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Samstag, 18. April 2020

[Rotten Potatoes #5] The Children of Golgotha

Meine einleitenden Worte zum ersten Beitrag meiner unregelmäßigen Streifzüge in den deutschen Genrefilm müssen richtig gestellt werden: Initialzündung für diese war neben eines Berichts der Deadline auch der von mir sehr geschätzte Patrick Lohmeier, mit dem ich mich für seinen Podcast Bahnhofskino über Robert Sigls wunderbar düsteres Horrormärchen Laurin unterhielt. Gleich welches Niveau, welches Produktionslevel; egal ob nun in den Credits die Namen Sigl, Schwenk, Ittenbach, Faltermeier, Herzog oder Brandl erscheinen: in Bayern scheint es gute Voraussetzungen dafür zu geben, dass Filmkreative öfter düstere Geschichten erschaffen. Das Geschwister-Trio der Brandls konzentriert sich nicht ausschließlich auf Horror, legte dafür mit dem Ende 2019 veröffentlichten The Children of Golgotha den inoffiziellen Nachfolger zur Okkult-Gore-Eskapade Unholy Ground - der erste hier unter dem Label Rotten Potatoes besprochene Film - kürzlich einen weiteren wortwörtlich unheiligen Genre-Beitrag nach.

Wie bereits Unholy Ground handelt es sich bei The Children of Golgotha mehr um ein Solo-Projekt von Günther Brandl, dessen Geschwister Monika und Helmut hier eher hinter der Kamera (und in kleinen Nebenrollen auch davor) an der Produktion beteiligt waren. Die darin eingeschlagene Richtung behält Brandl bei und vermengt viel nackte Haut mit einer okkulten Geschichte, welche im Venezuela der 20er Jahre angesiedelt ist. Gebeutelt vom dortigen Bürgerkrieg entschließt sich das gut betuchte Ehepaar de Guzman ihre Tochter Maria in die Obhut eines Klosters zu geben, um sie vor den Gefahren der weiter im Land schwelenden Kämpfe zu beschützen. Einen Platz im Gefüge des Klosters zu finden und zu akzeptieren, dass sie nun ein Leben als Nonne führen muss, fällt Maria, welche als Novizin den Namen Lucita erhalten hat, schwer. Unter der frommen Oberfläche brodelndes, sündiges Treiben verbreitet sich mit dem bei Renovierungsarbeiten Stück für Stück freigelegten, als verschollen geglaubtes Fresko der Kinder von Golgotha innerhalb der Klostermauern unter den meisten der im Kloster ansässigen Schwestern in wahrhaftig teuflischer Geschwindigkeit. Wahn und Wirklichkeit scheinen zu verschwimmen; die Nonnen nehmen dämonische Züge an, zeugen mit Jesus selbst ein Kind und Lucita fällt es immer schwerer, sich den Versuchungen zu erwehren.

Selbst wenn The Children of Golgotha nur lose thematisch mit Unholy Ground zusammenhängt -  hüben wie drüben wird Sex, Gore and Blasphemy geboten - so wird er leicht ein Opfer jener Last, der ansonsten nur reine Sequels anheim fallen. Von allem wird mehr geboten, nur komplett möchte es diesmal leider nicht ganz funktionieren. Manches Mal wird zuviel aufgetischt und die nächste Gore- oder Nacktszene geht zu lasten der an sich gar nicht so uninteressanten Idee und Geschichte. Neues wird darin nicht geboten, aber typisch für die Sippe der Brandls merkt man dem Film an, dass bei deren No-Budget-Methodik eigentlich weniger die Befriedigung niedriger Instinkte der Zuschauer im Vordergrund steht sondern vielmehr die Verwirklichung der eigenen Visionen mit den gegebenen Mitteln. Betrachtet man sich beispielsweise die technische Seite des Films genauer, ist das Trio der eigenen Vorgehensweise leicht entwachsen. Die Kulissen sind weit entfernt vom für deutsche Amateur-Produktionen gewohnten Wald- und Wiesensetting; die bayrische Natur kann nur mit zwei zugedrückten Augen als venezolanischer Dschungel durchgehen, doch die Bemühungen, dies dem Zuschauer als eben jenen zu verkaufen, locken mehr respektvolle Anerkennung als unfreiwillige Komik hervor. Abgerundet wird dies von Drohnenaufnahmen, die dem Film und seinen Look hübsch aufwerten.

