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Montag, 16. November 2020

[Rotten Potatoes #06] Hagazussa - Der Hexenfluch

Ich mag Horrorfilme, welche einen Kontrast zur bei größeren Produktionen des Genres mittlerweile immer häufiger vorherrschenden zwanghaften Event-Schockerei darstellen. Hagazussa bewegt sich von sowas meilenweit weg. Für das anti-cineastische Big Budget-Movie-Party-Volk dürfte der Film mit seiner elegischen Stimmung, in dem mehr seine Bilder als die Figuren sprechen, eine harte Geduldsprobe darstellen. Lukas Feigelfelds Abschluss- und gleichzeitiger Debütfilm spiegelt hierbei in seiner erzählerischen Beschaffenheit den Ort seiner Geschichte wieder. Das heimelige Tal mit der abgelegen liegenden Hütte, in welcher Protagonistin Albrun als kleines Mädchen alleine mit ihrer Mutter, später als erwachsene Frau, nun selbst Mutter, lebt, ist nur scheinbar ein Schutz versprechender Rückzugsort. Die sich darüber ringsum auftürmenden Alpen, deren steilen Anstiege unter einer schweren Schneedecke auf das nächste Frühjahr warten, besitzen manch unwirtlichen Pfad, unter dem sich unerwartet manche tiefe, schwarze Schlucht auftut. 

In solche schwarzen Untiefen lässt Feigelfeld den Zuschauer blicken, wenn er sich seiner weiblichen Hauptfigur Albrun widmet. Die Frau hatte und hat es in ihrem Leben nicht leicht. Deutet der Film zuerst ein sexuell übergriffiges Verhalten der todkranken, von ihrer kleinen Tochter mühevoll gepflegten Mutter an, wird die zur Frau gereiften Albrun als von der Gemeinschaft des nahe gelegenen Dorfs als Hexe verschrien gemieden und ausgegrenzt. In ständiger Isolation befindlich, muss sie sich mit ihrem Baby - über den Vater verliert das Script kein Wort - alleine durch die Welt schlagen. Mit Swinda findet sie eine vermeintliche Freundin, welche die zerbrechliche Persönlichkeit Albruns mit einer vordergründig gut gemeinten Tat näher Richtung Abgrund führt. Die finstere Präsenz, welche Albrun bereits davor wahrgenommen hat, lässt mit dem neuerlichen Trauma die grenzen zwischen diesem, Nachtmahren und der Realitäten weiter verschwimmen. 

Seinen Horror nährt Hagazussa nicht aus irgendwelchem dunklen Hexenwerk sondern aus dem Verfall der Psyche seiner Protagonistin. Atmosphärisch dichte, metaphorisch aufgeladene Bilder schildern die traurige Geschichte einer gefemten, ausgegrenzten Frau, allein gelassen mit den dunklen Geistern ihres Innersten. Selbst auf Hilfe von der allmächtigen Kirche darf Albrun nicht hoffen. Das starre Gefüge der kleinen Gemeinschaft hat keinen Platz für diese. Ihre abgeschiedene Behausung steht klein und verloren im bedrohlichen Schatten der Bergwand; so verloren, wie sie es schon seit jüngsten Jahren ist. Manchmal ist das leider auch der Film. Die unheilschwangere Bilder- und Stimmungsschar fühlt sich abgrenzend in. Wie die Hauptfigur steckt das Script zum Teil in seiner eigenen Welt fest. Albrun verliert sich in den verschwimmenden Grenzen zwischen Realität und Einbildung und der Zuschauer diese an die aufgeheizte, sperrige Bilderpracht.

Davon abgesehen ist Hagazussa für einen Abschlussfilm auf allen Ebenen überzeugend wie beeindruckend. Die sorgfältige Bildgestaltung, Aleksandra Cwens Schauspiel, der sphärische, zwischen Drone und Ambient Neofolk zu verortende Soundtrack der Band MMMD und ein detailliertes Setdesign lassen schnell vergessen, dass es sich bei diesem Film um ein kleines, mit Fördermitteln umgesetztes Werk handelt. Den Vergleich mit Robert Eggers großartigem The VVitch (hier besprochen) muss er sich wegen der vermeintlichen Hexenthematik gefallen lassen. Feigelfeld zielt mit seiner Prämisse nicht darauf ab, unserer traditionell vorherrschenden Vorstellung von Hexen Platz zu lassen. Sein Horror ist menschlischer Natur, in verzerrte Bilder von Aberglauben und lebendig gewordener Psychosen getränkt, der deswegen umso schrecklicher und nachhallender ist, als hätte er sich auf formelhafte Genrekost beschränkt. Vielleicht hab ich den Film unterbewusst absichtlich nicht näher an mich rangelassen und habe mich von seiner Geschichte abgegrenzt, um mich nicht komplett verloren in Albruns Schicksal zurecht zu finden. Nichtsdestotrotz ist der Film ein tolles Beispiel dafür, dass Genre selbst innerhalb der hiesigen und schwierigen Filmförderungs-Landschaft einen Platz hat bzw. haben sollte.

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Samstag, 18. April 2020

[Rotten Potatoes #5] The Children of Golgotha

Meine einleitenden Worte zum ersten Beitrag meiner unregelmäßigen Streifzüge in den deutschen Genrefilm müssen richtig gestellt werden: Initialzündung für diese war neben eines Berichts der Deadline auch der von mir sehr geschätzte Patrick Lohmeier, mit dem ich mich für seinen Podcast Bahnhofskino über Robert Sigls wunderbar düsteres Horrormärchen Laurin unterhielt. Gleich welches Niveau, welches Produktionslevel; egal ob nun in den Credits die Namen Sigl, Schwenk, Ittenbach, Faltermeier, Herzog oder Brandl erscheinen: in Bayern scheint es gute Voraussetzungen dafür zu geben, dass Filmkreative öfter düstere Geschichten erschaffen. Das Geschwister-Trio der Brandls konzentriert sich nicht ausschließlich auf Horror, legte dafür mit dem Ende 2019 veröffentlichten The Children of Golgotha den inoffiziellen Nachfolger zur Okkult-Gore-Eskapade Unholy Ground - der erste hier unter dem Label Rotten Potatoes besprochene Film - kürzlich einen weiteren wortwörtlich unheiligen Genre-Beitrag nach.

