Montag, 16. August 2010

1000 Dollar Kopfgeld

Irgendwo in einer Hütte wird ein junges Mädchen ermordet, wenig später in einer kleinen, nicht näher benannten Stadt der örtliche Saloon ausgeraubt. Bei dem Raub werden nicht nur eine Dirne und der Barkeeper ermordet, sondern wenig darauf auch zwei der drei Räuber. Der Sheriff ist dabei ein so ausgefuchster Hund, dass er auch alsbald, trotz weniger Beweise, mit dem nicht sonderlich beliebten Chester Conway auch schon einen angeblich Schuldigen ausgemacht hat. Doch die Gerichtsverhandlung gegen ihn gleicht einer Farce, möchte sich doch wohl so das ganze Dorf durch diese gelegen kommende Tat sich diesen unliebsamen Gesellen vom Hals halten. Nur Conways Verteidiger Jeff Plummer möchte alles darauf setzen, Conways Unschuld zu beweisen. Selbst die Besitzerin des Saloons und Ex-Freundin Conways, die ihn mittlerweile wie die Pest hasst, glaubt an seine Unschuld und möchte ihn wieder frei sehen. Jeff heuert dafür seinen Freund Silver an, einem Gentleman-Cowboy und eine Art Privatdetektiv, der es sich - wie im Falle der Eltern des ermordeten Mädchens - auch mal erlauben kann, einen Fall abzulehnen. Denn sein Preis ist hoch. Doch da er Jeff noch einen Gefallen schuldet, nimmt er nach kurzem drängeln an und versucht, Conways Unschuld vor dessen Hinrichtung zu beweisen. Dabei stößt auf so manche faule Stelle im ach so unschuldig erscheinenden Bild der Dorfbewohner.

Während er an gut zwanzig Drehbüchern mitgeschrieben bzw. verfasst hat, so nahm Regisseur Lorenzo Gicca Palli nur insgesamt fünf mal auf einem Regiestuhl platz. Dabei ließ er mit Freibeuter der Meere (1971) sogar das bekannte Duo Terence Hill und Bud Spencer als Piraten vom Stapel. Der letzte Eintrag in seine recht kurze Schaffensphase als Regisseur ist dabei ein stilistisch sehr großer Bruch, handelt es sich dabei doch um die Naziploitationschote Liebes Lager (1976), die zwar laut der deutschen OFDb auch in das Fach der Komödie gesteckt wird, allerdings trotzdem für einen doch eher faden Beigeschmack im späteren Verlauf von Gicca Pallis Karriere gesorgt haben könnte. Nichtsdestotrotz schuf er mit dem in Deutschland auch als Sarg der blutigen Rache bekannten Film einen sehr interessanten Hybriden aus dem zur damaligen Zeit schon sehr (an den Kinokassen) schwächelnden Italowestern und dem immer erfolgreicher werdenden Genre des Giallos. Doch ist der Bezug zum allseits beliebten Suspense-Genre aus Bella Italia im Falle von 1000 Dollar Kopfgeld auch ein klein wenig grenzwertig. So richtige Bezüge hierzu kann nur die erste Sequenz des Films herstellen, später kann in auch getrost als Westernkrimi bezeichnen. Wobei natürlich die ersten Gialli auch eher in der Tradition früherer Krimikost standen und nicht zuletzt durch den Erfolg der deutschen Edgar Wallace-Verfilmungen überhaupt erst von den Italienern produziert wurden. Man könnte sich also über die Bezeichnung Giallo-Western schon etwas streiten, doch ganz grob trifft es hier schon so ziemlich zu. Immerhin gelingt es ihm, das Whodunnit-Element doch gut herauszuspielen.

