27. März 2009

Ein Kind zu töten...

Das Review könnte eventuelle, kleine Spoiler enthalten!


Der britische Biologe Tony möchte mit seiner hochschwangeren Frau Evelyn einen erholsamen Urlaub in Spanien verbringen. Da es ihm im Ort ihrer Ankunft durch ein Volksfest ein wenig zu laut ist und auch die Menschenmassen ihn nicht wirklich in Urlaubsstimmung bringen, beschließt er, zur Insel Almanzora weiter zu fahren, auf der er vor zwölf Jahren schon einmal war. Am nächsten Tag mietet man ein Boot und macht sich zur Insel auf. Dort angekommen, scheint alles ruhig und idyllisch bis ihnen auffällt, das nur Kinder, aber keine Erwachsenen im Ort zu sehen sind. Alles scheint verlassen, selbst in Läden oder in einer kleinen Pension findet man weder Einheimische noch Touristen. Schnell findet sich die Lösung des Mysteriums. Die Kinder der Insel scheinen den Verstand verloren zu haben und töteten alle Erwachsene. Bald stehen auch Tom und Evelyn auf der Zielscheibe der Kleinen.

Der spanische Regisseur "Chicho" Serrado hat eine relativ überschaubare Filmographie aufzuweisen. Da er die meiste Zeit über für das Fernsehen arbeitete, hat er nur drei große Spielfilme vorzuweisen. Neben dem hier besprochenen Who Can Kill A Child schuf er den Gothic Horror-Streifen Das Versteck (auch als The House That Screamed bekannt) und erst vor drei Jahren seinen bisher dritten Film, Blame. Der bekannteste und bemerkenswerteste Film dieser Triole dürfte ohne jeden Zweifel Ein Kind zu töten... sein, der erst vor kurzem vom noch relativ frischen Anbieter Bildstörung durch eine beantrage Neuprüfung nach 24 Jahren vom Index geholt werden konnte. Und das zu recht, wäre der Film ansonsten doch vielleicht für ewig auf der Liste der indizierten Filme vergammelt.

Nun kam in der bisherigen Geschichte des Horrorfilms die Bedrohung schon des öfteren von Kindern aus wie zum Beispiel im Klassiker Das Dorf der Verdammten, dessen eher mäßig ausgefallenes Remake von John Carpenter oder auch der Stephen King-Adaption Kinder des Zorns. Doch während in genannten Beispielen die Heranwachsenden von extraterrestischen bzw. dämonischen Kräften in ihren Bann gezogen werden und so zu äußerst unangenehmen Zeitgenossen werden, läßt der alte Fuchs Serrado eine finale Erklärung, wieso die Kinder auf der Insel ihre Schutzbefohlenen umgebracht haben, völlig aus. Er läßt den Zuschauer im ungewissen und läßt somit viel Raum für Interpretationen.

Diese Ungewissheit und äußerste Spannung ist es auch, welche Serrado meisterhaft mit der Ankunft des britischen Pärchens auf der Insel erzeugen kann. Er braucht nicht viele Mittel um ein äußerst intensives Gefühl der Beklemmung zu erzeugen, wenn Tom und Evelyn durch die menschenleeren Gassen des kleinen Ortes wandeln und auf der Suche nach Menschen sind. Es wird eine dichte Atmosphäre geschaffen, welche der ansonst so idyllischen, mediterranen Postkartengegend eine nicht zu unterschätzende Bedrohlichkeit verleiht. Auch die zuerst recht harmlos ausschauenden Kinder können vom einen Moment auf den anderen zu einer bedrückend-schaurigen Stimmung beitragen. Wobei hier Ein Kind zu töten... ohnehin einen Kontrast zu anderen Horrorfilmen mit Kindern als Wurzel allen Übels darstellt. Selbst wenn das Paar herausfindet, was auf der Insel passiert ist und sich auf die Flucht vor den Kindern macht, so werden diese weiterhin mit besonnenem Gesichtsausdruck und einem beinahe schon unschuldigen Lächeln auf den Lippen dargestellt. Wo andere Filme schnell das anfänglich noch harmlos erscheinende Kind durch Einstellungen, Beleuchtung und andere Kniffe dem Zuschauer suggerieren, das es nun auf die "böse Seite" gekommen ist, es dämonisiert und zum wahrlichen Antagonisten macht, läßt Serrado seine Kinder höchst natürlich einfach nur Kind sein.

Gerade hier erweist der Film seine Qualitäten und zeigt, das er weit mehr als ein einfacher Horrorfilm der 70er Jahre ist, um einfach nur zu schocken und dem Zuschauer einige schaurige Momente zu bereiten. Auch auf dieser vordergründigen Ebene funktioniert Ein Kind zu töten... fabelhaft, bietet aber zwischen den Zeilen weitaus mehr. Dies macht schon den Anfang mit der bisher in Deutschland fehlenden, sieben Minüten Anfangssequenz, in der Serrado mit schwarz-weißem Archivmaterial die Gräuel des Krieges aufweist und dabei vor allem einen Fokus auf die hilflosesten Opfer des menschliches Kriegstreiben setzt: eben die Kinder. Mit schockierenden Bildern werden u. a. der zweite Weltkrieg, Vietnam und der Bürgerkrieg in Nigeria behandelt, immer wieder von den Credits und einer durch den Kontrast mit dem Bildern sehr makabren Musik, ein von einer Kinderstimme gesummtes Lied vermengt mit Kinderlachen, unterbrochen.

