Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Samstag, 25. Juli 2020

3 From Hell

Vierzehn Jahre nachdem der Firefly-Clan in Gestalt von Baby und Otis zusammen mit dem heruntergekommenen Clowns-Darsteller Captain Spaulding die Filmwelt in The Devil's Rejects unsicher machte und Aufgrund des eigentlich unmissverständlichen Shoot Outs am Ende des Films ein Sequel ausgeschlossen schien, schickt Regisseur Rob Zombie seine Redneck-Familie erneut auf Mordtour. Seine erdachte teuflische Sippe springt wie durch ein Wunder dem Schnitter von der Schippe und überlebt den auf sie niedergeprasselten Kugelhagel, was 3 From Hell seinem Publikum in semi-dokumentarisch gehaltenem Mix aus Nachrichten-Meldungen und Reportagen zu erklären versucht. Mehr noch ist es Zombies Zugeständnis, dass er mehr als wild fluchende und auf gesellschaftliche Normen und Regeln scheißende Rednecks, die ohne Sinn und Verstand durch die Staaten Amok laufen, nichts kann. Was mit dem stilistisch interessanten aber leicht überfrachteten House of 1000 Corpses (Besprechung hier) begann und mit dem bei aller Wildheit weitaus geordneter erscheinenden The Devil's Rejects fortgesetzt wurde, baut der Musiker und Filmemacher nun zu einer Trilogie aus.

Obwohl der Vergleich leicht hinkt, sehe ich Zombies letzten Film als seinen persönlichen Mother of Tears: lange Jahre warteten die Fans auf einen Abschluss von Argentos Drei Mütter-Trilogie und als es dann nach gefühlt unendlicher Zeit des Wartens soweit war, enttäuschte der Italiener mit seinem Abschlussfilm maßlos. Der Unterschied, der den Vergleich hinken lässt: auf 3 From Hell hat (bis vielleicht auf wenige Die Hard-Fans von Zombies Filmschaffen) niemand gewartet. Versöhnten die beiden vorangegangen Werke meine Haltung gegenüber Zombies Gesamtwerk mit meinen erneuten Sichtungen ein Stück weit, hagelt es hier wieder an Minuspunkten. Bei geringer Erwartungshaltung, entstanden durch eindeutig negative Stimmen nach seiner Veröffentlichung in meiner Twitter-Bubble und bei letterboxd, fällt mein Urteil über dieses Werk verglichen mit den bisher darüber verlorenen Worten leicht milder, aber nicht minder negativ aus. 

Beginnt die Aufarbeitung und Erklärung der Geschehnisse direkt nach dem Ende von The Devil's Rejects streckenweise interessant, schimmert deutlich durch, dass Sequels ihre eigenen Gesetze besitzen und in Zombies überdrehten Filmwelten Logik nicht als zwingend notwendig erachtet wird. Vollzieht man am inhaftierten Captain Spaulding die Todesstrafe, ein erzählerischer Kniff um den gesundheitlich bereits stark angeschlagenen Sid Haig schnell aus dem Film zu nehmen, gelingt Otis mit der Hilfe seines von Zombie aus dem Hut gezauberten Warden "Midnight Wolfman" Harper, einem entfernten Verwandten der Fireflys, die Flucht. Zusammen versuchen die beiden Psychopathen, mit der Geiselnahme von Gefängnisdirektor Warden, seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar, Baby aus ihrer Haft freizupressen. Nachdem dies gelungen ist, will sich das Trio auf der Flucht nach Mexiko absetzen ohne zu ahnen, dass in dem kleinen Dorf, in dem sie stranden, eine alte Fehde beglichen werden soll, die Otis während seiner Haft entfacht hat.