Die schon erwähnte Anfangssequenz ist da schon ein erster guter Glücksgriff, schafft diese es doch sehr gut, ein gewisses Giallo-Feeling aufzubauen. Immerhin nimmt hier die Kamera wie auch dort die Sicht des Mörders ein. Es ergibt sich ein atmosphärisch dichter Einstieg in die Geschichte, der zwar keinen äußerst stilvollen bzw. überästethizierten Mord wie manchen richtigen Gialli präsentiert, aber trotzdem sehr wirksam ist. Der Spannungsaufbau und das Timing stimmen und so irritiert es dann für eine wenn auch geringe Zeit, dass dieser Mord in der weiteren Geschichte doch sehr in den Hintergrund rückt, ja sogar fast gänzlich vergessen wird. Es sei aber gesagt, dass die Sequenz nicht einfach nur eingebaut wurde, damit man für die (damalige wie heutige) Werbung auch einen Grund hat, den Film als Giallo-Western zu vermarkten. Hier schlägt man den ganzen ein Schnippchen und hat einige Storytwists in Petto, welche ja ebenfalls ein bekanntes Markenzeichen der Gialli ist. Man versucht zudem nicht einfach nur, durch diese Wendungen zusätzliche Überraschungsmomente einzubauen sondern blickt zusammen mit Ermittler Silver auch hinter eine anscheinend gut bürgerliche Fassade. Doch da scheint es nicht wirklich so porentief rein zu sein, wie man gerne den Anschein erwecken möchte. Es modert und fault und alsbald präsentieren sich dem Zuschauer so einige verdächtig wirkende Figuren, die wiederum versuchen, ihre Geheimnisse so gut es geht zu verbergen. Das Skript ist dabei aber nicht so stark wie das eines reinrassigen Giallos. Es gibt sich bemührt, doch mit ein wenig Hirnschmalz kann man die Twists als auch die Auflösung des Finales schnell erraten.

Trotzdem vermag es 1000 Dollar Kopfgeld gut zu unterhalten. Dem zu Gute kommt auch eine recht gut aufgelegte Darstellerriege, allen voran Gianni Garko, der durch die Figur des Sartana beim Italowesternpublikum bekannt wurde. Da überrascht es auch nicht, dass die Hauptfigur Silver so einige Ähnlichkeiten mit Garkos bekanntester Rolle aufweißt. Obwohl Gicca Pallis Werk der Abschluss einer lose zusammenhängenden Trilogie ist und der Charakter Silver auch schon in dem Western Stirb oder Töte (1967) für den er das Drehbuch verfaßte, auftauchte, entschloss man sich hier auf die Zugkraft von Garkos Alter Ego Sartana zu vertrauen. Im ersten Werk wurde Silver vom deutschstämmigen Peter Lee Lawrence (eigentlich Karl Otto Hirenbach) verkörpert. Diesem traute man allerdings nicht wirklich zu, genügend Publikum in die Lichtspielhäuser zu ziehen. Zwar hatte auch Lawrence als Silver schwarzen Zwirn im Körper, doch Garkos Silver gleicht bis auf das schwarze Cape doch eher dem Charakter des Sartana. Ja selbst das Gimmick der kleinen, versteckten Pistole wurde hier übernommen. Außerdem stattete man Silver für 1000 Dollar Kopfgeld auch mit einer gewissen Ironie aus, die ebenfalls so typisch für Sartana ist. Doch egal welchen Gentleman-Cowboy Garko nun verkörpert: er meistert die Rolle mit bravour und schafft es gegen Beginn sogar, durch seine versnobbte Lebensart und leichten Überheblichkeit, gewisse Antipathien aufzubauen. Er rührt eben nicht für jeden die Finger und ist auch erstmal nicht sehr darüber begeistert, dass ihn sein alter Freund Jeff aus den Ferien holt um Conways Unschuld zu beweisen. Aber man merkt schnell: Silver hat das Herz am rechten Fleck und spätestens wenn er in der Stadt auftaucht, gewinnt er durch seine lässige Art die Herzen der Zuschauer.

Richtig gut aufgelegt ist übrigens auch Klaus Kinski, der hier mal wieder einen seiner vielen und typischen Auftritte der damaligen Zeit darlegt. Durch seinen großen Namen konnte man natürlich noch einige Menschen mehr anlocken und so hat er hier wenig Screentime (wenn auch immer noch mehr als in anderen Italowestern), aber wenn er mal vor der Kamera zu sehen ist, dann gibt er die Rolle als Verurteilter Chester Conway wirklich sehr überzeugend. Es ist ein wirklicher Genuss, wie er verzweifelt in seiner Zelle herumtigert und genauso auch zwischen den Gitterstäben des Fenster gestikuliert. Eben dieser, auch in den Nebenrollen gut besetzte Cast, vermag es, über so manche kleinere Schwäche innerhalb des Storytellings zu verschmerzen. Mit der Logik hat es der Film nun nicht wirklich so und ein sich damit einschleichendes, immer wiederkehrendes Muster vermag so manchem Zuschauer diese Suppe vielleicht etwas zu versalzen. Einerseits ist es typisch für die Gialloseite des Films, auf einen Mord noch weitere folgen zu lassen um den ersten weiter vertuschen zu können, doch hier wird nicht wirklich plausibel daraufhin gearbeitet, dass ganze nachvollziehbar zu erzählen. Die ersten Fährten sind aufgenommen und einer der ersten, weiteren Morde ist zwar noch zu verstehen, doch es ist wirklich sehr erstaunlich, dass der im Dorf umherschleichende Killer jeden Schritt von Silver vorherzusehen scheint. Denn kaum hat dieser eine Spur aufgenommen und könnte den Täter schon entlarven, schon wird dieser aus dem Hinterhalt erschossen. Obwohl Garkos Charakter so clever ist, scheint er irgendwie nicht so richtig auf diese Masche zu kommen. Zumal er hier immer wieder in die Fänge des Sheriffs, gut undurchsichtig von Luciano Catenacci verkörpert, gerät, da dieser Silver immer wieder auf dem Kieker hat. Er ist halt nicht ganz so gerne im Dorf gesehen.

