Donnerstag, 5. Januar 2012

Zeder

Zeder. Genauer genommen: Paolo Zeder. Man bekommt ihn nicht zu Gesicht, er ist nichtmal die Hauptfigur in diesem italienischen Mystery-Thriller. Trotzdem ist es eine für die Handlung des Films nicht gerade unwichtige Figur. Gilt Zeder doch als der Entdecker sogenannter K-Gebiete. Laut Zeders Theorie sind das auf der Erde ganz unterschiedliche Orte, welche allerdings gleiche Charakteristika wie eine gleiche Bodenbeschaffenheit oder Temperatur aufweisen. Noch wichtiger: in solchen K-Gebieten beerdigten Toten soll so die Möglichkeit gegeben sein, aus dem Jenseits wieder zurückzukehren. Auf diesen Zeder und dessen Forschungen stößt der nicht gerade mit Erfolg verwöhnte Autor Stefano, der zum Hochzeitstag von seiner Frau Alessandra eine neue, elektrische Schreibmaschine geschenkt bekommen hat.

Auf dem Farbband der Maschine, welches schnell nach einigen Seiten seinen weiteren Dienst am Autoren verweigert, entdeckt er bei dessen Inspizierung Einprägungen mit mysteriösem Inhalt. Stefano schreibt diese ab. Er fördert somit einen Brief zu Tage, in dem nicht nur um die angesprochenen K-Gebiete, sondern auch um das Überwinden des Todes und einem Selbstexperiment eines Priesters geht. Er macht sich auf die Spuren, wähnt er doch einen geeigneten Stoff für den neuen Roman gefunden zu haben, und forscht nach. Nachdem er durch Alessandras Uniprofessor erste Anhaltspunkte sammeln konnte, geht es daran, mehr Licht in die für ihn immer noch sehr undurchsichtige Sache zu bringen. Dabei macht er sich auf die Suche nach Luigi Costa, besagtem Priester und fördert langsam aber sicher immer unglaublichere Dinge zu Tage. Nur begibt er sich dabei auch zusätzlich noch in Gefahr, wird er doch schon sehr schnell von Fremden verfolgt, die auch hinter den Briefen her zu sein scheinen. Überhaupt merkt Stefano schnell, dass teils nicht so zu sein scheint, wie es auf den ersten Blick wirkt.

Auf den ersten Blick scheint auch Zeder nicht das zu sein, wofür man ihn eigentlich hält. Von vielen selbsternannten Fachmännern in das Subgenre des Zombiefilms gesteckt, wird ihm diese Kategorisierung nur zu einem ganz kleinen Teil gerecht. Auch wenn er ohnehin immer wieder als ungewöhnlichster Untotenstreifen deklariert wird, so nimmt das Werk von Regisseur Pupi Avati diese Thematik zwar auf, macht aber dann etwas völlig eigenes daraus. Den so typischen Untoten bzw. allseits bekannten Zombie dürfen wir hier schon einmal gleich gar nicht erwarten. Zumal ohnehin ganz selten wirklich eine Leiche aus ihrem Grab steigt. Selbst hier verzichtet Avati auf den üblichen Duktus der gerade auch damals üblichen Zombiefilme, wenn es darum geht, dass erheben der Untoten aus den Gräbern zu präsentieren. Der in Bologna geborene Avati ist dabei sowieso keiner der typischen Genreregisseure. Kein weiterer Fulci, Mattei, Lenzi oder auch Deodato. Wo genannte Namen bei ihren Filmen ordentlich ins Horn blasen und laute, krachige Töne anschlagen (und dies mal mehr, mal weniger gut hinbekamen), bevorzugt der Mann eher die leiseren Töne.

Wobei er sogar am Buch zu Pasolinis Skandalfilm Salo - Die 120 Tage von Sodom (1975) beteiligt war und einer seiner Schüler der eher für derbe und günstig produzierte Goreeskapaden bekannte Ivan Zuccon ist. Dafür drückte er den meisten von ihm selbst gemachten Filmen seinen eigenen Stempel auf, auch wenn Avati wie viele andere Kollegen sich nicht auf ein Genre versteifte. Machte er dann allerdings beim Thriller oder auch Horror halt, so waren die Ergebnisse meist sehr bemerkenswerte Filme. So schrieb er zum Beispiel auch bei Lamberto Bavas Langfilmdebüt Macabro - Die Küsse der Jane Baxter (1980) mit, welcher durch seine sehr ruhige und subtile Art immer etwas aus dem Oeuvre des Bava-Juniors heraussticht. Mit seinem House of the Laughing Windows (1976) schuf Avati selbst einen Klassiker des Giallos, welcher thematisch auch das Übersinnliche streift. Bei Zeder widmet er sich komplett dieser Sache und schuf einen verquerten, aber äußerst entdeckenswerten Film.

Avati geht den Stoff, an dem er auch selbst mitgeschrieben hat, sehr nüchtern an. Dies schlägt sich auch auf den Look aus, der ohne große Schnörkel und Spielereien in Sachen Bildgestaltung daherkommt. Er läßt das Übernatürliche erst nach und nach in die Welt der beiden Hauptfiguren treten. Soll heißen, dass er trotz all des phantastischen Überbaus der Geschichte es erstmal sehr ruhig angeht und dem ganzen einen recht realistischen Touch verleiht. Trotz des Prologs, in dem Avati zwar zeigt, was es mit den K-Zonen auf sich hat, aber der Zuschauer noch recht ahnungslos dem Geschehen folgt. Dabei kann man dies typisch italienisch nennen, dass man ohne große Erklärungen in eine bestimmte Situation geworfen wird. Es beginnt einfach und der Anfang von Zeder könnte bei jedem anderen Horrorfilm schon das Finale sein. Avati schneidet an, fasst die für den Zuseher später dann wichtigsten Ereignisse zusammen und schneidet dann genauso harsch in die Jetztzeit über, mit der die eigentliche Story beginnt (der Prolog spielt übrigens in den 50ern).

Der zu anbeginn ausgedehnte und plötzlich hereinbrechende Schrecken, sorgfältig und mit Gespür für Atmosphäre inszeniert, nimmt sich dann zurück. Avati lässt seinen Stefano detektivisch vorgehen. Es ist ein Puzzle, welches der Autor Stück für Stück mühsam zusammensetzt. Dieses Puzzle setzt der Regisseur auch seinem Zuseher vor. Somit wird Zeder zu einem Mystery-Thriller der durchaus clever mit den Erwartungen des Zuschauers spielt. Avati bestimmt die Spielregeln und lässt so manches mal offen, ob das Übersinnliche nun wirklich in der Welt von Stefano und seiner Freundin existent sind oder er sich nur in eine undurchsichtige Geschichte verstrickt, sich von dieser gefangen nehmen läßt. Der von Gabriele Lavia recht ordentlich dargestellt Schreiberling nimmt teils sogar recht paranoide Züge an, so dass Zeder sogar wie ein Verschwörungsthriller erscheint. Ganz geruhsam läßt man die Handlung voranschreiten.

Sie entfaltet sich nach und nach, wie die Blüten einer Rose zu Beginn eines neuen Tages. Auch wenn dies ein starker Zug von Zeder ist, so gelingt es Avati allerdings nicht durchgehend, ein selbst auferlegtes hohes Niveau zu halten. Manche Kniffe bzw. Wendungen innerhalb der Story erscheinen etwas zu sehr bemüht, um noch einen draufsetzen zu wollen. Der Verschwörungstheorien-Aspekt wird so zu stark aufgeblasen. Allerdings kann man das dem Film schon längst nicht mehr als große Schwäche auslegen. Dafür ist er qualitativ zu gut. Die Subtilität, mit der Avati vorgeht, ist eben äußerst bemerkenswert. Er läßt den Schrecken langsam wieder aufkommen und kann - alle Paranoia-Anflüge seines Protagonisten zum Trotz - diesen schön ausspielen. Das Übersinnliche nimmt langsam Einzug im Kosmos von Zeder. Somit erreicht Avati auch, dass die Schockmomente eine angenehm gruselige Wirkung entfalten.

Hier und da zieht Avati das Tempo an, steigert somit auch die Schocks, läßt an anderer Stelle aber auch wieder den Fuss vom Gas. So gibt es im Erzählrhythmus des Films einige nicht gerade tolle Hänger, die aber nicht weiter ins Gewicht fallen. Spätestens zum Finale drückt Herr Regisseur wieder ordentlich auf die Tube. Da gibt er sich sogar in gewisser Weise entfesselt und beeindruckt mit einigen wirklich schaurigen Momenten, läßt seinen bisherigen Stil bzw. die Art und Weise, wie er die Geschichte Zeders erzählt, nie aus den Augen. Auch hier spielt er mit den paranoiden Anflügen seines Protagonisten und erzielt so eine gute Wirkung in dem Augenblick, wenn sich vor Stefanos Augen das ganze Geheimnis um die K-Zonen und den von ihm gesuchten Priester lüftet. Dessen schauderhaftes Lachen und verzerrte Fratze, welche in der Schlüsselszene von Zeder auf Monitoren erscheint, kann man als schön schauerliche Erzählkunst ansehen.

