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Montag, 8. Juli 2024

Die Zeit der Wölfe

Er wird geschätzt, verehrt und gefürchtet. Die Darstellung des Wolfes in den unterschiedlichen, existenten Mythologien ist vielschichtig und mehrdeutig. Nicht allein, aber auch durch die Christianisierung etablierte sich im Kopf der Menschen ein negatives Bild des Tieres, welches dort zu einem natürlichen Feind des Hirten (Gott) und seiner Schafe (die Gläubigen) wurde. Jahrzehnte später, in den 80ern, predigte auch Rock'n'Roll-Heiland Lemmy: "The wolf is here, he's at your side / You better fight him, or it's you that's gonna die". Im Grimm'schen Märchen über Rotkäppchen ist er das Sinnbild für den Fremden, von dem man als junges Mädchen besser Abstand und sich in Acht nimmt, bevor man vom rechten Weg abkommt und schlimmsten Falls seine Keuschheit verliert. Auch die feministische Autorin Angela Carter macht uns in Zeit der Wölfe mit Regisseur und Co-Autor Neil Jordan eigentlich unmissverständlich klar, dass man nicht vom Wege abweichen solle, da der Wolf - hier Sinnbild für Vertreter des männlichen Geschlechts - scharfe Zähne hat und man keinem fremden Manne trauen soll. Trotzdem setzt sich die Erwachsenen-Mär um das sich in eine fantastische Welt träumende Mädchen Rosaleen nicht allein auf diese simple Moral fest. Jordan und Carter formen deren Kurzgeschichten "Der Werwolf" und "Die Gesellschaft der Wölfe", auf denen der Film basiert, zu einem vieldeutigen Werk.

Die Pubertät hat längst von Protagonistin Rosaleen und ihrem Körper Besitz ergriffen. In einem unruhigen Fiebertraum erfährt sie als Red Riding Hood in einer mittelalterlichen Fantasiewelt am eigenen Leib die verführerischen Künste eines Wolfes, der nicht im Schafspelz, dafür in der Haut eines adretten wie attraktiven Jägers daherkommt. Die Warnungen ihrer Großmutter, von dieser in Geschichten gepackt, sind in diesem Moment längst in Vergessenheit geraten. Sie erliegt dem Reiz des verschlagenen Wolfes, scheint an ihn verloren, obwohl davor durch die von Angela Lansbury gemimte Oma Rosaleens in aller Deutlichkeit die moralische Keule geschwungen wird. Dabei entfernt sich Die Zeit der Wölfe an diesem Punkt einzig von einer eindeutigen, unmissverständlichen Schwarz-Weiß-Zeichnung und dem belehrenden Charakter der Volksmärchen. Die Widersprüchlichkeiten des Erwachsenwerdens, Rosaleens Coming of Age, verpackt der Film in eine wunderschön düstere Geschichte, die von kleineren Erzählungen aufgebrochen wird, bevor der rote Faden wieder in die Hand genommen wird. Manchmal lässt dies den erzählerischen Fluss brechen; das großartige Production Design lässt locker darüber hinwegsehen und begeistert mit einer wortwörtlich traumhaften Welt, durch die man gerne wandelt und von seiner proppenvollen Symbolik erschlagen lässt.

Die Zeit der Wölfe bezaubert - wieder wortwörtlich - ebenso durch seine progressive, feministische Haltung. Carter und Jordan nutzen die Symbolik des zu Grunde liegenden Märchens, lassen den Wolf zum Sinnbild für den Mann werden, ohne ihn zur Gänze abzulehnen. Mehr nutzt man die Syntax der Erzählungsform, um die vom männlichen Geschlecht ausgehenden Gefahren darzustellen und schildert in der Geschichte von jenem Erwachsen werden seiner Hauptfigur. Sexuelles erwachen und auch die Loslösung von den Eltern, das stehen auf eigenen Füßen; auch wenn dies ein großer Bruch bedeutet indem man dem inneren Tier den Vortritt lässt. Wenn die Wölfe in ihrer ungezügelten Wildheit in den Wald stürmen, darunter auch die verwandelte Rosaleen, dann ist dieses Ende weit weniger negativ, wie eventuell zuerst empfunden. Es ist mehr eine positive Haltung zu dem, was in einem auch in den Jahren des Heranwachsens schlummert und zu dem man stehen sollte. Das macht den Film zu einem wunderbar vielschichtigen Werk, ein folkloristisches Horror-Märchen, beseelt vom Geist des klassischen und Gothic-Horrorfilms, zu dem man immer wieder gerne zurückkehrt, weil er auch so viel bietet, worüber man sinnieren kann. 
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Dienstag, 4. Januar 2022

X-Tro - Nicht alle Außerirdischen sind freundlich

Strahlend blauer Himmel, alles ist friedlich, ein Junge spielt mit seinem Vater im Garten. Im nächsten Augenblick wird dieser friedliche Moment gebrochen. Das Firmament hat sich schwarz gefärbt, Blitze erhellen den in Dunkel getauchten Schauplatz und ein Sturm wütet. Eine Albtraumszenerie, die der kleine Tony durchlebt und ihn naxh seinem Vater rufen lässt. Seine ins Zimmer geeilte Mutter Rachel beruhigt ihn, dass ihn nur ein böser Traum ereilt hat um ihn im nächsten Moment auf den harten Boden der Realität zu schmettern, als sie hinterher schiebt, dass sein Vater Sam doch verschwunden ist. Tonys Einwand, dass Sam von Außerirdischen entführt wurde, schiebt Rachel mit allen Kräften der erwachsenen Ignoranz ins Reich der Fantasie. Sie scheint sich mehr um sich und ihre neue Beziehung mit dem Fotografen Joe als um ihren Sohn zu kümmern. 

Es ist der Auftakt für einen eigentümlichen Eintrag in der langen Liste der Alien-Rip Offs. Die Tagline von X-Tro, vom deutschen Verleih zum obligatorischen Untertitel befördert, macht unmissverständlich klar, dass die auftretenden Außerirdischen anders als der von Spielberg im gleichen Jahr in die Kinos geschickte E.T. - Der Außerirdische, zu keinen herzerwärmenden Momenten führen. Die bleiben auch aus, als Sam nach drei Jahren wieder auf der Matte steht. Der hat sich während seiner Abstinenz sehr verändert. Neben der Distanz zur Gattin und seinem Nebenbuhler scheint auch das Interesse am Sohn wenig mit väterlichen Gefühlen zu tun zu haben. Einzig Eingeweihter ist der Zuschauer, der die Landung eines extraterrestrischen Wesens beobachten konnte, das mit wortwörtlichem Körpereinsatz zum alten Sam in Menschengestalt mutierte. 

Was die konkrete Mission der Kreatur ist, lässt der Film offen. Sam gibt seine besonderen Kräfte in einem pervertierten Moment väterlicher Zuwendung an Tony ab, was ab dort X-Tro zu einem Horrorfilm zwischen surrealem Albtraum und krudem Alien-Body-Horror werden lässt. Wie bei Norman J. Warrens Samen des Bösen (AKA Inseminoid; hier besprochen) herrscht im Stimmungsbild eine durchdringende Kühle, die von traumartigen Sequenzen durchbrochen wird. Die britische Distanziertheit schenkt dem Film und seiner Ausgestaltung der Geschichte eine höchst interessante, bizarre Atmosphäre. Laut Regisseur Harry Bromley Davenport war dies nicht intendiert. Vermutlich war dies auch nicht der ansatzweise vorhandene Subtext des Films, der Sams Entführung durch Außerirdische als versuchte Trauma-Verarbeitung von Tony lesen lässt. Der Junge kanalisiert die Abwesenheit des geliebten Vaters durch diese Fantasterei und flüchtet sich in eine Fantasie-Welt nach dem Erhalt von Sams Kräften und verbringt seine Zeit mit dem von ihm zum Leben erweckten Spielzeug.

Viel daraus macht X-Tro leider nicht. Es ist ein Erklärungsansatz sowie ein Versuch zu verstehen, warum die vom Film groß beworbenen, unfreundlichen Außerirdischen wie einst Sam eine ganze Weile mit Abwesenheit glänzen. Die wilde Wundertüte, die Bromley Davenport vor uns ausschüttet ist ein Kabinett aus Kuriositäten, durch die sich die Geschichte um die Familie Phillips zwängen muss. Deren familiäres Drama ordnet sich dem unentschlossenen Gesamtbild des Werks unter. Der Film gibt vielen seiner Ideen Raum, von denen einige bedauerlicherweise ins Nichts führen. Auf der Gegenseite besticht X-Tro dadurch mit einer Anti-Attitüde, die ihn zu einem gegen den Strich gebürsteten Horrorfilm macht, der einen Fick auf Konventionen gibt obwohl er sich dieser gleichermaßen bedient. Die Versatzstücke, derer er sich bedient, sind nicht wenige und sattsam bekannt. Großer Pluspunkt des Films ist, wie er diese anpackt.

1982 existierten noch nicht viele Nachahmer von Ridley Scotts Alien. Was der Brite darin definierte, kopierten diese mit unterschiedlicher Anzahl von Variationen und schufen einerseits für nachfolgende Filme gewisse Standards eines Subgenres. Von diesen ausgehend, mutmaßt man als Zuschauer vorschnell, dass auch X-Tro ein Paket bestehend aus Monstren, Schleim, Blut und eventuell etwas nackter Haut ist. Der Film spielt mit den Erwartungen des Publikums, befriedigt diese in den ersten zwanzig Minuten sattsam bevor er genug davon hat und eigene Wege beschreitet. Hätte Bromley Davenport das Potenzial seiner Geschichte um eine absonderliche Art des Familiendramas um einen sich von der Familie entfremdenden und entfernenden Vater erkannt, der dessen schutzbedürftigstes Mitglied tief traumatisiert zurücklässt, eher erkannt, könnte X-Tro ein explosiver Knaller aus Schmodder und Subversion sein. Das Erleben des Films bleibt anders: die Eigenheiten stechen hervor, die der Genre-Welt einen überraschend interessanten Alien-Anarcho schenkten, von dem man sich gerne entführen lässt.

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Freitag, 5. März 2021

Guns Akimbo

Mit Beginn der 2000er zog das Internet immer weiter in mein und das Leben vieler anderer Menschen ein. Das verlockende Neuland wurde von mir ausführlich und wissbegierig erforscht und auf den langen Exkursionen im World Wide Web bemerkte ich, dass wo viel Licht, auch viel Schatten ist. Die dunkle Seite des Internets mit schnell berühmt-berüchtigten Seiten wie rotten.com oder der später (nicht nur) für deutsche User gesperrten Seite ogrish.com war schnell im Freundes- und Bekanntenkreis gewisses Gesprächsthema. Da ich von solchen Seiten wie von zugegeben häufig mit Fake-Material gefüllten Mondo-Filmen der Marke Gesichter des Todes und Co. nicht viel hielt und halte, genügten mir die Erzählungen darüber, die ich aufschnappte. Beide Webseiten gingen ihren Weg ins Datennirvana, doch das Internet verhält sich in manchen Dingen wie eine Hydra. Wird ein Kopf abgeschlagen, wachsen dafür drei nach. 

Heißester "Darknet"-Scheiß in der Welt von Guns Akimbo ist Skizm, ein Death Match zweier Kontrahenten, welche sich auf brutalste Weise bis zum Tod jagen und bekriegen und von einer schnell wachsenden Nutzerschaft verfolgt wird. Aus Langeweile beschließt der frisch von seiner Ex-Freundin Nova verlassene Handy-Game-Entwickler Miles eines Abends die User und Macher im Chat der Webseite zu trollen und zu beleidigen. Letztere stehen anhand seiner ausgelesenen IP-Adresse alsbald vor Miles Tür, nageln ihm zwei automatische Feuerwaffen an jede Hand und küren ihn zum neuesten Gegner der aktuellen Championesse Nix. Zunächst darauf bedacht, sich ohne Kampf aus der Affäre zu ziehen und lieber die Hilfe seiner Verflossenen zu suchen, muss Miles sich widerwillig dem Skizm-Erfinder Riktor beugen, als dieser als Druckmittel Nova entführt. Um diese zu retten, stellt er sich dem Kampf gegen Nix und wird mit seiner unbeholfenen Art bei den Besuchern der Seite ein wahrer Publikumsliebling. 

