17. März 2011

Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf

Um einen Horrorfilm richtig zu bewerben und dem Publikum näher zu bringen, scheute man nie vor superlativen. Da wurde dann der schrecklichste, grausamste, brutalste, furchterregendste oder auch spannendste Film aller Zeiten vollmundig angekündigt und nicht selten stellt man das Werk dann auch gleich auf eine Stufe mit anerkannten Klassikern. Die deutschen Verleihs glänzten dabei in den letzten Jahrzehnten mit so einigen markanten Sprüchen bzw. Werbemaßnahmen. Allerdings schaffte es in all' den Jahren dabei nur ein Film, laut Hinweis auf dem deutschen Kinoplakat, dass er sogar für die in Deutschland geltende höchste Freigabe ab 18 Jahren zu schrecklich war. "Der Verleih empfiehlt, nur Erwachsenen über 21 Jahren den Zutritt zu gestatten" prangte da also gut sichtbar auf dem Poster zu dem 1979 entstandenen und ein Jahr später in den deutschen Lichtspielhäusern gestarteten Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf, bei dem auch schon der deutsche Titel sehr sensationsgierig anmutet und um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlt.

Und dises hat der Film nicht nur von den Zuschauern erlangt. Im Videoboom der 80er Jahre wurden auch schnell einige Jugendschützer auf den im Original betitelten Buio Omega aufmerksam und ließen das Werk zügig nach §131 StGB (Gewaltverherrlichung) beschlagnahmen. Dabei ist Sado gar nicht mal wie andere Filme der damaligen Zeit eine übermäßig blutige Angelegenheit. Nicht, dass der rote Lebenssaft hier nicht fließt, man kann ihn auch ohne großes Zögern in die Schublade der Splatterfilme stecken doch rein vom graphischen Gewaltfaktor hält man sich hier doch erstaunlich zurück. Allerdings ist das ganze Sujet äußerst unerquicklich, unangenehm und für einige konservative Zeitgenossen (damals wie heute) zudem mehr als nur geschmacklos und tabubrechend. Verantwortlich für so einen unangenehmen Film zeichnet sich der leider 1999 gestorbene Regisseur Aristide Massaccesi, der diesen unter seinem bekannten Pseudonym Joe D'Amato runterkurbelte. Dem auch als Kameramann tätig gewesenen Massaccesi, immerhin lernte er sein Handwerk unter anderem bei Mario Bava, eilte und eilt immer noch ein Ruf als Schmuddelfilmer hervor. Schon in seinen reinen Arbeiten an der Kamera und auch bei einigen seiner billigsten Werken blitzt allerdings mal mehr, mal weniger auch sein Talent hervor. Am ehesten spielt er dies noch in seinem Debütfilm Die Mörderbestien (1972) aus, den man als albtraumhaftigen, ganz leicht poetisch angehauchten Horrorfilm (allerdings selbst hier schon mit einigen blutrünstigen Effekten angereichert) beschreiben kann. Der später nur noch im Pornobusiness agierende Massaccessi war für den deutschen Jugendschützer allerdings keine Eintagsfliege. Mit Man-Eater (1980) und Absurd (1981) schaffte er es sehr locker, berühmt-berüchtigte Horrorflicks zu erschaffen und mit diesen auf die Liste der in Deutschland beschlagnahmten Filme zu gelangen.

