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Dienstag, 10. August 2021

Die fünf Kampfmaschinen der Shaolin

Die "Einstiegsdrogen" zur filmischen Spezialisierung bzw. Interessenbildung sind fast immer dieselben: nicht ausschließlich, aber sehr oft waren für viele die Filme des Duos Bud Spencer und Terence Hill das Tor zur wunderschönen Welt des italienischen Genrekinos. Für den Eastern bzw. das Martial Arts-Kino kann man hier entweder Werke mit Bruce Lee oder Jackie Chan als erste Berührungspunkte mit dieser Art Film nennen. Für mich war es letzterer: dessen wilde, manchmal chaotische Mixtur aus grobem Slapstick und hochklassig choreographierten, akrobatischen Kampfeinlagen konnten mich in meinen jugendlichen Jahren zu einigen Begeisterungsstürmen hinreisen. Noch heute liegen mir mehr modernere Martial Arts-Filme, da diese dem jeweiligen Zeitgeist ihrer Entstehungszeit entsprechend temporeicher geschnitten und choreographiert sind. Obwohl die Fights im Martial Arts-Kino der ausgehenden 60er und 70er klarer strukturiert und nachvollziehbarer anzusehen sind, wirken diese für mich immer etwas gestelzt und weit entfernt von der fließenden Poetry in Motion moderner Filme.

Die Filme des Venom Mobs, einer Gruppe fünf befreundeter Schauspieler der altehrwürdigen Shaw Brothers, kann man als eine Art Bindeglied zwischen altem und neuem Kampfkunst-Film ansehen. In den Werken, in denen diese auftraten, wurde das Tempo der Kämpfe schneller, die von den Darstellern fast ausnahmslos selbst choreographierten Kämpfe erhielten einen akrobatischeren Touch. Da es galt, jedem der Individuen seine Sternstunde auf der Leinwand zu schenken, gebot es sich, massig Kämpfe im Film unterzubringen und gleichzeitig für einen ebenfalls interessanten und mitreißenden Plot zu sorgen. Am besten funktioniert das in Vier gnadenlose Rächer, während Die fünf Kampfmaschinen der Shaolin leider daran krankt, dass die Kämpfe viel Platz einnehmen, um die Venoms und die von ihnen dargestellten, sich in einer Bande organisierenden, kriminellen Kampfkünstler alle in einer stark beschränkt wirkenden Laufzeit von knapp neunzig Minuten unterzubringen.

Allen voran ist das der als unbezwingbar geltende Stahlarm. Ihm und seinen Kumpanen Messinghelm, Silberspeer und Eisenfächer dürstet es nach einer von der Regierung angeordneten Goldlieferung. Der damit betraute Yang Hu Yun und sein Sicherheitsdienst rechnet mit den Angriffen der gefürchteten Bande und erhält von befreundeten Kämpfern, darunter u. a. die Axtkämpfer Yen Chiu und Fang Shih, sowie vom dem Wein sehr zugeneigten Agenten Hai Tao schlagkräftige Unterstützung, um das Gold sicher an seinen Zielort zu bringen. Der Weg dorthin ist kein einfacher und mit allerlei Fallen und Duellen gespickt. Die Gimmicks bzw. Kampf-Spezialisierungen der einzelnen Bandenmitglieder sind durchaus nett anzuschauen, Die fünf Kampfmaschinen der Shaolin verpasst es aber, bis auf das von Lo Meng dargestellte Kid with the Golden Arms - so der englische Titel des Films - den einzelnen Bandenmitgliedern ausreichend Zeit zu schenken, dass diese einprägsame Figuren werden. Es bleiben Stereotypen, die man bei allem Können der Darsteller gering variierend aus unzählig vielen anderen Martial Arts-Filmen kennt.

