21. August 2011

Schön, nackt und liebestoll

Es ist ja nicht so, dass der damalige deutsche Verleih bei der Suche nach einem griffigen, deutschen Titel für Rivelazioni di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile unrecht behielt. Die Damen in diesem Film sind sehr wohl schön, geizen nicht mit ihren körperlichen Vorzügen und sind auch recht liebestoll. Nur ist das eben ein ganz geringer Aspekt des Films, so dass der Titel bei weitem nicht dem Film gerecht wird. Ohne Vorabinformationen könnte man dahinter eben so gut eine Sexklamotte oder anderes Filmwerk mit ordentlich Schnackseln darin vermuten. Gerade wegen solchem unzüchtigen Verhalten geht es der weiblichen Cast-Belegschaft in diesem Giallo an den Kragen. Kleine Sünden bestraft der Herr ja bekanntlich sofort, bei größeren wird ein maskierter, manteltragender Messerschlitzer auf die Damenwelt losgelassen.

Die Sünde besteht darin, dass einige Ehefrauen aus der besseren Gesellschaftsschicht ihre gut betuchten Ehemänner betrügen. Dies bleibt nicht unentdeckt und besagter Fremdling beschattet die untreuen Frauen, fotografiert sie bei ihrem Tête-à-Tête um diesen dann wenig später mit gezielten Messerstichen das Lebenslicht auszublasen. Am Tatort hinterlässt er dabei immer die aufgenommenen Fotos der Seitensprünge des Opfers zurück. Der Fall entwickelt sich zu einer harten Nuss für den ermittelnden Kommissar Capuana, da die Beweislage was Hintergründe und Motive des Täters angeht, sehr dünn ist. Hier und da springt ihm ein Verdächtiger vor die Linse, doch tritt er zu sehr auf der Stelle um den stetig vor sich hinmordenden "Rächer" zu überführen. Also bleibt nur die Hoffnung, dass dieser irgendwann in seinem Hochmut einen Fehler begeht.

Umgesetzt wurde diese Mörderhatz von Roberto Bianchi Montero, einem recht ordentlichen Regiehandwerker aus Rom, der ab und an sogar vor der Kamera in Erscheinung trat. Der leider schon 1986 verblichene Italiener war sich dabei für nichts zu schade: war ein Thema bzw. eine Sparte gerade en vogue, so widmete er sich diesem und lieferte einen eigenen Beitrag dazu ab. Wie wechselhaft dabei sein Schaffen war, sieht man bei einem Blick auf seine Filmographie: Während er mit Schön, nackt und liebestoll das Giallo-Genre bediente, so findet man aber auch Mondos (Mondo balordo, 1964), Italowestern (Rache in El Paso, 1972), Krimis (Das Auge der Spinne, 1971), Kriegsaction (Todeskommando Tobruk, 1969) oder auch historisch angehauchte Sexschmonzetten (Die heißen Nächte des Caligula, 1977) in dieser. Der werter Herr, der übrigens der Papa von Trashfilmer Mario Bianchi ist, war sich eben für nichts zu Schade und kannte keine Hemmungen, sich in verschiedenen Genres auszutoben. 

Diese Hemmungslosigkeit kommt Montero auch bei Schön, nackt und liebestoll zu Gute, auch wenn er nicht aktiv am Plot bzw. dem Buch des Films mitgewirkt hat. Dafür gelingt ihm aber eine schöne Gratwanderung zwischen den tollen Hochglanz- bzw. Edel-Gialli welche Anfang der 70er entstanden sind und packt dabei noch eine ordentliche Ladung Sleaze mit drauf und steigt auch schon gleich mit einem nackten (aber auch toten) Frauenkörper in seinen Film ein, den er schamlos plakativ abfilmt um neben den weiblichen Rundungen auch schamlos auf die blutigen Einstiche draufzuhalten. Das geschieht keineswegs plump sondern schon mit einem gewissen Stil. Die Fotographie bewegt sich dabei auf einem angenehm hohen Level und Kameramann Fausto Rossi gelingen einige schöne Einstellungen und Bilder, die sich vor der ersten Riege des Genres nicht verstecken brauchen. Der Film mutet an, als hätte man die Geschichte aus einem Groschenroman den man beim nächsten, zwielichtigen Kiosk gekauft hat, schön ausgeschmückt und in den Einband eines kunstvoll ausgearbeiteten Weltklasseromans gesteckt. Dabei funktioniert dies auch noch tadellos.

