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Sonntag, 22. April 2018

Die Jagd

Wenn Thomas Vinterberg etwas kann, dann ist es Manipulation. Wie in seinem Beitrag zum seinerseits von ihm mit unterzeichneten Dogma 95-Manifest Das Fest versteht es der dänische Regisseur auch in seinem  Film Die Jagd den Zuschauer mit geschickten Winkelzügen in eine emotionale Richtung zu drängen und von dort aus seine Empfindungen zu lenken. In ersterem gelingt es ihm durch die Kombination eines heiklen Themas (Kindesmissbrauch) und die um Authentizität bemühten Regeln des Dogma-Manifestes. Damals, bei meiner ersten und bisher einzigen Sichtung von Das Fest ging dies voll auf. Der Film packte mich mit voller Wucht, ließ mich durch die minimalistische Filmtechnik in das Geschehen eintauchen und emotional eine ähnliche Wut auf den Patriarchen der Familie fühlen wie die von ihm missbrauchten, eigenen Kinder. Jahre später kommt der dänische Regisseur wieder auf dieses Thema zurück, welches über die Jahre nichts von seiner Brisanz eingebüßt hat.

In Die Jagd macht Vinterberg den Zuschauer zu einem der wenigen Kenner der ganzen Wahrheit, die das entstehende Drama des Films verhindern könnte. Lucas, ehemaliger Lehrer und jetzt Kindergärtner in einem kleinen Dorf, wird von Klara des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. Was nur Klara, die Tochter des besten Freundes von Lucas, dieser selbst und der Zuschauer wissen: es ist ein Missverständnis. Das durch die Streitigkeiten ihrer Eltern etwas verloren und allein gelassen wirkende Mädchen spricht es aus einer Enttäuschung darüber hinaus aus, dass Lucas ihre kindliche Schwärmerei zurückgewiesen hat. Grete, die Leiterin des Kindergartens, sieht sich gezwungen, Schritte einzuleiten. Sie schaltet die Polizei ein, entlässt Lucas und unterrichtet die Eltern vom im Raum stehenden Verdacht. Der sich nach schwereren Zeiten wieder berappelnde Lucas, dessen noch bei der Ex-Frau lebende Sohn zu ihm ziehen darf und eine kleine Romanze mit einer Küchenkraft des Kindergartens beginnt, sieht sich bald einem wütenden Mob von Dorfbewohnern entgegen, die ihn aus der Gemeinschaft ausgrenzen und ihn ihre Wut und Verachtung gegenüber dem vermeintlichen Kinderschänder spüren lassen.

Vinterberg zieht gezielt die Sympathien des Zuschauers auf den sensiblen und stillen Mann, der mit den Beschuldigungen konfrontiert auf eine seelische Ohnmacht zusteuert. Er macht den von Mads Mikkelsen großartig nuanciert dargestellten Mann zu einem symbolistischen Jedermann, in den man sich hineinversetzen kann und mit seinem Auftreten sich von den anderen Männern des Dorfes, obwohl er ihrem Bund angehört und deren typisch männlichen Ritualen und Verhaltensweisen beiwohnt bzw. aufnimmt, abhebt. Ein modern geprägter Mann, aufgeklärt, rational und trotzdem emotional. Zurückhaltend, fast phlegmatisch lässt der Regisseur den Zuschauer an einem Treffen der Männer des Dorfes und Lucas' Alltag teilhaben, ehe er sich auf den dramatischen Teil seiner Geschichte konzentriert. Da liegen bereits alle Sympathien beim Protagonisten, um aus dem weiteren Verlauf der Handlung eine maximale emotionale Wirkung beim Zuschauer zu erzielen. Hände werden vors Gesicht geschlagen, Figuren wüst beschimpft, Wut entwickelt, wenn die haltlosen Ungerechtigkeiten über Lucas einprasseln. Längst wurde die Unschuld beteuert, sogar die Anschuldigungen zurückgenommen, doch im Moment der gesprochenen Wahrheit wird dies als Nebenwirkung, eine Art Nebenerscheinung des Missbrauchs abgetan.