Zombie spult dabei sein bekanntes Programm herunter, mehr noch: anstatt wirklich etwas neues zu erzählen, variiert er einfach verschiedene Parts des Vorgängers um dazwischen sein übliches B-Movie-Lover-Gehabe in die Story zu kippen. Halbwegs neu im Sortiment ist diesmal die im Stile von Home Invasion-Thrillern geglaubte Art der Inszenierung der Geiselnahme, welche im Kern das Martyrium der Musiker nach ihrem Zusammentreffen mit der irren Sippschaft aus The Devil's Rejects variiert. Dazu kommt Babys Gefängnisaufenthalt in dem der Regisseur für seine Verhältnisse beinahe konservativ das Subgenre des Frauengefängnis-Films in seine White Trash-Welt einbaut und merkt, dass ihm deren schmierige Grundhaltung nicht liegt. In den darin gezeigten Gewaltszenen fühlt er sich wohler, während Babys Duell mit Wärterin Greta, die in lethargischer Gleichgültigkeit von Genre-Ikone Dee Wallace verkörpert wird, dem Film einzig eine längere Laufzeit schenkt und dem Zuschauer einiges an Geduld abverlangt. Nach der Zusammenführung von Baby, Otis und Waren, den Zombie regelmäßig in den Dialogen zwischen ihm und Otis als "Psycho zweiter Klasse" degradiert und ihn wahrhaftig zu einem nervigen und zweitklassigen Charakter werden lässt, läuft der Film aus dem Ruder.

Drittklassig gebiert sich 3 From Hell in seiner Gesamtheit, dessen sattsam bekannte Orgie aus schnöde zelebrierter Hillbilly-Amokfahrt und B-Movie-Spielarten-Flickenteppich dem beschränkten Kosmos des Regisseurs nichts neues hinzufügen kann. Einzig wenn es zum Duell zwischen den mexikanischen Gangstern mit ihren Lucha Libre-Masken und dem Trio kommt und Zombie letztendlich auf seinem wilden Ritt durch die Arten des B-Films beim Italowestern oder Frühwerken von Robert Rodriguez ankommt, weht der heiße Wüstenwind einen Anflug von Spannung in den Film. Es bleibt eine wenig wuchtige Explosion, die aus der Gleichgültigkeits-Trance aufrüttelt, bevor man den bisher letzten Eintrag in der Saga um die Firefly-Familie weniger als würdige Fortsetzung dieser, sondern mehr als krampfhafte Fortführung wahrnimmt, deren Belanglosigkeit präsenter ist als die wenigen guten Momente. Zumindest muss man Zombie zu gute halten, dass er seinem von Beginn seiner Filmkarriere an geschaffenen Stil, den er aus seinem Wirken als Comic-Zeichner und Musiker zwischen Industrial Metal, Alice Cooper und Horror-Punk in diese mitgebracht hat, treu geblieben ist, weil - seien wir da ehrlich - er leider wohl nicht mehr kann oder der Meinung ist, dass sein Publikum nur dafür empfänglich ist. Egal, dass es in seiner Filmographie kleine  Ausreißer aus diesem stark abgegrenzten Gebiet gibt.

Das Grauen von Schloss Montserrat

Jess Franco. Man liebt oder hasst ihn; ein in between scheint (fast) nicht zu existieren. Mich selbst habe ich, was die Haltung zum spanischen Regisseur angeht, lange in dieser grauen Zone zwischen Verehrung und Ablehnung verortet. Zuerst durch die größeren Produktionen für Erwin C. Dietrich mit seinem Schaffen in Berührung gekommen und dann von für Eurocine geschossene Werken wie Oase der Zombies abgeschreckt worden, war ich längere Zeit der Meinung, dass höher budgetierte Filme mit ihrer Gesamtwirkung von Francos mangelndem Regie-Talent ablenken und deswegen gut unterhalten können. Mit dem steigenden Interesse an italienischem bzw. europäischem Genrekino und dem Aufenthalt im damaligen Internet-Tummelplatz für Liebhaber dieser Filmsparten, wuchs auch mein Interesse an Franco und seiner Filmographie. Das Grauen von Schloss Montserrat hielt dabei als erster Film zur Neuentdeckung her, nachdem mich Schwärmereien von francophilen Filmfreunden nochmal neugierig auf den Film machten, der mich bei meiner ersten Sichtung schulterzuckend zurück ließ. Das ich kurz darauf die für den Anfang der 80er grasierenden Untoten-Boom mit nachgedrehten Zombie-Szenen erweiterte Fassung, in Deutschland als Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies vermarktet, sah und mich nicht dafür begeistern konnte, tat ihr übriges.

