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Samstag, 23. März 2019

What The Waters Left Behind

Am 10. November 1985 ging Villa Epecuén unter. Stark anhaltende Regenfälle ließen den nahegelegenen See über die Ufer treten und letztendlich die Rückhaltewand der spärlichen Lehmdämme brechen. Die Bewohner des kleinen Ortes flüchteten so schnell sie konnten, während die Fluten des gestauten Sees die Stadt verschwinden ließ. Videoaufnahmen dieser Tragödie eröffnen den argentinischen Horrorschocker What The Waters Left Behind, dessen Titel auf die letzten Jahre anspielt. 2009 zog sich das Wasser nach und nach zurück und legte die Ruinen von Epecuén frei. Surrealistisch mutete das Bild der Trümmer dieser Geisterstadt an: wie das vom Ausbruch des Vesuv überraschte Pompeii stellt der verwüstete Ort und sein Umland ein Zeitzeugnis dar: zurückgelassene Wägen, Wohnungen, Häuser muten an, als hätte jemand den Lauf des Lebens der Bewohner per Druck auf die Pausetaste angehalten, bevor die Fluten alles verschluckten.

Für das Brüderpaar Luciano und Nicolás Onetti, welche zuletzt mit der detailliert wie bemüht auf alt getrimmten Giallo-Hommage Francesca (Besprechung hier) auf der Bildfläche erschienen, bietet Epecuén die passende Kulisse für ihren Backwood-Horror und ist gleichzeitig Inspiration für ihre Geschichte: ein klischeehaft gezeichneter, gestresster und divenhafter Filmemacher, der über die Tragödie eine Dokumentation drehen möchte, reist mit seinem kleinen Team und einer Überlebenden in die Geisterstadt, um für das Projekt Aufnahmen zu machen. Bis der Horror für die austauschbaren Figuren losbricht, strengen sie den Zuschauer mit Zickereien und Streitigkeiten an, bevor sie bemerken, dass die verwüstete Stadt gar nicht so verlassen ist, wie sie wirkt. Ein degenerierter Clan von Kannibalen hat es sich im argentinischen Hinterland gemütlich gemacht und bietet mit seinem Auftauchen eine wenig erbauliche Mischung aus Terrorfilm, Backwood-Slasher und Torture Porn.

Überdeutlich orientiert sich das Regie-Duo an großen Vorbildern wie The Texas Chainsaw Massacre oder Wes Cravens The Hills Have Eyes. Die Reise nach Epecuén in einem VW-Bus lässt ikonische Einstellungen aus Tobe Hoopers meisterlichem Kettensägenschocker weniger als Zitat, mehr als bis auf wenige Details abgeänderte Nachstellungen aufleben. Der Zwischenstopp bei einer verfallenen Tankstelle mitsamt auf der verschmutzten Toilette hängenden Zeitungsschnipsel über in der Region vermisste Personen bietet einen ersten, vagen Ausblick auf die menschenfressenden Antagonisten. Was als überdeutliche Hommage an die Klassiker des Subgenres beginnt, kippt mit jeder Minute nach dem Auftauchen des Clans in ein ideenarmes und spärlich interessantes Horrorstückwerk. Die Folterungen an den Gefangenen Filmcrew-Mitglieder könnte sogar Eli Roth im fiebrigen Magen-Darm-Grippe-Delirium besser abfilmen. Bei den Onettis ist das Foltermittel nicht das Leid der Protagonisten, deren schablonenhaftes Dasein dem Zuschauer schnell gleichgültig ist, sondern die Langeweile der schleppend voranschreitenden zweiten Hälfte.

Die Regisseure und Autoren verwechseln Hommage mit bloßem Kopieren. Auch die aus The Texas Chainsaw Massacre bekannte Dinner-Szene wird frohen Mutes wenig variiert in den Film eingebaut. Als Zuschauer fragt man sich wie die Protagonisten, wann das Martyrium endlich endet. Mit Eigenständigkeit hat What The Waters Left Behind bis auf den reellen Hintergrund und den Originalschauplätzen wenig am Hut. Letztere sorgen für eine interessante Kulisse, in der man einen wenigstens kurzweiligen Hinterwäldlerhorror hätte umsetzen können. Nach dem durchaus ambitionierten Francesca ist dieser Film nahezu eine Bankrotterklärung. Man möchte den Onettis zureden, dass sie lieber eine kreative Insolvenzerklärung aus Mangel an restlichem Talent abgeben sollten, als nochmal einen Film zu machen. Oder versuchen, wenigstens halbwegs eigenständige Werke abzuliefern. Mit dem als Hommage konzeptionierten What The Waters Left Behind wirken sie leider wie zwei über das Ziel hinaus schießende Fanfilmer, welche wie einst Epecuén mit ihrem Film sang und klanglos untergehen.

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