13. August 2009

Die Grotte der vergessenen Leichen


Lord Alan Cunningham ist ein wohlhabender Adliger, welcher seit dem Tod seines über alles geliebten Eheweibs Evelyn nicht mehr alle Zacken in der Krone hat. Schwer traumatisiert von diesem Ereignis, ist er voller Besessenheit und gleichzeitig Verachtung, was das schwache Geschlecht mit rotem Haupthaar angeht. So bringt er schon mal mehrere Bekanntschaften auf sein halb verfallenes Schloß, um diese dort zu foltern und anschließend sogar zu töten. Die verschiedenen Behandlungsmethoden seines Psychiaters und Freundes Richard scheinen bei Alan nicht anzuschlagen und dessen geistige Verfassung wird immer schlimmer. Erst als er bei einer Party seines Freundes George die junge Dame Gladys kennenlernt, geht es aufwärts mit ihm. Er ist so von ihr begeistert, das er sie schon wenige Tage später heiratet, mit ihr auf das mittlerweile renovierte Schloß zieht und eine glückliche Zeit verbringt. Doch die dunklen Schatten der Vergangenheit ziehen wieder herauf, als sich mysteriöse Dinge begeben und nahe Verwandte sterben. Alles scheint darauf zu schließen, daß die verstorbene Gattin kurzerhand aus ihrer auf dem Anwesen gelegene Gruft gestiegen ist um ihn und der Nachfolgerin die Hölle heiß zu machen.
Was sich schon bei der Inhaltsangabe nach einem wilden Reigen anhört, entpuppt sich auf dem Bildschirm als ein bunter und überaus durchgedrehter Mischmasch verschiedenster Genremotive, welches nur so vor Unglaublichkeiten strotzt. Zu verdanken hat man den Film dem 1924 geborenen Emilio P. Miraglia, der zu Anfang der 50er Jahren seinen Weg ins Filmgeschäft gefunden hat. Angefangen hat er als Schnittassistent, wechselte im Laufe seiner Karriere in die verschiedensten Funktionen um letztendlich auch einige male auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen. Miraglias Oeuvre bietet jedoch kein zahlreichres Angebot, führte er nur bei insgesamt sechs Werken Regie. Obwohl er bei der Auswahl der Genres recht abwechslungsreich war und auch einen Italowestern (Spara Joe... e cosi sia!) oder einen Actionthriller (Quella carogna dell'ispettore Sterling) inszenierte, so kommen seine beiden bekanntesten Filme aus dem Gebiet des Giallos. Neben dem letzten Eintrag in seiner Filmographie, dem in Deutschland als Horror House bekannten The Red Queen Kills Seven Times, ist dies Die Grotte der vergessenen Leichen.

Und hier scheint es den Fall gegeben zu haben, das sich Miraglia mit seinen beiden Mitstreitern Massimo Felisatti und Fabio Pittorru nicht so wirklich auf eine einheitliche Marschrichtung bzw. ein genaues Genre, in dem man den Film ansiedeln möchte, einigen konnte. Man schien allerdings auch so kompromissbereit zu sein, das es wohl fast jede Idee der Autoren ins Drehbuch geschafft hat. Diese scheint man genauso ungeordnet wie sie wohl beim gemeinsamen Brainstorming entstanden sind auch ins Buch übernommen zu haben. Man mag es kaum glauben, doch gerade dieses ungeordnete Chaos macht den auch als Die Nacht in der Evelyn aus dem Grab kam bekannten Streifen gerade so charmant und interessant. Für viele Zuschauer dürfte es ein überaus schwieriges Unterfangen sein, dem teils sogar sehr hanebüchenen Treiben auf dem Bildschirm zu folgen, andere wiederum dürften daran ihre hellste Freude haben. Mit gebührendem Ernst setzte Miraglia hier eine wahre Sleazegranate um, die sich gewaschen hat und schon den Beginn mit herrlichen Geschmacklosigkeiten und Unglaublichkeiten garniert.

