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Donnerstag, 23. August 2018

The Pyramid

Beinahe kann man diese Besprechung als "Outing" verstehen. Seht her und rümpft die Nasen! Ziehet die Augenbrauen hoch! Das folgende Geständnis ist gleichzeitig ein erstes, vereinfachtes Fazit: ich finde The Pyramid gut. Jetzt ist es raus. Stille allerorten. Viele Augenpaare sind immer noch geweitet. Ungläubiges Kopfschütteln. Erstes verzweifeltes beißen in den Finger und leicht greifbarem in der Nähe. Irgendwo im Hintergrund murmelt ein elitärer Filmblogger, der sich ohne Studium der Filmwissenschaften für fähiger als Leute mit diesem Abschluss hält, mit abwinkender Geste schlimme Wörter in den Bart. Ich selbst habe einen ersten Besprechungstext komplett über den Haufen geworfen, da ich dort anfing, über die Wahrnehmung des Individuums über Film zu referieren. Das ist mir alsbald einen gesonderten Beitrag wert. Im nun zweiten Versuch und endgültigen Text, den der Leser vor Augen hat, versuche ich mich mehr auf den Film zu konzentrieren. Was mich dazu bewegte, über die verschiedenen Sehweisen zu schreiben? Meine überraschende Feststellung, dass The Pyramid bei anderen Zeitgenossen äußerst schlecht wegkommt.

Grégory Levasseurs bisher einziger Film (die Schlechtfinder schärfen hier schon die böse Zunge um zum "kein Wunder..."-Kommentar anzusetzen) erfindet wahrlich das Rad nicht neu. Er traf bei mir persönlich dafür nicht nur einen, sondern zwei Nerven. Der von mir in seinem Veröffentlichungsjahr mit marginalem Interesse wahrgenommene Film, der mir erst wieder ins Bewusstsein gerufen wurde, als ich las, dass er neu auf Netflix verfügbar ist, versucht dem Zuschauer sein Thema durch seinen semidokumentarischen Stil so nah wie möglich zu bringen. Die Grenzen zwischen den Found Footage-Charakteristika und cinematischer Narrative verschwimmen; Schatten huschen an einer dritten, den Regeln der von vielen deswegen nicht gemochten Handkamerawackelfilmen nach nicht möglichen, Kamera in der titelgebenden Pyramide vorbei. Das ist grob fahrlässig und fühlt sich schludrig ausgeführt an. Gesamt betrachtet kann man The Pyramid trotzdem mehr Found Footage nennen als z. B. Romeros Diary Of The Dead, bei dem man seinem Regisseur schnell anmerkt, wie wenig ihm die gewählte Erzählart liegt.

Zum Zweiten wirft der Film den Betrachter in das von Unruhen durchgerüttelte Ägypten. Weit ab davon buddeln die Archäologen Nora und Holden, ein Vater-Tochter-Gespann einen Sensationsfund aus: eine Pyramide, die geschätzt älter als die bekannten ist und nur drei Seiten besitzt. Die Freilegung geschieht nicht ohne Zwischenfall, als beim Durchbruch ein Arbeiter freigesetzte toxische Luft einatmet. Als nächstes erreicht das Team die Hiobsbotschaft, dass man wegen der Unruhen das Gelände binnen 24 Stunden verlassen soll. Kurz vorm Ziel stehend, überredet Nora ihren Vater, einen von der Nasa geliehenen Erkundungsroboter in das Innere der Pyramide zu schicken. Kurze Zeit später stößt dieser mit etwas unbekanntem zusammen und verliert die Verbindung. Die beiden Wissenschaftler, ihr technischer Assistent und das zweiköpfige Reporterteam, von dem sie für eine Dokumentation auf Schritt und Tritt begleitet werden, rafft sich nach regen Diskussionen in der Gruppe auf, den Roboter aus den alten Gemäuern zu bergen. Nichtsahnend, in welche Gefahr sie sich dabei begeben.

Horrorfilme die thematisch um das alte Ägypten und/oder dessen Mythologie kreisen, rennen bei mir ebenso wie Found Footage-Filme offene Türen ein. Das war nicht die sprichwörtliche halbe Miete für The Pyramid um eine Punktlandung hinzulegen, sind aber zwei nicht zu widerlegende, positive Punkte. Das Setting ist durchaus interessant, der Rest bedient sich bei gängigen Mustern des Genres. Die Gruppierung und deren einzelnen Mitglieder stempelt man schnell als austauschbar ab, sind sie ohnehin nur existent, um mit den im titelgebenden Gebilde lauernden Gefahren zu kämpfen. Bis dahin vergeht wenig Zeit, der Build Up ist zielstrebig; im Inneren der Pyramide spult das Drehbuch weiterhin brav die erprobten Formeln des Horrorfilms ab, was in einer angenehm zügigen Erzählweise geschieht. Levasseur und das Script treiben die Darsteller von einer Szene zur anderen. Schnörkellos. Das Script lässt wenig Leerlauf zu, in dem Konflikte in der Gruppe abgearbeitet werden, die zum nächsten dramatischen Punkt hinarbeiten. Zuerst fühlt sich The Pyramid wie ein in die Neuzeit transportierter Abenteuerfilm aus vergangenen Jahrzehnten an. Der Horroraspekt wird schrittweise in die Geschichte gestreut, die Kontinuität der klassischen Darstellungsweise behält der Film bei.

Nachdem die Wissenschaftler bei der Suche nach dem Ausgang der Pyramide, die erwartungsgemäß ins Gegenteil umschlägt, dem Zuschauer durch ihr Know-How die an die Wände gemeißelte Geschichte des Grabmals näher bringen, ahnt die geübte Genrenase, wie der Braten riechen wird. Die Vorhersehbarkeit nimmt der Geschichte den gewünschten Impact, selbst wenn der Film zuerst ausspart und dem Zuschauer nicht zu schnell die Auflösung präsentiert. Über deren Umsetzung kann man sich streiten. Fakt ist, dass es sich um eine kleine, gering budgetierte Produktion handelt und die CGI wirklich nicht das Gelbe von Hühnerprodukt ist. Das wirft The Pyramid mehr in Richtung Trash, als es der Film ist. Die von den Schöpfern verfolgte Idee bleibt konstant interessant und meines Erachtens gibt es Filme mit höherem Budget, die noch schlechtere, computergenerierte F/X bieten (mein Lieblingsbeispiel: Deep Blue Sea). Auch gibt es in in ihrer Ausführung deutlich üblere Werke. The Pyramid verschleiert nur nie, dass er darauf aus ist, dem Zuschauer für knapp 90 Minuten einfachste Unterhaltung, modernen Pulp, unterzujubeln. In dieser Zeitspanne baut Levasseur eine angenehme Grundspannung auf. Diese bleibt dank der leicht zu durchschauenden Handlung linear und schlägt nie in höhere Regionen aus, bietet jedoch genügend Kurzweil, um schon wenige Minuten, nachdem die letzten Credits über den Schirm gerollt sind, das ganze komplett abzuhaken. The Pyramid ist astreine B-Ware, mit all' den bekannten Dingen des Genres versehen und bot wenigstens für mich ein Feeling wie in den ausgehenden 90ern, als ich die Liebe zum Horrorfilm durch solche Schinken fand und sich daraus mein ganzes Hobby entwickelte.

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