Obwohl durchaus großes Interesse am Wirken des Spaniers bei mir besteht, war dieser leider bisher immer Randthema in meinem Sein als aufgeschlossener Cineast und selbstbetitelter Allesglotzer. Im Blog selbst blieb er bisher außen vor; bis auf Beiträge zu einem Geburtstag und zu seinem Ableben wurde über all' die Jahre keiner seiner Filme hier besprochen. Das Grauen von Schloss Montserrat ist demzufolge ein zweifacher Beginn: es ist einerseits das erste von hoffentlich vielen weiteren Werken Francos, über die hier im Blog einige Worte verloren werden sollen und andererseits der Film, der die lange verschlossene Knospe (damals wie heute) zum Aufblühen und meine große Sympathie für Jess Franco brachte. Der 1971 entstandene Film ist weit weg von den größeren Produktionen, die er zuvor für Harry Allan Towers und hinterher für Erwin C. Dietrich drehte und gleichzeitig ein großes Trademark für die ureigene Filmwelt Francos. Vordergründig scheint er damit auf schmalbrüstige Weise die Tropes des gothischen Horrorfilms und mehr noch des seichten Mystery-Krimis abzuhandeln, wenn seine Protagonistin Christina im Gasthaus eines kleinen Dorfs eintrifft, da sie zur Testamenteröffnung ihres Vaters, welchen sie niemals kennenlernte, geladen wurde. Ihr eigentliches Ziel, Schloss Montserrat, soll laut der Wirtin vollkommen unbewohnt sein, woraufhin Christina dagegen hält, dass ihre Familie schon lange darin wohne und sie bisher immer Briefe von ihrem Onkel Howard erhalten hat. 

Das ist das Stichwort für den zurückgebliebenen Basilio (Franco selbst), der Christina abholt um sie auf das Schloss zu bringen. In jenem lernt sie ihren Onkel, Tante Abigail sowie die verruchte Carmencé kennen und erfährt, dass ihre Cousine Hermina im Sterben liegt, welche sie wenige Momente vor ihrem Ableben am Sterbebett besuchen kann und von dieser angefleht wird, sofort wieder abzureisen. Christina bleibt jedoch und wird in den nächsten Tagen von Alpträumen und seltsamen Ereignissen geplagt, bevor sie Warnungen vor ihren Verwandten vom Geiste ihres toten Vaters erhält. Diese scheinen zu spät zu kommen, offenbaren die Familienmitglieder Christinas ihr fast zeitgleich, was sie mit der jungen Frau eigentlich im Sinn haben. Mit gemäßigtem Tempo setzt der Spanier lose zusammenhängende Szenen aneinander und entfernt sich mit fortlaufender Zeit von einer kohärenten Handlung. Sphärische Tonwelten, mystifizierte Bilderfolgen und irrationales Verhalten seiner Figuren formen Das Grauen von Schloss Montserrat zu einem surrealen Erlebnis, dessen (alp)traumhafte Stimmung die offensichtlichen Mängel in Francos Regie und Script aufhebt. Die Logik befindet sich fortwährend in einem Auflösungszustand bis der auf Christina übergreifende Wahnsinn, der sich in den Mauern des Schlosses abspielt, komplett auf die Handlung übergreift. Der sich über deren narratives Gerüst hindurch schlängelnde rote Faden hilft nur dabei, die angerissene, nie konkretisiert behandelte Auflösung um das angebliche Geheimnis von Christinas Familie zu erreichen.

