausrichtung Harrisons Figur etwas zu gut gemeint haben, zu cool erscheint der Herr. Seine Figur lässt etwas Verbissenheit in seinen Bemühungen vermissen.
Zumal er ja ohnehin ein sehr leichtes Spiel hat, die Pappenheimer, welche seine Schwester auf dem Gewissen haben, ausfindig zu machen. Hier leiert Boccia, der auch das Script schrieb, die Geschichte leider etwas zu einfallslos einfach runter. Nach dem ersten Hinweis auf den Aufenthaltsort von Obermufti Montana macht sich Jeff einfach dorthin auf, trifft diesen zwar an, bekommt ihn aber nicht in die Finger. Dafür spürt er nach und nach die Komplizen auf und richtet diese logischerweise einen nach dem anderen für ihr grausigen Vergehen. Selbst hier kommt er, bis auf die erste Begegnung mit Montana, nicht in Schwierigkeiten. Hier umgeht Boccia das ungeschriebene Italowestern-Gesetz, dass der Protagonist mindestens einmal in die Hände des Widersachers gerät und schlimmste Misshandlungen aushalten muss. Von daher ist die vom ohnehin unsinnigen deutschen Titel angedeutete Spur keineswegs blutig. Das hier kein Django vorkommt, versteht sich nach den bisherigen Ausführungen zum Film auch von selbst.
Aber Boccia versteht sein Handwerk und schafft es mit dem angesprochen wohlgesonnenen und spielfreudigen Harrison schnell den Zuschauer auf seine Seite zu ziehen. Die wilden (und milden?) Siebziger versprühen ihren Glanz, ihre ganz eigene Art und rein atmosphärisch bietet uns der mit 69 Jahren in Rom verstorbene Regisseur ausgezeichneten Stoff. Staubige, verlassene oder auch sehr runtergekommene kleine Städtchen bilden hier den Hintergrund für eine Geschichte, die einfach mehr Biss vertragen hätte. Somit hätte man wohl auch einen richtig starken Western hinbekommen. Wobei Djangos blutige Spur keineswegs schlecht ist. Einen Innovationspreis wird das Machwerk nie gewinnen, doch besser eine gute, aufgewärmte Story als miese Neukompositionen, die nicht munden wollen. Zumal nicht nur Harrison zu überzeugen vermag. Als weibliche Hauptrolle, die allerdings erst zum Ende etwas Screentime bekommt, bekommt man die dralle Anita Ekberg als Dame aus dem horizontalen Gewerbe zu Gesicht. Irgendwie ist die Rolle der schwedischen Aktrice etwas verschenkt, auch wenn Chemie zwischen ihr und Harrison stimmt. So hat man wenigstens noch eine kleine Nebengeschichte in den dünnen, hier und da vorhersehbaren Stoff, eingebaut bekommen.
Der oberfiese Montana wird von Rik Battaglia gemimt, ausserdem ist auch noch George Wang als einer der Bösewichte zu sehen. Dabei macht auch Battaglia eine gute Figur und ist auch für die wenigen im Film doch zu sehenden Sadismen zuständig. Eventuell gibt es aber im Ausland sogar mehr zu sehen, hier und da erscheint die deutsche Fassung etwas holprig und unvollständig. Dennoch ist die unaufgeregte, aber saubere Machart des Films ein Pluspunkt, die den Stoff bis zu seinem doch eher unspektakulären Ende über die Zeit rettet. Dazu versüßt einem der recht präsente und tolle Score von Carlo Esposito den Film. Die bekannte Rachestory, die man wie den kommenden Besuch im norddeutschen Flachland schon ewig vorher sehen kann, vermag es nun wahrlich nicht, Bäume auszureißen bzw. Begeisterungsstürme zu entfachen. Doch der ohnehin für sein Talent, kostengünstige Stoffe gut aussehen zu lassen, bekannte Boccia schuf einen dennoch sehr lockeren und leicht den damaligen Zeitgeist versprühenden Italowestern. Wie bereits angesprochen, wäre etwas mehr Biss wünschenswert. Aber auch so ist der Film ein voll und ganz zufrieden stellender und in Ordnung gehender Beitrag.
