2. September 2009

Diary of the Dead


Der eigentlich dem Dokumentarfilm zugeneigte Filmstudent Jason Creed dreht mit einigen Komillitonen als Studienarbeit einen billigen Horrorfilm zu nächtlicher Stunde mitten im Wald, als über das Radio seltsame Meldungen verbreitet werden. Gerade zu minütlich häufen sich die Berichte von Fällen, in denen sich auf einmal Tote quicklebendig erheben und äußerst aggressiv auf ihre Umwelt reagieren und Menschen anfallen. Nachdem sich schon schnell zwei Freunde von Jason daraufhin vom Set verabschieden, macht sich auch der Rest der Truppe, darunter auch ein sehr trinkfreudiger Professor, in einem Wohnmobil auf den Weg. Aus der angestrebten Fahrt in die jeweiligen Heimatorte der Studenten entwickelt sich schnell eine Flucht, als die Fälle der auferstehenden Toten immens ansteigen. Während sich daraus auch schnell Unruhe innerhalb der Gruppe entwickelt und diese auch mit den ersten nicht eingeplanten Schicksalsschlägen fertig werden muss, bannt Jason zusammen mit seiner Freundin Debra alles auf Kamera um die Geschehnisse für die Nachwelt festzuhalten.

Es ist ein Kreuz mit diesem Mann. George A. Romero. Ein Name, der bei abertausenden von Horror-, Splatter- und Zombiefans ein leuchten in den Augen und ein Überlaufen der Hypophysen verursacht. Romero ist immerhin der Mann, der aus einem gerade mal 500.000 $ teuren, schwarz-weißen Film das heutige in der Popkultur verankerte Zombiebild nicht einfach geprägt, sondern sogar geschaffen hat. Soweit, daß sich heute wohl kaum noch irgendjemand der heutigen Kiddies an den eigentlichen Voodoo-Sklaven erinnert. Es sei denn, irgendein Comic, Film oder auch Spiel nimmt sich dem ursprünglichen Mythos an. Mit seiner ersten Untoten-Trilogie schuf er eine legendäre Reihe. Die Rede ist vom 1968 entstandenen, stilprägenden Meisterwerk Night of the living Dead, dem 1977 unter tatkräftiger italienischer Unterstützung enstandenen Dawn of the Dead und um den Mitte der 80er Jahre, genauer gesagt 1985, enstandenen Abschluß der Trilogie, Day of the Dead. Gerade die letzten beiden Filme sind nicht nur berühmt, sondern wenigstens in Deutschland auch berüchtigt, bereiteten sie doch so manchem Jugendschützer bei der heutigen BPjM schlaflose Nächte und schafften es dementsprechend auch auf die Liste der beschlagnahmten Filme. Geradezu paradox erscheint es da, das Night of the Living Dead als auch Dawn of the Dead in ihrem Ursprungsland heute im Museum of Modern Arts vertreten sind.

Doch heute muss man, trotz seines zum Teil berechtigten Legendenstatus in der Szene ein sehr großes "aber" nach der Nennung seines Namens setzen. Ein jener, der heute sichtlich gealtert seinen damaligen großen Erfolgen nachläuft und diese zwar auch in gewissem Maße auch heute noch erreicht, doch selbst bei den größten Romero-Fans für Diskussionen sorgt. Wobei er auch einer der wenigen in der Filmwelt ist, der von sich behaupten kann, gleich mit seinem Debütfilm einen richtigen Kracher der selbst bis heute noch nachhallt, gelandet zu haben. Der teilweise vom Fandom viel zu sehr auf seine Zombieepen reduziert wird, dabei doch allerdings auch noch so hervorragende Filme wie das moderne Vampirdrama Martin oder den ebenso sehr interessanten The Crazies schuf. Oder der Anfang der 80er unter anderem in Zusammenarbeit mit Kultautor Stephen King mit Creepshow eine herrliche Verbeugung vor den alten EC-Horrorcomics der 50er schuf und mit Monkey Shines bzw. Der Affe im Menschen einen sehr unterschätzten Tierhorror in seiner Filmographie stehen hat, der mehr als nur einen Blick wert ist. Doch dann verließen Romero die filmischen Musen und er schuf solche unsäglichen Werke wie den Episodenfilm Two Evil Eyes, dessen von Romero inszenierte Geschichte ebenso wenig überzeugen kann wie die von seinem dortigen Partner Dario Argento verbrochene Adaption der Poe-Geschichte "The Black Cat".

