13. September 2009

District 9

Das Review könnte eventuelle, kleine Spoiler enthalten!


Seit gut zwanzig Jahren schon thront am Himmel der südafrikanischen Hauptstadt Johannisburg ein riesiges UFO. Dessen Insassen stellten sich nach seinem urplötzlichen Auftauchen in der terrestrischen Hemisphäre nicht als feindselige Invasoren, sondern als verwahrloste und hilfebedürftige Kreaturen heraus, die von ihrem Heimatplaneten geflüchtet zu sein scheinen. Aufgrund eines defektes beim Mutterschiff verweilen die außerirdischen Besucher länger als geplant auf der Erde und so stopft sie die südafrikanische Regierung in ein Lager, welches sich in all den Jahren deren Aufenthalts zu einem wahren Ghetto entwickelt. Von den Menschen abfällig als "Shrimps" bezeichnet und nicht im normalen Stadtbild geduldet, vegetieren sie in dem abgeriegelten und scharf bewachten District 9, wie der Bereich genannt wird, vor sich hin. Überwacht werden sie dabei vom Unternehmen MNU, welches versucht, das dortige Geschehen so gut wie möglich zu regulieren. In Verbindung mit im District lebenden, nigerianischen Gesetzlosen herrscht in dem verwahrlosten Gebiet Gewalt, intergalaktische Prostitution, Waffenhandel und illegale Spiele. Als der MNU-Mitarbeiter Wikus Van De Merwe befördert wird und die vom Unternehmen geplante Evakuierung in ein Gebiet weit außerhalb Johannisburgs in Gang bringen will, kommt er bei seiner Inspektion im District mit einer fremdartigen Flüssigkeit in Berührung. Dabei infiziert er sich mit einem Virus, die seine DNS mit der außerirdischen langsam verbindet. Durch diese Tragödie wird der recht naive Wikus schnell vom Jäger zum Gejagten, als sein Chef - der zudem auch noch sein Schwiegervater ist - und der Konzern in ihm einen Schlüssel zur fremdartigen Waffentechnologie sieht. Auf seinem Leidensweg findet Wikus schnell heraus, daß sein einzigsten Halt bei den eigentlich so verhaßten Außerirdischen zu finden ist.

Das Science Fiction-Genre mag sich in keiner Krise zu befinden, macht sich allerdings doch ein wenig rar im Portfolio der Hollywood'schen Traumfabrik. Hier und da bringt man einen Mix verschiedenster Stile auf die Leinwand, das man dann auch bis zu einem gewissen Punkt der Science Fiction-Sparte zurechnen kann, doch bis auf J. J. Abrams Star Trek-Neuauflage gibt es derzeit eigentlich kaum "reinrassige" Science Fiction-Streifen zu bewundern. Geradezu exotisch mutet dann auf einmal District 9 an, zwar auch nicht wirklich reine klassische Science Fiction, aber doch ein erfreulich frischer Wind für den Freund solchen Stoffes. Es bedarf nicht immer eines Weltraumepos, um dieses phantastische Genre wieder in das Gedächtnis der Fans zu bringen. Das Werk des südafrikanischen Regisseurs Neill Blomkamp erscheint sogar gerade zu als willkommene Frischzellenkur, eine kleine aber feine Sensation, die - mächtig durch das Internet gehypt - zu größerem Ruhm gekommen ist, als von den Machern erwartet. Das von Braindead- und Herr der Ringe-Regisseur Peter Jackson geförderte Werk kostete im Vergleich zu anderen Filmbudgets "günstige" 30 Millionen Dollar und entstand durch den Umstand, daß Blomkamp als Regisseur bei der geplatzten Verfilmung des Videogames Halo geplant war. Jackson überließ ihm die genannte Summe und gab dem Regisseur grünes Licht und absolute Narrenfreiheit, was daß Thema das Films anbelangt.

