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Montag, 10. Februar 2020

Der Leuchtturm

Now Fiddler's Green is a place I've heard tell, where the fishermen go when they don't go to hell. In einer Szene spricht Leuchtturmwärter Thomas Wake Fiddler's Green, ein Paradies, die Vorstellung des Lebens nach dem Tod in der maritimen Folklore des 19. Jahrhunderts, gegenüber seinem Gehilfen Ephraim Winslow an, als für beide Männer längst die Hölle losgebrochen ist. Ein Boot brachte die beiden Männer auf die kleine, karge Insel, welche für die nächsten vier Wochen zu deren Lebensort werden soll, um den darauf befindlichen Leuchtturm und die dazu gehörigen, langsam verfallenden Gebäude zu warten und instand zu halten. Arbeit findet sich zuhauf: der ältere Wake übergibt dem frisch angeheuerten Winslow viele der Tätigkeiten, während er einer Motte gleich um das magisch anmutende Licht des Leuchtturms schwirrt und sich ausschließlich um dieses kümmert. Letzterer beruft sich auf die Vorschriften, besteht auf das vorgeschriebene Abwechseln bei der Wache und anderen Beschäftigungen und bricht das Tor zur persönlichen Hölle beider so unterschiedlichen Menschen auf.

Der Wahnsinn ist nur eine schmale Brücke, die unter den Egos der Männer zusammenbricht. Ihre Charaktere prallen aneinander und zerschellen kontinuierlich an den scharfkantigen Felsen ihrer Persönlichkeiten, für die das kleine Eiland sinnbildlich zu stehen scheint. Einsamkeit, Tristesse, das alles durchdringende Dröhnen des Nebelhorns und der Maschinen, billiger Fusel und zwei komplett unterschiedliche Wesen greifen nach den Männern wie unsichtbare Klauen schwarzer Monstren, die in ihrem innersten wohnen. Im Wachzustand ereilen Ephraim Nachtmahre, Einbildung und Realität verschwimmen und die Vergangenheit rollt aus den hintersten Winkeln im Kopf des jungen Mannes zurück in die Gegenwart. Er und Thomas werden zu Duellisten, deren Waffen Worte, hemmungsloser Irrsinn und Destruktion sind. Der Horror in Robert Eggers zweitem Spielfilm Der Leuchtturm ist kein greifbares Abstrakt, dargestellt als Monstrum oder ähnlichem. Mehr ist es blanker Wahnsinn, der von der ersten Minute an eine unheilvolle Stimmung gebiert.

Mit der Essenz Lovecrafts im Geiste kreiert Eggers, der das Script zusammen mit seinem Bruder Max verfasste, einen Film, der schier explodiert und dessen Detonationswellen den Zuschauer mitreißt. In die Tiefe seiner beiden Figuren; Wake, der als alter Seebär die Farce eines Seemanns damaliger Zeit ist, vom Alkohol berauscht viel Seemannsgarn spinnt und seine Machtposition seinem Gehilfen gegenüber lustvoll ausspielt. Wake selbst ist ein anfangs wortkarger Eigenbrötler, distanziert zu seinem Kollegen, der widerwillig dessen Befehlen folge leistet und versucht, mit den offiziellen Vorschriften zu kontern. Das etwas nicht mit ihm stimmen mag, lässt sich schnell erahnen. Bis Eggers Winslow in ein anderes Licht rückt, lässt er seine beiden Schauspieler Willem Dafoe und Robert Pattinson, die beide auf Augenhöhe agieren und großartig ihre jeweiligen Figuren zum Leben erwecken, aufeinanderprallen wie Schiffe an steilen Klippen und Felsen, die ohne Leuchtfeuer eines titelgebenden Leuchtturms auf offener See navigieren müssen. Die Derbheit, mit der das alles geschieht, mag zuerst kurzzeitig irritieren.

