4. September 2011

Aktion deutscher Film

Denk ich an deutsche Filme in der Nacht...

...bin ich um den Schlaf gebracht. Oder aber auch nicht. So schlimm steht es um meine Aversion gegenüber der hiesigen Filmerzeugnisse auch nicht. Immerhin soll ja schon allein wegen des Blognamens eine Offenheit gegenüber den unterschiedlichsten Filmen aus aller herren Länder eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Und tatsächlich: je exotischer das Land, aus dem das Werk stammt, desto interessierter werde ich. Oder wie viele von euch haben schon jemals einen Film aus der Mongolei (in meinem Falle Der Dieb von Ulan-Bator) gesehen? Doch das Land von Dschingis Khan soll nicht unser Thema sein. Die Überschrift deutet es an: es geht um Filme aus unserem Heimatland. Und ausgerechnet immer dann, wenn der Begriff "deutscher Film" an mein Ohr dringt, so wird selbst so einem großen und aufgeschlossenem Filmfreund wie mir kurzzeitig mulmig.

Aber die Aktion, zu die unser liebenswerter, intergalaktischer Affenmensch aufgerufen hat, dient keineswegs dazu, deutsche Filme in Grund und Boden zu dissen. Das Gegenteil ist der Fall. Mit seiner Aktion möchte er zu einem gemeinschaftlichen Erleben von Filmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz anregen und somit auch dem vergessen so mancher kleinen Perle aus diesen Ländern entgegenwirken. Lange hat es gedauert, bis mein Artikel zu dieser Aktion das Licht der Welt erblickte, versprach ich dem werten Bloggerkollegen doch schon vor einiger Zeit in einer Mail auf Dirty Pictures, bei seiner Aktion mitzumachen. Akkuter Zeitmangel hat die Geburt des Artikels etwas verzögert. Doch wie sagt man so schön: was lange währt, wird endlich gut! Und zuallererst bekenne ich mich schuldig. Zu Anfang meiner "Karriere" als Cineast hatte ich hiesigen Filmen gegenüber genauso große Vorbehalte wie ein großer Teil des durchschnittlichen Filmguckers, der nur Mainstream-Fast Food aus der ehemaligen Traumfabrik gewohnt ist. Erst nach und nach, mit den Jahren, bemerkte ich, was für durchaus feine, ja sogar meisterliche Stücke an Film in Deutschland entstanden!

Die Initialzündung kam dabei mit zwei damals noch neueren Filmen, die mich durch ihre mitreißende Machart und einer wirklich sehr eigenwilligen, da frischen und etwas anderen Inszenierung überzeugt haben. Die Rede zum einen von Das Experiment (2001) und zum anderen von Lola rennt (1998). Gerade letzterer hat mich durch seine visuellen Experimente und Eigenheiten wirklich geflasht, während Hirschbiegels Thriller-Drama ja wirklich ein den Zuschauer sehr einnehmender Film ist. Meine Vorurteile wichen immer mehr und da ich mich auch rein vom Geschmack her weiterentwickelte (Anfangen bei Horror/Splatter wurde bald alles an Filmen aus jeglichem Genre verschlungen), waren auch deutsche Filme sehr willkommen. Die sich bei mir schon bald entwickelte Vorliebe zum (vornehmlich französischen) Autorenkino ließ mich natürlich auch einige "höhertrabende" Werke aus Deutschland antesten. Bis heute stehe ich dabei mit Rainer Werner Fassbinder auf Kriegsfuss. Ich erkenne sein Werk und Wichtigkeit für den deutschen Film an, doch persönlich bin ich nicht der größte Freund seines Schaffens.