Die Art der Arbeit erinnert an die Realisierung der Stoffe im italienischen Genrekino der 70er und 80er Jahre: aus geringsten Mitteln auf kreative Weise das Beste herausholen. Passend dazu erinnert The Children of Golgotha an Vertreter des Nunploitation-Genres wie Joe D'Amatos Kloster der 1000 Todsünden oder andere; es gibt reichlich Anlass um die Peitsche knallen zu lassen oder Nonnen sich der fleischlichen Versuchung hingeben zu lassen; wenn Günther Brandl diesmal in einer Nebenrolle als Eunuch und Bediensteter des Klosters eine Nonne wegen ihrer Verfehlungen auspeitschen muss, erinnerte mich das an Jess Francos Auftritte in einigen seiner Filme als tumber Hilfsgeselle, der ebenfalls gerne sadistische Taten zelebriert. Weil neben reichlich nacktem Fleisch auch reichlich roter Lebenssaft fließt, könnte man The Children of Golgotha mehr noch als bajuwarische Version von Bruno Matteis The Other Hell ansehen, wobei der italienische Trash-Spezialist sich darin mehr auf den Horror konzentriere. Bei den Brandls erhält man Elemente aus beiden Welten und es scheint beinahe überraschend, dass sowas nicht schon vor vielen Jahren von Andreas Bethmann gemacht wurde. Wie in den Sleaze-Bomben vergangener Zeiten lässt man keine Gelegenheit aus, nackte Haut zu präsentieren. Die Schauwerte nehmen überhand und verdrängen leider manchen guten Ansatz in der Geschichte.

Richtig interessant wird diese, wenn Brandl offen lässt, ob das Geschehen im Kloster Wirklichkeit oder nur kollektive Wahnbilder sind. Das Rad erfindet er damit nicht neu, zeigt aber in jenen Szenen ein gutes Geschick für deren Inszenierung. Leider kommt er häufiger von diesem Weg ab, lenkt im weiteren Verlauf kurzzeitig auf diesen ein um doch mehr dem diabolischen Treiben und dessen Verlockungen Raum zu geben. Bei knapp zwei Stunden Laufzeit ufert der Film manchmal aus; die Orgienszene gegen Ende verleitet dazu, gedanklich gänzlich auszusteigen. Zu breit wird das unheilige Treiben der Nonnen dort ausgewälzt. Vielleicht ließ sich der Schöpfer unbemerkt vom teuflischen Charme seiner Story so ablenken, dass er die subtilen Momente so gnadenlos ans Kreuz nagelte wie das Ende ausfällt. Durch den Umstand, dass sowas aus dem katholisch geprägten Bayern kommt, erhält The Children of Golgotha eine ganz dezent subversive Note. Blasphemic Bavarian Nunslaying - das ist filmischer Death Metal der den Zuschauer platt wälzt. Ein Rausch an Exploitation der alten Schule, die man heute manchmal vermisst und hier ohne gänzlich ins schmuddelige abzudriften. Der gewollte diabolische Rausch des Films ist in manchen Augenblicken mehr ein lautes Rauschen, durch das sich die ansprechenden Töne leicht quetschen müssen. Für Freunde von Nunploitation und deftigem Horror ist The Children of Golgotha ein wahres Fest auf vielen Ebenen, der mich nicht komplett überzeugen konnte, mir aber persönlich Lust machte, wieder mal in diesem Genre zu wildern.