Eggers orientierte sich hierbei an den Erzählungen von Herman Melville und Logbüchern echter Leuchtturmwärter; die Subtilität seines Vorgängerfilms The Witch (hier besprochen) sucht man vergeblich. Thematisch sind sich beide Filme nicht unähnlich: Eggers erschafft ein Szenario von Isolation, in dem sich Paranoia auf deren feuchten und ertragreichen Boden einem Schimmelpilz gleich schnell ausbreitet. Die Doppeldeutigkeiten, interpretationsreichen Momente, die man in The Witch findet, lässt Eggers in Der Leuchtturm zugunsten von emotionalen Eskalationen fallen und paart sie mit albtraumhaften Visionen. Der maritime Horror, der sich ebenfalls in Lovecrafts Werk wiederfindet, manifestiert sich in Meerjungfrauen, mit denen ekstatisch körperliche Liebe zelebriert wird oder Tentakeln, bei denen man entfernt an die großen alten Monstrositäten aus dem Cthulhu-Mythos denken könnte. Ohne jemals zu direkten Bezug darauf zu nehmen, tauchen innerhalb der charakterlichen Duelle zwischen den beiden Männern Sequenzen auf, die eine Brücke zu bekannten Symbolen aus dessen Werk schlagen. Mysteriös und alptraumhaft, ohne die beiden Figuren faul in einen fischigen Orkus voller Tentakelmonster zu schicken.

Eggers überlässt es dem Zuschauer und seiner Fantasie, dessen Interpretierung, ob auf der Insel andere, inhumane Mächte wirken oder die karge Beschaffenheit und die beengten Verhältnisse des Aufenthaltsorts die Psyche beider Männer angreift. Inszenierte er The Witch mehr handlungsgetrieben und kontrolliert, filmt sich der Amerikaner in einen Rausch, in den er den Zuschauer mitnimmt. Man könnte Der Leuchtturm mit Leichtigkeit überbordend, überfrachtet nennen; ein interpretationsreicher Film zwischen düsterer Folklore, prometheusscher Sage, psychologisch fein gezeichnetem Horrordrama und Lovecraft'schem Abstieg in stetigem Wahnsinn. Eggers legt in seiner Geschichte Fährten aus, die er den Zuschauer lesen lässt. Das gewählte Bildformat von 1,19:1, das schwarzweiße Bild, die detailversessene Ausstattung des Films lässt ihn wie ein Relikt aus vergangenen Jahrzehnten wirken, in das der Regisseur trostlose Ausweglosigkeit im beengten Handlungsort seiner Erzählung und karge Schönheit - wenn Dafoe und Pattinson in einer Einstellung für einen Moment nebeneinander still stehen wirkt dies wie eine uralte Fotografie aus dem letzten Jahrhundert, dass diese vergangene Zeit mit seiner Stimmung zurückzubringen vermag - mischt.

Als Zuschauer folgt man den beiden Männern in die Umnachtung, schlingert im Wahnwitz der Geschichte und schwankt auf deren lauten wogen. Mag Der Leuchtturm selbst nur ein Sinnbild für die innere Zerrissenheit einer der beiden Figuren stehen, hervorgerufen durch ein dunkles Geheimnis in deren Vergangenheit, so hat Robert Eggers nichts weiter als einen Geniestreich hingelegt. Der dröhnende Klang des Nebelhorns, die lauten Maschinentöne, der disonante Soundtrack; monochrome Bilder, mit Linsen aus den glorreichen Tagen eines Murnaus oder Langs gefilmt, die das Seelenleben der beiden dargestellten Männer nach außen tragen und das wenige Land um den Leuchtturm zu einer maritimen Hölle werden lässt; zwei Herren, die sich gegenseitig alles abverlangen, Machtverhältnisse ausloten, sich anschreien, schlagen, rangeln und um dann - plötzlich - eine ungeahnte Zärtlichkeit für wenige Sekunden zulassen und ihre Hassliebe aufs äußerste treiben. The Lighthouse beeindruckt auf allen Ebenen und hallt im Kopf nach wie das Geschrei der Möwen, die über die felsige Insel kreisen. Am Ende überlässt es Eggers einem, wie man die Geschichte sehen möchte und ob man dabei in das Licht der Erkenntnis blickt und seinen tiefschwarzen Kern wie das eigene Innere ergründet. Bis ich selbst meine eigene Sicht und Interpretation gefestigt habe, bleibt am Ende im sich lichtenden Nebel der Beurteilung ein Wort für den Film zurück: outstanding.
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Dienstag, 8. November 2016

The VVitch - A New-England Folktale

Das Review könnte kleinere Spoiler beinhalten!