Nach einigen Jahren Pause war sein Comeback Bruiser ein sehr maues Erlebnis, bis ihm Wohl das Sprichwort "Schuster, bleib' bei deinen Leisten" über die Brille gehuscht zu sein schien. Es folgte die Ankündigung einer neuen Untoten-Trilogie die mit Land of the Dead ihren Anfang nahm, in dem der aus der derzeit bei Sat 1 laufenden Serie The Mentalist bekannte Simon Baker in einer postapokalyptischen Welt sich einen Weg durch eine Horde von Untoten sucht und dort auf einen mies gelaunten Dennis Hopper trifft. Vor gut zwei Jahren wurde der mittlere Teil Diary of the Dead dem geifernden Zombiefandom vor die Füße geworfen und der Abschluß der Trilogie, Survival of the Dead, soll angeblich noch in diesem Jahre folgen. In Diary of the Dead zollt Romero dabei auch einem Trend Tribut, der zu dieser Zeit gerade wieder aufkam und durch den größten (und überbewertesten) Horrorhype der 90er Jahre, The Blair Witch Project, vor einigen Jahren initiiert wurde. Die Handkamera mit ihrem verwackelten Authentizismus war wieder in im Horrorkino und brachte dabei zwei sehr gute Werke zum Vorschein: zum einen den amerikanischen Cloverfield, der im Vorfeld von einer cleveren viralen Marketingkampagne begleitet wurde und den meisterlichen [REC], der in Spanien von Jaume Balagueró in Zusammenarbeit mit Paco Plaza geschaffen wurde.

Während die beiden genannten Werke ihren Weg konsequent beschreiten und somit höchstes "Mittendrin"-Gefühl beim Zuschauer bewirken, schafft es Romero mit Diary of the Dead nicht die vorgegebenen Wege einzuhalten und gönnt sich eine Extrawurst. Anders ausgedrückt, ist der Mittelteil der frischeren Untoten-Trilogie von den drei "Wackelkamerafilmen" der eigentlich noch am traditionellsten daherkommende Film. Die geforderte bzw. angedachte Authentizität wird nur manchmal in kurzem Momenten erschaffen und durch biedere Filmelemente wieder zunichte gemacht. Hätte Romero einen Dogma-Style Zombie Movie angekündigt, Lars von Trier und seine Kollegen hätten den Kinosaal nach gut zwanzig Minuten mit Schaum vor dem Mund verlassen und dem gebürtigen New Yorker nochmals deren Manifest zum Durchlesen dagelassen. Wobei selbst von Trier mit seinem erfrischend schrägen TV-Projekt Riget (in Deutschland unter dem Namen Geister bekannt) vor einigen Jahren gezeigt hat, wie man diesen authentischen Stil mit traditionellen narativen Elementen des Films sehr gut verbinden kann. Romero zeigt sich schauderlich inkonsequent mit dem Stil von Diary of the Dead, was sehr schnell nach hinten losgeht. Nicht nur, das er sehr wohl auch Filmmusik einsetzt (auch wenn diese recht zurückhaltend eingesetzt und komponiert wurde), er leistet sich sogar die Dreistigkeit durch eine sehr unglaubwürdige Fügung seiner Geschichte, eine zweite Kamera hinzuzufügen um somit konventionelle Schnitte einzubauen. Eine äußerst nervige Frechheit, die die Nerven des Zuschauers strapaziert und somit auch keinen gleichbleibenden Fluß in dem Storyaufbau zuläßt. Richtig bunt, wird es sogar, als er Videoschnipsel von Überwachungskameras mit einbaut.

Erklärt wird das durch den Off-Kommentar der weiblichen Protagonistin Debra, der einen weitern Bruch mit der eigentlich so authentisch angedachten Zombiegeschichte ist. Somit schafft Romero anstatt eines suggestiven Realismus nur eine unausweichliche Distanz des Zuschauers zum Geschehen, was im weiteren Verlauf für Diary of the Dead nahezu tödlich ist. Zumal sich der gute Mann hier einem jungen Publikum anbiedert, was er eigentlich nicht nötig hat. Gut, die damaligen Zeiten sind schon lange vorbei und die Sehgewohnheiten der heutigen Fans haben sich verändert. Auch wenn die Charaktere nur Holzschnittartig grob geformt waren, so waren sie für den Zuschauer immerhin noch greifbar und Identifikationsfiguren, mit denen man mitleiden konnte. Gerade die Figur des Ben aus Night of the Living Dead ist hier ein sehr gutes Beispiel. Dort baut Romero die Geschichte auch nicht gerade sehr langsam auf, schafft es allerdings schnell, seine Protagonisten dem Zuschauer mit einigen gekonnten Einstellungen näherzubringen. Von alle dem ist hier nichts zu spüren. Die gesamten Mitglieder der auf der Reise begleiteten Gruppe sind farblose Abziehbilder, austauschbar und bleiben so blass, das man sich selbst mit den beiden Hauptfiguren Debra und Jason nicht Identifizieren kann.

