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Montag, 20. Dezember 2010

Blastfighter - Der Exekutor

Kernig. Ein Wort, dass auf die Beschreibung vieler Protagonisten aus gülligen Actionproduktionen der 80er Jahre paßt. Um beim Thema zu bleiben: das meist sogar wie die Faust aufs Auge. Auch Jake Sharp, von jedem nur "Tiger" genannt, beschreiben. Der Ex-Cop wird nach acht Jahren unschuldigem Einsitzen hinter schwedischen Gardinen wieder auf die Menschheit losgelassen. Eingebrockt hat ihm diese Strafe ein Politiker, an dem er sich auch liebend gerne rächen möchte. Dafür bekommt der gute Jake von einem Freund kurz nach der Entlassung auf einem Parkplatz ein wahres Wunderwerk an Waffe in die Hand gedrückt. Das Ding kann man als eierlegende Wollmilchsau unter den Tötungswerkzeugen beschreiben, es gibt nämlich fast nichts, was es nicht irgendwie abfeuern kann. Doch Jake zeigt Nerven, ja sowas wie ein Gewissen und so läßt er die Gelegenheit sausen, sich an dem Kerl zu rächen, der ihn da zu acht Jahren gesiebte Luft hat verdonnern lassen. Lieber zieht er in seine ländliche Heimat zurück, gibt den Eremiten und zieht sich in eine Hütte in den Wäldern zurück. Doch Jake kommt mit einigen Wilderern und deren Einstellung nicht so zurecht. Die Kerle erlegen Wild fast im Minutentakt um dieses meist noch lebend für reichlich Penunzen an einen Asiaten zu verhökern. Das dadurch Konflikte vorprogrammiert sind, ist einleuchtend. Allerdings läßt sich Jake nicht von dem vorlauten Volk, darunter auch der Sohn seines einst guten Kumpels Tim, unterkriegen. Allerdings schaukeln sich beide Parteien derart hoch, dass die Situation eines Tages folgenschwer eskaliert.

Bis es allerdings auch so richtig kernig auf dem Bildschirm wird, braucht man etwas Geduld. Richtig ruhig und gelassen geht es für eine zünftige Actionsause aus den güldenen Zeiten des Jahrzehnts zu. So richtig mag das aber auch nich überraschen, wenn man die Credits zu Beginn näher verfolgt. Hinter dem Namen John Old Jr. verbirgt sich niemand geringeres als Lamberto Bava. Als John Old inszenierte schon sein Vater Mario einige Filme unter falschem Namen und so übernahm auch der Sohn das Pseudonym und hängte einfach mal ein Junior hinten dran. Man wundert sich allerdings, dass der Sprößling der Regielegende sich bei Blastfighter hinter diesem Namen versteckt. Auch wenn sein etwas schwerfällig Erzählstil auch hier schön deutlich das Geschehen bestimmt, so macht er bei weitem keine schlechte Sache. Allerdings kann dies natürlich den Freund einer ordentlichen Portion Krawums schon erschrecken, wenn die esentiellen Dinge von B-Action erst in der zweiten Filmhälfte richtig in Erscheinung treten. Im Schneckentempo entwickelt sich die Geschichte, bei der man schon Anhand des Genres nicht wirkliche Tiefe und gehaltvolle Behandlung des Themas erwarten kann. Man bemüht sich allerdings trotzdem die Story so gut wie möglich ausgefüllt zu präsentieren.

