26. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Maniac (1980) (9/13)

Selbst nach 37 Jahren gehört William Lustigs Maniac zu den berühmt-berüchtigten Filmen. Verboten. §131. Beschlagnahmt. Der juristische Hammer wurde mit aller Härte geschwungen und selbst das Remake ereilte das gleiche Schicksal. Ohne jetzt der auch heute noch sehr willkürlich erscheinenden Praktik von Indizierungen und Beschlagnahmen recht zu geben bzw. diese zu befürworten, so kommt dies nicht von ungefähr. So ein dreckiges Stück von Film schlägt auf den Magen und liegt zentnerschwer. in diesem Ist der Film selbst heute noch, trotz positiver Rezensionen aus dem Lager der aufgeschlossenen Kritik, unverstanden? Ist sein dreckiger Korpus, seine schwarze Seele auch in der heutigen, aufgeklärten Zeit eine bloße Ansammlung von Geschmacklosigkeiten? Ein sexistischer Gewaltakt gegenüber Frauen in Filmform, wie die damalige US-Kritik ihn niedermachte? Oder war er seiner Zeit voraus, wie etwa Michael Powells Peeping Tom es war?

Die Antwort auf diese Fragen ist nicht leicht zu beantworten; überhastet könnte man "alles davon" darauf entgegnen. Es muss sich auf den Film eingelassen werden, damit man in knapp 88 Minuten einer gescheiterten Existenz eben beim Existieren zuschauen kann. Eine Geschichte wird in Ansätzen erzählt, viel mehr werfen Regisseur William Lustig und sein Hauptdarsteller Joe Spinell den Zuschauer ohne Vorwarnung in eine düstere Welt, ein Beinahe-Paralleluniversum, angesiedelt auf den weniger glamourösen Seiten New Yorks. Der titelgebende Maniac, namentlich Frank Zito, führt ein einsames Leben in seiner Ein-Zimmer-Butze, das nur aus Extremen zu bestehen scheint. Morden, leiden, Schmerz. Gleich der Beginn zeigt Zito bei seinem blutigen Tagwerk, wenn er ein Pärchen am Strand beobachtet und kaltblütig umbringt. Schnitt. Frank Zito spricht mit seinen stummen Mitbewohnern, mahnende Worte, die doch davor gewarnt hätten, Nachts nicht nach draußen zu gehen.

Zitos Puppen, die stummen Zeugen seines persönlichen Wahnsinns, sind ein Abbild seines bisherigen Schaffens. Kleidung, Haare und Blut, mit denen sie gespickt sind, stammen von seinen Opfern. Dann trifft Frank irgendwann die Fotografin Anna. Endlich beginnt eine fast konventionelle Geschichte, nachdem Lustig beinahe zu lange episodisch Morde seines Protagonisten geschildert hat. Der in seinem Trauma gefangene Frank wirkt plötzlich stinknormal; zeigt eine menschliche Seite. Anna wird ausgeführt, beschenkt, mit Aufmerksamkeit bedacht. Ist es alles nur ein Vorwand, als sie ihn im Park fotografierte um an das Foto heranzukommen? Die Zeitungen berichten von ihm, dem unbekannten Serial Killer, der New York in Atem hält und würde irgendwo ein Foto von ihm in seiner Kluft, mit der er zum Morden um die Häuser zieht, umgehen, wäre seine Anonymität gefährdet. Sein Alltag, seine Zwänge, lassen ihn nicht los. Menschen lassen weiter ihn Leben, während auf der anderen Seite die Hoffnung schimmert, dass Frank seine dunkle Seite aufgibt. Seine Einsamkeit und Isolation, die ihn auch in der Zweisamkeit mit Anna immer etwas vom Geschehen entrückt erscheinen lässt, ist zu weit vorgerückt.