Ebenfalls sehr schön ist der Verzicht von jeglichen großartigen blutigen Eskapaden, wie man sie in anderen Werken aus Italien kennt und nur als störender Zusatz im Gesamteindruck mancher Filme wirken, nur um dem allgemeinen (damaligen) Zeitgeist des Horrorkinos gerecht zu werden. Zeder ist hochgradig der alten Schule der Horrorkunst zuzurechnen, die sich aber nicht den zum Entstehungszeitpunkt des Films modernen Erzählkniffen verwehrt. Fast im Kontrast steht dabei ja der pumpende, an manchen Stellen etwas zu aufdringlich geratene Score von Riz Ortolani. Er ist nicht gänzlich unpassend, allerdings bei weitem nicht so leise wie der Film und schafft es so auch nicht, die Spannungsmomente zu verstärken. Aber er hinterläßt einen Eindruck. Also sowohl Score als auch der Film selbst. Vielleicht auch bei Stephen King, fühlt man sich gegen Ende doch sehr an eine sehr bekannte Geschichte des Horrorautoren erinnert. Zeder ist vielleicht nicht der ganz große Wurf, wie sein Ruf, der ihm vorrauseilt, weiszumachen versucht. Ein äußerst interessanter und wirklich klasse konstruierter Mix aus Mystery-Thriller und Horror ist er aber allemal.
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Mittwoch, 4. Januar 2012

Pingu vs. Das Ding aus einer anderen Welt

Insgesamt dreimal wurde schon die Geschichte um eine außerirdische Bedrohung auf einer Forschungsstation, tief in der Arktis gelegen, verfilmt. Das Original von 1951 als auch das Remake von John Carpenter aus dem Jahre 1982 gelten als Klassiker. Letzterer gerade auch wegen seiner kruden aber selbst heute noch sehr guten Effekte. Der Claymation-Künstler Lee Hardcastle hat sich nun dem Carpenter-Remake angenommen und es in knapp zwei Minuten, reduziert auf einige der bekanntesten Szenen, nacherzählt. Mit den Figuren aus der Schweizer Kinderserie Pingu, welche ja ebenfalls im Claymation-Verfahren produziert wurde. Wer nun also schon immer mal knuffigen und knallharten Pinguinsplatter sehen wollte, der ist mit diesem kleinen Quasi-Mashup bestens bedient.



Direktlink | via @Chaz_Ashley
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Dienstag, 3. Januar 2012

Il Nero - Hass war sein Gebet

Wirklich erstaunlich, wenn ein eigenes althergebrachtes und bestens bekanntes Motiv urplötzlich so frisch, so anders daherkommt. Selbst dann, wie dieses nicht mal einen völlig neuen Anstrich verpasst bekommen hat, sondern einfach mal sehr experimentierfreudig und offen für Neues behandelt wird. Ist dies dann auch noch in einem Italowestern der Fall, dann hat man mit etwas Glück einen wirklich außerordentlich bemerkenswerten Film vorliegen. Immerhin bieten die Pferdeepen aus dem Mittelmeerland bis auf einige Ausnahmen meist immer selbe Motive in ihrer Handlund. Entweder geht es um den großen Reibach oder offene Rechnungen aus vergangenen Tagen, die es zu begleichen gilt. Nicht zu vergessen das Ausspielen einer oder mehrerer Banden, die meist ein kleines Städtchen terrorisieren. Dies soll gar nicht dispektierlich gegenüber diesem so wunderbaren Genre klingen. Es ist nun mal eher ein Fakt, dass viele Werke aus dieser Sparte sich solchen groben Handlungsverläufen bedienen. Selbst dann, wenn sie an und für sich wirklich neue, frische Wege gehen.

Der Western ist alleine ja schon wegen seiner zeitlichen Beschränkung zusätzlich eingeengt, bei möglichen Geschichten, auch wenn es natürlich auch im europäischen bzw. konkret italienischen einige (mal mehr, mal weniger) gute Beispiele gibt, dieses zu sprengen. Nur war der kommerzielle Aspekt immer noch im Vordergrund und selbst bei experimentierfreudigeren Streifen wollte man immer die Balance halten, einem eher der Unterhaltung und leichten Kost zugewandten Publikum gerecht zu werden, aber auch eher dem intellektuellen Filmfreund eine interessante Geschichte aufzutischen. Dann gibt es wiederum auch die Filmemacher, welche sich scheinbar nicht weiter für starre Korsetts und Abläufe innerhalb eines Genres interessieren. Claudio Gora scheint mit solch einer Attitüde an Il Nero herangegangen zu sein. Wobei der Film auf den ersten Blick rein Handlungstechnisch nichts Neues bietet.

Man hat es hier mit dem beliebten Motiv der Rache ist, die die Motivation für die Handlungen von Vincent Kearney darstellt. Dieser musste als kleiner Junge mit ansehen, wie man seinen zu unrecht als Mörder verurteilten Bruder Steven am Baume des eigenen Grundstücks aufgehangen wurde. Als Mann kehrt er in die Heimatstadt Big Springs zurück, die von einem Dreigestirn bestehend aus dem Bankier Alex Carter, dem Großgrundbesitzer Arthur Field und dem Richter Smith beherrscht wird. Diese bestimmen eisern über die Vorgänge in dem kleinen Städtchen, bis eben Stephens Bruder auf der Bildfläche erscheint. Die drei Herren ahnen, weshalb er sich blicken läßt und versuchen alles menschenmögliche, ihn den Radies von unten begucken zu lassen. Allerdings ist Vincent ein sehr gerissener Bursche. Als wäre dies nicht genug, taucht zur gleichen Zeit ein ebenfalls sehr schweigsamer Geselle samt seines Hündchens im Schlepptau in der Stadt auf, der sich schnell auf die Seite von Vincent schlägt. In loser Gemeinschaft raufen sich die beiden zusammen um das Trio und ihre Gehilfen zu bekämpfen, damit Vincent seine Rache bekommt.

Also eine gewöhnliche Story, die viele Italowestern bieten. Doch unter der Fuchtel vom eher als Film- und in seiner Heimat auch als Theaterschauspieler bekannten Claudio Gora wird Il Nero zu einem wahren Erlebnis. Innerhalb der allseits bekannten Geschichte, die sich sogar ganz herkömmlicher Erzählmuster von bekannten Rachegeschichten bedient, brennt der Mann ein wahres Feuerwerk an Ideen ab. Hier und da scheint das ganze ja sogar regelrecht auszuufern und das Grundgerüst des Films beinahe nicht mehr fähig, dies alles zu tragen. Dann scheint sich der Herr, welcher auch am Script mitgeschrieben, aber nochmal zu fangen und die gewöhnlicheren Wege eines Western zu beschreiten. Aber die Freude am experimentieren, mit der Gora an den Stoff herangegangen ist, merkt man dem Film jede Minute an. Gora bricht gerne die klassischen Vorgänge des (Italo-)Westerns auf nur um dann innerhalb von Sekunden sicher dieser wieder zu bedienen. Doch nicht nur dies lässt den Film so unheimlich grotesk erscheinen.

Il Nero scheint Wege zu gehen, wie man es einige Jahre später bei Deodatos Eiskalte Typen auf heißen Öfen (1975) der Fall war. Dieser ist eine übergroße Karikatur und Überzeichnung des Poliziotteschis, der alle Klischees dieses Genres vereint, sich dieser bedient und dabei trotz aller Ernsthaftigkeit die er ausstrahlt, das gezeigte auch eben wieder karikiert. Auch Il Nero wirkt an einigen Stellen stark comichaft und überzeichnet, was allerdings auch gerade wieder die Faszination dieses Films ausmacht. Dabei nimmt sich der Film bierernst und driftet nie ins parodistische oder komödiantische ab. Dies würde Il Nero auch gar nicht stehen. Seine Stärken liegen darin, dass Gora eben mit dem Genre und seinen Mechanismen spielt. Und so manche Szene wie man sie aus tausend anderen Italowestern kennt, mit geringem Aufwand so sehr absurd aussehen lassen kann. Ganz groß und am offensichtlichsten ist hier der Einsatz des Soundtracks. Die von Pippo Franco komponierten Stücke sind wirklich großartige, schmissige Ohrenschmeichler. Nur: sie sind in den meisten Szenen schlicht und ergreifend unpassend.

Was nun bei so manchem Film eine Schwäche wäre, versetzt hier erstmal in ungläubige Starre und Verwunderung. Schon zu Beginn, wenn Carter, Smith und Field auf die Hinrichtung von Vincents Bruder warten, setzt eine äußerst beschwingte und fröhliche Musik an, welche man eher in alten Slapstickfilmen vermuten würde. Das Stück ist dabei nicht nur äußerst eingängig sondern verwandelt diese an und für sich so unscheinbare Szene in eine beinahe schon surreal anmutende, am ehesten aber sehr grotesk erscheinende Sequenz. Dieser Sache bleibt sich Gora treu und experimentiert auch ansonsten munter darauf los. Nach der Titelsequenz ist der erste Auftritt von Tony Kendall als schweigsamer, namenloser Pistolero eine unheimlich coole und überaus schön montierte Szene, welche mit geringen Mitteln einen schönen Spannungsmoment mit sich bringt. Die Spannungen zwischen ihm und diesen Fieslingen im Sammlung ist förmlich spürbar.