Dabei geht es zu Beginn ja doch etwas konfus und ungelenk zu. Frisch aus dem Knast entlassen, wird der "Tiger" also von seinem Kumpanen aufgegabelt und auch gleich mit einem ganz besonderen Entlassungsgeschenk beglückt. Einer wirklich beeindruckenden Waffe, bei der selbst John Rambo vor Begeisterung Pipi in den Augen bekommen würde. Nicht nur, dass alle erdenkliche Arten an Munition damit verballert werden können, nein, auch Miniraketen und Tränengas läßt sich damit abschießen. Bei soviel Funktionen freut man sich insgeheim doch, im Verlauf des Films jede Einzelne davon mitzuerleben. Aber dann beschleicht die Skrupel den rachsüchtigen Ex-Bullen und die Gelegenheit, seine Rache zu Befriedigen, wird sausen gelassen. Eine Finte vielleicht, um so die Geschichte voranzubringen? Jein. Man könnte sich denken, dass gute "Tiger" seine Beute noch etwas jagt, bevor er richtig zuschlägt. Doch dieser Politiker, der ihn in den Knast brachte: er spielt keine Rolle mehr im weiteren Film. Viel mehr nutzt Bava diese Szene um zu zeigen, dass zwei Herzen in der Brust seines Protagonisten schlagen. Ein sanftmütiges und ein Hassklumpen, welches nach Vergeltung schreit. Dick aufgetragen mag es sich zwar im ersten Moment anhören, doch der Held der Geschichte gibt dies ja an einer Stelle selbst zu, dass er von Rache und Hass zerfressen ist. Doch selbst mit diesen zwei so intensiven Emotionen siegt die Moral des Guten. Aber: jeder wird einfach mal so an seine Grenzen gebracht.

Dies erfährt man dann, wenn sich Jake auf in die alte Heimat macht. Untermalt von einem gefälligen Song im Countrystil braust er über die Landstraßen in die alte Heimat und verschanzt sich in einer alten Hütte. Was folgt, ist die Bava'sche Remix-Version der Actionklassiker Rambo (1982) und Beim Sterben ist jeder der Erste (1972). Man fühlt sich irgendwie immer leicht an einen der beiden Filme erinnert (insbesondere an das Stallone-Vehikel), je länger der Film dauert. Dabei dauert es auch bis zur endgültigen Eskalation. Detailliert schildert das Drehbuch erstmal diese Art von Desillusionierung, als Sharp merkt, dass der Lauf der Zeit selbst bei seiner idyllischen alten Heimat nicht halt macht. Die Art und Weise wie die Wilderer mit den Tieren die sie erlegt haben, umgehen, läßt ihn einfach nur grausen. Doch damit abfinden kann er sich nicht. Diese neuartigen Methoden sind ihm ein Graus. Der "Tiger" trauert alten, vergangenen Tagen nach. Über diese unterhält er sich auch mit dem alten Freund Tim, den er alsbald in der Ortschaft trifft. Doch herzlich ist das Wiedersehen nicht. Unterkühlt wird es dargestellt, vor allem, da einer der großkotzigsten Wilderer ganz zufällig der Sohn von Tim ist. Das verstärkt die Konfliktsituation innerhalb der Figurenkonstellation natürlich ungemein. Doch das Drehbuch kennt noch viel unglaublichere Verstrickungen und Twists. Übermäßig kompliziert gibt man sich allerdings nicht. Wie für einen Actionstreifen üblich, kann man der Geschichte zu jeder Zeit wirklich gut folgen.

Hier hält man sich aber an einigen Dingen unnötig lange auf. Der ein oder andere Zuschauer könnte so auf eine harte Geduldsprobe gestellt werden, bis es so richtig los geht. Denn die ein oder andere Keilerei zwischen den Wilderern und Jake verspricht nicht wirklich ein mitreißendes oder sogar spannendes Actionfeuerwerk. Die Streiterei entwickelt sich langsam, aber beständig. Es wird immer zu besonderen Zeitpunkten zugeschlagen. Auf beiden Seiten. Bis diese allerdings erreicht sind, versucht man, dem Protagonisten etwas an Profil zu geben. Gelingen tut dies nur bedingt. Man wiederholt sich schon fast ein wenig, wenn man öfters zeigt, dass trotz all der Rache die in "Tiger" tobt, immer auch noch eine gute Seite in ihm vorhanden ist. Logisch ist dies alle Mal, immerhin ist er doch der Hero des Flicks. Doch er ist ein geduldiger Mensch, der lange zuschauen kann, bis ihm dann doch der Kragen platzt. Dann gibt es wirklich ordentlich Zores und es wird nicht lang gefackelt. Nur ob es so gut ist, so lange zu warten, sei dahingestellt. Dies ist ein kleines Timingproblem von Blastfighter. Das finale Geböller setzt urplötzlich ein. Es wird zwar wirkungsvoll entfacht, doch bricht dies irgendwie etwas verschleppt über die Geschichte herein. So richtig Tempo kann Bava hier wie auch in vielen seiner anderen Filme nur bedingt aufbauen. Was in der ersten Hälfte zu wenig war, wird ja schon fast etwas überdosiert.

