17. Januar 2018

Super Dark Times

Wer den Film noch nicht gesehen hat und sich nicht spoilern lassen möchte, sollte den Text erst nach dem Genuss des Films lesen.

Die Blase aus pubertärem Bewerten der Mitschülerinnen im Jahrbuch nach Fuckability, dem Zeit tot schlagen innerhalb der Grenzen des Dorfkosmos, dem Sturm und Drang im Inneren nachgeben, wird mit einem Unfall jäh zum platzen gebracht. Ein Samuraischwert steckt da im Hals des halb geduldeten, halb in Freundschaft verbundenen Daryl. Mit dem verschwinden der Blase aus erwachsen werden und unbeschwert langweiligen Teenietagen und des Freundes brechen für Chris, Zach und Josh Super Dark Times an. Das Vertuschen des Unfalls stellt die Freundschaft zwischen dem unsicheren, schüchtern wirkenden Zach und dem schwer zu greifenden, geheimnisvoll verwegenen Josh auf eine harte Probe. Der anfängliche Schock sät im Stillen Paranoia, Misstrauen und lässt die Jungen langsam entzweien. Erst recht, als mit Allison, die Zach eindeutig zu verstehen gibt, dass sie auf ihn steht, sich ein Mädchen zwischen die beiden drängt.

Das Mädchen stößt dabei auf eine unsichtbare Barriere. Sie weiß nichts vom schrecklichen Unfall am Rand ihres kleinen Ortes, der wie ein Sturm im Inneren ihres Schwarms tobt und dieses durcheinander wirbelt. Unbemerkt gibt sie Zach dabei Halt in schweren Zeiten und Annäherung geschieht. Josh, der ebenfalls ein Auge auf die mit Natürlichkeit und spröder Schönheit gesegnete Allison geworfen hat, isoliert sich. Die Gedanken, die um Daryls Ableben kreisen, werden zum Mittelpunkt seines gedanklichen Universums, um den sich sein Denken dreht. Mit der interessanten, unergründlichen Aura, seinem markanten Gesicht und der verwuschelten Mähne könnte er ein kleiner Mädchenschwarm sein. Es scheint nur Fassade zu sein. Wie bei seinem besten Freund ist eine Unsicherheit gegenüber dem anderen Geschlecht zu bemerken.

Ist das wirklich nur Schüchternheit? Die Avancen, Zach näher zu kommen, werden bis zu einem Punkt erwidert, bevor der Junge abblockt. Ein simpler erster Kuss, eine ersehnte Dringlichkeit ihrer Zuneigung, bleibt verwehrt. Im Nebel seiner Atmosphäre versteckt Super Dark Times subtile Zeichen in der Beziehung zwischen Josh und Zach. Kleinigkeiten, die fast verschluckt werden. Nach einigen Stunden, wenn sich Kevin Phillips Debüt im Bewusstsein des Zuschauers gelegt hat, klärt sich das Bild auf. Ist das wirklich nur Freundschaft? Sind Mädchen wirklich das, was sie oder einer von beiden wirklich will? Als ein älterer Mitschüler plötzlich tot aufgefunden wird, fällt Zachs Verdacht auf seinen Freund. Das Schwert ist nicht mehr im Versteck zwischen Baumwurzeln und welkem Blattwerk; die Isolation des Freundes und seine vor wenigen Tagen offen ausgesprochene Aversion gegenüber dem Verstorbenen lassen seinen Gedanken wilde Verknüpfungen entspringen.

