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Mittwoch, 19. September 2018

Die fliegende Guillotine

Der Film und das titelgebende Mordwerkzeug haben eine Gemeinsamkeit: beide besitzen aus unterschiedlichen Gründen einen Legendenstatus. Die wurfscheibenförmige Waffe soll Beteuerungen nach wirklich existiert haben; leider gibt es weder erhaltene Exemplare der fliegenden Guillotine noch offizielle Überlieferungen. Von Mund zu Mund und von Ohr zu Ohr hallten die Geschichten über das effektive Wurfgerät und schufen eine Legende, deren Wahrheitsgehalt nicht mehr feststellbar ist. Dem Vernehmen nach soll sie in der Qing-Dynastie entwickelt und eingesetzt worden sein. Der von den Shaw Brothers produzierte Film gehört für viele Fans zu den Großtaten des Genres und des Studios selbst. Häufig wird er in einem Atemzug mit weiteren Klassikern wie Die 36 Kammern der Shaolin, Zhao - Der Unbesiegbare oder Duell ohne Gnade genannt und vereint wie diese die klassischen Motive des Genres. Im Kern behandelt der Film die Rebellion gegen den tyrannischen Kaiser Yung Cheng, der getrieben von seiner Paranoia eine mächtige Waffe, jene fliegende Guillotine, entwickeln lässt um speziell an dieser ausgebildete Assassinen Attentate auf vermutete Feinde und unliebsame Naturen ausüben zu lassen.

Die Rebellion kommt wie von Yung Cheng befürchtet nicht von außen, sondern aus dem Inneren selbst. Ma Teng, bester Kämpfer in der für den Kaiser gebildeten Attentäter-Geheimstaffel, kann nicht länger seine Zweifel an der Richtigkeit der vom Kaiser erlassenen Aufgaben unterdrücken und wirft die Brocken hin. Mit seiner Angebeteten, der Straßensängerin Ping Yu baut er ein neues Leben als Farmer auf, ohne zu wissen, dass ihn seine ehemaligen Kameraden im Auftrag des Kaisers versuchen aufzuspüren um den Deserteuren zu töten. Das Drehbuch greift Themen wie Loyalität und deren schlimmen Auswüchse der blinden Gehorsamkeit, politische Unterdrückung von Minderheiten und Resultate despotischer Regierungen auf und bettet sie in eine leichtfüßig wie bodenständig erzählte Geschichte. Der Fokus von Regisseur Ho Meng-Hua liegt viel mehr auf der persönlichen Ebene und dem Drama um Ma Teng als dem Zuschauer reihenweise spektakuläre Kämpfe zu bieten. Die fliegende Guillotine ist sorgfältige Erzählkultur innerhalb des trivialeren Kinos, das Werte wie Loyalität, Aufrichtig- und Ehrlichkeit hoch hält und mit Ma Tengs Werdegang verknüpft. Der vom ansonsten in anderen Filmen eher starrgesichtige Chen Kuan Tai dargestellte Protagonist ist ein Held der alten Schule, der mit einer ganzen Reihe intriganter Geschehnisse konfrontiert wird und sich diesen siegreich stellt.

Die fliegende Guillotine deckt in seiner Machart ein breites Spektrum des Easterns ab, dass man ihn mit Die 36 Kammern der Shaolin als perfekten Einsteigerfilm für Interessierte ansehen kann. Er bietet tolle Sets und Kostüme, eine Mischung aus der typischen, unwirklich und märchenhaft erscheinenden Studio-Atmosphäre der Shaws kombiniert mit Außenaufnahmen, manchmal sehr hübschen Kameraeinstellungen und gut choreographierten wie platzieren Kämpfe. Wer zuvor nicht mit dem für manchen Westler und bisher Eastern-unberührten Wuxia und dessen übertriebenen Fantasy-Elementen in Berührung gekommen ist, bietet The Flying Guillotine einen weiteren Grund, ihn als idealen Einstieg bei Interesse am Shaw Universum anzusehen. Den wenigen Fights Mann gegen Mann zum Trotz kommt die Guillotine natürlich nicht zu kurz und es dürfen einige Leute wortwörtlich ihren Kopf verlieren. Obwohl dies für mich die Zweitsichtung des Films darstellte, die erste war schon etliche Jahr her, hatte ich bis auf eine Szene keine große Erinnerung an diesen. Es war eine schöne Wiederentdeckung die bis auf das hin und wieder schreckliche Pacing (nur der zweite Teil ist da noch schlimmer) rundum funktionierte.

Noch interessanter wird es, wenn man versucht, die Augen zusammenzukneifen und zwischen den Zeilen zu lesen. Der wirklich existierende Yong Cheng war trotz despotischer Ansätze im Regierungsstil weit weniger tyrannisch wie im Film dargestellt und sorgte für einige positive Umwälzungen während seiner Regierungszeit und soll massiv gegen damalige Korruption vorgegangen sein. Es können Überlieferungen aus dem Volksmund sein, die ihn in Die fliegende Guillotine zum gnadenlosen mandschurischen Kaiser, der Han-Chinesen als seine größten Feinde ansieht, macht. Historisch gesehen wurden die Mandschu-Traditionen und Bräuche friedlich von der der Han über die Jahre assimiliert. Eher scheint Yong Cheng für das zu stehen, was zur damaligen das chinesische Festland regierte und zum Beispiel keinerlei Kritik am Regierungskörper zuließ. Viel besser wird dies lustigerweise im nicht an den Erstling heranreichenden Sequel und seinen geringen Abwandlungen der Ursprungsgeschichte deutlich. Die damals noch britische Kronkolonie Hong Kong, in der man damals nicht mal im Traum daran dachte, das sie jemals an China zurückgegeben werden würde, schaut geprägt von westlichen Einflüssen und chinesischer Tradition auf das Mutterland, welches in der eisernen Hand der kommunistischen Einheitspartei war. Hochpolitisch oder subversiv mögen die Filme der Shaw Brothers nie gewesen sein; die von volkstümlichen Überlieferungen beeinflussten Geschichten eigneten sich in ihrer Zeitlosigkeit für die Drehbuchautoren, um damit gewisse politische Parallelen zu ziehen.

Das ausgeklammert ist Die fliegende Guillotine ein zurückgenommener, aber durch sein bescheidenes Wesen glänzendes Stück Eastern. Er macht zuerst einmal Spaß und auch wenn die Guillotine das Werkzeug des Bösen ist, freut man sich diebisch, wenn diese in der Luft zu ihrem nächsten wehr- und ahnungslosen Opfer rauschen um ihm mehr Platz auf den Schultern zu verschaffen. Den Film, der insgesamt zwei Fortsetzungen und dutzende Ableger bzw. Nachahmer mit sich zog, kann man zurecht als Legende bezeichnen. Wer interessiert am Martial Arts-Genre bzw. dem Eastern als solches ist, der sollte sich umgehend mit diesem Film beschäftigen. Es lohnt sich.

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