Wie bereits Unholy Ground handelt es sich bei The Children of Golgotha mehr um ein Solo-Projekt von Günther Brandl, dessen Geschwister Monika und Helmut hier eher hinter der Kamera (und in kleinen Nebenrollen auch davor) an der Produktion beteiligt waren. Die darin eingeschlagene Richtung behält Brandl bei und vermengt viel nackte Haut mit einer okkulten Geschichte, welche im Venezuela der 20er Jahre angesiedelt ist. Gebeutelt vom dortigen Bürgerkrieg entschließt sich das gut betuchte Ehepaar de Guzman ihre Tochter Maria in die Obhut eines Klosters zu geben, um sie vor den Gefahren der weiter im Land schwelenden Kämpfe zu beschützen. Einen Platz im Gefüge des Klosters zu finden und zu akzeptieren, dass sie nun ein Leben als Nonne führen muss, fällt Maria, welche als Novizin den Namen Lucita erhalten hat, schwer. Unter der frommen Oberfläche brodelndes, sündiges Treiben verbreitet sich mit dem bei Renovierungsarbeiten Stück für Stück freigelegten, als verschollen geglaubtes Fresko der Kinder von Golgotha innerhalb der Klostermauern unter den meisten der im Kloster ansässigen Schwestern in wahrhaftig teuflischer Geschwindigkeit. Wahn und Wirklichkeit scheinen zu verschwimmen; die Nonnen nehmen dämonische Züge an, zeugen mit Jesus selbst ein Kind und Lucita fällt es immer schwerer, sich den Versuchungen zu erwehren.

Selbst wenn The Children of Golgotha nur lose thematisch mit Unholy Ground zusammenhängt -  hüben wie drüben wird Sex, Gore and Blasphemy geboten - so wird er leicht ein Opfer jener Last, der ansonsten nur reine Sequels anheim fallen. Von allem wird mehr geboten, nur komplett möchte es diesmal leider nicht ganz funktionieren. Manches Mal wird zuviel aufgetischt und die nächste Gore- oder Nacktszene geht zu lasten der an sich gar nicht so uninteressanten Idee und Geschichte. Neues wird darin nicht geboten, aber typisch für die Sippe der Brandls merkt man dem Film an, dass bei deren No-Budget-Methodik eigentlich weniger die Befriedigung niedriger Instinkte der Zuschauer im Vordergrund steht sondern vielmehr die Verwirklichung der eigenen Visionen mit den gegebenen Mitteln. Betrachtet man sich beispielsweise die technische Seite des Films genauer, ist das Trio der eigenen Vorgehensweise leicht entwachsen. Die Kulissen sind weit entfernt vom für deutsche Amateur-Produktionen gewohnten Wald- und Wiesensetting; die bayrische Natur kann nur mit zwei zugedrückten Augen als venezolanischer Dschungel durchgehen, doch die Bemühungen, dies dem Zuschauer als eben jenen zu verkaufen, locken mehr respektvolle Anerkennung als unfreiwillige Komik hervor. Abgerundet wird dies von Drohnenaufnahmen, die dem Film und seinen Look hübsch aufwerten.

Die Art der Arbeit erinnert an die Realisierung der Stoffe im italienischen Genrekino der 70er und 80er Jahre: aus geringsten Mitteln auf kreative Weise das Beste herausholen. Passend dazu erinnert The Children of Golgotha an Vertreter des Nunploitation-Genres wie Joe D'Amatos Kloster der 1000 Todsünden oder andere; es gibt reichlich Anlass um die Peitsche knallen zu lassen oder Nonnen sich der fleischlichen Versuchung hingeben zu lassen; wenn Günther Brandl diesmal in einer Nebenrolle als Eunuch und Bediensteter des Klosters eine Nonne wegen ihrer Verfehlungen auspeitschen muss, erinnerte mich das an Jess Francos Auftritte in einigen seiner Filme als tumber Hilfsgeselle, der ebenfalls gerne sadistische Taten zelebriert. Weil neben reichlich nacktem Fleisch auch reichlich roter Lebenssaft fließt, könnte man The Children of Golgotha mehr noch als bajuwarische Version von Bruno Matteis The Other Hell ansehen, wobei der italienische Trash-Spezialist sich darin mehr auf den Horror konzentriere. Bei den Brandls erhält man Elemente aus beiden Welten und es scheint beinahe überraschend, dass sowas nicht schon vor vielen Jahren von Andreas Bethmann gemacht wurde. Wie in den Sleaze-Bomben vergangener Zeiten lässt man keine Gelegenheit aus, nackte Haut zu präsentieren. Die Schauwerte nehmen überhand und verdrängen leider manchen guten Ansatz in der Geschichte.

Richtig interessant wird diese, wenn Brandl offen lässt, ob das Geschehen im Kloster Wirklichkeit oder nur kollektive Wahnbilder sind. Das Rad erfindet er damit nicht neu, zeigt aber in jenen Szenen ein gutes Geschick für deren Inszenierung. Leider kommt er häufiger von diesem Weg ab, lenkt im weiteren Verlauf kurzzeitig auf diesen ein um doch mehr dem diabolischen Treiben und dessen Verlockungen Raum zu geben. Bei knapp zwei Stunden Laufzeit ufert der Film manchmal aus; die Orgienszene gegen Ende verleitet dazu, gedanklich gänzlich auszusteigen. Zu breit wird das unheilige Treiben der Nonnen dort ausgewälzt. Vielleicht ließ sich der Schöpfer unbemerkt vom teuflischen Charme seiner Story so ablenken, dass er die subtilen Momente so gnadenlos ans Kreuz nagelte wie das Ende ausfällt. Durch den Umstand, dass sowas aus dem katholisch geprägten Bayern kommt, erhält The Children of Golgotha eine ganz dezent subversive Note. Blasphemic Bavarian Nunslaying - das ist filmischer Death Metal der den Zuschauer platt wälzt. Ein Rausch an Exploitation der alten Schule, die man heute manchmal vermisst und hier ohne gänzlich ins schmuddelige abzudriften. Der gewollte diabolische Rausch des Films ist in manchen Augenblicken mehr ein lautes Rauschen, durch das sich die ansprechenden Töne leicht quetschen müssen. Für Freunde von Nunploitation und deftigem Horror ist The Children of Golgotha ein wahres Fest auf vielen Ebenen, der mich nicht komplett überzeugen konnte, mir aber persönlich Lust machte, wieder mal in diesem Genre zu wildern.

