10. April 2011

Die letzten Zwei vom Rio Bravo

Der 1964 entstandene Film des Römers Mario Caiano ist, obwohl er heute wohl nur noch wirklichen Kennern und Fans des Genres ein Begriff sein dürfte, nicht einfach nur ein weiterer Spaghettiwestern bzw. gar kein mal so unwichtiges Werk. Immerhin hat man es Die letzten Zwei vom Rio Bravo in gewisser Weise zu verdanken, dass der damals noch völlig unbekannte Sergio Leone seinen damals revolutionären Film Für eine Handvoll Dollar drehen konnte. Beide wurden gleichzeitig abgedreht und letzterer, der den Italowestern ja definieren sollte, von den Produzenten sträflicherseits als Abfallwerk angesehen. Doch diese Ingoranz gegenüber Leones Film hatte ja auch was gutes. Er konnte die Kulissen und Kostüme der größeren Produktion benutzen und man ließ ihm vollkommen freie Hand. Leone setzte dies auch um und die Geburtsstunde des Italowestern war angebrochen. Wie ironisch, dass auf den alle Hoffnungen gelegte Die letzten Zwei vom Rio Bravo kein wirklich großer Erfolg, die B-Ware von Leone allerdings auch dank der Mund-zu-Mund-Propaganda ein weltweiter Kassenschlager wurde.

Vergleicht man nun die beiden Filme miteinander, so könnten die Unterschiede nicht größer sein. Der Protagonist bei Leone ist ein Antiheld, der nicht nur gute, sondern sehr wohl auch schlechte Züge mit sich bringt. Das ganze Setting ist dreckig und düster, der Film bringt sogar einen geringen nihilistischen Schlag mit sich. Wie viele darauf folgende Italowestern ist Für eine Handvoll Dollar eben die komplette Umkehr der so typischen Züge eines Western, der damals wie heute noch für einiges an Faszination sorgen kann. Der Film von Caiano hingegen steht noch in Tradition der klassischen Wildwest-Abenteuer, wie man sie aus dem Mutterland des Genres gewohnt ist. Wobei man allerdings auch hier mal so ganz kurz einen europäischen bzw. italienischen Einschlag entdecken kann. Doch ein so richtig räudig, dreckiges Stück Film sieht anders aus. Auch wenn man mit dem charismatischen Deutschen Horst Frank einen guten Darsteller für die Figur des Billy Carson gefunden hat, der auch nicht dem wirklich gewohnten Bild des Westernbösewichts entspricht.

Billy ist die ganze Zeit über komplett in Schwarz gekleidet, ein skrupelloser Mensch, der aber auch immer ein kleines Büchlein mit sich trägt, aus dem er dann zum passenden Zeitpunkt fromme Lebensweisheiten zum Besten gibt. Diese trägt er meistens seinem Bruder George vor, mit dem er gemeinsam ein großes Ding dreht. Während Pat Garrett, der Sheriff des Städtchens River Town Hochzeit feiert und die ganze Stadt dieser beiwohnt, raubt das Brüderpaar die Bank aus und bringt so die Einwohner River Towns um ihre Ersparnisse. Man setzt sich nach Mexiko ab, immerhin kann man ihnen dort ja nichts mehr wollen, doch die beiden Brüder haben nicht mit Garrett gerechnet. Dieser setzt noch während seiner Trauung zur Verfolgung der beiden an und macht sich dann, obwohl er keinerlei Befugnisse dort hat, auch nach Mexiko auf, um den beiden Räubern endlich das Handwerk zu legen. Er schnappt Billy und George auch, muss allerdings auf der Hut vor der örtlichen Polizei und einer Gruppe von Banditen sein, die es auf das erbeutete Geld abgesehen haben.

So nimmt die Die letzten Zwei vom Rio Bravo also die berühmte Geschichte von Billy the Kid und Pat Garrett auf, auch wenn der Billy einen anderen Nachnamen als gewöhnlich trägt. Zudem läßt man auch die schlechten Züge von Garrett weg und orientiert sich lieber an Cowboy-Heldenepen von fast Wayne'schen Ausmaßen. Garrett wird vom damals schon gut über 50 Jahre alten Rod Cameron gespielt, der in dank seines wettergegerbten Gesichts und seiner Ausstrahlung auch gut in die Rolle paßt. Auch wenn er durch sein fortgeschrittenes Alter nicht gerade der agilste ist, kann er aber in anderen Punkten glänzen. Sein Schauspiel geht in Ordnung, Cameron - obwohl gebürtiger Kanadier - macht sich einfach gut als Ur-Amerikanischer Held mit dem Herz am rechten Fleck. Die amoralischen Züge, die sich seit Leones erstem Dollar-Film im Genre so heimisch fühlen, haben hier nichts verloren. Garrett ist ein aufrechter, gesetzestreuer Mann der entgegen der Hinweise seiner Hilfssheriffs sich auch alleine nach Mexiko aufmacht, um dort die Schurken einzufangen und ins Kittchen zu bringen. Dabei läßt man auch schon mal seine frisch getraute Braut im Brautkleid stehen, immerhin ruft die Pflicht, das Böse zur Strecke zu bringen.