Selten war Sleaze so erhaben und schön fotografiert, dass man sich an manche größeren Vorbilder wie Bavas Blutige Seide (1964) oder auch Margheritis Sieben Jungfrauen für den Teufel (1968) erinnert fühlt. Aus ersterem ist auch das klassische Outfit des Killers entlehnt: der einzige Unterschied besteht nur darin, dass der Mörder in Schön, nackt und liebestoll keine weiße, sondern eine schwarze Maske trägt. Dabei darf er ja auch so einige hübsche Damen anpacken und deren Screentime verkürzen, welche jedem Liebhaber des Genres ein Begriff sein sollte. So hauchen hier unter anderem Femi Benussi, Susan Scott, Sylva Koscina oder auch Krista Nell ihr Leben aus. Ohne großartig sexistisch erscheinen zu wollen, muss man zugeben, dass sie sowohl darstellerisch als auch besonders vom Aussehen her eine gute Figur abgeben. Für Eyecandy ist gesorgt, doch auch die männliche Darstellerriege braucht sich nicht zu verstecken. Mit Chris Avram, Silvano Tranquilli oder auch Luciano Rossi sind ebenfalls recht bekannte Namen an Bord. Als Kommissar Capuana erblickt das Auge des Zuschauers den zweimaligen Hitchcock-Darsteller Farley Granger (Der Fremde im Zug und Cocktail für eine Leiche).

Dieser macht seine Sache als meist ratloser und dem Killer hinterhetzenden Polizisten recht gut, wirkt hier und da aber etwas zu routiniert. Man vermisst bei Granger hier und da etwas den Elan, der auch der Geschichte von Schön, nackt und liebestoll im Verlauf fast abhanden kommt. Man dreht sich etwas zu sehr im Kreis und gibt dem Schema, dass der Killer die Ehedamen aus der besser gestellten Gesellschaftsschicht beim Fremdgehen ablichtet, diesen dann auflauert und sie für ihre Taten bestraft, fast etwas zu sehr Zeit. Trotz vieler schöner Frauen und einigen spannenden Momenten blitzen leichte Ermüdungserscheinungen auf, die man aber mit einem interessanten Storytwist gegen Ende hin wieder ausbügeln kann. Da nimmt Montero, wohl etwas zu sehr von den bezaubernden Schönheiten am Set abgelenkt, die Zügel wieder in die Hand und rettet den Film durch ein spannendes Finale vor einem unschönen Absturz.

Dieser hätte dieser Sleazeparade im schönen Gewand nämlich nicht gerade gut gestanden. Macht der Streifen doch ansonsten eine gute Figur, auch wenn es keine großen Ausreißer nach oben gibt. Mit den großen seiner Zunft kann er sich zwar nicht messen. Dafür gibt die schön schundige Story (die im deutschen durch einige grobe Sprüche noch etwas verstärkt wird) im edlen wie toll anzusehenden Gewand etwas wenig her. Dafür ist es allerdings interessant zu sehen, dass man hier das Motiv vieler US-Slasher aus den 80ern vorweg nimmt. Das wohl konservativste Horror-Subgenre aller Zeiten schickte ja desöfteren maskierte Grobiane raus, um die moralisch immer mehr verkommende Jugend mit ihren Sünden wie vorehelichem Sex oder auch dem Konsum von Drogen zu bestrafen. Nur das man in Italien dies eben im gehobenen Bürgertum geschehen lässt.

Das lässt Schön, nackt und liebestoll auch zu einem Unikum werden, welches den moralischen Zeigefinger erhebt und Ehebruch als schwere Sünde darstellt, der mit der "Todesstrafe" gesühnt wird. Passend für einen Film, der aus einem sehr katholisch geprägten Land stammt. Auf der anderen Seite demontiert man ja fast wie Claude Chabrol zu seinen besten Tagen, nur nicht mit dessen Schärfe und Präzision, das gehobene Bürgertum und dessen Doppelmoral. Jener angesprochene Regisseur packt dabei seine Geschichten manchmal genauso in ganz entzückend gefilmte Kriminalgeschichten. Wobei das wohl eher ein Zufall sein dürfte. Doch es steht dem Film, der mit einem angenehm jazzigen Score einen weiteren Pluspunkt einfährt. Hätte man hier und da noch ein Brickett mehr in den Ofen geworfen und das Werk noch etwas mehr Pepp dadurch erfahren, hätte es sogar ein ganz großer werden können. So ist Schön, nackt und liebestoll aber ein durchweg guter und sehenwerter Giallo aus der zweiten Reihe. Denn selten hat eine so schmierige Geschichte so gut ausgesehen.
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