Wie auch einige andere Western so bietet auch Il Nero wahrlich extravagante Schnittfolgen und Kameraperspektiven, die sich hier homogen in den ansonsten eher sehr unscheinbar auftretenden Film einfügen. Damit verstärken die etwas ungewöhnlicheren Sequenzen aber diesen sehr speziellen Eindruck, den der Film hinterlässt. Noch stärker wird dieser durch die unheimlich große Anzahl an sehr überzeichneten, skurrilen Figuren, die den Film bevölkern. Alleine schon der durch eine Vielzahl von Agentenstreifen aus der Kommissar X-Reihe bekannt gewordene Tony Kendall und seine Figur ist hier ein schönes Beispiel. Wie der von Goras Sohn Carlo Giordana verkörperte Vincent verkörpert er einen stereotypen Charakter des schweigsamen Pistoleros, der ohne jeglichen Hinweis auf seine Vergangenheit auf der Bildfläche erscheint. Nur: seine Motivation, was er überhaupt in der Stadt will und wieso er vor allem Vincent hilft, bleibt die ganze Zeit über im Dunkeln. Die Protagonisten im Italowestern kommen ja meistens ohnehin ohne große Hintergründe aus, bleiben Schemen und beinahe schon Superhelden aus alten, staubigen Tagen die dort erscheinen, wo Hilfe benötigt wird. Hier wird dies auf die Spitze getrieben. Man schweigt sich nicht nur über die Hintergrundgeschichte des Charakters aus. Man lässt seine Handlungsmotivation vollkommen außen vor.

Außerdem: wo sonst ein Italowestern meist nur einen wortkargen Hauptcharakter zu bieten hat, so fügt Gora in Il Nero sogar zwei ein. Das bemerkenswerte ist ja, dass dies sogar funktioniert. Durch die mit sich gebrachte Extravaganz des gezeigten, spielt es alsbald ohnehin keine Rolle mehr, wieso da Kendall mitsamt kleinem Schosshündchen (!), einer sehr ungewöhnlichen Begleitung für so einen harten Kerl (womit Gora das bekannte Bild des harten Rächers auch gekonnt ironisiert und aufweicht), durch die Handlung spaziert. Bei Vincent hat man ja noch das Motiv der Rache am Tod des Bruders als Grund für dessen handeln. Und wie einst Jean-Louis Trintignant in Leichen pflastern seinen Weg (1968) spricht Vincent kein einziges Wort. Wobei er - anders als Trintignants xxx - mit Sicherheit kein Handicap mit sich bringt. Kendall tut diesem übrigens gleich. Den beiden gegenüber steht der u. a. aus der deutsch-italienischen Co-Produktion Zinksärge für die Goldjungen (1973) Herbert Fleischmann als fieser Bänker gegenüber. In einer kleinen Rolle schaut auch der wieder schön fies rüberkommende Herbert Fux vorbei. Am außergewöhnlichsten ist wohl aber das Mitwirken des österreichischen Schauspielers Gunther Philipp. Der ansonsten eher für leichte Lustspiel- und Komödienkost bekannte Mime macht seine Sache als cholerischer Richter sogar richtig ausgezeichnet. Da hätte die Rolle ruhig etwas größer ausfallen dürfen.

Das Ensemble ist bis in die Nebenrollen gut besetzt (auch noch bemerkenswert: Venantino Venantini als weinerlicher Killer) und macht auch mimisch nicht viel verkehrt. Vielen Charakteren merkt man eine kleine Überzeichnung an, deren Hauptcharekteristika übergroß dargestellt. Das tolle an Il Nero ist einfach die losgelöste Inszenierung die er mit sich bringt. Goras einzigste Regiearbeit im Westerngenre zeichnet sich vor allem durch durch eine spürbare Lust an Andersartigkeit aus, die vor Ideenreichtum nur so sprüht, an diesem aber auch etwas stolpert. Während die meisten Ideen auch wirklich zünden, so verpuffen manche dann allerdings auch und lassen den Film etwas straucheln. Zumal die Handlung dadurch auch etwas sprunghaft erscheint, wobei hier allerdings auch angemerkt sei, dass die deutsche Fassung an manchen Stellen leider doch merklich und leider gekürzt ist. Allerdings kann sie nichts an der Qualität ändern, die der Film mit sich bringt. Vor allem auch nicht an seiner so vollkommen einzigartigen Art, trotz seines sehr unscheinbaren Looks, der nichts von den Außergewöhnlichkeiten die Il Nero mit sich bringt, auf den ersten Blick verrät.

Dafür ist der Reichtum an Details, der haarscharf am Rande des Fasses halt macht bevor dieses droht vor lauter Einfällen überschwappt, einfach zu groß. Dies läßt auch zu, dass sowas wie der eben nicht erklärte Antrieb Kendalls Figur nicht als Schwäche angekreidet werden kann. Die kurze Andeutung, als sich der namenlose Pistolero und dem angeheuerten Killer Sweetey gegenüberstehen (und hier mal nebenbei das klassische Westernduell ebenfalls sehr schön überspitzen), bleibt ja eigentlich zu wenig, bietet aber auch Raum für Interpretationen. Für die eigene Phantasie des Zuschauers. Es scheint beinahe so, als wäre dies beim Schreiben des Buchs sogar Absicht gewesen. Funktionieren tut es und das sogar prächtig. An manchen Stellen wirkt der Film zwar, als wolle man hier und da doch auf Nummer sicher gehen, doch überwiegen hier die vielen bizarren Einfälle. Das tolle an Il Nero ist ja auch, dass diese niemals drohen, den Film zu erdrücken. Sie bereichern ihn und machen ihn zu einem unvergleichlichen Westernerlebnis, dass sich lohnt, zu entdecken. Immerhin hat man es hier mit einer zu unrecht viel zu unbekannten Perle aus dem Wust des Genres zu tun.

Man könnte dem Film und seinem Regisseur einzig und allein anhängen, dass die dünne Geschichte vielleicht eben nur Aufhänger für diese vielen absurden und bizarren Momente sei. Um einfach ein wenig herumzuexperimentieren. Immerhin bietet man eben "nur" dieses allseits bekannte Rachemotiv und verzichtet darauf, in diese noch eine weitere Ebene zu transportieren, um Sozialkritik oder ähnlich hintersinnige Botschaften einzuflechten. Dafür ist Il Nero auch der vollkommen falsche Film. Während spätere Italowesternkomödien teils zu überdreht und krampfhaft versuchen, das Genre zu parodieren, schafft dies Gora auf gewisser Weise auf eine vollkommen ernsthafte Art indem er eben wie bereits angesprochen so manches Klischee vollkommen übertrieben ausarbeitet und dem Zuschauer vorsetzt. An manchen Stellen kratzt er sogar an der Schwelle zur Surrealität, begibt sich dann aber wieder auf leichter bekömmliche Pfade. Hier funktioniert der Hang zur Kommerzialität, die ganz klar erkennbare Trivialität des Films, die aber auch gut genutzt wird, um eben so manch' wunderbar schräge Szene zu gebären. Vollkommen ungläubig kann man sich als Zuschauer auf diesen Trip einlassen, der eben trotz all seiner (prächtigen) Bizarrheiten auch schön bodenständig bleibt. Gora gelang hier ein rundum gelungener Western, der in der zweiten Reihe Genre beinahe in Vergessenheit zu geraten scheint, was der Film in keinster Weise verdient hat. Dies hat dieses sehr tolle und begeisternde Unikum das einen hinterher erstmal geplättet zurücklässt, einfach nicht nötig.
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Montag, 2. Januar 2012

Der Schwanz des Skorpions

Während sich Lisa Baumer mit ihrem Liebhaber im heimischen Bette räkelt und sich der Liebe hingibt, befindet sich ihr Ehemann in der Luft auf direktem Wege nach Tokio. Doch der Flieger explodiert in der Luft, just in jenem Zeitpunkt, als auch das Paar bei seinem Liebesspiel dem Höhepunkt zusteuert. Ein äußerst makabrer Gegenschnitt, welcher hier eben mit einer Flugzeugexplosion den Gipfel der Lust während des sexuellen Akts darstellt. Mit diesem Unglück gibt man aber auch den Startschuss für eine äußerst raffiniert angelegte Geschichte um die zur Witwe gewordene Frau Baumer, welche somit eine recht große Summe aus der Lebensversicherung - immerhin handelt es sich um eine Million - einstreicht. Doch um sicher zu gehen, dass die Dame nichts mit dem Unglück zu tun hat, beauftragt die Versicherungsgesellschaft den Detektiv Peter Lynch, das Frollein zu beschatten.