Beziehbar über Brandl Pictures
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Freitag, 26. Juli 2019

[Rotten Potatoes #01] Unholy Ground

Für Genre-fixierte Horror-Aficionados, die in diesem Sektor große Triple A-Mainstream-Werke als auch ambitionierte Indie-, sowie kostengünstiges DTV-B-Movie-Gedöns konsumieren, gilt er als inoffizieller Endboss der allesglotzenden Zunft: deutscher Amateur-Horror. Was die ehrwürdige Splatting Image zu ihren Print-Zeiten charmant und manches Mal äußerst treffend als Jungmutationen bezeichnete und in der gleichnamigen Rubrik besprach, nennen andere abschätzig Wald- und Wiesen-Splatter. Gleich, ob wirklich gleichermaßen dilettantische wie euphorische Teenie-Gore-Hounds ihr angelesenes Halbwissen über die Herstellung von S-F/X in eine Art Spielfilm umsetzen oder ambitionierte Regisseure mit beschränkten Mitteln durchaus sehenswerte Werke zustande bringen. Zum ersten Mal kam ich damit in Berührung, als Mitte der 90er das Doom Fanzine über die Produktion von Olaf Ittenbachs immerhin 100.000 DM teuren Premutos - Der gefallene Engel berichtete. Vom fertigen Werk war der mein junges Gorehound-Ich verzückt und über die Jahre schafften es Filme bekannterer Namen wie Timo Rose, Marc Fehse, Andreas Schnaas oder Jörg Buttgereit in meine damalige Sammlung. Noch heute bin ich ziemlich froh darüber, wenigstens die Filme von Jochen Taubert bis zum heutigen Tage erfolgreich ignoriert zu haben.

Lange fertig mit dem Phänomen des deutschen Amateur- oder Indie-Horrors fixte mich die Deadline mit einer Besprechung eines Films der ebenfalls schon lange in der Szene aktiven (seit 1998) Geschwister Monika, Günther und Helmut Brandl urplötzlich wieder an. Neben dem Vorgänger des in der Ausgabe besprochenen Moor-Monster 2 (der Freunden und mir einen fröhlichen Abend bescherte) landete der 2016 entstandene Unholy Ground in meinem Korb bei der ersten Bestellung bei Brandl Pictures. Unter diesem Label schuf das Trio eigenen Angaben nach bereits 59 (!) No-Budget-Filme und damit ein kleines, eigenes Parallel-Universum innerhalb der deutschen Indie-Szene. Die aus Bayern stammenden Filmemacher verzichteten von Beginn an darauf, sich auf ein bestimmtes Genre zu beschränken. Gemacht wird, was gefällt. Horror, Fantasy, Science-Fiction, Erotik, Thriller, Komödien; mit Und sie kehrten niemals wieder haben die Brandls sogar einen Western ihrer Filmographie hinzugefügt. Der schöpferische Drang scheint in vollem Umfang ausgelebt und jede aufziehende Idee umgesetzt zu werden.

In Unholy Ground verbinden sie okkult gefärbten Horror mit einer großen Prise Sex. Eine Kombination, die es in hiesigen Untergrund-Gefilden bisher eigentlich nur in den Filmen eines Andreas Bethmann gab. Übertrug sich bei diesem seit frühen Tagen die digitale Sterilität der Video-Optik auf dessen Stil, was die Zielsetzung das Werk möglichst atmosphärisch bzw. schmutzig wirken zu lassen, zunichte machte, lassen die Brandls mit Einfallsreichtum und spürbarer Leidenschaft ihren Horrorfilm durch die ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten weitgehend ansprechend erscheinen. Sie scheuen sich nicht einmal, ihre Geschichte in der Vergangenheit anzusiedeln. Während des schwedisch-russischen Krieges rettet sich ein kleiner Trupp Soldaten mit einem schwer verwundeten Kameraden in ein kleines Dorf. Widerwillig nehmen dessen Bewohner die Fremden bei sich auf um den Verwundeten gesund zu pflegen; viele sehen in der Ankunft der Soldaten ein böses Omen, dass sich schreckliche Ereignisse aus der Vergangenheit wiederholen könnten. Tage darauf geht zuerst unbemerkt eine Veränderung in manchen Bewohnern und den Geistlichen eines nahe gelegenen Klosters vor. Die Gottesfurcht der Mitglieder der kleinen Gemeinde schwindet und macht Platz für lasterhaftes, blasphemisches Verhalten, tot geglaubte Väter kehren verändert zurück und diabolische Mächte scheinen unaufhaltsam ihre Schwingen über das Dorf und dessen Bewohner auszubreiten.