Beziehbar über Brandl Pictures
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Freitag, 10. Januar 2020

[Rotten Potatoes #4] Melancholie der Engel

In jüngeren Jahren wäre mein Standpunkt gegenüber Melancholie der Engel eindeutiger gewesen. Obwohl ich mich selbst als aufgeschlossenen Filmliebhaber sehe und damals schon sah, hätte dieser kleine Underground-Film alle konservativen Sinne gereizt, um in einer Besprechung mit dem Holzhammer auf diesen einzuhämmern. Mangels größerem Interesse bisher immer übergangen, wagte ich mich für meine Rundgänge durch den deutschen Genrefilm an den selbsternannten kontroversen Film. Abstreiten möchte ich ihm diese Bezeichnung nicht ganz. Obwohl ich mich zur Zeit seiner Veröffentlichung noch in einschlägigen Horror-Foren rumtrieb, ignorierte ich Threads darüber weitgehend und hakte ihn schnell als nicht meine Interessen ansprechendes Amateur-Filmchen ab, während ein Freund Aufgrund seiner angeblich krassen Bilderfluten in Schwärmereien ausbrach.

Sein Regisseur Marian Dora, ein Schüler Ulli Lommels, watet in seinem Werk zusammen mit Co-Autor und Hauptdarsteller Carsten Frank - der hier das Pseudonym Oliver Frank nutzt - durch menschliches und filmisches extrem und verzichtet weitgehend auf eine schlüssige Handlung. Den Rahmen bildet eine Begegnung der zwei Männer Katze und Brauth, alte Freunde, die über einen Jahrmarkt streifen und die beiden jungen Frauen Melanie und Bianca kennenlernen. Nach deren anfänglicher Ablehnung den beiden Fremden gegenüber, gelingt es den alten Freunden, die Frauen in einen Nachtclub einzuladen um von dort in Begleitung von Anja, welche sich dort der Gruppe anschließt, zu einer alten Hütte, mit der Brauth und Katze Erinnerungen an ihre gemeinsame Vergangenheit verbinden, zu locken. Mit der Ankunft des geheimnisvollen Heinrich und seiner im Rollstuhl sitzenden Begleitung Clarissa gleiten die von Drogen und philosophischen Exkursen dominierten Abende in eine mehrere Tage andauernden, hemmungslosen wie gewalttätigen Orgie ab.

Etwas mehr als zweieinhalb Stunden nimmt Dora den Zuschauer mit auf eine schonungslose Reise menschlicher Verderbtheit. Ohne jemals die Motivation der Figuren zu erfahren, wieso die Figuren zu solchen Taten schreiten, bricht nach einem ruhigen, einlullenden Aufbau ein ewig langer Exzess zwischen ausufernder Gewalt und sexueller Extremen über den Zuschauer herein. Die menschliche Verderbtheit und die düstersten Seiten unserer Existenz ziehen sich ebenso durch Doras Filme wie sein thematischer Fokus auf die Sterblichkeit des menschlichen Individuums. Nachdem der Fall um den "Kannibalen von Rotenburg" Achim Meiwes landesweit die Medien bestimmte, wurden zwei diesen Fall behandelnden Filme produziert. Nachdem der durch eine Klage Meiwes' ewig im Giftschrank gehaltenen Rohtenburg nahm sich Dora dem ganzen mit seinem Cannibal an und lieferte einen durchaus sehenswerten Beitrag ab, der seine exploitative Seite hinter einer nicht uninteressanten, pseudo-anspruchsvollen Fassade verstecken konnte.

Dieses Konzept weiten Dora und Frank in Melancholie der Engel aus; ihre düsteren und verstörenden Visionen versteckt das Duo hinter weichgezeichneten Einstellungen. Das verwendete Material und seine Bearbeitung schenkt dem Film eine dunkle, getrübte Stimmung, welche die schonungslos zur Schau getragene Behandlung des Verfalls der menschlichen Körperlichkeit passend untermalt. Dora scheint besessen, getrieben von dieser Thematik zu sein, die sich bis in sein jüngstes Werk Carcinoma - einer Art düsterem wie krassen Krebs-Splatter-Drama -zieht. Neben der unumgänglichen Sterblichkeit, auf die wir Menschen zusteuern, bedient sich Melancholie der Engel einer rigorosen Darstellung des seelischen und moralischen Verfalls. Dieser Interpretationsansatz des Films und die Deutung seiner (männlichen) Figuren als verschiedene Verkörperungen menschlicher Eigenschaften wird von diesem selbst erstickt. Seine kryptische Chiffre lässt sich einzig von den Schöpfern entschlüsseln. Der - wenn überhaupt vorhandene - tiefere Sinn der gezeigten Flut an Gewalt, sexueller Ausschweifung und Körperausscheidungen bzw. -flüssigkeiten, beschränkt auf einen engen Raum, dessen Ausstaffierung mit für das Horror-Genre üblicher Symbolik des Verfalls überhäuft wurde, bleibt verborgen.