Der Weg führt die beiden in die griechische Hauptstadt, wo Lisa das Geld ausgezahlt bekommen soll. Anstelle eines einfachen Schecks oder dem Transfer auf ihr Konto möchte diese doch tatsächlich die komplette Summe bar ausbezahlt bekommen. Zudem macht die Witwe auch noch bekanntschaft mit einer gewissen Lara und deren narbengesichtigen Anwalt Sharif. Lara war die Geliebte von Lisas Gatten, welcher die Versicherung sowie auch das Testament auf ihren Namen umschreiben wollte. Das Unglück kam dazwischen und so fordert Lara die Hälfte der Versicherungssumme ein. Bei dieser Konfrontation kann Peter Lisa vor einem gewaltsamen Übergriff seitens Sharifs retten. Allerdings wird diese wenig später in ihrem Hotel von einem schwarzgewandeten Herren aufgesucht, der noch etwas rüder zu Werke geht als der halbseidene Anwalt der Liebhaberin des toten Ehegattens.

Kenner von Alfred Hitchcocks Werken müssen an dieser Stelle sicher etwas schmunzeln, zitiert bzw. kopiert man hier sogar einen seiner größten Klassiker. Den Kniff, einen eigentlich schon als Protagonist eingeführten Charakter einzutauschen, hatte der Altmeister schon 1960 in Psycho angewandt. Selbst Sergio Martino gelingt dies in seinem Schwanz des Skorpions wirklich gut. Der Moment kommt sehr effektiv und überraschend daher und an die Stelle von Lisa tritt Peter Lynch in den Fokus, welcher alsbald von einer anderen weiblichen Figur, der Reporterin Cleo Dupont, unterstützt wird. Dieser Austausch der Hauptfiguren geschieht dabei ohne größere Probleme, immerhin wurde auch Peter gebührend eingeführt. Es gelingt dem Film dabei sogar, Peter für den Zuschauer noch sympathischer als Lisa wirken zu lassen. Kein Wunder, wird dieser doch von einem der sympathischsten Charmebolzen der damaligen Zeit, George Hilton, dargestellt. Dieser macht seine Sache sehr gut und zeigt sich von seiner besten Seite.

Doch natürlich wäre Der Schwanz des Skorpions kein Giallo, wenn auch hier nicht noch ein schwarzgewandeter Killer durch Athen meucheln wurde. Aber, vielleicht abgesehen von Torso (1973), sind Martinos Gialli ohnehin nicht zu den Standardwerken der damaligen Zeit zu zählen. Die Geschichten bergen immer mehr, als diese zu Beginn vorgeben. Eine einfache Mörderhatz ist somit auch der im Original La coda dello scorpione nicht. Nur im auch im gleichen Jahr entstande, superben Der Killer von Wien verkommt die Suche nach dem Mörder noch mehr zur Nebensächlichkeit. Sie bleibt hier vor allem deswegen mehr im Vordergrund, da dieser Film eher noch einen sehr traditionellen Crime- und Whodunnit-Weg geht. Diese gewisse Extravaganz, die man im Killer von Wien noch exzessiver Auslebt und dort zur Essenz des Stoffs werden lässt, kommt beim Schwanz des Skorpions eher unter der Oberfläche vor bzw. wird an anderer Stelle ausgelebt. Die 70er Jahre, welche gerade im Giallo einige sehr experimentelle und unkonventionelle Genrefilme hervorbrachten, begannen eben erst. Die 60er und die damit verbundenen, klassischeren Krimistories herrschten noch vor.

Selbst herkömmlichen Krimistoff vermag Martino ansprechend umzusetzen. Zumal mit Ernesto Gastaldi (unterstützt von Eduardo Manzanos Brochero und Sauro Scavolini) ein Mann am Buch mitschrieb, der noch so einige Geschichten für meisterliche Gialli erschaffen sollte. Auch wenn dieses Dreigestirn hier wie angesprochen von einem unumstrittenen Thriller-Klassiker beeinflusst wurden, so lassen sie Der Schwanz des Skorpions nicht einfach zu einer bloßen Kopie verkommen. Typisch für das Genre legt man so manche falsche Fährte und auch wenn an manchen Stellen die Logik dadurch etwas ins hintertreffen geraten mag, so ist das Geschehen trotzdem immer noch stimmig. Es passt in das gesamte Gefüge des Films und lässt diesen sowie die Handlung nicht straucheln. Die Brüche mit der Logik sind hier zwar auch nicht so groß wie in anderen Gialli, doch sie fallen eben nicht weiter ins Gewicht. Bis auf eine einzige Stelle wirkt das ganze so gar nicht unpassend. Trotz tradiertem Krimigewand um Morde und Millionen schafft es Martino, den Film von Beginn an sehr spannend erscheinen zu lassen.

Damit sind sowohl der Kampf der verschiedenen Parteien um die Hohe Versicherungssumme als auch die eben damit verbundenen Morde und der Suche nach dem Killer gemeint. Das so unscheinbare Auftreten des Films ist nur oberflächlich. In seiner für Gialli dieser Zeit so gebräuchlichen Art ist La coda dello scorpione eben nicht einfach nur ein weiteres, vergnügliches Whodunnit-Spiel. Ein Krimi wie jeder andere? Mitnichten. In Stil und Erscheinen ist der Film eben auf den ersten Blick ein gebräuchlicher Giallo, mit typischer, aber auch sehr schöner und stilsicherer Atmospähre. Doch hiermit spielt Martino eine weitere Stärke aus. Selten ist so ein mit eigentlich so für das Genre gebräuchlichen Mitteln erscheinender Film doch so experimentell ausgefallen. Der Schwanz des Skorpions gibt sich eben noch wie ein klassischer 60er-/frühe 70er-Giallo, lässt aber mit seinem unterschwelligen Gebrauch von Klasse, dem Spiel mit der Expertise "Style over Substance" ein wahres Feuerwerk abbrennen.

Nicht nur, dass Martino weiß, wie man mit Stimmungen umgeht. Ein schönes Beispiel ist hier Laras Ankunft bei sich zu Hause, kurz bevor sie vom unbekannten Mörder heimgesucht wird. Das in dieser Szene tobende Gewitter lässt sogar einen leichten Hauch von gothischem Grusel aufkommen. Schnell kann der Regisseur aber auch wieder zu tösendem Terror neuerer Prägung, wie man diesen auch  von später entstandenen Gialli kennt, wechseln. Vor allem ist es aber, was Kameramann Emilio Forsicot, unterstützt vom späteren Martino-Regular Giancarlo Ferrando, hier an Einfällen umsetzt und realisiert. Kaum eine Einstellung von Der Schwanz des Skorpions ist gebräuchlich. Es ist schier unglaublich, wie man hier mit Optik und der Kamera experimentiert und wahrlich entfesselt agiert. Unter der so bieder anmutenden Erscheinung des Films wird hier eine fotografische Extravaganz der Extraklasse zelebriert. So wird ein Dialog auch schon mal um 90 Grad gedreht hochkant gefilmt und gezeigt und immer wieder in ganz außergewöhnlichen Perspektiven die Geschichte des Films erzählt. Es mag von der ab und an dann doch wieder biederen Geschichte ablenken, welche allerdings durch das angenehm zügige Tempo, welches Martino gewählt hat, nicht wirklich vermag, abzustinken.

Zumal der finale Kniff wirklich sehr schön daher kommt und das Autorentrio es sich auch nicht nehmen lässt, selbst in der allerletzten Szene des Films noch eins draufzusetzen. Aber so sind eben die Gialli. Äußerst überkandidelte, eventuell auch hanebüchen daherkommende Auflösungen, die aber, wenn der Film wirklich mit Klasse inszeniert worden ist, trotzdem funktionieren. Zumal hier eben auch der Cast wirklich taugt und einige klasse Typen mit sich bringt. Hilton durfte ja dann mit Edwige Fenech in so einigen anderen Gialli, auch unter der Federführung Martinos, agieren. Auch mit Partnerin Anita Strindberg, einer eher kühlen aber trotzdem sypatisch erscheinenden Schwedin klappt es vor der Kamera. Ihre Rolle als Reporterin bleibt zwar ein klein wenig blass, ihre Person selbst vermag der Figur trotzdem Leben einzuhauchen. Ebenfalls mehr als ordentlich ist Luigi Pistilli als bärbeißiger Kommissar. Der Herr, welcher einen immer etwas leicht mürrischen Ausdruck mit sich bringt, passt sehr gut in diese Rolle.