Dabei schafft es Caiano dank seiner routinierten Arbeit und einem schön dicken, finanziellen Polster ein durchaus ansprechendes Westernabenteuer abzuliefern. Man kann sich an der sehr konservativ ausgelegten Figur Camerons stören, doch dafür kann Caiano im rechten Moment den Zuschauer durch gut ausgearbeitete Spannungsmomente bei der Stange halten. Auch wenn der Pat Garrett hier natürlich ein oberschlauer Fuchs ist, den beiden Bösewichten bzw. Horst Frank, immer einen Schritt voraus ist. So vereitelt er nach der Festnahme und dem Abtransport der beiden Brüder desöfteren einen Fluchtversuch. Das hier gebotene sprachliche und psychische Duell zwischen Billy und Pat ist zwar recht gut gemacht, aber gerade Frank erscheint trotz einiger guter Momente den ganzen Film über doch ein klein wenig kraftlos. Er spielt mit angezogener Handbremse, auch wenn er seine Rolle trotzdem noch recht fies rüberbringt. Ihm gegenüber steht mit Kollege Angel Arranda ein junger Bursche, richtig "handsome", der seinen Bruder George und damit die interessanteste Figur verkörpert. Eigentlich möchte er seinem großen Bruder nur nacheifern, scheitert aber an seinem nicht gerade ausgeprägten Mut. Trotz des Einfluss von Billy auf ihm, so scheint er doch eigentlich ein guter Junge zu sein. Sein moralischer Zwiespalt ist gewiss nichts neuartiges und ward auch in vielen US-Produktionen gesehen, doch Arranda spielt voller Inbrunst und gerade im Marsch durch die unwirtliche mexikanische Wüste macht er seine Rolle als fast verdurstender, verzweifelter Kerl wirklich sehr gut.

Leider läßt das Buch hier die ganze Sache etwas schleifen, denn aus dieser Dreierkonstellation hätte man durchaus mehr rausholen können. Zu Schade, dass Frank nicht zwar eben gut, aber nicht sehr gut aufgelegt war. So hätte er mit seinem darstellerischen Können bestimmt noch manches aus so mancher Szene rausholen können. Selbst die sich hinzugesellenden mexikanischen Banditen sind da nur nettes Beiwerk, um nochmal etwas Pfeffer in die Sache zu bringen. Der Oberboss Santero ist zwar ein geldgieriger, gewalttätiger Mensch, doch auch ihm fehlt es noch an Ecken und Kanten, wie es dann die Charaktere in späteren Italowestern hatten. Er und seine Kumpanen sind ein klares Element der Spannungs- und Geschichtssteigerung, um dem Film auch nochmal eine etwas andere Wendung zu bringen. Doch spätestens hier macht Die letzten Zwei vom Rio Bravo keinen Hehl mehr daraus, dass man sich einfach an den US-Vorbildern orientiert. Garrett macht bei einer Farmerin, dargestellt von der späteren TV-Moderatorin Vivi Bach, und ihrem jungen Bruder Rast und hier erstrahlt der Film in einem klischeehaften Glanz, den so manch anderer Western nicht besser hinbekommen hätte. Dabei umschifft man allerdings die kitschigen Komponenten doch noch sehr gut um nicht ganz im moralinsauren Sumpf unterzugehen.

Auch nimmt er gegen Ende wieder an Fahrt auf und zieht die Zügel wieder an. So ist die Hinzunahme von Santero und Co. auch ein Gewinn für die ganze Story, die ansonsten leider etwas zu sehr vor sich hingedümpelt wäre. Zwar präsentiert man ein etwas vorhersehbares Finale, dass zur ganzen Charakteristik des Films trotzdem gut paßt. Die letzten Zwei vom Rio Bravo ist ein leichtbekömmliches Westernabenteuer mit bösen Leuten, die vom übergroßen Vertreter des Guten übermannt wird, dass mit einer schönen Ausstattung und vor allem auch schönen Locations glänzen kann. Die Landschaften sind sehr schön eingefangen, auch die Bildsprache an und für sich ist sehr ansprechend und kann zudem mit kräftigen Farben glänzen. An der Kamera befand sich übrigens - versteckt hinter einem Pseudonym - der spätere Regisseur Massimo Dallamano. Da waren auch hinter der Kamera Routiniers am Werke, die einen noch sehr stark vom klassischen Western beeinflußten Film ablieferten, der mit moralisch klar definierten Figuren aufwartet. Garrett läuft zwar mit dreckigen und staubigen Klamotten herum, aber er bleibt ganz klar in seinen Handlungen ein wahrer Saubermann. Nichtsdestrotrotz ist Die letzten Zwei vom Rio Bravo ein rundum zufriedenstellender und sauber gemachter Euro- bzw. Italowestern, der sich sehen lassen kann.


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