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Samstag, 25. April 2020

Man-Eater (Der Menschenfresser)

Wie schnell wird man doch als jugendlicher Jäger des verbotenen Schatzes ernüchtert: mit leuchtenden Augen ließt man in Sekundärliteratur und Fanzines von diesen bösen, verbotenen Filmen mit ihrem auf Anschlag gedrehten Blutzoll, der seine Darstellerinnen und Darsteller in Blut und Gedärme waten lässt, monströse Psycho-Killer, Horden an Untoten, hungrige Dschungelbewohner oder die schrecklichste aller höllischen Dämonenbruten bietet und dann entpuppen sich einige der in diesem Land beschlagnahmten Filme als lahme Krücke. Der alles, was die jugendliche, vor Blutgeilheit strotzende Fantasie wie ein Kartenhaus zusammenfallen und (teils bis heute) am Urteilsvermögen der Richter an den Amtsgerichten aller Provinzen zweifeln lässt. Viele Beschlagnahmen erscheinen in der heutigen Zeit überholt und dank einiger engagierter Heimkinoanbieter wurden einige Filme, heute teils moderne Klassiker des Genrefilms, rehabilitiert. Meine erste Begegnung mit dem berühmt-berüchtigten italienischen Man-Eater war ein Geschichte voller Enttäuschung und Missverständnisse: vom überschaubaren Blutgehalt und der dünnen Handlung angeödet schob ich den Film in die Schublade der "langweiligen Kacke".

Jahre später, gereifter und tiefer in die Ebenen des (italienischen) Genrefilms gestiegen, gab ich ihm eine zweite Chance und fand gefallen an der irreal wirkenden Atmosphäre des auch unter seinem Originaltitel Antropophagus bekannten Werks. Wieder einige Zeit später: wieder etwas gereifter, mit anderem Blick auf manche Filme und ihre Mechanismen, immer noch mit viel Lust auf schundiges Kino, ist man mit seiner Sammlung und auch der Man-Eater im HD-Zeitalter angekommen. Meine größte Frage vor der erneuten Sichtung: funktioniert dieses ranzige Stück Film überhaupt auf Blu-Ray? Seien wir ehrlich: einigen B-, C- oder Z-Grade-Movies tut der Sprung in die High Definition nicht gut und sie verlieren einiges an Charme und Wirkung. Der Film von Aristide Massaccesi, so der bürgerliche Name des Regisseurs, überdauert die Zeit und ist im Kern das, was er immer sein wollte und sollte: auf schnelle Lira, Dollars, Mark etc. ausgelegtes Schockerkino, schludrig und hastig zusammengezimmert. Luigi Montefiori aka George Eastman, Hauptdarsteller und Autor des Scripts von Man-Eater brachte es seiner Aussage nach über das Regie-Talent von Massaccesi auf den Punkt: dieses war kaum vorhanden; mehr hetzte der 1999 verstorbene Italiener durch die Dreharbeiten und gab sich oft mit dem ersten Take zufrieden.

Dennoch birgt Man-Eater eine gewisse Faszination. Der Minimal-Horror der hier geboten wird, nutzt zu seiner Entstehungszeit ausgefranste Klischees und schickt eine Gruppe Urlauber auf ein menschenleeres Eiland, auf dem sich Julie, die sich den jungen Leute angeschlossen hat, die Kinder ihrer Freunde den Sommer über hüten soll. Von der gemischten Truppe dorthin gebracht, wundern sie und alle anderen sich recht schnell über die gespenstischen Straßen und anscheinend von ihren Bewohnern hastig verlassenen Häusern. Dem Grund dafür begegnen sie, als man sich in die ebenfalls verlassenen Villa von Julies Freunden begibt: ein Mann, der mit seiner Familie Schiffbruch erlitten hat und tagelang mit dieser in einem Rettungsboot im Meer trieb, fiel dem Wahnsinn anheim, als er dem immer stärker werdenden Hungergefühl nicht mehr widerstehen konnte und seinen toten Sohn und seine Frau verspeiste. Auf der Insel gestrandet, lebte dieser seine erwachte kannibalistische Neigung weiter aus und ist merklich erfreut, als mit den Urlaubern Nachschub ankommt. Häufig dem Subgenre des Kannibalenfilms zugerechnet, beschränkt sich die Menschenfresserei eigentlich auf ein Minimum. Neben der vom bekannten deutschen Plakatmotiv aufgegriffenen Endszene und dem angedeuteten Vorfall im Rettungsboot ist es nur eine Szene, in welcher der Kannibalismus komplett ausgekostet wird.

