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Mittwoch, 4. Dezember 2019

Wir

Jordan Peele ist der neue Mann der Phantastik für brandaktuelle wie unangenehme Themen. Versuchte er sich in seinem Debüt Get Out (hier besprochen) am übergreifenden Rassismus dieser Tage und scheiterte damit - zumindest für mich - kläglich, packt er mit seinem Zweitwerk Wir die soziale Ungerechtigkeit einer Zweiklassengesellschaft an. Das polemisch am Stammtisch und in niederen Gesellschaftsschichten bescholtene Problem zwischen "denen da oben!" und "denen da unten!" greift der Amerikaner wortwörtlich auf und baut seine Erzählung in ihrer Struktur ähnlich seines Debüts auf. Mit ruhigem Ton und hübscher Kamera der Marke Postkartenmotive entführt er den Zuschauer auf die Reise der Familie von Gabe und Adelaide Wilson in ihren Kurzurlaub an der Küste. Der gemeinsam mit Josh und Kitty Tyler, einem befreundeten Pärchen, verbrachte Tag am Strand, findet kurz nach ihrer Ankunft nur unter Protest von Adelaide statt. In ihrer Kindheit hatte sie genau dort eine unheimliche wie traumatische Begegnung.

Bevor Peele diese im Verlauf seiner Geschichte nochmals aufgreift, widmet er sich in seinem Film vordergründig dem Subgenre der Home Invasion. Vom Strand zurückgekehrt, verwandelt sich die sachte einstellende Idylle in blankes Entsetzen. Vier vermeintliche Unbekannte stehen zuerst regungslos in der Einfahrt des Hauses der Wilsons. Als die ungebetenen Besucher anstalten machen, in dieses einzudringen, entpuppen sie sich als Doppelgänger der Familie und eröffnen eine gnadenlose Jagd auf diese. Aus welchem Grund das überhaupt geschieht, lässt das Script zunächst offen. Mehr bedient sich Peele dem für das Subgenre so typische Szenario des plötzlich, ohne große Vorankündigung eintretenden Grauens. Neue Aspekte lässt der Regisseur Autor außen vor und konzentriert sich darauf, den Zuschauer in die Situation seiner Protagonisten zu zerren. Bis auf die Tatsache, dass die vierköpfige Familie in ihr eigenes Antlitz blickt und die Situation hierdurch atmosphärisch an unangenehmer Bizarrheit gewinnt, bedient sich Peele gängiger Formeln.

Durch den rätselhaften Prolog und einem ruhigen Aufbau gelingt es Peele die Stimmung so gut aufzubauen, dass der Spannungsbogen des Films bis zum Anschlag gespannt ist. Seiner Version eines Home Invasion-Films gelingt das, was anderen Werken aus dieser Richtung weniger gelingt. Der Zuschauer wird emotional bestens integriert; die darstellerische Leistung der Mimen - allen voran sei hier die großartige Performance von Lupita Nyong'o zu erwähnen - ist richtig stark, haucht ihren Figuren zusätzlich Leben ein und lässt sie greifbarer werden. Die Mechanismen des Subgenres sind Peele bekannt und mit seinem Gespür für Timing wächst Wir zu einem durchweg spannenden Terrorfilm heran. Dessen formelle Beschränktheit reichert Peele mit einem übernatürlichen Element an und erweitert seine Möglichkeiten, der Handlung eine Ebene verschiedener Deutungsmöglichkeiten zu schenken. Wir ist ein interpretationsreicher Horrorfilm, bei dem es Peele gelingt, alle unangenehmen Klischees, die aus Get Out einen Reinfall machten, zu umgehen.

Der tiefe Graben zwischen arm und reich, die Auflösung des Mittelstands und der Verfall in eine Zweiklassengesellschaft mit der damit verbundenen Ungerechtigkeit in der US-amerikanischen Gesellschaft wird von Peele als Angriff der niederen Volks auf den Rest der Gesellschaft inszeniert. Er tut gut daran, den Killing Spree auszuweiten und sich nicht mit dem dauerhaften Kampf der Wilsons gegen ihre Doppelgänger zu beschränken. Viele Home Invasion-Filme kranken daran, im beschränkten Raum ihrer Handlung sich auch in ihrem Verlauf einzuschränken und repetitiv zu werden. Peele stellt lieber die Frage in den Raum, ob der Mensch nicht nur langsam im vermeintlichen Kampf gegen andere gesellschaftliche Schichten an sich selbst scheitert, sondern auch, ob die Doppelgänger im Film nicht auch ganz simpel die losgelöste, dunkle Seite unserer Selbst ist, gegen die wir anzukämpfen haben, wenn diese aus dem Untergrund der Persönlichkeit hervortritt.

Der Story und Peele nach scheinen wir uns auf dem Weg in eine bessere, tolerante Gesellschaft selbst im Weg zu stehen. Seiner bitteren Ironie nach bedient sich der Mensch weiterhin einer kontraproduktiven Aggressivität. Das verbindet er lose mit der 1986 tatsächlich stattgefundenen Wohltätigkeitsaktion Hands Across America, die das Ziel hatte, eine Menschenkette quer durch die USA zu bilden. Die Symbolik der Menschenkette als Zeichen der Solidarität und Gleichheit gegenüber Gesellschaftsschichten etc. pervertiert Peele durch die Mittel, wie die auftretenden Doppelgänger dies bewerkstelligen. Egal ob sozial Benachteiligte (in den USA) häufig und gerne ausgeblendet werden und sie sich in der Schreckensvision des Regisseurs mit rigorosen Mitteln Gehör verschaffen bzw. sich an der Ignoranz der Gesellschaft rächen: man kann Wir auch so lesen, dass unsere über die Jahrzehnte gewonnene Toleranz, Offenheit und Freundlichkeit einer beispiellosen Aggressivität weicht, wenn ein alter, weißer cis-Mann oder andere unliebsame Gestalten die Bildfläche betreten. Schnell verfällt auch der gutmütigste, ausgeglichenste und offenste Mensch - zumindest in den heutigen sozialen Medien - in eine seiner propagierten Denkweise widersprüchliche Intoleranz und Aggression.

Scheiterte Peele in Get Out noch daran, den hoch angesetzten Anspruch differenziert in einen spannenden Horrorfilm zu packen, so gelingt es ihm in Wir weitgehend das Level der eigenen, hoch angesetzten Messlatte zu halten. Lediglich beim Sprung in eine übernatürliche Richtung tauchen in der Handlung einige Ungereimtheiten auf, die durch einen langen Expositions-Monolog von Adelaides Doppelgängerin noch mehr in den Vordergrund rücken. Das mag einigen sauer aufstoßen. Gesamt betrachtet fühlt sich Wir weitaus runder und gelungener als Peeles Debüt an und kann durch seine Thematik und Peeles Herangehensweise an das Genre des Home Invasion-Films gefallen. Das ist tatsächlich ein starker Horrorfilm ,der gemessen an der nicht immer haltbaren Logik seiner Story, trotzdem ein frühes Highlight für das Genre im Jahr 2019 war.

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