Sonntag, 28. März 2010

Töte Amigo

In Mexiko wütet die Revolution und mitten drin ist dabei auch El Chuncho, ein Bandit der mit seinem Mitstreitern durch das Land zieht und meist auf Raubzug gegen die Militärs ist, um von diesen Waffen und ähnliches zu stehlen, welche dann verhökert werden. Während einem Überfall auf einen Zug lernt er einen US-Amerikaner kennen, den er nur "Niño" nennt und sich der revolutionären Bande anschließt. Während Chuncho neben dem Geld auch auf Wein, Weib und Gesang aus ist, so ist Niño immer nur auf die blanke Kohle aus. Als Chuncho während seinem Aufenthalt in dem Dorf San Miguel endlich ein lang ersehntes Maschinengewehr - für das es  vom federführendenden General Elias so einiges an Pesos gibt, in die Hände fällt - verändert sich die Situation: während er im Dorf zurückbleibt, machen sich Chunchos Mitstreiter auf den Weg, bevor das Militär das Dorf erreicht hat. Allerdings mit dem Maschinengewehr im Gepäck, was Chuncho so nicht auf sich sitzen lassen kann.

Auch wenn sich Töte Amigo dabei im ersten Moment wie ein typischer Italowestern mit dem Hintergrund der mexikanischen Revolution anhört, so untypisch ist er bei näherer Betrachtung dann doch. Sich verantwortlich zeigte sich hier der eher für seine politischen Thriller bekannte Damiano Damiani. Während der 1975 von ihm zusammen mit Sergio Leone gedrehte Nobody ist der Größte noch ungewöhnlicher für den 1922 geborenen Regisseur ist, da eher ein komödiantischer Western, so ist der im Original als Quien sabe bekannte Revoluzzerstreifen eher dem Muster des ofmals politisch motivierten Filmer zuzuschreiben. Wirkte er doch zum Beispiel auch an der vielgerühmten TV-Serie Allein gegen die Mafia (1984) mit und zeigte sich auch in seinen Spielfilmen sehr oft kritisch gegenüber der mafiösen Strukturen im Staat und seiner Politik. Zu seinen bekanntesten Filmen mit diesem Anstrich gehören Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert (1971), Der Tag der Eule (1968), Warum musste Staatsanwalt Traini sterben? (1974) oder auch Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's! (1971). Anfang der 80er war dann Damiani etwas offener was die filmischen Themen anging und so findet man in seiner Filmographie eben auch Amityville II - Der Besessene (1982), das Sequel zum erfolgreichen Okkultschocker Amityville Horror (1979).

In seinem ersten Western kann er es dabei ebenfalls nicht lassen, politische Bezüge bzw. Anspielungen in die Handlung einfließen zu lassen. Vordergründig hat man es hier mit dem bekannten Motiv zu tun, dass einige Gestalten dem verlockenden Traum des großen Geldes nachzujagen. Dabei haben wir mit der Figur des El Chuncho einen einfach gestrickten Mann, der zu hundert Prozent hinter seinen Überzeugungen steht. Er geht zwar mit nicht vollster Disziplin vor, um die laufende Revolution zu unterstützen, aber was soll man von so einem einfachen Kerl auch erwarten. Er ist von der Verlockung getrieben, die eine große Summe an Geld so mit sich bringt. Dabei geht er gnadenlos gegen seine Gegner vor und bedient so manches Klischee. Da wird gesoffen, geraucht, gefressen und auch so manchem Rock hinterher gejagt. Wobei sein Traum bzw. das anvisierte Ziel gar nicht mal so weit weg erscheint wie bei anderen, ähnlich gezeichneten Figuren im Italowestern. Das Maschinengewehr, welches soviel Peso bescheren kann, wird dabei sogar im Verlaufe des Films gefunden. Ihm gegenüber steht sein Amigo, sein Kumpel: einem US-Amerikaner, von hohem stand. Während Chuncho mit einfacher, verdreckter Kleidung durch die mexikanische Wüste reitet, so lernt der Zuschauer den nur "Niño" genannten Mann als Herr von Welt im feinen Zwirn kennen.

Er gibt sich unnahbar und wird dabei herrlich eis- und gefühlskalt dargestellt. So fragt sich Chuncho in einer Szene, was das für ein Mensch ist, der weder raucht, säuft, noch sich für Frauen interessiert. Während der Mexikaner ein vom Bauch und Gefühl getriebener Mensch ist, so ist Niño klar ein kopfgesteuerter Charakter. Berechnend und überheblich. Er strahlt eine gewisse Distanz aus und so ist man sich als Zuschauer bis zu einem gewissen Punkt nicht wirklich im Klaren, welches Ziel der Amerikaner überhaupt verfolgt. Er ist ein gerissener Kerl, der es auch alleine weit bringen kann, aber sich doch diesen gänzlich gegensätzlichen Banditen anschließt. Die einfachen Freuden des Lebens scheinen für ihn nicht existent. Als Antwort auf die angesprochen Frage von Chuncho antwortet Niño ganz kurz und klar, dass ihn das Geld jucke. So ist er auch immer darauf bedacht, die Waffen der feindlichen Militärs und Polizisten zu sammeln und so schnell wie möglich zum Befehlshaber der Revolutionäre, General Elias, zu bringen. Es tönt alles nach einem herkömmlichen Handlungsablauf eines Italowestern, würde da nicht eben Damiano Damiani auf dem Regiestuhl sitzen.

So könnte man den von Lou Castel herrlich unterkühlt dargestellten Niño als eine Verkörperung der gesamten Vereinigten Staaten interpretieren. Man kennt ja die Vorwürfe gegen die Amerikaner: sie geben sich unantastbar und als eine große Macht aus, seien ihrer Meinung das Maß aller Dinge und schauen als Übermacht auf den Rest der Welt einfach herab. So antwortet Niño am Anfang des Films auf die Frage eines kleinen Jungen, ob es ihm denn in Mexiko gefalle, ganz kurz angebunden "Nein. Überhaupt nicht.". Seine Abneigung gegen diese "armen Schlucker" um ihn herum trägt er ganz offen mit sich herum und ihm ist es auch egal, ob er dafür von seinen Mitmenschen verurteilt wird oder nicht. Ideale, wie sie Chuncho und seine Kumpane verfolgen und für diese Leben, scheinen ihm fremd zu sein. Seine Beweggründe sind dabei aber eigentlich genau so nieder wie die der Bande: deren gewaltsames Leben und Handeln begründet sich nicht nur aus der politischen Überzeugung heraus, das gebeutelte Mexiko zu einem besseren Ort zu machen, sondern auch, dass man darüberhinaus durch das Handeln mit Waffen eben sowohl die gute Sache - also die Revolution - unterstützt, als auch den großen Reibach machen kann. Doch dieser Idealismus scheint dem Gringo vollkommen fremd zu sein. Geld, Geld und nochmals Geld sind der Antrieb des Amerikaners, überhaupt mit den Mexikanern gemeinsame Sache zu machen.

Zeit ist Geld. Und so ist für Niño in einer Szene von Töte Amigo die Vergeltung für die geschundenen Bewohner des Dorfes San Miguel, in dem Chunchos Kumpanen die Frau des reichen Gutsbesitzers Don Felipo vergewaltigen wollen, einfache Zeitverschwendung. Man merke hier an, dass ihm dabei allerdings das Schicksal der Dame auch recht egal ist. Egoistisch verfolgt er hier nur das Ziel, soviel Kapital wie möglich zu erwirtschaften. So ist Niño der Inbegriff des herzlosen, eiskalten Kapitalismus, dem das Schicksal einzelner Menschen vollkommen egal ist. Sie sind ein Mittel zum Zweck, um eben an den möglichst hohen Ertrag zu kommen. Dabei wird über Leichen gegangen. Ein selbst heute noch aktueller Kritikpunkt, der kurz im Film angesprochen wird, ist dabei auch das außenpolitische Verhalten der USA. So wird Niño von einem Rebellen mit dem Umstand konfrontiert, dass die Regierung seines Heimatlandes die verhasste mexikanische Führung und deren Militärs finanziell unterstützt. Im weiteren Verlauf der Geschichte könnte man Niño neben der Kapitalismus-Interpretation auch noch als Verkörperung der Staatsgewalt darstellen, deren Schicksal im Aufeianandertreffen der beiden Hauptfiguren aufgezeigt wird. Die politische Dimension von Damianis Western ist wirklich sehr ausgeprägt und sorgfältig ausgearbeitet, so dass das Szenario dieses Films nur als Aufhänger für eine tiefer gehende Erzählung um Gewalt innerhalb eines Staates und den Kampf zwischen arm und reich ist.

Schon andere Italowestern spielen mit politischem Bezug und Anspielungen, gehen dabei aber wohl nicht so weit wie Töte Amigo. Wohlgemerkt in der ungekürzten Fassung, konzentrierte sich doch die alte deutsche Kino- und Videofassung eindeutig auf den grimmigen, trivialeren Part um die Jagd nach dem ganzen Geld. Dabei stellt sich heute noch die Frage, ob der deutsche Verleih damals den Film einfach nur straffen wollte - immerhin geht in seiner Originalfassung knapp zwei Stunden lang - oder die politischen Bezüge absichtlich getilgt hat. Es geht um die Unterdrückung der kleinen, einfachen Leute durch eine Obrigkeit, die dazu mit äußerster Gewalt vorgeht. So ist auch dieses Werk was das angeht, nicht gerade zimperlich. Durch die Überfälle und Duelle mit den mexikanischen Militärs ist so manche Leiche zu zählen und der Wüstenboden müsste dabei schon längst von Blut getränkt sein. In dieser Darstellung gibt sich der Film keine allzu große Blöße, besitzt zwar einen harten Grundton, läßt die Gewalt aber nicht Überhand über die Handlung gewinnen. Damiani stellt da lieber die Zeichnung der beiden Protagonisten in der Vordergrund und läßt sich auch ausgiebig Zeit damit. Längen kommen dabei keine auf, sind die darstellerischen Leistungen von Castel als kühlem und berechnendem Niño und Gian Maria Volonté als Chuncho als idealistischer Kämpfer und Verfechter einfacher Werte über jeden Zweifel erhaben. Da gerät sogar ein gestandener Name wie Klaus Kinski als Santo, dem religiös-wahnhaft auftretenden Bruder von Chuncho, klar ins Hintertreffen. Die starke Frau innerhalb der Banditengruppe, Adelita, wird dabei von der auf Jamaica geborenen Martine Beswick verkörpert, welche auch durch einige Rollen in Filmen der legendären Hammer-Filmstudios bekannt wurde.