Dies überträgt Guns Akimbo auf den Zuschauer, der für den von Daniel Radcliffe in einer hinreißenden Performance dargestellten, Durchschnitts-Losertypen Miles schnell derartig starke Sympathie entwickelt, dass manche vorhersehbare Entwicklung der vom Film erzählten Geschichte billigend in Kauf genommen wird. Jason Lei Howdens Werk ist so manipulativ, wie das, was er zwischen seinen abertausenden optischen Gimmicks und den breit aufgestellten Over The Edge-Actionszenen aufzeigen will. Die Lust auf Sensationen, das Interesse an der dunklen Seite unseres Daseins, wie Mord und Totschlag, welches man seit Existenz bzw. Ausbreitung des Internets mit wenigen Klicks aufrufen kann, weckt Guns Akimbo einerseits mit cleverem Timing. Die ruhigen Minuten bis zum nächsten Setpiece lassen dem Zuschauer genügend Zeit zum Verschnaufen, bindet ihn mehr an den Protagonisten, um mit diesem das nächste Level zu bestehen. Die Konzeptionierung des Scripts erinnert hier an den Aufbau eines Videospiels. 

Andererseits wird der Zuschauer auf die Ebene eines Zuschauers von Skizm gestellt, welche sich mit Miles durch seine zuerst langweilig erscheinende Durchschnittlichkeit immer mehr mit ihm Identifizieren können, wenn sich dieser immer mehr in die Rolle, in die er von Riktor gezwängt wird, einfindet. Der Everymen's and -women's Action Hero ist ein Mann aus der Mitte, bringt das greifbare Leben in die dröhnende Welt des Death Matchs und führt zu Szenen, in denen Guns Akimbo die Heuchelei, Manipulation und das Getrolle innerhalb von Social Media in überdrehter Manier durch den Kakao zieht. Komplett nimmt man das erst wahr, wenn die Credits über die Mattscheibe rollen. Zunächst walzt er mit seiner durchgestylten, ideenreichen und fantastisch fotografierten Action mit Übercoolness-Faktor alles platt, was sich nicht schnell genug vor diesem vollgestopften Film retten kann.

Verständlich, wenn das für manche Semester so gleich und oberflächlich erscheint, wie ähnlich gelagerte Actioner vergangener Jahre. Eine gewisse Affinität für von Ideen und Anspielungen vollgestopfte Filme, die gleichzeitig einer Epoche oder einem Genre ihre Ehre ihre Ehre erweisen - hier das Actionkino der letzten 40 Jahre - muss man schon mitbringen. Guns Akimbo ist der Crank für die Generation Fortnite, ohne den Film mit diesem Vergleich durch den schlechten Ruf des Spiels bzw. seiner Community abwerten zu wollen. Ein rasend schnelle Film-Erlebnis mit gut eingesetztem Humor, starker Performance von Ratcliffe und Samara Weaving als Nix und mitreißender Style over Substance-Action. Das überzeugt selbst solche mittelalte Knochen wie mich, die immer weniger Lust auf vollgestopfte Filme im Dauerfeuermodus, welche die Brücke zwischen zwei Medien wie Games und Film schlagen wollen, haben und vergleichbares wie Hardcore Henry (hier besprochen) zwar gut, aber auch anstrengend fanden.


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Donnerstag, 17. Dezember 2020

Die Bande des Captain Clegg

Packt man gleich zu Beginn der Worte, die ich über die Produktion der altehrwürdigen Hammer Studios verlieren möchte, die Negativ-Kelle aus, dann kann man nicht abstreiten, dass Die Bande des Captain Clegg seine Geschichte auf überschaubaren Bahnen bewegt. Große Überraschungen bleiben aus; die als spektakuläre Twists geplanten Wendungen, die der Plot parat hält, kann man mit wenig Mühen erahnen. Und es ist nicht mal mein beim Schauen von Filmen des britischen Studios öfter aufkommender, verklärter Blick auf dessen Filme, selbst wenn sie sich als eher mäßig gebaren, dass mich auch dieses Film-Abenteuer gut unterhalten hat. Seinen Charme hat er sich bis heute bewahrt und zusammen mit dem verschmitzt aufspielenden Peter Cushing in der Hauptrolle kann der Film schnell die Zuschauer auf seine Seite ziehen. Selbst wenn dieser anhand der großen Gothic Horror-Tradition von Hammer mit seiner Quasi-Piraten-Thematik für den Unkundigen zunächst untypisch erscheinen mag.

Komplett verabschiedet man sich selbst in Die Bande des Captain Clegg aber nicht vom atmosphärischen Grusel. Gespenster sollen im Moor nahe einer kleiner englischen Ortschaft umgehen, erzählt man sich in dieser und auch dem dort ankommenden Captain Collier und dessen Truppe, welche auf der Suche nach einem angeblich in der kleinen Ortschaft operierenden Schmuggler-Ring sowie dem ebenso grausamen wie legendären Piraten-Kapitän Clegg sind. Collier, dem Clegg in der Vergangenheit bereits einmal entwischt ist, muss vom örtlichen Geistlichen Dr. Blyss erfahren, dass dieser mittlerweile verstorben und auf dem Dorf-Friedhof begraben ist. Richtig möchte dies der Captain nicht glauben und bei seinen Nachforschungen stößt er neben Hinweisen darauf, dass tatsächlich ein reger illegaler Handel mit Alkohol betrieben wird auch auf Hinweise, dass sein alter Widersacher Clegg noch am Leben sein könnte.

Während der amerikanische Verleih den Film Aufgrund der Szenen mit den Moor-Geistern den Film mehr in die Horror-Ecke zu drängen versuchte, sind deren Einsätze spärlich gesät. Insgesamt drei Auftritte gewährt man ihnen um das atmosphärisch dichte Abenteuer mit den bekannten Hammer Trademarks aufzuwerten, welches sich ansonsten am ersten Auftritt des literarischen Schmuggler-Königs Dr. Syn, "Dr. Syn: A Tale of the Romney Marsh" von 1915, orientiert. Da zur Zeit der Produktion Unklarheiten über die Rechte um Dr. Syn herrschten -Walt Disney hatte diese wie Hammer ebenfalls erworben und es galt zu klären, wer inwieweit nun tatsächlich die Filmrechte an den Büchern hielt - änderte man sicherheitshalber einige Teile der Geschichte und benannte Syn in Clegg um, bevor ein teurer Rechtsstreit drohte. Dass Peter Cushing ein großer Freund der Bücher war, merkt man seinem euphorischen Spiel an. Der Mime legt eine tolle Performance hin und kann wie das hübsche Set Design von den simpleren Momenten des Films gekonnt ablenken.

Die damit mitschwingende Naivität erinnert mich an Begegnungen in frühester Kindheit mit dem Medium Film, wenn ich - der öfter bei seiner Oma war als bei den Eltern - bei dieser ^^^^^^^^^^^^^^^^^^ihr im Wohnzimmer mit spielen beschäftigt war und von dem im Fernsehen laufenden bunten Kintopp, welches Anno dazumal im Vormittagsprogramm der damals noch spärlichen Spartensender der öffentlichen-rechtlichen liefen, plötzlich abgelenkt wurde und fasziniert dem Treiben auf dem Bildschirm folgte. Irgendwann wandte ich mich mehr wieder meiner eigenen Fantasie und dem Spielen zu, doch bevor ich in späteren Jahren durch den Horrorfilm komplett auf den Geschmack gebracht wurde und mich das Goutieren unzähliger B-Filme cineastisch sozialisierte, war dies die erste prägende Begegnung mit dem Medium. Dann unterhält Captain Clegg nicht einfach nur durch Mimen, welche der Geschichte förderlich in schwächeren Momenten unter die Arme greift (neben Cushing ist z. B. Hammer-Regular Michael Ripper als Sargmacher Mipps ein Genuss) und dem im richtigen Moment ansteigenden Tempo, sondern auch durch das von ihm hervorgerufene nostalgische Gefühl.

Dann ist man im Hinterkopf unmerklich in diese unbekümmerte Zeit zurückgekehrt, kann das, was man damals so ähnlich schon mit seinem kindlichen Gemüt von der Flimmerkiste aufgesogen hat, noch besser greifen und verstehen und sinkt mit dem ansteigenden wohligen Gefühl zufrieden in den Sessel und erfreut sich an diesem einfach gestrickten, aber mit viel Charme ausgestatteten Abenteuer. Hinzu kommt, dass die Darstellung der Figuren die Sympathien des Zuschauers auf die rational betrachtet eigentlichen Kriminellen lenkt. Die Macht emotionaler Manipulation beherrscht er mehr als ordentlich, so dass man ihm seinen steifen Nebenplot mit obligatorischer Liebesgeschichte mitsamt etwas blasserem Auftritt von Oliver Reed verzeiht. Die Bande des Captain Clegg ist einer dieser Sonntags-Filme, für die man nicht so viel Aufmerksamkeit braucht und der durch seine Gesamtwirkung jeden Tag zum Sonntag macht, wenn man ihn anschaut. Egal ob wie ich etwas mehr hintergründig oder vordergründig empfänglich für solcher Art Werke von früher, wo alles - auch die Abenteuer - besser war, ist: man kann durchaus seinen Spaß damit haben.

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Freitag, 24. April 2020

The Greasy Strangler

Bei diesem Film muss ich zum Einstieg tatsächlich etwas auf meine Sehgewohnheiten eingehen. Die derzeit geringere Frequenz an Blogpostings sind neben dem Umstand, dass ich seit einiger Zeit mit meiner Switch und der Playstation 4 wieder intensiver dem Gaming fröne, auch meinen Arbeitszeiten geschuldet. Im Schichtdienst, der auch Arbeit am Wochenende umfasst, ist es mir schlicht mit dem ganzen Gedöns, was daheim noch getan werden muss, einer Beziehung und - blendet man die derzeitigen Einschränkungen mit Social Distancing und Abstand halten aus - Socializing, manchmal nicht möglich, mehr Filme zu schauen, wie man in manchen Phasen selbst gerne möchte. Dazu kommt, das ich - anders als Freunde, die selbst noch totmüde sich einen Film im Heimkino reinziehen und dann vielleicht mehrere Anläufe benötigen, weil sie immer selig wegschlummern - beim geringsten Anzeichen von Müdigkeit darauf verzichte, was zu schauen. Ich kenne mich und weiß, wie genervt ich sein kann, wenn ich gemütlich im Sessel wegnicken würde. Es mag verschroben klingen, nur ist das für mich gegenüber dem Künstler und seinem Werk nicht respektvoll, wenn man sich dieses nicht in vollem Bewusstsein bzw. in guter, fitter Verfassung anschaut.

Was dies mit The Greasy Strangler zu tun hat? Manchmal überkommt auch mich bei aller Abgeschlagenheit der innere Zwang, eher: ein unbändiges Verlangen, das man doch noch gerne was schauen möchte. Als meine Wahl auf diesen fiel, war ich an einem Samstag durch meine Arbeit schon seit 5 Uhr wach, aber wollte Abends, als meine Freundin zu Bett gegangen war, trotzdem noch einen Film schauen. Schon länger auf meiner Watchlist stehend, wählte ich den laut Empfehlung eines Arbeitskollegen "sehr speziellen Streifen" aus und hoffte für mich, dass ich ohne größere Anflüge von spontanem Kurzschlaf die nächsten gut neunzig Minuten durchstehen würde. Der Film lief gerade einmal ca. zehn Minuten, als jede körperliche wie geistige Erschöpfung wie weggeflogen war. Denn das, was ich dort auf dem Bildschirm sah, war eine bizarre Geschichte mit obskuren Figuren und deren irrealem Verhalten in einem vom Glamour befreiten Los Angeles in dem Ronnie mit seinem Sohn Brayden eine fragwürdige Tour durch die weniger glanzvollen Teile der Stadt für Touristen anbieten, in denen sie ihnen angebliche Wirkungsstätten späterer Discogrößen zeigen. Auf einer dieser Touren lernt der mit seinem Vater in einem Haus lebende Brayden die robuste Janet kennen. Die beiden knüpfen zarte Bande, wenn da nicht der nach extra fettigem Essen gierende Ronnie wäre, der in seiner maßlosen Selbsteinschätzung ein Auge auf die junge Dame wirft und ständig wie offensichtlich verneint, der in der Stadt umhergehende Bratfett-Mörder, einem wie der Name sagt über und über mit Küchenfett eingeschmierter Serientäter, zu sein.