Die pseudo-tiefgründige Erscheinung von Melancholie der Engel raubt ihm die Glaubhaftigkeit, sich mit den angekratzten Themen ernsthaft auseinandersetzen zu wollen. Freunde von Tabubrüchen am laufenden Band dürften dafür ihre helle Freude haben, wenn Dora z. B. in langen Einstellungen künstliche Darmausgänge brutal fingern lässt oder sich die Darsteller ihre Körper gegenseitig mit ihren Ausscheidungen schmücken. Hinzu kommt, dass der Film u. a. durch die an den jungen Frauen ausgeübten Taten nicht ganz frei von misogynen und behindertenfeindlichen Tönen ist, was den Film leider wie eine Umsetzung von in Dora und Frank schlummernder Gewaltfantasien erscheinen lässt. Trauriger Höhepunkt ist die Animal Cruelty, die eine höhere Dichte aufweisen lässt, als mancher italienischer Kannibalenfilm. Zwar beteuerten die Macher, das alles gestellt ist, was man Anhand der Bilder nur schwer bis gar nicht glauben mag. Das traurige ist, dass die beiden dies nicht einmal nötig hätten. Vielleicht möchte man krasser wie die Filme Buttgereits wirken, oder dem amerikanischen Körperflüssigkeiten-Splatters aus dem tiefsten Untergrund nacheifern. Dahingehende Einflüsse sind spürbar, nur bettet man die plumpen Provokationen in ein künstlerisches Bett ohne Substanz. Das angestrebte Slaughtered Vomit Arthouse entpuppt sich als langgezogener Bullshit ohne erkennbaren, tieferen Sinn.

Die Leere hinter der Fassade von Melancholie der Engel lässt die mit der voranschreitenden Laufzeit gezeigten, krasser werdenden Extreme offensichtlich belanglos erscheinen und den Zuschauer fast unbeeindruckt zurück. Weniger verkopfte, um die Ecke philosophierte Symbolik und - soweit das überhaupt möglich ist - sinnvoll eingestreute Exzessivität hätten den Film zu einer Art filmischer Neuer Deutscher Todeskunst formen können, wenn überhaupt jemals die Absicht besteht bzw. bestand, sich ernsthaft innerhalb des Films mit dem steten Verfall von Körper sowie Geist auseinanderzusetzen. Nur sein visueller Stil und der stimmige Soundtrack, der sich auch bei fremden Kompositionen von Gerhard Heinz und dem Schauspieler David Hess (Last House On The Left) bedient, fallen gänzlich positiv auf. Der Rest schreitet bei allen unter der dicken Schicht Dreck und Verfall aufblitzenden, guten Ansätzen auf den tiefen Abgrund der Belanglosigkeit zu. Wäre da nicht die Tatsache, dass mir der Film auch einige Tage nachdem ich in gesehen hatte, im Kopf nachhallte. Leider nicht, weil sein Umgang mit der von Dora und seinem Co-Autoren aufgegriffenen Thematik tief beeindruckte, sondern weil er einen lange ratlos zurücklässt, was denn nun überhaupt der Sinn des Ganzen ist. Wäre früher daraus zu 99 Prozent ein gnadenloser Verriss geworden, zuckt man mittlerweile ratlos die Schultern, was dieser Arthouse-Splatter bar jeden wahren Verstands überhaupt soll.
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Mittwoch, 16. Oktober 2019

[Rotten Potatoes #3] Skin Creepers

Horror zweifacher, gänzlich unterschiedlicher Natur, schlängelt sich durch Skin Creepers und lässt dem "reellen" Grauen lange Raum zum Entfalten. Bevor die übernatürliche Komponente - zuerst mit kurz gehaltenen Rückblenden in die Handlung gebracht - die Überhand gewinnt, werden die beiden Protagonisten Daniel und Ben mit den Schwierigkeiten ihres persönlichen Projekts konfrontiert. It's all about the struggle being an independent filmmaker. Zwei Brüder, ein Traum: eigentlich wollen sie nur ihre Idee, den Traum vom eigenen Film, umsetzen. Ein hochkarätiger Erotikthriller von internationalem Format soll es sein. Doch die Produktion ist mit vielfältigen Problemen vorbelastet. Die ausgesuchte Location ist eine heruntergekommene Fabrikhalle, die einer großen Filmproduktionsgesellschaft gehört, deren schnöseliger Obermufti nicht gewillt ist, diese zur Miete abzugeben. Die Kosten für den Film, von denen mehr als die Hälfte die Gage für die aus den USA eingeflogene Hauptdarstellerin Sasha Blue verschlingt, wachsen immens; in die Presche soll der zwielichtige Zuhälter Lederkalle als zusätzlicher Geldgeber springen.

Der komödiantische Ton von Skin Creepers entpuppt sich als launige Angelegenheit, die zwei sympathischen Figuren mit den Schwierigkeiten einer unabhängigen Filmproduktion konfrontiert. Debütant Ezra Tsegaye erdachte mit seinem Co-Autoren Sebastian Kühne eine erzählerisch nicht immer ausgeglichene Geschichte, die dem Horror zunächst wenig Platz zur Verfügung stellt und lieber mit Andeutungen in kurzen Rückblenden arbeitet. Zunächst ergeht man sich in der stereotypen Darstellung des Loser-Brüderpaars und ihrer dezent übergeschnappten Vision vom nächsten dicken Filmbrocken, der seismische Schwingungen in die Filmwelt bringen soll. Die planlosen Herren, von ihren Darstellern Nicolás Artajo und Nicolas Szent lässig gespielt, entpuppen sich als mit der Situation überforderte, gescheiterte Regisseure. Amateure die Hollywood spielen und mit einem schalen Porno den großen Gewinn einstreichen wollen. Living in oblivion mit dem Traum, aus der unendlichen Dimension des (semiprofessionellen) Hobbyfilmers und dessen Schlund des Vergessens auszubrechen. Gemessen an Auswüchsen des unabhängigen deutschen Horror-Films bildet Skin Creepers eine fragile Meta-Ebene.