Natürlich wird die Geschichte so gestreckt und gut in die Länge gezogen, um das ganze noch etwas spannender zu gestalten. Obwohl das ganze schon wirklich gutklassig und packend umgesetzt wurde, verscherzt man es sich hier ja schon fast wieder mit seinen Zuschauern. Die wenigsten dürften diese doch sehr ideenlose Abfolge tolerieren. Man kann aber gut ein Auge zudrücken, da der Film trotzdem noch genügend Spannung aufbauen kann. Einzig und allein zwei etwas längere Prügelpassagen sind und bleiben irritierend sowie unpassend. Vor allem da diese beinahe sinnlos in den Film eingebaut wurden und wohl der Versuch sind, leichte komödiantisch angehauchte Elemente des Films mit dem wortwörtlichen Dampfhammerklamauk der Spencer/Hill-Klamotten zu verbinden. Hier hätte Gicca Palli ruhig die Finger davon lassen können. Das hat der Film auch gar nicht nötig. Nichts gegen das schlagkräftige Duo, doch deren ungefährer Einfluss auf diese beiden Szenen hinterläßt einen kurz aufblitzenden, säuerlichen Nachgeschmack. Wenigstens versteht man es aber, dass ganze dann durch wiederum gelungene andere Szenerien zu versüßen. Gacci Palli ist ein solider Handwerker als Regisseur, hätte aber mal noch etwas mehr aus seinem Stoff herausholen können. Ohne Frage, 1000 Dollar Kopfgeld ist durch die Verbindung von Giallo und Western ohnehin schon ein außergewöhnlicher Beitrag für die staubigen Pferdeopern Italiens, Mit ein wenig mehr Würze wäre dies nicht nur ein kurzweiliger, gut mundender Snack sondern ein vorzüglich schmeckendes Westernmahl.

Auch manche Gialli vermögen es, einen gewissen Anspruch mit mondän-trivialer Leichtigkeit zu verbinden, dem Sarg der blutigen Rache gelingt dies nicht so ganz. Man stolpert etwas, kann sich im Straucheln aber doch noch fangen. Dafür macht auch der Giallo/Krimi/Western-Mix dann doch auch zuviel Spaß um die Mundwinkel allzu weit nach unten sinken zu lassen. Die optische und musiktechnische Klasse der Gialli kann er übrigens auch nicht wirklich erreichen. Die Einstiegssequenz ist gut gefilmt und überzeugt auch durch schöne Lichtspielereien, gibt sich dann allerdings doch recht bieder. So ist auch der Soundtrack, der sehr unspektakulär ausgefallen ist und an den man sich zum Ende hin kaum wirklich erinnern kann. Er tritt für die Geschichte in den Hintergrund, wenn man so möchte. Wäre auch gar nicht mal so schlimm, wenn diese eben noch etwas mehr Klasse beweisen könnte. Richtig arg möchte man an 1000 Dollar Kopfgeld auch nichts monieren. Für ein mal etwas anderes Italowestern-Erlebnis sorgt er ein für alle Mal und ist so ein Western, der zwar nicht für hohe Jubelsprünge sorgt, aber am Ende einen zufriedenen Gesichtsausdruck hinterläßt. Mit der richtigen Würze aus Ironie und einer stärker ausgearbeiteten Geschichte, die noch etwas mehr Abwechslung zugelassen hätte, wäre aber wirklich noch etwas mehr drin gewesen.