Der Wahnsinn gewinnt am Ende, ohne jezt großartig den Film zu spoilern. Überhaupt: die Geschichte des wahnsinnigen Frauenmörders war auch 1980 keine Innovation mehr. Nur Lustig und Spinell hoben dies auf ein intensives Level, brachen kaltschnäuzig Tabus bzw. brachtem dem Splatterfilm eine neue, grimmige Härte und aalten sich im breit ausgelegten Seelendrama des Protagonisten. Spinell, der selbst in Kassenschlagern wie Rocky oder Der Pate und darüber hinaus meist leider nur Nebendarsteller war, packte die Gelegenheit beim Schopfe, dachte sich diese verstörende Geschichte aus, schrieb am Drehbuch mit und schenkte dem Zuschauer eine beeindruckende Perfomance. Den grausamen Morden zum Trotz, schafft es der Italo-Amerikaner, dass man Frank Zito bedingt Mitleid entgegen bringt. Sein leidender Blick auf die Narben am Körper, die von den vergangenen Taten sprechen, die ihn zu dem werden ließen, was er ist. Sein Schmerz im Zwiegespräch mit seinen Mitbewohnern aus Kunststoff, Abbilder seiner Opfer, pervertierte Erinnungsträger und menschengroße Trophäen. Spinells Charakter ist nicht der stumpfe Schlitzer, der die Leinwand in den folgenden Jahren immer häufiger bewohnte. Frank war selbst einmal Opfer und lässt nun seine über Jahre aufgestaute Wut, dass innerlich brodelnde Trauma, in Gewalteruptionen auf seine Umwelt los.

Spinell trägt Maniac auch dann, wenn er erzählerisch auf der Stelle tritt. Komplett funktioniert die anfängliche Abfolge an Episoden aus dem mörderischen Leben Zitos nicht. Die Abfolge aus Mord, Leid und neuen Opfern auflauern wirkt schnell ermüdend. Dagegen hätte auch der Italo-Amerikaner nicht die ganze Zeit über anspielen können. Annas Einführung beweist gutes Timing, öffnet die Geschichte und die hier dargestellte andere Seite des Protagonisten lässt Maniac bei allen erzählerischen Schwächen runder erscheinen. Leicht abgenutzt hat sich der Film nach 37 Jahren und mehreren Sichtungen meinerseits trotzdem. Die Effekte wirken nicht mehr ganz so spektakulär, ihre Härte - allen voran der Kopfschuss - haben sie nicht eingebüßt. Dass Lustig und Spinell nicht unbedingt Lust hatten, eine durchgehende Geschichte zu erzählen, merkt man Maniac an. Der Fokus liegt eindeutig auf dem verkorksten Seelenleben der Hauptfigur und der einzigartigen Atmosphäre. Diese intensiv komponierte Kombination lässt Maniac letztendlich immer noch düster glänzen.

Sechs Jahre, bevor John McNaughton basierend auf wahren Begebenheiten einen Serienmörder porträtierte, schuf William Lustig ein salopp ausgedrückt herrlich abgefucktes Psychogramm. Die Welt von Maniac ist dreckig, düster, trostlos. Dass selbst die (österreichische) Blu Ray so daherkommt, ist ein Segen für den Film. Gestochen scharfes HD wäre diesem Film nicht gerecht. Die dunkle Farbpalette, das allgegenwärtige Grau und Schwarz sind die Seele des Films, der von Spinells Spiel zusammengehalten wird. Die einfache Geschichte: verzeihbar. Der fast komplette Verzicht von Spannung (ausgenommen die immer noch sehr effektive U-Bahn-Szene): ebenfalls verzeihbar. Die erzählerische Redundanz: ich wiederhole es gerne... verzeihbar. Es dürften gut sieben Jahre oder sogar mehr vergangen sein, als ich das letzte Mal Maniac sah. Er ist immer noch mit einer verstörenden Menschenfeindlichkeit ausgestattet, der die mehr als zuletzt erkennbaren Schwächen narrativer Natur übertüncht. Spinells Spiel fesselte noch mehr und darüber thront förmlich die hoffnungslose, ausweglose Stimmung, die immer unangenehm im Hintergrund verweilt. Dadurch erscheint er selbst heute, in den Zeiten der in der Pop Kultur angekommenen Serienmörder und des Torture Porns durch seine atmosphärische Wucht fast seiner Zeit voraus. Und selten war eine Inneneinrichtung wie die in Frank Zitos Wohnung so creepy. Egal, wie dünn seine Geschichte ist: Maniac bleibt ein intensives Filmerlebnis.