Herausgekommen ist dabei eben jener District 9, die Langfilmversion des 2005 enstandenen Kurzfilms Alive in Joburg, der allein schon durch seinen Schauplatz punkten kann. Nicht etwa die USA oder ein anderes reiches, westliches Land ist der Schauplatz dieses extraterrestrischen Flüchtlingsdramas, sondern das pulsierende und chaotisch wirkende Johannisburg, Hauptstadt von Südafrika, welches dem Film allein dadurch schon eine leichte Exotik schenkt. Vor allem schenkt Blomkamp seinem Werk und dem Zuschauer hier einen kinderleicht zu meisternden Spagat zwischen intelligent inszenierter Parabel und trotzdem explosiven und mitreißendem Unterhaltungskino der gehobenen Klasse, welches gerade festgesteckt auf das Genre der Science-Fiction so einige narrative Standardmuster außen vor läßt und seinen völlig eigenen Weg einschlägt, bei dem man gerne bereit ist, diesen von Anfang bis zu Ende zu gehen. Blomkamp schafft keine atmosphärisch düsteren und dichten Werke wie etwa einen Blade Runner oder eine schon beinahe technoid-kalte bzw. steril anmutende Stimmung, wie man sie etwa beim frühen George Lucas-Werk THX 1138 oder Tron vorfindet. District 9 ist keine futuristische Science Fiction, nennt keinen allzu genauen Zeitpunkt, ist aber tief in unserer Gegenwart verwurzelt und kommt in einem realistischen, nüchternen Stil daher. Dabei erweißt es sich als äußerst passend, daß Blomkamp seinem Film einen dokumentarischen Erzählstil verpaßt hat. Wie von diversen TV-Dokus bekannt, kommen hier Augenzeugen der Geschehnisse bzw. den Protagonisten nahestende Figuren bzw. auch die Protagonisten selbst in Interviewsequenzen zu Wort, eingeblendete Zeitangaben leiten neue Szenen ein und fügen sich wie selbstverständlich in die eigentliche Spielfilmhandlung ein.

Dabei nimmt sich District 9 vor allem auch die Zeit, seine Geschichte aufzubauen und den Zuschauer mit genügend Hintergrundinformationen zu füttern. Er beginnt mit einem sichtlich aufgeregten Wikus, der Probleme beim Anstecken seines Mikrofons hat und läßt durch verschiedene Personen die Geschichte der Aliens seit ihrem Auftauchen Revue passieren. Es zeichnet sich ein rohes Bild der Verhältnisse zwischen den außerirdischen Einwanderern und den Menschen ab, was zu scharfen regularien der "Hausherren" führt und so zu einer Abhandlung des Rassismus- und speziell für Südafrika des Apartheid-Themas im phantastischen Gewand wird. Aus den farbigen Mitmenschen werden hier rüpelhafte Wesen, für die allein schon wegen ihrer Herkunft Knigge für immer ein Fremdwort bleiben wird. Aus der damals in Südafrika vorherrschenden Rassentrennung, die sich auch in den Wohnräumen der verschiedensten Gruppen niederschlug, wird hier das zuerst vorherrschende Grundthema des Films. Der Titelgebende District 9 ist ein von Müll überzogenes Wohngebiet, umzäunt, mit Stacheldraht gesichert und von einem Privatunternehmen scharf bewacht und reguliert. Es scheint fast so, als möchte der Film in der Schilderung der Aliens zu Beginn das damalige Bild der weißen Bevölkerung gegenüber der schwarzen bzw. anderen Rassen aufzeigen. Trotz das es sich um fremdartige und fiktive Wesen handelt, resultieren daraus nicht minder brisante und vor allem aufwühlende und befremdliche Bilder, die trotz ihrer Schrägheit und surrealer Momente immer wieder die damaligen Verhältnisse im südlichsen Land Afrikas im Hintergrund des Zuschauers aufruft.

Hier tritt nun auch die MNU auf den Plan, welche nicht nur der südafrikanischen Regierung die Arbeit mit diesen illegalen Einwanderern abnimmt sondern hierbei auch noch eigene Ziele verfolgt. Das Unternehmen ist zugleich auch noch einer der größten Waffenhändler weltweit und ist vor allem an der fremdartigen Waffentechnologie der Aliens interessiert, die Menschen allerdings nicht für sich nutzen können, da diese mit der Genetik der Außerirdischen verbunden ist. Die MNU und deren Führung, allen voran Wikus Schwiegervater, wird hier als skrupellose Macht dargestellt die weit ab jeglicher ethischen Verhaltensweisen darauf hinarbeitet, ihren Nutzen aus den hilfslosen Kreaturen zu ziehen. Sie pflegen mit den "Shrimps" einen harten, gewalttätigen Umgangston, die militarisierten Truppen werden als durchgedrehte Schießwütige dargestellt die beim kleinsten Aufbegehren einen nervösen Finger am Abzug ihrer Waffen bekommen. Da werden vorschnell Aliens ohne Skrupel erschossen oder illegale Gebärstationen zerstört um die Zahl der Außerirdischen zu regulieren. Das wird dann voller Stolz und mit Selbstverständlichkeit Abtreibung genannt und detailliert von den Personen vor der Kamera erklärt. Durch seinen bereits erwähnten dokumentarischen Touch erhält District 9 so eine ungeheure Wirkung, auch weil hier die gewohnte Erzählweise eines Films aufs mindeste reduziert wird. Dabei geht man nicht den konsequenten Weg einer kompletten Authentizät wie die jüngsten Handkamera-Schocker aus der Horrorschiene á la Cloverfield und Co., schafft aber trotzdem einen angenehm frischen Look und trotz des sich zeitlassenden Erzählstil Blomkamps durch die Kameraarbeit eine Dynamik, die keine Längen aufkommen läßt.