Mag sein, daß dies von Romero vielleicht sogar gewollt ist. Sagt er doch an einigen Stellen in seinem Werk aus, das sowohl der jenige vor, als auch hinter der Mattscheibe abstumpft und zu einem gedankenverlorenen Betrachter wird. Während der Empfänger durch jede weitere, noch so kleinen Information abstumpft, so geschieht dies auch mit dem Sender. Er ist irgendwann nur noch ein triebgesteuerter Jäger, der mit seinem zweiten Auge die neuesten und frischesten Informationen aufsaugt. An diesem Punkt setzt Romero die Metaebene seines Filmes auf, die - anders als zum Beispiel bei Night of the Living Dead oder auch Dawn of the Dead - leider nur ein sehr schwacher Windhauch wird, der schnell abebbt und so nicht wirklich beim Zuschauer ankommt. Schaffte er es bei den genannten Werken noch gekonnt Sozial- (Night... und Dawn...) als auch Konsumkritik (Dawn...) anzubringen und zu transportieren, so kommt die Medienkritik von Diary of the Dead so ungelenk wie einer von Romeros Untoten beim Zuschauer an. Die Medien, das sind vor allem die, welche Nachrichten aller Art nach ihrem Gusto zusammenschneiden und -bauen wie sie es möchten, daß es dann der Konsument nur noch in sich aufzusaugen braucht. Und dies nur unzureichend verdaut und zudem auch noch eine fälschliche Realität vorgesetzt bekommt. Man schönt und bereinigt dies, setzt es laut Romero den Menschen so vor, wie diese es vielleicht gerne hätten und verfälscht die Zusammenhänge.

Die Rettung in der Not sind solche jungen Leute wie die Protagonisten, allen voran Jason, der die Kamera - egal ob er von seinen Freunden dafür kritisiert wird - immer dort hat, wo was passiert. Und dieses dann ins Internet hochladen kann. Ein Horrorfilm für die Generation Upload, der genauso sagenhaft scheitert wie die derzeit laufende Werbekamagne eines Mobilfunkunternehmens, die ebenfalls diese Generation ansprechen soll und durch ihre beinahe konservativ anmutende Weltfremdheit für einige Häme bei den "Digital Natives" sorgte. Dabei ist allerdings die Glorifizierung dieser Generation, die mit der Kraft des Internets und ihren Möglichkeiten wie Videoportalen oder Blogs umzugehen weiß, um so Neuigkeiten ungeschönt und in all ihrer grausamen Wirklichkeit zu transportieren, hier nahezu unbeholfen, was aber auch durchaus charmant rüberkommt. Während die auch in seinen früheren Filmen schnell zum Erliegen gekommenen traditionellen Medien wie Radio oder Fernsehen auch bei Diary of the Dead zügig zusammenbrechen, so schafft es die Meute hier durch die angesprochen Blogs, Videos und sogar Videochats (!) Informationen aus der um sie herum zusammenbrechenden Welt zu holen. Da schaut man sich Mittels eines Handys eine Videobotschaft einer Japanerin an, die dazu rät, den Untoten in den Kopf zu schießen und auch berichtet, daß in Tokio alle so schnell sterben. Doch bevor man sich noch mehr Informationen saugen kann, bricht das Video ab und man stellt fest, daß nun auch die modernen Netze langsam ausfallen. "Technik ist etwas gutes, solange sie funktioniert" ist der Satz, mit dem dies kommentiert wird.

Hier verläßt Romero kurz die Medienkritik und zeigt in einer eigentlich so simplen Szene doch sehr gut, daß sich der Mensch von der heute bestehenden Technik abhängig gemacht hat und kaum noch in der Lage ist, bei einem Ausfall von dieser, in einem normalen Maße zu existieren. Da schlägt man gegen Handy und Fernseher und ist beinahe verzweifelt, wieso nichts funktioniert. Romero stellt hier den Menschen als jemanden bloß, der immer mehr auf dem großen Strom der Informationsvielfalt, besser noch des Informationsüberflusses, schwimmt und dort beinahe ohne Anteilnahme verweilt. Der Mensch scheint nicht mehr in der Lage, seine Umgebung mit dem gegebenen Verstand adäquat aufzunehmen und für sich selbst zu denken. Löblich, was Romero hier versucht, doch es bleiben Ansätze, einzelne Fäden, die er leider wieder viel zu schnell fallen läßt und vergißt. Der Weg auf der Metaebene ist ein holpriger, bei dem man teils zu großen Sprüngen ansetzen muss, um diesen bis zum Ende zu gehen. Zudem ist es auch ärgerlich, da Diary of the Dead als reiner Horrorfilm schnell versagt. Nicht nur der Informationsfluß plätschert nämlich am Menschen vorbei, sondern auch die Geschichte des Films.