Doch hier hat man es dann schon eher mit Nebenfiguren zu tun. Die Beziehung zwischen Chuncho und seinem so ungleichen Freund steht ganz klar im Vordergrund, so dass auch die mexikanische Revolution etwas außer Acht gelassen wird und erst wieder im finalen Akt des Films eine größere Rolle bekommt. Das Verhältnis zwischen den beiden ist dabei ein wunderbares Beispiel für das große Gefälle zwischen den "Privilegierten" und dem einfachen Volk, welches sich für kein Geld der Welt verkaufen wollte. Selbst wenn man es versucht. Einmal Revoluzzer, immer Revoluzzer. Dabei zeigt Töte Amigo auch schön die verschiedenen Seiten eines Menschen. Chucho mag ein harter Hund sein, doch eigentlich hat er sein Herz am rechten Fleck. Er ist eben einer der einfachen Leute aus dem Volk, selbst wenn er hinter dem schnellen Reichtum her ist. Aber er verfolgt seine Ziele eben mit einer Unnachgiebigkeit, die Damiani genauso in Frage stellt wie das Verhalten der mexikanischen Staatsmacht. Die Frage um den (Grat des) Missbrauch von Gewalt steht in einem Film aus einem Genre zur Frage, welches zu seinen Hochzeiten selbst als eben diese Gewalt zum selbszweckhaften Gebrauch einsetzendes Medium kritisiert wurde. Doch dabei erschafft Damiani einen Standard, der Töte Amigo zu einem ganz großen unter den "Spaghettis" werden läßt.

Zwar ist der Film kein bis zur perfektion ausgearbeitetes Revolutionsepos wie etwa Leones Todesmelodie (1971), doch kann man ihn zu einem der besten Vertreter des Genres zählen. Der Produktionsstandard ist hoch, die Umsetzung ist keineswegs schludrig sondern hochwertig ausgefallen. Töte Amigo ist vor allem so ein Film, der seine Vielschichtigkeit erst im Verlauf der Handlung und auch noch hinterher entfaltet, um so eine ganz unnachahmliche Wirkung zu erzielen. Vor allem beschönigt der Film nichts und stellt sich nicht auf eine der beiden Seiten. Sowohl Banditen als auch Militärs werden mit all dem Licht und Schatten dargestellt, die so eine Revolution mit sich bringt. Ideale und Überzeugungen können die Seiten, so scheint es Damiani mit seinem beobachterischen Blick sagen zu wollen, nur mit roher Gewalt und ohne jeglichen Humanismus durchsetzen bzw. verfolgen. Man hat es hier mit großartigem Westernkino italienischer Machart zu tun, welches durch ein kompetentes Team vor und hinter der Kamera getragen wird.
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Sonntag, 14. März 2010

Die Banditen von Mailand

Kommissar Basevi hat alle Hände voll zu tun in den Straßen von Mailand. Egal ob Schutzgelderpresser, Prostitution oder illegale Spielhöllen: die Gangster fallen dem jungen Polizisten reihenweise in die Hände. Etwas mehr zu schaffen macht ihm da schon der brutale Banküberfall einer mit Kalkül vorgehenden Bande von vier Männern, angeführt vom sehr von sich überzeugten Piero Cavallero. In den vergangenen Jahren hat dieser mit seinen Kumpanen schon einige Überfälle auf Banken verübt und hat einen letzten großen Coup geplant. Dieser geht trotz sorgfältiger Vorbereitung etwas schief und auf der Flucht durch ganz Mailand kommen auch einige unschuldige Menschen um bevor der Kommissar mit Hilfe einer aufgebrachten Menschenmenge Bartolini, den Fahrer der Vier, festnehmen kann. Auf der Wache packt dieser aus und schildert Basevi detailliert die Planungen zum Raub während seine Kumpanen, verfolgt von der Polente, versuchen ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Im Jahre 1968 war die Landschaft des italienischen Genrefilms außerhalb des wilden Westens noch recht beschaulich. Der Giallo war zwar schon präsent, doch bis zu seinen stärksten Zeiten dauerte es noch gut zwei Jahre als Dario Argento mit seinem Geheimnis der schwarzen Handschuhe die Welle ins Rolle brachte. An den Poliziotteschi war da noch fast gar nicht zu denken, immerhin hatte dieser seine Hochphase kurz nach dem abbebben der Giallowelle. Auch wenn für dieses Genre ebenfalls Anfang der 70er der Startschuss gegeben wurde. So kann man Die Banditen von Mailand zu einem der ganz frühen Vertreter der Bullen- und Gangsterfilme aus Bella Italia zählen, der gerade in den heutigen Zeiten einen sehr angenehmen, oldschooligen Charme versprüht. Wie die späteren Werke eines Fernando di Leo bietet der im englischen Sprachraum als The Violent Four bekannte Streifen eine gute Mischung aus Milieustudie und geradliniger Krimiunterhaltung, die, anders als bei di Leo, noch gemäßigter zu Werke geht. Auch hier werden zwar schon die garstigen Methoden der Gangster in den Vordergrund gerückt, doch die Brutalität hält im Vergleich mit den großen Werken aus den 70ern sich noch recht in Grenzen.

In Szene gesetzt wurde das ganze Geschehen von Carlo Lizzani. Der 1922 in Rom geborene Lizzani kam nach dem Ende des zweiten Weltkriegs zum Film und machte es sich dort erstmal in der aufkeimenden Bewegung des Neorealismus gemütlich. So arbeitete er an Rossellinis Deutschland im Jahre Null (1948) mit und wurde mit der Mitwirkung am Buch von Bitterer Reis (1950) sogar für den Academy Award nominiert. Desweiteren steuerte er auch noch eine Sequenz zu Liebe in der Stadt (1953) bei und arbeitete hier mit Fellini und Antonioni zusammen. Nach und nach setzte man Lizzani dann auch für trivialere Werke ein, bis er ungefähr ab Mitte der 60er sich ganz der leichten Filmunterhaltung widmete. Startschuß bildete dabei der Thriller Spione unter sich aus dem Jahre 1965. Mit dem ein Jahr später entstandenen Eine Flut von Dollars lieferte er einen von insgesamt zwei Western ab. Der frühere Filmkritiker hüpfte nun also von Genre zu Genre und schaffte es dabei sogar den Schmuddelklassiker Straßenmädchen-Report (1975), von dem sogar eine Hardcorefassung angefertigt wurde, zu drehen. Wie wechselhaft das Werk von Lizzani ist, beweißt unter anderem auch die Tatsache, dass er auch für das Kriegsdrama Mussolini - Die letzten Tage (1974) verantwortlich ist. Weitere bekannte Werke von ihm wären noch der Abenteuerstreifen Verflucht in alle Ewigkeit (1969) mit Terence Hill in der Hauptrolle und der Bud Spencer-Streifen Der Sizilianer (1972).

Bei Die Banditen von Mailand merkt man dabei, wie gut Lizzani die Gratwanderung zwischen anspruchsvollerem und trivialen Kino gelang. So ist der Film zu Anfang ein semidokumentarisches Stück welches Tomas Milian, zur damaligen Zeit noch sichtlich jung und grün hinter den Ohren, als Kommissaren bei seiner Arbeit begleitet. Der meist unsichtbare Reporter beschäftigt sich dabei mit der Frage, woher die aufkommende Brutalität der jüngeren Gangstergeneration kommt. Mit einem Interview eines Ganoven der alten Garde und von Milian geschilderten Fallbeispielen wird gezeigt, dass den jüngeren Kriminellen eine gewisse Moral fehlt, die man damals hatte und so zum Beispiel vor Mord an Unschuldigen zurückschreckte. Lizzani beschäftigt sich hier nicht groß mit dem Vorstellen von gewissen Charakteren sondern wirft uns gleich in das Geschehen. So sind nach dem recht kurzen deutschen Credits die ersten Szenen, wie ein Mob von Menschen einen Gangster dingfest macht. Nach der angesprochenen dokumentarischen Abhandlung der Arbeit von Basevi wechselt man auf eine gewohntere Erzählstruktur. Der Einstieg, wie ein Pulk von Menschen einen Kriminellen stellt, wird wieder aufgenommen. Dieser sitzt nun auf der Polizei und schildert dem Kommissaren sowie dem Zuschauer in einer Rückblende, wie es zu dieser Situation zu Beginn überhaupt kommen konnte. Diese wird also auch nochmal mitten im Film aufgegriffen und erst dann erzählt Lizzani die mittlerweile begonnene Geschichte um eine Bande von Bankräubern zu Ende.

Ein schöner erzählerischer Kniff, der es so schafft, den Zuschauer bei Stange zu halten. Wobei man sich hier nicht über fehlende Spannung beklagen muss. Die Bildung des Teams, Ausarbeitung und Durchführung des Bankraubs ist ohnehin schon ein sehr toller Prozess, den Lizzani sorgfältig ausgearbeitet schildert. Somit rückt die Polizeiarbeit von Milian alias Herrn Basevi in den Hintergrund bzw. wird immer nur sehr kurz angeschnitten. Der später durch seine Rollen in Poliziotteschi wie Der Berserker (1974) oder Die Kröte (1978) viel gerühmte Milian bleibt hier noch recht verhalten. Zwar macht er seine Sache ordentlich, doch großartige mimische Akzente kann er anders als in seinen Rollen in den 70ern noch nicht setzen. Wobei der eigentliche Star von Die Banditen von Mailand auch eher Gian Maria Volonté ist. Sein Piero Cavallero ist ein einnehmender und großartig gemimter Charakter, der sich als vollkommen und perfekt ansieht. Die Überdosis Selbstvertrauen wird dem ganz schön gerissenen und skrupellosen Herrn letztendlich aber auch sein Untergang. Wobei er selbst nach dem Scheitern seines so herrlichen Plans immer noch so schön verblendet ist, dass er sich trotz Niederlage als halber Sieger sieht. Der 1994 leider schon verstorbene Volonté trumpft geradezu auf und überzeugt durch nuancierte Mimik und Spielfreude auf. Er scheint ein gescheiterter Revoluzzer zu sein, wie eine kurze Sequenz andeutet, als sein Waffenhändler anmerkt, dass er aus der Partei geschmissen wurde. Auch in dieser Phase seines Lebens scheint Cavallero zu sehr von seinem einnehmden Ego bestimmt gewesen zu sein.