Donnerstag, 27. Oktober 2011
Pronto Amigo
Nur eine ganz so dramatische und spannende Sause ist die Geschichte dann doch nicht. Das mag man kaum glauben, inszenierte Regisseur mit weitaus mehr Elan und weniger Hemmungen den unglaublichen Giallo In The Folds Of Flesh (1970) der auch wohl zu seinem bekanntesten Streifen gehört. Vielleicht war Bergonzelli einfach noch nicht so richtig auf dem Schaffenshöhepunkt angelangt oder hat hier ganz einfach nur seinen Job erledigt. So genau werden wir es nie erfahren, verstarb Bergonzelli doch schon 2002. Der Regisseur, welcher Anfang der 50er Jahre seine Karriere im Filmgeschäft als Darsteller begann, war wie so viele seiner Kollegen in keinem bestimmten Genre zu Hause und versuchte sich überall. Dabei gingen sogar zwei Aufklärungsfilme aufs Konto, während er in der späten Phase seiner Regiekarriere sich eher erotischeren Stoffen widmete. Da schien er bei bereits erwähntem Giallo-Übersleazer auf den Geschmack gekommen sein. Neben Pronto Amigo hat er auch noch einige andere Italowestern vollendet, darunter mit Das letzte Gewehr (1964) einen der ersten in Italien gedrehten Western. Bekanntestes Werk aus dieser Schublade dürfte wohl der 1971 enstandene Sando Kid spricht das letzte Halleluja darstellen, bei dem allerdings auch der geborene Argentinier León Klimovsky seine Finger mit im Spiel hatte.
Bei Pronto Amigo gibt sich Bergonzelli aber recht zugeknöpft. Zurückhaltend wird hier eine Geschichte erzählt, die sich von den üblichen Rachegeschichten oder dem Kampf um den schnöden Mammon abhebt, wobei letzteres schon noch in der Story enthalten ist. Dem Regisseur und seinem Co-Autoren Ambrogio Molteni gelingt es auch, dass die verschiedenenen Elemente des Films zusammen passen und ineinander greifen. Das Hauptaugenmerkt richtet man auf die Beziehung zwischen Scotty und dem mexikanischen Wüstling, lässt allerdings auch die anderen Nebenstränge der Handlung nicht außer acht. Wobei man gegen Ende die dramatische Wendung in der Geschichte um Janet und ihren Ehemann ein wenig schnell abfrühstückt und somit abhakt. Dies erscheint so, als wollte man hier noch ganz schnell - ehe man es vergisst - einen Strich unter diese Sache setzen. Allerdings schafft es das Autorenduo nicht richtig die hohen Vorgaben die man sich vielleicht auch versehentlich gesetzt hat, umzusetzen. Während es andere Filme aus dem gleichen Genre verstehen, ihre beiden ungleichen Protagonisten ins rechte Licht zu rücken und deren Beziehung genaustens zu betrachten und zu analysieren so bleibt Bergonzelli hier schon zu Beginn auf der Strecke liegen.
Hauptdarsteller Bob Henry, für den Pronto Amigo gleichzeitig erster und letzter Film in der Karriere als Darsteller war, gibt einen betont lässigen und coolen Helden, der eher die typischen Züge der Hauptfiguren in klassischen Western aufweist. Auch wenn er wie einige Antihelden späterer Werke aus dem Italowestern wohl eher immer auf den großen Reibach bedacht ist, so trägt er sein Herz doch am rechten Fleck. Dies wird schon mit der ganz sachte auflodernden Beziehung zwischen ihm und der Indianerin Maya angedeutet. Er ist eben ein gütiger Mann, ein Heroe im althergebrachten Stil. Etwas differenzierter geht man es bei El Condor an, auch wenn dies nur Andeutungen sind. Der mit strenger Hand über sein Gefolge herrschende Kerl, der schnell mit roher Gewalt bei der Sache ist, wenn jemand aus der Reihe tanzt, scheint aber auch seine gute Seiten zu haben. Gottesfürchtig ist er und ein wohl umsorgender und liebender Vater, wenn er in Szenen mit seinem Kind zu sehen ist. Außerdem scheint er auch ein ausgemachter Tierfreund zu sein. Doch an und für sich haben wir es dann doch eher mit dem fiesen und gnadenlosen Banditen aus dem Nachbarland der Staaten zu tun.
