Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Mittwoch, 20. September 2017

Almost Famous

Cameron Crowe begann in den 70ern im zarten Teenager-Alter für den Rolling Stone zu schreiben und begleitete als Journalist unter anderem die Allman Brothers auf Tour. Mit den Jahren widmete er sich dem Leben Jugendlicher und schrieb darüber Artikelserien in seinem Stamm-Magazin, danach weitete er das Thema in Buchform aus, bevor er dazu überging, Drehbücher zu schreiben nachdem sein Buch "Fast Times At Ridgemont High" erfolgreich verfilmt wurde. Almost Famous kann man als Crowes verfilmtes Tagebuch seiner Jugendtage sehen. Der stark autobiographisch gefärbte Film geht mit seinem Protagonisten William auf große Tour. Der überbehütete Teenie reißt sich aus der Obhut der Mutter - zuvor zog schon die rebellische Schwester aus - um mit der Band Stillwater auf Tour zu gehen. Der Rolling Stone wurde auf die Artikel des Jugendlichen aufmerksam, welche im Musikmagazin Creem veröffentlicht wurden. Dessen Herausgeber Les Bangs, der von William immer wieder dessen Artikel aus der Schülerzeitung zugeschickt bekam, fungiert als Förderer und Mentor des Jungen.

Für William gibt es derweil viel zu lernen: ein eigener Platz im Leben will gefunden werden, die Liebe klopft leise das erste Mal an und auch das Musik-Business zeigt sich dem jungen Burschen in allen Facetten. Eigentlich will nur ein Interview mit Russell, Kopf der Band, aufgenommen werden und immer wieder kommt etwas dazwischen. Sei es der hektische Touralltag oder das reizende Groupie Penny Lane, das die Band ebenfalls auf der Tour begleitet. William wächst inmitten des Chaos, welches ihn zuerst überwältigt. Die oberflächlich geknüpften Freundschaften zu den Bandmitgliedern bekommen Risse, zuerst ungreifbare Menschen zeigen hinter ihrer schillernden Persönlichkeit ein verletzliches Ich. Die Lektionen fürs Leben kommen laut; sie poltern einfach so vor Williams Füße. Selbst wenn man ihn im hektischen Treiben hinter den Bühnen, im Hotel oder im Bus verloren und allein sieht: letzteres ist er nicht. Dafür sorgen die regelmäßigen Pflichtanrufe bei seiner Mutter, wie auch die Tipps von seinem Mentoren Les Bangs.

Sie dienen ihm dabei eher als Stütze, eine Art Anregung, wie William verfahren soll. Die Situationen müssen selbst gemeistert werden. Die finale Prüfung wird bestanden und der schon zuvor immer selbstbewusster agierende Junge meistert allein gestellt das, was die anderen, die Erwachsenen, nicht mal mitbekommen. So endet Crowes illuster gecasteter Schwank aus der Jugend versöhnlich, wie es eben in der Traumfabrik so üblich ist. Aller Konflikte und dramatischen Entwicklungen zum Trotz. Das lässt Almost Famous schwammig anfühlen, wie eine weit ausholende Geschichte eines Älteren, die einem eine Moral beibringen soll, diese aber nicht überzeugend darbietet. Der auf technischer und ausstatterischer Seite sehr gute Film, kann erzählerisch nicht hundertprozentig überzeugen. Die gewollte Nachwirkung bleibt aus. Die Analyse über das damals schon gnadenlose Musikbusiness, das Menschen manipuliert und ausnutzt und mit seinen Mechanismen zu Beginn unschuldige Künstler in "goldene Götter" wandelt, Freundschaften zerbrechen lässt und dergleichen mehr, bleibt irgendwo im Hintergrund verborgen.

Schade, dass Netflix einem hier nur die Kinoversion bietet. Von Almost Famous existiert ein gegenüber der Kinofassung gut 40 Minuten längerer Director's Cut. Vielleicht ist diese Intention des Films darin mehr und runder ausgearbeitet. In seiner Kinofassung ist Almost Famous ein filmisches "All you can tell"-Gericht, breit erzählt und im Detail schön ausgearbeitet. Er macht für zwei Stunden die damalige Zeit der 70er wieder lebendig und alle Tour-Eindrücke und -Episoden prasseln wie auf den Zuschauer wie auf William selbst charmant chaotisch ein. Zusammen mit seinem grandiosen Soundtrack zaubert der Film Liebhabern der damaligen (musikalischen) Zeit ein wohlwollendes Lächeln im Gesicht, dessen Nachgeschmack leicht bitter bleibt. Mehr wäre drin gewesen, in Momenen mit ernst gemeintem Hintergrund bleibt Almost Famous einfach eine Spur zu leicht und schwebt wie in der restlichen Zeit auf einer regenbogenfarbenen Wolke an einem vorbei. Es bleibt ein schönes Schweben, auch wenn der Film über die Jahre den überschwänglichen Verehrungen nicht komplett gerecht wird. Das ist hier aber meckern auf hohem Niveau.