Gerade hier zeigt sich aber auch, daß die zentrale Figur des Films, der MNU-Angestellte Wikus Van de Werde, nichts anderes als ein kleines, für seine Vorgesetzten unbedeutendes Zahnrad in der Maschinerie bzw. eine Marionette in ihrem kleinen Theaterspiel darstellt, die sie gut verstehen zu steuern. Wenig selbstbewußt und nervös erscheint er, als er mit der kompletten Truppe des Unternehmens in den Distrikt einmarschiert, zudem reichlich naiv, was sein Weltbild und Denken angeht. Die Shrimps sind die ungehobelten, unangepaßten und einfach nur gemeingefährlichen Kreaturen, die ohne die Regulierung seines Arbeitsgebers eine Gefahr für uns Menschen darstellt und ein (friedliches) Zusammenleben fast unmöglich macht. Vorurteile und vorgekaute Meinungen bestimmen den jungen Mann, der kaum eine eigene Meinung zu besitzen scheint. Doch im Verlauf des Filmes verwandelt er sich, charakterlich wie auch äußerlich. Beides geht langsam von statten, ersteres noch etwas mehr als die äußerliche Metamorphose, welche durch Wikus in Berühung kommen mit einer fremdartigen Flüssigkeit eingeleitet wird. Ersten Symptomen wie Hustenreiz und Übelkeit folgt eine beeindruckende graphische Mutation, die sogar etwas an Jeff Goldblums Verwandlung in David Cronenbergs Die Fliege erinnert.

An diesem Punkt angekommen, läßt Blomkamp die Metaebene des Films und die ganze Rassenthematik außer acht und widmet sich dafür einem äußerst effektreichen, aber nicht minder uninteressantem Part, der mehr Remineszenzen an actionreichere Science Fiction- oder ähnlichen Werken aus der Phantastik enthält. Wobei er die Thematik nicht gänzlich unter den Tisch fallen läßt sondern eher etwas mehr in den Hintergrund treten läßt. Grade Wikus verzweifeltes Suchen nach einer entsprechenden Methode, seine Mutation rückgängig zu machen, läßt den Protagonisten nicht nur als gänzlich zum Opfer gewordenen darstellen. Er findet unter diesen angeblich so gewalttätigen, rücksichtslosen Kreaturen Helfer, ist allerdings eher um sein eigenes Schicksal besorgt und bekommt so sehr egoistische Züge geschenkt, so daß ihm der Zuschauer meist nicht die komplette Sympathie zukommt. Wobei er allerdings im Gegenzug zu den MNU-Jägern weitaus gewisssenhafter agiert und dabei auch mit in den Medien verbreiteten, gänzlich falschen Fakten zu kämpfen hat. Menschlicher Gegenspieler ist dabei neben dem Schwiegervater auch der Kommandant der militärischen Truppen, eine Figur, wie es sie auch in vielen anderen Filmen gibt und die gerne mit allerlei schwerem Gerät der Waffengattung zu tun hat und nach der Maxime "erst schießen, dann fragen" zu handeln scheint. Blomkamp verläßt sich nach der anfänglichen frischen Motiven auf diverse bekannte dramatische Kniffe, schafft es aber, durch gekonnten Umgang mit dem dem Stoff in narrativer Hinsicht sehr gut Spannung aufbauen kann.