Etwas ungewohnt erscheint bei diesem übrigens auch die Tatsache, dass der Mexikaner vom chinesischen (!) Darsteller George Wang verkörpert wird. Dabei macht der Schauspieler, welcher auch in ettlichen anderen Italowestern vor der Kamera stand, gar keine so schlechte Figur. Im direkten Vergleich mit seinem Gegenüber Henry geht er sogar als klarer Sieger aus dem Schauspielduell hervor. Wang scheint sichtlich Freude an der Rolle zu haben und stiehlt dem Rest der Belegschaft die Schau, wobei aber auch die anderen Kollegen eine gute Figur machen. Überraschen an Pronto Amigo ist dabei auch, dass in dem ansonsten sehr maskulin geprägten Genre diesmal zwei weibliche Figuren eine größere Rolle spielen. Als verschleppte Janet erleben wir dabei die in anderen Genreproduktionen ansonsten eher freizügiger auftretende Lucretia Love. Zarte Bande mit Held Scotty darf die gar nicht mal schlecht ausschauende Marisa Solas schließen, während im Gefolge der vor allem als Nebendarsteller in einigen Poliziotteschi bekannt gewordene Luciano Catenacci, stilecht mit blankem Schädel, auftaucht. Man macht seine Sache gut, ausreißer gibt es keine zu entdecken. Weder nach oben noch nach unten, was auch im Gesamteindruck von Pronto Amigo dessen Mängel ausmacht.
Bergonzelli hat hier einen Streifen geschaffen, den man als rundum okay betrachten kann, der allerdings keine Glanzstunde des Genres darstellt. Das wohl etwas geringere Budget konnte man gekonnt verstecken und die Settings, in denen der Film vorüberwiegend spielt, sind sogar ziemlich ansprechend geraten. Gerade die von El Condor besetzte Klosterruine weiß zu gefallen und verleiht dem Film noch etwas an Atmosphäre, die ihm wohl ansonsten verlustiert gegangen wäre. Geht man mal vor die Klostermauern, so ist es westernuntypisch ziemlich Grün vor der Haustür und die Wüste erscheint so, als habe man in den Drehpausen von Demofilo Fidani dessen Stammsteinbruch benutzt. Wobei Pronto Amigo bei weitem nicht so sehr nach Low Budget wie dessen Machwerke ausschaut und gegen Ende sogar mit einigen aufwendigen Massenszenen punkten kann, die man so gar nicht erwartet hätte. Da kommt sogar einiges an Action auf, die man sonst eher schmerzlich im Film vermisst und dem Gesamtpaket deutlich gut getan hätte. Der Western fließt wie ein Fluss in ruhigen Morgenstunden an einem vorbei, dann stürmt es ein wenig und ehe man sich versieht ist das ganze auch schon wieder vorbei.