Neben Volonté wird Die Banditen von Mailand vor allem durch seine Erzählstruktur getragen, die auch inmitten der Handlung von einigen kleinen dokumentarischen Stilelementen durchdrungen wird. Der Reporter vom Anfang fungiert hierbei als erklärender Zusatz, wenn Lizzani urplötzlich zwischen Zeitebenen springt oder kurz vor dem großen Banküberfall dem Zuschauer die späteren, unschuldigen Opfer vorstellt. Hinterher muss man gestehen, geht dem Film etwas die Luft aus. Da gingen Lizzani eventuell die Ideen und die Actionanteile aus. Zwar fliegt hier nicht so dolle die Kuh wie in späteren Poliziotteschi, trotzdem können die Mailänder Banditen auch hier überzeugen. Egal ob Schießereien oder Verfolgungsjagden, auch die Action paßt sich dem gehobenen Niveau des Werks an. Die Kamera hält frontal auf das Geschehen, welches von dynamischen und schnellen Schnittfolgen verstärkt wird. Unterstützt werden diese Szenen vom einem funky Soundtrack aus der Feder von Riz Ortolani, durchtränkt vom damaligen Zeitgeist aber hundertprozentig passend. Dieser schafft es dabei auch die härtesten Szenen des Films mit Stücken zu untermalen, die unheimlich catchy sind. Trotzdem sinkt der Spannungspegel im letzten Viertel rapide und Lizzani kann auch mit dem Ende nur noch schwer versöhnen. Wobei man hier immer noch realistischer und nicht so abgehoben erzählt, wie die Kollegen einige Jahre später.

Daher auch die recht ungeschönten, grobkörnigen und triste Bilder um den Grundton des Films einfach wie möglich zu halten. Hier und da gibt es eine tolle Einstellung oder Montage, doch an und für sich ist Die Banditen von Mailand ein sehr nüchterner Film. Es ist eine Momentaufnahme gescheiterter Figuren, die von einem besseren Leben träumen und dabei mit Piero Cavallero an einen gefährlichen Egomanen gerät, der um sich selbst und sein Ego zu befriedigen, den Weg der Kriminalität beschreitet. Seine Sucht im Mittelpunkt zu stehen, wird gerade durch das Ende nochmal sehr gut dargestellt. Er genießt das Bad in der Menge, ganz egal, welchen Hintergrund dieses überhaupt hat. Der Traum vom Reichtum und Aufmerksamkeit um seine Person ist überhaupt der ganze Antrieb hinter seinen Taten. Er ist rücksichtslos und voller Zynismus, den Lizzani in seinem Film sehr gut transportieren kann. Dieser schuf mit Die Banditen von Mailand eine kleine, frühe Perle des italienischen Polizei- bzw. Gangsterfilms, der mit einem gelungenen Anteil an Spannung und Action aufwarten kann und dabei sogar die Figurenzeichnung nicht außer acht läßt. Sie ist vielleicht nicht so richtig ausgearbeitet wie in anspruchsvolleren Autorenwerken, doch Lizzani kann seinen neorealistischen Hintergrund auch durch die Zeichnung des einfachen Bürgers im Film nicht verleugnen. 

Einzig und allein das etwas sang- und klanglose Ende stellt hier einen kleinen Minuspunkt dar. Ansonst bietet Die Banditen von Mailand eine gute Mischung aus klassischem Kriminalfilm, der schon einige Elemente der späten Poliziotteschi in sich trägt und leichter Gesellschaftsbeobachtung bzw. -kritik. Zusammen mit einem erlesenen Cast, unter dem ein ebenfalls noch recht junger Ray Lovelock sowie die britische Darstellerin Margaret Lee zu finden sind, hat man es hier mit einem erlesenen Gangsterstreifen zu tun, der mehr als nur einen flüchtigen Blick wert ist.
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Samstag, 20. Februar 2010

Tochter des Satans - Dark Angel


Der junge Arzt Max Barris nimmt die sehr geheimnisvoll erscheinende Veronica mitsamt ihrem Hund bei sich zu Haus auf, nachdem sie von einem Auto angefahren wurde und sie in das Krankenhaus, in dem er arbeitet, eingeliefert wurde. Die junge Frau die anscheinend kein zu Hause besitzt, scheint zudem etwas weltfremd zu sein und glaubt an das bekämpfen des Bösen auf der Welt als größtes Gut. Kein Wunder, ist sie doch ein aus der Hölle geflohener Dämon, der schon seit langem von einem Aufenthalt in der "Außenwelt" träumt. Dabei trifft sie auf ihren nächtlichen Touren auch auf so einige schlechte und bösartige Menschen und liest ihnen auf ihre sehr eigene, da grausame Art, die Leviten. Als sie dann auch noch durch die TV-Nachrichten auf den korrupten Bürgermeister der Stadt trifft und sich den Plan faßt, ihn von seiner Schlechtigkeite zu befreien, ruft dies zwei Cops auf den Plan, die in den vorgefallenen Mordfällen ermitteln. Durch ihre sehr eigene Art fällt sie für das Duo schnell in den Kreis der Verdächtigen.

Dabei hat man dann als Zuschauer nach Genuss dieses Films einen sehr zwiegespaltenen Eindruck. Einige gute Ansätze besitzt er zwar, doch leider schafft er es dabei allerdings nie, diese so gut anzuwenden, dass das Filmerlebnis auch wirklich rund und zufriedenstellend ist. Ein Problem, die so mancher Fan mit den Filmen aus dem Hause Full Moon hat. Gegründet wurde das Studio von Genre-Vielfilmer Charles Band im Jahre 1989, nachdem er seine alte Produktionsstätte Empire schließen musste. Trotz solcher Hits wie Re-Animator oder auch der Ghoulies-Reihe musste man das für seine Low Budget Horror- und Sci-Fi-Produktionen bekannte Studio leider Ende der 80er wegen finanzieller Probleme schließen. Band wollte mit Full Moon dort weitermachen, wo er mit Empire aufhörte und der erste vom neuem Studio produzierte Film sollte auch gleich ein voller Erfolg werden. Dieser hörte auf den Namen Puppet Master und war der Start für eine langlebige und äußerst erfolgreiche Reihe aus dem Subgenre des Puppenhorrors. Trotz günstigster Produktionsumstände schaffte man es im Hause Full Moon seinen Werken ein im Rahmen des B-Films durchaus sehr ansprechendes Aussehen zu verleihen. Neben Puppet Master schaffte man es über die Jahre noch andere erfolgreiche Filmreihen zu etablieren, wie etwa die Subspecies-Filme, welche im Vampirgenre zu Hause sind, oder der eher im Science-Fiction-Genre beheimateten Trancers-Reihe. Zu weiteren bekannten Produktionen aus dem Haus Full Moon gehören zu dem der Stuart Gordon-Film Castle Freak (1995), der ebenfalls Spielzeug zum Horror erweckenden Demonic Toys (1992) oder auch der ebenfalls von Stuart Gordon realisierte auf der Geschichte "The Pit And The Pendulum" von Edgar Allan Poe basierenden Meister des Grauens (1991). Nach langen Jahren des fröhlichen Produzierens etlicher Low Budget-Filme aus dem phantastischen Genre, entschloss sich Band 2002 die Full Moon-Studios zu Grabe zu tragen. Nach zwei Jahren kam es allerdings schon wieder zum Comeback von Full Moon.

Nur leider ging schon seit längerer Zeit der Charme, den die früheren Produktionen aus diesem Hause sehr wohl innehatten, leider immer mehr verloren. Die Zeiten ändern sich und der derzeitige sehr kalte und sterile Look so mancher kostengünstigen Filmproduktion kann durch den Mangel an Atmosphäre so manches Filmvergnügen eher zunichte machen. Mit diesem Problem hat auch der 1994 entstandene Tochter des Satans zu tun, bei dem leider immer etwas ein schon sehr billiger Videolook mitschwingt. Wobei man es dann teils doch schafft, ein wenig stimmige Atmosphäre zu vermitteln. Leider kann diese nicht über die ganze Laufzeit geschafft werden. Dabei ist die Eingangssequenz in der Hölle sogar recht nett gemacht und schafft durch Farbgebung und Ausleuchtung ein angenehmes Ambiente. Richtig doller Horrorlook zum Schwelgen ist es natürlich nicht, aber gerade für Full Moon-Verhältnisse wirklich gut umgesetzt. Und auch wenn man hier die Hölle als einen grausamen Ort darstellt, so gefällt der Ansatz, dass alle dortigen Dämonen und Schergen Diener Gottes sind, die seinem Befehl unterstehen und dabei sogar beim allabendlichen Essen ein Tischgebet abhalten und sogar ein Kreuz in ihren Behausungen haben! Man will hier sogar aus gängigen Klischees aussteigen, tischt einige lustige Unglaublichkeiten auf aber schafft es nicht, dem anhängenden Trashappeal eine lustige und unterhaltsame Komponente hinzuzufügen.

Diese stellt sich erst spät im Film ein, der bis zu diesem Zeitpunkt als x-fache Direct-to-Video-Produktion ohne größere Ereignisse bzw. Überraschungen auskommt und nach einem doch schon bekannten Schema abläuft. Wenigstens kommt man schnell zur Sache und nach einer kurzen Einführung der verträumten Dämonin Veronica und ihrer Familie, die vor allem durch einen strengen Vater der nichts von den Träumereien von der Außenwelt hält, dargestellt wird. Also macht sich die junge Dame flugs mit ihrem Hund der auf den liebreizenden Namen Höllenreiter sehr schnell auf Richtung Oberwelt. Wie man es sich aus diversen anderen Streifen denken kann, gibt sich die höllische Kreatur, die sehr schnell ihre Hörnchen, den Schwanz und auch die Flügel ausblendet um nicht zu sehr unter dem Menschenvolk aufzufallen, ziemlich fremd und seltsam. So steht sie nach ihrem Aufstieg in die unserige Welt splitterfasernackt im rumänischen Setting herum, welches mühsam vom Film als amerikanische Großstadt verkauft wird. Dank ihres mit so einigen schönen Talenten ausgestatteten Wauwaus bekommt sie aber schnell mal was zum Überziehen und trifft dann alsbald auf Max. Zwar kann man sich hier schon denken, dass es zwischen der gar nicht mal so unattraktiv auftretenden Angela Featherstone und ihrem Partner Daniel Markel knistern könnte, aber auch hier umschifft man etwas das altbekannte Klischee des typischen verliebens, da man ja die meiste Zeit nahe aufeinander hockt.

Aber Spannung möchte so nicht wirklich aufkommen und auch wenn Veronica während den Schichtzeiten von Max die Umwelt erkundet und da so einige böse Buben mal mehr, mal weniger effektiv und blutig bestraft, möchte das noch nicht so sehr hinter dem Ofen hervorlocken. Man gibt sich Mühe, Tochter des Satans nicht allzu billig aussehen zu lassen und ihn zu einem soliden Film werden zu lassen, doch von nervenzerreißendem Horror ist man hier weit entfernt. Auch wenn die Polizei auf den Plan kommt und in den Morfällen ermittelt, möchte sich nicht größeres Interesse am Stoff aufbauen. Als reiner Horrorfilm ist das zu wenig, auch wenn man wohl versucht, eine Gratwanderung zwischen modernem und altmodischem Genrekino hinzubekommen. Der Film gerät allerdings doch ab und an ins Wanken. Erst beim Date zwischen Veronica und Max kann der Film dann mit seinem Trashappeal punkten und bietet so einige unterhaltsame Szenen, die mit zu den Stärksten des gesamten Werks gehören. Wenn schon nicht solide Filmkunst, dann wenigstens unfreiwillige Komik, die allerdings für einen runden Gesamteindruck auch zu wenig ist. Dafür kann dann allerdings Mike Genovese mit gehörigem Overacting punkten, nachdem ihm Veronica ihr Geheimnis anvertraut hat. Man fragt sich aber dann schon, was die Cops in der Geschichte verloren haben, wird ihre Arbeit doch recht halbherzig und die beiden auch eher als komisches Duo dargestellt. Selbst das bestreben Veronicas, den Bürgermeister von seinem sündigen Treiben wird sehr unausgegoren und ideenlos vorangetrieben. Durch einen eigentlich ziemlich grundsoligen Charakter des gezeigten, versickert dann auch wieder das angesprochene Trashfeeling.

