19. August 2009

Hasse deinen Nächsten


Wie vom Tode persönlich gehetzt, reitet Bill Dakota in eine kleine Stadt um dort nach Hilfe zu suchen. Hinter ihm ist der brutale und unberechenbare Gary Stevens her, da Bill einen Plan für eine Goldmine besitzt, den Gary gerne hätte. Doch Stevens ist berüchtigt in der Stadt und die meisten Bewohner flüchten sich in die nächste Hütte, als dem unbequemen Zeitgenossen in die Quere zu kommen. So wird Bill von Gary gestellt, dazu genötigt den Plan herauszugeben und mit seiner Frau gemeinsam kaltblütig von Stevens erschossen. Einzig sein kleiner Sohn Pat überlebt. Dieser kommt zu seinem Onkel Ken, der allerdings nicht viel Zeit für seinen Neffen hat. Für Ken steht erstmal die Rache des Todes seines Bruders im Vordergrund. Gemeinsam mit dem Sargtischler Duke macht er sich nach Mexiko auf, um Stevens zu stellen. In Mexiko hat man dann nicht nur mit Stevens zu tun sondern auch noch mit dem steinreichen Chris Malone, der zu seinem persönlichen Amusement versklavte Bauern in gladiatorenähnlichen Kämpfen um Leben und Tod antreten läßt. Dieser ist nämlich auch auf den Plan der Goldmine scharf und hintergeht dabei selbst seinen Partner Stevens. Es entbrennt ein tödlicher Kampf zwischen den drei Parteien.

Viele gute Ansätze, tolle Ideen und ein äußerst unentschlossener Regisseur, der nicht so richtig weiß, in welche Richtung er seinen Film überhaupt lenken möchte. So könnte man die ersten Eindrücke zu Hasse deinen Nächsten knackig auf den Punkt bringen. Bei dem unentschlossenen Mann hinter der Kamera handelt es sich um Ferdinando Baldi, der an und für sich sehr viel Erfahrung im Bereich des Italowesterns mit sich brachte. Angefangen mit den Pepla genannten italienischen Sandalenfilmen, inszenierte Baldi im Jahre 1966 mit Django - Der Rächer seinen ersten Western, der die inoffizielle Fortsetzung zum Welterfolg Django darstellte und sogar mit dessem Hauptdarsteller Franco Nero in der Hauptrolle aufwarten konnte. Auch wenn Baldi zwischendrin mit dem Historienschmonz Hermann der Cherusker - Die Schlacht im Teutoburger Wald oder Der wilde Korsar der Karibik anders geartete Streifen machte, so blieb er mehr als einem Jahrzehnt den italienischen Cowboyepen treu. Sein bekanntester Film dürfte dabei der 1971 entstandene Blindman sein, in dem ein blinder Pistolero hinter 50 Frauen her ist, die er für texanische Minenarbeiter eingekauft hat. Der äußerst flotte Western kann sogar mit dem Beatles-Drummer Ringo Starr in einer Rolle aufwarten. Selbst als das Italowestern-Genre gar nicht mehr groß im Rennen war, blieb Baldi beharrlich diesem Genre treu und ließ davon erst Ende der 70er Jahre ab. Sein erster Nicht-Wester seit Jahren wurde der ziemlich derbe Rape and Revenge-Reißer Horror-Sex im Nachtexpress, der die exploitativere Version von Aldo Lados Mädchen in den Krallen teuflicher Bestien darstellt und bald durch das Kleinstlabel Camera Obscura in Deutschland auf DVD veröffentlicht wird. Danach machte Baldi, der im Jahre 2007 im stolzen Alter von 90 Jahren leider verstarb, noch ein wenig das Action-Genre unsicher und setzte sich solche Filme wie Warbus oder sein letztes Werk Ten Zan - The Ultimate Mission in die Filmographie.

In Hasse deinen Nächsten konnte Baldi auf zwei Darsteller zurückgreifen, mit denen er schon einen Film zusammen gemacht hatte. Der deutsche TV-Oberbösewicht Horst Frank und der bei Genrefans ebenfalls sehr bekannte George Eastman, eigentlich Luigi Montefiori, wirkten schon im gleichen Jahr entstandenen Django und die Bande der Gehenkten mit und kämpfen dort gegen einen gewissen Mario Girotti als Helden. Da man es lieber hatte, wenn der Hauptdarsteller einen amerikanisch klingenden Namen trug um so ein internationaleres Flair zu bekommen, verpaßte Regisseur Baldi Girotti sein Pseudonym, mit der er später weltbekannt wurde: Terence Hill. Eben die beiden angesprochenen Darsteller Frank und Eastman sind es auch, die über weite Strecken des Films glänzen können und damit sorgen, daß es über Hasse deinen Nächsten auch einige positive Worte zu verlieren gibt. Beide schenken sich nichts als Bösewichter, legen ihre Rollen aber gänzlich verschieden aus. Während Eastman den wilden, gewalttätigen und ungehobelten Brecher verkörpert der sich auf seine animalischen Urinstinkte verläßt so ist Frank schon ab seinem ersten Auftauchen auf der Bildfläche als ein distanzierter, kühler und gerade deswegen so gefährlicher wirkender Mensch der wenigen Worte, der lieber Taten sprechen läßt.