Horror, Komödie, Drama: im Kern ist The Greasy Strangler ein Vater-Sohn-Drama um zwei Menschen, die man am Rande der Gesellschaft verorten kann und versuchen, in dieser sich zurecht zu finden. Durcheinander gewirbelt wird das Gefüge durch die angeblich weibliche Bedrohung in Form von Braydens Romanze mit Jane. Ronnie reagiert, nachdem die Mutter die beiden vor Jahren bereits verlassen hat, mit kindlichem Trotz und Eigensinn auf die Invasorin, die im Begriff ist, ihm seinen letzten Bezugspunkt und Halt zu nehmen. Regisseur Jim Hosking wirbelt mit seinem Co-Autoren Toby Harvard die weitere Story mit weniger unerwarteten, mehr abstrusen Wendungen durcheinander, als er Ronnie in die Offensive gehen und Jane seinem Sohn ausspannen lässt. Normal als Begrifflichkeit allgegenwärtiger, kollektiver Wahrnehmung scheint in diesem Film nicht viel zu sein. Absurde Details wie der schweinsnasige Freund Braydens oder Augen, die wie in Cartoons aus den Köpfer der Opfer des Killers herausploppen werden innerhalb des filmischen Mikrokosmos als selbstverständlich verkauft. In seiner grenzenlosen Absurdität schwankt der Film zwischen den Filmen eines John Waters oder Quentin Dupieux sowie einer guten Portion Monty Python.

Übertrieben hervorgehobene Ekeldetails in einzelnen Szenen, betont gewaltig oder winzig dargestellte männliche Genitalien, leichter Einschlag in einen vulgären Humor und allgegenwärtige Hässlichkeit als gewählte Ästhetik des Films: Jim Hosking erstellt in The Greasy Strangler einen Gegenentwurf zur bekannten schillernden Scheinwelt eines Los Angeles mit seinen Stars und Sternchen. Durch die Verbindung mehrerer Genres geht The Greasy Strangler trotz seines vorherrschenden Konzepts vom "Mut zur Hässlichkeit" die klare Linie etwas verloren. Ohne wirklich die Mechanismen des Horrorfilms voll ausspielen zu wollen, schwankt der Film in manchen Szenen unentschlossen zwischen reiner Komödie und Anflügen konventioneller Horrorformeln, die der Groteske eine komplette, klare Struktur verwehren. Mehr nimmt der Film die wankelmütige Persönlichkeit seines Protagonisten Big Ronnie an, der bei all seinen lauten Ausbrüchen, Extravaganzen und diffusen Verhaltensmustern nicht verbergen kann, dass er unter dieser Hülle eine fragile Seite besitzt, die geschützt werden möchte. Ohne in Gefühlsduseligkeit abzudriften, behält Hosking hier den Weg bei und setzt bis zum gleichermaßen seltsamen wie in der Syntax des filmischen Kosmos dennoch völlig normalen Happy Ends auf die größte Stärke seins Films: einer Welt bevölkert von Figuren und deren Aussehen, Handlungen und Eigenheiten die bei geringer repetitiver Handlungsmuster als großes Ganzes soweit funktionieren, dass man meist ungläubig mit offenem Mund, immer leicht verzogen zu einem Grinsen oder sich anbahnenden Lachen - - frei nach dem Motto Seeing is believing - in seinem Heimkino sitzt. Da funktioniert der Film wirklich sehr gut und bot mir, der ein Herz für filmische Absurditäten besitzt, eine nicht enden wollende Flut an verzückenden Unglaublichkeiten.
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Montag, 21. Oktober 2019

Puppet Master - Das tödlichste Reich

Handelt es sich beim neuesten Teil der Puppet Master-Reihe, diesem langlebigen, aus den Full Moon-Studios stammenden Franchise, noch um eine Reboot oder um einen verkappten Fan-Film? Ein Dutzend Filme später wurde der Zähler so ziemlich auf 0 gedreht. Die in ihrer Qualität schwankenden Sequels werden von Drehbuch-Autor S. Craig Zahler zu Gunsten einer neuen Mythologie um den französischen Puppenmacher André Toulon und seine auf übernatürlichem Wege zum Leben erweckten Schöpfungen ignoriert. War Toulon in der Original-Reihe ein Opfer der Nazis, so stellt er sich laut der comicartig inszenierten Vorgeschichte innerhalb des Vorspanns in die Dienste der Nationalsozialisten. Gleich, ob die altbekannten und wenigen neuen Puppen auf der Seite des Guten oder des Bösen wandeln, bleiben sie gegenüber den Mimen aus Fleisch und Blut unübersehbar weiterhin die eigentlichen Stars des Films. Um diese herum wird mit The Littlest Reich (engl. OT) ein gewaltiger Splatter-Trip jenseits des guten Geschmacks gestrickt, der den Anschein erweckt, dass der Script-Autor den Kern der ursprünglichen Reihe nicht verstanden hat oder verstehen möchte.

Puppet Master zeichnet sich durch eine kindliche Naivität in der Ausgestaltung der Geschichte aus, die mehr noch in manchen Sequels zum Tragen kommt, wenn Nazis - once again - in einem US-amerikanischen Genrefilm zum ultimativen Bösen werden, gegen die sich ein von diesen verfolgter Handwerker mit seinem erschaffenen Spielzeug stellt. Die durch ein von Toulon entwickeltes Serum zum Leben erweckten Puppen werden in den Fortsetzungen zu wortwörtlichen Good Guys, wenn sie sich dem Nazi-Pulk kämpferisch entgegenstellen und hiermit kindliche Fantasie während eines Spiels zu Narrative für eine Horrorfilm-Reihe wird, die sich während der verschiedenen Zeitlinien, die sich innerhalb dieser entwickelten, häufiger dem Fantasy-Genre zugewandt hat. Zahlers Neuansatz bricht damit und übernimmt in wenigen Teilen das Grundszenario des ersten Teils, in dem ebenfalls ein Hotel zum Hauptort der Handlung wird. 

In Das tödlichste Reich reisen Comiczeichner Edgar, der seit seiner Scheidung wieder bei seinen Eltern lebt und im Comicladen seines Freundes Markowitz jobbt, mit diesem und seiner neuen Freundin Ashley zu einer Convention, die anlässlich des dreißigsten Jahrestages der sogenannten Toulon-Morde veranstaltet wird. Neben einer Führung durch das Haus, in dem sich die im Prolog geschilderten Vorkommnisse ereigneten, soll dort auch eine Auktion stattfinden, auf der an die 60 von Toulon gefertigte Puppen versteigert werden sollen. In der Nacht vor der Auktion mehren sich die seltsamen Ereignisse, die der Film ausgiebig zur Schau stellt. Die von Toulons lebendig gewordenen Puppen vollübten Morde werden nach der widerwärtigen Ideologie der Herren ihres Schöpfers vollzogen und "lebensunwürdige" Menschen wie Homosexuelle oder Juden dezimiert. Das vom lebendigen Spielzeug vollzogene Massaker ist eine Ansammlung episodischer Mordszenarien, die mit ihrem aggressivem, schwarzen Humor und derben Einfällen fernab jeglicher Political Correctness auffallen.

Das "verweichlichte" Franchise bekommt durch die Feder Zahlers in seinem Reboot einen harten Grundton, der keine positiven Vibes zulässt. Das steht dem Film keineswegs schlecht und gebiert einige krude Szenen, die manchen Gemütern aus verschiedenen Gründen schwer im Magen liegen dürften. Verblüffend blutige Effekte visualisieren Ideen, die in Fun-Splatter-Filmen oder Gore-Eskapaden aus den 90ern und frühen 2000ern ebenfalls gut untergekommen wären. Autor Zahler und sein Regie-Duo Sonny Laguna und Tony Wiklund ignorieren den gegenwärtigen liberal-offenen Ton und orientieren sich an Schwarz-Weiß-Gedankenkonstrukten aus Filmen der 80er. The Littlest Reich ist die Apokalypse in einem kleinen, filmischen Kosmos aus der es kein Entrinnen gibt; die kühle Atmosphäre stärkt die vorherrschende Stimmung der Ausweglosigkeit, bei der kein Licht am Ende des sprichwörtlichen Tunnels, geschweige denn ein Happy End, in Sicht ist. Lagunas und Wiklunds Umsetzung von Zahlers Script ist ein regelrechter Hardgore-Film der sich an kurzlebigeren Genre-Eigenheiten wie Naziploitation orientiert. 

Die Überzeichnung dürfte den Film nicht davor schützen, dass er durch die rigorose Gnadenlosigkeit, mit der die Puppen gegen Gesellschaftsgruppen vorgeht, von einigen scharf angegangen wird. Darf man heute noch fast blauäugig, manche würden ignorant sagen, wie in alten Jahrzehnten Horror inszenieren und die heutige gesellschaftliche Toleranz ignorieren? Der Film eckt gewollt an; seine Provokationen und Geschmacklosigkeiten lassen kurzzeitig den Mund offen stehen und besitzen zeitgleich den Nachgeschmack, dass der (inoffiziell) 13. Film des Franchise diese in die Pubertät bringt und zu gewollt mit Provokationen um sich wirft. Das Script wirkt in seiner episodischen Money Shot-Revue wie ein Fan-Film, der zeigt, was man alles abartiges mit den Toulon-Spielzeugen anstellen könnte. Die neuerliche Dämonifizierung der Puppen macht aus diesen leider ebenso seelenlose Werkzeuge, weit entfernt von ihren Epigonen aus der Hauptreihe, welche bei aller kostengünstigen Trickserei dort weit mehr Persönlichkeit und Eigenleben besitzen als ihre Gleichnisse aus Das tödlichste Reich.

Der leicht bittere Nachgeschmack des Films entsteht weniger durch seine plump-rotzige Sprache und der simplen Ausgestaltung der Story. Irgendwann wünscht man sich nur etwas mehr Background, angefixt von den durch aus guten und für die Reihe Puppet Master frischen Ansätze. Das bleibt aus und Das tödlichste Reich bleibt dieser im Unterton leicht danebene, nicht unsympathische B-Movie der sich von den Vorbildern aus früheren Jahrzehnten nicht groß unterscheidet. Pulpige Schludrigkeit, welche der Geschichte gute Momente raubt und auch den grimmigen Humor teils nicht komplett zünden lässt. Das zunächst unbefriedigende Ende kündigt in großen Lettern eine Fortsetzung an, die dann hoffentlich wirklich mehr davon bietet, was man sich wünscht: das auch mit Das tödlichste Reich eine eventuell weitere, alternative Zeitlinie in der Reihe begonnen wird, die nicht unbedingt so ausarten muss wie diese, aber einige Liter frisches (Kunst-)Blut in die Marke Puppet Master pumpt. Vielleicht sollte S. Craig Zahler nicht nur weiter an der Story schustern sondern diese auch gleich selbst umsetzen. Manchmal fehlt dem Regie-Duo die nötige Kraft, den manchmal undankbar generischen Stoff des Scripts so garstig umzusetzen, wie Zahler diesen wollte.
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Montag, 2. September 2019

Once Upon A Time In... Hollywood

Es geht auf die Zielgeraden. Once Upon A Time In... Hollywood ist der neunte Film von Quentin Tarantino, der sich der eigenen Ankündigung nach darauf beschränken möchte, nur zehn zu drehen um dann mit dem Filme machen aufzuhören. Bei jedem seiner Filme ist man gespannt darauf, was der Autodidakt mit Hang zum B- und Genre-Films dieses Mal an Anspielungen, Verweisen und Zitaten in diese gepackt hat. Mit dieser kontinuerlichen Manie des Maestros ist seine Unberechenbarkeit (fast) kalkulierbar geworden. Beinahe drei Stunden fröhnt Tarantino dabei seinem Publikum zu zeigen, was er neben seiner eigenen Person an Werken aus Film, Fernsehen und Musik so toll findet. Empfand ich seinen letzten Film The Hateful Eight zu ausgedehnt mit bis aufs Maximum ausgereizten Szenen, in denen man fast den vergossenen Samen schmeckte, den Tarantino durch Ego-Onanie auf sich selbst ergoss, ist sein neuestes Werk erstaunlich zurückhaltend im merklichen Feiern des eigenen Geschmacks.