Selten kam konventioneller Giallostoff so unkonventionell herüber. Martino scheint hier ein wenig für Der Killer von Wien geübt zu haben, denn einige im Schwanz des Skorpions aufkommende Elemente verfeinert er in erstgenanntem Film noch. Aber trotzdem ist auch dieser Film ein wirklicher Klassegiallo, der zeigt, dass Martino mitnichten einfach "nur" ein Handwerker war bzw. ist. Sicher, dieses versteht er wirklich gut, doch zeigt der Film, dass er eben ein Händchen für solche Art von Film hat. Der mit einem überaus tollen Score von Bruno Nicolai versehene Film braucht sich nicht hinter den anderen Thrillern des Herrn zu verstecken. Auch hier wird man schon mit sehr guter Giallokost versorgt, die durch ihre schon angesprochene Einfachheit in der Art der Geschichte, welche eben erst zu Ende hin erst komplett aufdreht, um eine kleine Nuance doch schwächer ausfällt. Trotzdem kann man den Film als richtig stark bezeichnen. Er vereint das Beste der ersten Giallowelle aus den 60ern mit all den schönen Dingen, welche dann die Gialli der 70er ausmacht. Somit geizt er hier und da auch nicht mit dem roten Lebenssaft, ohne dies aber übermäßig exzessiv zu betreiben. Aber dies hat der Film auch gar nicht nötig. Der Schwanz des Skorpions versteht sich eben viel eher als dieser bereits angesprochene Hybrid aus konventionellem Stoff und experimentierfreudigen Dingen der 70er Jahre. Eine wahrlich klasse Mischung, die Martino hier hinbekommen hat.
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Dead Survivors

Das schöne an Zombies ist ja, dass es - zumindest seit Romeros Night of the Living Dead - keinerlei großen Erklärungen bedarf, woher diese überhaupt kommen. Entweder lässt man den Grund gleich komplett im Dunkeln oder macht nur vage Andeutungen, wieso überhaupt die Toten wieder auferstehen und es auf die Lebenden abgesehen haben. Meist ist dies dann ein Virus oder hin und wieder auch mal eine von Menschenhand hervorgerufene Katastrophe, die eine Verseuchung mit sich bringt. Die Untoten sind halt urplötzlich da und überrennen die Erde. Ein schöner Nebeneffekt beim Auslassen eines großen Erklärungsversuchs ist ja, dass so die Bedrohung der untoten Massen somit noch verstärkt wird. Natürlich gibt es mittlerweile auch das Gegenteil und es wird sehr wohl gezeigt bzw. erklärt, wieso die Toten aus ihren Gräbern steigen. Dieser Umstand bringt aber auch den Nebeneffekt mich sich, dass jeder Amateur mit halbwegs gutem technischen Verständnis in Sachen Ideenfindung keine große Bemühungen aufbringen muss, für seinen Streifen eine ausgefeilte Hintergrundstory auf die Beine zu stellen.

Bei Dead Survivors haben wir diesen Fall. Von Anfang an sind die Zombies aktiv im Geschehen, haben die Erde überrannt und einige Überlebende haben ihre Müh' und Not, sich die dauerhungrigen Untoten vom Hals zu halten. Selbst das gut ausgerüstete Militär musste schon das weiße Fähnlein schwingen und eine versprengte Gruppe Überlebender unter der Führung von Chris Burnside versucht, in seinem Unterschlupf irgendwie über die Runden zu kommen. Doch Konflikte sind selbstverständlich vorprogrammiert und nachdem irgendein neunmalkluger Unsympath einen Streit mit Christ vom Zaun bricht, stürzt dies die Mädels und Herren in eine neue Bedrohung und eine Odyssee durch den umliegenden Landstrich. Zombies entdecken den Unterschlupf und auf der Flucht trifft man zwar auf einen Haufen behämmerter Soldaten, doch diese sind eher ein Fluch als ein Segen. So findet man hier und da auf dem weiteren Weg in die nächst größere Stadt nicht nur weitere Massen an Zombies sondern auch einen schmucken Landsitz im Wald vor, in dem Chris und seine Kumpanen eine kleine Erklärung finden, wieso es zu dieser Katastrophe kommen konnte.

Hat man nun das Glück, nicht nur begeisterter Fan von Genrefilmen, sondern auch Zocker zu sein, so verspürt man an nicht gerade wenigen Stellen von Dead Survivors ein Deja Vu. Nicht nur der Name der Hauptfigur, sondern auch so einige Elemente der Story erinnern an die überaus erfolgreiche Horrorgame-Reihe Resident Evil des Publishers Capcom, welche es auch schon zu vier mehr oder minder erfolgreichen Verfilmungen und somit Kinoeinsätzen brachte. Da waren wohl Fans der Reihe am Werk. Und auch wenn im Film kaum mit genauen Ortsangaben gearbeitet wird, so fällt neben dem aus dem Lovecraft'schen Geschichtenzyklus bekannte Ort Arkham auch einmal ganz konkret der Name Raccoon City, welche eine nicht gerade kleine Rolle in den Spielen als auch den Kinofilmen spielt. Wie in den Games (und natürlich auch den meisten anderen Zombiestreifen) ist hier das Hauptmotiv das Überleben einer kleiner Gruppe in einer unwirtlichen Welt. Survival. Im Film selbst als auch vor der heimischen Glotze.

Laut einem allseits bekannten Sprichwort ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen und gerade wenn es sich um Debütfilme handelt (denen gerade mal ein Kurzfilm voraus ging), können hier und da noch einige Schnitzer vorhanden sein. Perfekte Filme gibt es ohnehin nicht gerade viele. Ecken und Kanten können manche Werke sogar noch interessanter machen. Vorrausgesetzt ist dabei allerdings Talent, welches Dead Survivors doch eher vermissen lässt. Dabei sind sogar hier durchaus einige Ansätze wie man es hätte gut machen können, vorhanden. Doch die verpuffen genauso schnell wie dürftig aussehenden, eingestreuten Computer-Explosionen, die zum Beispiel beim Abschluss des Prologs für genügend Amusement sorgen. Man hat es durch den auf etwas alt getrimmten, sepia-artigen Look des Films es sogar geschafft, ihm ein wenig den so immer wieder störenden kalten Look vieler auf digitalem Material gedrehten Indiestreifen aus Deutschland zu nehmen. Es funktioniert. Anders als die Handlung, welche wohl beim nächtlichen Besuch des Burger Kings nach einer durchzechten Nacht auf einen Fetzen Serviette gekritzelt wurde.

Zombiefilme mit Hintersinn, Botschaften und dergleichen sind ja bekannterweise ohnehin nicht häufig anzutreffen und gelten als Ausnahme. Selbst in diesen sind sozialkritische Ansätze mehr oder minder im Hintertreffen um eher solche Dinge wie Atmosphäre, Action oder auch Spannung in den Vordergrund zu stellen. Es funktioniert, bestes Beispiel ist sicherlich Romeros Dawn of the Dead (1977). Nicht zu vergessen, dass auch viele Untotenfilme deren Story nicht großartig in die Tiefe gehen, unterhalten können. Es kommt eben immer auf die Qualität der Machart an. Selbst dann, wenn die Geschichte ein Hauch von Nichts ist. Doch bei Dead Survivors muss man sich wirklich die Frage stellen, ob dessen Macher David Brückner wirklich einen Plan hatte oder nur einen Vorwand brauchte, um seine Vorstellungen von "coolen" Sequenzen zu verwirklichen. Handlung? Eine fortlaufende Geschichte? Ja, die Geschichte des Genrefilms lehrt uns: wenn es um wandelnde Leichen geht, braucht man sowas nur bedingt. Ein Grundgerüst genügt. Nur doof, wenn das Grundgerüst so wackelig ist, dass es öfters mal merklich zusammenbricht.

Einige Überlebende die sich ihren Weg zur nächsten Stadt durch viele Gefahren bahnen. Dies hätte man durchaus spannend gestalten können, doch in tiefster sächsischer Provinz hat sich diese irgendwo im angrenzenden Stadtwald verlaufen. Wenn aus den sichtbar (ost-)deutschen Ortschaften auch noch im Kontext der Story Amerika wird, so kann man sich ein süffisantes Grinsen nicht verkneifen. Die menschenleere Gebiete machen sogar zum Anfang noch was her, doch bietet Dead Survivors eigentlich typischen Indiehorror, der schon zum Aufkommen in der hiesigen Fanszene kaum wirklich Begeisterung hervorlocken konnte. Außer bei Hardlinern, die auf sowas stehen. Da schlägt man sich durch den bundesdeutschen Forst, leerstehende Gebäude und irgendwelche Hinterhöfe und versucht verkrampft, auf international zu machen. Der Einfluss der großen Hollywood-Vorbilder auf Brückner ist dabei auch das größte Manko von Dead Survivors. Anstelle was eigenes auf die Beine zu stellen, variiert man Handlungsstränge besagter Resident Evil-Serie, spinnt bemüht eigene Ideen hinzu und versucht dann auch noch, einen auf dicke Hose zu machen.