Es ist ein ganz unaufgeregter und unauffälliger Film, der im Reigen der Italowestern irgendwo in der zweiten oder dritten Reihe steht und einem nicht weiter auffällt bzw. den man nach betrachten auch schnell wieder vergessen könnte. Richtig bemerkenswertes bleibt nicht hängen, außer die Tatsache, dass der Film auch nicht übermächtig weh tut. Bergonzelli hätte seinem Film ruhig mehr Biss verleihen können, so kommt Pronto Amigo ein wenig wie abgestandene Limo die an Geschmack und prickeln verloren hat rüber. Da passt sich auch der Score von Gian Piero Reverbi an, der auch recht unbemerkt im Hintergrund vor sich hin dudelt ohne dass er mal ganz prägnant in der Vordergrund tritt. Das ist weder Fisch noch Fleisch was einem Bergonzelli vorsetzt und auch wenn das ganze ein wenig fade erscheint, so war es im Endeffekt dann doch ganz in Ordnung. Mehr aber auch nicht. Verschenkte Möglichkeiten bietet der Film ebenfalls, gerade bei der Beziehung zwischen Condor und Scotty hätte man noch etwas mehr in die Tiefe gehen können, wenn das Gespür dafür vorhanden gewesen wäre. Oder einfach nur etwas mehr Schwung, Pepp und Action - das würde Pronto Amigo auch gut zu Gesicht stehen. Für einmal Anschauen reicht der Film aber dennoch aus. Auch wenn man weiss, dass der Herr Bergonzelli auch anders kann.
Dienstag, 26. Juli 2011
Satan der Rache
So richtig wurde er die Einflüsse dieses Genres, in dem er noch recht zu Beginn seiner gut 40 Jahre andauernden Karriere wirkte, nicht wirklich los. Was für einige andere Filme ein glücklicher Umstand wurde. So lebt sein Giallo 7 Tote in den Augen der Katze (1973) von dem Umstand, dass hier typische Giallo-Kost mit gothischen Horrorelementen verbunden wird. Da die Gialli auch ein wenig von den deutschen Edgar Wallace-Filmen beeinflusst wurden und manche das Genre zwischen Thriller, Krimi und teils auch Horror schwankte, ist dies gar nicht mal so ungewöhnlich. Doch selbst in seinen Italowestern schimmern diese Gothic-Einflüsse durch. Nicht unbedingt im 1967 entstandenen Der Tod reitet mit, welcher eher den damals sehr trendigen Eurospy, durch den Erfolg von James Bond eben in Europa entstandene Agentenfilme, in die Zeit des wilden Westens verlegte. Viel eher machen diese sich in dem darauf folgenden Fünf blutige Stricke (1968) und vor allem in Satan der Rache bemerkbar. Bei den Spaghetti-Western war man Experimenten sowieso nie abgeneigt, doch bis auf Giunse Ringo e... fu tempo di massacro (1970), hat man es eigentlich nie wirklich versucht, Horror und Western sprichwörtlich unter einen Hut zu bekommen. Kommen dann aber Western zur Sprache, welche mit Elementen des (Gothic) Horrors arbeiten, so fallen meist die Titel Django und die Bande der Bluthunde (1969) sowie eben Satan der Rache.
Hier erlebt man Klaus Kinski sogar mal als Helden, während er ansonsten doch meistens immer auf der Seite der Bösewichter zu Hause war. Als Gary Hamilton saß er zehn Jahre lang unschuldig in Haft und verbrachte diese Zeit mit Steine kloppen in einem Steinbruch. Durch eine Amnestie des US-Präsidenten und wegen guter Führung wird er entlassen. Schnurstracks zieht es ihn in die Heimat, wo er noch eine Rechnung mit seinem alten Weggefährten Acombar offen hat. Dieser hat nämlich Schuld daran, dass er im Steinbruch versauern musste, als er nach einem Überfall auf einen Goldtransport Hamiltons Feldflasche am Tatort zurückließ um diesem so die Schuld in die Schuhe zu schieben. So konnte sich Acombar Garys Haus und dessen Verlobte Mary unter den Nagel reißen und ist nun ein reicher Mann, der mit seinen Mannen die nahegelegene Stadt und deren Bewohner mit seinen Mannen nach seinen Regeln kontrolliert. Als er die Rückkehr vom Sohnemann von der Offiziersschule feiert, überbringt dieser dem Herrn Papa einen Gruß von einem Mitreisenden, der seinen Besuch für den Abend ankündigte. Als der Name Hamiltons fällt versteinern die Mienen der Anwesenden. Acombar bespricht sich mit seinen Männern und beschließt, Hamilton aus dem Weg zu räumen. Dieser macht sich aber einen aufziehenden Tornado zu nutzen um im Schutze von diesem seine Rache zu üben.