Erst vor einiger Zeit bemerkte ich dabei, dass aus dem filmischen Deutschland eben nicht nur Heimatschmonz, Pennäler-Klamauk, Report- und andere Softsex-Filme, kopflastiges Autorenkino oder Edgar Wallace-Krimis kommen. Diese verbinden ja wohl viele Gelegenheitsgucker mit dem Überbegriff "Deutscher Film". Doch auch ich bemerkte erst sehr spät bei genauerem Wühlen, was es da noch alles an Schätzen aus unserer Heimat gibt. Ich gebe zu, dass hierfür auch das eigene Forum eine perfekte Lektüre bot die hungrig auf die etwas anderen Filmerlebnisse aus Deutschland machten. Dabei stehe ich glaube ich immer noch am Anfang meiner Entdeckungsreise durch die hiesige Filmlandschaft, so viele kleine und größere Perlen gibt es da noch zu sehen. Deswegen schätze ich auch so die Idee des werten Ape-Mans. Dadurch wird man noch ein wenig mehr auf bisher unbekanntere Werke gestoßen oder auch an einige erinnert, die man vielleicht schon fast vergessen hätte.

Da merkt man erstmal, dass es in den vergangenen Jahrzehnten eine Filmindustrie gab, die gleichwohl offener und mutiger als in der heutigen Zeit war. Sicherlich, Till Schweiger hat mit seinen letzten Filmen Erfolge an den Kinokassen gefeiert. Doch meiner Meinung nach stagniert der deutsche Film ein klein wenig. Beziehungs- bzw. Liebeskomödien, Autorenfilme und Dramen scheinen die (Kino-)Landschaft hierzulande zu bestimmen. Bis auf einige rar gesäte Ausnahmen gibt es sonst beim Unterhaltungsfilm keine mutigen Projekte zu vermelden. Solche tollen Reißer wie Zinksärge für die Goldjungen (1973) oder Inspektor Perrak greift ein (1970) scheinen heute genau so wenig möglich wie psychedelische und auch den Geist ansprechende Dinge á la Engel die ihre Flügel verbrennen (1970). Ich möchte aber bei weitem kein Klagelied über die Eintönigkeit der heutigen, inländischen Filmlandschaft anstimmen. Dies tun andere schon zu hauf. Trotzdem wäre es schön, wenn der deutsche Film wieder etwas mehr risikoreicher werden würde. Und das nicht nur unbedingt im Underground. Fröhnen wir in dieser Aktion bzw. nun lieber solcher Werke wie die gerade eben angesprochenen oder auch anderen, schönen Filmen. Es folgen nun nach dieser langen Vorrede zehn von mir wirklich sehr geschätzte, deutsche Filme. Sicherlicht habe ich trotz genauem Nachdenken wieder so einige Lieblinge vergessen. Die Reihenfolge ist dabei rein willkürlich.

1. M - Eine Stadt sucht einen Mörder (Fritz Lang, 1931)
Was der Herr Lang da geleistet hat, besitzt auch heute noch einen schier unglaublichen und mitreißenden Stil, trotz seines Alters. Hier trifft das Wort zeitlos wirklich zu. Und mit Peter Lorre hat man zudem einen grandiosen Hauptdarsteller.

2. Aguirre - Der Zorn Gottes (Werner Herzog, 1972)
Ich mag Herzog. Und ich mag Kinski. Sich für einen der Filme, die die beiden miteinander gemacht haben zu entscheiden, fiel aber gar nicht mal so schwer, da Aguirre in meinen Augen immer noch der intensivste ist. Kinski gibt keine 100, er gibt 1000%. Ein großartiges historisches Drama mit ganz eigener Atmosphäre.

3. Blutiger Freitag (Rolf Olsen, 1972)
Heinz Klett! Wer den Film kennt, bekommt ein freudiges und wissendes Grinsen ins Gesicht gezaubert wenn er diesen Namen hört. Ein räudiges und hartes Stück Film von einem der interessantesten Handwerker der deutschen Filmindustrie der 60er und 70er: Rolf Olsen. Reißerische Krimikost die mitreißt. Nicht nur durch den sehr gut aufgelegten Hauptdarsteller Raimund Harmstorf.

4. Der Totmacher (Romuald Karmakar, 1995)
Man mag von Götz George halten, was man will: der Mann kann spielen! Dies hat er auch in einigen anderen Filmen gut zur Schau gestellt, doch was er hier als Serienmörder Fritz Haarmann vermag, ist meiner Meinung nach seine beste Leistung. Das Kammerspiel ist eindringlich und die auf den originalen Aussagen Haarmanns beruhenden Monologe/Aussagen lassen einen in Verbindung mit Georges Darstellung so manches mal fassungslos werden.