Dem langsamen Aufbau der Geschichte folgt ein entfesseltes Actiongewitter, das fast schon etwas zu ungebremst über den Zuschauer hereinbricht. Wikus hadern mit dem eigenen Schicksal, gejagt von seinem alten Arbeitgeber und mit seiner Flucht in den District auch aufkommende Probleme mit den ansässigen nigerianischen Gangstern versprechen einiges an herben Szenen, wobei die Nigerianer mit ihrem durchgedrehten Chef, welche geschlossen daran glauben, daß die Kräfte der Außerirdischen durch das Verspeisen deren Fleischs in sie übertritt, davon zeugen, daß Blomkamp so viele unterschiedliche Elemente wie nur möglich in den Film einbringen wollte. Diese sind nicht gänzlich unpassend, allerdings in einigen Momenten erst einmal sehr irritierend. So scheinen die nicht sehr gut wegkommende und relativ eindimensional dargestellten Nigerianer vor allem dafür gut zu sein, einige herbere oder actiongeladene Szenen einzuleiten, was eine kleine Durststrecke in Blomkamps Ideenreichtum sein könnte. Es funktioniert aber und beschert District 9 einige wirklich nette Szenen, die effektvoll umgesetzt worden sind. Und trotz seiner zwei Gegensätzlichkeiten, langsam aufgebaute Rassismus-Parabel und knochentrockenem Science Fiction-Actioner muss man dem Werk immer wieder attestieren, daß dies einfach paßt.

Der Spannungsbogen wird akzentuiert aufgebaut und erreicht zu den richtigen Zeitpunkten seine Höhepunkte, die in einem zwar auch recht konventionell aufgebauten, aber auch nicht uninteressanten Finale gipfeln. Hier feuert man wortwörtlich aus allen Rohren und ging es schon zuvor teils nicht gerade zimperlich zur Sache, so haut hier Blomkamp noch eine Kelle drauf, was den Action- als auch Blutgehalt angeht. Selbst hier halten Elemente des Splatterfilms einzug, zerplatzen so einige Körper oder werden Teile von diesen abgetrennt. Es kann auch Zufall sein, doch das Schicksal des MNU-Kommandanten erinnert dabei doch sehr an das sehr ähnliche Ende der Figur des Captain Rhodes aus Romeros Day of the Dead. Man kann die Vorwürfe, daß District 9 zu diesem Zeitpunkt zu sehr auf standardisierte, altbekannte Konstrukte des Action-Kinos baut, nicht gänzlich von der Hand weisen, trotzdem schafft es der Film, über seine ganzen zwei Stunden den Zuschauer bei der Stange zu halten. Egal ob actionreiche Szenen, Wikus verzweifelte Suche nach einem Ausweg aus seinem Dilemma oder die sozialkritischen Untertöne, die Mischung die uns hier Neill Blomkamp auftischt, ist einfach schmackhaft. Fast komplett unkitschig kommt er aus, schwankt dabei zwischen bitterem und Happy Ending und gerade der Schluß, wenn über den Verbleib von Wiku spekuliert wird und das anschließende letzte Bild zeigt nochmal die ganzen stärken von District 9 auf.

Es ist eine ungewöhnliche, frische Mixtur aus Rassendrama, eine Parabel auf die schreckliche Zeit der südafrikanischen Rassentrennungen und Rassismus an sich, darauf - daß fast jeder Mensch nicht gänzlich frei von Vorurteilen gegenüber anderen Rassen ist und zugleich straightes Action-Kino, daß mit seiner tristen Stimmung nicht zu abgehoben daherkommt. Getragen wird der Film nicht nur durch den etwas anderen Erzählstils des Films, sondern auch durch seine sehr gut gelungenen Effekte, der die Shrimps sehr lebendig und faszinierend aussehen läßt und dem wirklich guten Spiel von Sharlto Copley, welcher wohl gemerkt kein ausgebildeter Schauspieler ist. District 9 ist ein sehr guter Science Fiction-Film, zurecht von allen Seiten gehyped und ein klarer Kandidat für die besten Filme des Jahres 2009 der einzig und allein vielleicht daran etwas krankt, daß es Blomkamp bei der Story etwas zu gut gemeint hat und zuviele Ideen auf einmal in das Buch gesteckt hat. Es mag für einige anstrengend oder unpassend erscheinen, doch zu oberflächlich in der zweiten Hälfte auf die Action der Geschichte fokussiert - aber trotzdem im Schicksalsweg von Wiku immer noch dramatisch gefärbt. Dieser Film ist wahrlich mehr als nur einen flüchtigen Blick wert. Herr Blomkamp, daß haben sie wirklich sehr gut hinbekommen.