Präsent ist er natürlich; vor allem im vorzüglichen Soundtrack, der viele tolle Tracks aus der Zeit der 60er beinhaltet. In diese entführt Tarantino, blickt mit leichter Melancholie an das tote Hollywood dieser Epoche mit ihren Stars und Sternchen und wird zugleich zum Märchenerzähler. Seine auserkorenen Protagonisten sind der Schauspieler Rick Dalton und dessen Stunt-Double Cliff Booth, welcher anhand einer sehr überschaubaren Auftragslage für ihn und seinen Boss für letzterem mehr zu einem Mädchen für alles geworden ist. Einst war Rick der gefeierte Star der bekannten Western-Serie "Bounty Law", nun hangelt er sich von Pilotfilm zu Pilotfilm, hat manchmal Gast-Auftritte in Fernsehserien und blickt neidisch auf seine neue Nachbarn: den für seinen neuesten Film Rosemary's Baby gefeierten Roman Polanski und seine junge Frau, die Schauspielerin Sharon Tate.

Während Rick mit Rollenangeboten für Italowestern hadert und seinen Frust über seine Lage in Alkohol ertränkt, erzählt Tarantino nebenbei noch von einem jungen Kerl Namens Charles Manson, der kaum zu sehen und trotzdem immer präsent ist. Mit der Kenntnis über die verübten Morde der Mitglieder seiner Family an der damals hochschwangeren Tate und ihren Gästen, baut der Film eine gewisse Spannung auf, wenn sein Regisseur und Autor fast mal wieder den Bogen überspannt. Hin und wieder stellt sich die Frage, wohin dieser nun eigentlich mit seiner Erzählung überhaupt hin will. Die Handlung wird manchmal schlingern gelassen, greift Andeutungen zu Manson auf, stellt sie mit Cliffs Besuch auf der Spahn Ranch, der Unterkunft der Manson Family zum damaligen Zeitpunkt, in den Mittelpunkt um dann wieder den Fokus auf seine beiden Protagonisten zu legen. Rick wird in den langen Episoden über seinen Versuch, einen neuen Serienhit zu landen, stellvertretend für die Altstars von früher und dem traurigen Niedergang ihrer Karrieren in der im Umschwung befindlichen Traumfabrik.

Tarantinos Blick auf diese Zeit ist bittersüß. Jeder Tragik wohnt zugleich eine Komik inne; Rick Dalton ist ein sympathischer Losertyp, dem man einen erneuten Erfolg gönnen würde, der sich und seiner Karriere im Blick auf die eigene, ruhmreichere Vergangenheit im Weg steht. An seiner Seite ist sein mit einer kriminellen Vergangenheit gestrafter Stuntman Cliff Booth, dessen einfaches Gemüt und dauerhafte Coolness entfernt an den (ebenfalls im Film vorkommenden) Steve McQueen erinnert. Die Beziehung der beiden Männer beschränkt sich nicht auf ein reines Arbeitsverhältnis. In ihr schlummert eine aufrichtige Freundschaft, die mal verborgen, mal ersichtlicher beiden Halt schenkt, wenn gleich Rick diesen spürbarer benötigt. Mit diesem blickt auch Tarantino auf eine Zeit zurück, in der zumindest vordergründig noch alles im Lot in Hollywood war. Once Upon A Time In... Hollywood ist seliges Seufzen seines Schöpfers; Erinnerungen an früher und die (erste) Magie der Stoffe, die einen jungen Quentin Tarantino begeistert haben.

Und er feiert vieles. Serien wie Rauchende Colts, The F. B. I. oder Filme wie Rollkommando oder Gesprengte Ketten. Mit Zitaten oder direkten Ansprachen. Imposant und charmant ist dabei Daltons Erinnung an seine Chance, die Hauptrolle im McQueen-Film Gesprengte Ketten zu bekommen. Mittels hübschem Tricksen aus der Technikkiste wurde dieser durch DiCaprio ersetzt, was zu einigem Schmunzeln führt. Und wenn sich Dalton letztendlich doch für einen Europatrip nach Rom und die Rollenangebote von dort entscheidet, macht Tarantino seine Figur zum Hauptdarsteller des von Mario Bava geschaffenen Nebraska Jim (vor Jahren übrigens hier besprochen). Beim ganzen Schwelgen in Erinnerungen an die gute alte Zeit, als das Testosteron die Leinwände flutete, schaut man Tarantino gerne zu. Dem Film wurde im Netz häufiger angelastet, dass er keine Handlung besäße und langweilig ist. Manchmal fragt man sich wirklich, wohin der Amerikaner nun überhaupt mit seiner Geschichte möchte. Ob das einfach nur hartes nostalgieren ist oder er uns auch wirklich etwas zu sagen hat.

Groß unterscheidet sich Once Upon A Time In... Hollywood nicht mal groß von früheren Werken, in denen er ebenfalls ausgiebig die Zitate in seine Scripte goss. Mehr fragt man sich mittlerweile bei mancher Kritik am Film, woher plötzlich diese Handlungsgetriebenheit der Leute führt. Fällt es mittlerweile so schwer, sich einfach auf die Stimmung eines Films einzulassen? Mehr als die Erzählung über einen beinahe gescheiterten Schauspieler des System des Old Hollywood ist dieser Film ein Stimmungsbild, das es nicht immer so genau mit den Fakten nimmt, den Zuschauer aber gekonnt in die Zeit mitnimmt und den darin wehenden Wind of Change spüren lässt. Noch blödsinniger ist eigentlich nur, dass ihn eine kleine Protestwelle empörter Bruce Lee-Fans traf, da deren Held im Film in seiner Darstellung nicht sonderlich gut wegkommt. Drauf geschissen. Es gibt auch für mich - der wegen der kultischen Verehrung des Regisseurs von einigen immer mit gewisser Skepsis an dessen Werke herangeht (kennt man die von ihm ausgiebig zitierten Vorbilder, dann kocht auch Tarantino nur mit Wasser) - wenig zu meckern.

Mehr Unberechenbarkeit wäre für sein wahrscheinlich finales zehntes Werk wünschenswert. Es kristallisiert sich eine Formel heraus, wie er seine Filme aufbaut. Mit der Verbindung zu wirklich geschehenen Ereignissen, ist die abschließende Gewalteruption - ähnlich wie in The Hateful Eight - zu erwarten gewesen. Womit wir wieder bei den Märchen wären. Once Upon A Time In.. Hollywood ist neben dem vielleicht auch mit Wehmut durchzogenen Blick auf die gute, alte Zeit ein What if...-Szenario Tarantinos; ein leichtes Märchen, mit unbestimmten Ausgang und der Hoffnung auf bessere Zeiten für die sympathisch gezeichneten Protagonisten. Gerne wandelt man mit ihnen und dem Geist, der hinter der Geschichte steckt noch einmal durch eine unwiederbringliche Zeit, die mit den vielen Gastauftritten und Anspielungen noch häufiger dazu einlädt, dieses zur Abwechslung mal wieder zufriedenstellende Kapitel in der Filmographie Tarantinos aufzuschlagen.
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Sonntag, 25. August 2019

Lords of Chaos

Mit den Bands Motörhead, Grave Digger und Sodom hat alles angefangen. Seitdem befinde ich mich seit gut zwanzig Jahren - trotz Unterbrechungen und damit verbundenen, auf andere Genres bzw. Subkulturen verschobenen Interessen - in den Klauen des Heavy Metal. Im letzten Jahr brachte mich die schwedische Okkult Rock-Band Ghost mit ihrem aktuellen Album zurück zu den musikalischen Wurzeln und während ich zu Beginn meiner "Metaller-Karriere" bei extremeren Spielarten wie Death- oder Black Metal wegen der stumpfer Brutalität der Musik wenig begeistert meist schnell abwinkte, erwachte über die Jahre zumindest für Black Metal leichtes Interesse. Trotz weniger Berührungspunkte mit diesem Subgenre stößt man, wenn man sich intensiver mit Heavy Metal auseinandersetzt, auf einen der größten Skandale, der es über die Szenemauern hinaus schaffte, für großes Medienecho sorgte und Black Metal ins Bewusstsein vieler Menschen setzte:
die durch Brandstiftung entstandenen Kirchenbrände im Norwegen der frühen 90er und den Mord von Kristian "Varg" Vikernes an seinem Bandkollegen Øystein "Euronymus" Aarseth.

Nachdem die musikalisch spannende, chaotische und gewalttätige erste Welle der noch jungen Black Metal-Szene in Skandinavien abebbte, erschien im Jahr 1998 das Sachbuch Lords of Chaos. Die verschiedenen Vorkommnisse der vergangenen Jahre wurden darin aufgearbeitet und ließ die damaligen, mit den im Buch beschriebenen Vorkommnissen verknüpften Szene-Köpfe der damaligen Zeit, darunter auch Vikernes, zu Wort kommen. Das Buch mit den darin abgedruckten, ungefilterten wie unkommentierten Gesprächen wurde in und außerhalb der Szene kontrovers aufgenommen. Die Verstrickungen von Autor Michael Moynihan in die rechtsextreme Szene heizten die Diskussionen um das Werk zusätzlich an. Viele Jahre nach seiner Veröffentlichung nahm sich Jonas Åkerlund dem Buch an und arbeitete als ausführender Produzent, Autor und Regisseur an einer Verfilmung dessen. In Bezugs auf das Thema erweist sich der Schwede, welcher sich als Videoclip-Regisseur für Madonna, Sigur Rós, The Prodigy oder Rammstein einen Namen machte, als gute Wahl. Von 1983 bis 1984 saß er unter dem Pseudonym Vans McBurger hinter dem Schlagzeug der schwedischen Metal-Band Bathory, welche mit ihrem Sound u. a. auch den Black Metal beeinflusste und deren bekanntes Goat-Motiv des Debütalbums häufiger auf den Shirts der Figuren des Films zu sehen ist.

Dieser entpuppt sich als zweischneidige Angelegenheit. Lords of Chaos schildert die Geschichte aus der Sicht von Øystein Aarseth, der als Erzähler fungiert und mit Voice Overs die Geschichte vorantreibt und kommentiert. Euronymus ist der Verbindungspunkt mit dem Zuschauer, der diesen aktiv anspricht, während der Film über weite Strecken die Handlung so nüchtern anpackt, dass eine distanzierte Kühle entsteht. Ansatzweise erinnert man sich in den Schlüsselmomenten rund um Aarseth und den Anfangstagen seiner Band Mayhem sowie dem kriminellen Treibens seines "Inner Circle" nach der Gründung des Plattenladens Helvete in Oslo bei deren Darstellung an die unmenschlich kalte Stimmung einiger Black Metal-Songs erinnert. Als Kenner der Materie besitzen manche Szenen trotz des Wissens, was folgt, eine unangenehme Wirkung. Der Suizid des ersten, schwer depressiven Sängers Per Yngve "Dead" Ohlin und der von Bård "Faust" Eithun begangene Mord an einem Homosexuellen in Lillehammer sind durch Åkerlunds stiller Beobachter-Perspektive schwer im Magen liegende Szenen die nachhallen.

Leider wird diese Sicht auf die vergangenen Zeiten von Momenten durchbrochen, in denen die Geschichte und die darin vorkommenden Menschen für ein hippes, PC-getreues Publikum und deren Sensationslust vorgeführt wird. Metal-Fan als solche und Black Metal-Anhänger insbesondere erscheinen in ihrer Andersartigkeit ein gefundenes Fressen für Szenen, die plump provokativ wirken sollen und damit höchstens in ihrer Blase durch gentrifizierte Trendviertel schwebendes Hipstervolk oder Senioren jenseits der 80 schockieren können. Nicht von ungefähr erinnert das an Reportagen der Vice. Diese hat Lords of Chaos mit ihrer Firma Vice Films mitproduziert und hat den Black Metal schon zu früheren Zeiten für sich entdeckt. True Norwegian Black Metal - ein Begriff der auch im Film selbst häufiger fällt - ist eine von der Vice produzierte Kurz-Dokumentations-Serie über die extreme Spielart des Heavy Metals. Wie das zugrunde liegende, verfilmte Buch wurde diese alles andere als gut aufgenommen und den Machern absichtliche Falschinformation vorgeworfen; Hauptsache die Zielgruppe erhält neues Futter über die "abartigen" Andersartigkeit außerhalb der eigenen Blase.