Mehr vertraut der passionierte Musiker mit großer Liebe zum Jazz auf dessen Kunst der Improvisation und lässt seinen Film und den Zuschauer von Piece zu Piece gleiten um im Hintergrund ein Grundthema zu implementieren. Das Grauen von Schloss Montserrat wirkt in seiner Gesamtheit wie ein düsteres Märchen. Christina ist die Adult Alice; das von Franco erschaffene Wunderland konfrontiert die naiv-unschuldig wirkende Frau mit fleischlicher Versuchung und einem durchgängigen morbiden Unterton. Der Tod ist allgegenwärtig; er ist wichtige Antriebskraft für die Geschichte und gleichzeitig breiten sich seine fauligen schwarzen Schwingen in düster poetischer Kraft über dem Gesamtbild aus. Verstärkt wird dies in der von mir präferierten deutschen Fassung des Films, die sich in der Übersetzung der Dialoge zwar einige Freiheiten nimmt, gleichzeitig mit überbordender Ausgestaltung mancher Passagen die Stimmung des Films verstärkt. Beispielsweise wird Christinas Schilderung aus dem Off über die Fahrt zum Schloss dort zu einer übertrieben ausgestalteten wie faszinierenden Erzählung, während die O-Ton- sowie englisch gedubbte Fassung sich hier deutlich mehr zurückhält. Ebenfalls tauscht die deutsche Fassung nahezu komplett den Score Bruno Nicolais, der mehr den märchenhaften Aspekt des Films unterstreicht, aus und ersetzt ihn mit düsteren und schweren Synthesizer-Kompositionen, die Das Grauen von Schloss Montserrat mehr zur surrealen Alptraum-Mär macht.

Tatsächlich gab Franco in einem Gespräch mit Stephen Thrower zu, hier Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" auf intellektueller Ebene umgestalten zu wollen. Beschäftigt man sich mehr mit Francos Leben zu dieser Zeit, kommt man nicht drumherum, seinen Film zeitweise auch als Trauerbewältigung zu betrachten. Es ist der erste Film nach dem tragischen Tod seiner Muse Soledad Miranda, welche bei einem Autounfall ums Leben kam. Die abgefahrene Strecke, die man während der originalen Credit-Sequenz erblickt, ist eben diese, auf der Miranda verunfallte und verstarb. Zwar ist Hauptdarstellerin Christina von Blanc ein anderer Typ als die wunderschöne Spanierin, besitzt aber genauso eine fragil erscheinende Figur. Der Eintritt ihrer Figur in die im Schloss existente Parallelwelt lässt Franco Miranda auf fiktiver Ebene in das Totenreich hinüber geleiten. Francos last farewell ist angetrieben von einer dunkel leuchtenden Flamme, welche die Gedankenwelt des Schöpfers antreibt und in ihrer Hitze einen fiebrigen Film gebiert, der Francos Qualitäten als Schöpfer surrealer Traumwelten on point präsentiert. Leicht zugänglich für Kenner kohärenterer Filme des Spaniers möchte man ihn nicht unbedingt nennen, wenn man sich an die Essenz seiner umfangreichen Filmographie heranwagen möchte. Für mich persönlich vereint der Film diese ziemlich gut und ist immer wieder ein guter Begleiter in Francos Limbo aus fetischisierter, sado-erotischer Sexualität und schauerromantischen Stoffen.

Für mich steht Das Grauen von Schloss Montserrat als ein kompaktes Werk, dass die Obsession und Getriebenheit des Spaniers spürbar bündelt und greifbar macht. Alles muss gefilmt werden, auf Zelluloid gebannt; gleich, wie fragmentarisch sich die Story am Ende anfühlt. Francos Filme sind sicher nicht vollkommen und weit weg von Perfektion und selbst dieser Film kann bei seiner kurzen Laufzeit an manchen Stellen zum Finale sich in der ungeordneten Ideenflut seines Regisseurs verlieren. Die Ecken und Kanten, die der Film trotzig zur Schau trägt und inmitten belanglos wirkender Füllsel kurz aufblitzende Geistesblitze sowie das Talent des Spaniers, die imposante Architektur des Schlosses in wenigen Einstellungen eindrucksvoll in Szene zu setzen, lassen mich zusammen mit der Princesse de l'érotisme gerne ihr wundersames Königreich mit dessen in seiner Gewöhnlichkeit innewohnenden, morbiden Schönheit besuchen. Würden sie sich nicht dem normativen Aufbau des Mediums unterwerfen, könnte man sich in seinen Filmen wie diesem und der traumhaften Stimmung gänzlich verlieren. Ganz gleich, dass hier wohl die Psyche nach dem Verlust eines geliebten Menschen gereinigt wird und wiederkehrende Motive wie beispielsweise sadomasochistische Gewalt behandelt werden. Die traumwandlerische Atmosphäre von Das Grauen von Schloss Montserrat lässt zum Schluss kommen, dass Franco (und seine Filme) zeitlos sind. Mehr noch lässt sich feststellen: Jess is Jazz, der mit seinen beschränkt wirkenden, filmischen Improvisationen und den darin stattfindenden schrägen Melodien nicht den Ton eines jeden, aber mancher Cineasten trifft, die sich im vor sich hin plänkelnden "Filmgedudel" gerne treiben lassen. 