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Donnerstag, 5. August 2010

Ohne Dollar keinen Sarg

Dem gemeingefährlichen Banditen José Gomez steht der Transport in das Hochsicherheitsgefängnis nach Yuma bevor. Doch der schon einmal beinahe geflohene Ganove nutzt bei einer Rast an einem Hof die Gelegenheit und türmt durch die Hilfe einer hübschen Dame und seiner alten Kumpels abermals und richtet dabei die Gesetzeshüter aufs brutalste hin. Allerdings hat Gomez nicht die Rechnung mit Luke Chilson gemacht. Dieser ist ein entschlossen auftretender Kopfgeldjäger, der nur zu gerne die 3.000$, die auf Gomez ausgeschrieben sind, einstreichen würde. Bei dem Hinweis, dass eine junge Frau die Helferin war, fällt ihm Jean wieder ein, welche in einem fast verlassenen Nest einen Gasthof betreibt, wo er vor einigen Tagen schon einmal eingekehrt ist. Sein Gespür scheint ihn auch nicht zu trüben, doch die Leute auf dem Hof haben ein sehr verklärtes Bild von Gomez. So stößt Chilson auf breiteste Ablehnung und hat alle Hände voll zu tun, den gerissenen Verbrecher dingfest zu machen.

Auch wenn man es hier mit einem waschechten Italowestern zu tun hat, ist diese italienisch-spanische Co-Produktion im großen und ganzen hinter den Kulissen in den Händen der Iberer gewesen. Allen voran der 1925 geborene Regisseur Eugenio Martin, der hier - der besseren internationalen Vermarktung wegen - auch ab und zu unter dem Pseudonym Gene Martin genannt wird. Nach seinem Debüt Unter der Flagge der Freibeuter (1960) verweilte der Spanier im Abenteuer-Genre bis es ihn zu den Italowestern zog. Diese waren Mitte der 60er eben angesagt und der auch als The Bounty Killer bekannte Ohne Dollar keinen Sarg stellt den Einstand in das staubige Subgenre dar. Es folgten Requiem für Django (1968) den er zusammen mit José Luis Merino inszenierte sowie Drei Halleluja für vier heiße Colts (1972) und dem 1971 enstandenen Matalo (1971) den man allerdings nicht mit einem anderen, gleichnamigen Film der in Deutschland als Willkommen in der Hölle bekannt ist, verwechseln darf. Martins bekanntester Streifen dürfte der Horrorfilm Horror-Express (1974) mit den Stars Christopher Lee, Peter Cushing und Telly Savalas zählen. Martin machte noch den ein oder anderen Film, bis er sich Anfang der 80er sehr aus dem Geschäft zurück zog bevor er 1996 mit La sal de la vita einen weiteren Eintrag in seine Filmographie hinzufügte.

Neben Martins Einstand in das Italowestern-Genre war Ohne Dollar keinen Sarg dies auch für den gebürtig aus Kuba stammenden Mimen Tomas Milian. Der wandelbare Schauspieler ist es dann auch, der diesen Film trägt und übrigens im gleichen Jahr auch noch in Sollimas Klassiker Der Gehetzte der Sierra Madre brillierte. Auch wenn man diesen Begriff nicht überstrapazieren sollte, so könnte man ihn auch ruhigen Gewissens bei vorliegendem Werk benutzen. Von der ersten Minute an versteht es der Kubaner, seiner Figur eine gewisse Scheißegal-Attitüde zu implizieren, die sich ganz locker und gelassen gibt. Gomez ist allerdings auch eine allseits bekannte Zeichnung des Antagonisten. Nicht allein wegen der smarten Befreiungsaktion scheint er sich mehr als auf der sicheren Seite zu wähnen. Ein typischer Größenwahnsinn scheint ihn da zu befallen, so dass er seine üblen Pläne auf die leichte Schulter nimmt und es auch als selbstverständlich ansieht, einfach mal eine Bank zu überfallen. So rechtfertigt er sich auch bei den Bewohnern bzw. Besitzern des Gasthofes, auf dem er unterkommt. Er bezahlt sie und auch die Verpflegung und andere Dinge, die er und seine Kumpanen benötigen. Da reitet man mal eben über die nicht weit entfernte mexikanische Grenze und plündert eine Bank. Dies sei eine seiner leichtesten Übungen.