Aber Sachsen ist eben nicht Hollywood. Und aufgesetzte Coolness, wie sie hier im Film wie die Zombies um fast jede Ecke biegt, bringt schnell Missmut beim Zuschauer auf. Das übergroße Posieren von Michael Krug als Chris Burnside (welcher allerdings zur kleinen Rettung eine passende Erscheinung für die Rolle ist) ist ja schon ziemlich anstrengend. Doch noch schlimmer wird das ganze, wenn er als Schmalspur-Actionheld ständig nach irgendwelchen Aktionen bemüht lässige Oneliner über die Lippen bringt. Das wirkt so schrecklich und unecht, dass man irgendwann nur noch genervt ist und dem Protagonisten sogar eine ganze Ladung an hungrigen Zombies an den Hals wünscht. Unsympathisch großkotzig und mächtig daneben, dass wohl selbst das "Spläddakiddie" von umme Ecke nur verstimmt die Miene verzieht. Da wird schnell die Figur des Dean zum heimlichen Helden, der irgendwie verdammt normal und wohl gerade deswegen so sympathisch um die Ecke kommt. Immerhin ist dieser Chris ja auch eine Art Supermann, der es versteht, aus wirklich noch so verzwickten Lage zu kommen.

Egal ob die versprengte Truppe von Soldaten mit ihrem oberfiesen Colonel, übertrieben chargierend von Stephan König gemimt oder immer wieder neue Bedrohung durch Zombies: Chris schafft sie alle. Egal ob mit Wumme, Machete oder bloßen Fäusten: die Herausforderungen sind auf leichtestem Level für den Kerl. Bei den Kämpfen mit den Untoten, die typischen Kumpels- und Bekannten-Zombies wie man sie schon aus anderen Amateur-/Indiesplatterstreifen Germaniens kennt, wirds dann nochmal so richtig eng spannend im Gesicht des Zuschauers. Plötzlich packt man da auch noch übertriebenes "Martial Arts" aus. Zugegeben: manches kann man sich noch anschauen. Aber auch hier scheint es so, als sei der Choreograph zum Entschluss gekommen, die Fights sollen wie eine Mischung aus Grundkurs asiatische Kampfsportarten und Backyard-Wrestling aussehen. Apropos Wrestling: Chris Burnside erscheint tatsächlich wie John Cena, einer der derzeit größten Stars in der US-Wrestling-Szene. Auch dieser kann sich ja aus jeder noch so große, misslichen Lage mit scheinbar übermenschlichen Kräften befreien. Das übertriebene, maskuline Auftreten des Protagonisten lässt an dies unironischen und konservativ gefärbten Actionarien der 80er Jahre erinnern. Doch selbst diese waren und sind um Längen besser.

Selbst wenn man dann mal versucht, etwas mehr Hintergründe in die Geschichte zu bringen, scheitert dies. Man klaubt sich hier und da was zusammen und wirft es in kleinen Happen dann ein, wenn man meint, dies könnte den Film interessanter gestalten. Allerdings geht dieser ab der Flucht aus dem Unterschlupf gnadenlos unter und versinkt in Stereotypen grauster Indievorzeit. Wenn man eben versucht auf dicke Hose zu machen mit seinem Stoff, sollte man ausgeklügelter an die Dinge heran gehen. Dead Survivors zehrt allerdings schnell an den Nerven mit immer wiederkehrender Schematik im Ablauf. Man latscht durch die Botanik, trifft auf Zombies, killt diese und geht weiter. Hier und da wird das ganze dürftig aufgelockert mit Erklärungen, woher die Untoten stammen. Ein Virus, erforscht von einem großen Pharmaunternehmen, scheint die Erklärung zu sein. An diesem Punkt angelangt, hofft man als Zuschauer, dass die Überlebenden endlich ihr Ziel und der Film somit sein Ende erreicht. Durch die Gegend latschen und Zombies platt machen ist eben doch zu wenig, um wirklich zu unterhalten. Zumal Dead Survivors nicht mal eine ausgesprochene Splattergranate ist um mit einigen Effekten bei Laune zu halten. Auch hier wird nur Altbekanntes geboten.

Schade, dass der Film zu einer einzigen Geduldsprobe verkommt. Zu Beginn ist man noch guter Dinge, wird allerdings ganz schnell auf den Boden der trostlosen Tatsachen zurück geholt. Wer eben zu stark auf dicke Hose macht, fliegt halt auch auf die Fresse. Dieses Schicksal ereilt Dead Survivors und es bleibt zu hoffen, dass die angedeutete (oder besser: angedrohte?) Fortsetzung durch sein offenes Ende doch besser wird. Nichts bleibt wirklich hängen, alles hat man schon mal (besser) gesehen und auch die Darsteller können nicht wirklich mit herausragenden Leistungen glänzen. Tino Dörner (Dean) durch sein sympathisches Wesen, ansonsten sind es aber eben diese bemühten Leistungen jugendlicher "Wir wollen auch ma' in 'nem Film mitmachen"-Darsteller. Das Alter mancher hier vor der Kamera stehenden Persönchen (ein junges Mädel sogar mit Zahnspange) lässt darauf schließen, das die Macher noch ganz schön Grün hinter den Ohren sind. Wenn man noch Wunschzettel schreiben sollte: dieses Jahr zu Weihnachten bitte eine Extraportion Talent aufschreiben! Vielleicht wirds ja dann doch noch was mit den nachfolgenden Werken. Zudem sollte man sich merken, dass fast dauerhafter Einsatz von Mittelklasse-Synthesizer-Orchestral-Scores ebenso nervig sein kann wie eben dieser Hauch von Nichts an Story. Man sollte an Brückners Stelle nochmal etwas Theorie pauken, bevor es wieder zur Praxis übergeht. Denn so hat Dead Survivors das Klassenziel nicht erreicht.
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Sonntag, 18. Dezember 2011

Viva Cangaceiro

Aller guten Dinge sind drei. Nach dieser bekannten Redewendung ist auch der Italiener Giovanni Fago vorgegangen und hat sich nach dem dritten von ihm inszenierten Western anderen Genres zugewandt. Wobei er allerdings gerade mit seinem letzten Film aus dieser Sparte ein kleines Ausrufezeichen gesetzt hat, da sich dieser damals wie heute doch schon etwas von den vielen anderen Pferdeopern aus Bella Italia abhebt. Zuerst wandte er sich mit seinem Debüt Django der Bastard (1967) sowie dem darauf folgenden Django - Melodie in Blei (1969) recht gebräuchlichen Geschichten zu und präsentierte diese mit allen für das Genre typische Elementen. Dabei hat Fago auch schon bewiesen, dass er vielleicht kein meisterlicher Macher, aber dafür ein sehr solider Handwerker ist, der ordentlichen Stoff abliefern kann. Mit dem im Original betitelten O'Cangaceiro überrascht Fago plötzlich mit etwas völlig anderem, der bestimmt so manchen Zuschauer mit falscher Erwartungshaltung vor den Kopf gestoßen hat.

Man könnte hier natürlich das Argument anbringen, dass der Cangaceiro einer unter vielen der damals aufkommenden Revolutions-Western ist. Zwar verschlägt es Fago zwar auch auf den amerikanischen Kontinent, doch nicht wie üblich nach Mexiko. Lieber hat er mit seinem umfangreichen Autorenteam (darunter der ebenfalls als Westernregisseur bekannte Rafael Romero Marchent) in der südamerikanischen Geschichte gewühlt und dort in Brasilien die sogenannten Cangaceiros für sich entdeckt. Diese waren im Nordosten des größten Landes Südamerikas marodierende Banden Gesetzloser, welche u. a. Städte oder auch Stützpunkte der Armee überfielen. Durch die in diesem Landstrich vorherrschende Armut rotteten sich die zusätzlich auch noch von der Regierung unterdrückten, unzufriedensten Bürger zu eben solchen Banden zusammen, welche ihre armen Mitbürger meistens in Ruhe ließen und teils sogar unterstützten. Als Darsteller für seinen Gesetzlosen suchte sich Fago einen gebürtigen Mittel- bzw. Lateinamerikaner aus, so dass dieser nicht nur durch sein gutes mimisches Können sondern auch durch sein Aussehen glaubhaft in dieser Rolle überzeugen kann.

Man griff zum Kubaner Tomas Milian, einem wahren Kultdarsteller, der ja schon zur damaligen Zeit in so einigen Italowestern mitwirkte. Und dieser ist eine wahrhaft passende Wahl für die Figur des Esposito, der in den 20er Jahren während eines Massakers des Militärs an der Bevölkerung seines Heimatdorfs, angeschossen und hinterher von einem Eremiten aufgefunden und versorgt wird. Zuerst ist Esposito nur mit der Pflege seiner Kuh beschäftigt, interessiert sich nicht für die Vorgänge in seinem Dorf, über die auch sein Vater mit ihm redet. Esposito ist eine einfache Haut, ein Naivling, ohne große Bezüge zu seiner Umwelt. Während draußen die Armee vor dem Dorf steht und einen dort untergekommenen Cangaceiro zur Kapitulation auffordert, ansonsten würde man die gesamte Bevölkerung umbringen, kümmert er sich aufopferungsvoll um das Tier. Er bekommt die Vorgänge gar nicht mit und scheint selbst bei der Eskalation der Ereignisse vollkommen desinteressiert diese an sich vorbei gehen lassen. Erst als beim Massaker der Militärs auch seine Kuh daran glauben muss, erwacht er aus seiner Welt, in der er zu leben scheint.