Das man hier dann auch mal öfters zwischen poppig-grellem Dekor und gothisch anmutenden Horrorsettings wechselt, als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt, zeugt aber auch von einer relativ lockeren Haltung des Filmteams was den ganzen Stoff anbelangt. Gerade der Beginn des Films ist hier ein sehr gutes Beispiel wenn Hauptdarsteller Anthony Steffen seine aufgegabelte weibliche Begleitung (natürlich mit feuerrotem Haar) zu seinem Schloß bringt und sie erst durch dunkles Gemäuer mit altem Mobiliar, garniert mit einer dicken Staubschicht und allerlei Spinnweben, führt um dann im nächsten Raum nicht nur die Dame sondern auch den Zuschauer mit einem für die damalige Zeit urtypischen 70er Jahre-Einrichtung mit allem erdenklichen Schnickschnack zu überraschen. Wenig später findet man sich wieder im rustikaleren Bereich des Schlosses, in dem die Protagonisten umgeben von mittelalterlichen Folterinstrumenten sind. Und als wäre es das normalste der Welt findet sich darunter aber auch ein Schallplattenspieler und diverse Teile einer Plattensammlung! Und kaum nimmt man dies als Zuschauer irritiert zur Kenntnis bläst Miraglia auch schon zum Angriff auf den guten Geschmack und läßt eine große Ladung Sleaze explodieren.

Da fetzt dann ein überaus psychedelischer aber trotzdem ohriger Soundtrack des Morricone-Schülers Bruno Nicolai aus den Lautsprechern und das halbnackte Mädchen darf für den in dunklen Zwirn gewandeten Steffen einen heißen Tanz aufführen. Doch wehe, man läßt ihn in die Nähe einer Peitsche! Dann gibt es sowohl für seine arme weibliche Bekanntschaft als auch den Fan zu Hause kein halten mehr. Der für seine Leistungen vor der Kamera nicht immer gefeierte Steffen überzeugt hier mit stilsicherer Coolheit, die nur noch von seinem Overacting übertroffen wird. Der als Antonio Luis von Hoonholtz de Teffé in Rom geborene Sohn eines brasilianischen Diplomaten begann seine Filmkarriere in den 50er Jahren zuerst hinter der Kamera, wechselte dann davor und erlangte seinen Ruhm vor allem als Darsteller in vielen Italowestern, darunter
Werke wie den allerersten Sartana, Spiel dein Spiel und töte Joe, Django kennt kein Erbarmen oder auch Galgenvögel sterben einsam. An die 26 Western konnte Steffen auf seinem Konto verbuchen, wobei es nach dem Abebben der Westernflaute etwas ruhiger um ihn wurde, wobei er allerdings immer noch in allerlei Streifen mitwirkte. Nach langem Krebsleiden verstarb der Darsteller im Jahre 2004.

Steffen stehen mit Marina Malfatti und Erika Blanc zwei bekannte weibliche Namen des italienischen Genrefilms zur Seite. Während Blancs Rolle als Susie zwar nicht groß ist, man sie aber als Blickfang gut in das Interieur des Filmes einzubauen verstandt, so ist Malfatti als Gladys wenigstens in der zweiten Hälfte eine angenehme Begleitung für diesen. Eine detaillierte Charakterzeichnung sollte man allerdings nicht bei Die Grotte der vergessenen Leichen erwarten. Leicht könnte man dem Film sogar das Siegel "Style over substance" vergeben, passen würde es wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Was anderen Filmen allerdings das Genick bricht, paßt hier sogar ausgezeichnet und ist eine klare Stärke des Films. Trotz des hohen Sleazegehalts verliert man sich nämlich ein wenig zu sehr in Nebensächlichkeiten, so das dem Treiben ein klein wenig die Puste ausgeht und sich kleinere Längen einschleichen. Wollte man sich vom Gros der durchschnittlichen Gialli erreicht, so hat man das Ziel auf jeden Fall erreicht. Den typischen schwarz gewandeten und behandschuhten Mörder sucht man hier vergebens.