Nötig hat Lords of Chaos dieses Gehabe eigentlich nicht. Åkerlunds Film schafft die Balance zwischen kühler Studie und True Crime-Drama und ermöglicht dem Zuschauer einen Einblick in die Anfangstage einer Szene und Musikrichtung, bei der ich selbst ständig zwischen Faszination und Abscheu schwanke. Wie das Buch enthalten sich Åkerlund und sein Co-Autor Dennis Magnusson jeglichen Urteils über die Geschehnisse. Sie lassen Euronymus sprechen und zeigen an seiner Person das ganze Paradoxon des Black Metals. In keiner anderen Spielart des Metals ist man um angebliche Authentizität bemüht und schwankt auf dem schmalen Grat zwischen ideologischer Extreme und purem Posertum. Der schwelende Konflikt zwischen Aarseth und Vikernes, begonnen bei Kleinigkeiten wie dem bemängelten Scorpions-Patch an der Jacke Vikernes' beim ersten, kurzen Aufeinandertreffen der beiden entwickelt sich zu einer hochexplosiven Mischung aus auseinander triftenden Ideologien, Eifersucht und der "existenziellen" Frage, was eigentlich true ist. Die Konzentration auf Euronymus lässt diesen zu einer tragischen Figur werden, der den Zwängen der Szene hätte entwachsen können.

Der steifen Sicht des Films auf ihren Protagonisten nach könnte man Åkerlund eine einseitige Konzentration vorwerfen. Vikernes bleibt in seiner Darstellung gefühlt eine Randfigur, obwohl er der zweite Protagonist ist. Im Vergleich mit dem Buch ein sorgsam eingeschlagener Weg und Kontrast. Das der Norweger damals eine eigentlich leicht manipulierbare wie gleichzeitig einnehmende Persönlichkeit war, die sich über die Jahre (bis in die Gegenwart) gefährlich radikalisierte, wird schnell klar. Die im jugendlichen Rebellentum anhaltende Ablehnung gegenüber der Institution Kirche, weil sie den Glauben der norwegischen bzw. skandinavischen Vorfahren vertrieb und die Vermengung mit nationalistischem Denken eskalierte in den auch im Film gezeigten Kirchenbrandstiftungen; eine Konsequenz der ersten, frühen Radikalisierung Vikernes'. Dieses leere Gefäß, welches er in Andeutungen vor dem ersten Treffen mit Aarseth gewesen schien, war gleichzeitig gerne aufnahmebereit für die satanistische, lebensverneinende Welt des Black Metal. Noch heute ist die Szene Tummelplatz vieler zweifelhafter Gestalten und Nährboden für nationalsozialistische Auswüchse.

Die in Lords of Chaos beschriebene Zeit in Norwegen (und den angrenzenden Nachbarländern) quoll über vor hungrigen und jungen Menschen, die mit dieser neuen Extremen in der Subkultur über die nächsten Jahre in der Szene für Aufsehen und Kontroversen sorgen sollten. Gleichzeitig war ihr jugendliches Alter ein offenes Tor für extreme, radikale Gedankengänge. Würde die überwiegende Neutralität des Erzählstils nicht manchmal Platz machen für die sensationshaschende Zurschaustellung einer Subkultur, aus der Åkerlund selbst entstammt, wäre der Film im Gesamtton eine Nuance eindringlicher. Ebenso verzichtet er auf einen zu befürchtenden nostalgisierten Blick in die Vergangenheit. Das wird dem Zuschauer überlassen, der - sofern Fan - beim Anblick von Platten und Postern solcher Bands wie Metal Church, Motörhead oder Mercyful Fate sich ein leichtes Lächeln wegen des gebotenen Anblicks nicht verkneifen kann. Bei mir selbst war die kurz im Bild zu sehende "In The Sign Of Evil"-LP von Sodom - die Gelsenkirchener waren mit ihrem Spiel und dem rumpeligen Sound dieser und nachfolgenden Veröffentlichungen ebenfalls ein großer Einfluss für die frühen Black Metal-Bands - ein kurzer Grund spontanen feierns. Bei aller Kritik an der unterschiedlichen Tonalität kann man auch Lords of Chaos als spannenden und interessanten Blick in eine Subkultur ewiger Extreme ansehen und feiern dessen unaufdringliche Fotografie zeigt, dass in deren Schwärze eine faszinierende Schönheit innewohnt, deren Wirken auf einen selbst gefangen nimmt und begeistern kann.
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Donnerstag, 23. Mai 2019

The Destructor (Prey)

Die Freuden und Leiden der Schönheit: auf den ersten Blick betörend in seinem Äußeren, offenbart sich Ding wie Mensch näher betrachtet in seinem innersten hochgradig verdorben. Auf einen kleinen Mikrokosmos heruntergebrochen, betrachtet Norman J. Warrens Prey recht eigenartig die Auswüchse den verheißenden Verlockungen von Fassaden mit schönem Anschein. Die scheinbar von der restlichen Welt abgeschottet in einem alten Bauernhaus lebenden Frauen Jessica und Josephine mögen im pittoresken Landstrich ein harmonisches Leben führen, die traute Zweisamkeit ihrer Beziehung lässt schnell Risse durch Josephines herrisches Wirken erkennen. Die hübsche Erscheinung ihrer Partnerin zieht sie an und ängstigt sie zugleich. Mit wenig Selbstbewusstsein und Verlustängsten ausgestattet, mausern sich diese durch deren Wechselwirkung in eine langsam voranschreitende, psychisch unterschwellige Gewalt gegenüber Jessica.

Alles, was nur annähernd für den Verlust ihrer Partnerin sorgen könnte, sieht Josephine als potenzielle Bedrohung. Früh wird angedeutet, dass die Beziehung sehr einseitig zu sein und Jessica in diese hinein gezwungen scheint. Josephines Paranoia nimmt stärkere Züge an, als der verletzte und verwirrt wirkende Anders vor der Tür der beiden Frauen steht und um Hilfe bittet. Wenig begeistert vom Eindringling, gibt Josephine ihrer hilfsbereiten Freundin nach, den Mann zu versorgen. Dessen merkwürdiges Verhalten wird von den beiden Frauen verwundert wahrgenommen, jedoch nicht weiter hinterfragt; ohne zu ahnen, dass Anders ein Außerirdischer ist, der den Planeten auskundschaften soll. Bevor dessen wahre Identität aufgedeckt wird, stellt er für Josephine eine Gefahr für ihre Beziehung dar. Richtig abgeneigt scheint ihre Freundin vom attraktiven, mit Ted Bundy-Seitenscheitel ausgestatteten Alien nicht zu sein.

Dessen wahres Gesicht behält Prey - kürzlich als Bootleg unter dem Titel Alien Prey hierzulande auf Blu Ray veröffentlicht - dem Zuschauer vor. In einer vor Klischees triefenden Szene mitsamt im Auto fummelnden Pärchen und einer im falschen Zeitpunkt drückenden Blase des männlichen Parts präsentiert der Film den extraterrestrischen Beau als blutdürstige Bestie mit Raubkatzen-artigem Gesicht, der nach dem Mord am harnlassenden Herren dessen Gestalt annimmt. Die sichtbar kostengünstige Maske lässt den außerirdischen Einzelinvasor wie eine angestrengt böse wirken wollende Miezekatze mit süß geschminkter Stupsnase aussehen und lockte mir mit dem ersten Auftritt einen größeren Lacher hervor, lässt ihn im Zusammenspiel mit den beiden weiblichen Protagonistinnen zu einer metaphorischen Bedrohung heranwachsen.

Mit Blick auf das Entstehungsjahr erscheint die Entscheidung, ein lesbisch lebendes Paar als Hauptfiguren zu etablieren mutig wie frisch. Josephine verkommt zwar leider zur Klischeelesbe mitsamt obligatorischer Kurzhaarfrisur, ihre Gespielin Jessica wird ebenfalls wenig akzentuiert als schön anzusehendes wie naives Weiblein dargestellt, doch mit seinem lethargischen Blick auf das Leben der beiden Frauen und den seltsam erscheinenden Fremden entwickelt die Story ungeahnte Zwischentöne. Diese entstand, mag man der Trivia Section der IMDb glauben schenken, während des zehn Tage andauernden Drehs komplett während der Dreharbeiten. Das ungezwungene drauf los filmen und die Planlosigkeiten der dürftigen Ideen, welche zwischen Nutzung gängiger Horrorfilm-Muster und interessanten Einzelszenen schwankt, lässt The Destructor (dt. Videotitel) zu einem spontanen Sonntagsvideo des Horrorfilms werden. Die durch den streng abgesteckten, kleinen Mikrokosmos des Films und dem Anschein, dass die Macher dem inneren Willen, einfach drehen zu müssen, folgen, entrückte Atmosphäre lässt erahnen, wie es ausgesehen hätte, wenn Jess Franco einen Alien-Horror-Film gemacht hätte.
Dem spanischen Kult-Vielfilmer Franco gleicht dem in seinen kleineren Werken herrschenden Dilettantismus, den The Destructor mit sich bringt und gleichzeitig auf mich als Zuschauer eine Faszination ausübte. Die krude Story entwickelt sich zu einem ätzend langsamen Psycho-Horrordrama aus der Exploitation-Ecke - selbstredend lässt man bei den aufgebauten Konstellationen mögliche Sexszenen nicht aus - das gleichzeitig als Metapher auf die wortwörtliche Bedrohung der Bestie Mann auf den Feminismus der damaligen Zeit und der Frau an sich gesehen werden kann. Spekulativ, surreal und wie der von mir sehr gemochte Alien-Rip Off Inseminoid des Regisseurs Norman J. Warren atmosphärisch entrückt stellt der Film plumpe Exploitation halbwegs intelligenten Ansätzen wie mit dem Spiel der Rollen von Mann und Frau (Stichwort: Partyszene) gegenüber. Der mehr auf Stimmung und kaum aus den Puschen kommende Spannung bauende, merkwürdige Kammerspiel kulminiert in einer ultrablutigen Szene und einen Twist, den man gleichzeitig als abschließend bitteres Fazit der herrischen Männerrasse über die Frau sehen kann. Die Doppeldeutigkeit des Originaltitels im Bezug zum Filmplot ist ein nettes Wortspiel für einen Film, dessen Unterton und dem damit einhergehenden Potenzial für die Macher unbemerkt durch die unbekümmert bräsige Handlungsmonotonie waberte und ein faszinierendes wie eigentümliches Gesamtwerk hinterlässt; gerade wegen seiner eigenartigen Machart. 
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Donnerstag, 14. März 2019

Pin Cushion

Der gesellschaftliche Standard, die normative Definition dessen, was der größte Teil der Menschen als normal betrachtet, ist entgegen aller Öffnung über die Jahrzehnte gegenüber vormals geächteten, am Rande existierenden Gesellschaftsgruppen in manchen Schichten weiterhin eng gesteckt. Als Jugendlicher hat man es schnell schwer, wenn man nicht dem streng festgelegten Maßstab seiner gleichaltrigen Mitmenschen entspricht. Zumindest, wenn man die Abweichung von der Norm nicht selbst gewählt hat. Spinner. Verlierer. Nerd. Uncool. Außenseiter. Gleich ob freiwillig oder wegen anderer Umstände nicht ins Raster passend, trägt man eine imaginäre Zielscheibe; ist das zarte Lamm, in das die mobbenden Wölfe mit asozialen oder hinterhältigen Aktionen ihre schmerzenden Reißzähne stoßen. Die hinterlassenen psychische und soziale Wunden klaffen so tief, dass sie in manchen Fällen unterbewusst nie komplett verheilen.