Freitag, 17. Juli 2020

Nachtschicht (1987)

Eben noch versuchte der Taxifahrer mit dem markanten Gesicht seinem weiblichen Fahrgast, die wenige Minuten zuvor ihren Körper und ihr Leben den kalten Gewässern des Sees im städtischen Park überlassen wollte, Trost zu spenden. Die Stimmung kippt, die aufgelöste Blondine ist plötzlich gebannt von dessen magisch wirkender Aura, die Szene wird in dunkles, rotes Licht getaucht, welches man sonst nur als Beleuchtung im Freudenhaus vermutet und die beiden geben sich ihrer aufsteigenden körperlichen Gelüste hin. Mitten beim Erkunden des Körpers der Unbekannten schnellt der Taxifahrer mit seinem Oberkörper hoch, reißt den Mund auf, als würde er ihr von animalischer Lust übermannt das rohe Fleisch aus dem Leib reißen wollen und offenbart uns zwei große Fangzähne, welche er nicht wie man vermuten könnte, in den Hals, sondern in die Brust der Frau rammt und genüsslich beginnt, das Blut auszusaugen. Als Pubertierender schwerlich angetan von der Szenerie und dem ganzen Film, muss ich nun, gut zwanzig Jahre nach der ersten Sichtung von Nachtschicht mich mehr als einmal über diesen und seiner Art der Inszenierung wundern.

Der unterschwellig ohnehin sexualisierte Akt des Vampirbiss wird in beschriebener Szene vom auch als Graveyard Shift bekannten Film in einen Softporno-Kontext gebettet und lässt den Horror außen vor. Die Existenz des Vampirs ist in Nachtschicht mehr eine schwere Bürde für den in den von den Lichtern der Großstadt erhellten Nächten mit seinem Taxi umher fahrenden Stephen Tsepes, der sich das für ihn überlebenswichtige Blut fast ausschließlich von Frauen mit suizidalen Absichten nimmt und ihnen gleichzeitig ewiges Leben schenkt. Als er während einer Schicht die Regisseurin Michelle kennen lernt, ist es um ihn geschehen. Die in einer unglücklichen Ehe steckende Frau verfällt ebenfalls schnell dem sich geheimnisvoll gebenden Stephen, welcher durch diese Liaison seine früheren Liebschaften aufscheucht, die nun ruhelos und von Eifersucht getrieben, in der Stadt wahllos Männern das Leben aushauchen. Dies wiederum scheucht logischerweise die Polizei auf und macht sie auf Stephens weibliches Vampir-Gefolge und ihn selbst aufmerksam.

In einigermaßen nett anzuschauenden, durchgestylten Bildern bietet Regisseur und Autor Jerry Ciccoritti einen Vampir-Film, erdacht für ein adultes Publikum zwischen spekulativen Nackt-Szenen und abgeschmackter Romanze, die schlagartig herbei geführt wird und beispielhaft für einen löchrigen Plot steht, in dem die Handlung sprunghaft aufgebaut wird. Ohne größer dargebrachte Motivation flickt Ciccoritti Szenen zusammen, die schwerlich bemüht sind, Nachtschicht im Gleichgewicht zwischen Drama und seichtem Horrorthriller zu halten. Halten kann der Film dies nicht. Die schwülstige Liebelei zwischen Stephen und Helen dominiert einen großen Teil der Handlung, die mit den Ausbrüchen von vampiristischer Aktivitäten und kurzen Auftritten des ermittelnden Kommissaren-Duos drapiert wird. Ciccoritti baut seinen ganzen Film auf ein fragiles Gerüst, und erschafft ein sichtlich hohles Gebilde, dessen Oberflächlichkeit die Pseudo-Ernsthaftigkeit als fade Fassade nutzt. Letztendlich kann er nicht verbergen, dass er mit Nachtschicht nur Stereotypen des Genres in einen scheinbar neuen, urbanen Kosmos setzen mag.