Frank, der laut Montefiori in einem Interview privat "irgendetwas von der SS hatte" und sich so kaum von seinem dargestellten Charakter unterschied, versteht es hier wunderbar, den dekadenten, reichen Schnösel ohne jegliche Moralvorstellung und Gewissen darzustellen. Im Gegensatz dazu steht Eastman, dessen Gary Stevens schon beinahe psychopathische Züge annimmt. Herrlich, wie er hier mit leichtem Overacting ein wildes Minenspiel zum Besten gibt und so teilweise wunderbar irre in die Kamera blickt. Es scheint, als hätte er hier schon mal für eine seiner beste Rollen als einer der Entführer im sehr zu empfehlenden Thriller Cani arrabbiati von Maria Bava, geübt. Zusammen mit seinem antagonistischen Partner Eastman gibt er die beste darstellerische Leistung innerhalb des Films ab. Denn leider bleibt ihr Gegenspieler Clyde Garner, bürgerlich Spiros Focas, sehr blaß. Der griechische Mime bleibt darstellerisch unter dem Durchschnitt und spielt saft- und kraftlos, so daß man seiner Figur die von Rache getriebenen Absichten nicht so richtig abnehmen kann. An ihm kann man auch die gesamte Zweischneidigkeit von Hasse deinen Nächsten ausmachen. Die zwei Bösewichte stehen klar in der Tradition der italienischen Western, während Focas als Ken Dakota als geleckter, farbloser Held aus einem US-Western daherkommt.

Dies ist auch die größte Schwäche von Baldis Film. Er verfolgt keinen geraden Weg sondern schlingert fröhlich zwischen von US-Western geprägten und eigenständigem, klar in Tradition der italienischen Western hin und her. Während die ersten Szenen noch nach typischem Spaghettiwestern anmuten, so ist der Umschnitt nach dem Tode von Bill Dakota erstmal sehr ungewohnt. Da fährt die weibliche Hauptdarstellerin Nicoletta Machiavelli, die man als moralinsaures, weibliches Beiwerk des Films bezeichnen kann, mit ihrer Kutsche vor die Hütte von Ken. Die Bildkomposition, die Farben und auch die musikalische Untermalung sind hier eher amerikanisch geprägt. Vielleicht ist es da auch kein allzu großer Zufall, das man den Sargmacher Duke - also nach dem Spitznamen der Westernikone John Wayne - genannt hat. Wobei die Tätigkeit der Figur in Zusammenhang mit dem Namen nicht bar jeder Ironie ist. Wird hier Wayne als Totengräber des Genres dargestellt? Ob zufällig oder mit Hintersinn wissen nur Baldi und seine Co-Autoren. Traditionell ist der Sargmacher wie in vielen anderen Filmen ein kauziger Geselle, der mit seinem Humor ein wenig Aufklockerung in den ansonsten staubtrockenen Film bringt.

Der in relativ farbenfrohen Bildern umgesetzte Hasse deinen Nächsten krankt an seiner Unentschlossenheit, was er denn sein möchte. Dabei bietet er doch typisch für den Italowestern einige ungewöhnliche und nette Ideen, die es trotz allem nicht vermögen, den Film letztendlich positiver zu bewerten. Vor allem die an die Kämpfe der Gladiatioren im alten Rom erinnernden Duelle zwischen den Bauern, im Finale darf übrigens auch mal George Eastman ran, sind hier ein kleines Highlight auf der weiten Flur des Mittelmaßes. Mit sporadisch zusammengeschusterten, kleinen Holzschilden und einer Art Handschuh mit zwei riesigen eisernen Haken bekämpfen sich die von den Schergen Malones entführten Bauern um diesem ein wenig Kurzweil zu bieten. Hat einer der beiden einen Vorteil erkämpft, geht es über zum russischen Roulette. Mit einer Kugel in der Trommel muss der vermeintliche Sieger sein gegenüber kalt machen, schafft er das nach drei versuchen nicht, so muss er selbst ins Gras beißen. Erwischt er die Kugel, winkt ihm die Freiheit. Ein Szenario, eine Idee, wie sie auch in anderen Italowestern hätte vorkommen können und deren Charakter dieser als düstere und grimmige Epen voller Gewalt, Hass und anderer niederer Gefühle untermauert.

Doch Hasse deinen Nächsten ist nicht düster, nicht dreckig sondern der Zuschauer kann sich wie angesprochen an farbenfrohen Bildern mit saftigen grünen Wiesen ergötzen. Man mag das nun als gekonnte Abwechslung zu den ansonsten so gewohnten sandigen und eher in der Wüste angesiedelten Locations ansehen. Dies nützt jedoch alles nichts, wenn die mit vielen Wendungen aufwartende Geschichte trotzdem recht übersichtlich bzw. vorhersehbar ist und somit relativ unspannend bleibt. Technisch solide umgesetzt krankt es bei ihm durch diesen Umstand immens. Für Kurzweil sorgt der Film, trotzdem bleibt ein fader Nachgeschmack, da er auch nie richtig in die Gänge kommen will, welches durch die schon beschriebene Unentschlossenheit seitens der Ausrichtung kommt. Gerade das Finale, das man ganz böse als etwas kitschig bezeichnen könnte, drückt den Gesamteindruck nochmals etwas nach unten. Man hätte den vielen netten Ideen mehr Raum geben und sich eher entscheiden sollen, wie man den Film umsetzt. So bleibt Hasse deinen Nächsten ein Werk voller verschenkter Möglichkeiten, mit einem viel zu blassen Helden, der eben kein zweiter John Waye oder James Stewart sein kann und somit die gesuchte Nähe zu den klassischen US-Western die gänzlich falsche ist. Wie man es hätte richtig machen können, zeigt er mit den eher typischen Mustern und Einfällen des Italowesterns. Doch das ist weit zu wenig. Man darf dem kleinen Sender Tele 5 danken, daß er den Film nach Deutschland brachte und ihn auch synchronisieren ließ, doch es gibt wohl weitaus mehr fast vergessene Perlen als den sehr mäßigen Hasse deinen Nächsten.
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