Mit diesem Storydetail schafft es Margheriti, der auch am Buch mitgeschrieben hat, der durchweg an einen Gothic Horror-Streifen erinnernden Stimmung und Atmosphäre einen realistischen und gar nicht so unglaubwürdigen Hintergrund zu geben. Dieser begründet das gespenstische Pfeifen des Windes und die damit verbundenen aufspringenden Türen und Fenster, die man wegen dem fast durchweg düsteren Szenenbild so auch in manchem angenehm altmodischen Gruselschinken sieht. Satan der Rache glänzt in seinen stärksten Momenten mit einer nahezu gespenstischen Stimmung, die man zu Beginn des Films gar nicht erwartet. Hier zeigt man dem Zuschauer den eintönigen Alltag der Strafgefangenen eines Steinbruchs, bei der die Einführung Kinskis mit einem Hauruck-Effekt von statten geht. Mit Schwung erschlägt er eine Klapperschlange, die seine Mitgefangenen beim Abbau der Steine freigelegt haben vollkommen ohne Anzeichen von Furcht. Kinski legt hier einen eiskalten Blick auf, der die Marschrichtung der charakterlichen Entwicklung seiner Figur vorgibt. Der Kultmime mag hier vielleicht nicht alles geben und chargiert so auch nicht vollkommen enthemmt und hemmungslos, doch das leicht unterkühlte Spiel passt zu Hamilton. Die zehn Jahre Gefangenschaft, die er unschuldig vollbrachte, scheinen nicht spurlos an ihm vorübergegangen zu sein. Als er erfährt, dass er ein freier Mann ist, nimmt er dies teilnahms- und regungslos hin. Als wäre dies alles weit weg für ihn, steht er entrückt zwischen den Kameraden. Seine Gedanken scheinen hier wohl schon um Acombar zu kreisen.
Erst beim Szenenwechsel sehen wir einen anderen Hamilton der nun sehr zielgerichtet seine Reise in die alte Heimat aufnimmt. Wie viele andere Westernprotagonisten treibt ein einziger Gedanke ihn und seine Handlungen an. Rache. Ein Motiv, dass man von jedem noch so großen und selbst den ganz kleinen Western kennt. Hundert-, tausendfach benutzt und selbst 1969 war das nicht mehr ganz so frisch. Aber Margheritis Herangehensweise an und die Umsetzung des Stoffs schaffen es, Satan der Rache aus dem Durchschnitt zu hieven. Der kauzige Alte, bei dem sich Hamilton dann nach seiner Ankunft und dem zufälligen Treffen mit Acombars Sohn in der Postkutsche ein Pferd und eine Waffe besorgt, erwähnt in den vielen Worten, die er von sich gibt, einen aufkommenden Tornado. Zu dieser Zeit gleicht der Film vieler seiner Artverwandten. Die Landschaft ist steinig, rauh und die Sonne brütet vom Himmel, an dem weit und breit kein Wölkchen zu sehen ist. Gerade großartig ist es dabei zuzusehen, wie sich der Sturm ankündigt und er so auch nicht nur Dunkelheit über die Stadt bringt, sondern gleichzeitig auch ein Sinnbild für die bevorstehende Handlung wird. Margheriti läßt ihn wie einen Boten erscheinen, der von der Ankunft eines schwarzen Mannes erzählt. Durch einen sehr subtilen und untypischen Score, der auch eher an Horrorfilme erinnert, verstärkt man noch diesen Eindruck. Während erste kleine Anzeichen im Gruselfilm das große Schrecken wie einen Geist oder ein Monster ankündigen, so ist das "Gespenst" hier eben sehr real.
