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Dienstag, 28. August 2018

Hardcore

Ist Ilya Naishullers Debüt Hardcore noch ein an den Grenzen der gewöhnlichen Narration wandelnder Film oder ein gut 90-Minütiges Let's Play eines vom Regisseur insgeheim herbei gewünschten, nicht existenten Games, welches er gerne spielen würde? Komplett aus der Egoperspektive des stummen Protagonisten erzählt, verfolgen wir hier Henry, wie er nach einem Unfall auf dem Labortisch seiner Frau Estelle erwacht. Seiner Stimme beraubt, kann er keine der Fragen stellen, die ihn wohl beschäftigen. Erklärungen liefert ihm seine Gattin kaum. Ihre wenigen Sätze, die sie darüber verliert, wieso Henry einen mechanischen Fuß und Unterarm an seinen Körper montiert bekommt, liefern keine ausreichende Aufklärung darüber. Bevor sie doch ins Detail gehen könnte, ertönt Alarm und eine Computerstimme erzählt davon, dass sich gewaltsam Zutritt zum Labor verschafft wurde. Der Eindringling entpuppt sich als der größenwahnsinnige Akan, der noch eine persönliche Rechnung mit Estelle und Henry zu begleichen hat. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch, entführt der filmische Endboss die Wissenschaftlerin und Henry versucht zusammen mit dem in immer unterschiedlichen Verkleidungen auftauchenden Jimmy, diese aus Akans Fängen zu befreien.

Was mich als kleine Passage in der Verfilmungen Des Kultspiels Doom zu Belustigungsanfällen hinreißen ließ, wird vom russischen Regisseur auf die Spitze des erträglichen und verfolgbaren getrieben. Hardcore ist ein bis oben hin vollgestopfter Actionfilm, der seinen Protagonisten durch etliche Locations jagt, einen hohen Blutzoll fordert und dem Zuschauer kaum Verschnaufpausen schenkt. Ruhige Momente bekommen gar nicht die Möglichkeit, sich zu entfalten. Das nächste Actiongewitter entlädt sich auf dem Bildschirm und präsentiert dabei überraschend gut choreographierte, in den stärksten Szenen mitreißende Kämpfe in allen möglichen und unmöglichen Situationen. Cinematisch ist das nur im Ansatz. Mehr erinnert Naishullers Script auf vielen Ebenen an ein Spiel. Die flache Story verkommt zu einem Alibi, zu einem vertretbaren Grund, die vielen Ideen die man für ultracoole Kracherszenen hatte, aneinander zu reihen. Protagonist Henry bleibt den kompletten Film lang stumm wie die Helden früher Egoshooter; gegenüber der Handlung passiv, einzig dazu da, um als wütende Exekutive den Bodycount in die Höhe zu treiben. Der Rest der Figuren existiert lediglich, um die Story nach vorne zu treiben. Alle verkommen sie gefühlt zu NPCs, die nur an Wichtigkeit gewinnen, wenn es nötig ist.

Auf der anderen Seite bleibt auch Bösewicht Akan schwach, den man alleine wegen der Geschichte gleich Bowser, Dr. Wily, Ganon oder anders hätte nennen können. Naishullers Plan, aus Hardcore ein filmgewordenes, ultraviolent Game zu schaffen, geht auf. Henry kämpft von Szene zu Szene, analog von Level zu Level, bis der Endboss kommt. Die Wummen oder andere Waffen immer im Anschlag, wie aus Egoshootern gewohnt, am unteren Rand des Bildes sichtbar. Man wartet förmlich nur darauf, dass Henry als Filmgimmick ein HUD eingeblendet bekommt. Entgegen der starken Einbeziehung von Spieleästhetik und -mechanismen, ist der entbrennende Kampf auf den Straßen Moskaus auch eine - das muss ich zugeben - ziemlich gelungene Demonstration, zu was Indie-Produktion in der Lage sind. Die Action muss sich, ebenso weit entfernt von jeglicher Logik wie die großen Blockbuster Hollywoods, nicht vor diesen verstecken. Naishuller und sein Team verstehen ihr Handwerk. Als Zuschauer wird man schnell in das Treiben auf dem Schirm gezogen, wie zu Beginn eines Games, welches ohne großartiges Tutorial auskommt, ist man wie Henry selbst ahnungslos. Man möchte mehr von dieser Welt wissen, in der alles möglich scheint.

Sie zu entdecken, fehlt durch das hohe Tempo an einigen Stellen schwer. Die fehlende Verschnaufpause und die hohe Dichte an verarbeiteten Einfällen lässt Hardcore zu einem Setpiece-Overkill werden, bei dem man manchmal fast das weiße Handtuch werfen möchte. Bevor man weiter überlegen kann, packt einen der Film, reißt uns von der Stelle und zieht uns weiter durch die nächste Szene, mit anderer Location, anderen zu bekämpfenden Problematiken. Spaß hat man trotzdem daran, auch wenn die überbordende Coolness zu lasten einer etwas runderen Geschichte geht. Actionfilme müssen nicht aufgebläht und unnötig komplex sein, selbst Freunde der Actiondauerbeschallung dürfte alleine wegen der ungewöhnlichen Perspektive des Films dieser an einigen Stellen zu dünn, vielleicht sogar zu anstrengend sein. Bevor einem diese Erkenntnis im Bewusstsein präsent wird, ist der ganze Spuk mit einem letzten, großen Knall zu Ende. Obwohl Hardcore einfachstes, pures und aufs minimal nötigste heruntergebrochenes Actionkino, dass seine Mechanismen aus Videospielen bezieht, ist, einen Nobrainer-Charakter besitzt, ist der Film kurzweilig und spaßig. Naishuller sollte nur lernen, nicht alle Ideen in ein einzelnes Werk zu knallen. So kann geschehen, dass am Ende keine Nachhaltigkeit, keine bleibende Erinnerung an den Film übrig bleibt. Dafür ist Hardcore die beste Videospiel-Verfilmung eines Games, das überhaupt nicht existiert.

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