Trotzdem blitzt hier das vorhandene Potenzial des Regisseurs mehr als nur einmal auf. Man kann sich mit seinen Filmen wirklich schwer tun und bis auf einige Ausnahmen wie die beiden von Dario Argento produzierten Dämonen-Filme oder sein Debüt Macabro (welcher ironischerweise der wohl am langsamsten erzählte Film im Oeuvre Bavas sein dürfte) ist das meiste seiner Filmographie leider nur durchschnittlich. Ausgerechnet ein Actionfilm zeigt aber, dass es der sympathisch auftretende Zeitgenosse hier und da doch wirklich drauf hat. Geben sich so einige Actionstreifen aus den 80ern sehr hart und dreckig, so hat Blastfighter einen sehr ungewöhnlichen, unterkühlten und beinahe schon stilisierten Look. Sehr gut gelingt es Bava dabei, die Locations ins rechte Licht zu rücken. Alleine schon die Fahrt aus der Stadt heraus in die Heimat des "Tigers" ist ein schönes Beispiel für die kalte Art der Fotographie. Die ländliche Gegend wird ebenfalls gut in Szene gesetzt. Dabei schafft man es, dies nicht allzu stilisiert sondern schön natürlich erscheinen zu lassen. Der kühle 80er-Stil paßt dabei sogar recht gut. Nun mag man sich aber bei weitem nicht nur an der tollen Landschaft ergötzen. In einem Actionfilm hat es eben auch ordentlich zu krachen. Hier hält man sich aber wie schon beschrieben, etwas zu sehr an der Zeichnung von "Tiger" auf. Die Beweggründe werden klar und auch der Konflikt mit der plötzlich auftauchenden, weiblichen Hauptfigur wird ganz leicht überstrapaziert. Uninteressant ist es nun nicht, aber packend ist es eben auch nicht wirklich.

Es mag wohl auch daran liegen, dass der Amerikaner Michael Sopkiw eben kein großartiger Charaktermime ist. Der in Connecticut geborene Darsteller schaffte es in den 80ern selbst auf nur vier Filme. Neben Blastfighter waren dies der ebenfalls von Lamberto Bava geschaffene Tierhorrortrash Monster Shark (1984), der Abenteuerfilm Amazonas - Gefangen in der Hölle des Dschungels (1985) sowie sein Debüt, der Endzeitstreifen Fireflash (1983). Hier tritt der Herr mit einer nicht wirklich schicken Rotzbremse auf, schafft es aber, recht annehmbar den nach Rache dürstenden Exknacki mit Wut im Bauch darzustellen. Nun gut, in manchen Szenen macht er keine wirklich gute Figur, gerade wenn es am emotionalsten für seine Figur wird. Als von Prinzipien getriebener Kerl geht er aber noch klar. Schade ist es allerdings bei seinem Kumpanen Tim, der von George Eastman dargestellt wird. Eastman agiert auf Sparflamme. Selbst wenn man seiner Figur noch mehr Szenen geschenkt hätte, wäre dies wohl leider immer noch der Fall gewesen. Schade, hat Eastman doch weitaus mehr auf dem Kasten. Bleibt wenigstens noch der Darsteller seines Söhnchens. Der macht seine Sache mehr als solide und ist schnell eine sehr hassenwerte Figur. Dieser und seine Jäger- oder auch Wildererkollegen bekommen dann ordentlich ihr Fett weg. Dabei sollte man allerdings nicht auf allzu spektakuläre Actionszenen warten. Das Budget war nicht das größte, was man dem Film in diesen Momenten auch gut ansieht. Fahrende Fahrzeuge explodieren und man sieht dabei sehr gut, dass diese - als sie hochgehen - auf der Stelle stehen.