"Vogelschwärme, Dick. Sie fliehen vor dem Tornado. Sie spüren, dass sie krepieren müssen wenn der Tornado kommt." So erklärt Acombar seinem Sohn die seltsamen Geräusche die aufziehen, kurz nachdem dieser Hamiltons Grüße überbracht hat. Die Kombination des leisen Scores, der Vogelstimmen und den vorangegangen Reaktionen des Vaters und seiner Männer läßt Margheriti so erscheinen, wie man in Horrorfilmen die erste leise Andeutung des hereinbrechenden Unheils erscheinen läßt. Mit dem Tornado kommt der Tod. Eine schöne Doppeldeutigkeit, bringt dieser hier doch auch Gary Hamilton mit sich, der mit Acombar sicherlich kein Eis löffeln oder einen Whiskey bechern möchte. Was dann folgt, ist der Kampf eines Einzelnen gegen eine Übermacht an Kontrahenten. Margheriti läßt seinen Protagonisten nun wie ein Geist erscheinen. Ganz in schwarz gehüllt taucht er auf und verschwindet wieder urplötzlich, wird mit dem Dunkel, welches der Sturm mit sich bringt, eins und tritt aus den Schatten der Häuser oder kommt sogar aus der Erde bzw. einem unterirdischen Gang hervor. In dieser Szene könnte man Garys aus dem Boden kommende Hand auch für die kalten Griffel eines Untoten halten. Die Atmosphäre ist dabei zum Schneiden dick und Margheriti läßt Gothic Horror und Italowestern eins werden. So erscheint Acombars Haus durch seine Einrichtung auch eher wie eines der vielen düsteren, auslandend eingerichteten Schlösser aus den gothischen Horrorwerken. Die im Wohnzimmer mit Spiegelwände sorgen dann nicht nur für viele fotografische Kniffe sondern auch für eine weitere schlüssige Darstellung Hamiltons ohne dem Charakter dabei seine Geisterhaftigkeit zu rauben.
Ohnehin ist die Kameraarbeit hier auf einem großen Niveau, die viele tolle, verspielte Einstellungen bietet. Margheriti läßt die Atmosphäre greifbar werden und läßt alle Schauplätze unheimlich und düster erscheinen. Nach seiner Ankunft versteckt sich Hamilton in einer Höhle, wo man somit auch gekonnt mit Licht- und Schattenspielen arbeiten kann und die ebenfalls vom gothischen Schreckwerk bekannten Spinnweben bietet. Hier kann man Margheriti vorwerfen, dass er sich viel mehr in der gekonnten Darstellung der Symbiose zwischen Grusel und Western ergeht, als dass er die Geschichte vorantreibt. Gary schafft es natürlich mit viel List, die auf ihn gehetzten Männer seines Widersachers zu überwinden. Da er bis auf einen gebrechlichen Arzt und eine Saloonbesitzerin keine große Unterstützung hat, kann dies natürlich nicht in aller Schnelle geschehen. Doch während man so manche tolle fotografische Einfälle und atmosphärisch dichte Szenen präsentiert, tritt hier Satan der Rache doch etwas auf der Stelle. Man wünscht sich die Geschichte dann doch etwas variantenreicher. Es entsteht ein kleiner Durchhänger, der den an sich sehr guten Gesamteindruck des Films ein wenig schmälert. Da bemerkt man so richtig, dass hier ganz klar auf die Mischung der Genreelemente gesetzt wird und die Geschichte Beiwerk ist.