Ein Showstehler ist Philip Kwok als ständig und mit meist gut gefülltem Weinkrug umher wandernden Regierungs-Agenten Hai Tao. Das er immer leicht betüdelt wirkt und sein Trinkgefäß auch gerne mal als Waffe einsetzt, mag ein Zugeständnis an den ein Jahr zuvor entstandenen, ersten großen Jackie Chan-Erfolg Sie nannten ihn Knochenbrecher sein, funktioniert aber als auflockernde, humorige und in den Kämpfen hübsch choreographierte Komponente. Die Kämpfe entschädigen für den dünnen wie spannungsarmen Plot, dessen Twist am Ende recht vorhersehbar kommt, zumal die Hinweise darauf in den Dialogen mehr ungelenk als subtil sind. Der Film ist eine wortwörtliche Kampfmaschine und bietet ein zügiges Erzähltempo. Leider lässt er die Feinheiten, mit denen Regisseur Chang Cheh andere Werke verfeinert hat, etwas vermissen. Die von ihm häufig verwendeten Motive wie Einigkeit und Betrug mögen zwar Grundmotive der Geschichte sein, aber es fehlt ihnen ein unterschwelliges Brodeln, dass seine besten Filme ausmacht.

Weiters sollte man die Lesart von Chang Cheh-Filmen nicht ausschließlich auf dessen Homosexualität beschränken, doch die durchaus vorhandene, unterschwellige homoerotischen Andeutungen und Bezüge, mit denen z. B. sein großartiger Duell ohne Gnade (hier besprochen) eine aufregende, hochinteressante Subversion erhält, geht dem Film ebenfalls ab. Leichte Anflüge davon erkennt man in der Beziehung zwischen den beiden Axtkämpfern, diese ist aber nichts gegen die - um bei Duell ohne Gnade zu bleiben - sehnsuchtsvollen Blicke zwischen Ti Lung und David Chiang. Chang Cheh konzentriert sich mehr auf den Action-Anteil der Story, singt uns dabei das alte Lied von Gier, Verrat und Zusammenhalt und entschlackt Die fünf Kampfmaschinen der Shaolin nahezu von allem aufregend Doppeldeutigem, was seine besten Filme ausmacht. Sein Handwerk verstand der Hong Kong-Chinese und liefert einen simpel aufgebauten, aber sehr routinierten und kurzweiligen Martial Arts-Film alter Schule mit sichtbarem, wenn auch leisem Übergang in ein neues Zeitalter filmischer Kampfkunst.
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Samstag, 22. September 2018

Die fliegende Guillotine 2

Leider war es für mich nicht eruierbar, wie viele Menschen sich Anno 1977 Die fliegende Guillotine in den westdeutschen Lichtspielhäusern anschauten. Sein Erfolg könnte gut, aber nicht gut genug gewesen sein, um die in seinem Heimatland entstandenen Fortsetzungen auch nach Deutschland zu holen. Der zweite und der dritte Teil des heutzutage als Klassiker angesehenen Martial Arts-Films schafften es nicht über den Ozean und erst vor kurzem wurden sie vom österreichischen Nischenanbieter Shock Entertainment als Deutschlandpremiere auf DVD und Blu Ray, sogar mit eigens angefertigter Synchronisation, veröffentlicht. Nicht gut genug könnte die erste Fortsetzung auch hinsichtlich seiner Qualität gewesen sein, dass die Bahnhofskinoverleiher der Republik die Finger von diesem ließen.

Bevor in den 80ern begonnen wurde, sie inflationär zu nutzen, waren in den Jahrzehnten davor Sequels eher eine Ausnahme bei besonders großen Kassenerfolgen, die Potenzial für eine Fortsetzung erkennen ließen. Selbst in der Prä-Film-Franchise-Ära schien das eiserne Gesetz zu gelten, dass der Zweitling mehr von dem zu bieten hat, was den Ursprungsfilm ausmachte. Im Falle von Die fliegende Guillotine 2 heißt das, viel mehr Fights als in Teil 1. Ruhigere Passagen werden hier immer wieder von Situationen durchbrochen, in denen sich ein weiterer Kampf anbietet. Die gibt es in der im Vergleich zu Teil Eins nur leicht abgewandelten Story zu Hauf. Wieder wird eine Leibwache für den bösen Kaiser geformt, die speziell an der Guillotine ausgebildet wird. Dieses Mal sind es 12 Frauen, die für das Leibeswohl des Regenten sorgen sollen, nichtsahnend, dass die Anführerin der Damen, immerhin Tochter eines kaiserlichen Ministers, zu einer Gruppe von Rebellen gehört. Mit beharrlichem Drängen schafft sie es, das Vertrauen des Kaisers zu gewinnen, dass er sie und ihre Gefährtinnen zur persönlichen Leibwache ernennt.

