6. Februar 2018

Blade of the Immortal

Legende. Unsterblich. Viele Fans klatschen diese beiden Wörter gerne mal einigen gar nicht mal so talentierten Regisseure diese Attribute an die Backe, wenn sie mit verklärtem Blick an eben diese denken. Man kann sich trefflich darüber streiten, ob der Japaner Takashi Miike schon mit diesen Status bedacht werden kann. Bei mittlerweile 100 Filmen, die auf das Konto des umtriebigen Regisseurs gehen, sind auch eher maue bis weniger goutierbare Werke darunter vorzufinden. Dazwischen finden sich allerdings wirklich großartige Werke wie Audition oder The Bird People in China, die gar nicht mal für die Trademarks des Japaners, entfesselte, wahnwitzige Verrücktheiten, stehen. Die findet man z. B. eher in der splattrigen Manga-Verfilmung Ichi - The Killer. In seinem Jubiläumswerk, ebenfalls die Verfilmung eines Mangas, lassen diese auf sich warten. Blade of the Immortal fühlt sich trotz exzentrischer Eigenheiten seiner Nebenfiguren und zwei episch ausgelegten Kampfszenen geerdet und zurückhaltend an.

Miike erreicht die Dreistelligkeit in seiner Filmographie; die Besonderheit des Jubiläums scheint grenzenloses Gaga, das verrückt sein, nicht zu erlauben. Bedeuten 100 Filme das erwachsen werden des seit mehr als 27 Jahren hinter der Kamera hantierenden Mannes? Erlaubt anders als die Comicvorlage der festliche Umstand es nicht, den Irrsinn walten zu lassen? Der Einstieg verspricht gegenteiliges. Was anderen ein ausgedehntes Frühstück, ist für Protagonist Manji ausgedehnte Rache. In hübschem Schwarzweiß metzelt der herrenlose Samurai nach der Ermordung seiner Schwester den Mörder und seine Kumpanei gnadenlos nieder um sich dann dem Fluch der Unsterblichkeit zu ergeben. Der schwer verwundete Kämpfer wird von einer geheimnisvollen, alten Frau behandelt, indem sie ihm Blutwürmer in die Wunden und den Mund stopft, woraufhin diese auf schnellste Art heilen. Fünfzig Jahre später wird Manji von der kleinen Rin angeheuert, um ihren getöteten Vater zu rächen. Widerwillig lässt sich der Einsiedler darauf ein, streift mit dem kleinen Mädchen, dass ihn an seine tote Schwester erinnert, durch die Lande und sucht nach Anotsu, dem Mörder von Rins Vater und Entführer ihrer Mutter.

Auf dieser Reise trifft das Duo auf skurrile Personen, die ihnen nach dem Leben trachten und Manji zum Duell fordern. Dieser gewinnt diese zwar, bekommt dabei selbst ordentlich auf die Nuss. Seine Unsterblichkeit lässt ihn apathisch das Schwert schwingen; der herbeigesehnte Tod bleibt ohnehin aus. Am Ende steht der Schmerz, der einen niedergeschlagenen Tanz mit einer sehnsüchtigen Lebensmüdigkeit aufführt. Unsterblichkeit wird hier nicht als Glück spendendes Privileg beschrieben. Es ist ein Fluch, der Manji am Leben bleiben lässt, in dem er lange keinen Sinn mehr sieht. Nachdem er Rins Bitte nachkommt, scheint zuerst keine Besserung in Sicht. Weiterhin schleppt er sich durch die blutigen Konfliktbewältigungen. Egal wie groß die Verwundungen, wie tief die Schnitte der fremden Waffen: am Ende steht Manji als Sieger da. Eine Haltung, die man Miike andichten kann: egal was abgeliefert wird, egal was die Kritik oder die scharfen Worte der (alten) Fans aussagt: am Ende gewinnt er doch, wenn die Kasse - zumindest in seinem Heimatland - wieder klingelt.

Steht Manji stellvertretend für einen müden Regisseur, der mit Herzblut bei der Sache ist, sich aber ausgebrannt fühlt? Blade of the Immortal lässt diesen Eindruck nicht komplett von der Hand weisen. Die geradlinige Geschichte gaukelt Epik vor, dabei ist sie im Endeffekt nur aufgebläht. Einzelne Szenen werden genüsslich ausgedehnt, durch die ständige Konfrontation mit neuen Kontrahenten, bis Manji (endlich) auf den "Endboss" Anotsu trifft, quält der Film fast schon mit seiner redundanten Art. Das trifft zum Leidwesen des Gesamtprodukts auch die Actionszenen, die bemüht knackig inszeniert und durch leicht holpriges Pacing nicht richtig zünden wollen. Der Jubilar und sein Autor Tetsuya Oishi, der für das Buch der japanischen Real-Adaption von Death Note verantwortlich ist, vergessen bei aller Feierlichkeit den richtigen Pepp. Der bekannte Miike-Wahnsinn, auf den der Japaner in meinen Augen leider von vielen Fans festgenagelt wird, hätte dem Film gut zu Gesicht gestanden. So muss man sich mit Ideen, die aus dem Manga stammen und ordentlich umgesetzt worden sind, abfinden. Das hätte zumindest einige Längen auffangen können.

Das alles ist am Ende in der Gleichgültigkeit versunken. Der Staub der Erde legt sich, das Blut der Opfer ist längst in dieser versickert und der sich aufrappelnde Manji, der um sein Leben und für Erfüllung von Rins Wunsch kämpfen muss, als seine Blutwürmer vergiftet werden, kann wieder als filmisches Sinnbild seines Regisseurs gesehen werden. Miike kann straucheln, angeschlagen wirken, richtig sterben kann er (seine Karriere) nicht mehr. Auch Blade of the Immortal war mit 6,8 Million Dollar an den japanischen Kinokassen ein veritabler Erfolg. Miike hat sich längst einen Platz in der Filmwelt geschaffen, einen kleinen, eigenen Thron auf dem er sitzt und von dem er schaltet und waltet. Auch ein König kann einmal müde sein und am Ende eines Tages ein müdes Produkt vorzeigen. Einen Tag später kann alles wieder ganz anders sein und man wird von einem neuen Wunderwerk überrascht. Blade of the Immortal schafft das nicht. Miikes ersten Dreistelligen kann man Aufgrund fehlender Spannungsspitzen und seinen nicht zu ignorierenden Längen Richtung Durchschnitt davonwandern sehen. Man spürt aber, dass der Japaner ein von starkem, inneren Drang getriebener Vollblutregisseur ist. Vielleicht bekommt er wie sein leider verstorbener, spanischer Kollege Jess Franco noch auf die 200, was uns die Hoffnung gibt, dass noch einige größere Highlights in der wohl noch lange andauernden Karriere Miikes anstehen werden.