Der Verdacht erhärtet sich und als Josh mit dem Schwert eingewickelt in einem Badetuch zum Finale bei Allison und einer Freundin auftaucht, entwickelt sich Zach zum Teenage Superhero. Im Angesicht seines Freundes offenbart er sich. Das ist nicht einfach nur Freundschaft, wenn Zach Josh offeriert, dass er ihn liebt. Sein Coming of Age ist mit Blut, Gewalt und Tod verbunden. Kurz nach dem Geständnis tritt der Junge die Flucht an, als hätte er im Kindergartenalter seinem Schwarm gestanden, was er für diesen empfindet. Der Erkenntnis wohnt weiter Unsicherheit inne. Die Antwort wird mit scharfer Klinge geschrieben, wenn Josh, zerbrechend an der in ihm schwelenden Schuld und einer vage gezeichneten Gefühlswelt seinem Freund gegenüber, weiter seinem Amoklauf fröhnt. Es ist eine blutige Abwehr, mit scharfer Klinge erleidet Zach die Abfuhr, bis es im Garten zur blutigen Zusammenkunft der beiden heranwachsenden Männer kommt.

Symbolisch bohrt sich der metallene Phallus in den Körper, im gewaltsamen Kampf zwischen panischer Vernunftbesessenheit und der Gefühlswelt kapitulierendem Amoklauf geschieht das, was bei Josh niemals sein darf. Sie sind sich nahe, die Körper, die bisher angedeutet aufeinander warten, berühren sich. Zachs Offenheit wird mit Schmerz und Blut bezahlt. Erinnerungen an das Finale von Chang Chehs Duell ohne Gnade blitzen auf, wenn sich Hong Kongs damalige Topstars David Chiang und Ti Lung bis zu diesem tiefen Respekt zollten, der Regisseur sein Buch mit homoerotischen Untertönen aufbaute, eine so im Martial Arts-Kino einzigartige Beziehung zwischen zwei Figuren schuf und sie dann, nach schwerem Kampf im Todesballett zueinander finden ließ. Was nicht sein durfte, baute der homosexuelle Top-Regisseur der Shaw Brothers kunstvoll in seine Geschichte ein und wenn Josh und Zach auf Leben und Tod miteinander kämpfen, wohnt diesem eine ähnliche Intimität inne.

Coming of Age heißt auch immer, zu sich finden. Die Protagonisten schaffen dies mit Müh' und Not, Super Dark Times schließt sich diesen an. Was will man eigentlich sein? Hat man eine Rolle im Leben und wie wird diese aussehen? Geht es nur ums Ficken und dem Zeit rum bekommen in dieser tot erscheinenden Ortschaft? Fragen wabern in Phillips atmosphärisch fotografierter Erzählung umher; alle werden nicht beantwortet. Spät findet auch Super Dark Times zu sich, dessen Thriller-Dasein ein wundersamer Anbau an das Findungsdrama zweier Freunde und deren schmerzlichen erwachsen werden, dem aufwachen aus ihrer Traumblase, ist. Eine durchaus interessante Fingerübung, die visuell wie auditiv schön ausgefallen ist. Seine den Protagonisten gleichkommende Planlosigkeit, die er in seinen ersten dreißig Minuten gekonnt auf den Punkt bringt und erzählt, lässt ihn strauchelnd zurück und erinnert an sein Intro. Dort liegt dieses prächtige Wild, schwer verletzt in einem Schulsaal. Während dieses im Film leider vom Leid erlöst werden muss, geht Super Dark Times im Endeffekt als mit kleinen Fleischwunden versehrter Junghirsch aus dem Rund des Indiekinos. Er ist noch jung, wächst wahrscheinlich mit den Jahren, könnte über die Jahre ein stattliches Tier (sprich Klassiker) werden, wenn seine davongetragenen Schwächen, die er besitzt, sich mit den Jahren vielleicht doch noch auflösen. Schade, dass man ihn werbetechnisch völlig haltlos mit modernen Klassikern wie Donnie Darko verglichen hat. Das ein Werk, dass mit meinem Lieblingsfilm verglichen wird, nur verlieren kann, war absehbar. Ganz verloren wurde der Kampf allerdings nicht. Super Dark Times ist angeschlagen und könnte sich ein paar Jahre später noch rehabilitieren.