Um der Story noch mehr Pfiff zu verleihen, gibt es auch hier wieder Verrat und Intrigen, die dafür sorgen, dass der Kaiser Wind davon bekommt, dass sein Palast von Rebellen infiltriert wurde, zu denen auch der aus dem ersten Teil bekannte Ma Teng gehört. Es entbrennt ein unerbittlicher Kampf zwischen dem Mandschu-Regenten und den Han-Rebellen, in dem es nicht nur um die Pläne der effizient wie gefährlich weiterentwickelten fliegenden Guillotine, sondern auch um das Leben der Rebellenführer sowie des Kaisers geht. Zwar muss man auf Chen Kuan-Tai verzichten, dafür schaut mit Ti Lung ein anderer Shaw-Star vorbei, der dieses Mal den Rebellenhelden Ma Teng verkörpern darf. Viel Screentime erhält der Mime nicht. Die Story konzentriert sich auf die weiblichen Heldinnen und kann damit seine formellen Schwächen ausbügeln. Die fliegende Guillotine 2 mag männliche Helden bieten; sie spielen in der Geschichte eine untergeordnete Rolle. Die Protagonisten verkörpert hier die entschlossene, mutige und aufrechte Heroin, die für die guten Werte einsteht und dem bösartigen Kaiser entgegengestellt wird.

Die in dieser Zeit aufblühenden radikal-feministischen Exploitation-Filme des US-Kinos á la Coffy oder Switchblade Sisters schienen ihre Einstellung bis nach Asien zu streuen, während gleichzeitig Europa, allen voran deutsche Genreware, standhaft Sexismus und Misogynität die Stange hielt. Das Endergebnis punktet durch diese Ebene, während der Rest durch routinierte, aber uninspiriert repetitives Storyhandling auffällt, dem weitere neue Aspekte fehlen. Lieber kleistert man alles mit zugegeben gut choreographierten Fights zu, während die Handlung beginnt, auf der Stelle zu treten. Die eingeführte Rebellengruppe, die weiblichen Assassinen des Kaisers und selbst das geupgradete Mordwerkzeug bleiben in der umständlichen Handhabung des Stoffs durch die Regisseure hängen. Brillierte schon Die fliegende Guillotine mit holprigen Schnittfolgen, ist das Pacing hier noch fürchterlicher. Dieses filmische Kammerflimmern durchbricht den mühsam aufgebauten Erzählrhythmus und als Zuschauer muss man sich wie die nach Rückschlägen gebeutelte Rebellengruppe neu ordnen.

Das geht zu Lasten des Gesamteindrucks. Die fliegende Guillotine 2 ist kein Totalausfall, kann aber zu keinem Zeitpunkt an den großartigen Erstling heranreichen. Der Film möchte viel, schafft komplett wenig, um vollends zu überzeugen. Ein Sequel mit den typischen Fehlern, die man in einer Fortsetzung machen will, um damit den Vorgänger zu toppen. Sich mit diesem zu messen und eine Latte draufzulegen, ist ein leicht gescheitertes Unterfangen. Wäre da eben nicht die feministische Note, dem sich auch das chinesische Festland in den 70ern nicht entziehen konnte. Begannen erste Frauenrechtsgruppen schon kurz nach der Revolution 1911, für eine Änderung in der chinesischen Gesellschaft zu kämpfen, erstarkten diese auch in China mit dem weltweiten Feminism Movement. Einzig hier toppt man das Original mit den politischen Parallelen; der Film wirkt sogar freier und offener in der Verarbeitung dieser in seinen Plot. Da ist es doppelt schade, dass der Film als reiner Martial Arts- bzw. Action-Film nicht aus dem Durchschnitt ausbrechen kann.
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Mittwoch, 19. September 2018