Mittwoch, 6. September 2017

Let's get ready for Horrorctober 2017


Der Sommer ist vorbei (natürlich können wir uns an dieser Stelle kurz fragen, ob er dieses Jahr jemals richtig angefangen hat), der Herbst steht vor der Tür. Es ist Zeit für graue Tage, Nebel, Laub und Dunkelheit. Also wie geschaffen für Horrorfilme. Wie in den letzten Jahren hat die Cinecouch meinen Geburtsmonat, den Oktober, zum Horrorctober ausgerufen. 2016 war ich ebenfalls mit dabei. In Ermangelung eines eigenen Rechners nur über letterboxd, was trotzdem sehr viel Spaß gemacht hat.

Von den insgesamt 13 ausgewählten Filmen, hab' ich 12 geschafft. Wie es in diesem Jahr, mit neuem Job und natürlich auch einigem an sozialem Leben, aussieht, wird spannend. Vielleicht schaffe ich es trotzdem, immerhin habe ich Anfang und ziemlich am Ende des Monats jeweils eine Woche Urlaub und dazwischen sicher auch einige freie Tage. Wenn ich mir meine Filmliste, den Link zu dieser bei letterboxd findet ihr unten, anschaue, so ist mein diesjähriger Horrorctober auch ein Rewatch-Monat. Insgesamt sieben Filme - Maniac, Dead & Buried, The Funhouse, The Kindred, Geisterstadt der Zombies, La Vergine di Norimberga und The Loreley's Grasp - hab ich schon einmal gesehen. Manches ist aber schon viele Jahre her. Den zuletzt aufgezählten Film sah ich zum Beispiel in miserabler Qualität als holländische VHS Anfang der 2000er.

Es wird also ein Horrorctober der Wiederentdeckung und bei den noch nicht bekannten hoffentlich einige tolle Neuentdeckungen. Wie gehabt gibt's während des Horrorctober sowohl einen Kurzkommentar zum Film bei letterboxd wie ein etwas längeres Review hier im Blog. Und nun das wichtigste zum Schluss:

Meine Filmliste für den Horrorctober 2017

Copykill

Dieser Mann bestach durch seine Gewandtheit, seinem scheinbar allumfassenden Wissen und einer Ausstrahlung, der man sich schwer entziehen konnte. Jeder war von seiner scheinbar perfekten Person fasziniert. Hinter der Hülle verbarg sich ein riesiges Loch von schier unfassbarer Boshaftigkeit, die jeden - wortwörtlich - verzehrte. Hannibal Lecter wickelte seine Opfer wie die Kinogänger um seinen Finger. Einige Jahre zuvor tauchte der Gentleman-Kannibale am Rande in Blutmond, Michael Manns Adaption von Thomas Harris' "Roter Drache", auf. Erst durch Jonathan Demmes Das Schweigen der Lämmer brannte er sich ins kollektive Gedächtnis der Kinogänger und (nicht nur) filmische Serienmörder waren plötzlich en vogue. Psychothriller mit einem oder mehreren Serienmördern als Antagonisten bevölkerten die Kinoleinwand oder wenigstens den Schacht des heimischen Videorekorders.

