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Montag, 21. Oktober 2019

Puppet Master - Das tödlichste Reich

Handelt es sich beim neuesten Teil der Puppet Master-Reihe, diesem langlebigen, aus den Full Moon-Studios stammenden Franchise, noch um eine Reboot oder um einen verkappten Fan-Film? Ein Dutzend Filme später wurde der Zähler so ziemlich auf 0 gedreht. Die in ihrer Qualität schwankenden Sequels werden von Drehbuch-Autor S. Craig Zahler zu Gunsten einer neuen Mythologie um den französischen Puppenmacher André Toulon und seine auf übernatürlichem Wege zum Leben erweckten Schöpfungen ignoriert. War Toulon in der Original-Reihe ein Opfer der Nazis, so stellt er sich laut der comicartig inszenierten Vorgeschichte innerhalb des Vorspanns in die Dienste der Nationalsozialisten. Gleich, ob die altbekannten und wenigen neuen Puppen auf der Seite des Guten oder des Bösen wandeln, bleiben sie gegenüber den Mimen aus Fleisch und Blut unübersehbar weiterhin die eigentlichen Stars des Films. Um diese herum wird mit The Littlest Reich (engl. OT) ein gewaltiger Splatter-Trip jenseits des guten Geschmacks gestrickt, der den Anschein erweckt, dass der Script-Autor den Kern der ursprünglichen Reihe nicht verstanden hat oder verstehen möchte.

Puppet Master zeichnet sich durch eine kindliche Naivität in der Ausgestaltung der Geschichte aus, die mehr noch in manchen Sequels zum Tragen kommt, wenn Nazis - once again - in einem US-amerikanischen Genrefilm zum ultimativen Bösen werden, gegen die sich ein von diesen verfolgter Handwerker mit seinem erschaffenen Spielzeug stellt. Die durch ein von Toulon entwickeltes Serum zum Leben erweckten Puppen werden in den Fortsetzungen zu wortwörtlichen Good Guys, wenn sie sich dem Nazi-Pulk kämpferisch entgegenstellen und hiermit kindliche Fantasie während eines Spiels zu Narrative für eine Horrorfilm-Reihe wird, die sich während der verschiedenen Zeitlinien, die sich innerhalb dieser entwickelten, häufiger dem Fantasy-Genre zugewandt hat. Zahlers Neuansatz bricht damit und übernimmt in wenigen Teilen das Grundszenario des ersten Teils, in dem ebenfalls ein Hotel zum Hauptort der Handlung wird. 

In Das tödlichste Reich reisen Comiczeichner Edgar, der seit seiner Scheidung wieder bei seinen Eltern lebt und im Comicladen seines Freundes Markowitz jobbt, mit diesem und seiner neuen Freundin Ashley zu einer Convention, die anlässlich des dreißigsten Jahrestages der sogenannten Toulon-Morde veranstaltet wird. Neben einer Führung durch das Haus, in dem sich die im Prolog geschilderten Vorkommnisse ereigneten, soll dort auch eine Auktion stattfinden, auf der an die 60 von Toulon gefertigte Puppen versteigert werden sollen. In der Nacht vor der Auktion mehren sich die seltsamen Ereignisse, die der Film ausgiebig zur Schau stellt. Die von Toulons lebendig gewordenen Puppen vollübten Morde werden nach der widerwärtigen Ideologie der Herren ihres Schöpfers vollzogen und "lebensunwürdige" Menschen wie Homosexuelle oder Juden dezimiert. Das vom lebendigen Spielzeug vollzogene Massaker ist eine Ansammlung episodischer Mordszenarien, die mit ihrem aggressivem, schwarzen Humor und derben Einfällen fernab jeglicher Political Correctness auffallen.

Das "verweichlichte" Franchise bekommt durch die Feder Zahlers in seinem Reboot einen harten Grundton, der keine positiven Vibes zulässt. Das steht dem Film keineswegs schlecht und gebiert einige krude Szenen, die manchen Gemütern aus verschiedenen Gründen schwer im Magen liegen dürften. Verblüffend blutige Effekte visualisieren Ideen, die in Fun-Splatter-Filmen oder Gore-Eskapaden aus den 90ern und frühen 2000ern ebenfalls gut untergekommen wären. Autor Zahler und sein Regie-Duo Sonny Laguna und Tony Wiklund ignorieren den gegenwärtigen liberal-offenen Ton und orientieren sich an Schwarz-Weiß-Gedankenkonstrukten aus Filmen der 80er. The Littlest Reich ist die Apokalypse in einem kleinen, filmischen Kosmos aus der es kein Entrinnen gibt; die kühle Atmosphäre stärkt die vorherrschende Stimmung der Ausweglosigkeit, bei der kein Licht am Ende des sprichwörtlichen Tunnels, geschweige denn ein Happy End, in Sicht ist. Lagunas und Wiklunds Umsetzung von Zahlers Script ist ein regelrechter Hardgore-Film der sich an kurzlebigeren Genre-Eigenheiten wie Naziploitation orientiert. 

Die Überzeichnung dürfte den Film nicht davor schützen, dass er durch die rigorose Gnadenlosigkeit, mit der die Puppen gegen Gesellschaftsgruppen vorgeht, von einigen scharf angegangen wird. Darf man heute noch fast blauäugig, manche würden ignorant sagen, wie in alten Jahrzehnten Horror inszenieren und die heutige gesellschaftliche Toleranz ignorieren? Der Film eckt gewollt an; seine Provokationen und Geschmacklosigkeiten lassen kurzzeitig den Mund offen stehen und besitzen zeitgleich den Nachgeschmack, dass der (inoffiziell) 13. Film des Franchise diese in die Pubertät bringt und zu gewollt mit Provokationen um sich wirft. Das Script wirkt in seiner episodischen Money Shot-Revue wie ein Fan-Film, der zeigt, was man alles abartiges mit den Toulon-Spielzeugen anstellen könnte. Die neuerliche Dämonifizierung der Puppen macht aus diesen leider ebenso seelenlose Werkzeuge, weit entfernt von ihren Epigonen aus der Hauptreihe, welche bei aller kostengünstigen Trickserei dort weit mehr Persönlichkeit und Eigenleben besitzen als ihre Gleichnisse aus Das tödlichste Reich.

Der leicht bittere Nachgeschmack des Films entsteht weniger durch seine plump-rotzige Sprache und der simplen Ausgestaltung der Story. Irgendwann wünscht man sich nur etwas mehr Background, angefixt von den durch aus guten und für die Reihe Puppet Master frischen Ansätze. Das bleibt aus und Das tödlichste Reich bleibt dieser im Unterton leicht danebene, nicht unsympathische B-Movie der sich von den Vorbildern aus früheren Jahrzehnten nicht groß unterscheidet. Pulpige Schludrigkeit, welche der Geschichte gute Momente raubt und auch den grimmigen Humor teils nicht komplett zünden lässt. Das zunächst unbefriedigende Ende kündigt in großen Lettern eine Fortsetzung an, die dann hoffentlich wirklich mehr davon bietet, was man sich wünscht: das auch mit Das tödlichste Reich eine eventuell weitere, alternative Zeitlinie in der Reihe begonnen wird, die nicht unbedingt so ausarten muss wie diese, aber einige Liter frisches (Kunst-)Blut in die Marke Puppet Master pumpt. Vielleicht sollte S. Craig Zahler nicht nur weiter an der Story schustern sondern diese auch gleich selbst umsetzen. Manchmal fehlt dem Regie-Duo die nötige Kraft, den manchmal undankbar generischen Stoff des Scripts so garstig umzusetzen, wie Zahler diesen wollte.

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