Selbst die mimischen Qualitäten geben keinen Grund zum Amüsement, bis auf die angesprochene Szene Genoveses. Man sollte natürlich keine überragenden Leistungen erwarten, doch für Low Budget-Verhältnisse geht das ganze schon in Ordnung und läßt einen daran erinnern, dass man wirklich schon schlimmeres gesehen hat. Wobei die Hauptdarstellerin wohl eher durch ihr Aussehen gecastet wurde, aber auch sie sich ordentlich anstrengt. Über all die Zeit kann man Tochter des Satans dabei nicht mal als Ärgernis ansehen. Es ist ein durchschnittlicher Film, dem es zu sehr an Atmosphäre und ansprechendem Spannungsbogen fehlt, da er in seiner Geschichte etwas zu sehr auf das Zurechtkommen der Protagonistin in der menschlichen Welt eingeht. Ist zwar an und für sich auch nett anzusehen, nur von Schreck- und Schockmomenten ist man hier sehr weit entfernt. Der Film driftet einfach zu schnell wieder in die Belanglosigkeit ab, um auch hargesottene Allesglotzer wirklich zu überzeugen. Selbst für B-Film-Überfreunde dürfte dieses Werk eine teils harte Geduldsprobe sein, da man nur selten auf seine Kosten kommt. Spät kommt man in Fahrt und schafft es dabei nicht, bis zum Ende in der Bahn zu bleiben. Gerade wenn Veronica sich aufmacht, den Bürgermeister aufzusuchen, fällt die Ideenlosigkeit auf, die da schon im Drehbuch klaffte. Da bleibt hinterher nur ein Stirnrunzeln und Schulterzucken übrig, wenn das Finale hier einige große Sprünge macht, nur weil nichts mehr einzufallen schien.

Hinzu kommt, dass man das Ende auch recht cheesy gestaltet hat. Hätte vielleicht anders ausgesehen, wäre aus dem Film eine weitere Reihe aus dem Hause Full Moon geworden, woraufhin der Untertitel The Ascent im Originaltitel hinweisen könnte. Nur wäre da wohl schon genauso schnell die Luft rausgewesen, wie in diesem Streifen. Da ist zu wenig wohlwollendes Horror- und noch weniger Trashfeeling dabei, was das ganze zu einem zufriedenstellenden Endergebnis bringen kann. So kann man mit einem zugedrückten Auge Tochter des Satans in den unteren Durchschnitt einsortieren und dort auch nicht mehr so schnell herholen. Soviel Unterhaltungswert hat der Film, anders als andere Full Moon-Titel, dann leider doch nicht. Aus zuviel Solidität kann man eben auch keinen rundum guten Film machen.
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Montag, 15. Februar 2010

Schlag 12 in London


Wie ein Eremit lebt und arbeitet Dr. Henry Jekyll in seinem Haus mitten in London. Ausgegrenzt und belächelt von den eigenen Kollegen geht er seinen Forschungen nach, die sich mit den zwei unterschiedlichen Seiten, die in einer Kreatur wohnen, beschäftigen. Vollkommen eingenommen von der Arbeit, bemerkt er nicht wie seine Frau Kitty ihn mit seinem Freund Paul Allen, der sich gerne mal etwas Geld von Henry schnorrt um seinen luxoriösen Lebensstil zu finanzieren, betrügt. Und nachdem seine Experimente an Tieren erste Erfolge brachten, wagt Jekyll einen Eigenversuch. Nach der Einnahme seines Serums verwandelt er sich in den adretten, aber auch skrupellosen Mr. Hyde, der noch verkommener und hinterhältiger als Paul Allen ist. Dieser und Jekylls Frau Kitty sind auch Objekt der Begierde von Jekylls Alter Ego: doch während Paul sich mit dem Lebemann anfreundet, weißt Kitty die Annäherungsversuche vehement ab. Also angelt sich Jekyll eine begehrte Tänzerin aus dem Etablissement in dem Paul und Kitty immer verkehren und spinnt eine bösartige Intrige gegen die beiden. Sein einzigster Nachteil sind dabei die recht kurze Wirkung des Serums und der auftretende innere Kampf gegen die friedliebende Natur des Jekylls.

Im Jahr 1886 erschien mit "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde" ein phantastischer Roman aus der Feder von Robert Louis Stevenson, den man mittlerweile bedenkenlos in die Kategorie Weltliteratur einordnen kann. Seine Version vom Kampf zwischen Gut und Böse und den beiden Seiten einer Persönlichkeit, prägte die Nachwelt sowohl im literarischen Bereich als auch in anderen. Doktor Jekyll und sein zweites Ich wurden neben dem Vampir Dracula und Frankenstein und seinem Monster zu Ikonen der Phantastik und sind selbst heute noch fest in unserer (Pop-)Kultur verankert. Auch in der Filmwelt fand der Stoff seinen Platz und wurde dementsprechend oft verfilmt. Schon 1912 wurde er zum ersten Mal unter der Regie von Lucius Henderson adaptiert. Selbst Friedrich Wilhelm Murnau, der mit Nosferatu, eine Symponie des Grauens sich auch noch bei Bram Stoker bedienen sollte, nahm sich das Buch zur Hand und drehte 1920 mit Der Januskopf eine frei auf Stevensons Buch basierende Version mit Conrad Veidt in der Hauptrolle. Im Jahre 1940, gut 20 Jahre später, sollte Spencer Tracy in der Hollywood-Version Arzt und Dämon den zwiegespaltenen Akademiker verkörpern und unter anderem seine Filmpartnerin Ingrid Bergman in den Wahnsinn treiben. Macht man noch einmal einen Zeitsprung von 20 Jahren so befindet man sich in den angehenden 60ies und findet schon wieder eine Version des Stoffs vor: diesmal von den legendären Hammer-Studios, der Produktionsstätte, welche mit Dracula und Frankensteins Fluch schon einige Jahre zuvor klassischen Horrorfiguren neues Leben eingehaucht hatten.

Dabei beschritt das britische Studio, wohl auch der Kosten wegen, mit seiner Buchverfilmung einige andere Wege als die Filmemacher und Autoren zuvor. Schon zum damaligen Zeitpunkt hatte sich in den Köpfen des Publikums die Darstellung der beiden Figuren des Stoffs breitgemacht, dass der werte Herr Doktor immer tugendhaft und gutaussehend und der niederträchtige Hyde ungepflegt und animalisch dargestellt wird. Die Animalität zeigte sich dabei auch in der vermehrt auftretenden Körperbehaarung des Hyde. Anders bei Hammer. In Schlag 12 in London ist Doktor Jekyll ein besessener und äußerst introvertiert agierender Mensch, kaum mit sozialen bzw. zwischenmenschlichen Kontakten gesegnet. Ein ehemaliger Kollege von ihm besucht ihn noch, doch dann hätte er eigentlich nur seine Frau, die ihn mit seinem "Freund" Paul Allen betrügt. Dies dürfte allerdings auch nur die Folge dafür sein, dass Jekyll - über seine Arbeit brütend - die ansehnliche Ehegattin keines ausführlicheren Blickes würdigt. Seine Zurückgezogenheit, in der man auch ein Stück weit eine gewisse Art der Verzweiflung sehen kann, kostet ihn dabei fast sein gesamtes soziales Umfeld. Er scheint unfähig zu sein, die seiner Frau, die sehr gerne an Gesellschaften teilnimmt und in teuren Lokalen verkehrt, zu erfüllen. Es scheint ihm gänzlich unmöglich zu sein, über seinen Schatten zu springen und sie zu ihren abendlichen Belustigungen zu begleiten. Jekyll kann sehr schwer abschalten, was auch sein Aussehen, vorzüglich von Hammers Haus-Maskenbildner Roy Ashton gestaltet, zeigt: graues, wildes Haar, ein zotteliger Bart und tiefe, zahreiche Augenringe zieren ihn.

Kaum nach Einnahme des Serums verwandelt, präsentiert er sich dabei als fesch und attraktiv daherkommender Gentleman, dessen Manieren nicht wirklich so fein sind, wie sie es auf den ersten Anschein sind. Glatt poliert, sauber rausgeputzt präsentiert sich in Hammers Version von Stevensons Werk der Mr. Hyde, der hinter seiner so sauberen Fassade ein wahrlich diabolischer und unmoralischer Mensch ist, der nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. So geht man hier zwar einen durchaus interessanten Weg, nur ist er für den beschreitenden Zuschauer ein recht beschwerlicher. Dadurch, dass man Hyde alles animalische und offensichtlich gewalttätige Potenzial genommen hat und ihn eher zum scharfzüngigen Ränkeschmieder umgewandelt hat, kommt der durch sein mittlerweile beträchtliches Alter eh schon etwas angestaubte Film sehr unspannend daher. Das es trotzdem Spaß macht, dem moralischen Zwiespalt zwischen gutem und bösen beizuwohnen, muss man vor allem Hauptdarsteller Paul Massie hoch andichten. Der nach der Produktion nur noch vereinzelt in Filmen auftauchende Mime versteht es hier mit sehr lässig daherkommender Professionalität die beiden Charaktere darzustellen. Dabei legt er auch schon in der ebenfalls anders ausgelegten Darstellung des Doktors gute Leistungen hin und zudem schenkt ihm Drehbuchautor Wolf Mankowitz einige sehr zweifelhafte, da für die Figur ungewohnte Züge. In seinem Garten spielende taubstumme Kinder werden da gegenüber dem Kollegen als "rohe, dumme Tiere" bezeichnet und überhaupt scheint der gute Doktor sehr wenig Respekt für seine Mitmenschen zu besitzen.