Die überzeichnete, zumeist von Klischees beherrschte Story drängt einem förmlich die Interpretationsmöglichkeit auf, dass Tsegaye ironisch persönliche Probleme mit der Realisierung eines Films in die Story einflechtet. Tiefer als mit dem erdachten Handlungsverlauf Situationskomik zu erzeugen, geht Tsegaye leider nicht. Ben und Daniel als Sinnbild gewordener Kommentar auf Amateurfilmer aus der deutschen Genreszene zu sehen, lässt Tsegaye zugunsten des weiter auf lustig getrimmten Horror zerbrechen. In der damit eingeläuteten zweiten Hälfte geht seinem Drehbuch die Puste aus. Das im Hotelzimmer Sasha Blues befindliche Bild mit diabolischer Aura, dessen Bann aus dem Porno-Sternchen wortwörtlich eine dämonische, Allüren auslebende Oberdiva werden lässt, stellt die beiden Nachwuchsregisseure vor weitere Probleme. Sasha beißt am ersten Drehtag einem bei Lederkalle ausgeliehenen Mädchen die halbe Lippe ab, lässt so dem Duo mächtig die Düse gehen und sie versuchen, der Besessenen den Leibhaftigen wieder auszutreiben, als diese erkannt haben, womit sie es zu tun haben. In ihrer Verzweiflung rufen sie sich einen abgehalfterten und sein Geld im Internet Astro TV-like als Lebensberater verdienenden Prediger, der Sasha Blue wieder in Normalzustand versetzen soll.

Während Tsegaye im vom Humor geprägten ersten Teil mit den Mystery-Einschüben einen gewissen, gering gehaltenen Grad an Spannung erzeugen kann, wird dem Horror in der zweiten Hälfte durch langgezogene, geschwätzige Szenen jegliche Kraft genommen. Ausufernde Erklärungen des von Dieter Landuris hübsch schrullig dargestellten Predigers und eine steife Orientierung an Friedkins Klassiker The Exorcist, bei der selbst die Abweichungen und der Versuch, einen eigenen, erklärenden Mythos zu etablieren nicht fruchten, bringen dem Zuschauer mehr Ungeduld als Interesse am weiteren Verlauf des Plots. Die darin schlummernden Ideen müssen in langen Mono- oder Dialogen erzählt werden, was man lieber dargestellt hätte. Im Finale angelangt, gelingt es dem Film kaum, seine dösige Narration mit seichtem Effektgewitter abzuschütteln. Die eingestreuten, saftigen Gore-F/X können sich sehen lassen, bleiben leider eher eine Fußnote der schwächelnden Story. Der einfache Humor, dessen laue Situationskomik durch gut aufgelegte Darsteller aufgewertet wird, ist kaum mehr präsent und Skin Creepers büßt die Chance ein, eine nicht gerade originelle, aber kurzweilig spaßige Horrorkomödie zu sein.

Mit dem gebotenen Production Value seines Films muss sich Tsegaye nicht mal verstecken. Skin Creepers sieht ordentlich aus und ist weit weg vom Schicksal des Films seiner Protagonisten, ein billiges Machwerk zweifelhafter Natur zu sein. Bei den sichtbar einfach getricksten Visual F/X drückt man ein Auge zu und will mehr positives beim Film finden, da man ihm anmerkt, dass seine Macher hundertprozentig hinter ihrem Werk stehen uns so viel Herzblut wie die Protagonisten mitbringen. Leider ist das Verhältnis zwischen funktionierendem Horror- und Komödienpart zu unausgeglichen. Skin Creepers verschenkt viel und bleibt im Niemandsland des Durchschnitts stecken. Bleibt seinem Schöpfer zu wünschen, dass er Aufgrund der besseren ersten Hälfte nicht von findigen Produzenten seichter Komödien für den deutschen Kinomassenmarkt gefunden wird. Man sollte ihn lieber noch mal üben lassen, ein besseres, ausgeglicheneres Verhältnis zwischen kraftvollem Horror und verschmitztem Humor zu finden.
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Freitag, 23. August 2019

[Rotten Potatoes #02] Montrak

Zum ersten Mal tauchte Montrak 2002 auf der Bildfläche des deutschen Horrors auf. Über Timo Roses Label Sword of Independence wurde der Meister der Vampire dem deutschen Publikum vorgestellt. In seiner ersten Manifestation wurde der Film das, was viele Genrefans an hiesigen Produktionen aus dem Underground nicht mögen: Regisseur Stefan Schwenk und seine wie er selbst blutjunge Posse knallten einen Film zwischen gestelzt cooler Gangster-Action, Vampir-Horror und flacher Komödie auf Video, der mit einigem Enthusiasmus, aber wenig Budget und Können umgesetzt wurde. Die Jahre zogen ins Land, Schwenk realisierte mit Sick Pigs einen weiteren Film und stand häufiger bei anderen Indie-Produktionen vor der Kamera. In Zeiten des Crowdfundings versuchte der in Bayreuth geborene Enddreißiger Budget für eine Neuverfilmung seines Erstlings zu sammeln. Die benötigte Kohle kam zusammen und Schwenk konnte seine Vampirgeschichte erneut verfilmen.

Dank des höheren Budgets schenkte der Regisseur und Autor seinem Werk eine ausgedehnte Exposition und unterteilte die Geschichte in Kapitel. In den ersten beiden wird man in das Franken des 15. Jahrhunderts geführt. Dort waltet titelgebender Montrak als gottesfüchtiger Ritter, bis ihm vom Tod seine große Liebe genommen wird. Hasserfüllt sagt er sich von Gott los und wendet sich den dunklen Mächten zu. Durch einen Pakt mit Luzifer, der ihm einen magischen Ring schenkte, erhält er mit diesem ewiges Leben und wird gleichzeitig zum vampirischen Sklaven der Dunkelheit gemacht. Im kriegerischen Treiben der damaligen Zeit schart er eine Gefolgschaft um sich, dem ein Lynchmob entgegen tritt, als er mitsamt seinen Gefährten entdeckt wird. Um diese und die Vampire selbst in Vergessenheit geraten zu lassen, lässt er sich vom Mob töten. Zeitsprung in die Gegenwart: ohne Job, ohne Freundin und ohne großes Selbstbewusstsein gammelt Frank wieder bei seiner Mutter und seinem nervigen Bruder.