Die Jagd schildert mit seinem nüchternen Stil, wie eine Lüge, Verdacht, falsche Schlussfolgerungen und Gerüchte wachsen und sich verwurzeln können. Wie Leben und aufgebaute Existenzen beinahe vernichtet werden. Die Macht des Wortes, das sich manifestiert und als unwiderlegbare Wahrheit in den Köpfen der Menschen festsaugt. Vinterberg strickt daraus ein eindringliches Drama und kühle Sozialstudie. Das auf die emotionale Achillesferse des Zuschauers zielende Werk, welches es auch mühelos zu treffen vermag, lenkt damit von fragwürdigen oder irritierenden Punkten der Geschichte ab. Einerseits watscht Vinterberg naive Menschen ab, die in Kindern vollkommen unschuldige Geschöpfe sehen, die nicht dazu in der Lage sind, zu lügen und durch ihre Gutgläubigkeit solche Situationen, wie sie in Die Jagd entstehen, heraufbeschwören. Die dem vermeintlichen Opfer, welches aus einer Laune heraus log, sogar mit suggestiven Methoden beeinflussen um den nicht stattgefundenen Missbrauch zur einzigen (falschen) Wahrheit werden zu lassen. Andererseits weckt dies gleichzeitig eine Ungläubigkeit, das es wirklich solche Menschen überhaupt geben kann/soll. Bevor der Gedanke weiter wachsen kann, lullt Vinterberg nahezu mit der nächsten Attacke auf die offen stehenden Empathieschleusen des Zuschauers ein.

Das fast schlimme, aber auch großartige am Film: es funktioniert, bleibt nachvollziehbar und fühlt sich an, als könnte all das gezeigte wirklich schon passiert sein. Ist Die Jagd allerdings, wie ihm auch vorgeworfen wurde, ein reaktionärer Film? Nein. Viel mehr zielt Vinterberg darauf ab, das Schneeballprinzip falscher Worte und Gerüchte anhand des unbequemen Themas Kindesmissbrauchs aufzuzeigen. Ohne das Thema abzuwerten, baut der Däne in seinem Film einen eigenwillig erscheinenden Kosmos dieser kleinen Ortschaft auf, sinnbildlich für die Gesellschaft, die schnell auf einen vermeintlichen Täter eindrischt ohne auch wirklich die Wahrheit zu kennen. On- wie Offline, auch wenn ersteres komplett vom Film komlett ausgeblendet wird. Selbst nach dem die Polizei alle Anschuldigungen ausräumen konnte, er frei kommt und der Verdacht unbegründet erscheint, bleibt der Mann als Perverser gebrandmarkt. Einmal so, immer so. Gleich, ob dies wirklich die Wahrheit ist. Das alle Frauen des Films negativ dargestellt werden, empfinde ich als unglücklich dargestellt. Wobei ich zugeben muss, dass die Szenen im Männerbund, auf der Jagd nach Wild und auch den Initiationsritus hin zum erwachsen werden mit der Übergabe eines Gewehrs an Lucas Sohn gegen Ende des Films ziemlich unpassend sind. Das ist dann wirklich ewiggestrig; eben reaktionär.

Gegenüber der erstarkenden Frau in der Gesellschaft feindselig und an alten patriarchalischen Strukturen festhaltend ist die Die Jagd weniger. Die Anschuldigungen gegenüber Die Jagd sind nachvollziehbar, entkräften sich in meinen Augen damit, dass Vinterberg sich zu stark auf das innere Gefüge der Dorfgemeinschaft und die auf die Probe gestellte Freundschaft zwischen Lucas und Theo, Klaras Vater, konzentriert und diese etwaigen problematischen Standpunkte nicht beachtete. Vielleicht auch nicht beachten wollte. Als Sozialstudie bleibt es ein unschlagbar guter Film, obwohl das Ende mit dem augenscheinlich in die Dorfgemeinschaft integrierten und rehabilitierten Lucas komisch und unglaubwürdig erscheint. Mit der letzten Einstellung kann der Regisseur und Autor diesen Eindruck entkräften, obwohl die davor geschilderte Story in Verbindung mit der Rehabilitierung Lucas' plötzlich fast lächerlich anmutet. Hunderprozentig gelingt es Vinterberg nicht, dieses fast-hollywood'sche Happy End zu sprengen. Irgendwann stellt man sich die Frage, ob der Regisseur beim Verlauf der Handlung nicht doch nur Klischees verwendet hat, wenn der Verlauf der Hetzjagd auf Lucas so nachvollziehbar erscheint, weil dies eben auch vorhersehbar ist. Dafür hat Vinterberg ein gutes Händchen dafür, den Schneeballeffekt seiner Geschichte mitreißend zu erzählen und daraus eine poitierte Gesellschaftsstudie zu stricken, was Die Jagd zu einem sehr guten Film macht. Selbst wenn er mit der Darstellung eine reaktionäre Haltung vertreten sollte: mit der emotionalen Lenkung des Publikum kann er ebenfalls sehr gut davon wegführen.

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