Durch Demmes Werk begannen die Filmemacher, die Mörder ihrer Filme zu ikonisieren, wie es zuvor im Horrorfilm mit Figuren wie Michael Myers, Jason Voorhees oder Freddy Krueger passierte. Selbst wenn der Ermittler, der Held der Geschichte ein sympathischer Charakter ist, für den man Empathie entwickeln kann: die Killer entwickeln sich zu den heimlichen Helden der Filme. Jon Ariels Copykill macht einiges anders. Die hier behandelten Mörder - David Lee Cullum und Peter Foley - sind Jedermänner. Ottonormalmörder. Ihnen wohnt keine diabolische Aura, ein besonderer Wahn oder ähnliches Inne. Cullum ist ein irrer White Trash-Boy, Foley ein im Alltag kaum auffallender Mensch. Seine geheime Leidenschaft ist das Nachstellen von Morden berühmter früherer Serienmörder wie David Berkowitz oder Albert DeSalvo. Bis er von den ermittelnden Cops M. J. Monahan und Reuben Goetz aufgespürt wird, vergeht einige Zeit. Ohne die Hilfe von der Psychologin Helen Hudson, die nach einem Angriff Cullums nach einem ihrer Vorträge durch Agoraphobie an ihre Wohnung gefesselt ist, hätten sie es nicht geschafft, bringen aber nicht nur sich sondern die nervlich äußerst instabile Hudson in große Gefahr.

Das Drehbuch von Copykill räumt Hudson sehr viel Zeit ein und präsentiert mit der smarten M. J. eine zweite Heldin, was ein kleines Novum in Hollywood war und ist. Mit Sigourney Weaver und Holly Hunter ist die Besetzung für die beiden Figuren sehr gut gewählt. Hunter spielt routiniert, verblasst aber gegenüber ihrer Partnerin Weaver. Diese spielt die intelligente, vom Trauma und ihrer Angst geplagten und zwischen Verzweiflung und kämpferischen Aufbäumen schwankende Helen Hudson mit voller Hingabe. Es ist schön, dass die Autoren zu keiner Zeit eine bloße Kopie ihrer Kultrolle Ellen Ripley im Kopf hatten. Hudson ist fast gebrochen, im Alkohol versunken. Weaver macht den inneren Zwiespalt den ihre Figur hat, die immer noch ein großes Interesse an Serienmördern besitzt, in übergeschnappter Arroganz die Polizei zu Beginn beinahe sogar mit Anrufen belästigt, spürbar. Ihr fehlt lediglich die Kraft, eine weitere Ausnahmesituation, wie sie mit Cullum aufkam, durchzustehen. Hier ertränkt sie den stummen Begleiter Angst in Alkohol und flüchtet sich innerlich davon. Die Bedrohung durch den kopierenden Foley rufen ihre letzten Reserven für einen finalen Kampf hervor.

Copykill zeigt auch einen Kampf der Frau(en) gegen männliche, sexuelle Gewalt und deren Versuch, die Frau um alles in der Welt in einer unterwürfigen Rolle zu halten. Dabei gibt es keine Fighting oder Final Girls. Es ist ein gewaltsamer Kampf von Tough Women. Schade ist dabei, das Copykill als reiner Psychothriller schnell an seine Grenzen kommt. Regisseur Amiel ist ein guter Handwerker, der die unentschlossenen Teile des Drehbuchs nicht ausmerzen kann. Der Spagat zwischen Psychothriller und Drama gelingt nicht. All' den Qualitäten um Helens Figur zum Trotz wirkt Copykill durchkalkuliert. Was nützt das wundervolle (Weaver) bis sehr gute (Hunter) Schauspiel der Hauptdarstellerinnen, einige gut herausgearbeitete Spannungsmomente, wenn sie im Nachgang nicht packen, keine hundertprozentige emotionale Bindung zum Zuschauer aufbauen? Der englische Titel des Films, Copycat, bekommt damit eine gewisse Zweideutigkeit. Ist diese Individualität nur bloßes Kalkül? Nicht direkt. Diesem Eindruck zum Trotz kann Amiels Film überzeugen. Eine bloße Kopie der durch Das Schweigen der Lämmer geprägten Formeln ist er doch nicht. Es fehlt ihm lediglich am Können, auch als Thriller komplett zu funktionieren. Amiel scheint von Weavers Auftritt beeindruckt zu sein, unentschlossen, ob er ihr Spiel zügeln soll und dafür mehr Spannungsmomente aufzubauen.

Copykill wird von Nüchternheit durchzogen, die seine Grundsubstanz aufweicht. Dies ist Aufgrund seines hoch angelegten Standards Meckern auf hohem Niveau. Man wünscht ihm in einigen Momenten das, was seiner Heldin Helen widerfährt: das die kämpferische Kraft,  die verborgen in ihr schlummert, auflodert und sich davon mitreißen lässt. Das wäre es wohl, damit es komplett "Klick" beim Schauen macht und man nicht nur wohlwollend nickt, wenn die Credits über den Bildschirm rollen.

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