28. Februar 2016

Green Inferno

Da packt Eli Roth, bekanntermaßen ein Freund des Exploitation- und Splatterfilms alter Tage, in die Kiste mit verstaubten Subgenres und kramt den Kannibalenfilm hervor. Eine Paradedisziplin des kommerziellen, italienischen Kinos um so viele Schocks und kontroverse Szenen (trauriger Höhepunkt: die echte Tötung von Tieren vor der Kamera in vielen Filmen) wie möglich in eine meist recht dünne, zweckdienliche Handlung zu packen.

In seiner kurzweiligen Wiederbelebung des Subgenres orientiert sich Roth weniger an Ruggero Deodatos zynischem und hintersinnigem Nackt und zerfleischt, sondern an Filmen wie Lebendig gefressen oder Die Rache der Kannibalen. Er konzentriert sich auf den Schauwert, die Action und den puren Terror des Stoffs. Die klassischen Handlungsbögen der Vorbilder sind Roth wohlbekannt. Er schickt in seiner Geschichte keine flüchtigen Gangster, Wissenschaftler oder Dokumentarfilmer in die grüne Hölle, sondern - ganz dem jetzigen Zeitgeist folgend - eine Gruppe studentischer Umweltaktivisten in den südamerikanischen Dschungel. Das ist natürlich auch mehr dem jungen Publikum angepasst.

Innerhalb dieser Gruppe, die sich gegen die Abholzung des Regenwalds einsetzt und mit einer spektakulären Aktion, die im Internet via Streaming (!) übertragen wird, darauf aufmerksam machen möchte, finden wir die junge Juliette. Die einzige Figur, die so etwas wie Persönlichkeit eingehaucht bekommt. Ihr derzeitiges Studentenleben ödet sie an, es stagniert. Da kommt ihr durch einen Freund der Hinweis auf die Treffen der Gruppe gerade recht. Sie findet sich mit leichten Schwierigkeiten in diese ein. Nach der erfolgreichen Aktion im Regenwald bleibt sie durch einen Zwischenfall bei der Aktion auf dem Rückflug ruhiger als der Rest der ausgelassen feiernden Mitstreiter.
Es kommt, wie es in diesem Genre kommen muss: Das Flugzeug stürzt ab, die Überlebenden suchen einen Ausweg aus dem Regenwald, treffen aber bald auf Eingeborene, die sich als Kannibalen herausstellen und diese verschleppen. In der Gefangenschaft lässt Roth innerhalb der Gruppe schwelende Konflikte ausbrechen, die er in späteren kurzen Sequenzen aufgreifen kann. Psychologisch ausgeklügelte Thriller waren schon die Vorbilder aus den 70ern und 80ern nicht und auch Green Inferno setzt auf die ausführlich gefilmten Gebräuche des Stammes mit all ihren blutigen Details.

Allerdings ergeht sich Roth nicht an minutenlangen Fressorgien und Ausweidungen der Opfer, wie man es von den älteren Kannibalenfilmen gewohnt ist. Dies geschieht kurz oder komplett im Off, die Vor- und Zubereitung der menschlichen Körperteile durch das kannibalische Volk zeigt Roth dennoch sehr genau. Die Kamera hält drauf, befriedigt auch hier den Voyeurismus des Zuschauers und den Schock. Man merkt dem Film seine das kommerziell lukrative R-Rating schielende Art an. Trotz groß ausgebreiteter und mit kruden Effekten umgesetzte Splatterszenen geht Roth keinen komplett konsequenten Weg wie die Vorbilder. Das ist Exploitation innerhalb eines vorgesteckten, kommerziellen Rahmens und mit angezogener Handbremse. Auch merkt man ihm die prüde Haltung der Amerikaner an: bei den Italienern wäre Juliette nach einer rituellen Prüfung ob ihrer Heiratsfähigkeit und der damit verbundenen Bemalung des Körpers natürlich komplett nackt gewesen. Bei Roth lassen die Eingeborenen ihr tatsächlich die Unterwäsche an.

Zitatfreudig ist Roth nicht nur mit der beschriebenen Szene sondern huldigt in zwei weitere Szenen den beiden Filmen, die Ruggero Deodato (welcher übrigens in Roths Hostel 2 einen Gastauftritt hatte) dem Kannibalenfilm schenkte (Nackt und zerfleischt, Mondo Kannibale 2 - Der Vogelmensch). Überhaupt gibt sich Green Inferno äußerst altmodisch, natürlich mit ein paar Zugeständnissen für das heutige Sehverhalten des Publikums. Für Kenner der Vorbilder kommt ein gewisses nostalgisches Gefühl auf, dass den Film bei allen (auch für Kenner des Subgenres) vorhersehbaren Entwicklungen der Geschichte diesen rettet.

Als Hommage geht Roths Kannibalenschocker in Ordnung, der Gorehound dürfte sich beschweren, dass hier nicht die letzte Konsequenz gegangen ist (was dem Film aber irgendwie auch gut tut). Er ist viel Abenteuer und leichtes, modernes Terrorkino mit tollen Naturaufnahmen. Hier könnte man auch leicht an Sergio Martinos Die weiße Göttin der Kannibalen denken, der auch im Grunde genommen leichtes Abenteuerkino mit ein paar Kannibalen ist.

Die psychologische Belastung und der Zusammenbruch der Figuren während der Gefangenschaft, die Auflösung des Gruppengefüges unter näherer Betrachtung hätte man sich wünschen können. Es wäre ein frischer Aspekt gewesen. Es flackert nur kurz auf und so bleibt Green Inferno ein überdurchschnittlicher, immer anachronistisch wirkender Horrorfilm. Er stellt allerdings - ebenfalls den großen Vorbildern folgend - durch sein Ende erfolgreich deine Frage, wer überhaupt nun barbarisch, unmenschlich und wild war - der Mensch oder der "wilde" Ureinwohner. Bis auf Deodatos Nackt und zerfleischt schafft dies keiner der anderen Filme wirklich intelligent. Es ist ein pseudomoralischer Überbau, um dem blutigen Treiben noch sowas wie eine Botschaft mitzugeben. Auch das beherrscht Roth.