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Donnerstag, 28. Dezember 2017

Baby Driver

Irgendwie habe ich damals, in der Ankündigungsphase von Baby Driver, verschlafen oder übersehen, dass er von Edgar Wright ist. Ich mag seine Filme Shaun Of The Dead und Scott Pilgrim vs. The World und hätte mir den Film wohl schon viel eher angesehen. Die Trailer sahen in Ordnung aus, weckten allerdings in keinster Weise mein Interesse. Das kam erst durch die vielen positiven Stimmen, die ich dann u. a. auf letterboxd lesen konnte. Sollte das wirklich der Actionfilm 2017 sein? Der Streifen, der in diesem Jahr am coolsten ist? Noch nicht angeschaut, wuchsen in mir Zweifel, ob das wirklich so stimmt. Ob man das bestätigen kann. Geschmäcker sind bekanntlich verschieden und gerade bei letterboxd finde ich es immer wieder erstaunlich, wie Meinungen zu Filmen auseinander gehen können. Dank einer Aktion von Google Play konnte ich mir nun selbst ein Bild vom Film machen und hab ihn mir für gut 1€ Leihgebühr via VOD angesehen.

Ein erster Gedanke zum Film war, dass Edgar Wright nun ebenfalls auf den Retrozug aufspringen möchte. Die im laufenden Bild eingewobenen Credits erinnern an Titel von Filmen aus den 70ern; die Story von Baby Driver orientiert sich an Heist- bzw. Gangsterstreifen des gleichen Jahrzehnts. Hier handelt es sich glücklicherweise nicht um den x-ten Film, der sich ganz trendy als Werk aus einem vergangenen Jahrzehnt ausgibt. Viel mehr webt Wright seinen "vintage stuff" in die narrative und gestalterische Moderne ein. Die damit entstandene Symbiose aus alt und neu ist rein technisch gesehen vollkommen überzeugend. Wright war und ist ein detailverliebter Regisseur, der auch gut und gerne - wie zum Beispiel Quentin Tarantino - in seine Werke (sehr) viele Anspielungen auf von ihm geliebten Stoff einbaut. Bei Baby Driver ist das die Musik, welche über die Laufzeit zu einem ständigen Begleiter wird.

Wie für den Zuschauer, ist sie auch für Baby, den Protagonisten von Wrights Geschichte, dauerhaft präsent. Durch einen Autounfall im Kindesalter leidet er an einem störenden Tinnitus, den er mit der Dauerbeschallung, er hat sogar für die unterschiedlichsten Stimmungen andere iPods in der Schublade, bekämpft. Seinen Lebensunterhalt bestreitet der bei seinem taubstummen Pflegevater Jonathan lebende Jungspund als Fahrer bei äußerst heißen Jobs: er lenkt die Fluchtwägen bei Überfallen, die vom Gangsterboss Doc organisiert werden. Sein letzter Coup bevor er von Doc in die Freiheit entlassen wird (mit den Aufträgen zahlt Baby Schulden bei diesem ab), ist mit Komplikationen verbunden. Zum einen ist da der von Doc angeheuerte, unberechenbare Bats, der sich als tickende Zeitbombe entpuppt und die hübsche Debra, die Baby in einem Diner kennenlernt. Alleine wegen dieser sehnt sich Baby nach der baldigen Freiheit, doch durch seine Prinzipien und den durchgedrehten Bats rückt diese während den Vorbereitungen zum nächsten (letzten) Auftrag und bei diesem selbst in weite ferne.

So state of the art Wrights Baby Driver auch ist, spürt man seinem Film an, dass dieser zu einem gewissen Teil eine Huldigung der 70er Jahre ist. Ist dies auf der Tonspur ein interessanter Wechsel zwischen modernen Songs und Soul- und R'n'B-Klassikern Motowns, so ist es in der Geschichte selbst die Zeichnung seiner Figuren. Es sind zeitlose Stereotypen, die über die Jahrzehnte hinweg immer wieder in großen wie kleinen Produktionen auftauchten. Mit Baby selbst haben wir einen Heroen, der in sich gekehrt ist, in der ersten Hälfte beinahe nur One-Liner raushaut, mit einer Sonnenbrille seine Coolness unterstreicht und im optischen Auftreten an jugendliche Querschläger aus Klassikern vergangener Jahrzehnte erinnert. Leider ist Ansel Elgort ein Milchgesicht; ein hübsches, der die weiblichen Zuschauer sicher zum Schwärmen bringt und bei diesem mit seinem Gebahren einschlagen kann. Leider ist er eben kein zweiter Steve McQueen. Elgort steht auch für das größte Problem des Films: das, was wir da sehen ist hübsch anzuschauen, es ist auch richtig cool, aber nicht komplett greifbar. Wrights neuester Film bleibt distanziert und unnahbar.

Der Funke mag zu keiner Zeit richtig überspringen. Wrights spürbare Leidenschaft und Hingabe erstreckt sich in kleine, tolle Details, der Soundtrack macht Laune und schon lange ging dieser mit den gezeigten Bildern keine so tolle Symbiose wie hier ein. Da schießen Waffen im Takt des gespielten Musikstücks, eine Verfolgungsjagd ist im Rhythmus des untermalenden Songs geschnitten: das ist großartig und wird mit Respekt und Anerkennung zur Kenntnis genommen. Wieso das Herzblut, welches der Regisseur merklich in seinen Stoff gesteckt hat, nicht bis zum Zuschauer ankommt, ist schwer zu beantworten. Die Detailversessenheit Wrights könnte man mit dem gleichen Problem vieler Tarantino-Produktionen gleichsetzen: beide Macher finden das selbst alle unglaublich gut, feiern sich selbst dafür und werden von einigen Fans deswegen gefeiert, aber es fehlt eine letzte Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die den Stoff mit seinen vielen Referenzen lebendig machen. Oft stellen die Kriminellen im Film die Frage, ob Baby Driver zurückgeblieben ist, weil er so stumm, in sich gekehrt und zurückhaltend ist.

Der coole Fahrer offenbart sich dem Zuschauer erst nach und nach, wenn mit Debra die Liebe in sein Herz einzieht. Der Junge, so lernen wir, kann ja doch lächeln und Gefühlsregungen zeigen. Diese Gefühle gehen im chic der Inszenierung und dem gewollten Stilwillen zwischen überkonzentrierter Coolness und Hommage leider unter. Baby Driver ist nicht wirklich schlecht. Technisch ist das sehr hohes Niveau, die vielen Einfälle locken mehr als einmal ein Schmunzeln oder wenigstens anerkennendes Nicken hervor. Seinem Hype wird der Film nicht gerecht. Was nützt all' diese Brillanz in Technik und Stil, wenn dafür zu wenig Gefühl im Spiel ist? Das Wright das anders kann, zeigt sein Scott Pilgrim. Baby Driver selbst ist leider einfach nur eine zugegeben rasante Actionstory, die mit ihrem halben Blick zurück um den Verve alter Zeiten in die gegenwärtige Filmsprache zu zwängen, emotional an die Wand fährt. Bedauerlich, da Wrights Film viel an Potenzial mitbringt, wirklich ein instant classic des modernen Actionfilms zu werden. Leider wird er so nur einer unter vielen, mit einem dafür sehr coolen Soundtrack. Das ist insgesamt gesehen zu wenig für einen komplett überzeugenden Film.

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