Der unbedingte Drang, dazugehören zu wollen, treibt weiter ins schmerzende Verderben voller kleiner und großer Demütigungen. Deborah Haywoods Umgang mit dieser Thematik in ihrem Debüt Pin Cushion umweht eine kühle Aura. Im nüchternen Blick auf den Kampf ihrer beiden Protagonisten, in ihrem neuen Wohnort einen Platz in der örtlichen Gesellschaft zu finden, schimmert bei allen schweren Schlägen die Haywoods Geschichte für sie bereit hält, eine Zuneigung für die beiden Frauen aus. Iona und ihre alleinerziehende Mutter Lyn wirken in ihrer eigenen Welt aus bunter, unpassend zusammengepuzzelt erscheinender Kleidung, ebenso farbenfroher und vor Kitsch überquillender Einrichtung in ihrem kleinen Haus und ihrem zuerst ungewöhnlich nahen und liebevollen Umgang miteinander hochgradig schrullig. Diese quirkiness lässt für beide große Sympathien wachsen. Gleichzeitig zeigt Haywood, wie unsicher sie einzeln außerhalb ihrer gewohnten Umgebung, der eigenen kleinen Welt, sind.

Iona findet schnell Anschluss, lügt der Mutter sozusagen aber vor, dass sie in ihren falsch spielenden Klassenkameradinnen Stacey, Keeley und Chelsea Freundinnen gefunden hat. Auch Lyn, die für ihre Tochter fürsorgende Mutter und beste Freundin zugleich sein will, ist ihrem Kind gegenüber unehrlich. Ihre angeblichen Dates, ihre Besuche bei Gemeindeveranstaltungen scheitern an ihrem nicht vorhandenen Selbstbewusstsein und sozialen Ängsten, resultierend aus Scham vor ihrem verwachsenen Rücken. Als Iona, deren Tagträume bereits andeuten, dass sich das Mädchen ein Leben wie aus dem Werbeprospekt weit weg von den Schrulligkeiten der Mutter wünscht, sich von ihrer Mutter abnabelt, um ihren angeblichen Freundinnen zu gefallen, stürzt dies Lyn in ein weiteres Loch währen das andauernde Mobbing der Mädchen Iona beständig zermürbt. Bei einer Party geschossene Nacktfotos der stark alkoholisierten Jugendlichen, die in der Schule umgehen und der Verlust ihres Schwarms Daz an Keeley führen zu einer Tragödie, welche die Welt von Lyn und Iona zum Einstürzen bringt, als Lyn zufällig von den Nacktfotos erfährt.

Frei von Klischees ist Haywoods Script nicht. Pin Cushion erscheint manchmal wie eine Worst of-Sammlung von Dingen, die Jugendlichen im Bezug auf Mobbing in der Schule und Identitätssuche in der Pubertät widerfahren können. Iona scheint kein Glück gegönnt; alle kleinen Lichtblicke vernichtet die Autorin zugunsten weiterer Dramatik und der Verlust des Freunds an die Anführerin der Clique ist auch in seichten Teenie-Filmen seit Jahr und Tag ein gern genutztes Element. Ist Deborah Haywood demnach eine Sadistin, die ihren Figuren und dem Zuschauer keine Hoffnung gönnt? Eher ist sie eine schonungslose Realistin, um die Aktualität ihres Filmthemas bewusst, welche das schlimmstmögliche Szenario zeichnet. Iona und Lyn sind Social Outcasts, die schwer außerhalb ihres Kosmos existieren können. So unangenehm viele Szenen um Ionas Bemühungen, zur Mädchenclique gehören zu wollen, die die Naivität der jungen Dame schonungslos offenlegt, sind und so traurig Lyns scheiternde Bestrebungen sind, weg von ihrer Tochter Anschluss zu finden: Haywood schafft durch die detaillierte Einführung ihrer Hauptfiguren eine nahe Bindung des Zuschauers zu diesen.

Häufig möchte man Iona verzweifelt zurufen oder an den Schultern packen und schütteln, damit sie aufwacht und bemerkt, wie man mit ihr umgeht oder sie und ihre Mutter einfach in den Arm nehmen, wenn das Schicksal einmal mehr gnadenlos zugeschlagen hat. An Schicksalsschlägen mangelt es dem Film nicht. Haywoods Blick auf die Welt junger Heranwachsender und den Problemen von sozialen Außenseitern, einen Platz in einer immer egomanischeren, hier auch oberflächlichen Welt zu finden, ist düster. Es gibt keinen Ausweg aus der Abwärtsspirale. Lyns gewählte Konsequenz als Rache an der Clique für deren fortdauerndes Mobbing ist zwar erschütternd, die ständige negative Richtung der Geschichte schenkt ihm leider den Nachgeschmack eines weiteren Schlags der Autorin gegen ihre Figuren. Erst die Schlusseinstellung lässt nach allen bitteren Stationen für Iona und Lyn Platz für teils fehlende Emotionen, deren Endeinstellung traurig wie schön zugleich ist. Pin Cushion ist ein - Nomen est omen - spitz zustechender Film mit hoffnungsloser Tonalität, hinter dessen Fassade man Haywoods Zuneigung zu den eigenen Figuren spürt und gleichzeitig beißend rational auf diese Außenseiter und ihre psychischen und soziale Probleme blickt. Die stets unaufgeregte, ruhige Regie und die tolle Darstellung der markanten Lily Newmark als Iona und von Joanna Scanlan als Lyn machen dabei aus Pin Cushion einen kleinen Geheimtipp des Coming of Age-Dramas.
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Mittwoch, 20. Februar 2019

Ghost Stories

Der technische Fortschritt machte es Wissenschaftlern im parapsychologischen Bereich über die Jahre einfacher, etwaige übernatürliche Begebenheiten oder sogar Geistererscheinungen zu widerlegen. Tatsächlich unerklärlich bleibende Phänomene wurden (und werden) verschwindend gering und zur Seltenheit. Der Glaube daran, dass es übernatürliche Ereignisse und unerklärliche Dinge zwischen Himmel und Erde geben muss, bleibt bei allen wissenschaftlichen Erkenntnissen in einigen Menschen fest verankert. Spaß am Gruseln, an Gänsehaut herbeiführende Geschichten - am besten noch in nächtlichen Stunden rezipiert - ist eine lustvolle, emotionale Hingabe. Imaginärer Nervenkitzel und gleichzeitig romantisierte Verarbeitung der allgegenwärtigen Erkenntnis, dass Leben immer auch endlich ist. Gleich, ob solche Grusel- oder Geistergeschichten mündlich oder später schriftlich überliefert wurden: das Kredo lautet mindestens "Hauptsache gut gegruselt", im höchsten Falle I want to believe.

Bei stark ausgeprägtem Glauben, oder dem unbedingten Wunsch, dass übernatürliche Phänomene existieren, sind diese Leichgläubigkeit ausnutzende Scharlatane nicht weit. Diese als Betrüger in seiner TV-Show zu entlarven ist das Lebenswerk von Professor Goodman, einem Bilderbuchrationalisten, der keinen Pfifferling darauf gibt, dass Geister tatsächlich existieren könnten. Aus heiterem Himmel erhält Goodman eine Nachricht seines Vorbilds und als verschwunden geglaubten Charles Cameron, welcher in den 70ern mit einem ähnlichen Sendeformat, wie es nun Goodman selbst macht, bekannt wurde. Der sichtlich vom Alter gezeichnete, abgeschottet lebende Wissenschaftler überreicht dem Professor drei Akten mit für diesen bisher unerklärlichen Fällen. Diese handeln vom Wachmann Tony, der bei einer Nachtschicht in einer verlassenen Psychiatrie Bekanntschaft mit einem Geistermädchen machte, dem sensiblen Teenager Simon, der bei einer nächtlichen Autofahrt seiner Ansicht nach den Leibhaftigen persönlich angefahren hat und vom zynischen Geschäftsmann Mike, dessen Familie Ärger mit einem Poltergeist bekam. Goodmans Aufgabe: Camerons Ansicht widerlegen, dass es sich bei diesen Fällen um echte übernatürliche Erscheinungen handelt.

Verpackt sind diese drei Ghost Stories als launige Anthologie im Stile der legendären Amicus-Studios, welche schaurige Episodenhorrorfilme in den 70er Jahren zu ihrem Markenzeichen machten. Das Regisseuren-Doppelpack Jeremy Dyson und Andy Nyman, welcher gleichzeitig in die Rolle des Professoren-Protagonisten geschlüpft ist, verfilmten ihr eigenes Theaterstück und gestalten ihre Erzählung als Hommage an diese Klassiker, ohne bloß zu kopieren. Die Geschichte um Professor Goodman ist keine bloße Rahmenhandlung, die als Kitt einzig die einzelnen drei Erzählungen zusammenhält, wie man es von vielen Horror-Anthologien gewohnt ist. Eher konzentriert sich Ghost Stories auf seinen Protagonisten, der die heimgesuchten Menschen an ihren Wohnorten besucht, mit diesen Vorgesprächen führt, die als dargestellter Zeugenbericht dem Zuschauer näher gebracht werden. Der Film nimmt sich die Zeit, Goodman bei seiner Arbeit darzustellen, was zu lasten der einzelnen Geschichten geht. Dyson und Nyman beschränken sich darauf, klassische Horrorgeschichten zu erzählen; weitgehend unoriginell, geschweige denn überraschend in ihrer Auflösung.

Das Duo spinnt Ghost Stories zu einem Spiel mit der Wahrnehmung der Hauptfigur und des Zuschauers weiter. Mit Gespür für Atmosphäre schaffen sie es, jedem der drei Fälle gebührenden Gruselfaktor zu schenken, beschränken sich dann und wann zum Leidwesen des subtilen Charakters ihres Films auf fade Jumpscares, die den Horrorfaktor ihrer Geschichte schmälert. Für Dyson und Nyman ist es einzig ein Vorwand, um in der zweiten Hälfte ihr Spiel um den Glauben über das Gesehene auf die Spitze zu treiben. Die zum Ende hin auftretende surrealistische Traumlogik durchbricht den konventionellen Charakter des Films und selbst wenn spätestens hier durch erste Anspielungen die traurige Auflösung zu erahnen ist, so bleibt diese effektiv. Letztendlich - so das Fazit von Ghost Stories - funktioniert eine Geistergeschichte nur so gut, wie sie erzählt und gleichzeitig vom Rezipienten wahrgenommen wird. Selbst dann, wenn es hierbei um die eigene Impression ist. Man sollte dieser manchmal nicht zu stark trauen. Schnell wurde für uns im Kindesalter der Schatten eines Stuhls, eines Klamottenberg oder anderem im Dunkel des nächtlichen Zimmer zu einem Monster oder Geist. Die Macht der Einbildung kann stark sein, auch für nüchterne Menschen wie Professor Goodman, für den sowie den Zuschauer am Ende nichts so ist, wie es schien. Ghost Stories vermag mit seinem Ende und der restlichen Darstellung seiner Geschichte keinen Preis für Innovation erhalten, dafür ist es allerdings ein durchaus charmanter wie atmosphärischer kleiner Horrorfilm geworden, dessen Dramatik im Finale einzig durch die Nutzung bekannter Genremuster leider etwas an Wirkung verliert.
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Mittwoch, 30. Januar 2019

Anna und die Apokalypse

Der neue Tag begrüßt die erwachende Anna plötzlich. Der Wecker hat versagt, die Schülerin hat verschlafen. Schnell aus dem Bett und ins Bad springen, auf dem Weg noch schnell das Türchen des Adventskalenders öffnen und ab in die Uniform. Begleitet werden die Bilder mit den ersten Takten des Songs, den die Jugendliche anstimmt, als sie aus der Tür tritt. Nach einigen Disputen mit ihrem Vater über die Zukunftsplanung - sie will reisen, während ihr Vater dafür ist, dass zuerst die Universität ansteht - will sie einen Neuanfang starten. Der blaue Dezemberhimmel, der leichte Geruch von Neuanfang: das Motto ist Turning My Life Around. Während das Mädchen versonnen und träumerisch durch die Straßen tänzelt, bemerkt sie nicht die ausgebrochene Apokalypse um sie herum. Panisch rennt und kämpft die umliegende Nachbarschaft um ihr Leben. Untote haben die Siedlung überrannt, für Blut, Chaos und Weltuntergangsstimmung gesorgt, während sie und ihr bester Freund auf dem Weg zur Schule, der über einen Friedhof führt auf dem die Teenies ordentlich abrocken, vom Neubeginn im noch jungen Leben träumen.