Die fliegende Guillotine

Der Film und das titelgebende Mordwerkzeug haben eine Gemeinsamkeit: beide besitzen aus unterschiedlichen Gründen einen Legendenstatus. Die wurfscheibenförmige Waffe soll Beteuerungen nach wirklich existiert haben; leider gibt es weder erhaltene Exemplare der fliegenden Guillotine noch offizielle Überlieferungen. Von Mund zu Mund und von Ohr zu Ohr hallten die Geschichten über das effektive Wurfgerät und schufen eine Legende, deren Wahrheitsgehalt nicht mehr feststellbar ist. Dem Vernehmen nach soll sie in der Qing-Dynastie entwickelt und eingesetzt worden sein. Der von den Shaw Brothers produzierte Film gehört für viele Fans zu den Großtaten des Genres und des Studios selbst. Häufig wird er in einem Atemzug mit weiteren Klassikern wie Die 36 Kammern der Shaolin, Zhao - Der Unbesiegbare oder Duell ohne Gnade genannt und vereint wie diese die klassischen Motive des Genres. Im Kern behandelt der Film die Rebellion gegen den tyrannischen Kaiser Yung Cheng, der getrieben von seiner Paranoia eine mächtige Waffe, jene fliegende Guillotine, entwickeln lässt um speziell an dieser ausgebildete Assassinen Attentate auf vermutete Feinde und unliebsame Naturen ausüben zu lassen.

Die Rebellion kommt wie von Yung Cheng befürchtet nicht von außen, sondern aus dem Inneren selbst. Ma Teng, bester Kämpfer in der für den Kaiser gebildeten Attentäter-Geheimstaffel, kann nicht länger seine Zweifel an der Richtigkeit der vom Kaiser erlassenen Aufgaben unterdrücken und wirft die Brocken hin. Mit seiner Angebeteten, der Straßensängerin Ping Yu baut er ein neues Leben als Farmer auf, ohne zu wissen, dass ihn seine ehemaligen Kameraden im Auftrag des Kaisers versuchen aufzuspüren um den Deserteuren zu töten. Das Drehbuch greift Themen wie Loyalität und deren schlimmen Auswüchse der blinden Gehorsamkeit, politische Unterdrückung von Minderheiten und Resultate despotischer Regierungen auf und bettet sie in eine leichtfüßig wie bodenständig erzählte Geschichte. Der Fokus von Regisseur Ho Meng-Hua liegt viel mehr auf der persönlichen Ebene und dem Drama um Ma Teng als dem Zuschauer reihenweise spektakuläre Kämpfe zu bieten. Die fliegende Guillotine ist sorgfältige Erzählkultur innerhalb des trivialeren Kinos, das Werte wie Loyalität, Aufrichtig- und Ehrlichkeit hoch hält und mit Ma Tengs Werdegang verknüpft. Der vom ansonsten in anderen Filmen eher starrgesichtige Chen Kuan Tai dargestellte Protagonist ist ein Held der alten Schule, der mit einer ganzen Reihe intriganter Geschehnisse konfrontiert wird und sich diesen siegreich stellt.

