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Freitag, 24. April 2020

The Greasy Strangler

Bei diesem Film muss ich zum Einstieg tatsächlich etwas auf meine Sehgewohnheiten eingehen. Die derzeit geringere Frequenz an Blogpostings sind neben dem Umstand, dass ich seit einiger Zeit mit meiner Switch und der Playstation 4 wieder intensiver dem Gaming fröne, auch meinen Arbeitszeiten geschuldet. Im Schichtdienst, der auch Arbeit am Wochenende umfasst, ist es mir schlicht mit dem ganzen Gedöns, was daheim noch getan werden muss, einer Beziehung und - blendet man die derzeitigen Einschränkungen mit Social Distancing und Abstand halten aus - Socializing, manchmal nicht möglich, mehr Filme zu schauen, wie man in manchen Phasen selbst gerne möchte. Dazu kommt, das ich - anders als Freunde, die selbst noch totmüde sich einen Film im Heimkino reinziehen und dann vielleicht mehrere Anläufe benötigen, weil sie immer selig wegschlummern - beim geringsten Anzeichen von Müdigkeit darauf verzichte, was zu schauen. Ich kenne mich und weiß, wie genervt ich sein kann, wenn ich gemütlich im Sessel wegnicken würde. Es mag verschroben klingen, nur ist das für mich gegenüber dem Künstler und seinem Werk nicht respektvoll, wenn man sich dieses nicht in vollem Bewusstsein bzw. in guter, fitter Verfassung anschaut.

Was dies mit The Greasy Strangler zu tun hat? Manchmal überkommt auch mich bei aller Abgeschlagenheit der innere Zwang, eher: ein unbändiges Verlangen, das man doch noch gerne was schauen möchte. Als meine Wahl auf diesen fiel, war ich an einem Samstag durch meine Arbeit schon seit 5 Uhr wach, aber wollte Abends, als meine Freundin zu Bett gegangen war, trotzdem noch einen Film schauen. Schon länger auf meiner Watchlist stehend, wählte ich den laut Empfehlung eines Arbeitskollegen "sehr speziellen Streifen" aus und hoffte für mich, dass ich ohne größere Anflüge von spontanem Kurzschlaf die nächsten gut neunzig Minuten durchstehen würde. Der Film lief gerade einmal ca. zehn Minuten, als jede körperliche wie geistige Erschöpfung wie weggeflogen war. Denn das, was ich dort auf dem Bildschirm sah, war eine bizarre Geschichte mit obskuren Figuren und deren irrealem Verhalten in einem vom Glamour befreiten Los Angeles in dem Ronnie mit seinem Sohn Brayden eine fragwürdige Tour durch die weniger glanzvollen Teile der Stadt für Touristen anbieten, in denen sie ihnen angebliche Wirkungsstätten späterer Discogrößen zeigen. Auf einer dieser Touren lernt der mit seinem Vater in einem Haus lebende Brayden die robuste Janet kennen. Die beiden knüpfen zarte Bande, wenn da nicht der nach extra fettigem Essen gierende Ronnie wäre, der in seiner maßlosen Selbsteinschätzung ein Auge auf die junge Dame wirft und ständig wie offensichtlich verneint, der in der Stadt umhergehende Bratfett-Mörder, einem wie der Name sagt über und über mit Küchenfett eingeschmierter Serientäter, zu sein.

Horror, Komödie, Drama: im Kern ist The Greasy Strangler ein Vater-Sohn-Drama um zwei Menschen, die man am Rande der Gesellschaft verorten kann und versuchen, in dieser sich zurecht zu finden. Durcheinander gewirbelt wird das Gefüge durch die angeblich weibliche Bedrohung in Form von Braydens Romanze mit Jane. Ronnie reagiert, nachdem die Mutter die beiden vor Jahren bereits verlassen hat, mit kindlichem Trotz und Eigensinn auf die Invasorin, die im Begriff ist, ihm seinen letzten Bezugspunkt und Halt zu nehmen. Regisseur Jim Hosking wirbelt mit seinem Co-Autoren Toby Harvard die weitere Story mit weniger unerwarteten, mehr abstrusen Wendungen durcheinander, als er Ronnie in die Offensive gehen und Jane seinem Sohn ausspannen lässt. Normal als Begrifflichkeit allgegenwärtiger, kollektiver Wahrnehmung scheint in diesem Film nicht viel zu sein. Absurde Details wie der schweinsnasige Freund Braydens oder Augen, die wie in Cartoons aus den Köpfer der Opfer des Killers herausploppen werden innerhalb des filmischen Mikrokosmos als selbstverständlich verkauft. In seiner grenzenlosen Absurdität schwankt der Film zwischen den Filmen eines John Waters oder Quentin Dupieux sowie einer guten Portion Monty Python.

Übertrieben hervorgehobene Ekeldetails in einzelnen Szenen, betont gewaltig oder winzig dargestellte männliche Genitalien, leichter Einschlag in einen vulgären Humor und allgegenwärtige Hässlichkeit als gewählte Ästhetik des Films: Jim Hosking erstellt in The Greasy Strangler einen Gegenentwurf zur bekannten schillernden Scheinwelt eines Los Angeles mit seinen Stars und Sternchen. Durch die Verbindung mehrerer Genres geht The Greasy Strangler trotz seines vorherrschenden Konzepts vom "Mut zur Hässlichkeit" die klare Linie etwas verloren. Ohne wirklich die Mechanismen des Horrorfilms voll ausspielen zu wollen, schwankt der Film in manchen Szenen unentschlossen zwischen reiner Komödie und Anflügen konventioneller Horrorformeln, die der Groteske eine komplette, klare Struktur verwehren. Mehr nimmt der Film die wankelmütige Persönlichkeit seines Protagonisten Big Ronnie an, der bei all seinen lauten Ausbrüchen, Extravaganzen und diffusen Verhaltensmustern nicht verbergen kann, dass er unter dieser Hülle eine fragile Seite besitzt, die geschützt werden möchte. Ohne in Gefühlsduseligkeit abzudriften, behält Hosking hier den Weg bei und setzt bis zum gleichermaßen seltsamen wie in der Syntax des filmischen Kosmos dennoch völlig normalen Happy Ends auf die größte Stärke seins Films: einer Welt bevölkert von Figuren und deren Aussehen, Handlungen und Eigenheiten die bei geringer repetitiver Handlungsmuster als großes Ganzes soweit funktionieren, dass man meist ungläubig mit offenem Mund, immer leicht verzogen zu einem Grinsen oder sich anbahnenden Lachen - - frei nach dem Motto Seeing is believing - in seinem Heimkino sitzt. Da funktioniert der Film wirklich sehr gut und bot mir, der ein Herz für filmische Absurditäten besitzt, eine nicht enden wollende Flut an verzückenden Unglaublichkeiten.

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