Zugegeben: auf die Idee, Szenerien aus beliebten, für eine jugendliche Zielgruppe zurecht geschneiderten Musical-Formaten, wie Highschool Musical oder Glee mit Zombiehorror zu verbinden, muss man erst einmal kommen. Richtig zünden mag diese, in Kombination, nicht. Die beschriebene Szene birst über vor lustig gemeinten Einfällen, selten kann man richtig darüber lachen. Mehr als ein amüsiertes Schmunzeln kann das Drehbuch und die routiniert anmutende Regie von Debütant John MacPhail nicht aus dem Zuschauer herauslocken. Selten wird es humortechnisch richtig schwarz; lieber bleibt man so harmlos wie die persiflierten Teenie-Komödien. Horrorkomödien und britischer Humor können, wie wir seit Shaun of the Dead wissen, wunderbar funktionieren. Leider will das Drehbuch auf der sicheren Seite bleiben und setzt neben den gängigen Tropes beider Genres auch auf Gags, die zu erwarten sind. Sei es kreatives Ablenken oder Töten der untoten Schar, Slapstickelemente oder Späße im modrig-gorigen Bereich: vieles fühlt sich bekannt, zu vertraut, an, um richtig zu überzeugen.

Mehr funktioniert Anna und die Apokalypse ausgerechnet als Musical. Die Darsteller sind passend für die Rollenfiguren ausgesucht. Diese wiederum präsentieren ein buntes Potpourri aus für das Genre bekannte Charakteren. Der strenge aber milde Vater, die aufmüpfige Tochter, die leicht feministisch angehauchte Aktivistin, der Nerd, der unliebsame Rowdie, der überstrenge Schuldirektor und der hoffnungslos in die beste Freundin verknallte Durchschnittstyp. Die Macher kennen die Vorbilder und führen den Zuschauer ohne Hast in ihre Welt ein. Bis der erste Untote auftaucht, vergeht eine Zeit. Gesungen wurde bis dahin häufiger; und das ziemlich überzeugend. Die Songs orientieren sich am zeitgenössischen Pop, laufen allerdings keinem Trend hinterher. Modern arrangiert, zeitlos und - was manchem Radio-Pop-Liedchen ebenfalls anhaftet - gleichförmig bekommt der Zuschauer leichte Rocker, nach vorne treibende Pop-Nummern, Balladen, klassische Musical-Nummern in die Ohren gepflanzt. Manches funktioniert im Kontext des Films recht gut und einige Lieder laden tatsächlich zum Mitwippen ein.

Leider überkommt einen zeitweise das Gefühl, dass Anna und die Apokalypse ein Bewerbungsfilm ist, um mehr Aufträge im Filmgeschäft zu erhalten. Die Funktionalität der hier kombinieren Genres verstehen die Macher sichtbar. Das geringe Budget wird gut genutzt, technisch bewegt man sich auf ordentlichem Niveau. Die digitale Optik lässt manchmal Atmosphäre vermissen, den in der Kombination schlummernden Irrwitz lässt man selten aufblitzen. Überraschend ist dann, dass die Mimen nicht nur davon singen, dass da kein Hollywood-Ending ist. Das Leben ist kein Ponyhof, keine vor den Zombies rettende Insel. Das für Teenie-Filme Happy End bei dem sich alle lieb haben, alle für einander bestimmten zueinander finden: Fehlanzeige. Die Ausweglosigkeit des Zombie-Genres, dessen apokalyptischer Grundgedanke bleibt bestehen. Das ungewisse Ende für die Überlebenden, deren Flucht aus dem kleinen Nest, in dem durch eine Grippepedemie das Unheil seinen Lauf nahm, steht für den Schritt aus der Jugend in die Welt der Erwachsenen. Diese und ihr grauer Tag kann auffressen wie die Untoten die Lebenden. Coming of Age mit Zombies, der in seiner Durchschnittlichkeit und wenig auf allen angepeilten Ebenen gut funktionierenden Szenen nie komplett überzeugen mag. Das ergibt im Abschlusszeugnis eine 3. Aber mit Plus.
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Samstag, 27. Oktober 2018

Horrorctober 2018: The Descent 2 (10/13)

Der Fluch der Fortsetzung treibt uns dazu, Werke anzuschauen, die man hinterher als verschwendete Lebenszeit bezeichnet. Aus kommerzieller und wirtschaftlicher Sicht ist die Entscheidung der Studios, einem Erfolg, mit dem man vielleicht nicht mal gerechnet hat, einen zweiten Film folgen zu lassen, verständlich. Lässt ein Sequel die Leute, welche das erste Werk begeistert aufgenommen haben, ebenfalls ins Kino gehen, wie einfach Neugierige die, solche soll es ja auch geben, erst hinterher den Ursprungsfilm anschauen. The Descent wurde zu seiner Entstehung im Fandom wie im Mainstream gut aufgenommen, zu meinem ersten Highlight des diesjährigen Horrorctobers und wenn schon der erste Teil es auf die Liste geschafft hat, bot dies die Gelegenheit, die Fortsetzung von Neil Marshalls Film nachzuholen.

Mit wenig Erwartungen, die bei Sequels zu Überraschungshits meiner Meinung nach ohnehin nie zu hoch sein sollten, machte ich mich an die bisher einzige Regiearbeit von Jon Harris heran. Vier Jahre gingen bis zur Fortsetzung ins Land, die an die Ereignisse des ersten Teils anschließt. Sarah hat es als vermeintlich einzige Überlebende der Gruppe von Freundinnen und Extremsportlerinnen aus dem höllischen Höhlenlabyrinth heraus geschafft. Die auf der Suche nach den mittlerweile als vermisst gemeldeten Frauen befindliche Polizei versucht Licht ins Dunkel zu bringen und hofft auf die Hilfe der noch neben sich stehenden, traumatisierten Sarah. Nach der Analyse von Proben die man vom blutverschmierten Oberteil der Überlebenden nahm und diese mit den bekannten Blutgruppen der Vermissten übereinstimmten, gerät sie in den Verdacht, etwas mit dem Verschwinden der Frauen zu tun zu haben. Unter der Leitung des knurrigen Sheriffs Vaines, begibt man sich zusammen mit drei Höhlenkletterspezialisten und auch Sarah erneut in die todbringenden Höhlen und wird damit für die kannibalischen Bewohner der unterirdischen Gewölbe zu einem willkommenen Schmaus.

Weniger willkommen ist die Art und Weise, wie The Descent 2 nun versucht, in die Fußstapfen des Vorbilds zu treten. Die Erkundung der Höhle entpuppt sich als weit weniger spannend, ständig versucht man sich an einzelnen Szenen des Erstlings zu orientieren, diese zu variieren oder die Eigenständigkeit mit Szenerien aus dem Volkshochschulkurs über Horrordrehbuchschreiben für Anfänger zu festigen. In einigen Momenten eifert man visuell krampfig dem Stil von The Descent nach; das Spiel mit farblicher Gestaltung und Ausleuchtung bleibt blass. Im übrigen Teil des Films beschränkt man sich dadurch, mit dem limitierten Radius der Helmlampen der Truppe und der Dunkelheit eine eigene Atmosphäre zu schaffen. Weder dies noch die Erzeugung von Spannung funktioniert. Das Drehbuch ruht sich auf Variationen von Schlüsselszenen von Teil Eins aus und so findet man auch in Teil Zwei einen einstürzenden Durchgang oder Kämpfe mit den monströsen Höhlenbewohnern in morastig-schlammigen Gruben.

Geradezu lächerlich entpuppt sich dazu der Versuch, den Ekelfaktor hochzutreiben. Wie im Porno schwappen und spritzen Körperflüssigkeiten in Regelmäßigkeit ausgiebig lange in die Gesichter der Protagonisten, die noch flacher als die leider eindimensional gezeichneten Figuren des ersten Teils sind. Man interessiert sich nicht die Bohne für eine persönliche Note dieser, lässt sie austauschbar und offensichtlich nur als Material für die fahlen Untergrundkannibalen existieren. Das führt dazu, dass sich hier wie in anderen Subgenres wie dem Slasher nervige Charaktere wie der völlig unlustige und notgeile Greg auftauchen. Der unausweichliche Konflikt innerhalb der Gruppe lässt diese versprengen, damit auch die recht dünne und wie die Figuren des Films im Dunkeln langsam vor sich hin stolpernde Story gestreckt wird. Der Name bleibt Programm; was im ersten Teil ein atemberaubend spannender Abstieg in die erdliche Hölle wurde, ist im Sequel ein Abstieg des Niveaus.

Es bleiben zwei recht nette Ideen und Szenen übrig, die kurzzeitig nett anzusehen sind: die Überwindung eines Abgrunds in dem man sich mit Hilfe einer an der Decke hängenden Leiche einer der vermissten Frauen über diesen hinweg schwingt (natürlich wieder mit ordentlich Schmodder im Gesicht) und die Rettungsmaßnahme vor herannahenden Crawlern und einer damit verbundenen groben Handamputation. Der Rest des Films ist ein belangloser Versuch, mit den gleichen Mitteln und weniger Können auf dem kommerziell erfolgreichen The Descent mitzuschwimmen. Man will mehr bieten und kredenzt dem Zuschauer einen mies inszenierten, von Spannung und Logik befreiten Horrorfilm, dass sogar für mich letzteres, bei dem ich nicht so streng wie andere mit den Filmen ins Gericht geht, ein einziges Ärgernis darstellt. Bestes Beispiel ist die verschüttete und festgeklemmte Cath, die keinen Ausweg und Lösung ihres Problems findet, bis sie plötzlich bei herannahenden Crawlern einen übergroßen Geistesblitz hat. The Descent ist für meinen Horrorctober 2018, obwohl ich noch einige Filme vor mir habe, das uneinholbare Lowlight und überhaupt einziger Quatsch mit schwappender Kunstblutsauce. Was bin ich froh, dass der weniger wie gewünscht überraschende Twist am Ende nicht noch einen dritten Teil beschert hat.
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Dienstag, 16. Oktober 2018

Horrorctober 2018: The Descent (5/13)

Horrorctober-Film No. 5 und Man vs Nature die Zweite. Das Opus Magnum Neil Marshalls, nach seinem netten Einstand Dog Soldiers und vor dem zu gut gemeinten Doomsday sowie weit vor seinem Abstieg in den Abgrund des TV-Serien-Regisseur-Daseins (im Premium-Segment mit Folgen für u. a. Hannibal oder Game of Thrones) entstanden. Anders als der zuvor im heimischen Lichtspielhaus goutierte Preservation zelebriert der Brite mehr die direkte Konfrontation des kleinen irdischen Lichts, genannt Mensch, mit der übermächtigen Natur. Über weite Strecken ist The Descent mehr ein klassischer Survival-Thriller, in dem Marshall das Machtverhältnis zwischen dem Menschen und dem Planeten, auf dem dieser so viele Jahre verweilt, in beeindruckenden Einstellungen versinnbildlicht. Gegenübergestellt wird eine Gruppe von Frauen, Freundinnen, die Monate nach dem tragischen Unfalltod der Tochter und des Manns von Sarah zusammenkommen um sich ihrem gemeinsamen Hobby zu widmen: dem Überwinden von Naturgewalten.

Wildwasserrafting, Klettern oder Höhlen erforschen: die Freundinnen verbindet diese Liebe, sich in extreme Situationen zu bringen und die Natur dabei zu bewältigen, zu bezwingen. Nichts deutet darauf hin, dass die von Organisatorin Juno ausgesuchte Höhle eine besondere Extreme für die Frauen wird. Es beginnt nach dem Abstieg mit dem Einsturz eines schmalen Tunnels. Bei Sarah bricht das vom Unfall verursachte Trauma langsam wieder auf, Junos eigenmächtige und gegenüber dem Rest der Gruppe verheimlichte Änderung über die ausgesuchte Tour und ein schwerer Unfall mit Knochenbruch steht ihnen zusätzlich im Weg, aus der Höhle hinaus zu finden. Es scheint, als würde dieses Mal Mutter Erde die Herausforderung gewinnen und das der Feind das dünne Nervenkostüm der Gruppenmitglieder sowie das unterirdische, enge Labyrinth aus Gestein und Wasser ist. Dies wird zu einem Abstieg in die Hölle, angedeutet durch einen schönen wie extremen Weitwinkel-Shot, in dem die sich in den Eingang der Höhle abseilenden Abenteurerinnen schrecklich klein und unwichtig erscheinen.