Die fliegende Guillotine deckt in seiner Machart ein breites Spektrum des Easterns ab, dass man ihn mit Die 36 Kammern der Shaolin als perfekten Einsteigerfilm für Interessierte ansehen kann. Er bietet tolle Sets und Kostüme, eine Mischung aus der typischen, unwirklich und märchenhaft erscheinenden Studio-Atmosphäre der Shaws kombiniert mit Außenaufnahmen, manchmal sehr hübschen Kameraeinstellungen und gut choreographierten wie platzieren Kämpfe. Wer zuvor nicht mit dem für manchen Westler und bisher Eastern-unberührten Wuxia und dessen übertriebenen Fantasy-Elementen in Berührung gekommen ist, bietet The Flying Guillotine einen weiteren Grund, ihn als idealen Einstieg bei Interesse am Shaw Universum anzusehen. Den wenigen Fights Mann gegen Mann zum Trotz kommt die Guillotine natürlich nicht zu kurz und es dürfen einige Leute wortwörtlich ihren Kopf verlieren. Obwohl dies für mich die Zweitsichtung des Films darstellte, die erste war schon etliche Jahr her, hatte ich bis auf eine Szene keine große Erinnerung an diesen. Es war eine schöne Wiederentdeckung die bis auf das hin und wieder schreckliche Pacing (nur der zweite Teil ist da noch schlimmer) rundum funktionierte.

Noch interessanter wird es, wenn man versucht, die Augen zusammenzukneifen und zwischen den Zeilen zu lesen. Der wirklich existierende Yong Cheng war trotz despotischer Ansätze im Regierungsstil weit weniger tyrannisch wie im Film dargestellt und sorgte für einige positive Umwälzungen während seiner Regierungszeit und soll massiv gegen damalige Korruption vorgegangen sein. Es können Überlieferungen aus dem Volksmund sein, die ihn in Die fliegende Guillotine zum gnadenlosen mandschurischen Kaiser, der Han-Chinesen als seine größten Feinde ansieht, macht. Historisch gesehen wurden die Mandschu-Traditionen und Bräuche friedlich von der der Han über die Jahre assimiliert. Eher scheint Yong Cheng für das zu stehen, was zur damaligen das chinesische Festland regierte und zum Beispiel keinerlei Kritik am Regierungskörper zuließ. Viel besser wird dies lustigerweise im nicht an den Erstling heranreichenden Sequel und seinen geringen Abwandlungen der Ursprungsgeschichte deutlich. Die damals noch britische Kronkolonie Hong Kong, in der man damals nicht mal im Traum daran dachte, das sie jemals an China zurückgegeben werden würde, schaut geprägt von westlichen Einflüssen und chinesischer Tradition auf das Mutterland, welches in der eisernen Hand der kommunistischen Einheitspartei war. Hochpolitisch oder subversiv mögen die Filme der Shaw Brothers nie gewesen sein; die von volkstümlichen Überlieferungen beeinflussten Geschichten eigneten sich in ihrer Zeitlosigkeit für die Drehbuchautoren, um damit gewisse politische Parallelen zu ziehen.

Das ausgeklammert ist Die fliegende Guillotine ein zurückgenommener, aber durch sein bescheidenes Wesen glänzendes Stück Eastern. Er macht zuerst einmal Spaß und auch wenn die Guillotine das Werkzeug des Bösen ist, freut man sich diebisch, wenn diese in der Luft zu ihrem nächsten wehr- und ahnungslosen Opfer rauschen um ihm mehr Platz auf den Schultern zu verschaffen. Den Film, der insgesamt zwei Fortsetzungen und dutzende Ableger bzw. Nachahmer mit sich zog, kann man zurecht als Legende bezeichnen. Wer interessiert am Martial Arts-Genre bzw. dem Eastern als solches ist, der sollte sich umgehend mit diesem Film beschäftigen. Es lohnt sich.
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Mittwoch, 20. Januar 2016

Ti Lung - Duell ohne Gnade

Ti Lung, David Chiang, Chang Cheh. Drei Namen, die bei Freunden des Hongkong-Kinos der 60er und 70er für leuchtende Augen sorgen. Das "Iron Triangle" kredenzt hier die Geschichte im Yen Chie, dessen Vater von einem verfeindeten Familien-Clan ermordet wird. Seine Stiefbrüder reden ihm ein, er solle die Schuld an der Tat auf sich nehmen und die Gegend verlassen. Ein Jahr später kehrt er zurück und muss sich gegen einen seiner intriganten Brüder erwehren. An seiner Seite ist dabei ein zwielichtiger Unbekannter, der schon vor einem Jahr auftauchte und mit Yen Chies Vater Geschäfte machte.