Glücklicherweise überlebt er leicht angeschossen die Gräueltaten und wird nun von einem äußerst gottesfürchtigen Einsiedler gesund gepflegt, der Esposito mit seinem religiösen Gebrabbel ziemlich beeindrucken kann. Vor allem: er beeinflußt ihn auch. Esposito wird vom Eremiten für dessen Zwecke benutzt. Laut diesem, ist ihm immerhin schon Gott erschienen, der zufälligerweise die Gestalt des Kuh- und Vaterlosen Manns trug. Esposito scheint wie ein hohles Gefäß zu sein, in welches man seine Zwecke einfüllen kann, damit dieser sie dann ausführt. Er wandert nun durch die Gegend, predigt das heilige Wort und ruft dabei gleichzeitig zum Kampfe und zur Rebellion auf. Dabei wird er in seinen Worten immer radikaler und nachdem er während eines Bettelzuges vom Militär aufgegriffen und verhaftet wird, wandelt er sich zum Cangaceiro. Er schart die Mitgefangenen nach einem Ausbruch aus der Haft um sich und formt eine Bande, welche den Landstrich, in dem er sich mit seinen Kumpanen niederläßt, mit Terror überzieht.

Dabei ist Esposito, der sich mittlerweile auch "Der Erlöser" nennt, aber dem Gouverneur der Region, einem gewissen Branco, im Wege. Immerhin ist dort ein großes Ölvorkommen entdeckt worden, das dem Land und vor allen den höhergestellten Gesellschaften ordentlich Geld in die Taschen fließen lassen würde. Aber die dort eben umherwandelnden Banden sind das einzige Hindernis, welches dem Abbau des Öls im Wege steht. Mit Hilfe eines holländischen Ölsuchers, der schon mal die Bekanntschaft mit dem Erlöser machte, versucht der Gouverneur Esposito auf seine Seite zu ziehen und so die anderen Cangaceiro-Banden zu beseitigen. Unser Erlöser lässt sich wieder einspannen, merkt aber alsbald, dass er von dem schmierigen Herren betrogen wurde, was dessen Versprechungen angeht. Allerdings hat Branco nicht mit der Rache des Erlösers gerechnet.

Nun macht Fago hier mit der Geschichte zwar schon so einiges richtig, dennoch erscheint Viva Cangaceiro doch auch etwas holprig an manchen Stellen. Milian verkörperte übrigens auch schon in Corbuccis Lasst uns töten, Compañeros (ebenfalls 1970) einen naiven Menschen, welcher durch den Einfluss anderer plötzlich in einer für ihn vormals vollkommen uninteressanten Sache verwickelt ist. Auch hier ist seine Leistung wieder sehr gut, nur das Buch bremst seine Figur auch etwas aus. Der religiöse Einfluss auf Esposito, der seinen Retter durch seine Verwundung an der Seite an Jesus Christus erinnert, wird etwas zu schnell auf die Seite geschoben. Fago zeigt uns in wenigen, schnellen und episodisch erscheinenden Szenen den Wandel Espositos. Es scheint als habe er das Potenzial, welches hier schlummerte nicht erkannt oder nicht weiter nutzen wollen. Schnell wird aus dem predigenden Naivling, dem man anmerkt, dass ihm seine Worte von einem anderen in den Mund gelegt sind, ein fast schon einfacher Bandit. Dabei entfernt sich auch Milians Äußeres weg vom einfachen Prediger der mit Kreuz und Machete seine Worte verkündet zu einem stylish interessanten, aber auch überfrachtend aussehenden Halunken.

Esposito spricht von Freiheit, von Aufstand gegen die Unterdrücker der armen Bevölkerung und versucht das Wort Gottes in revolutionäre Tiraden zu wandeln. Er schart mit den ehemaligen Mithäftlingen eine Bande um sich, wie einst Jesus seine Jünger. Man hätte die religiösen Anspielungen ruhig weiter in den Stoff einbauen und natürlich auch ausbauen können, um die Botschaften, die Viva Cangaceiro hier und da mit sich bringt, weiter auszubauen. Die Geschichte des Heilands umgewandelt in eine Art Revolutions-Western mit ganz eigener, ungewöhnlicher Art. Da hätte man etwas daraus machen können, doch die sichere und wohl auch einfachere Spur wird im weiteren Verlauf der Geschichte bevorzugt. Wobei es Fago hier und da noch schafft, leichte Kapitalismuskritik in den Stoff zu Schmuggeln. Beinahe könnte man seinen Esposito als sozialistischen Heilsbringer ansehen, der für das Wohl des Volkes beisteht und der nur auf Gewinn und Moneten schielende Obrigkeit ans Bein pinkeln will. Immerhin hat er mit Eduardo Fajardo als Gouverneur Branco einen schauspielerisch ebenbürtigen Partner bekommen, der auch sehr gut als aalglatter und skrupelloser Geselle, der nur auf seinen persönlichen Vorteil aus ist, rüberkommt.

Da scheint man zuviel auf einmal mit dem Cangeceiro gewollt zu haben. Nicht nur, dass man diese Allegorie auf die Geschichte plötzlich einfach unter den Tisch fallen lässt und auch die vormals starken religiösen Anspielungen sich im Laufe der Geschichte zurücknehmen. Hinzu kommen sozialkritische Töne, die aber auch nur Ansatzweise aufgezeigt werden um weiterhin auch noch die eigentliche Story des Films erzählen zu können. Es passt einfach nicht so richtig und erst spät schafft es der Film, seinen eigenen Weg zu gehen. Hier wandelt er allerdings eher auf den Pfaden einfacherer geprägter Revolutions-Western. Wenigstens kann er sich durch die Ansiedlung der Story in Südamerika und der Zeit in der er spielt, dem 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, deutlich von diesen abheben. Somit ist Viva Cangaceiro auch nochmal etwas ganz eigenes, eine kleines Unikum, dass es trotz seiner Diskrepanzen im Aufbau der Story zu entdecken gilt. Fago schafft es trotz allem, eine interessante Geschichte zu erzählen, bei der eben leider die Anfangs so interessante Figur des Esposito etwas verblasst.

Dieser Wust an Fäden, welche die Autoren des Films aufgenommen haben, verheddert sich etwas an mancher Stelle und einige werden dann auch noch fallen gelassen. So sind dann auch manche Handlungen einiger Figuren etwas schwerer bzw. nicht allzu logisch nachvollziehbar. Hier wollte man wohl eher etwas mehr Pepp in die Handlung an manchen Stellen bringen, damit auch die Action nicht zu kurz kommt. Immerhin wird auch hier ordentlich die Feuerbüchse betätigt, so dass mancher Filmtod gestorben wird. Spätestens beim Kampf gegen die Militärs wandelt sich Viva Cangaceiro zu einem Spektakel, dass durch einen äußerst tristen und nüchternen Stil auffällt. Allerdings punktet der Film auch durch einige gute Einstellungen, die auf das Konto von Kamermann Alejandro Ulloa gehen. Nicht unterschlagen sollte man auch den etwas eigentümlichen, aber dennoch passenden Score von Riz Ortolani der auch so manche Szene sehr gut aufwerten kann.

Vielleicht war Fago nicht die beste Wahl für so einen komplexen Stoff, eventuell hat er mit seinen Mitautoren auch nur zu viel in einen Film packen wollen. Er ist ein guter Handwerker, dem es allerdings etwas an Esprit und hier und da auch an Feingefühl geht. Grundsätzlich ist ihm hier ja ein sehr interessanter Streich gelungen, dessen Motor bei der Fahrt durch die Handlung ins stottern gerät. Man kratzt zu sehr hier und da an der Oberfläche, bohrt aber nicht weiter nach und läßt einen etwas unbefriedigenden Eindruck zurück. Viva Cangaceiro kann sich durch seinen eigenen Charme, den er mit sich bringt, vor dem Fall in die Bedeutungslosig- bzw. Mittelmäßigkeit bewahren. Doch so richtig rund erscheit das ganze einfach nicht. Sicherlich: auch Filme dürfen und sollten Ecken und Kanten haben, doch an diesen stößt man sich allerdings doch irgendwie zu schmerzhaft. Und irgendwie ist der Film trotzdem auch so etwas wie eine klitzekleine Perle, die es zu entdecken gilt. Hier geht die Zwiegespaltenheit, die auch dem Werk innewohnt, fröhlich weiter. Alles in allem aber ein ansprechender Film der auch durch seine ganz außergewöhnliche und andere Art faszinieren kann. Ja, der Giovanni ist schon ein Fuchs. Bevor er mit anderen Arbeiten wieder eher durchschnittliche Arbeiten ablieferte, hat er hiermit schon ein aus seiner Filmographie herausstechendes Stück Film abgeliefert.
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Dienstag, 13. Dezember 2011

Djangos blutige Spur

Insgesamt zwanzig Mal nahm der gute Tanio Boccia auf einem Regiestuhl platz und war dabei vor allem im Peplum, also den italienischen Monumental- und Sandalenschinken, zu Hause. Dabei war Boccia zu Beginn seiner Karriere eher auf der Bühne aktiv: er startete als Choreograph und Tänzer, wurde hier und da auch als Mime in Dialektstücken eingesetzt bevor es ihn dann von den Brettern dieser Welt zum wuseligen Filmgeschäft seines Heimatlandes zog. Dies begann gegen Ende der 50er, als mit dem Erfolg des pompösen, amerikanischen Monumentalfilms auch die ersten italienischen Produktionen dieser Machart über die Leinwände dieser Welt flimmerten. Der gute Tanio konzentrierte sich hier eher nicht auf historische, sondern eher alter Legenden und Sagen verbundene Stoffe. Unter seiner Knute erlebten Sagenhelden wie Maciste (Maciste besiegt die Feuerteufel, 1961), Samson (Samson und die weißen Sklavinnen, 1963) oder auch Herkules (Hercules of the Desert, 1964) kostengünstig hergestellte, aber bunte Abenteuer in den Kinos der damaligen Zeit. Mit dabei war meistens der italienische Bodybuilder und Mime Adriano Bellini, der sich hier meist hinter dem amerikanischen Pseudonym Kirk Morris versteckte.