Auftrumpfen kann Massie dann, wenn Mr. Hyde die Bildfläche betritt. Sein selbstsicheres und -verliebtes Auftreten, rüpelhaft und doch äußerst charmant, ist einfach herrlich mitanzusehen. Direkt, ehrlich und dadurch auch oft verletzend fährt er die Ellenbogen im Londoner Nachtleben aus und versinkt in diesem mit vollstem Körpereinsatz. Das er dabei auch über Leichen geht bzw. sich über jegliche ethische und/oder moralische Konventionen des damaligen Zeitalters hinwegsetzt, dürfte selbstverständlich sein. Es ist unheimlich toll Massie und seinem ebenfalls gut aufspielenden Ensemblekollegen zuzuschauen. Durch diese "Hardcore Playboy"-Zeichnung des Hyde-Charakters gibt es teilweise tolle, messerscharfe Dialoge zu hören, die sitzen. An der Seite Massies sind Dawn Addams als liebreizende, aber auch verschlagene Kitty und der allseits bekannte Christopher Lee als hochstaplerischen und betrügerischen Paul Allen zu sehen. Gerade die Konstellationen zwischen Massie, Addams und Lee sind ein wahrer Hochgenuss, der durch die wie eh und je überbordernde, verspielte und detailreiche Ausstattung noch verstärkt wird. Wenn die Hammer Studios was konnten, dann die viktorianische Zeit Englands und diesen düsteren und unheilschwangeren Gothicstil perfekt zu inszenieren. Egal ob das dunkle Labor von Jekyll, die schummrigen Spelunken der Londoner Unterwelt oder die pompösen Unterhaltungslokale der "Upper Class": Die Schauplätze sind wunderbar und gerade letzteres ist ein grellbuntes Spektakulum. Eyecandy, der die Netzhaut beschlagen und den Zuschauer begeistert zuschauen läßt.

Doch all dieser Pomp kann die Trägheit der Geschichte nicht übertünchen. So sehr Jekyll und Hyde betören können: als Horrorfilm hat Schlag 12 in London so seine lieben Probleme. Richtig schauerlich wird er eigentlich keine Zeit, somit bleibt die Spannung ziemlich auf der Strecke und zwischendrin macht sich sogar eine kleine Länge breit. Schade, ist der Stoff doch eine interessante Adaption. An Atmosphäre mangelt es ihm ja nicht mal, doch Schreck- und Schockszenen sind hier vergebens zu finden. Der in Hyde innewohnende Wahnsinn wird nur angedeutet, so zum Beispiel bei einer Prügelei im Lokal, der eine ziemlich ruppige Abweisung einer Dame voraus ging. Die wüste Beschimpfung dieser und das Einschlagen mit einem schweren Kerzenständer auf den Kopf des Verteidigers besagter Dame sind - zusammen mit den anderen sehr kurzen Momenten - einfach zu wenig. Geradezu verwunderlich, schien es doch eigentlich eine Leichtigkeit für das Kultstudio zu sein, atmosphärisch dichten Gänsehauthorror zu fabrizieren. Hier hat man sich wohl etwas zu sehr mit dem Buch verhaspelt, welches interessante Interpretationen zuläßt, die ohnehin schon lange mit Buch verknüpft sind. Am ausgeprägtesten ist hier der innere Kampf eines Menschen zwischen seiner guten und seiner schlechten Seite bzw. zwischen Zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten, die man haben kann. Die angedeutete multiple Persönlichkeit des Doktors wird gerade am Ende am deutlichsten, wenn der Kampf zwischen den beiden Charakteren beide in Mitleidenschaft zieht. So spricht Hyde aus einem Spiegel heraus zu Jekyll, der wenig später mit der Stimme seines bösen Ichs spricht. So ist das Forschen nach dem Trennen des Guten und des Bösen im Menschen und das daraufhin enstandene Serum nur ein Vorwand, eine in der Phantastik verhaftete Metapher für die gespaltene Persönlichkeit des Doktors.

Weiter geht es dann noch, betrachtet man sich nochmal die Hammersche Darstellung von Hyde, der anders als Jekyll eher nach einem Mitglied der oberen Gesellschaft bzw. des oberen Bürgertums aussieht. So könnte er Stellvertretend für eine ganze damalige oder sogar noch die bestehende Schicht des gehobenen Bürgers stehen, der hinter seiner so aalglatten Fassade ein verkommenes, moralisch zweifelhaftes Individuum darstellt. Es ist nicht alles Gold was glänzt, wie schon ein Sprichwort weiß und hier anhand des Protagonisten eindrücklich gezeigt wird. Man betrügt, lügt und versucht so, seinem Willen und seinen Bedürfnissen auf höchst egoistischer Basis nachzukommen und diese für sich einzuholen. Diese Kritik an der feinen Gesellschaft scheint ungewöhnlich genug für Hammer-Verhältnisse, dass hier das Fundament des Horrorüberzugs deutlich ins Wanken gerät. Überzeugend ist das ganze als reine Horrorgeschichte nämlich wirklich nicht, wirkt der Film dafür doch arg strapaziös und geschwätzig. Wer ein Faible für langsam erzählte Streifen hat, kann durchaus zufrieden gestellt werden doch Fans von dichten Gruselszenen dürften in der Tat enttäuscht werden. Der Horror kommt schlicht und ergreifend etwas zu kurz und so funktioniert Schlag 12 in London am ehesten als phantastisch angehauchtes Psychodrama, welches als solches gesehen sehr einfach, aber wie angesprochen nicht uninteressant realisiert wurde.

Dabei muss man dem Film zu Gute kommen lassen, dass er unter der routinierten Arbeit von Stammregisseur Terence Fisher trotzdem gute, wenn auch leich zähe Unterhaltung bieten kann. Zu schwach als Schocker, etwas zu trivial und an Substanz vermissende Studie der menschlichen Psyche steht der Streifen einfach etwas zu sehr zwischen den Stühlen, verlässt den Raum auch nicht als Sieger, dafür aber als oldschooligem Vertreter des britischen Genrefilms, den man noch guten Gewissens in das Feld des überen Durchschnitt einordnen kann. Wie Doktor Jekyll ist auch Schlag 12 in London etwas schwach auf der Brust und läßt einiges vom gewohnten Hammerstoff vermissen, auch wenn die Grundzutaten allesamt vorhanden sind. Alles in allem wäre da etwas mehr drin gewesen. Das man das ganze durchaus nicht so steif und vor allem bei weitem sleaziger und lockerer darstellen kann, hat das Studio dann mit dem selben Stoff in seiner Endphase Anfang der 70er gezeigt: dort entstand unter der Regie des ebenfalls versierten und oft bei Hammer gesehenen Roy Ward Baker der Film Dr. Jekyll und Sister Hyde, in dem sich der Doktor - wie der Name schon sagt - in ein attraktives aber auch mörderisches Weib verwandelt. Aber, um es nochmal klarzustellen, auch Kollege Fisher hat einen durchaus sehenswerten, wenn auch nur leicht über dem Durchschnitt anzusiedelnden Horrorfilm geschaffen, dem es wirklich an den Schocks fehlt, dafür aber mit einem gut aufgelegten Protagonisten-Trio aufwarten kann.
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Sonntag, 14. Februar 2010

Gewalt rast durch die Stadt

Es ist eine ganz logische Sache: alles was eine gute und schöne Seite besitzt, hat auch eine schlechte. So ist es auch mit Rom, der italienischen Hauptstadt, in der es eben auch eine menge kleiner Ganoven gibt, die es den Einwohnern sehr schwer machen. Doch zum Glück gibt es solche Hardliner wie Kommisar Berti, der hart durchgreift. Und dies ist durchaus wörtlich zu nehmen. Egal ob Raubüberfälle auf Linienbusse, Supermärkte, Autodiebe oder Handtaschenräuber: bei Berti muss jeder irgendwann seinen Kopf hinhalten und wo er hinlangt, wächst kein Gras mehr. Als ein ihm nahestehender Kollege bei einem Einsatz hinterrücks niedergeschossen wird und sich Berti bei der anschließenden Verfolgung der Täter nicht mehr beherrschen kann und den gestellten Täter erschießt, wird er vom Dienst suspendiert. Doch Dank des Anwalts Sartori kann der Ex-Kommisar trotzdem weiter gegen die Gesetzlosen vorgehen: er schließt sich der vom Anwalt gebildeten Bürgermiliz an und fährt Nachts mit seinen Mitstreitern Streife durch die Straßen Roms um die Stadt vom Abschaum zu befreien.
Und wenn es so etwas wie eine Blaupause für den Poliziotteschi, also den italienischen Polizeifilm, gibt, dann muss man auf jeden Fall den Mitte der 70er entstandenen Gewalt rast durch die Stadt angeben. Zwar gab es auch schon vor ihm einige Crime- und Actionthriller, die den Fokus der Geschichte auf die Arbeit eines harten Ermittlers oder auf die kleinen und großen Fische aus dem Untergrund legte, doch dieser Film gilt für viele Freunde des Genres als wahrer Prototyp und das Beispiel für eben diese Sparte. Selbst wenn das Muster für den Handlungsablauf auch schon vorher bestand, Gewalt rast durch die Stadt bringt die verschiedenen Elemente des Genres präzise auf den Punkt. Doch nicht nur der Storyablauf vieler nachkommender Filme wurde hier geprägt, Hauptdarsteller Maurizio Merli wurde durch seine Rolle als Berti der Inbegriff des unkorumpierbaren Bullen, der mit seinen überharten, unkonventionellen Methoden seinen Vorgesetzten zum Haareraufen bringt. Der 1940 in Rom geborene Merli tauchte zunächst nur mal hier und da in einigen Produktionen auf, bevor er 1975 die Hauptrolle in Roma violenta ergattern konnte. Mit stoischem Blick, kaum akzentuiertem Minenspiel und vollstem Körpereinsatz stellte er in vielen weiteren Poliziotteschi den unkonventionellen, harten Bullen dar. Darunter führte er mit einem buckeligen Tomas Milian eine harte Schlacht in Die Viper, traf auch nochmal in Die Gewalt bin ich auf Milian, jagte in Camorra - Ein Bulle räumt auf die Gangster durch Neapel oder bekämpfte die Convoy Busters. Bis in die späten 80er Jahre durfte er sich im Actionsektor austoben und war so auf dieses Genre festgefahren, dass er in all den Jahren nur in einem Film aus einem anderen Genre zu sehen war. 1977 grub er für Sergio Martino im späten Italowestern Mannaja das Beil des Todes aus. 1989 verstarb Merli im Alter von gerade mal 49 Jahren an einem Herzinfarkt, der ihn während eines Tennisspiels ereilte.