Dafür sind die Schießereien nicht zu verachten und wie für die damalige Zeit üblich geht es hier und da sogar etwas blutig von statten. Spätestens als "Tiger" alle Bedenken über Bord geworfen und die Moral zurückgelassen hat, ist mit ihm noch weniger gut Kirschen essen, als ohnehin schon. Der einst so hochgelobte Cop zeigt sein ganzes Können und kann selbst gegen eine ganze Übermacht bestehen. Natürlich: so richtig logisch ist es ab hier schon lange nicht mehr, doch schmackhaft ist diese Actionbrühe dennoch. Es fehlt der finale Schmiss und Schwung, den Lamberto Bava nur sehr schwer hinbekommt, sonst wäre Blastfighter eine äußerst lässige Angelegenheit. In Verbindung mit dem ohrigen Soundtrack und der soliden Kamerakunst, die für einige nette Bilder sorgt, hat man es mit einem ordentlichen B-Actioner aus Italien zu tun. Das Finale, welches beinahe schon ein klassisches Endduell wie aus einem Italowestern sein könnte, bleibt allerdings etwas schwach auf der Brust und unbefriedigend. Hier war der Ideenfluss leider etwas versiegt. Der Film hat zwar etwas seine Anlaufschwächen und mag sich hier und da etwas verlieren, doch wenn man das Gehirn auch gerne mal etwas schonen möchte beim Filmgenuss und auch vor etwas spannungs- und tempoarmen Actionern keine Angst hat, der darf hier ruhig mal reinschauen. Bava hätte nämlich ruhig mal öfters in diesem Genre wildern dürfen. Das leichte Gespür für die Art und die Gesetze des Actionfilms merkt man ihm mit diesem Werk an. Mit etwas mehr Übung hätte er dann sogar noch für den ein oder anderen Kracher sorgen können. Alles in allem ist sein Blastfighter aber immer noch ein leicht überdurchschnittlicher und gefälliger kleiner Actionfilm, wie man ihn aus den 80ern kennt. Einfachste Story, etwas Krach, etwas Bumm und dazu leichte Probleme, was seine Glaubwürdigkeit angeht. Aber dafür mag man diese Filme ja auch schließlich. Und was das angeht, ist der Blastfighter wirklich in Ordnung.


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Sonntag, 12. Dezember 2010

Keoma

Mit düsterem Blick erscheint uns hier Franco Nero als titelgebendes Indianerhalbblut, mit mächtig Pelz im Gesicht, am Kopf und auf der Brust. Diese Dunkelheit in den Augen scheint eine Gewissheit zu sein, dass Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts der Western schon in den letzten Zügen lag. Im Geburtsland Amerika erreichte das "New Hollywood" seine ersten Höhepunkte mit seinen zeitgemäßen, schonungslosen und eher realistischeren Geschichten. Da wirkte der Western allzu verstaubt, was nicht durch die Locations der Cowboy-Geschichten herrührten. Glänzende Helden und fiese Bösewichte waren für den damaligen Zeitgeist, wo man überall Aufbruch- und Umbruchsstimmung verspürte, schlicht und ergreifend zu altbacken. Schon Anfang der 70er hat Clint Eastwood, bekannt geworden durch die damals schon sehr unkonventionell den wilden Westen darstellenden Italowestern, einige Abgesänge auf das Genre abgeliefert bzw. in diesen mitgewirkt. Dann kam auch noch Sam Peckinpah und zeigte uns mit seinem The Wild Bunch (1969) eine Demontage der alten Mythen. Doch was machten eigentlich die Italiener?

Diese sorgten mit solchen Klassikern wie Django (1966), Leichen pflastern seinen Weg (1968), der Dollar-Trilogie, Töte Amigo (1967) oder anderen größeren und kleineren Werken für ein neues Bild des Westerns. Dreckig und düster war dieser, nicht mehr glänzend und strahlend. Die Rollen zwischen Held und Bösewicht wurden verwischt und gemischt, der Antiheld als Protagonist wurde beinahe schon ein Standard. Doch 1976 war auch die große Zeit der Spaghettiwestern schon etwas vorüber. Sein letztes großes Aufbäumen - auch wenn hinterher noch einige späte Western entstanden - war damit Keoma. Diesen kann man sogar als großen Abgesang auf das gesamte Genre verstehen und als verfilmten Nihilismus bezeichnen. Er zeichnet ein finsteres Bild, beherrscht vom allgegenwärtigen Leid. Dieses ist im Klartext die von Pocken und Cholera heimgesuchte, verwüstete Heimat von Keoma, in die dieser nach dem Bürgerkrieg zurückkehrt. Um der Krankheit Herr zu werden, werden die Infizierten in eine verlassene Mine abgeschoben, wo diese dann ohne große Hilfe vor sich hinvegetieren. Doch der Halbindianer rettet bei einem dieser Transporte eine schwangere, nicht erkrankte Frau.