Was macht Sado nun aber genau zu einem Film der genüßlich Schrecken und Ekel verbreitet? Alleine schon die von Giacomo Guerrini erdachte, und von Ottavio Fabbri in ein Drehbuch umgewandelte Geschichte ist starker Tobak: Anna, die Verlobte von Frank, einem reichen Schönling desses größtes Hobby das Ausstopfen toter Tiere ist, stirbt an einer mysteriösen Krankheit. Von diesem Schicksalsschlag schwer mitgenommen, gehen in seinem Kopf einige Lichter aus und veranlassen ihn dazu, diese nach der Beerdigung mitten in der Nacht wieder auszubuddeln und ihre Leiche wie die vielen Tiere zu präparieren. Die ausgestopfte, tote Verlobte lagert er dabei dann in seinem Bett. Sehr zum Missfallen seiner Haushälterin Iris, die es auf den Kerl abgesehen hat und die Verlobte schon zu Lebzeiten nicht sehr mochte. Allerdings hilft sie ihm auch, einen Zwischenfall mit einer amerikanischen Anhalterin zu vertuschen, welche er während dem Transport von Annas Leiche mitnahm. Als diese nach seligem Schlummern in Franks Bus aufwacht und diesem beim Präparieren von Anna ertappt, dreht dieser letztendlich so durch, dass er die Amerikanerin umbringt und diese dann mit Hilfe von Iris in Säure auflöst. Während die Beziehung zwischen Iris und Frank sowie dessen Geisteszustand immer seltsamere Züge annimmt und dies auch einige weitere unschuldige weibliche Wesen spüren müssen, taucht eines Tages Annas Schwester auf, welche der Toten ziemlich ähnlich sieht.

Trotz der von der Story aufgetischten Ungeheuerlichkeiten, gibt sich Sado zu Beginn noch sehr verhalten. Fast schon zaghaft steuert D'Amato auf die erste Schlüsselszene des Films zu und läßt sich erstmal etwas Zeit, die Figuren einzuführen. Doch der betuliche Reigen trübt. Auch wenn das Erzähltempo recht gedrosselt erscheint, so steuert Sado unentwegt auf das dunkle Schicksal seines Protagonisten zu. Die Szene die den Film bzw. dessen Geschichte erst so richtig ins Rollen bringt, Franks Ankunft am Krankenbett Annas in derer Todesstunde, ist dabei trotz des limitierten Könnens von Kieran Canter dramatisch recht adäquat von D'Amato umgesetzt. Schon hier und auch in späteren Szenen wünscht man sich ab und an einen anderen Hauptdarsteller, schafft es Canter doch meist nur gut auszusehen, als auch noch schauspielerische Glanzleistungen abzuliefern. Seine Trauer nach dem Tod seiner Verlobte ist schon sichtlich angestrengt und hat ihn wohl an die Grenzen seines Könnens geführt. Später ist seine Leistung als über den Tod der Liebsten nicht hinwegkommenden, dem Wahnsinn verfallen als ausreichend einzustufen. Schaut man allerdings der Tatsache ins Auge, dass Sado ein Remake (!) eines Psychothrillers aus den 60er Jahren ist, in dem Franco Nero die Hauptrolle inne hat, so ist es wahrlich nicht ganz leicht für Canter, sich an seinem Quasivorgänger zu messen. Allerdings rückt D'Amato anders als angesprochenen Das dritte Auge (1966) hier nicht den psychologischen Aspekt der Geschichte in den Vordergrund. So hätte der aus Irland stammende Canter noch mehr verloren.

Doch man hat ja noch Franca Stoppi als Franks Haushälterin Iris zur Hand, welcher man eine rundum gelungene Leistung attestieren kann. In ihrer sowohl in Aussehen als auch Verhalten streng daherkommenden Figur liegt etwas wahrlich diabolisches. Stoppi bekommt es wunderbar hin, die Boshaftigkeit und das dunkle in ihrem Charakter durch einen grauseligen Blick hervorzuheben und anzudeuten, dass sie eigentlich noch wahnsinniger als ihr Schützling Frank ist. Mit allen Mitteln versucht die Dame, sich in das Leben von diesem zu drängen und gibt für ihn (Ersatz-)Mutter, Geliebte und Gehilfin. D'Amato öffnet äußerst effektvoll einen Abgrund des menschlichen Verhaltens und erschuf mit seinem Buio Omega Jahre bevor aus dem fernen Osten immer heftigere Gewaltorgien mit immer weniger Sinn und Verstand herüberschwappte, die Mutter aller sogenannter Sickos. So abstrus das Szenario seines Films anmuten mag, so wirkungsvoll ist es allerdings umgesetzt. Wenn Frank seiner aufgebahrten Verlobten ein Mittel als Vorbereitung zur späteren Präparation spritzt, scheint D'Amato einen Hebel umgelegt zu haben, gibt er Vollgas und läßt Sado zu einem wahren Ungeheuer mutieren. Auch wenn man dem Film jeder Zeit ansieht, dass er mit wenigen, finanziellen Mitteln realisiert wurde, so ist gerade ab der Schändung von Annas Grab durch Frank und dem Transport derer Leiche zu sich ins Schloss diese etwas billig wirkende Atmosphäre ein wahrer Segen. Sado wird dadurch ein düsterer Look verliehen, das dunkle Schloss läßt leicht an selige Gothic Horror-Zeiten zurückdenken und der weitere Verlauf der Geschichte tut sein übriges.