Ein Verlust für die Fans und auch für die allerdings damals schon in den letzten Zügen liegende, alte Filmindustrie des Stiefellandes. Merli war ein markanter Typ, der mit seinem strengen Gesicht, dem zum Markenzeichen gewordenen Schnäuzer und einer ebenso strengen, gescheilteten Frisur nicht gerade wenigen Filmpartnern den Scheitel mit ordentlichem Wums langzog. Während in Deutschland erst Götz George im deutschen TV als Schimanski nach dem Motto "Erst schießen, dann fragen" agierte, so war schon Merli ein Jahrzehnt früher auf den Trichter gekommen, dass dies auch eine wirksame Methode ist, um unliebsame Gestalten von der Straße ins Kittchen zu befördern. So ruppig wie sich auch Merli gibt, so ist auch der Film inszeniert. Schnörkellos und ohne großen Pomp oder unnötigem Ballast zieht sich ein dünner Faden durch diverse Episoden, die Kommissar Berti bei seinen Ermittlungen zeigt. Das von Vincenzo Mannino geschriebene Script schafft es dabei, dass die Sprünge von Geschichte zu Geschichte nicht ganz so grob ausfallen. Hauptaugenmerk liegt hier nicht wie in anderen Poliziotteschi auf einer größeren Story, die von Banden-, Mafiabossen oder schweren Verbrechen handelt, sondern von den Gangstern auf den Straßen, diesen vielen kleinen Fischen, die ebenfalls organisiert sind, allerdings trotzdem kleinere Nummern sind. Dabei verfügt Merli über Kollegen, die sich getarnt im Milieu aufhalten und so auch Informationen über die Drahtzieher der im Film darsgestellten Verbrechen beibringen.

Am häufigsten darf dabei der allseits bekannte Ray Lovelock der als Biondi an der Seite von Merli agieren darf, seiner blonden Haarpracht beraubt wurde und nun Brünett durch Rom tingeln die Gangster ausspitzeln darf. Dabei ereilt ihn schon recht früh im Film ein hartes Schicksal, dass Berti dann noch verbissener und härter agieren darf. Hier wird auch das bisher vorherrschende Muster der Geschichte aus Verbrechen, Ermittlung und Action aufgebrochen und läßt auch einige ruhigere Momente zu. Diese sind dabei trotzdem noch relativ selten anzutreffen. Über das Privatleben von Berti erfährt man sehr wenig, nur dass er eine Freundin hat, die er unregelmäßig sieht und mit ihr dann meist auch schnell in der Horizontalen landet. Als seine Freundin agiert übrigens Daniela Girodano, die allerdings weitaus weniger Screentime besitzt als zum Beispiel in Blutiger Freitag oder Blutige Magie, in denen sie ebenfalls zu sehen ist. Dabei hat sie die einzigste und nennenswerte weibliche Rolle inne und ist - wenn überhaupt - vielleicht gerade mal an die 10 Minuten zu sehen. Gewalt rast durch die Stadt ist eben ein echter Männerfilm, zu 101% Testosterongeschwängert, wo selbst die holde Weiblichkeit keinen Platz mehr hat. Hier müssen Gesetze bekämpft werden, was höchste Konzentration erfordert. Dabei ist Merli zum Beispiel so konzentriert, das sein Schauspiel auf das Mindeste reduziert ist. Streng blickt er hinter seiner Schenkelbürste hervor läßt anstatt der Mimik lieber die Fäuste oder die Wumme sprechen. Da macht sich Lovelock schon besser. Ein wirklich guter Charakterdarsteller war Merli ohnehin nie, allerdings macht dies sein Charisma und seine Präsenz wieder wett. Die durchaus namhaften Kollegen wie Silvano Tranquilli als sein Vorgesetzter, Richard Conte als Anwalt Sartori oder John Steiner als absolut schmierigem Gangster "Nagel" bewegen sich auf gutem bis durchschnittlichem Niveau. Gerade Conte ist dabei genauso stoisch wie Kollege Merli.

Große Darstellerleistungen sind hier sowieso fehl am Platze. Wie der Filmtitel schon so schön sagt, rast die Gewalt durch Rom. Der deutsche Videotitel ist schon geeignet für den Film, doch passender ist da Verdammte, heilige Stadt, unter dem der Film in den deutschen Kinos lief. Ein griffiger Titel der den harten und auch teils resignierenden Ton des Films gut einfängt. Resignierend vor allem gegenüber der Polizeiarbeit im damaligen Italien, denn Merli fungiert hier wohl auch als Sprachrohr des einfachen Volkes, dass sich von den Ordnungshütern verlassen fühlt. Da wird nach dem Überfall auf den Bus mit Todesopfer von einigen Insassen die Todesstrafe gefordert, während andere sich über die Unfähigkeit von Bertis mokieren. Und auch Berti fühlt sich, als seiem ihm durch unnötige Gesetze die Hände gebunden. So stellt er sich die Frage, ob er im Einsatz - konfrontiert von gewaltbereiten Tätern - eher das Gesetzbuch anstatt die Pistole ziehen soll. Härte soll regieren und den Brechern von gesellschaftlichen Regeln zeigen, wo denn nun der Hammer hängt. Vor allem gibt dies aber auch eine gute Rechtfertigung für so einige harte Szenen, in denen geprügelt und geballert wird, dass sich die Balken biegen. Während Merli bei einer Befragung seinem Gegenüber auch schon mal gerne fast den Arm bricht, so wollen Räuber, verfolgt von diesem bärbeisigem Typen diesen abhängen, in dem sie ihm Arbeit verschaffen: aus dem fahrenden Auto heraus ballert man mit der MG wahllos in die Menschenmenge und tötet so vollkommen unbeteiligte Menschen. Eine unheimlich zynische und intensive Szene, die sich ins Gedächtnis prägt.

Da könnte man auch von einem modernen Don Quichotte, also Kommissar Berti sprechen, der gegen die übergroßen Windmühlen des organisierten Verbrechens ankämpft und trotz all seiner Entschlossenheit und Erfolgen daran verzweifelt. Gerade nach seiner Suspendierung spürt er seine eigene Waffen, als er von einem bekannten Ganoven eine Abreibung verpasst bekommt, wie sonst nur er sie verteilt. Hier zeigt der Film auch seine Schwächen, da eine minimal veränderte Grundkonstellation - Merli ist kein Polizist mehr sondern nun Mitglied einer Bürgermiliz - nicht großartig die Erzählstruktur des Films ändert. Sowohl Merli als auch das Werk an sich benutzen weiterhin ihre bekannten Muster. Durch den episodenhaften Aufbau schafft man es auch nicht wirklich, eine gewisse Spannung aufzubauen. Es macht durchaus Spaß den Kommissaren auf seine Wege durch ein sehr tristes und nüchtern eingefangenes Rom zu begleiten, nur merkt man, dass es ihm an gewisser Substanz mangelt. Seine Stärken hat er allerdings in den Actionszenen. Ruppig geht es zu und gibt dem Zuschauer direkt auf die 12. Sehr gut und herausstechend ist dabei eine längere Verfolgungsjagd durch ganz Rom, die an Unglaublichkeit, aber auch in Intensität von den restlichen Szenen kaum zu überbieten ist. Sehr geschickt ist hierbei die Egoperspektive, da die meiste Zeit aus Merlis Auto heraus oder direkt am Reifen kurz über dem Asphalt gefilmt wurde. Die ansonsten eher wenig vorhandene Spannung wacht hier aus ihrem Dornröschenschlaf auf und beschert eine richtig tolle Szene. Merlis Charakter ist dabei so abgebrüht, dass er während der Fahrt die beschädigte Windschutzscheibe raustritt und ganz lässig weiterfährt!

Untermalt ist der Film von einem etwas schwächeren, aber doch noch gutklassigem Score der Gebrüder de Angelis. In seinen besten Momenten groovt er ordentlich und untermalt die diversen Episoden wirklich sehr passend. Zusammen mit dem sehr grauen und verwaschenen Look, der wie angesprochen die Hauptstadt sehr nüchtern und beinahe trostlos einfängt ergibt dies einen gutklassigen, vollkommen in Ordnung gehenden Poliziotteschi der vor allem durch die ruppige Action und den ebenfalls sehr hart agierenden Maurizio Merli punkten kann. Seine dabei unterschwellig schwermütige Stimmung geht in einem bitteren Ende auf. Gewalt rast durch die Stadt ist ein durch und durch sehr ordentlich inszenierter Film von Marino Girolami, der übrigens der Vater des ebenfalls sehr bekannten Regisseurs Enzo G. Castellari ist, welcher ja auch von Quentin Tarantino sehr verehrt wird. Neben Gewalt rast durch die Stadt gehört der hochgeradig exploitative Trashklopper Zombies unter Kannibalen zu Girolamis bekanntesten Arbeiten. Wer sich also an die Filme mit Merli in der Hauptrolle oder auch an das Poliziotteschi-Genre an und für sich heranwagen möchte, ist mit diesem Film bestens bedient, da er ein wirklich guter Einsteig darstellt und bestens unterhalten kann, auch wenn ihm einige Ausreißer nach oben auch gut gestanden hätten.
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Sonntag, 31. Januar 2010

Mad Foxes


Immer frisch geföhnt braust Hal mit seinem schnittigen Stingray durch die Straßen und schleppt so ein Mädel nach dem anderen ab. Als er gerade mit seiner Freundin Babsy an ihrem 18. Geburtstag auf dem Weg in die Disco ist, wird er an der Ampel von einigen schmierigen Motorradrockern dumm von der Seite angemacht. Einer der verwegenen Recken zieht beim Rennen mit Hal den kürzeren, wummst gegen einen parkendes Auto und katapultiert sich geradeaus über den Jordan. Das können seine Kumpels natürlich nicht auf sich sitzen lassen und schwören Rache. Sie lauern ihm und seiner Freundin nach der Disco auf, verprügeln Hal und vergewaltigen Babsy. Hal schlägt zurück, als er mit den Schülern seines Kumpels, welcher eine Karateschule betreibt, die Rocker aufsucht und übel aufmischt. Doch damit ist noch lange nicht genug. Mit dieser Aktion hat Hal die verfeindeten Motorradrüpel noch mehr verärgert, welche nun zu einem grausamen Gegenschlag ausholen...

Und wer nun gedacht hat, dass die Schweiz ein so braves und biederes Land war und ist, der hat sich mächtig geschnitten. Auch wenn man beim Stichwort "Schweizer Film" bestimmt zuerst an sowas wie Heile Welt-Heimatschmonzetten, wie sie auch in hiesigen Produktionsstudios in den 50ern und 60ern hergestellt wurden, vorstellt, so täuscht man sich gewaltig. Es ist vielleicht nicht zu vergleichen mit dem immensen Output aus Italien, Spanien oder auch Großbritannien, doch auch der deutschsprachige Raum - darunter eben auch das Ländle der Eidgenossen - hat so einige exploitative Filmleichen im Keller liegen. Selbst vor nekrophilen Anspielungen machten die schweizer "Schmuddelfilmer" nicht halt und das in einer Zeit, in der Jörg Buttgereit noch nicht im Traum daran dachte, Filme wie Nekromantik zu drehen. In Mosquito - Der Schänder (1976) ist es ein auf Taubstumm getrimmter Werner Pochath, der seinen seltsamen Fantasien freien Lauf läßt und fröhlich mit einem Glasröhrchen an frischen Frauenleichen nuckelt. Guru der schweizer Exploitationszene ist allerdings der Produzent, Darsteller, Regisseur und Autor Erwin C. Dietrich. Seit Mitte der 50er widmete er sich zum größten Teil dem produzieren neuester filmischer Werke, sprang dabei unter anderem auch auf die Welle von Softsex-Filmen auf und hatte mit Die Nichten der Frau Oberst (1968) einen großen Kassenschlager vorzuweisen. Auch wenn er somit etwas in der Schmuddelecke festsaß, konnte es sich Dietrich - der unter anderem auch mit dem spanischen Vielfilmer Jess Franco zusammenarbeitete - dort sehr gemütlich machen und produzierte bis in die späten 90er Jahre weiter Filme.