Und als man in der italienischen Filmindustrie die ohnehin schon recht angestaubten Sandalen an den Nagel hing und sich anderen Stoffen widmete, so zog natürlich auch Boccia mit, inszenierte hier mal einen Agenten- und dort einen historischen Abenteuerschinken, bevor er sich dem nächsten Trend widmete. Vier Italowestern entstanden unter seiner Regie, wobei aus dieser Phase wohl vor allem Die sich in Fetzen schießen (1967) herausragt. Dieser Film wurde nämlich schon drei Jahre später neu verfilmt. Das Quasiremake hörte auf den Namen Matalo bzw. in Deutschland Willkommen in der Hölle und stellt einen ausgesprochen psychedelischen und herausragend anderen Italowestern dar. Boccias Vorbild für diesen Ausnahmefilm kommt dabei viel ordentlicher und bodenständiger daher. Zwei Eigenschaften, die man auch seinem letzten Western zusprechen kann. Was allerdings nicht heißt, dass Djangos blutige Spur etwa zu bieder umgesetzt wurde. Man merkt dem Streifen ja schon seine Entstehungszeit, die beginnenden 70er, doch etwas an.

Gerade auch beim Hauptdarsteller Richard Harrison, welcher mit seinem breiten Oberlippenflusensammler hier auf der Suche nach den Mördern seiner Schwester ist. Jeff Cameron ist hier sein Name, ein Kriegsgefangener, der nun in den Süden und seine Heimat zurückkehrt und die niederschmetternde Nachricht überbracht bekommt, dass Schwesterlein Deborah den Radies beim Wachsen von unten betrachten muss. Der Erlös des Verkaufs der Familienranch wurde ihr hier zum Verhängnis. Während der Auszahlung durch die Käufer des Grundstücks, einer Eisenbahngesellschaft, wird sie von einem bediensteten beobachtet. Schon hier geifert er beim Anblick des vielen Zasters die Fensterscheibe voll um dann mit einem Kumpanen in der nahe gelegenen Stadt einen Hinterhalt zu planen, in den Deborah leider auch vollends reintritt. Entrinnen gibt es keinen und während Oberfiesling Montana sogar noch kurz seinen Spaß mit dem armen Mädel hat, wird sie hinterher kaltblütig ermordet. Also schmiedet Jeff nach einigen Hinweisen auf die Mörder, die er gesammelt hat, den Plan, den insgesamt fünf Herren welche am Tod der Schwester schuld sind, sein Leibgericht zu servieren. Natürlich ist dies nichts anderes als eiskalt servierte Rache.

Der gute Harrison, wie Boccias Peplum-Lieblingsdarsteller Bellini ebenfalls ein ehemaliger Muskelpumper, ist hier wirklich gut aufgelegt. Sein flapsiger erster Auftritt als recht neben sich stehendem, verlumpten Kerl der in inniger Zweisamkeit mit seinem Maultier Manolito zu sein scheint, erinnert uns dabei ein klein wenig an diverse Auftritte von Terence Hill in diversen Prügelwestern, die er mit Dauerpartner Bud Spencer bestritt. Zerzaustes Haar, leicht angeschickert und trotzdem immer einen launigen Spruch auf den Lippen. Da verzeiht man ihm auch das schäbige rosa Hemd, welches er in dieser Szene trägt. Diesen kleinen, auflockernden Anflug von Humor lässt schnell die Sympathien für Harrison entstehen. Auch wenn er im weiteren Verlauf des Films ab und an wie ein typischer Held aus US-Western rumrennt, so sieht man dem bärtigen Herren gerne bei seinem Rachefeldzug zu. Eine markige, aber niemals kalauernde sondern eher sehr sorgfältige deutsche Synchronisation unterstreicht dies hier auch noch gekonnt. Hier und da scheint man es in der Ausrichtung Harrisons Figur etwas zu gut gemeint haben, zu cool erscheint der Herr. Seine Figur lässt etwas Verbissenheit in seinen Bemühungen vermissen.

Zumal er ja ohnehin ein sehr leichtes Spiel hat, die Pappenheimer, welche seine Schwester auf dem Gewissen haben, ausfindig zu machen. Hier leiert Boccia, der auch das Script schrieb, die Geschichte leider etwas zu einfallslos einfach runter. Nach dem ersten Hinweis auf den Aufenthaltsort von Obermufti Montana macht sich Jeff einfach dorthin auf, trifft diesen zwar an, bekommt ihn aber nicht in die Finger. Dafür spürt er nach und nach die Komplizen auf und richtet diese logischerweise einen nach dem anderen für ihr grausigen Vergehen. Selbst hier kommt er, bis auf die erste Begegnung mit Montana, nicht in Schwierigkeiten. Hier umgeht Boccia das ungeschriebene Italowestern-Gesetz, dass der Protagonist mindestens einmal in die Hände des Widersachers gerät und schlimmste Misshandlungen aushalten muss. Von daher ist die vom ohnehin unsinnigen deutschen Titel angedeutete Spur keineswegs blutig. Das hier kein Django vorkommt, versteht sich nach den bisherigen Ausführungen zum Film auch von selbst.

Aber Boccia versteht sein Handwerk und schafft es mit dem angesprochen wohlgesonnenen und spielfreudigen Harrison schnell den Zuschauer auf seine Seite zu ziehen. Die wilden (und milden?) Siebziger versprühen ihren Glanz, ihre ganz eigene Art und rein atmosphärisch bietet uns der mit 69 Jahren in Rom verstorbene Regisseur ausgezeichneten Stoff. Staubige, verlassene oder auch sehr runtergekommene kleine Städtchen bilden hier den Hintergrund für eine Geschichte, die einfach mehr Biss vertragen hätte. Somit hätte man wohl auch einen richtig starken Western hinbekommen. Wobei Djangos blutige Spur keineswegs schlecht ist. Einen Innovationspreis wird das Machwerk nie gewinnen, doch besser eine gute, aufgewärmte Story als miese Neukompositionen, die nicht munden wollen. Zumal nicht nur Harrison zu überzeugen vermag. Als weibliche Hauptrolle, die allerdings erst zum Ende etwas Screentime bekommt, bekommt man die dralle Anita Ekberg als Dame aus dem horizontalen Gewerbe zu Gesicht. Irgendwie ist die Rolle der schwedischen Aktrice etwas verschenkt, auch wenn Chemie zwischen ihr und Harrison stimmt. So hat man wenigstens noch eine kleine Nebengeschichte in den dünnen, hier und da vorhersehbaren Stoff, eingebaut bekommen.

Der oberfiese Montana wird von Rik Battaglia gemimt, ausserdem ist auch noch George Wang als einer der Bösewichte zu sehen. Dabei macht auch Battaglia eine gute Figur und ist auch für die wenigen im Film doch zu sehenden Sadismen zuständig. Eventuell gibt es aber im Ausland sogar mehr zu sehen, hier und da erscheint die deutsche Fassung etwas holprig und unvollständig. Dennoch ist die unaufgeregte, aber saubere Machart des Films ein Pluspunkt, die den Stoff bis zu seinem doch eher unspektakulären Ende über die Zeit rettet. Dazu versüßt einem der recht präsente und tolle Score von Carlo Esposito den Film. Die bekannte Rachestory, die man wie den kommenden Besuch im norddeutschen Flachland schon ewig vorher sehen kann, vermag es nun wahrlich nicht, Bäume auszureißen bzw. Begeisterungsstürme zu entfachen. Doch der ohnehin für sein Talent, kostengünstige Stoffe gut aussehen zu lassen, bekannte Boccia schuf einen dennoch sehr lockeren und leicht den damaligen Zeitgeist versprühenden Italowestern. Wie bereits angesprochen, wäre etwas mehr Biss wünschenswert. Aber auch so ist der Film ein voll und ganz zufrieden stellender und in Ordnung gehender Beitrag.
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