6. Dezember 2017

Southbound - Highway To Hell

Da geht was in den USA. Sicher: dort ging immer etwas, aber was einige Teile der dortigen Indie-Szene an Horrorfilmen dreht, kann sich sehen lassen. Mit einem unbändigen Willen und Mut zum Experiment schaffen sie Filme, die nicht immer perfekt sind, dafür aber mutig. Eine Eigenschaft, die dem Genre mehr und mehr abhanden kommt. Im Bereich des No- bzw. Low Budget-Films gehören solche unerschrockenen Filmemacher weiterhin zu einer seltenen Spezies, wird der unabhängige, semi- bis non-professionelle Horrorfilm beispielsweise weiterhin von uninspirierten Slashern oder Zombiefilmen bevölkert, welche nach weitläufig bekannten Mustern ablaufen, gleich ganz hip mit ironischer Brechung Klassiker zitierfreudig zusammenwirft oder einfach einen kruden Effekt nach dem anderen abspult. Ausgerechnet die Spielart des Episodenfilms bescherte mir in den letzten Jahren einige weitgehend positive Überraschungen. Zu nennen seien hier die V/H/S-Reihe, Holidays (vor kurzem im Rahmen des Horrorctobers gesehen und besprochen), ABCs Of Death oder 5 Senses of Fear.

Southbound hat mit den genannten Filmen eines gemein: es ist nicht alles perfekt (doch welcher Film schafft das schon?), nicht alles wirklich rund; diese Unzulänglichkeiten, solche Ecken und Kanten, verschaffen ihm erst seine ganz eigene Ausstrahlung. Anders als in vielen Episodenfilmen üblich, werden die Geschichten nicht einfach hintereinander bzw. aneinander geklatscht erzählt und auch nicht zwischen eine Rahmenhandlung platziert. Southbound ist ein filmischer Kreislauf: seine eliptische Erzählweise lässt seine Geschichten ineinander übergehen. Handlungen der vorangegangen Story führen zur nächsten. Zuerst folgen wir den Freunden Jack und Mitch, die auf der Flucht vor geheimnisvollen Kreaturen wortwörtlich nicht vom Fleck weg kommen. Dort treffen wir auch auf eine dreiköpfige Band, deren weiblichen Mitglieder mit ihrem VW-Bus mitten in der Wüste liegen bleiben und von einer seltsamen Familie aufgelesen werden. Das Abendessen in deren Haus wird zu einer bizarren Angelegenheit, von dem Bandmitglied Sadie versucht zu fliehen. Dabei hat sie einen Unfall mit Lucas, an dem es in der besten Geschichten daran liegt, ihr Leben zu retten, bevor man sich Danny widmet, der auf der Suche nach seiner Schwester ist. Diese findet er, doch die Dame ist wenig begeistert davon. Zuletzt machen drei maskierte Männer Jagd auf einen Familienvater und machen Bekanntschaft mit den Kreaturen vom Beginn, womit sich der Kreis schließt.

Der gewählte Erzählstil mag den Machern und einem selbst zuerst sehr fancy vorkommen, er offenbart schnell das größte Problem des Films. Southbound gibt sich gezwungen anders, will sich bewusst - was zuerst einmal löblich ist - vom Gros der anderen Indie-Horrorfilme abheben. Es funktioniert bedingt; erzählerisch bleiben einige Geschichten leider auf der Strecke. Das Drehbuch hält sich nicht groß mit Erklärungen auf; wie die einzelnen Protagonisten wird man ohne Vorwarnung in die Erzählung hineingeworfen. Das ist schnell als gewollter Stil entlarvt, die vage im Raum schwebende Aufforderung, den Sinn, den Hintergrund und die Beweggründe des Grauens zu interpretieren, ist eine stille, strenge Aufforderung. Mehr noch: ein fast lästiges Muss. Raum dafür bietet der Film mit seinen Geschichten nicht, sind diese doch grob umschriebene Erzählungen, die sich verschiedenen Spielarten des Genres bedienen. Fasziniert die konsequent schnell herbeigeführte Situation der ersten Story mit ihren bizarren Kreaturen und ihrer interessanten Idee, so wirkt die darauf folgende Episode um das weibliche Musiker-Trio leicht unausgegoren. Sie reißt ihre Ideen an, manches wirkt somit an Southbound wie ein verfilmtes Filmemacher-Meeting bzw. Brainstorming. Am stärksten ist die Situation um einen Autofahrer, der versucht sein angefahrenes Opfer in einer menschenleeren Stadt und einem ebenso leeren Hospital mittels Hilfe am Telefon medizinisch zu retten.

Die minimalistische Handlung bedarf keiner großen, weiteren Erklärung, die Ausgangssituation führt zu einem hübsch getimten, spannenden Stück welches den Protagonisten wie den Zuschauer zu einer durchaus aufwühlenden Achterbahnfahrt mitnimmt. Die überspitzte Notfallsituation wird ins äußerste getrieben um mit einer zwar vorhersehbaren, aber trotzdem fiesen Pointe zu punkten. Der narrative Minimalismus funktioniert hier durch die schlichte Story, die weder gekünstelt noch bruchstückhaft wirkt. Southbound fehlt es an einer gewissen Erdung, festem Grund um sein durchaus interessantes Ideenchaos zu ordnen. In diesem geht die vierte Story um Danny und seine Schwester unter, die bis auf einige deftige Gore-Effekte ein bloßes Nichts von aneinander gereihten Einfällen ist. Zum Abschluss begibt man sich auf die Pfade des Home Invasion-Thrillers und scheitert abermals an der fehlenden Grundierung, die mit ihren bloßen Andeutungen es nicht schafft, genügend Spannung aufzubauen. Die vier Regisseure konzentrieren sich zu stark darauf, Southbound zu einem unwirklich wirkenden Geflecht vieler Versatzstücke zu machen. Das Konzept, dass er haben soll, bleibt eine leere Hülle. Leider bleiben manche Ideen auf der Strecke, der Gesamteindruck lässt nicht verleugnen, dass die Macher einen unbändigen Willen haben, dem Genre und insbesondere dem Anthologienfilm neue Facetten schenken zu wollen. Es ist eine nicht komplett funktionierende Sammlung von Kurzgeschichten bzw. -Filmen mit Ecken und Kanten. Eine Eigenschaft, die auch die oben angesprochenen V/H/S (die hier mitwirkenden David Bruckner und Radio Silence waren auch daran beteiligt) oder 5 Senses of Fear ausmachen. Es ist moderner Horror, der die eng gezogenen Konventionsketten mit groben Mitteln sprengen möchte. Die ruppige Gangart mag nicht gänzlich funktionieren oder elegant sein, bietet aber genug Charme und interessante Elemente, dass Southbound einen Blick wert ist.