Ich kann meine Begeisterung über Vertreter des Horrorfilmgenres meist schwer im Zaum halten, wenn dieses "nur" der Überbau für eine sowohl schaurig-schöne als auch intelligente Auseinandersetzung für gewisse Thematiken ist. Wenn der Horror nur noch beiläufig ist, Platz für ein "größeres Ganzes" macht und teils auch sehr unterschiedliche Genres miteinander verbindet. So ging es mir mit dem interpretationsreichen It Follows, welcher für mich zum besten Horrorfilm des letzten Jahres wurde. Über die letzten Jahre kamen aus dem Indie-Bereich so einige Vertreter eines gewissen intellektuell fordernden Horrors und ohne hier jetzt komplett ins Namedropping zu verfallen, seien hier noch der österreichische Ich seh, ich seh (Review gibt es hier), der wirklich tolle Starry Eyes oder auch mit gewissen Abstrichen Eat genannt.

Jetzt haben wir nun mit The VVitch - A New-England Folktale einen Film, der genau dies bedienen soll und seit seinem Anlaufen in den Kinos als auch der Veröffentlichung im Heimkino-Bereich die Zuschauer polarisiert. Langweilig sei dies, manche Zuschauer haben im Kino bei einigen Szenen laut gelacht. So Follower meines privaten Twitter-Accounts. Auf der anderen Seite gibt es Kollegen wie Björn oder Oliver Nöding, die durchaus wohlwollende bis sehr lobende Worte über Robert Eggers Langfilmdebüt verloren. Mit durchaus großer Erwartungshaltung ging ich an diesen Film heran und wurde keinesfalls, wie das durchaus schon einmal vorkommen kann (gerade wenn eine Sache sehr groß gehyped wird), enttäuscht. Das schöne an diesem Film ist, dass man zwei unabhängige Lesarten hat bzw. ihn ganz unterschiedlich interpretieren kann.

The VVitch behandelt ein zutiefst trauriges Drama innerhalb einer Familie, die an einem schweren Schicksalsschlag zu zerbrechen droht: um das Jahr 1630 werden William und Kate mit ihren Kindern Mercy, Jonas, Thomasin und Caleb wegen zu strenger Glaubensauslegung des Vaters aus ihrer Siedlung verbannt. Auf der Suche nach einer neuen Bleibe, lassen sie sich auf einem geeignet aussehnden Stück Land nahe eines Waldes häuslich nieder und Kate schenkt bald darauf dem fünften Kind Samuel das Leben. Eines Tages verschwindet der Säugling unter der Aufsicht der Älteste, Thomasin, spurlos. Wurde er von einem Wolf oder doch einer Hexe geholt? Die Tragödie führt dazu, dass sich Misstrauen innerhalb der Familie und Schuldzuweisungen häufen. Vor allem bleibt die Frage im Raum, was denn nun überhaupt Samuel geholt hat und ob dieses etwas nicht längst innerhalb der Familie wandelt.

Schaut man sich die Entwicklung des Horrorfilms in den letzten Jahren mit all seinem lauten und krachigen Wesen an, der manchmal mit wahren Bombardements an Jumpscare-Szenen zu einem gewissen Overkill führte (trotz derer gutem Timing in einigen Filmen), so gibt sich The VVitch angenehm zurückhaltend. Der Schrecken schleicht sich auf leisen Sohlen an, behält die ganze Laufzeit über seine angenehme Subtilität und wird erst im Finale - und das nur ganz kurz - entfesselter. Der Untertitel "A New-England Folktale" passt ohnehin sehr gut: Aufgrund der Zeit, in die der Film spielt und der Entwicklung seiner Story wohnt ihm eine Märchenhaftigkeit inne, die sich auf die düsteren Elemente der Volkserzählungen konzentriert. Eggers Film klärt uns zudem an seinem Ende auf, dass für die authentischen Hintergründe für The VVitch sehr genau recherchiert wurde. Laut dieser Einblendung stammen angeblich einige Dialoge des Filmes direkt aus historischen Dokumenten.