Ein knapp zweistündiges Epos, das gekonnt Dramatik mit drastischen Action-Szenen verbindet. Bei letzteren fliegen weniger Fäuste und Beine, vielmehr sind es hier Messer, die in einem wahren Ballett des Sterbens in den groß angelegten Kampfszenen den roten Lebenssaft fließen lassen. Die Kämpfe sind zudem gut choreographiert; Duell ohne Gnade gefällt dabei auch auf der narrativen Ebene. Langsam baut das Buch die Rache-Geschichte auf, welche zwar nicht sonderlich innovativ ist, dafür routiniert erzählt und gespielt.

Der forsch auftretende Ti Lung muss sich im direkten Duell was Charisma angeht hier Co-Star David Chiang geschlagen geben. Dessen jederzeit zwielichtig dargestellter Charakter wird gleichzeitig undurchsichtig, bedrohlich aber auch zerbrechlich gespielt. Chiang glänzt richtig in seiner Rolle und trägt mit seinem Partner gekonnt den Film. Hier wird Duell ohne Gnade ein Drama um zwei Männer, die gegenseitig großen Respekt für sich haben, durch gewisse Entscheidungen in der Vergangenheit aber eine unschöne Ausgangslage für eine gemeinsame (freundschaftliche) Zukunft haben.

Zusammen mit einer ansprechenden Fotografie, welche die Studiosets ansprechend und atmosphärisch präsentiert, ist Duell ohne Gnade hochwertiges Eastern-Kino aus der Schmiede der Shaw Brothers. Chang Cheh selbst drehte 1980 ein Remake von diesem Film, dessen deutscher Titel 5 Kämpfer aus Stahl ist.
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Sonntag, 2. Juni 2013

Das Schwert des gelben Tigers

Exotische Filmländer gibt es dank der Globalisierung und auch der Expansion innerhalb der Filmwirtschaft kaum noch. Doch in den 70ern war es sicher sehr aufregend, wenn plötzlich in der von den USA und dem europäischen Umland beherrschten Kinolandschaft hiesiger Lichtspielhäuser eine Produktion aus der (damaligen) englischen Kronkolonie Hong Kong im Kino anlief. Es war am 23. Januar 1973 als mit Das Schwert des gelben Tigers der erste Actionfilm aus diesem fernen Land in den deutschen Kinos anlief. Die Lust auf das unbekannte Neue und wohl auch das bisher noch nie dagewesene bzw. gesehene Spektakel trieben das Publikum in die Kinos und blitzschnell etablierte sich nicht nur Hong Kong im Bewusstsein des deutschen Zuschauers. Dieser Film sorgte auch für eine Flut ähnlicher Werke und Martial Arts-Filme wurden das neue Zugpferd für die Verleiher.

Scotia, damaliger Verleih, hat sich allerdings auch eine wahre Perle ausgesucht um diese Art von Film dem Publikum näher zu bringen. Immerhin ist der Film von den legendären Shaw Brothers produziert worden, deren Produktionen in ihren besten Tagen mit viel Pomp protzten und epische Schlachten zeigten. Wobei Das Schwert des Gelben Tigers nicht allzu sehr überbordend ist und eine Massenkampfszene nach der anderen zeigt. Gerade seine akzentuiert eingesetzten Kampfszenen sind ein großer Pluspunkt, die in eine an und für sich simple Geschichte eingeflochten wurden. Diese handelt vom ehrenhaften Schwertkämpfer Lei Li, welcher mit einer List vom Räuberchef in ein Duell verwickelt wird und dieses verliert. Das dumme an dieser Sache: beide haben geschworen, dass sie, falls sie verlieren, sich den Arm abtrennen und nie mehr kämpfen werden.