Dieser zeitliche Bruch brilliert in den ersten Minuten durch die unglückliche Entscheidung Schwenks, den komödiantischen Part des Ursprungsfilms in die Neuverfilmung zu übertragen. Mehr peinlich wie lustig fällt die Umsetzung aus. Alle vorgestellten Charaktere wirken unsympathisch, das dargestellte Familienklischee mit sich angiftenden Brüdern wirkt, je länger die Szene andauern, deplatziert. Mit Frank und dessen bald hinzukommenden besten Freund, der ein fürchterliches Cowboy-Faible besitzt, hangelt sich der Zuschauer durch eine ebenso dümmliche Disco-Szene, in welcher der neue Protagonist auf Nikki trifft. Es stellt sich raus, dass sie eine Vampirin ist, die zum Clan Wladislaws gehört, welcher zu den wenigen Überlebenden aus Montraks Gefolge gehört. Aus dem Untergrund heraus versucht Wladislaw seinen Meister mit Hilfe seines Rings wiederzuerwecken. Dafür benötigt er einen Menschen, der blind vor Zorn grenzenlosen Hass in sich trägt.

Um das Vampir-Epos abzurunden bricht Schwenk in seiner Geschichte ein letztes Mal und führt mit Harry eine weitere neue Figur ein, an die es sich zu gewöhnen gilt. Dieser gehört einer im Untergrund für die Regierung arbeitende Einheit an, welche sich mit übernatürlichen Phänomenen beschäftigt, welche Wladislaws Gang dicht auf den Fersen ist. Diese Einheit hat für Montrak selbst zwei Bedeutungen: einerseits ist es die klar definierte Opposition zu den vampirischen Antagonisten und zum zweiten bietet sie Anlass, dass krampfig coole Typen mit dicken Wummen durchs Filmset laufen und kontinuierlich rumballern dürfen. Es sind Momente, in denen man den Einfluss des Heroic Bloodshed-Films und Tarantinos Aufgreifen von dessen Elemente verflucht. Es scheint ein eisernes Gesetz zu geben, welches besagt, dass deutsche Amateur- bzw. Indie-Produktionen aus dem Horror-Bereich Figuren haben muss, die in Anlehnung an das Hong Kong-Kino bzw. Tarantinos Filmen per Definition cool agieren und mit möglichst vielen Wummen rumballern müssen.

Schwenks eingeschlagene Richtung kostet dem Film neben der Kontinuität und einen erzählerischen Fluss, zu häufig wird dieser mit der immer neuen Einführung von Figuren - den Subplot über einen Bauern der Montraks Ring habhaft wird könnte man sich komplett schenken - unterbrochen auch den sich in der ersten Hälfte entwickelnden guten Eindruck. Die Szenen im Mittelalter sind stimmig umgesetzt. Zeitweise mögen diese an Fan-Videos aus der Mittelalter-Szene erinnern; der Ansatz sich ausführlich mit Montraks Weg ins Dasein als Vampir zu beschäftigen bleibt positiv im Gedächtnis. Mehr lineare Struktur des Scripts hätte dem Film besser getan als der Versuch, wie z. B. Tarantino weitere Figuren einzuführen, damit diese im Finale aufeinander treffen können. Wobei man sich bei Frank fragt, ob er lediglich als Überbleibsel des Ursprungs eingeführt wurde oder Schwenk einen tieferen Sinn mit diesem verfolgt. Montrak bläht sich auf zwei eine epische Laufzeit von zwei Stunden aus, ohne diese in der zweiten Hälfte komplett sinnvoll zu nutzen.

Die für das Projekt gewonnenen, durchaus namhaften Darsteller - darunter Sönke Möhring, Dustin Semmelrogge, Diese Drombuschs-Darstellerin Sabine Kaack, "Tech-Nick" Antoine Monot Jr., "Gina Wild" Michaela Schaffrath, Cosma Shiva Hagen, Udo Schenk oder Charles Rettinghaus (u. a. die deutsche Synchronstimme von Jean-Claude Van Damme) verleihen Montrak weitere Größe, um das Gesamtwerk final gewaltiger wirken zu lassen, als es überhaupt ist. Mit einem lässigen "Schaut, wen ich für das Ding alles heranpfeifen kann!" winkt Schwenk fast schon selbstgefällig dem Zuschauer zu. Das ist durchaus beachtenswert, lässt aber nicht übersehen, dass Montrak in der zweiten Hälfte seine geringe Eigenständigkeit zu Gunsten der Orientierung am Hollywood-Duktus aufgibt. Die coolen Schießereien wirkten schon vor gut 20 Jahren im deutschen Amateur-Film deplatziert und meist lächerlich als tatsächlich mitreißend. Mit einer geradlinigeren Storystruktur und einer größeren Konzentration auf den Horroranteil hätte Montrak sich weitaus höher als letztendlich im Durchschnitt platzieren können. Zwar orientiert sich Schwenk in den Gegenwarts-Kapiteln leicht an Filmen wie dem Vampir-Kult The Lost Boys, hätte dort aber zumindest mehr beim Zuschauer gewonnen, als mit dem halbgaren Action-Horror-Endergebnis.
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Freitag, 26. Juli 2019

[Rotten Potatoes #01] Unholy Ground

Für Genre-fixierte Horror-Aficionados, die in diesem Sektor große Triple A-Mainstream-Werke als auch ambitionierte Indie-, sowie kostengünstiges DTV-B-Movie-Gedöns konsumieren, gilt er als inoffizieller Endboss der allesglotzenden Zunft: deutscher Amateur-Horror. Was die ehrwürdige Splatting Image zu ihren Print-Zeiten charmant und manches Mal äußerst treffend als Jungmutationen bezeichnete und in der gleichnamigen Rubrik besprach, nennen andere abschätzig Wald- und Wiesen-Splatter. Gleich, ob wirklich gleichermaßen dilettantische wie euphorische Teenie-Gore-Hounds ihr angelesenes Halbwissen über die Herstellung von S-F/X in eine Art Spielfilm umsetzen oder ambitionierte Regisseure mit beschränkten Mitteln durchaus sehenswerte Werke zustande bringen. Zum ersten Mal kam ich damit in Berührung, als Mitte der 90er das Doom Fanzine über die Produktion von Olaf Ittenbachs immerhin 100.000 DM teuren Premutos - Der gefallene Engel berichtete. Vom fertigen Werk war der mein junges Gorehound-Ich verzückt und über die Jahre schafften es Filme bekannterer Namen wie Timo Rose, Marc Fehse, Andreas Schnaas oder Jörg Buttgereit in meine damalige Sammlung. Noch heute bin ich ziemlich froh darüber, wenigstens die Filme von Jochen Taubert bis zum heutigen Tage erfolgreich ignoriert zu haben.