Wie unbändig roh und mit welcher gnadenlosen Direktheit nun D'Amato agiert und dabei gleichzeitig die dünne Story durch die überwältigende Stumpfheit sogar noch recht gut zu kaschieren weiß, ist wirklich beachtlich. Vorher noch sehr zaghaft, entledigt sich Sado nun seiner "Schüchternheit". Was folgt, sind die angesprochenen Unglaublichkeiten, die zwei tragische Figuren zeigt, völlig losgelassen von Moral und Anstand. Es ist nicht abzustreiten, dass dabei einige Szenen äußerst selbstzweckhaft sind, um die Sensationlust und Gier des Publikums nach immer deftigeren Extremen zu befriedigen. Doch D'Amato schafft es in Sado, diese Extreme so auf die Spitze zu treiben, dass man den Film nur noch als "over the edge" bezeichnen kann. Kein Eisen ist zu heiß, dass es nicht angepackt wird. Gerade Franks über den Tod hinausgehende Liebe zu Anna geizt nicht mit einigen nekrophilen Andeutungen. Hier ist der Film dann allerdings äußerst zurückhaltend. Was D'Amato hier andeutet, wagt erst Jörg Buttgereit in seinem 1987 enstandenen Nekromantik zu zeigen. Dafür bleibt allerdings eine stark morbide Atmosphäre die den ganzen Film durchtränkt und auch trägt. Einziger Schwachpunkt ist hier allerdings nun, dass eben die Figuren wie auch die Geschichte nicht stärker ausgearbeitet wurden. An und für sich ist der Film nur eine Aneinanderreihung einiger äußerst unappektitlicher Szenen, ansatzweise wird auf das psychische Dilemma von Frank eingegangen. Aber man sollte eben nicht erwarten, dass ein Splatterfilm eben auch ein auf den Punkt gezeichnetes Psychogramm ist.

Verwehren kann man sich Sado dennoch nicht. Dafür ist seine Direktheit zu mitreißend ausgefallen. Selbst wenn er vom technischen Standpunkt her nur handwerklich zufriedenstellende Arbeit ist und D'Amato, der auch Chef an der Kamera war, gerade eben hier nicht noch etwas mehr sein Talent zu nutzen machte, kann er durch seine starke Atmosphäre gewinnen. Dies geschieht in Verbindung mit seinem ebenso sehr starken Soundtrack, der von der Kulttruppe Goblin beigesteuert wurde. Alleine schon sein Titelthema ist eine sehr tolle Arbeit der Mannen um Claudio Simonetti. Beim Finale schafft man es sogar noch, ein wenig den Pfad des traditionellen Horrors zu begehen und hier und da einige Gruselszenen mit einzubauen. Es ist eben ein Spiel der Extreme, dem man hier beiwohnt und das unverfroren dafür steht, die niederen Instinkte des Publikums anzusprechen. D'Amato macht daraus keinen hehl und schuf einen in vielen Augen einen sehr billigen Schundfilm. Doch er packt einen einfach durch seine Geradlinigkeit. Sado läßt die meisten Zuschauer hier zu Gaffern eines Unfalls werden. Trotz aller Schrecklichkeit kann man sich eben nicht dagegen wehren, trotzdem hinzuschauen. Und gerade in seiner Übertriebenheit und seiner gut ausgearbeiteten Atmosphäre bleibt er ungeachtet einiger Unzulänglichkeiten ein mehr als nur interessanter Horrorfilm, fernab jeglicher Fantastik, was ihn wohl gerade wegen seiner dadurch gesteigerten Realistik inmitten all seiner Unglaublichkeiten noch etwas heftiger werden läßt.


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