Anfang der 80er wurde auch durch so manche Sleazebombe aus Übersee oder aus dem Mittelmeer-Raum (sprich: Italien) der Ton in den Bahnhofskinos zwischen Flensburg und Garmisch ruppiger und die Gewalt graphischer. Klar, dass Dietrich dem nicht wort- und tatenlos zusehen konnte. Schon die von Franco gedrehten Filme - sofern sie wie dessen Jack The Ripper: Der Dirnenmörder von London (1976) ins Horrorgenre eingeordnet werden konnten - waren etwas offener beim zur Schau stellen von äußerst ekeligem Kunstbluteinsatz. Fünf Jahre später war dann ein gar unglaublicher Action-/Thriller-Mischmasch mit noch unglaublicheren Rockern der neueste Scheiß, den man gesehen haben musste. Die Mad Foxes knatterten mit ihren Boliden in die Lichtspielhäuser und ließen mit Sicherheit den ein oder anderen Zuschauer recht verstört nach dem Filmvergnügen zurück. Denn so ein oberflächliches Stück Film mit solch selbstzweckhaften Szenerien hatte es schon lange nicht mehr aus dem deutschsprachigen Raum gegeben. Der Erwin wusste halt, wo der Hammer hängt und wie man viele Leute ins Kino locken konnte.

Dabei ist das Rezept in diesem Fall äußerst simpel: harte Kerle, röhrende Rockmusik der schweizer Hardrock-Kombo Krokus, fesche Frauen und ein ebenso geil anzuschauendes Vehikel. Fertig ist damit die Grundbasis von Mad Foxes, die mit einer ordentlichen Portion Bad Taste gewürzt wurde. Trash as trash can lautet da die Devise und von den ersten Momenten an, die sich da nach den Credits auf der heimischen Mattscheibe anbahnen, weiß der Gourmet, dass dieses Süppchen hier äußerst deftig ausfallen und bei wohlerzogenen Cineasten für rote Ohren sorgen wird. Sonnyboy Hal ist da gerade noch am Schmusen an der roten Ampel, als auch schon die Rockerbande angeknattert kommt und einige Sprüche zum Besten geben. Dabei verliert man Gott sei Dank nicht allzu viel Zeit und kurz darauf später haben wir auch schon den Grund, weswegen nun die Gewalt das Zepter in die Hand nimmt. Beim Rennen mit dem schnittigen Stingray reagiert eine der Rockergurken nicht ganz so schnell und donnert gegen ein Auto, befördert sich ins Jenseits während seine Mühle zu einem spontanen Lagerfeuer explodiert. Gut ausgearbeitet muss hier das Skript auch gar nicht sein, immerhin wollen wir kein minutenlanges, nur die Füße einschlafen lassendes Geblubber, sondern immer derbes Haudrauf-Kino der schundigsten Art.

Dies bekommt man bei Mad Foxes auch mit Sicherheit geboten. Bei der folgenden Prügelei und Vergewaltigung wird der Film schon äußerst asozial und schafft es immer wieder locker, zu diesem Niveau zurückzukehren. Selbstzweckhaft und ohne großen, anmahnenden Hintergedanken zelebriert man hier ja schon fast das, was die "niederen Instinke" des durchschnittlichen Zuschauers ansprechen soll. Es spricht aber auch den Freund an trashigen Filmchen an, der bei solch filmgewordenem Schundroman freudigst Pipi in die Augen bekommt. Tränen vergießt der Filmfreund wohl bei der Qual, sich sowas weiterhin anzuschauen während ein nicht gerade geringes Klientel Mad Foxes frenetisch abfeiert. Perfektionistischer Sleaze, schludrig in der Ausführung und zweifelhaft im Aufbau der ach so dünnen Geschichte, die allerdings mit immer neuen Unglaublichkeiten aufwartet. Die vergewaltigte Freundin vergißt Hal schnell wieder, immerhin kann er mit seiner hübschen Schnute und seinem vierrädrigen Penisersatz immer wieder heiße Mietzen mitnehmen. Darunter auch Sally, die mit ihrer Bekanntschaft durch die Lande trampt, diese aber beim verführerischen Angebot Hals diese aber prompt auf der Landstraße stehen läßt. Wenn so ein Geschoß um die Ecke biegt, kann man ruhig auch mal ganz oberflächlich werden und dem glitzernden Pomp verfallen. Regisseur Paul Grau, ohnehin wohl nur eines der vielen Pseudonyme von Dietrich, versteht es dabei wirklich gut, zügig durch die Story zu brettern um so die Langeweile abzuhängen.

Glücklicherweise (für den Zuschauer) kann Strahlemann Hal allerdings zwischen sich und seinen schlecht gelaunten Rockerbekanntschaften zwar einigen Abstand aufbauen, diese aber nie so richtig abhängen. Die wohl aus der randvollen Klischeekiste gekrabbelten Nasen versüßen mit einer ordentlichen Portion unpolitical correctness die Handlung des Exploiters dermaßen, dass es eine wahre Pracht ist. Ohne jegliche Moral rauben, vögeln, fluchen und morden die Jungs auf ihren Zweirädern durch die spanischen Locations. Auch einige Oneliner entfleuchen dabei den Mäulern der Rocker, die so nur noch mehr Sprit ins fröhlich lodernde Exploitationfeuer sprühen. Man könnte sie auch als heimliche Star des Films bezeichnen, immerhin ist deren Overacting noch eine ganze Ecke netter als das von Hauptdarsteller José Gras, der in den Credits als Robert O'Neal auftaucht. Dabei kann Gras ausführlich seine diversen Partnerinnen abschlabbern und betatschen. Die Kamera ist dabei immer mit Elan dabei und hält freudig auf die heißen Stellen drauf. Neben ordentlich nackter Haut wird Mad Foxes ordentlich garstig und spätestens bei der Tat, die Hal zur endgültigen Rache an den Rockern bewegt, lassen Regisseur und Autoren ordentlich die Sau raus. Diese scheinen nach dem goutieren der Vorbilder von Mad Foxes - einige wohl mehr oder minder kleinere und größere Schinken mit Revenge-Motiven - ordentlich beflügelt gewesen zu sein.

Trotzdem geht ihnen hier und da doch etwas die Puste aus. Auch wenn Mad Foxes ein wahrlich unglaubliches, kurzweiliges Trashfest für hartgesottene Allesglotzer ist, so kann er keinen Hehl daraus machen, dass es auch weitaus bessere (und weiterhin trashige!) Vertreter seiner Zunft gibt. Atmosphärisch und technisch ist dieser sympathische Schmu auf einem wirklich guten Level. Seinen Charme zieht er dabei nicht nur aus seinem Low Budget-Charakteristikum sondern auch aus der Tatsache, dass er sehr unperfekt bzw. ungeschliffen daher kommt. Die Logik ist nicht wirklich der größte Freund, was man Beispielsweise schon an den Armbinden der Rocker merkt. Mal ist das böse Hakenkreuz darauf zu sehen, mal nicht! Zudem bleibt der Protagonist für den Zuschauer nicht wirklich greifbar und schafft es auch nicht, die schweizer Groschenvariante von Charles Bronson und Co. zu werden. Es bleibt zu diesem eine ungeheime Distanziertheit, so dass das Rachemotiv weder wirklich gut ausgearbeitet, noch richtig intensiv die ganze Zeit über im Film schwebt. Wenn dann auch wie zum Anfang urplötzlich einige gräßlich angezogene Menschen zu fetzender Rock'n'Roll-Mucke über den Bildschirm wirbeln, weiß man, dass manche Szenen trotz der kurzen Laufzeit des Filmes wohl nur Füllmaterial sind.

Überraschend, immerhin bietet Mad Foxes zwar nichts innovatives, aber doch ordentliche Hausmannshost für den Exploitationgourmet. So ist es wirklich verwunderlich, dass im Drehbuch trotzdem einige verlegen in den Stoff eingewebte Füllszenen im auch als Stingray 2 bekannten Werk vorkommen. Auch wenn der nicht wirklich eine dichte, intellektuelle Substanz besitzt, so ist diese Art der Substanzlosigkeit doch dafür ausschlaggebend, dass er ein zwar gut anzuschauendes Werk ist, ihm aber doch irgendwie das gewisse Etwas zum wahren Trashknaller fehlt. Da wurde aus Souveränität wohl auch etwas Schludrigkeit beim Abdrehen des Films. Die Hingabe vermisst man, auch wenn Mad Foxes trotzdem gut unterhalten kann und dabei auch wirklich Spaß verbreiten an. Hätte man den Fehler gemacht und ihm noch einige Minuten geschenkt, würde er also länger gehen, so wäre das Werk wohl eher ein Griff ins Klo. Dürfte er für Puristen wohl auch sein, doch die Trash liebende Wildwutz suhlt sich gerne in solch angenehmen Filmschmodder. Der Film geht also durch und durch okay und wird wohl weiterhin seine Fans zufrieden mit einem großen Grinsen vor der Mattscheibe zurück.
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Montag, 21. Dezember 2009

Yankee

Ein namenloser Fremder, von allen nur Aufgrund seiner Herkunft Yankee genannt, verschlägt es in ein Dorf im mexikanischen Grenzland, welches vom größenwahnsinnigen "großen Poncho" beherrscht wird. Trotz der Warnung einiger Bewohner versucht der Yankee, mit dem exzentrischen Kriminellen ins Geschäft zu kommen. Während Concho noch einen verschollenen Teil einer Beute eines früheren Raubs sucht, um die ihn ein paar Ganoven betrügen wollten und einen Überfall auf einen Geldtransport plant, versucht der Yankee ihn zu überzeugen, die eigene Bande an die Justiz auszuliefern um sich dann das Kopfgeld zu teilen. Doch Concho geht nicht auf dieses Angebot ein und versucht, diesen seltsamen Fremden aus seinen Geschäften rauszuhalten. Das er den Amerikaner allerdings unterschätzt hat, merkt er daran, als dieser damit beginnt, mit List und Tücke die Mitglieder von Conchos Truppe zu dezimieren.