Neue Aspekte vermag man es in dieser nicht zu setzen. Das Altbekannte wird durch sein überaus schickes drumherum zu einem schicken etwas, das zu gefallen weiß. Erst gegen Ende fängt man sich wieder und setzt im Finale zu einer großen Tragödie an und kann somit versöhnen. Es wäre viel zu Schade gewesen, hätte man sich durch diese bildhafte Wucht die Satan der Rache mit sich bringt, auch hinter der Kamera umhauen lassen. Dem Rachefeldzug Hamiltons fehlt es an Spannung. Trotz schlüssiger Unterbringung der Gothic-Elemente ist die Zeichnung des Protagonisten als Unbesiegbarer etwas zu viel des Guten. Trotz der unterkühlten Darstellungsweise von Klaus Kinski. Neben diesem geben sich übrigens auch seine Kollegen keine Blöße und bieten solide bis gute Leistungen. Neben Kinski glänzt vor allem Peter Carsten als Acombar, der trotz großer Zahl an Männer, die er auf seinen alten Kumpel hetzt, immer verzweifelter im Kampf gegen diesen erscheint. Egal welches Mittel er anwendet, gegen Hamilton scheint kein Kraut gewachsen zu sein. Ein wie angesprochen für die Story etwas unglücklicher Umstand, der durch andere feine Mittel wieder ausgebügelt wird. Da dieser aber nicht so schwer wiegt, kann man Satan der Rache als einen rundum gelungenen, meisterlichen und sehr ungewöhnlichen Rache-Western ansehen der einen Blick lohnt. So eine Pracht sollte man nämlich nicht ignorieren.
Montag, 16. Mai 2011
Django und Sartana, die tödlichen zwei
So ein falsches Spiel hat ja auch der damalige deutsche Verleih mit dem Zuschauer gespielt. Im Original ist nämlich weit und breit weder etwas von Django, noch von Sartana zu sehen! Ersterer heißt eigentlich Johnny Brandon, der zweite Everett Murdock. Nun gut, das ist man ja als deutscher Freund des italienischen Westerns gewohnt, dass hier und da schon mal ein Django in die Handlung geschmuggelt wurde, wo eigentlich nie einer war. Hier hat man nun eben zwei bekannte Figuren in einen Streifen gepackt, wobei die Umbenennung der Figuren nicht gänzlich unglücklich geraten ist. Einer der beiden Hauptdarsteller, Anthony Steffen, wurde ja schon öfters in solchen Streifen gesichtet, wo viel Django draufsteht aber nicht wirklich viel drin ist. Auch hier gibt er wieder einen vom Wetter gegerbten Kerl, der sich viel Worte spart und dafür lieber Taten sprechen lässt. Ihm zur Seite steht der gebürtige Österreicher William Berger, welcher mit seiner schwarzen Kutte und dem großen Hut schon ziemlich an den Gentleman-like gekleideten Sartana erinnert. Auch er hat einen gewissen Hang zur Wortkargheit und gibt sich äußerst Bibelfest, ist das Buch der Bücher doch seine bevorzugte Lektüre, wenn er nicht gerade irgendwelche halbseidenen Revolverhelden um die Ecke bringt, um für sie ein ordentliches Sümmchen zu kassieren. Immer mit dabei hat er dabei ein siebenläufiges Gewehr, mit dem er für ordentlich Zunder im Laubwald sorgt.
Entgegen der meisten anderen Italowestern, hat man hier als Schauplätze keine großen Wüsten- und Felslandschaften zu bieten. Meister Garrone hat seinen Film etwas günstiger realisiert und läßt so die Haupt- und Nebenfiguren in Laubwäldern agieren. Es erscheint zuerst etwas gewöhnungsbedürftig, doch das sich somit einstellende herbstliche Ambiente gibt dem Film eine ganz eigene Atmosphäre. Wobei man ja nicht nur durch den heimischen Forst stolpert, sondern auch diverse Behausungen als Locations nimmt. Aber wenn vom Drehbuch dochmal nach etwas Wüste verlangt wird, ist diese hier ebenfalls etwas preiswerter ausgefallen als woanders. Billigfilmer Demofilo Fidani scheint man nämlich mal ganz fix aus dessen bevorzugter Sandgrube gescheucht haben und für die Dreharbeiten des Films dort niedergelassen zu haben. Nun mag dies nicht wirklich für authentisches Westernfeeling sorgen, aber richtig schlimm ist dies nicht wirklich für den Film. Es verleiht ihm eher sogar noch einen ganz eigenen Charme. Zumal man die Gegend sofort vergisst, wenn einer der beiden Protagonisten in Erscheinung tritt. Man kann sagen, dass Steffen und Berger, ohnehin zwei Westernveteranen, hier das Ding recht locker über die Ziellinie schaukeln. Steffen wirkt sogar etwas zu routiniert und motivationslos. Auch wenn sein mimisches Können recht limitiert ist, so wirkt sein Spiel in anderen Genreproduktionen doch ein wenig frischer. Glücklicherweise ist da Berger schon etwas besser drauf und seine Auftritte sind auch immer ein wenig die Highlights des Films.