Hier fängt das große Drama des Films allerdings erst an. Herrscher in der halbverwüsteten Heimatstadt ist der Ex-Offizier Caldwell, welcher sich diese und auch fast das umliegende Land unter den Nagel gerissen hat. Diesem haben sich auch die drei Halbbrüder Keomas angeschlossen, wie dieser vom Ziehvater erfährt. In geschickt in die Handlung eingefügte Rückblenden erfahren wir hier, dass die Beziehung unter den Halbgeschwistern nicht gerade innig war. Durch die angebliche Fixierung des Vaters auf den kleinen Keoma, wuchs der Hass auf diesen was in einigen unschönen Prügeleien und Misshandlungen gipfelte. Diese Missgunst besteht auch noch Jahre später. Keoma ist nicht gerne gesehen. Er bringt mit der geretteten Schwangeren nicht nur das Misstrauen und die Angst unter die Bürger, welche sichtlich verzweifelt unter Caldwell und den Seuchen leiden. Jegliche Hilfe wie Medikamente und ähnlichem wird ihnen verwehrt und zudem ist die Stadt fast gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten. Konflikte sind somit vorprogrammiert und beinahe scheint es so, als stehe Keoma der Übermacht bestehend aus Caldwell und den Brüdern alleine gegenüber. Doch in seinem Vater und dessem ehemaligen Sklaven George findet er Unterstützung.

Dabei soll man allerdings nicht meinen, dass Keoma ab diesem Punkt sowas wie "positive Vibes" verbreitet. Nein, die Stimmung des Films ist und bleibt von Anfang an nicht nur einfach düster und schmutzig, wie man es aus vielen Italowestern kennt. Er vesprüht eine total gänzliche hoffnungslose Stimmung, manifestiert in der Figur des Keoma. Ein dunkler Schatten muss über die Jahre auf Franco Neros Charakter ein stetiger Begleiter in dessen Leben gewesen sein. Dass aber auch in ihm Gutes schlummert, erkennt man schon an seinen Beweggründen, warum er die Schwangere vor dem sicheren Tod in der Mine bewahrt. "Dein Kind hat ein Recht auf Leben" beantwortet er ihr ihre Frage. Leben. Eine Hoffnung in einer mehr als nur trostlosen Welt, wie sie Castellari in seinem Film zeichnet. Beeindruckend ist da schon der Prolog des Films, die die Heimkehr des Halbbluts zeigt. Die Stadt in die er reitet, ist weitgehend verwüstet und menschenleer. Ein Leben scheint hier ja schon fast nicht mehr möglich zu sein. Den einzigsten Mensch, den er hier trifft, ist eine geheimnisvolle Frau, welche die Ruinen nach altem Plunder durchsucht. Laut Keoma droht der Tod, wenn diese irgendwo erscheint. Und wirklich: sie wird auch im weiteren Verlauf des Films wie ein Bote der unheilvolles ankündigt, eingesetzt. Sie ist eine mystische Figur, die die insgesamt vier Drehbuchautoren, darunter auch der Regisseur selbst, geschaffen haben. Bezeichnend ist hier die Szene gegen Ende des Films, als sie während einem Unwetter urplötzlich in der Tür einer alten Hütte erscheint. Draußen tobt das Unwetter, Blitz und Donner wüten und urplötzlich erscheint sie und steht dort ohne ein Wort zu sprechen. So richtig wird man ihrer genauen Rolle bzw. dem Sinn dieser Figur nicht gewahr, doch es ist eine nette Spielerei, die den dunklen Touch der Geschichte noch etwas verstärkt.