Verschluckt vom Erdendunkel schürt Marshall die Beklemmung simpel wie effektiv mit Lichtspielereien. Die Schwärze ist allgegenwärtig. Sie verschluckt die Protagonisten wie den Zuschauer, der mit diesen zusammen seine Augen durch die dunklen Schleier der Höhle presst. Aus diesem Schwarz blitzen kleine Flecken Licht auf, die uns die Freundinnen beim Erforschen der Höhle zeigen. Das Wechselspiel zwischen bildschirmfüllenden und mit Licht und Dunkelheit spielenden Szenen, perfekt ausgeleuchtet, smart geschnitten, lässt die Atmosphäre förmlich spürbar werden. Die in dunklem Orange und blutigem Rot gehaltenen Bilder lassen im Stil The Descent zur unterirdischen, argentoesken Bilderflut werden. Aus der finsteren Schwärze und dem Höllenrot entsteigt überraschend, ohne das der Zuschauer groß darauf vorbereitet wird, das namenlose Grauen. Der Tiefe perfekt angepasste, animalische Humanoide, welche die Jagd auf das Frischfleisch eröffnen und für die Frauen aus der Höhle eine Todesfalle werden lassen. Dem klaustrophobischen Kannibalenterror entspinnt das Drehbuch ungeheuer intensive Szenen. Nur die im hohen Tempo aufflackernde Hektik bremst die Intensität des Filmes im zweiten Akt des öfteren aus.

Zeit bleibt dennoch kaum, die kleinen Schwächen von The Descent näher zu betrachten. Die weiblichen Figuren sind wie ihre männlichen Epigonen bis auf Hauptfigur Sarah leider eindimensional und einige Nebencharaktere spürbar nur als Futter für die tödlichen Höhlenbewohner existent. Marshalls Idee, mal nicht wie sonst üblich halbwegs gestandene Mannsbilder in den sicheren Tod zu schicken sondern Frauen auszuwählen, bleibt eine tolle, selbst heute noch frische Entscheidung. So steigen seine Figuren, Sarah voran, hinab in ihre eigenen Abgründe, die sie dem Genre geschuldet zu typisierten Charaktere entwickeln lässt, welche auch in männlicher Form im Horror seit Jahrzehnten existieren. Ihr Leidensweg scheint ebenfalls vertraut; Marshall setzt die Versatzstücke clever zusammen und entfacht einen mitreißenden Sog an Spannung und Gewalt. Das nackte Überleben von Sarah und ihren Gefährtinnen kulminiert in explosive Szenen. Terrormovie goes Underground. The Descent packt uns daneben in seiner geschickten Inszenierung bei unseren eigenen Urängsten: Enge,die Dunkelheit, das vermeintlich darin lauernde, namenlose Böse. Marshall kitzelt es aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche und lässt seine Figuren wie den Zuschauer spüren, dass etwas unbekannt schreckliches dort unten lauert.

Kenner Lovecrafts dürften frohlocken. Die in seinen Geschichten heraufbeschworene Stimmung der ständigen Bedrohung wird vom britischen Regisseur geschickt in die Handlung eingewoben und die Kreaturen erinnern in ihrem Aussehen an die Monster in der 1923 entstandenen, schon häufiger verfilmten Kurzgeschichte "Die lauernde Furcht" (Original: The Lurking Fear). Der Brite geht es weniger abstrakt als Lovecraft an und lässt die direkte, rohe Gewalt sprechen. Obwohl The Descent ein Rewatch ist, auf den ich schon länger Lust hatte und die Gelegenheit packte, ihn für den Horrorctober anzugehen und meinen Hang zur Prokrastination damit zu bekämpfen, vergaß ich über die Jahre, wie gut The Descent eigentlich ist. Es schien diesmal so, als habe er sich mit all seiner Größe komplett vor mir entfaltet und bescherte mir das erste große Highlight in der diesjährigen Aktion. Selten schaffte es ein Film hinterher gängige Genremuster mit so viel Können in ein so intensives Erlebnis zu verwandeln.
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Dienstag, 2. Oktober 2018

The Man Who Killed Don Quixote

Allgemeiner Kanon zu The Man Who Killed Don Quixote ist, dass die bewegte Entstehungsgeschichte interessanter und die Doku Lost In Mancha über den ersten Versuch Gilliams, den Film zu realisieren besser als der nun fertig gestellte Film ist. Bei einem Besuch einer Spätvorstellungsreihe im Programmkino meiner kleinen Heimatstadt jüngst gesehen, bei der sich meine regelmäßige Begleitung wie die meisten ebenfalls über Gilliams jüngsten Streich aufgeregt hat, fällt mein Urteil milder aus. Es ist bei weitem kein schlechter Film, aber auch nicht der beste des Engländers. Nach den vielen Umbesetzungen u. a. durch die Tode von Jean Rochefort und John Hurt, Finanzierungsschwierigkeiten und Rechtsstreitigkeiten hätten andere Regisseure längst die Flinte ins Korn geworfen. Gilliam hielt an seinem Traum(projekt) fest und entfernt sieht man es dem Film an, dass in ihm viele Liter Herzblut stecken. Solche Träume wabern auch durch die Geschichte, in deren Mittelpunkt der zynische und zu Beginn durchweg unsympathische Ex-Werbefilmer Toby steht.

Dieser arbeitet irgendwo in der spanischen Wüste an der Verfilmung von Miguel de Cervantes bekanntem Roman Don Quijote, den er, so lehren es uns die eingestreuten Rückblenden, zu Filmstudentenzeiten bereits einmal recht frei als Abschlussarbeit verfilmte. Zu jenen Zeiten fand er in einem kleinen Dorf  mit einem einfachen Schuhmacher die ideale Besetzung für den berühmten, gegen Windmühlen kämpfenden Ritter. Beide Drehs - damals wie heute - sind mit Schwierigkeiten verbunden. Verzweifelte Toby damals am hölzernen Spiel und den Verständigungsschwierigkeiten mit den Bewohnern der kleinen Ortschaft, hängt ihm in der Gegenwart einer seiner Geldgeber im Nacken. Mit dessen dauergeilen Gespielin geht er ein Tête-á-Tête ein obwohl er nur auf sie aufpassen soll, wird fast von seinem Boss inflagranti erwischt und kann im rechten Moment Fersengeld geben. Wäre das nicht schon Stress genug, holt ihn seine Vergangenheit ein, als ein fahrender Händler tatsächlich eine Raubkopie seines Abschlussfilms verkauft und er bei einem Ausflug dem kleinen Dorf von früher einen Besuch abstattet. Nicht weit davon trifft er auf den alten Schuhmacher, der sich nun für Don Quixote hält, in Toby seinen Knappen Sancho Panza sieht und diesen in ein immer surrealeres Abenteuer zieht, bei dem auch Toby Schwierigkeiten bekommt, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden.

Nachdem es gut mehr als 25 Jahre gebraucht hat, bis Gilliam seinen Traum in die Realität umsetzen konnte, ist The Man Who Killed Don Quixote (auch) ein Film über all' die geplatzten Traumbildnisse und über die großen und kleinen Enttäuschungen, mit denen der Regisseur zu kämpfen hatte. Der Einstieg gestaltet sich schwierig, findet man in der Überzeichnung und bissigen Darstellung des Filmbusiness kaum sympathische Charaktere; Hauptfigur Toby schafft es in Sekundenbruchteilen, das man ihm über weite Strecken des Films ablehnend gegenüber steht. Mehr fragt man sich, was Gilliam denn nun bezweckt. Fast verbittert spittet er mit seiner Darstellung des affigen Businessteils in Richtung Traumfabrik. Der Engländer scheint sich mit diesem Part selbst therapieren, die geschundene Filmemacherseele in Balsam tauchen zu wollen, bis endlich die richtige Geschichte anfängt. Tobys Treffen mit dem verwirrten Schuhmacher fördert das zu Tage, was ich persönlich an Gilliam seit seiner frühen Post-Monty-Python-Tage so liebe. Sein Können für urkomische Situationskomik, gepaart mit surrealen und/oder absurden Momenten leuchtet aus dem Plotgewirr auf und vermag es nicht, dieses zu ordnen. Das Gilliam häufiger nochmal am Script Hand anlegte, spürt man. Kleine Verweise auf aktuelles Weltgeschehen, Anspielungen auf Terrorzellen des IS oder die Erwähnung Trumps vermengen sich mit dem Ansinnen, ganz viel, was man in 25 Jahren in den Kopf bekam, zu retten und in einen Film zu bringen.

The Man Who Killed Don Quixote läuft förmlich über, bietet viel in knapp mehr als zwei Stunden und lässt den Zuschauer leider ratlos zurück. Das langsame Gleiten Tobys in die Wahnvorstellungen des vermeintlichen Don Quixote, das Wiederentdecken seiner menschlichen Seite, die Abrechnung Gilliams mit dem Filmgeschäft, das in seinen Werken wiederkehrende Motiv von mentaler Schwäche, die negative Seite und der Einfluss den Filme auf Menschen ausüben können, politische Anspielungen: der Brite will viel, versucht endlich einen Schlussstrich unter das Thema zu setzen und verliert, stellt man das Budget des fertigen Films den bisherigen Einspielergebnissen gegenüber, nicht nur an den Kinokassen. Am Besten ist The Man Who Killed Don Quixote dann, wenn der Ritter und sein "Knappe" in der Fantasie des alten Manns feststecken und eine "Zeitreise" unternehmen. Hier blüht Gilliam auf, auch wenn er nicht an alte Glanztaten heranreichen kann. Dieses ganze Ding mit dem Mittelalter liegt dem Mann, was man immer mal wieder seit seinem Debüt Jabberwocky feststellen konnte. Es tut einem fast schon leid, dass die restlichen, teils autobiographisch gefärbten Teile der Geschichte dieser nicht gut tun. Eigentlich geben sie Stoff für einen weiteren Film her.

Diesen hat sich der Brite gespart, alles auf eine Karte gesetzt und seinen mutigen, bewundernswerten idealistischen Einsatz verspielt. The Man Who Killed Don Quixote schlingert sich durch die kleinen Schlaufen seiner Storyknoten und bietet einen leidlich goutierbaren Mix aus Drama und Fantasy. Gilliam konnte mal gut seinen absurden-surrealen Witz, seine überbordende visuelle Fantasien gefühlvoll mit gescheiterten Figuren kombinieren. Hier haut er drauf, besinnt sich selten auf diese Feinheiten und das Ende des Films bleibt doppeldeutig wie vieles andere an ihm. Irgendwann scheint das Business einen einfach Wahnsinnig zu machen oder lässt einen in eine (Traum)Blase flüchten, in deren kleinen Welt alles gut und rosig ist. Sorgen muss man sich nicht um den Regisseur machen. Es ist schade, wenn man feststellt, dass sein endlich beendetes Filmprojekt deswegen eine kleine Legende ist, weil es eine weitere Episode über das große Scheitern einer ambitionierten, vielversprechenden Geschichte ist. Es ist nicht alles schlecht an Gilliams Film, aber man hofft, dass er jetzt den Kopf frei hat für zukünftige Projekte. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt haften, wenn Toby mit seiner Angebeteten zum Schluss der Sonne entgegen reitet und man spürt, dass der Regisseur vielleicht auch selbst keine Lust mehr hat. Tobys wiederkehrende menschliche Seite bleibt verkrüppelt, kann nicht gegen die regierende Oberflächlichkeit seiner eigenen Welt ankämpfen und sorgt für den emotionalsten Moment des Films, wenn er sinnbildlich die Träume versehentlich dem Tod entgegen wirft. Man hofft, dass dies kein heimlicher Einblick in das innerste Gilliams war und man von ihm in der Zukunft wieder richtig gute und keine halbgaren, vollgestopften und über die Jahre zäh vor sich hin köchelnde Filmeintöpfe serviert bekommt.
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