Was zu Beginn danach aussieht, als dürfe man dem psychisch nicht wirklich astreinen Lord Cunningham bei seinen Schandtaten verfolgen, verwandelt sich alsbald in einen mit mysteriösen Verstrickungen glänzenden Thriller, der von Anfang an viele Versatzstücke des Gothic Horrors mit sich bringt. Da dies wie angesprochen auf einige sehr poppige und bunte Elemente der damaligen Zeit trifft, verstärkt nochmal die angenehm abgedrehte Mixtur in ihrer Krudheit. Man darf als Zuschauer übrigens kein auf Logik bestehender Erbsenzähler sein, so darf man sich nämlich wundern, das nicht ganz frische Herr Cunningham recht unbescholten davon kommt. Seine beiden Morde werden im Verlauf des Handlung mal fröhlich zur Seite gelegt und dort dann irgendwann vergessen. Der Täter verwandelt sich urplötzlich zum Opfer und trifft dabei auf allerlei schräge Figuren. Neben dem sich vornehmlich im Gebüsch des Schloßparks aufhaltenden Albert, dessen bester Freund das wohl immer mit sich geführte Schießgewehr ist, hat man da auch noch seinen auchmal im schlimmsten Hippiefummel rumlatschenden besten Freund George, der alles auf seine Matratze zerrt, was bei drei nicht auf der nächsten Baumkrone ist. Höhepunkt ist aber ganz klar Cunninghams Schwester, welche laut Geschichte seit gut sieben Jahren an den Rollstuhl gefesselt ist aber in einer Szene wohl urplötzlich genesen ist und mal kurz aus dem Rollstuhl aufsteht (!) um hinter dem nächsten Gebüsch heimlich zu schmulen. Nicht nur, das dieser illustre Reigen durch seine Schrägheit in so manchen tollen und seltsam anmutenden Momenten brilliert, Miraglia und die beiden Co-Autoren schaffen es auch noch, sie somit in der zweiten Hälfte des Films allesamt in den Kreis der Verdächtigen zu führen. Durch die überzeichneten Charaktere könnte wirklich jeder von diesen etwas mit dem Terror gegen Anthony Steffen zu tun haben.

Als dann Evelyn dazu ansetzt, ihren Gatten aus der Gruft heraus zu terrorisieren, kann man als Kenner ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Die allgegenwärtige Präsenz der Evelyn, ihr trotz glücklicher Ehe immer noch im Schlafzimmer stehende Gemälde und die andauernde Besessenheit Cunninghams von der toten Frau sind Elemente, die einen im entferntesten an Hitchcocks Hollywood-Debüt und Klassiker Rebecca denken lassen. Zwar nicht mit der Klasse des britischen Meisterregisseurs umgesetzt, könnte es allerdings wirklich eine kleine Hommage an diesen darstellen. Da läßt sogar eine Nebensächlichkeit wie ein verschwundenen Milchglas kurz an die finale Schlüsselszene eines weiteren Hitchcock-Films, Verdacht, denken. Wobei dies in diesem Falle eher ein Zufall wäre. Und wäre der ständige Overkill an Wechseln zwischen zeitgenössischem Popdekor und Gothic Horror-Gruselschloss und einer wild zusammengeschusterten, aber trashig charmanten Story nicht genug, so überzeugt Die Gruft der vergessenen Leichen auch noch mit einigen sehr tollen Einstellungen und Kamerafahrten, die den Film abrunden.

Trashfanatiker dürften ihre helle Freunde an dem Film haben, der in Sachen Inszenierung, Bildkompositionen und Atmosphäre sogar sehr beachtlich und hoch interessant ist. Mehr noch: Die Grotte der vergessenen Leichen ist ein Film gewordener Pulp-Roman der Spitzenklasse und ein feuchter Traum für jeden Sleaze-Verehrer, dem es eine Freude ist, sich in den "Niederungen" der Filmwelt aufzuhalten. Hätte man dem Drehbuch einige Belanglosigkeiten genommen und Miraglia das ganze etwas knackiger über die Ziellinie bugsiert, hätte man hier sogar ein rundum gelungenen Giallo der nicht alltäglichen Art. Dazu zählt im übrigen auch das Ende, das die vorangesetzten Unglaublichkeiten mit Leichtigkeit übertrumpft und einige Abstrusitäten bietet. Trotzdem ist Die Grotte der vergessenen Leichen eine sehr viel Spaß bringende Abnormität des ohnehin nicht ganz leicht abzusteckenden Gebiets des Giallos, das einige kleine Schwächen hat, über die man hinwegsehen kann.