Das er trotz seines mehr als rüpelhaften Verhaltens von den Leuten dort geduldet wird, liegt auch an seiner Vergangenheit. Diese und gerade auch die weibliche Hauptfigur, die von Halina Zalewska dargestellte Jean, kennt Jose noch als armen Jungen, dem das Schicksal schrecklich mitgespielt hat. Da wird auch dessen Mord damit heruntergespielt, dass er schließlich von einem betrunkenen Yankee provoziert wurde. Das Bild ist verklärt doch die Ernüchterung kehrt mit der Ankunft Joses bei den dort Ansässigen ein. Schnell bemerkt man eine gewisse Skepsis unter den weiteren Figuren, einzig und allein Jean hält an ihrem Jose fest. Doch Tomas Milian legt eine schöne Leistung hin wenn es darum geht, zu zeigen, wie unschuldig er doch eigentlich ist. Da kommt ihm natürlich auch der Kopfgeldjäger Luke Chilson recht. Schon bei seinem ersten Auftritt auf dem Hof, der neben dem bergigen Umland übrigens die einzigste Location im gesamten Film ist, kommt er nicht gerade sympathisch rüber. Seine entschlossene Art ist sogar für den Zuschauer auf den ersten Blick sogar etwas nervig. Bei seinem zweiten Auftauchen hat er natürlich dann sämtliche Sympathien gegen sich, da ja noch das Bild des "armen" Jose-Büblein vorherrscht. Dies nutzt dann der Gesuchte gnadenlos auf und hetzt wo es nur geht gegen seinen Jäger. Dieser wird von Richard Wyler mit ziemlich stoischer Mine dargestellt. Bekannt wurde der Brite durch die TV-Serie Der Mann von Interpol bevor er dann in einigen Italowestern vor der Kamera stand. Sein limitiertes Spiel kommt ihm hier sogar noch etwas zu Gute, paßt es doch wirklich gut zu dem markigen Auftreten seiner Figur. Trotzdem bleibt er allerdings auch im Vergleich zu manchen Nebendarstellern eher schwach.

Schwach bleibt auch der Spannungsbogen von Ohne Dollar keinen Sarg, der nie so wirklich nach oben ausreißen will. Die Geschichte ist so schon recht interessant, schafft es allerdings nicht, dass der Funke richtig überspringen will. Der eher auf zünftige Action stehende Westernfreund schaut hier ohnehin in die Röhre, bis auf ein/zwei Szenen neben dem Finale gibt es so gut wie keine Schießereien zu begutachten. Das brutale Herrschen auf dem Gut nach dem Eintreffen von Joses Helfern ist simpel ausgedrückt allerdings auch nicht von schlechten Eltern. Gerade Chilson wird so manches Mal sehr übel mitgespielt. Der Film ist eher also ein psychisches wie teils auch physisches Duell zwischen Jäger und Gejagtem mit dramatischen Untertönen. Mit gemächlichem Tempo schildert er auch, wie sich die Verhältnisse zwischen den Hofbewohnern und dem Banditen-Obermufti langsam ändern und sich leichte Rebellion in deren Reihen gegen diesen bildet. Regisseur Martin gelingen so wirklich interessante Ansätze, allerdings schafft er es nicht, auch in den dialoglastigeren Szenen, den Zuschauer wirklich mitzureißen. Es bleibt eine gewisse Distanz da, auch wohl deswegen, dass wie beschrieben Protagonist Chilson irgendwo immer auch ein Unsympath bleibt. Nur zum Ende hin wendet sich langsam das Blatt und man fühlt etwas mehr mit ihm mit. Doch hier ist es leider schon etwas zu spät und kann den Film auch nicht mehr retten. Etwas mehr Pepp hätte da gut getan.

