4. Juli 2010

I'll Never Die Alone

Die Freundinnen Carol, Leonor, Yasmine und Moira befinden sich mit dem Auto auf einem Trip zu einem nicht näher genannten Ziel durch das argentinische Hinterland. Die Fahrt verläuft ruhig, bis sie am Wegesrand ein schwer verletztes Mädchen liegen sehen. Noch während man überlegt, wie man nun weiterverfährt fallen Schüsse und in der Ferne bemerkt das Quartett drei Männer, die nicht gerade wohlgesonnen aussehen sowie mit Sicherheit etwas mit dem Schicksal der Verletzten zu tun haben. Man nimmt sich dieser an, schleppt sie zum Auto und flieht vor den Fremden in die nächste Stadt und zum Polizeirevier. Nachdem man dort die üblichen Formalitäten hat über sich ergehen lassen, ist die Weiterreise alles andere als ruhig. Die fremden Männer machen Jagd auf die Frauen, bringen diese in ihre Gewalt und Missbrauchen sie aufs Fürchterlichste. Man gibt sich allerdings all zu selbstsicher. Alsbald folgt bei den misshandelten Freundinnen auf den Schock die pure Wut auf ihre Peiniger und beginnen, sich an diesen zu rächen.

Das Feld des schmierigen B- bzw. Exploitationfilms hat während der Zeit schon einige unbequeme und vor allem kontroverse Strömungen hervorgebracht, die auch heute noch bei Fans des Genrefilms zu angeregten, wenn nicht sogar hitzigen Diskussionen führt. Ganz gleich ob folternde Nazis, Kannibalenhappenings im tiefsten Dschungel oder die ultrabrutalen, asiatischen Sickos: jedes Subgenre hat sowohl Freunde als auch Gegner. Zu den eher kontroversen Subgenres gehört auch das Feld des Rape and Revenge-Films, initiert durch Wes Cravens Last House On The Left (1972) welches vor einiger Zeit sogar mit einem frischen Hollywood-Remake "geehrt" wurde. Durch dessen Erfolg beflügelt, folgten sowohl aus den USA als auch aus dem europäischen Raum einige ähnlich geartete Filme. Diese besitzen ein gleichbleibendes, einfachstes Muster: unschuldige weibliche Wesen gelangen in die Gewalt brutalster Bestien in Männergestalt und werden nachdem sie vergewaltigt, verprügelt oder andersweitig Misshandelt werden zu Racheengeln um sich an den Tätern zu rächen. Sofern sie es denn überleben, im Falle vom angesprochenen Last House On The Left rächen sich die Eltern am Tod ihrer Tochter.

Glanzzeit dieser Strömung waren die 70er und bis in die Anfänge der 80er Jahre wurde immer wieder mal so ein Rape'n'Revenge-Flick unter das geifernde Volk geworfen. Mit dem 1980 entstandenen Muttertag wurde der Höhepunkt erreicht und hinterher wurde es deutlich ruhiger in dem Genre. Doch bis zum heutigen Tag erinnert man sich hier und da immer wieder an solche heftigen Werke wie I Spit On Your Grave (1978) oder dem italienischen Mädchen in den Krallen teuflicher Bestien (1975). Der ziemlich frischste Eintrag dürfte dabei I'll Never Die Alone sein, einem Film mit ziemlichen Exotenstatus, kommt es doch nicht alle Tage vor, dass aus Argentinien eine in der Tradition alter Exploitationklopper stehende Produktion auf den Zuschauer losgelassen wird. Wobei man sich hier weitaus weniger schmuddelig gibt als die großen Vorbilder. Trotz dass es sich hier um eine Independent-Produktion handelt, kann diese überraschend gut mit einer gewissen Eigenständigkeit und sehr sorgfältigen Inszenierung punkten.

Verantwortlich dafür zeigt sich der in Spanien geborene Adrián García Bogliano, der schon seit den ausgehenden 90ern auf den Pfaden des Filmemachens wandelt. Dabei zeigt Bogliano auch bei diesem Film, welch Gespür er doch hat, auch aus eher wenigen Mitteln ein durchaus ansprechendes Werk zu inszenieren. Gerade den für einige Filme weniger dienlichen spröden digitalen Look weiß er wirklich ausgezeichnet für seine Zwecke zu nutzen. I'll Never Die Alone lebt vor allem durch seine helle Farbgebung und einem dadurch blassen Bild, dass trotz wenig aufkommender Atmosphäre alles andere als ein Fehler ist. Hier paßt es wunderbar zur gesamten Art, wie sich der im Original betitelte No Morire Sola präsentiert. Der Film gibt sich so sehr nüchtern, bietet fast schon einen dokumentarischen Stil, der auch durch einige extreme Nahaufnahmen der Kamera untermauert wird. Diese klebt förmlich an den Gesichtern der vier Protagonistinnen. Allerdings darf man hier keinen modernen "Wackelkamera"-Film erwarten. Dafür ist er in seiner Art viel zu ruhig. Auch wenn die Wortwahl für so eine Art von Streifen unpassend erscheint: I'll Never Die Alone bietet eine sehr ruhige, meditative Stimmung.