So läßt sich Ein Kind zu töten... auch als Anklage an die Menschheit verstehen, das sie eines der wichtigsten Güter unserer Zeit, die nachkommende Generation - unsere Kinder - durch Ignoranz und rohe Gewalt, die Übergreifend in Kriegsgeschehen mündet, ohne jegliche Gedanken an diese misshandelt, quält und umbringt. Man solle sie besser schützen, bevor sie sich eventuell noch gegen uns richten. Hier macht auch die unbeantwortete Frage nach dem Warum wirklich Sinn. Anders als die bisherige deutsche Fassung, hat der damalige Verleih doch einfach die Eingangssequenz entfernt und die Handlung sowie die Erklärung nach dem Verhalten der Kinder durch den völlig sinnentstellten Titel Tödliche Befehle aus dem All in die Zukunft verfrachtet und eben mit außerirdischem Einfluss erklärt. Es mag sein, das man dem Rezipienten ein wenig mehr Katharsis verschaffen wollte und die schockierende Wirkung des Films abmildern.

Noch weiter geht es, wenn man die Charaktere der Protagonisten anschaut. Während Tony ein eher grüblerischer Mensch zu sein scheint, so ist seine Frau eine lebensfrohe, eventuell auch etwas naive Frau. Serrado deutet in einigen Szenen zu Beginn an, das das von Evelyn erwartete Kind nur zum Teil ein Wunschkind ist. Der Begriff der Abtreibung schwebt ungesagt im Raum einiger Szenen und läßt einige Gedankenspiele zu. So verleiht auch die kurze Andeutung, das Tony zu Beginn der Schwangerschaft seiner Frau wohl mit dem Gedanken der Abtreibung gespielt hat, der ganzen Handlung noch einmal eine neue Ebene und scheint einen ehelichen Konflikt über das Thema darzustellen. Während Evelyn darauf beharrt, das Kind zu bekommen hätte Tony wohl weniger Skrupel gehabt, das ungeborene Kind zu töten. Legt man dies nun auf einige Handlungsstränge des Filmes aus, ergeben sich hier einige Andeutungen. Als Tony mit einem Auto auf die Menge der Kinder zu rasen will, ganz egal ob er dabei einige umbringt, reißt Evelyn im letzten Moment das Lenkrad herum, um die Kinder zu schützen. Noch deutlicher wird es, als man zum allerersten Mal wirklich Gewalt gegen die Heranwachsenden anwendet und Tony einen Knirps erschießt, der mit einem Revolver auf seine Frau zielt.

Erst spät scheint auch Tony so wirklich zu begreifen, was er sich die ganze Zeit gedacht hat und entschuldigt sich bei seiner Frau zwar nicht explizit dafür, das er wohl an eine Abtreibung gedacht hat, die Andeutung läßt aber seinen Ansatz zu Ende denken. Ohnehin spielt der Film immer - alleine auch durch seinen Titel - mit der Frage, wer wirklich dazu im Stande wäre, ein Kind zu töten. Anklage gegen das Verhalten der erwachsenen Welt gegenüber ihrer Kinder, gesellschaftskritisch, auch in Ansätzen mit dem auch heute noch brisanten Thema der Abtreibung spielend vermag Ein Kind zu töten... trotz komplexer Hintergründigkeit auch als einfacher Horrorfilm vollends zu überzeugen. Zwar kann er die immense Spannung nicht ganz durchhalten, bleibt aber ein sehr faszinierender Film, ein kleines Juwel des spanischen Horrorfilms, der das Genre mit seinen standardisierten Formeln selbst heute noch erfrischend aufzulockern weiß.

Bei gleißender Sonne hetzt man durch den kleinen Inselort. Dunkelheit, Schatten und Nacht - seit Beginn der Filmgeschichte ein Stereotyp des Genres - sucht man hier vergebens. Trotzdem wird man von der schier unglaublichen Atmosphäre, unterstützt von einem zurückhaltenden, aber auch wunderbaren Soundtrack, durch äußerst kurzweilige 106 Minuten getragen. Selbst mit seinem sehr offensichtlich an Romeros Night of the Living Dead erinnernden Ende läßt Ein Kind zu töten... noch so einige Fragen zurück, die der Zuschauer für sich zu beantworten weiß. Selten gibt es solch vielschichtige und sehr gute Horrorfilme wie den im englischen Who Can Kill A Child betitelten Film. Er funktioniert sowohl als ruhig erzählte, aber spannend umgesetzte Horrorgeschichte als auch als gesellschafskritisch anklagender Film, der das verhalten der Menschheit mit beeindruckender Leichtigkeit das teils zweifelhafte Verhalten der Menschheit Kindern gegenüber in einen kleinen Kosmos - auf die isolierte Mittelmeerinsel - versetzen kann. Sollte man definitiv gesehen haben.