Li Fei ist ein Mann, der zu seinem Wort steht und entledigt sich mit seiner Klinge gleich noch am Ort des Geschehens seines Arms und hängt das Schwert an den Nagel. Er beginnt zurückgezogen in einem Gasthaus zu arbeiten, unerkannt und weitab von Kampf und Gloria. Zarte Bande wird mit Pa, Tochter des örtlichen Schmiedes, geschlossen und erst als der Schwertkämpfer Feng die Szenerie betritt, wird Li aus seinen schwermütigen Erinnerungen gerissen. Feng ist ebenfalls ein ehrenwerter Mann und durch einen Zufall erfährt er auch, wer dieser voller Gram erfüllte Kellner in dem Gasthaus ist. Sie freunden sich an aber natürlich ist auch Hung immer noch Thema. Vor allem dann, als er von der Ankunft Fengs erfährt und ihn ebenfalls mit einer List dazu zwingen will, die Finger von den Schwertern zu lassen. Er läft zu einem Fest auf seinen Sitz, der Tigerburg, ein und Feng nimmt - interessiert an den Vorgängen in diesem Räubernest, an. Was sich dort dann allerdings ereignet, zwingt sogar Li Fei wieder ans Schwert.

Zeitlich ist die Geschichte eingebettet in die Zeit des historischen Chinas und nachdem Das Schwert des gelben Tigers die Kinoklassen klingeln ließen, folgten wie bereits oben angesprochen noch einige (viele) Filme, welche in der Ming-, der Qing- oder anderen Dynastien spielen. Ein guter Grund, wieso diese so gut angekommen sind beim Publikum und auch heute noch beliebt sind, ist sicherlich diese unglaublich detaillierte Ausstattungsorgie, die damit einhergeht. Die Locations, Requisiten und Kostüme der Schauspieler sind wirklich sehr liebevoll ausgesucht und hergestellt und selbst die Eigenheit der Shaws, draußen spielende Szenen im Studio und nicht vor Ort zu drehen, sind hier nicht so auffällig wie eventuell in anderen Werken. Sie sind auch hier vorhanden, fallen nicht zu sehr ins Gewicht, geben dem Film allerdings auch eine gewisse entrückte Märchenhaftigkeit. Alleine schon der Einstieg, als Li Fei an den Ort eines blutigen Raubs kommt und an den toten Kämpfern vorbeischreitet, ist stimmungsvoll in Szene gesetzt. Sie besitzt sogar surreale Qualitäten, sieht man die Kämpfer sogar teils kniend, mit ihren Waffen in der Hand am Wegesrand, als wären sie eingefroren.

Als allerdings Hung auftaucht, wird man in den äußerst gewaltsamen Alltag eines Schwertkämpfers in diesen weit entfernten Zeiten gezogen. Doch trotz aller martialischer Charakteristika, welche die Filme eines Chang Chehs mit sich bringen, hat es der Regie-Star der Shaws auch immer verstanden, eine gewisse Ästhetik in die brutalen Kämpfe einzuflechten. Mit verkrüppelten Protagonisten kannte sich Chang Cheh übrigens gut aus, inszenierte er einige Jahre zuvor doch den Klassiker Das goldene Schwert des Königtigers (1967) mit Jimmy Wang Yu, im englischen als One-Armed Swordsman bekannt, der ebenfalls einen einarmigen Kämpfer als Hauptfigur hat. Das Schwert des gelben Tigers kann man als Ende einer Trilogie ansehen, welcher mit dem Königstigerchen begonnen wurde. Cheh, ohnehin ein Meister eines sehr Testosteron-geprägten Erzählstils, der keine Kompromisse kannte, gelangte zur Zeit des gelben Tigers an seinen Höhepunkt, schuf aber auch danach u. a. mit Ti Lung - Duell ohne Gnade (1971), Der Pirat von Shan Tung (1972) oder Die unbesiegbaren 5 (1978) weitere Klassiker. Er saß sogar bei der Shaw Brothers-/Hammer Studios-Kollaboration Die 7 goldenen Vampire (1974) auf dem Regiestuhl.