Sehr unaufgeregt wird die Geschichte voran getrieben und kommt dabei auch recht zügig zur Sache. Schon bald finden die vier Freundinnen das Mädchen und wenn dann die ersten Schüsse fallen, ist man mitten drin im Geschehen. Selbst hier bleibt der Stil sehr ruhig und gelassen. Action ist gegeben, allerdings ohne große Adrenalinschübe. Hier erzeugt Bogliano eine sehr feine Eindringlichkeit. Am intensivsten wird Bogliano, wenn seine vier Heldinnen in die Fänge ihrer Peiniger geraten. Schon durch die minimalistische Inszenierung in Meir Zarchis I Spit On Your Grave wird das Geschehen um den Missbrauch und die Vergewaltigungen zu einem äußerst unangenehmen Ding für den Zuschauer. Auch Bogliano verfolgt diesen Weg. Keine zusätzliche Lichtquelle und kaum Musik werden in diesen Szenen benutzt. Allerdings wird der Ton durch diverse Effekte verzerrt, um einen noch stärkeren Effekt der Gräueltaten zu erzielen. Dadurch, dass auch hier die Kamera auf den Gesichtern der Frauen klebt und man so deren Leid und Verzweiflung sehr deutlich mitverfolgen kann, wird I'll Never Die Alone zu einem alles andere als leicht verdaulichem Werk. Die Gewalt wird schonungslos gezeigt und trotz dass es sich auch hier um einen Exploitationstreifen handelt, kann man eigentlich nicht davon reden, dass diese selbstzweckhaft eingesetzt wird. Es wird nicht immer schonungslos auf das Geschehen draufgehalten. Umstände des wohl eher bescheidenen Budgets. Die Mischung aus Gewaltausbrüchen vor der Kamera und dem einsetzenden Kopfkino funktioniert wirklich gut.

Problem: die Beweggründe der Männer bleiben im Dunkeln. Es gibt keine großen Anhaltspunkte, weswegen sie überhaupt ihre Zeit damit verbringen, wehrlose Frauen zu missbrauchen, zu vergewaltigen und zu töten. Hier bleibt das Buch etwas dünn und versteift sich auf die Schilderung der Wandlung der Opfer zu Tätern und dem Rachethema. So kann man sich durch die doch recht zügige Vorantreibung der Geschichte auch nicht wirklich eine Identifikationsfigur innerhalb des Quartetts ausmachen. Es bleiben Opfer, deren Leid man zwar nicht gänzlich an sich vorüber ziehen lassen kann, dafür hat Bogliano die Szenen des Missbrauchs wirklich intensiv umgesetzt, doch man wird nicht so wirklich gepackt. Dies zeigt sich vor allem daran, wenn die Geschichte umschwenkt und die Täter zu den Opfern werden. Die Rache und die Wut der gequälten Frauen explodiert nicht mit so einer Intensität wie in den alten Vorbildern. Auch wenn man hier äußert unschönes bewundern darf, so bleibt man irritiert unberührt von den Bildern. Trotzdem vermag der Film weiterhin den Zuschauer bei der Stange zu halten. Denn so einen äußerst ruhigen Rachethriller hat man schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Es ist ein stimmiger Film, dem mit dem "Exotenstatus" Argentinien als Herkunftsland einmal ausgeblendet, immer noch genügend Eigenständigkeit und vor allem Können der Macher bleibt. Auch das mimische Verhalten weiß zu überzeugen, gerade bei den Protagonistinnen. Die im Film vorkommenden Männer bleiben - noch mehr als die Frauen - blass und haben keinerlei charakterliche Zeichnung geschenkt bekommen. Sie wirken wie unmenschliche Bestien. I'll Never Die Alone konzentriert sich auf den leichten Thrill, der trotz der gewissen Distanziertheit zum Geschehen doch aufkommen kann. Es scheint aber auch ein Kniff zu sein, um so die Frauen gerade bei ihrer Rachetour als stärker gegenüber den Phallusträgern darzustellen. So benutzen diese auch gerne mal ihre Knarren während des Missbrauchs als verlängertes Geschlechtsorgan. Gewalt scheint hier ausschließlich männlichen Geschlechts zu sein. Emanzipiert gibt man sich verhalten, doch wenn gegen Ende die blanke Wut einer der gequälten Frauen über die Todesangst siegt und sie ihrem Peiniger mit wahnsinnigem Blick Paroli bietet, so ist dies bezeichnend. Man könnte sich fürwahr an der dünnen Story stören, doch ist man dies schon von anderen Rape and Revenge-Werken aus der Vergangenheit gewöhnt. Dafür bietet der Film viele andere Qualitäten. Seine langen Einstellungen, die intensiven Aufnahmen der Gesichter und seine Schonungslosigkeit zeugt von Talent und Gespür. Selbst, wenn der Stoff unverkennbar aus der Exploitationecke kommt. Er mag für den Freund gepflegter Hirn aus-Kost zu langatmig erscheinen. Doch wer sich darauf einläßt, bekommt einen guten Rachethriller dem es an der Distanziertheit zu den Figuren krankt. Wäre der Film etwas mitreißender gestaltet, so wäre der gute Gesamteindruck noch steigerbarer.
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