Reduziert man Diary of the Dead auf seinen Kern, ein harter Horrorschocker zu sein, so stellt man fest, das er hier kläglich scheitert. Die Inkonsequenz in der Inszenierungsart führt dazu, das es durch den authentisch gewollten Camcorder-Look kaum Atmosphäre aufkommt. Es fehlt eine Art der allumfassenden Bedrohung, ein apokalyptischer Unterton, den die ursprüngliche Dead-Trilogie ausmachte. Es fehlt auch ein stringenter Erzählbogen. Vielmehr hüpft Romero durch etwas größere Episoden, versucht dadurch eine durchgehende Geschichte zu erzählen und läßt die Spannung vollkommen außer acht. Selbst die so heiß herbeigesehnten Zombies kommen irgendwie zu kurz und spielen fast schon eine untergeordnete Rolle in diesem Werk. So bietet der Film zwar schon einige herbe Stellen, die sind aber so selten, so daß Diary of the Dead gut und gerne als harmlosester Zombiefilm von Rombero bezeichnet werden kann. Es läuft einfach nicht so richtig rund und ernüchternd muss eigentlich auch der größte Fan feststellen, daß sein Lieblingsregisseur wenn's um Zombieaction geht, sichtlich in die Jahre gekommen ist. Alles andere ist eigentlich nur scheuklappenartige Schönrednerei.

Diary of the Dead ist ein missglücktes Experiment Romeros mit modernen Elementen des Films, allen voran die authentische Handkamerainszenierung, zu spielen. An wenigen Stellen blitzt Potenzial in der Geschichte auf, was beileibe nicht genug ist, um zu überzeugen. So ist es vor allem auch der schlechteste Romeros bisheriger Epen über die lebenden Toten, ein mangelhaftes Zeugnis verblichenem Talents eines einst so großen Namens, der seinem Status als "lebende Legende" unter den modernen Horrorregisseuren einige unschöne Kratzer beschert. Es ist ein Ärgernis, bei dem man in jeder Szene mehr erwartet, aber nur vertröstet und zum Ende hin bitter enttäuscht wird. Wenn Jason seiner Freundin Debra erklärt, wieso er zu jeder Zeit alles mitfilmen muss und ihr die sensationellen Zugriffszahlen seines Videos erklärt, wird dabei ein Notebook gezeigt, in dem ein geöffnetes Browserfenster zu sehen ist. Hochgeladen wurde das Video unverkennbar bei MySpace, mit dem man auch irgendwie Romero mittlerweile vergleichen kann. Ein einstiges großes Ding, zukunftsträchtig, ein richtig großer Name der aber mit den heutigen Großen im Geschäft schon lange nicht mehr mithalten kann aber trotzdem versucht, mit den besten Elementen eben dieser sich doch noch irgendwie über Wasser zu halten.

Da mag man hoffen, daß Romero nach diesem deutlichen Schuß in den Ofen mit Survival of the Dead einen versöhnichen Abschluss seiner zweiten Trilogie hinbekommt, wobei nach ersten Sichtungen des Trailers auch hier schon etwas Ernüchterung aufgetreten ist. Wie Diary of the Dead verströmt dieser eine unpassende Biederheit. Schade, war Romero mit seinen früheren Werken doch ein sehr guter und geachteter Regisseur, dessen Handschrift man durch seine jüngeren Werke beinahe nicht mehr wiedererkennt. Er scheint zu schwach zu sein, nochmal einen richtig großen Hit abzuliefern. Die wenigen guten Momente in Diary of the Dead vergrämt er durch austauschbare Figuren, wie sie in jedem banalen Teeniehorrorschmarrn vorkommen und einer aufgesetzten, unpassenden Pseudomodernität und -coolness (die Sache mit dem Humor funktioniert weniger als gedacht/gehofft) die jede Hoffnung, daß der Film noch mal die Kurve bekommt, unter sich begräbt. Dieser Film bietet mit ein paar wenigen, gut gelungenen Momenten zu wenig, läßt den Zuschauer unbefriedigt zurück und ist eigentlich auch dem größten Zombie- und Romerofan leider abzuraten.

Foto des Regisseurs von fluzo