Potenzial hat der Film auch auf technischer Seite. Hinter der Kamera stand Enzo Barboni, der unter dem Pseudonym E. B. Clucher bei so einigen Terence Hill/Bud Spencer-Streifen auf dem Regiestuhl saß. Schon gleich zu Beginn zeigt uns Barboni, dass er auch ein durchaus fähiger Kameramann war. Die Kameraarbeit zeichnet sich hier durch einige gute, extreme Nahaufnahmen aus, die durch ihre Positionierung allerdings immer noch einiges an Dynamik und Plastizität mit sich bringt. So bietet Ohne Dollar keinen Sarg immerhin wirklich noch einige tolle Bilder. Dabei muss man sagen, dass auch hier das Niveau nicht komplett gehalten werden kann. Einige schöne Einstellungen und tolle Bilder zum Trotz pendelt man sich auch hier zum größten Teil auf (über-)durchschnittlicher Qualität ein. Gerade der etwas holprige und unrhythmische Schnitt ist es, der dem Film keinen großen Gefallen tut. Dieser trübt dann schon so manches Mal die Freude über so einige gelungene Einstellungen. Dafür kann allerdings Stelvio Cipriani mit einem recht gefälligen Score überzeugen. Zwar auch nicht seine beste Arbeit, aber keine große Qual für die Ohren, wenn man möchte. Das wiederkehrende Titelthema erweist sich dabei sogar als klitzekleiner Ohrwurm.

Möge man nun eine bekannte Redewendung als Urteil über Martins Werk bemühen, so kann man sagen, dass dieses weder Fisch noch Fleisch ist. Gerade das Spiel von Milian kann den Film vor dem Versinken in das teils undurchschaubare Italowestern-Mittelmaß noch etwas retten, allerdings die wohl von der heißen Wüstensonne geräderte Dynamik bleibt hier auf der Strecke und kriecht - um beim Genre und dessen Metaphorik zu bleiben - kraftlos im Staube. Hin und wieder bäumt sie sich auf, schafft es allerdings nicht, sich komplett wieder aufzuraffen. Schade möge man sagen, denn mit etwas mehr Finesse bei Eugenio Martin wäre hier noch etwas mehr drin gewesen. Da kommt auch das Finale dann etwas urplötzlich daher, obwohl man die Entwicklung natürlich - trotz gut gemeinter Ideen bleibt die Geschichte eben auch doch etwas vorhersehbar - zwischen Gomez, Chilson und Jean in manchen Teilen doch recht ansprechend umgesetzt hat. Potenzial ist vorhanden, man sollte auch durchaus mal einen kleinen oder sogar größeren Blick riskieren. Trotzdem bleibt der Film allerdings eher ein überdurchschnittlicher Italowestern, der einzig und allein von Milian und seinen teils schönen Einstellungen gerettet wird. Denn so manche tolle Idee in der Geschichte bleibt, gerade auch bei einigen Hintergründen der Nebenfiguren, leider auf der Strecke.
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Freitag, 30. Juli 2010

A Serbian Film

 Das Review könnte kleinere Spoiler enthalten!

Auch wenn sich Milos zur Ruhe gesetzt und nun mit Frau und Kind eine kleine, glückliche Familie hat: so richtig kann der ehemalige Pornodarsteller mit seiner Vergangenheit nicht abschließen. Das etwas wehmütige Betrachten der alten Werke in Kombination mit einer ausgiebigen Freundschaft zu einem gewissen Jack Daniels lassen ihn schon lange nicht mehr so frisch aussehen wie zu seinen besten Zeiten. Da trifft es sich gut, als sich bei ihm Laylah, eine ehemalige Filmpartnerin, meldet und ein durchaus attraktives Angebot unterbreitet. Es wäre ein letzter großer Film, eine große Sache, die von dem undurchsichtigen Regisseur Vukmir sehr geheimnisvoll aufgezogen wird. Zwar ist es Milos nicht geheuer, dass er nicht weiß, was überhaupt gedreht wird, dennoch geht er nach Rücksprache mit der Ehegattin auf das lukrative Angebot ein. Doch sein ungutes Gefühl scheint sich zu bewahrheiten: als er beim ersten Drehtag in einem Waisenhaus (!) körperliche Gewalt von Vukmirs Mitarbeitern gegenüber einer Darstellerin betrachtet und auch noch ein sehr junges Mädchen als Zuschauerin in den Dreh miteinbezogen wird, möchte er eigentlich wieder aus der Sache aussteigen. Auch wenn Marko, Milos Bruder der als Polizist arbeitet, nichts außergewöhnliches gegen Vukmir vorzuweisen hat, versucht sich der Darsteller mit allen Mitteln, gegen den immer wahnsinniger erscheinenden Regisseur und dessen Handlanger zu wehren. Doch aus der Spirale aus Irrsinn und Perversion gibt es kein so leichtes entrinnen.