Der leidende Vampir, dessen Liebe in einem vorhersehbar dramatischen Ende gipfelt, nimmt sein jahrelanges Wandeln auf dem Erdenrund als große Last wahr; seine menschliche Auserwählte ist gebeutelt von der angeschlagenen, eigenen Gesundheit und untreuem Ehemann und dankbar für seine Aufmerksamkeit und Leidenschaft. Ciccorittis Urban Gothic kann den schweren Staub des Genres, den er vermutlich locker wegwischen will, schwerlich aufwirbeln. Das Ungleichgewicht des Films, dessen dramatische Seite schwerlich TV-Film-Niveau erreicht und der im Verlauf der Geschichte immer härter werdende Horroranteil schenken Nachtschicht einen seltsamen Gesamteindruck. Hohle Phrasen werden gedroschen, die ruhelosen Vampir-Damen, allesamt mental mit Stephen verbunden, gehen auf ihren nächtliche Beiß- und Mordtour und die Romanze zerrt mehr an den Nerven, als dass es das Herz des Zuschauers erreicht. Dazwischen blitzen Ideen auf, die Stephen als einzigen Mann in einer von weiblichen Vampiren dominierten Welt als letztes Überbleibsel alter Zeiten, einem Denkmal patriarchaischer Blutsauger-Geschichten, niedergerissen von aggressiv um ihre Stellung kämpfender Weiblichkeit; ein Paradoxon zu ihrer Gleichzeitigen Verbundenheit und Verfallenheit zu Stephen, von dem sie sich entweder befreien wollen oder einfach nur nicht teilen wollen. Dieser latente Feminismus kann Nachtschicht zwar nicht retten, aber verstärkt den eigenartigen Gesamteindruck, den er hinterlässt. Die Magie, die er in der Wahrnehmung meines pubertären Ichs, versprühte: verflogen. Seine Eigenheiten machen ihn prädestiniert für eine eventuelle zukünftige Veröffentlichung beim US-Label Vinegar Syndrome, Fachmänner für B-Film und seltsame Auswüchse der Filmwelt, zu der ich doch nicht nein sagen könnte.


Samstag, 11. Juli 2020

Skin

Die Wut des rechten Randes auf Flüchtlinge oder Menschen mit Migrationshintergrund, Angst vor dem Verlust der nationalen Identität des Staates und völkisches Denken, von Populisten wie Orban, Trump oder Parteien wie der AfD weit in die Gesellschaft gestreut, verursacht in mir - vom politischen linken Rand, in dem ich mich und meine politische Meinungen verorte, aus beobachtet - selbst eine unbändige Wut auf solche Menschen und ihr Gedankengut. Eigentlich wird diese auch von fiktiven Stoffen entfacht. Umso erstaunter war ich, als Guy Nattivs Skin keine größeren emotionalen Regungen in mir verursachte. Der Film über Bryon Widner, der seine Gesinnung über viele Jahre für alle gut sichtbar durch dutzende von Tattoos auf seiner Haut trug und dessen Weg aus der US-amerikanischen rechtsradikalen Szene schildert, wird ein Opfer seines Anspruchs, diese Zeit seines Lebens vielschichtig zeigen zu wollen. 