Und wenn Chang Cheh zum Fight ruft, dann geht es ordentlich zur Sache. Für die damalige Zeit schon erstaunlich grafisch wird hier einfach mal ein Arm schön sichtbar abgetrennt, diverse Leiber aufgeschlitzt oder gleich ein Mensch zweigeteilt. Die Duelle sind dabei mit viel Verve umgesetzt und viele Jahre vor John Woo wird ein wahres "Todesballett" inszeniert und getanzt, welches in Blut getränkt einen Tanz des Überlebens und Sterbens zeigt. Der Stärkste siegt, allerdings heißt das hier nicht unbedingt, dass dieser auch gesund, vollständig und gefestigt sein muss. David Chiang gibt seinen Li Fei sehr nachdenklich und ganz überraschend darf zwischen den straighten Kampfszenen, die wirklich sehr toll und ansehnlich choreographiert sind, sich auch dessen zerrissener Charakter entfalten. Das entschleunigt die Geschichte sogar so weit, dass es schon beinahe an gewissen Längen kratzt. Allerdings schafft es Chiang, seine Figur mit Leben zu erwecken. Das er mit seinem Schicksal hadert und damit nur schwer klar kommt, ist greifbar für den Zuschauer. Dafür bleiben die anderen Figuren leider eher flach, auch wenn er mit Ti Lung als Feng einen weiteren Superstar der Shaws zur Seite hat.

Ti Lung gibt seinen ehrenwerten Schwertkämpfer souverän, kann allerdings keine weiteren Akzente setzen. In den Kampfszenen glänzt er wie sein Partner sehr gut und darf dafür auch am spektakulärsten ins Gras beißen. In der Geschichte schafft er es allerdings mit seinen Ratschlägen und der offenen Bewunderung gegenüber Li, diesen aus seinem Loch zu holen. Das schafft nicht einmal die damalige Top-Darstellerin Li Ching als Pa, deren zarten Bande mit Li angedeutet, aber nicht voll ausgebreitet wird. Sie ist es jedenfalls, die Li ein Schwert, welches ihr Vater bei sich zu Hause versteckt hält, schenkt, damit er sich gegen die Demütigungen einiger Gäste wegen seiner Behinderung, wehren kann. Erst die Männerfreundschaft verschafft es. Das sehr maskulin geprägte Kino von Chang Cheh zeigt sich hier in voller Blüte, umschifft allerdings einige Machismen, die andere Filme mehr auswälzen. Durch seine Mischung aus brachialer Gewalt, verbunden mit ästhetisch sehr ansprechender Kampfchoreographie, die trotzdem nicht zu sehr stilisiert wirkt und den leiseren Tönen ist Das Schwert des gelben Tigers beinahe schon ein Actiondrama.

Um allerdings in der Tragödie zu punkten, fehlt der weitere Tiefgang. Trotzdem wirkt Chang Chehs Film sehr schön rund und kann mit seinen Stärken jeder Zeit punkten und schafft es sogar, sich anbahnende Langatmigkeit schnell zu vertreiben. Cheh versteht es eben, seine Geschichten straight zu erzählen um dann mit einem nochmal sehr ausufernden Finale es krachen zu lassen. Dies lässt so manchen Körper tot zusammensacken, wo vorher noch leise Töne über Freundschaft und deren Kraft, Menschen aufzubauen und sie zu festigen, angeschlagen wurde. Den Übergang schafft der Regisseur spielend, dank seines straffen arbeitens hinter der Kamera und der guten Unterstützung seiner Mimen. Somit kann man sogar die simpelste Story zu einem spannenden Spektakel werden lassen, wie es Das Schwert des gelben Tigers ist. Die Geschichte des Martial Arts-Films in den deutschen Kinos wurde mit einem wahrhaftigen (heutigen) Klassiker gestartet, der auch heute noch sehr gut schaubar ist.
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