So fühlt sich The VVitch wirklich sehr authentisch und greifbar an, was die Wirkung der im dunklen Wald lebenden Bedrohung, verstärkt. Die Hexe lebt in den Schatten der Bäume, tief im Wald verborgen, wird als alte und hässliche Frau dargestellt, ohne hier in typische Klischeevorstellungen abzudriften. Wenn man sich, wie ich, mit der Entwicklung von altem Volksglauben á la Vampirismus, Lykanthropie oder auch Hexenglauben beschäftigt und ein wenig über die damaligen Vorstellungen bescheid weiß, fühlt sich dies wohl gleich (trotz des phantastischen Aspekts) doppelt so glaubhaft an. Als Beispiel sei hier die Szene genannt, in der sich die Hexe an Samuel zu schaffen macht: die darauffolgende Sequenz, in der sie sich zum Flug in die Lüfte aufmacht, beeinhaltet sowohl einen übernatürlichen Touch als auch eine Darstellung überlieferter Hinweise, wie Hexen anhand ihrer Flugsalben und der Wirkung der darin enthaltenen psychoaktiven Pflanzen in die Lüfte "aufsteigen". Das ist auch die große Stärke dieses Films: Es wird zu keiner Zeit wirklich verleugnet, dass das, was sich da abspielt, nur auf den starken christlichen Glauben der Familie zurückzuführen ist. Es ist eine Lesart des Films und er spielt hier auch gut mit der Wahrnehmung seiner Figuren und kann die Zuspitzung der Geschehnisse innerhalb der Familie transportieren.

Die Hexe, die Bedrohung von Außerhalb, gibt den immer offener zu Tage tretenden Problemen innerhalb der Familie nur den Rest. Diese äußere Gefahr kann allerdings auch nur eine Projektion dessen sein, was sich in den Köpfen der streng gottesfürchtigen Leuten abspielt. Es mag sein, dass dieses alte Geschöpf wirklich existiert oder - wie angesprochen - nur ein Hirngespinst ist, eine Manifestation des im Glauben der Familie existierenden Negativen. Die Verbannung aus der Siedlung ist hier nur der Anfang einer ganzen Reihe von Geschehnissen, welche die Eheleute zusammen mit ihren Kindern hinnehmen müssen und den Glauben schwer erschüttert. Dieser ist in seiner streng christlichen Auslegung beinahe schon prädestiniert für Wahnvorstellungen, die sich anhand der schwer verdaulichen Rückschläge nach der Verbannung, entwickeln könnten. Dazu kommt das zarte Aufkeimen der menschlichen Sexualität, die Erwachsenwerdung von Thomasin und auch Caleb steckt im Übergang von Kind zum Jugendlichen. Es kommt hier für William und Kate einiges zusammen, mit dem sie sich schwerlich auseinandersetzen können. Gerade letzteres ist für Kate ein präsentes und sie beschäftigendes Problem.

Robert Eggers verbindet dies in The VVitch zu einem stark gespielten Familiendrama mit leisem Mysteryhorror der auf allzu grobe Schocksequenzen verzichtet. Der Schrecken hier entsteht aus der Wechselwirkung zwischen Zuspitzung der misslichen familiären Schräglage und einer heute im Reich der Volkslegenden anzufindenden Kreatur bzw Figur, die sich sehr wohl auch das Leid der Personen zunutze macht und daraus ihre Stärke bezieht. Verstärkt wird dies mit einer aufgeräumten Fotografie, die sowohl distanziert als auch sehr Nahe an den Figuren dran ist. Die auf zusätzliche Beleuchtung verzichtenden Aufnahmen im inneren der spärlichen Hütte der Familie, nur von Kerzenlicht beleuchtet, sind atmosphärisch stark und brillant eingefangen. Wenn der Film gegen Ende hin die Ereignisse der Geschichte auf die Präsenz eben jener titelgebenden Hexe schiebt, so ist dies nicht enttäuschend, weil es sich das Drehbuch hier zu einfach macht, sondern konsequent die beibehaltene Richtung, die der Film von Beginn an gegangen ist. Er bleibt der im Untertitel angesprochenen Volkserzählung treu und ist einfach ein starkes, intelligentes und subtil arbeitendes Horrormärchen für Erwachsene. Trotz einiger anderer guter Filme des Genres und dem neuesten Winding-Refn-Films The Neon Demon, der allerdings beiweitem kein wirklicher Horrorfilm ist sondern nur beiläufig mit dessen Mechanismen spielt, ist für mich The VVitch der stärkste und somit beste Horrorfilm 2016.
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