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Freitag, 13. Dezember 2019

Magnum 45

Unter der Oberfläche brodelt es. Das Blut kocht und die heißen Wallungen der Erregung fließen durch den voyeuristischen Körper von Paolo Cavaras Magnum 45. Sein Intro gleicht einem flirrenden Traum angespannter Hochstimmung, voll von spekulativen Elementen. Die mit knallbuntem 70s-Bad Taste vollgepackte Wohnstube wird zum Schauplatz von für die damalige Zeit ungeahnten Perversionen, oder dem, was man dafür hielt. Ein mit leicht homosexuellen Zügen gezeichneter Mann öffnet einer groß gewachsenen Dame die Tür und lässt sich, kaum dass sie in sein Wohnreich eingetreten ist, unter wonnevoller Zustimmung von dieser Schläge verpassen, bevor er sich lustvoll in ihren Würgegriff begibt. Das damit gleichzeitig sein letztes Stündlein geschlagen hat, lässt an das Slasher-Kino der 80er erinnern, wenn der anonyme Mörder die Protagonisten für ihr sündhaftes Verhalten abstraft. Mit dem Unterschied, dass dieser meist nicht in die frevelhaften Taten einschreitet und ausschließlich die fiktive Exekutive der konservativen Einstellung der Script-Autoren ist.

Mit dieser Einstellung konterkarieren die Autoren von Magnum 45 den exploitativen Charakter ihrer Geschichte. Die vom Trio Paolo Cavara, Enrico Oldoini und Bernardino Zapponi erschaffene Filmwelt ist durchflutet von Sexualität; deren allgegenwärtige Präsenz übersteigert die mit der 68er-Bewegung und dem Hippietum aufgekommene neue Offenheit der Gesellschaft gegenüber Sex und seine verschiedenen Formen. Mit den Mitteln des Exploitation-Films machen sich die Autoren dieser zu nutzen; das gezeigte wirkt weniger ansprechend erotisch, sondern mehr wie schmuddelig durchzogene Altherren-Fantasien aus den schummrigen Ecken ranziger Sex-Shops. Mit seinem bis auf wenige Ausnahmen vornehmlich tristen und unspektakulären Look entwickelt sich der Film in seiner ersten Hälfte zu einem durchaus schmierigen Erlebnis, ohne jemals solche derben Sphären zu erreichen, wie sie z. B. ein Andrea Bianchi erschaffen hätte.

Gleichzeitig steht dem scharfen Treiben um einen dubiosen Verein Namens Freunde der Natur und einem Mörder, der am Tatort Seiten aus dem Kinderbuch "Der Struwwelpeter" hinterlässt, mit dem in diesem Fall ermittelnden Kommissar Gaspare Lomenzo ein gutbürgerlicher Charakter gegenüber. Er mag (zu Beginn) eine dunkelhäutige Freundin haben, die ihn mit "exotischem" Essen und Liebesspielen verwöhnt und gibt sich anscheinend offen gegenüber dem Anderen, welches immer mehr zur Normalität zu werden scheint; je weiter die Geschichte voranschreitet, erkennt man, dass sich Lomenzo in die vorherrschenden Gepflogenheiten versucht einzuleben, aber eigentlich lieber am gewohnten und bekannten festhält. Und seien es nur seine heißgeliebten Spaghetti. Dies hindert ihn nicht, während der Abwesenheit seiner Freundin mit deren Bekannten Jeanne anzubandeln und eine Liebelei mit ihr zu beginnen. Entpuppt sich das schöne Modell doch gleichzeitig als wichtige Hinweisgeberin für Lomenzos Fall, da sie ihm ausgiebig von den Begebenheiten während eines Treffens der Freude der Natur und dessen Leiter Hoffmann (damit gleichzeitig ein Namensvetter des Buchautors), bei dem sie beiwohnte, berichten kann.

Der damit beginnende Fokus auf die Arbeit Lomenzos lässt Magnum 45 zu einem unausgeglichenen Werk aus Poliziottescho und Giallo werden. Mit dem Augenmerk auf die Ermittlungen wird die Story dröge und die spekulativen Momente weichen einer Krimihandlung, deren umständlicher Aufbau die gewollte Spannung ausbremst. Bei vielen der eingeführten Figuren, z. B. Riccio, der Besitzer einer großen Detektei, bleibt die Bedeutung für die weitere Geschichte bis zum Schluss im Dunkeln. Dem Script wie Cavara fehlt es an Timing und eingestreute Wendungen sollten den Formeln des Giallo folgend für Aha-Effekte sorgen, die durch den umständlichen Aufbau leider ausbleiben. Auch die Auflösung bringt leider nicht die gewünschte Überraschung. Der Wandel vom sleazigen Giallo zum spröden Polizeifilm mag nicht passen und lässt den Film zwischen den Stühlen sitzen. Als reiner Thriller d'Italiano fehlen ihm die erinnerungswürdigen Momente. Die täten ihm auch als Poliziottescho gut, gibt sich der Film leider in der zweiten Hälfte wie ein handzahmer Fernsehkrimi der damaligen Zeit.

Viele Stränge der Geschichte werden schludrig ausgearbeitet oder hingeworfen; die fehlende Logik lässt das Script diffus wirken und der ausgedehnte Weg zur Auflösung raubt Magnum 45 deutlich seine dichte Atmosphäre und narrative Energie. Das sich Cavara und seine Co-Autoren deutlich der Konservativität zuwenden und die gialloesken Elemente dafür opfern, könnte man auch als Kommentar auf die Entwicklung des Genres verstehen. Vielleicht entschied man sich bewusst dafür, den als gegeben hinzunehmenden Regeln der hier geschaffenen Welt eine unspektakuläre Wandlung zu schenken und aus dem schmierigen Anfang auszubrechen. Ob nun Lomenzo der Fremdkörper in der verdorbenen Welt oder diese es im Weltbild des Kommissars ist, lassen die Schöpfer offen. Konkretisiert wird nur, dass der Schmutz allgegenwärtig ist und der ist - das macht Magnum 45 so klar wie viele andere italienische Genrewerke - anziehend, verführerisch und verdammt hübsch. Verborgen im vertrübten Grau seines Ganzen glänzt der Film mit manchmal umwerfend tollen Kamera-Einfällen und Einstellungen. Das macht ihn keineswegs zu einem runden, aber durchaus interessanten Erlebnis, dem ein großes Stück Entschlossenheit im Auftreten gut getan hätte.

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