Was die Geschichte an und für sich angeht, so betritt man mit Keoma eigentlich bekannte Pfade. Es gibt einen geheimnisvollen Helden, einen wahnsinnigen Kerl der sich die gesamte Macht in einer kleinen Stadt an sich gerissen hat und durch die Eigensinnigkeit bzw. Unangepasstheit des Protagonisten vorprogrammierte Konflikte. Das Grundgerüst erscheint also etwas alt und klapprig, doch man schafft es in dem Film einige andere Wege zu gehen. Die Vergangenheit des Protagonisten bleibt nicht wie so oft im Dunkeln. Sie wird angeschnitten und vieles wird dadurch für das Handeln dessen klar. Zudem dreht es sich hier auch nicht einfach darum, dass Recht wieder gerade zu rücken. Caldwell und seine Bande sind bei weitem nicht so präsent, wie es in anderen Filmen wäre. Dreh- und Angelpunkt ist Franco Nero, der den Keoma wirklich beeindruckend gibt. Dessen Spiel ist eigentlich recht minimalistisch und dennoch verschafft er es in den wichtigsten Momenten, seiner Figur noch mehr Leben einzuhauchen. Hippiesk ist sein auftreten, desillusioniert sein Denken. In einigen Momenten betritt er so den Weg des Märtyrers und die religiösen Symbolismen und Anspielungen sind nicht nur im Outfit von Nero begründet. Wallend langes Haar und ein Vollbart lassen ihn wie Jesus erscheinen. Dies gipfelt in der Kreuzigung Keomas die ihn letztendlich wirklich wie der Westernepigone von Gottes Sohn erscheinen lassen. Dick aufgetragen kann man das nennen, doch im Subtext des Werks erscheint dies stimmig. So läßt man den Zuschauer an einigen philosophisch angehauchten Dialogen zwischen Keoma und der mysteriösen alten Frau teilhaben.

So ist der Film keineswegs ein einfacher, simpler Western. Keoma scheint nach sich selbst, einem Sinn des Lebens bzw. einer Rolle für ihn auf unserem Erdenrund zu suchen. Losgelöst von seinen Wurzeln, von denen er durch ein bitteres Schicksal in frühester Kindheit entrissen wurde. So ist der Kampf gegen Caldwell auch nur ein guter Aufhänger. Tiefer wird hier der Konflikt zwischen ihm und den Brüdern angerissen. Hier offenbaren sich Züge klassischer Tragödien. Castellari schafft es dabei sogar, eine gewisse Tiefe zu erzeugen und braucht sich nicht nur auf der starken Atmosphäre auszuruhen. Angenehm zurückhaltend gibt sich der Film auch in seinen Actionszenen. Ist der Tod allein schon durch das Seuchenthema allgegenwärtig, so wird das Ableben durch die häufig in Zeitlupe dargetellten Schießereien - ein Markenzeichen Castellaris - beinahe schon wie ein Tanz stilisiert. Style hat der Film auf jeden Fall, und das nicht zu knapp. Sorgfältig und mit viel Liebe zum Detail wurde hier gearbeitet. Der Soundtrack der beiden De Angelis-Brüder mit dem extrem hohen Frauengesang und dem im Kontrast stehenden, tiefen männlichen Gesang mag Geschmackssache sein, passt allerdings trotzdem zum Geschehen auf dem Bildschirm. Kongenial muss man dabei auch die Kamera- und Schnittarbeit nennen. Die Einstellungen, Bildfolgen und Kamerafahrten sind von höchster Erhabenheit und schaffen es, die unheimlich dichte Stimmung des Films noch einmal zu verstärken.

Der deutsche Untertitel Melodie des Sterbens wurde hier für den Film dabei sogar recht passend gewählt. Versöhnlich bleibt der Film am Ende für den Zuschauer nur bedingt. Der nach sich selbst suchende Keoma scheint immer noch nicht am Ende zu sein. Er ist eine rastlose Figur, die mit seinem Aussehen und der zeitlichen Ansiedlung kurz nach dem Bürgerkrieg sogar zu damals aktuellen Geschehnissen Interpretationen zuläßt. Keoma war im Krieg und fragt sich an einer Stelle des Films, was er nun überhaupt tun soll. Er ist sich seiner jetzigen Rolle im Leben nicht bewußt, ein Umstand, den auch viele Vietnamveteranen nach der Rückkehr in den Krieg ausgesetzt waren. Doch so weit mögen Castellari und seine Co-Autoren bei weitem nicht gedacht haben. Die umfangreiche, aber gut zusammengesetzte Mischung aus mythisch und religiösen Versatzstücken kann man wie gesagt eher als melancholischen Abgesang auf das Genre ansehen. Keoma ist ein bildgewaltiger Spätwestern aus Italien, welcher als einer der besten Vertreter seiner Art angesehen werden darf, auch wenn er eigentlich eine Art Requiem auf dieses darstellt.


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