Lange fertig mit dem Phänomen des deutschen Amateur- oder Indie-Horrors fixte mich die Deadline mit einer Besprechung eines Films der ebenfalls schon lange in der Szene aktiven (seit 1998) Geschwister Monika, Günther und Helmut Brandl urplötzlich wieder an. Neben dem Vorgänger des in der Ausgabe besprochenen Moor-Monster 2 (der Freunden und mir einen fröhlichen Abend bescherte) landete der 2016 entstandene Unholy Ground in meinem Korb bei der ersten Bestellung bei Brandl Pictures. Unter diesem Label schuf das Trio eigenen Angaben nach bereits 59 (!) No-Budget-Filme und damit ein kleines, eigenes Parallel-Universum innerhalb der deutschen Indie-Szene. Die aus Bayern stammenden Filmemacher verzichteten von Beginn an darauf, sich auf ein bestimmtes Genre zu beschränken. Gemacht wird, was gefällt. Horror, Fantasy, Science-Fiction, Erotik, Thriller, Komödien; mit Und sie kehrten niemals wieder haben die Brandls sogar einen Western ihrer Filmographie hinzugefügt. Der schöpferische Drang scheint in vollem Umfang ausgelebt und jede aufziehende Idee umgesetzt zu werden.

In Unholy Ground verbinden sie okkult gefärbten Horror mit einer großen Prise Sex. Eine Kombination, die es in hiesigen Untergrund-Gefilden bisher eigentlich nur in den Filmen eines Andreas Bethmann gab. Übertrug sich bei diesem seit frühen Tagen die digitale Sterilität der Video-Optik auf dessen Stil, was die Zielsetzung das Werk möglichst atmosphärisch bzw. schmutzig wirken zu lassen, zunichte machte, lassen die Brandls mit Einfallsreichtum und spürbarer Leidenschaft ihren Horrorfilm durch die ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten weitgehend ansprechend erscheinen. Sie scheuen sich nicht einmal, ihre Geschichte in der Vergangenheit anzusiedeln. Während des schwedisch-russischen Krieges rettet sich ein kleiner Trupp Soldaten mit einem schwer verwundeten Kameraden in ein kleines Dorf. Widerwillig nehmen dessen Bewohner die Fremden bei sich auf um den Verwundeten gesund zu pflegen; viele sehen in der Ankunft der Soldaten ein böses Omen, dass sich schreckliche Ereignisse aus der Vergangenheit wiederholen könnten. Tage darauf geht zuerst unbemerkt eine Veränderung in manchen Bewohnern und den Geistlichen eines nahe gelegenen Klosters vor. Die Gottesfurcht der Mitglieder der kleinen Gemeinde schwindet und macht Platz für lasterhaftes, blasphemisches Verhalten, tot geglaubte Väter kehren verändert zurück und diabolische Mächte scheinen unaufhaltsam ihre Schwingen über das Dorf und dessen Bewohner auszubreiten.

Auf den dargebotenen Stil der Brandls muss man sich einlassen können. Deren No-Budget-Methodik in der Umsetzung ihrer Stoffe schließt gleichzeitig aufwändig teure, authentische Kulissen oder Kostüme aus. Letztere mögen für viele wie Karnevalsverkleidungen wirken, zumal sich die Schöpfer nicht zu schade sind, sichtbar falsche Bärte an ihre Mimen zu pappen. Hat man sich damit arrangiert, entpuppt sich Unholy Ground als Hardcore-Horror mit Potenzial. Das Hardcore ist im übrigen wörtlich zu nehmen; die ohnehin reichlich vertretenen nackten Tatsachen werden in der X-tended Version durch Hardcore-Sex-Szenen erweitert. Diejenigen, die lieber Kunstblut als Sperma spritzen sehen möchten, müssen sich indessen gedulden. Blutige Momente werden dosiert eingesetzt und erst zum Ende rotzt der rote Lebenssaft ungehemmt durch die Szenerie. Höhepunkt dürfte hier die leicht an Hellraiser erinnernde Höllensequenz sein. Mehr als nacheifern oder nachspielen der liebsten Gore-Szenen aus den letzten Jahrzehnten der Horrorhistorie ist den Machern daran gelegen, eine Geschichte zu erzählen. Das Script folgt gängigen Mustern und manchmal hätte man gut daran getan, den Ideenreichtum zu zügeln. Lang ausformulierte Szenen zügeln den Erzählfluss, der in der zweiten Hälfte durch ausgedehnte Orgienszenen nochmals gedrosselt wird.

Die strukturell an Storyverläufe von B-Horror aus dem 80ern erinnernde Story lässt Platz für kleine Spitzen, in denen das verborgene Böse an die Oberfläche kommt, um dies in der nächsten Szene zu wiederholen. Die ausufernden Orgien sind klarer Höhepunkt von Unholy Ground und brauchen sich nicht vor Bethmann'schen Sexploitation-Horror zu verstecken. Im Gegenteil funktioniert dies hier viel besser, da die limitiert erscheinende Geschichte in ihrer okkulten Ausrichtung den erotischen Aspekt in den Vordergrund stellt, diesen gleichzeitig als Stilmittel nutzt um eine ganz eigene, freizügige Mischung aus Dämonen- und Okkult-Horror zu kreieren. Um eine ansprechende Umsetzung bemüht, gelingt den Brandls in ihrem No-Budget-Segment einen mit wenigen Längen gestraften, sehenswerter Amateur-Horror. Die darstellerischen Leistungen variieren für das Segment erwartungsgemäß zwischen ordentlich und stark bemüht, ohne große Ausfälle zu verbuchen. Zwar spielt der Film im bayrischsten Schweden ever und auch ein sichtbares Handpuppen-Höllenmonster sorgt für kleines Schmunzeln, jedoch bewegt sich alles angenehm weit weg vom unfreiwillig komischen Bereich. Den Schwächen zum Trotz bietet Unholy Ground das, was Sympathisanten des Amateur-Horrors suchen und angenehm old schooligen, schnörkellosen Horror von dem ich am Ende selbst überrascht war, dass er mir zugesagt hat. Ein mehr als ordentlicher Einstand für meine hier unregelmäßig erscheinenden Ausflüge in die Bereiche deutscher Amateur-/Indie-Genre-Produktionen.

