15. Mai 2018

Auge um Auge

Fernando di Leo weiß oder war sich zumindest sicher: die Kluft zwischen Arm und Reich ist überwindbar. Überbrückbar. Was Erwachsene nicht schaffen, vermögen Kinder mit Leichtigkeit fertig zu bringen: Fabrizio ist der Sohn des verwitweten Motoradschraubers Mario, Antonio ist der Sprössling des schwerreichen Bauunternehmers Filippini. Die Credits von Auge um Auge machen unmöglich geglaubtes möglich: Mario braust mit dem Sohnemann hinter sich auf dem Motorrad zur Schule, Antonio mit der noblen Karosse des Vaters mitsamt Chauffeur. Wenn dieses ungleiche Bild mit Vertretern des Proletariats und reicher Oberschicht entsteht, der Motorradfahrer neben dem teuren Auto an der Ampel steht und diesen krassen Kontrast bilden, lässt der Film diesen in sich zusammenfallen, als sich die beiden Schüler vom Gefährt aus grüßen. Kaum an der Lehranstalt angekommen, vereint in Freundschaft, braust ein Wagen vor, maskierte Menschen springen heraus und versuchen, Antonio zu entführen. Fabrizio versucht mit aller Kraft, seinem Freund zu helfen, die Entführung zu verhindern und muss wegen der geleisteten Gegenwehr am Ende mit in den Wagen.

Daraufhin kredenzt uns di Leo einen manchmal zähen, einfach aufgebauten Entführungskrimi. Das Kidnapping schlägt Wellen, die Zeitungen berichten in Sonderausgaben darüber, die Polizei ist in heller Aufruhr, sucht Antonios Vater bei der Arbeit auf um ihm die fürchterliche Nachricht zu überbringen. Mario erfährt zufällig durch die Zeitungen davon und schlägt sich auf eigene Faust zum Haus des Bauunternehmers vor. Dort findet er einen fast ratlosen Kommissaren, die hysterische Mutter und den eisernen Vater kennen. Letzterer weigert sich, das geforderte Lösegeld zu zahlen, da er es für zu hoch hält. Die Verhandlungen ziehen sich in die Länge, die Kidnapper üben mehr Druck aus und drohen damit, eines der Kinder zu ermorden, wenn Filippini nicht nachgibt. Alles Flehen des finanziell nicht gut gepolsterten Marios hilft nichts, dieser bleibt hart und die Kidnapper erschießen, als sie ihre Drohungen wahr machen, dessen Sohn. Der Mechaniker sieht daraufhin wie einst Charles Bronson rot und startet einen Rachefeldzug. Bis dahin kämpft sich der mit Ungereimtheiten gespickte Plot mühsam in die zweite Hälfte, die Auge um Auge fast zu einem komplett anderen Film macht und durch den Originaltitel, der ins Deutsche übersetzt Die schockierte Stadt: rücksichtslose Jagd auf die Entführer lautet, sehr treffend beschrieben wird.

Wenn Luc Merenda Selbstjustiz als einzige Form seiner persönlichen Genugtuung in Betracht zieht, legt das Buch ein paar Bricketts nach. Das entfachte Feuer in der Story kommt dem Film zu gute. Dem sichtbar geringen Budget zum Trotz mausert sich Auge um Auge zu einem straighten Racheactioner. Im Vergleich zu anderen Filmen aus Italien aus dieser Zeit zwar zahmer (obwohl er sich nicht groß vom Rest unterscheidet), aber mit einigen netten Szenen - darunter eine gut gefilmte Verfolgungsjagd durch eine verwinkelte, kleine Ortschaft - versehen. Merendas Figur kämpft sich durch eine ganze Gangsterorganisation und manchmal fühlt sich die erste Hälfte so an, als wäre sie nur ein zu lang geratener Aufbau dafür gewesen. Richtig zusammenfügen kann di Leo die beiden Hälften leider nicht; der Film zeigt, dass der Italiener besser mit aktionsreichen Stoffen konnte und deren genutzte Dynamik auch gut auf den restlichen Plot übertragen konnte. Bei Auge um Auge fällt es ihm schwer, die zugegeben undankbar zusammenkonstruierte Geschichte voran zu treiben. Das, was di Leo darin zu sagen hat, geht fast sogar unter dabei.

Der Zeit seines Lebens politisch immer links orientierte Regisseur entfacht in dieser ersten Hälfte einen Klassenkampf auf Dialogebene; Proletariat gegen Oberschicht, arm gegen reich. Die Sympathien verteilt di Leo zügig auf den Mechaniker, den einfachen Bürger, der am emotional versteinerten, kühl kalkulierenden Reichen scheitert. Dieser vom in die Jahre gekommenen James Mason dargestellte Bauunternehmer wird schön verabscheuungswürdig gezeichnet. Ein Mensch, der selbst dem eigenen Sohn einen maximalen, nicht überschreitbaren Geldwert zurechnet, kann kaum noch ein Wesen mit menschlichen Zügen sein. Marios Kampf mit Filippi ist hart und der Mechaniker zerschellt an diesem; seine Verzweiflung wächst und explodiert in der Szene, als er den toten Sohn identifizieren muss. Selten erlangt Auge um Auge eine Durchschlagkraft, wie er sie dort besitzt. Die Logiklöcher, der konstruierte Plot, der auf das unvermeidbare für Mario zusteuert, bremsen in ihrem spröden Wesen diese aus. Das von di Leo gewollte Politikum wabert nur leicht erahnbar, im Hintergrund schlummernd, durch den Raum. Entfalten kann es sich kaum. Leider. Besitzt er doch (auch in der deutschen Sprachfassung) einige verbissene und scharfe Dialoge. Mario und Filippini werden, das spürt man als Zuschauer, nie das sein, was ihre Söhne waren: Freunde, bei denen die soziale Herkunft keine Rolle spielt. Das schenkt Auge und Auge eine gewisse Zeitlosigkeit, was den  sonst durchschnittlichen Film, dessen Score übrigens häufiger Motive von di Leos Milano Kaliber 9 aufgreift und damit noch etwas punkten kann, interessant bleiben lässt.