Wer nun bei dem Namen Tinto Brass einen relativ freizügigen und mit allerlei Nuditäten versehenen Italowestern der etwas derberen zunft erwartet, der liegt vollkommen daneben. Der als Giovanni Brass 1933 in Mailand geborene Regisseur wurde einem größeren Publikum durch den in der Nazizeit angesiedelten Erotikfilm Salon Kitty und dem "teuersten Porno aller Zeiten" Caligula bekannt und im letzteren Falle auch berüchtigt. Doch auch wenn sich Brass gerade nach zuletzt genannten Werk eher den erotischeren Filmen zuwandte und dabei solche Werke wie dem auch noch relativ bekannteren Paprika - Ein Leben für die Liebe (1989), Miranda (1985) oder vergleichbare Softcore-Streifen schuf, so sollte man auf jeden Fall einen Blick auf dessen Karriere vor den "Schmuddelfilmen" werfen. Brass, der unter anderem als Regieassistent von Roberto Rossellini begann und später zum Schnitt wechselte, machte 1958 als Regisseur erste Übungen mit dem Experimentalfilm Spatiodynamisme, den er zusammen mit Nicholas Schoeffer realisierte, bevor er fünf Jahre später seine erste Einzelarbeit Wer arbeitet, ist verloren ablieferte. Von da an wandte sich Brass trivialeren Themen und Filmen zu, ohne aber doch noch eine gewisse Extravaganz in diese hinein zu bringen. So gilt sein Giallo Ich bin wie ich bin - Das Mädchen aus der Carnaby Street von 1967 als optisch sehr verspielter und experimenteller Vertreter des damals noch jungen Genres, der Aufgrund der losgelösten Verspieltheit seines Regisseurs beinahe schon einen wahren Overkill an optischen Spielereien bietet. Ein Jahr davor entstand mit Yankee sein einzigster Italowestern.

Es ist dabei wirklich sehr schade, dass Brass in diesem Genre nicht mehr Beiträge vorweisen kann. Der immer schon etwas gemächlicher als die Kollegen arbeitende Regisseur, bei dem zwischen seinen Filmen schon mal gut fünf Jahre ins Land gehen können, bietet hier für den aufgeschlossenen Fan des Subgenres einen von seiner Geschichte her sehr konventionellen und doch wieder völlig eigenen und sehr obskuren Vertreter aus dem Reich der Spaghettiwestern. Es sind auch hier wieder seine optischen Spielereien, die Yankee aus der Masse hervorstechen lassen. Schon der Beginn mit seiner etwas holprigen, aber eben so völlig anderen, weil doch recht flotten Schnittfolge weiß hier zu faszinieren und führt den Protagonisten stilsicher ein. Er ist ein Held des Italowestern, wie er im Buche steht. Ein wortkarger Mensch ohne näher bekannte Vergangenheit, ein Vagabund dessen Lebensaufgabe es nur zu sein scheint, den großen wilden Westen abzureiten und den Bösewichter der Regionen ein Bein zu stellen. Er ist trotz seiner angenehmen Erscheinungsart ein mit allen Wassern gewaschener Haudegen, der auch aus der größten Gefahr einen Ausweg findet und zudem unsagbar sicher mit dem Schießeisen umgehen kann. Man merkt, hier haben Figuren wie Clint Eastwoods Charaktere in Leones Dollar-Trilogie oder Franco Nero als Django klar Pate gestanden. Aber man schafft es, den Yankee nicht nur als bloße Kopie dieser Figuren darzustellen. Gerade auch durch die ungewöhnliche Weise, wie Brass seine Geschichte schildert, wird dieser namenlose Fremde trotzdem zu einem völlig eigenständigen Charakter.

Das könnte auch am Schauspieler selbst liegen, wird der titelgebende Yankee vom Franzosen Philippe Leroy dargestellt, einem wahren Veteranen des italienischen Genrefilms, den man unter anderem auch noch im Poliziottescho Milano Kaliber 9 (1971), dem von Sergio Martino gedrehten späten Italowestern Mannaja - Das Beil des Todes (1977), dem Abenteuerdrama Das Wilde Auge (1967) oder auch dem Bud Spencer-Streifen Hector, der Ritter ohne Furch und Tadel (1976) bewundern kann. Auch Leroy besitzt wie viele seiner Kollegen ein markiges Gesicht, dass ihn dazu prädestiniert, einen Helden des wilden Westens darzustellen, besitzt dabei aber eben auch eine gewisse Ausstrahlung, mit der andere nicht aufwarten können. Brass spielte eben nicht nur mit der Optik des Films an und für sich, sondern auch mit der seiner Figuren. So hängt Leroys Pistolengürtel eigentlich viel zu tief und auch sein Hut ist - wie übrigens auch der seines Gegenspielers - doch etwas zu groß geraten. Zudem erinnert auch die Kleidung des Yankees nicht an das abgewetzte einiger anderer Nomaden, sondern eher entfernt an Gentlemen wie Sartana.

Doch Brass sprengt das herkömmliche Figurenbild allein auch schon durch seinen Inszenierungsstil. Nicht nur, dass Yankee fast schon am laufenden Band mit ungewöhnlichen Einstellungen wie Frosch-, Vogel oder anderen verzerrten Perspektiven aufwartet, auch in Sachen Licht- und Farbgestaltung sowie der Kameraarbeit ist der Film über jeden Zweifel erhaben und bekommt dabei ja schon fast eine unwirkliche aber immer auch dichte Atmosphäre. Was Yankee nun noch abhebt, sind die ständigen kirchlichen Anspielungen, die man den ganzen Film über findet. Das fängt damit an, das Concho mit seiner Bande in einer verfallenen Kirche haust und dieser sich beinahe schon Gottgleich gibt. Diese beeindruckende Performance hat man übrigens Adolfo Celi zu verdanken, der hier wie in vielen anderen Filmen auch eine wirklich sehr gute Leistung an den Tag legt und zusammen mit Kollegen Leroy rein von den mimischen Leistungen her trägt. Wie auch für Concho selbst so sind die Darsteller der Bandenmitglieder eigentlich nur bloßes Beiwerk, auch wenn sie natürlich ebenfalls ihre Sache gut machen. Der leider schon 1986 an einem Herzinfarkt verstorbene Celi war ein sehr wandelbarer und vielseitiger Darsteller, der sowohl in Gialli wie Aldo Lados The Child - Die Stadt wird zum Alptraum (1972), harten Polizeikloppern wie Eiskalte Typen auf heißen Öfen (1975), aber auch in Buñuels Das Gespenst der Freiheit (1974) oder auch dem James Bond-Streifen Feuerball (1966) zu sehen war. Richtig losgelöst gibt er in Yankee diesen wiederwärtigen, gierigen und keine Moral kennenden Bandenführer, der von Bilder sich selbst in seiner Behausung reihenweise an der Wand hängen hat.

Auf einem Thron sitzend und in feinstem, bizarr aussehendem Zwirn gekleidet, herrscht er über seine Bande, die auch einen eigenen Maler und einen Professor verfügt. Erhaben wie eine Gottheit und vollkommen aufgehend in der Macht, die er über seine Kumpanen und seiner weiblichen Liebschaft ausübt. Allerdings ist er auch sehr misstrauisch und gnadenlos und duldet keinen anderen auf seiner Ebene. Sehr schön dargestellt wird die von Concho gelebte Überheblichkeit in der Bildfolge beim Gespräch zwischen ihm und dem Yankee in seinem Domizil. Celi wird ungleich größer durch die Froschperspektive, während Leroy von schräg oben herab gefilmt wird, so dass es aussieht, als würde er vor diesem "Halbgott" knien, obwohl er eigentlich auf einem Schemel vor diesem sitzt. Die kirchlichen und biblischen Anspielungen sind auffällig, allerdings nicht unpassend integriert. Da wird aus goldenen Kelchen getrunken, Leroy im weiteren Verlauf des Filmes gekreuzigt und Celi nimmt mit seinen Kumpanen ein Abendessen ein, dass in seiner Komposition frappierend an das letzte Abendmahl Jesu erinnert. Zudem wird auch in den Dialogen immer wieder Bezug auf dieses Thema genommen, da Himmel und Hölle, Gott und der Teufel immer wieder als Vergleiche bzw. Metaphern herhalten müssen.

Es scheint fast, als würde Brass in manchen Szenen die Leidensgeschichte Jesu immer wieder andeuten und dabei die Rolle des Heiland wahlweise dem Yankee oder auch Concho geben. Während letzterer hier als ein unbarmherziger Diktator dargestellt wird, so fällt die klassische Märtyrerrolle ganz klar auf Leroy. Interessant ist hier auch, das Concho wie einst Jesu von Judas von einem seiner "Jünger" bzw. Bandenmitglieder verraten wird. Und selbst der Sargmacher trägt Kleidung, die ein klein wenig an die Gewänder von Mönche erinnert. Man könnte ja nun schon fast davon sprechen, dass sich Brass fast genauso selbstverliebt wie sein gewalttätiger Bandenchef gibt und sich in den optischen Spielereien verliert und so ganz unrecht hat man damit auch nicht, trotzdem kann man sich dieser Faszination die Yankee ausübt, auch nicht ganz verwehren. Eine dreckige Italowesterngeschichte, zugegebenermaßen nicht gerade frisch, aber wirkich klasse umgesetzt. Brass Erzählstil ist relativ gemütlich, so dass er sich für seine Geschichte Zeit nimmt, dabei aber den etwas mehr actionverliebteren Freunde des Genres etwas vor den Kopft stößt. Trotz einer gewissen Spannungsarmut schafft er es, den Zuschauer bei der Stange zu halten, was eben auf die tolle Bildsprache und Kameraeinstellungen zurückzuführen ist. Sie wird eben langsam aufgebaut und muss eventuell auch bewußt der Optik weichen, so dass man schon fast von einem "Style Over Substance"-Western reden könnte.

Bleibt man aber am Ball so bekommt man einen mehr als nur interessanten Western zu sehen, ungewöhnlich komponiert und trotz dem altbekannten Einzelkämpfer-Motiv größerer Vorbilder genügend Eigenständigkeit beweist. Yankee ist ein Unikat, der für manche wohl etwas zu stark aufgetragene sakrale Elemente mit sich trägt, aber trotzdem bzw. gerade deswegen einen so eigenständig starken Charakter mit sich führt. Diese besondere Mischung aus bekannter, dreckig-düsterer und ins unwirklich-traumhafte abdriftender Atmosphäre und dem handwerklichen zwar etwas rohen, aber durchaus geschicktem Händchen von Tintro Brass macht Yankee zu einem sehr guten Italowestern.
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