Beziehbar über Brandl Pictures
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Samstag, 6. Juli 2019

Rotten Potatoes oder: Allesglotzer als kleines Heim für den deutschen Genrefilm

Es begann nach den Aufnahmen zum Podcast zu Eiskalte Typen auf heißen Öfen bei Bahnhofskino. Patrick Lohmeier und ich sinnierten noch über den italienischen Polizei- und Genrefilm und überlegten dabei, über welche Art von Film man sich in der Zukunft noch gemeinsam austauschen könne. Patrick kam im Verlauf des Gesprächs auf den deutschen Genre- bzw. Horrorfilm; nicht uninteressiert, aber leicht verhalten nahm ich die Idee gerne auf. Einige Wochen später schlug ich ihm vor, dass wir uns liebend gerne über Robert Sigls Debüt Laurin unterhalten können. Ich stieß damit auf offene Ohren, war Patrick der Film doch im Gegensatz zu mir schon bekannt.

Mit Patricks Erwähnung des deutschen Genrefilms und dem durch eine Besprechung in der Deadline entdeckten Clan der Brandl-Geschwister mit ihrer unabhängigen Low-/No Budget-Filmschmiede wurde meine Neugier auf deutschen Film abseits der vielerorts wahrgenommenen dominierenden Mainstream-Komödien oder kopflastigen Autorenstücke täglich größer. Deutscher Film war und ist weit mehr als das, was (selbsternannte) Filmexperten der hiesigen Lichtspiellandschaft in Foren und andernorts diesem vorwerfen. Genrekino wurde durch solch heute noch gewichtige und allseits bekannten Filme wie Murnaus Nosferatu, Langs Metropolis oder Boese und Wegeners Der Golem wie er in die Welt kam geschaffen und geprägt.

Für gemeinsame Filmabende mit Freunde wurden die ersten Filme aus der Brandl-Schmiede ins Heim geholt und selbst das lang verstorben geglaubte Interesse am deutschen Amateur-(Horror)Film wurde dadurch wiedergeboren. Ich sage selbst von mir, dass ich im Bereich des Films leider mit Interessen-ADHS gestraft bin und ein bestimmtes Werk sehr schnell mein Interesse für eine bestimmte Spielart des Films wecken kann, die ebenso rasch von einem anderen Genre abgelöst werden kann. Das Interesse und die Neugier auf das "exotische" deutsche Genre-Kino schlummerte immer in mir und letztendlich gab Patricks Vorschlag die Initialzündung für eine unregelmäßige Rubrik hier bei Allesglotzer.

Unter dem Label Rotten Potatoes werde ich mich hier keineswegs als Experte für Gemüseanbau im eigenen Garten versuchen, sondern mehr dem deutschen Genrefilm ein kleines Heim hier im Blog geben. Der Fokus liegt natürlich auf Besprechungen der Filme, bei denen ich auch vor "Wald- und Wiesenhorror" aus dem Amateurlager keinen Halt mache. Man sollte nicht erwarten, dass ich mir mit Filmen von Andreas Schnaas, Jochen Taubert oder Heiko Fipper die Gehirnzellen abschieße (ich kenne die drei genannten Herren nicht persönlich und sie können natürlich nette Zeitgenossen sein, gegen ihre Werke hege ich allerdings eine zu starke, persönliche Aversion, als das ich sie mir tatsächlich für eine Besprechung bei Allesglotzer anschauen werde), aber selbst dort gibt es viel obskures oder spannendes zu entdecken.

Abgerundet soll dies mit Betrachtungen, Meinungsbildern und - sofern möglich - auch Interviews mit den Machern werden. All das ist noch Zukunftsmusik und ich weiß selbst, dass es von meiner spärlichen Freizeit einiges von dieser fressen dürfte; die Lust dazu und der Wille, sowas umzusetzen, ist definitiv vorhanden. Für manches brauche ich nur eben etwas länger. Neben Patrick Lohmeier als Zünder der Funken für diese Idee geht der Dank hier auch an Sascha - einem meiner besten Freunde - der dieser Rubrik ihren Namen schenkte. Das deutsche Klischeegemüse Kartoffel auf Englisch faulen zu lassen, was ein ebenfalls gern genutztes Wort für "irgendwas mit Horror" ist, zu verbinden und dazu gleichzeitig ein Wortspiel mit Rotten Tomatoes hinzulegen, war für mich im zermarternd nervigen Namensfindungsprozess irgendwie zu einfach. Es mag sehr simpel, für einige zu bekloppt erscheinen: aber es ist auch ein sehr griffiger Name für diese neue Rubrik.

Selbstverständlich wird auch weiterhin Genrekino aus anderen Ländern hier im Blog ein Zuhause haben. Das mein Fokus meist in der Phantastik bleibt, obwohl ich bei Twitter häufiger bekunde und auch mit den Bildern zu den Sammlungsupdates zeige, dass ich keineswegs nur an sowas interessiert bin, dürfte damit zusammenhängen, dass meine erste Begegnung mit dem Medium Film eben der Horrorfilm war und meine große Liebe zum Kino bzw. Film damit begann. Vielleicht schaffe ich es sogar mal häufiger, andere cineastische Leidenschaften wie die Nouvelle Vague oder Bollywood, was auch den Blognamen mehr rechtfertigen würde, hier einzubringen. Zuerst möchte ich aber gerne für euch in unregelmäßigen Abständen ein paar hiesige, besonders schöne (und faulige) Filme ausbuddeln. Stay tuned for more, die ersten drei Texte liegen schon in der virtuellen Schublade...

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