Auf den dargebotenen Stil der Brandls muss man sich einlassen können. Deren No-Budget-Methodik in der Umsetzung ihrer Stoffe schließt gleichzeitig aufwändig teure, authentische Kulissen oder Kostüme aus. Letztere mögen für viele wie Karnevalsverkleidungen wirken, zumal sich die Schöpfer nicht zu schade sind, sichtbar falsche Bärte an ihre Mimen zu pappen. Hat man sich damit arrangiert, entpuppt sich Unholy Ground als Hardcore-Horror mit Potenzial. Das Hardcore ist im übrigen wörtlich zu nehmen; die ohnehin reichlich vertretenen nackten Tatsachen werden in der X-tended Version durch Hardcore-Sex-Szenen erweitert. Diejenigen, die lieber Kunstblut als Sperma spritzen sehen möchten, müssen sich indessen gedulden. Blutige Momente werden dosiert eingesetzt und erst zum Ende rotzt der rote Lebenssaft ungehemmt durch die Szenerie. Höhepunkt dürfte hier die leicht an Hellraiser erinnernde Höllensequenz sein. Mehr als nacheifern oder nachspielen der liebsten Gore-Szenen aus den letzten Jahrzehnten der Horrorhistorie ist den Machern daran gelegen, eine Geschichte zu erzählen. Das Script folgt gängigen Mustern und manchmal hätte man gut daran getan, den Ideenreichtum zu zügeln. Lang ausformulierte Szenen zügeln den Erzählfluss, der in der zweiten Hälfte durch ausgedehnte Orgienszenen nochmals gedrosselt wird.

Die strukturell an Storyverläufe von B-Horror aus dem 80ern erinnernde Story lässt Platz für kleine Spitzen, in denen das verborgene Böse an die Oberfläche kommt, um dies in der nächsten Szene zu wiederholen. Die ausufernden Orgien sind klarer Höhepunkt von Unholy Ground und brauchen sich nicht vor Bethmann'schen Sexploitation-Horror zu verstecken. Im Gegenteil funktioniert dies hier viel besser, da die limitiert erscheinende Geschichte in ihrer okkulten Ausrichtung den erotischen Aspekt in den Vordergrund stellt, diesen gleichzeitig als Stilmittel nutzt um eine ganz eigene, freizügige Mischung aus Dämonen- und Okkult-Horror zu kreieren. Um eine ansprechende Umsetzung bemüht, gelingt den Brandls in ihrem No-Budget-Segment einen mit wenigen Längen gestraften, sehenswerter Amateur-Horror. Die darstellerischen Leistungen variieren für das Segment erwartungsgemäß zwischen ordentlich und stark bemüht, ohne große Ausfälle zu verbuchen. Zwar spielt der Film im bayrischsten Schweden ever und auch ein sichtbares Handpuppen-Höllenmonster sorgt für kleines Schmunzeln, jedoch bewegt sich alles angenehm weit weg vom unfreiwillig komischen Bereich. Den Schwächen zum Trotz bietet Unholy Ground das, was Sympathisanten des Amateur-Horrors suchen und angenehm old schooligen, schnörkellosen Horror von dem ich am Ende selbst überrascht war, dass er mir zugesagt hat. Ein mehr als ordentlicher Einstand für meine hier unregelmäßig erscheinenden Ausflüge in die Bereiche deutscher Amateur-/Indie-Genre-Produktionen.

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