11. Januar 2016

Alienkiller

John McNaughton hat schon mit Henry - Portrait of a Serial Killer gezeigt, wie  eindringlich er die dunkle Seite des Menschen porträtieren kann. Er hat ein Gespür für den "Human Scum" und wie dieser auf der Leinwand zu wirken hat. Gleichzeitig hält er bei manchen Themen dem Zuschauer den Spiegel vor und garniert ohnehin schon bedrückende Szenen mit gesellschaftskritischen Tönen. Selbst in einem zuerst sehr konventionell wirkenden Film wie Alienkiller ist sowas zu finden.

Es fängt schon damit an, dass ein außerirdischer Straftäter, verurteilt wegen Mord, nicht wie üblich durch die Todesstrafe hingerichtet wird. Nein, er wird "genetisch degradiert" (O-Ton) und zu einem Menschen verwandelt. Als dieser wird er auf dem "unterentwickelten Planeten Erde" (wieder O-Ton) ausgesetzt und muss dort fortan seine Strafe verbüßen. Der Haken ist, dass er - bei einer Verletzung des Körpers - eine schmerzhafte Transformation vollzieht und sich in das alte Alien-Ich verwandelt. Dem kann er entgegenwirken, indem er sich einen neuen Kopf von anderen Menschen borgt. Die deswegen bald vorzufindenden kopflosen Leichen sind dabei schnell der neue Fall des der beiden Polizisten Diane und Charlie, wobei erstere es zudem mit einem skrupellosen Vergewaltiger Namens Scully zu tun hat.

Dabei erinnert der Film manches Mal an The Hidden - Das unsagbar Böse, schafft es aber in der ersten Hälfte, starke eigene Akzente zu setzen. Das große Unglück und die Schwäche des Films resultieren aus den Problemen während der Produktionszeit. 1988 startete man mit dem Dreh, dann ging die Produktionsfirma Vestron pleite, der Film wanderte zu Atlantik und letztenendens konnte McNaughton nur durch eine Finanzspritze von Cannon den im Original The Borrower betitelten Film fertig stellen. Die wollten seinen Film, der auf ein NC 17-Rating (höchste Freigabe in den USA) hinauslief, so nicht veröffentlichen. Fünf (!) Schnittauflagen der MPAA später und Cannon war zufrieden. Was man im Endeffekt mit dem Film nicht ganz ist, obwohl er dennoch ein überdurchschnittlich guter Alienhorror ist.

Die starke erste Hälfte gewinnt hier viel, wenn der hilflose und fremde Alien versucht, sich an die Menschen anzupassen und ihnen abschaut, wie man sich verhält. Er ist ein Fremdkörper bzw. Sonderling, der in dem Umfeld, in dem er sich bewegt, zunächst nicht oder kaum auffällt. Ihm hilft auf seinem Streifzug durch das nächtliche Chicago ein Obdachloser, der ihn als "Freak" aber auch als einer der seinen annimmt. Hier zeichnet McNaughton düstere Bilder, parallel erzählt er von Diane und ihrem Kampf mit Scully. Ein minimalistischer Synthiescore macht aus diesen dunklen Bildern einen 80er Horror Noir mit kritischen Untertönen.
Menschen nehmen den Alien  der durch das Wechseln der Köpfe mit sichtbaren Wunden am Hals, Blut auf der Kleidung und sehr seltsamen Verhalten durch die Stadt läuft nicht wahr - oder wollen dies nicht. Die Nacht und der Kiez, auf dem er sich aufnimmt verschluckt ihn und nimmt als einen der ihren an. Das menschliche Trübsal am sozialen Rand wird nebensächlich, aber gut beobachtet eingefangen. Wenn der Alien Nachts in einem Kaffee sitzt, unbeteiligt und hinter ihm ein Schusswechsel zwischen Besitzer und Dieben stattfindet und er ebenso ungerührt die Szenerie verlässt, so ist dies eine beklemmende Szene die nachhallt.

Die an McNaughtons Film gestellten Auflagen lassen den Film verwässern und gerade in seiner zweiten Wirkung abschwächen. Nicht zu vergessen, dass das Finale sehr ungelenk und holprig wirkt. Der Eingriff von außen ist stark spürbar und lässt ihm zu einem routiniert abgedrehten Science-Fiction-Horror-Hybriden schrumpfen. Rae Dawn Chong als Diane und die jeweiligen Darsteller der verschiedenen Verkörperungen des Alien wissen zu gefallen, können aber ebenso wie McNaughton nicht verbunden, dass durch die Umschnitte der Film mitsamt seiner Stimmung kippt.

die kritischen Töne gegenüber einer Menschheit, die gerade den sozialen Rand ihrer Gesellschaft verkommen lässt und dabei abgestumpft Gewalt und Verfall (von Hilfsbedürftigen) hinnimmt, machen Alienkiller zu einem äußerst interessanten Film, der im ganzen (leider) nicht komplett überzeugen kann. Schade, spürt man doch, dass so viel mehr möglich und drin gewesen wäre.