Diese bot häufig Anlass in den 80ern während der grasierenden Video-Hysterie, darüber zu diskutieren, wie schädlich Horrorfilme für die al(e)manische Jugend ist und machte sie in der von D'Amato konzipierten plumpen Provakation durch deren Tabubruch zum Gegenstand vieler blutiger Träume früher Gore-Bauern und Splatterkiddies. Seien wir ehrlich: selbst wenn man nicht wissen sollte, dass George Eastman darin in einen gehäuteten Hasen beißt, ohne jetzt näher auf das einzugehen, was dieser eigentlich darstellen soll, wirkt die Szene deplaziert und zu offensichtlich provokant und auf den puren Ekel ausgelegt. Sicherlich besteht das ganze Konzept von Massaccesis Film darauf, möglichst viele Effekte dem Publikum zu präsentieren, der Aufbau der ganzen Szene bis sie zu ihrem Climax angelangt ist und viele andere lassen mich in ihrer Wirkung mehr aufhorchen als dann den letztendlich präsentierten dusseligen Splatterquatsch abzufeiern. Bloß, weil Eastman sich kalten Hasenbraten gönnt und seinem Hintergrund nach seine Familie in einer Ausnahmesituation verspeiste, ist die von den meisten vollzogene Kategorisierung von Man-Eater als Kannibalenfilm meines Erachtens nicht richtig. Das Script orientiert sich - natürlich auch wegen des geringen Budgets - mehr am Slasher und in seiner bemühten Ausgestaltung der Szenerie am klassischen Schauerkino.

D'Amato montiert einen gewissen Anti-Gothic und ordnet die Grundstimmung von Melancholie und Zerfall des gothischen Horrors seinem kommerziellen Mechanismus des Splatterkinos unter. Die Nachlässigkeit der Inszenierung, das Desinteresse an einer künstlerischen Ausgestaltung ist Kontext zu dessen prunkvollen und detailliert ausgemalten Szenerie; der Verfall und Tod ist auch in der Atmosphäre von Man-Eater allgegenwärtig und kann in den ersten Szenen auf der verlassenen Insel und deren Erkundung durch die Freunde mit einer irrealen, gespenstischen Stimmung punkten. Manchmal blitzt sogar ein guter Einfall Massaccesis auf, wenn handwerklich konventionell ausgeführte Bilder kurzzeitig interessante Einstellungen bietet. Mit mehr Sorgfalt hätte der von der Kamera kommende, ehemalige Lehrling Mario Bavas häufiger einige entrückt-hübsche Momente wie in einem seiner künstlerisch besten Filme - Mörderbestien - schaffen können. Wo sich die Handlung mehr dem Zusteuern auf Blutszenen Untertan macht, gewinnt Man-Eater bei mir mehr mit seinen leiseren Szenen, die ohne im Gothic Horror genutzte Romantisierung das kleine Einmaleins des traditionellen Horrorfilms nutzt und bei seinem handwerklichen Simplizismus funktionell entschlacktes und heruntergebrochenes Formelkino bietet.

Fast darf man D'Amato dankbar sein, dass er wenig interessiert am ausgefeilten Arrangement seines Films war und sein handwerklicher Minimalismus dazu führt, dass dieser die Tonalität von Man-Eater zwischen allgegenwärtigem Verfall und dem Bewusstsein über die Endlichkeit der Figuren des Werks verstärkt. Selbst sein tragischer Schreckensbringer, der den schiffbrüchigen Kannibalen zu einem übermenschlich wirkenden Monstrum mutieren ließ, muss zum Ende einsehen, dass der Tod, den er über die Insel, deren Bewohner und die Touristen brachte, auch für ihn keine Ausnahme macht. Wenn alles gefressen ist, frisst das Monstrum sich selbst. Handwerklich und erzählerisch mag Man-Eater allersimpelste Technik bieten und seine narrative zieht sich, für mich diesmal wieder etwas mehr fühlbar wie in meiner zweiten Sichtung, in die Länge. Nach wie vor verliere ich mich aber gerne in dieser filmischen Kloake, welche die idealisierte Präsenz des natürlichen Zerfalls in D'Amatos hier erschaffener, schroffen Realität holt und beinahe demontiert. Gleichzeitig nutzt er einige dieser klassischen Horrorelemente, schafft Grusel von der Stange und kreiert damit gleichzeitig eine leicht alptraumhafte Atmosphäre, in manchen Szenen durch den minimalistischen Score Marcello Giombinis passend untermalt, die die größte Stärke eines handwerklich und narrativ objektiv betrachtet überschaubaren und im Fandom kontrovers aufgenommenen Films ist. Er ist selbst im Rund des italienischen Horror-Cinema ein Außenseiter und für die hab ich seit jeher viele Sympathien.

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