Ansonsten halten sich diese nämlich weitgehend in Grenzen. Garrone, dessen Bruder Riccardo übrigens vor der Kamera als fieser Fargo agiert und dies recht gut hinbekommt, macht zwar keine Gefangenen, wird aber alsbald von der dünnhäutigen Geschichte in die Ecke getrieben. Der deutsche Untertitel ist Programm, denn fast immer, wenn Berger und Steffen im Geschehen mitmischen, werfen sich immer einige Statisten auf den Boden um dessen Opfer zu mimen. Tödlich sind die zwei wirklich, der Bleigehalt ist groß und die Story dementsprechend actionlastig. Dies ist ein Nachteil für die Story an sich, denn ein großer Leichenberg, der von vielem und ausgiebigen Geballer kommt, macht noch keinen guten Italowestern aus. Es wummst und bumst am laufenden Band und das Schema das irgendwo einige der Schleuserbande auftauchen, um Kanonenfutter für Django und Sartana zu bieten, so dass Fargo auch wieder eins ausgewischt wird, ist schnell abgehakt und fängt an, dem Werk die ein oder andere Länge zu geben. Wett machen kann Garrone bzw. das Buch dies kaum, da man bekannte Elemente des Italowesterns zwar ordentlich aneinanderreiht, aber dies ganze eben auch ohne große Innovation macht. Selbst wenn man beginnt, Andeutungen zu machen, dass einer der beiden Kopfgeldjäger wohl etwas im Schilde führt, ist dies nur bedingt ein herumreißen in Richtung spannendere Handlung. Die Nebenstory, in der Nicoletta Machiavelli von Fargo den Hof gemacht bekommt, diese aber alles andere als interessiert ist, mag ebenfalls nicht so recht zünden.
Flotter, actionreicher Einstieg schön und gut. So richtig mag dieses Konzept aber nicht eine Spielfilmlänge funktionieren. Zwar sind ja gerade die Protagonisten im Italowestern Figuren, ohne welche Vergangenheit und Hintergründe, aber hier ist dies schon ein kleines Ärgernis. Eine richtige Bezugsperson hat der Zuschauer nicht wirklich und irgendwann fängt die dünne Handlung an, vor sich hinzuplätschern und einige Szenen auch noch unnötig in die Länge zu ziehen. Schade um den Film, der mit etwas Abwechslung weitaus besser funktionieren würde. Dafür bietet Franco Villa zusammen mit seinem Kollegen Aristide Massaccesi, der dann als Joe D'Amato bekannt wurde, einige schöne Kameraeinstellungen, die den Film, der auch sonst was den technischen Standpunkt anbelangt, recht ordentlich realisiert wurde, ein wenig aufwerten. Gegen Ende hin bekommt man dann noch etwas die Kurve, schlingert aber weiterhin, was man auch am Finale merkt, welches recht unspektakulär und einfallslos über die Bühne geht. Bei solchen großen Namen, die hier vor der Kamera wirken, hätte man sich was ordentlicheres vorgestellt. So ist Django und Sartana, die tödlichen zwei ein ziemlich durchschnittlicher Italowestern bei dem vorzugsweise geballert wird, was die Revolvertrommel hergibt. Für einen wirklich guten Film ist das doch weitaus zu wenig und auch die wenigen Pluspunkte können hier nicht mehr viel retten.
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