5. Die Zärtlichkeit der Wölfe (Ulli Lommel, 1973)
Und nochmal Haarmann. Diesmal wurde der Stoff vom Gefolge Fassbinders - Lommel als Regisseur, Kurt Raab als Hauptdarsteller - verfilmt. Eine wohl schon etwas vergessene Perle, mit einer sehr unbehaglichen Stimmung gesegnet. Auch wenn Raab nicht an George im Totmacher heranreicht, so haucht auch er in seiner Interpretation Haarmanns diesem Leben ein.

6. Roula (Martin Enlen, 1995)
Eine sehr zurückgenommene Inszenierung, die dafür ihre Stimmung intensiviert und Anica Dobra als Hauptdarstellerin aufblühen lässt. Ein eindringliches und fesselndes Psychodrama mit einem heiklen Thema.

7. Die Schlangengrube und das Pendel (Harald Reinl, 1967)
Gothic Horror aus Deutschland. Kann das funktionieren? Und ob! Unter der routinierten Regie von Reinl und mit reichlich Starpower versehen (u. a. sind Christopher Lee, Karin Dor und Lex Barker mit von der Partie) hat dieser einen atmosphärischen und überaus bunten, aber auch sehr liebevoll umgesetzten Grusler geschaffen.

8. Das Millionenspiel (Tom Toelle, 1970)
Eine TV-Produktion aus den 70ern mit dem damaligen Hitparade-Moderator Dieter Thomas Heck und Komiker Dieter Hallervorden vor der Kamera. Ein sehr guter und spannend umgesetzter Thriller der Filme wie Running Man (1987) vorweg nimmt und eine auch heute noch aktuelle Betrachtung auf die Sensationslüsternheit der Medien ist.

9. Jenseits der Stille (Caroline Link, 1996)
Ein leises Drama, dass Frau Link hier eingefangen hat und durch eben diese leisen Töne, die es einschlägt auch so begeistern kann. Dazu ist der Film auch noch mit einer wirklich schönen Kameraarbeit gesegnet.

10. Nosferatu - Symphonie des Grauens (Friedrich Wilhelm Murnau, 1922)
Einer der ganz großen, beinahe schon ein "Überfilm", obwohl noch aus der Stummfilmära stammend. Dafür definiert er teils die Darstellung des Vampirs im Film für die nächsten Jahrzehnte, baut eine dichte Atmosphäre auf und kann selbst heute noch mit wunderbaren Einstellungen begeistern. Und über die Darstellung Max Schrecks als Graf Orlock braucht man ohnehin nicht reden.

Dies waren sie nun: zehn sehr geschätzte und sehr gerne gesehene Werke aus Deutschland. Mit Sicherheit habe ich dabei einige Filme vergessen oder auch übersehen, die ich auch noch sehr gerne mag. Doch die hier aufgelisteten Werke sind vor allem auch Titel, die mir ohne großes Überlegen sofort in den Kopf geschossen kommen, wenn man mich nach meinen Lieblingen aus Deutschland fragt. Bis auf einige Abweichungen sind da vor allem auch Standardwerke vertreten, aber es ist ja keine Pflicht, mit den unbekanntesten Filmen zu punkten. Wie erwähnt: das sind meine Favoriten. Außerdem ist diese Aktion auch dafür da, auf eine unheimlich interessante Entdeckungsreise zu gehen. Und auf diese begebe ich mich auch jetzt!

Denn das sind meine größten Erwartungen an die Aktion. Spannende und interessante Beiträge zu einem doch immer noch vernachlässigten Thema und einem großen und weiten Feld, das an einigen Stellen noch kaum erforscht ist bzw. wieder in die Erinnerung gerufen werden muss. Da wird mit Sicherheit das Wissen erweitert und auf so manchen Film aufmerksam gemacht um so den Hunger nach neuen Filmen und Erfahrungen mit diesen, die so unterschiedliche Hintergründe aufweisen können, zu stillen. Und wir Filmliebhaber wissen ja, dass so ein Hunger ab und an beinahe schon als unstillbar oder wenigstens sehr groß bezeichnet werden kann. So bin ich noch auf viele tolle Beiträge und Vorstellungen gespannt.
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