Der aus zerrütteten Verhältnissen stammende Amerikaner lebte viele Jahre in verschiedenen Organisationen der White Supremacy-Bewegung. Das jahrelange Mitglied des Vinland Social Club lernt 2005 auf einem "White Power"-Festival seine spätere Frau Julie kennen, die drei Kinder aus einer früheren Beziehung mit in die Partnerschaft bringt. Beide hinterfragen ihre Gesinnung, als Julie von Bryon ein Kind erwartet. Das Paar sagt sich von der Nazi-Zeit los und möchte aussteigen. Die beiden flüchten aus dem US-Bundesstaat Michigan nach Tennessee, doch Widner wird von seiner Vergangenheit eingeholt und von seinen alten Kameraden aufgespürt; hat sich mental jedoch bereits so gefestigt, dass er mit seiner Neonazi-Zeit abschließen möchte. Nach sich endlos lange hinziehenden Vorgesprächen finanziert ihm schließlich eine Bürgerrechtsbewegung die schmerzvolle Entfernung seiner Tattoos und hilft ihm bei der kompletten Lossagung von seinem alten Leben.

Nachdem 2011 die Dokumentation Erasing Hate sich mit Widners Fall befasste und diesen u. a. bei den insgesamt eineinhalb Jahre andauernden Entfernungen seiner Tattoos begleitete, erblickte 2018 mit Skin ein Spielfilm das Licht der Kinowelt, welcher sich mit Widners Weg aus der Nazi-Subkultur der USA beschäftigt. Neben seinem Wirken im Kommunen-artig aufgebauten Vinland Social Club beleuchtet der Film eingehend Widners Begegnung mit seiner späteren Frau und ihre Anfangs schwierige Beziehung. Der seit Jugendjahren von seinen Nazi-Zieheltern auf Hass gedrillte und emotional ausgehöhlte Mann muss sich fühlbar damit zurechtfinden, dass es außerhalb der ultraweißen Blase, in der er sich befindet, eine differenzierte Welt fernab von eindimensionalem Schwarzweiß-Denken gibt. Der Dramatik filmischer Narration geschuldet, ändert Skin einige der oben beschriebenen Details, ohne dabei die Geschichte des Aussteigers zu radikal umzuformen. Mit kühlem Ton wird diese vom israelischen Autor und Regisseur Guy Nattiv erzählt, der seinen Fokus häufiger auf die inneren Mechanismen des Clubs legt und im Kontrast dazu das Erwecken von Bryons warmherziger, menschlicher Seite im Beisammensein mit Julie gegenüber stellt.

Die beeindruckende und starke Performance von Jamie Bell als Widner kommt nicht gegen den entstehenden Eindruck an, dass Nattiv manchmal das Interesse an seiner Hauptfigur verliert. Die Biographie wandelt sich vom Sozial- zum zurückhaltenden Beziehungsdrama und wieder zurück; Bell steht dabei meist mit seiner großartig erzeugten Präsenz sichtbar im Bild und ist trotzdem häufiger nicht das zentrale Element in Nattivs Erzählung. Mehr entwickelt er sich als antreibendes Zahnrad im Gefüge der Geschichte, um diese letztendlich in die vorgesehenen Richtungen zu treiben. Weiter greift Nattivs Distanz zu den beiden Hauptfiguren auf den Zuschauer über; zusammen mit meiner persönlichen politischen Einstellung konnte ich mich nicht auf diese zugegeben schwache emotionale Ebene, die Skin besitzt, begeben. 

Bedauerlich, da der Film in allen Belangen auf einem hohen Niveau agiert und sein Blick auf einen Teil des rechten Rands der US-Gesellschaft durchaus interessant ist. Leider verspielt er mit seinem unterkühlten Ton, dass der Zuschauer Widners Prozess des Ausstiegs mitfühlt und ihm nahe geht. Seine unangenehme Persönlichkeit jener Tage führt dazu, dass man in der fiktiven Aufarbeitung seiner Geschichte auf persönlicher, emotionaler Ebene zu Vorsicht tendiert und man sich ihm nie wirklich nähern will, bis zum Ende in Texttafeln sein Werdegang nach dem erfolgreichen Ausstieg geschildert wird. Richtig Nahe kommt man ihm nur dann, wenn in kurzen Zwischenspielen die schmerzhafte Entfernung mittels Lasertechnik von Widners Tattoos in Großaufnahmen gezeigt wird. Selbst da tut das allerdings wenig weh, was ein Film wie Skin Aufgrund seiner Thematik bis zu einem gewissen Punkt schon tun sollte.

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