Das wie in den 70ern das Kino bzw. Medium Film mal hier und da einen Skandal heraufbeschwören kann, gehört in der heutigen abgebrühten Zeit zu den eher seltenen Dingen. Im damaligen von Aufbruch beherrschten Jahrzehnt wehte eben auch durch die Filmkunst ein neuer Hauch, der mit dem alten Denken und seinen Werten brach und frischen Wind mit sich brachte. Dabei wirbelte dieser auch gehörig etwas auf, immerhin kann man die 70er als die größte Zeit der Skandalfilme ansehen. Da gab es den Letzten Tango in Paris (1972) von Bernardo Bertolucci, Andrzeij Zulawskis Nachtblende (1975) der Romy Schneider von einer völlig anderen Seite präsentierte, den japanischen Im Reich der Sinne (1976), die italiensichen Werke Das große Fressen (1973) oder auch natürlich der bis heute noch sehr umstrittene Die 120 Tage von Sodom (1975) von Pier Paolo Pasolini. Es gibt so einige Filme, die damals einen Aufschrei bei der Kritik und dem Publikum sorgten, aber auch eben letzteres um so häufiger in die Kinosäle trieb. Selbst eher weniger dem Autorenkino enstammenden Werke wie der heutige Horrorklassiker Der Exorzist (1973) war da für einen Skandal gut. Doch spätestens ab den 90ern und vor allem im jetzigen Jahrzehnt war es immer schwieriger, den Zuschauern und auch der Kritik Stoff für Diskussionen zu bieten. Es gab immer wieder grenzwertige Stoffe wie etwa Baise-Moi (2000), Irreversible (2002) oder Lars von Triers letztem Streich Antichrist (2009). Doch so richtige Skandale wurden fast gar nicht mehr entfacht.

Ausgerechnet aus dem auf der filmischen Landkarte eher noch blass erscheinenden Serbien kommt noch ein Werk in die Welt, über dass sich nun Leute im Internet schon die Finger wund tippen und wenigstens bildlich die Mäuler zerreißen. Ganz simpel lautet der Name des Films A Serbian Film. Unscheinbar im Titel, doch umso gräßlicher im gezeigten. Sehr interessant ist seit dem Einzug des Internets in der Welt des Filmliebhabers dass man so auch über Filme diskutieren kann, die man nicht mal gesehen hat. Es wird in einschlägigen Foren vorverurteilt und gestritten, bis der Arzt bzw. der Moderator kommt und auch mal wegen zu hitziger Wortgefechte die Threads dicht machen muss. Fakt ist, das Srpski film - so der Originaltitel - bisher nicht in den deutschsprachigen Raum verkauft wurde. Grund hierfür sind immens hohe Lizenzkosten sowie auch die durchaus rechtliche Unbequemlichkeit, die der Film so mancher Firma in seiner ungekürzten Fassung bescheren würde. Selbst österreichische Anbieter ungeschnittener Ultramettgutwerke haben bei diesem Film ob seiner Brisanz angeblich dankend abgelehnt. In der Tat ist es auch so, dass selbst für den abgebrühtesten Filmliebhaber dieses Werk eine kleine Prüfung darstellen könnte. Man muss aber hinzurechnen, dass hier gerade auch der Hype durch die vielen Diskussionen im Internet dem Film einen gewissen Ruf beschert hat. So könnte er zum Beispiel nach dem asiatischen Men Behind The Sun (1987) in den guten alten Videozeiten mit Sicherheit für einige Gorehounds der ultimative Test sein, was man an Filmen schon alles aushalten kann. Doch die sind mit Sicherheit schon solch plump-provokativen Sondermüll wie die August Underground-Werke gewöhnt.

Im Gegensatz dazu ist der von Srdjan Spasojevic realisierte Film alles andere als billig umgesetzt. Der Produktionsstandard des Werks ist sehr hoch und gut umgesetzt, so dass sein realistischer, teils sehr düsterer Stil die gezeigten Schockerszenen noch gut unterstreicht. Dabei ist das Wort "Schockerszenen" was A Serbian Film angeht, weitaus untertrieben. Man schafft es hier vielleicht sogar, wirklich die letzten Tabus zu brechen, die man innerhalb einr fiktiven, filmisch erzählten Geschichte, so überhaupt brechen kann. Nach der französischen Splatterdreifaltigkeit Frontier(s) (2007), Inside (2007) und gerade Martyrs (2008) muss man sich in diesem Fall aber auch die Frage stellen, ob Spasojevic einfach nur so "Just For Fun" sondern aus bewußtem Kalkül provozieren möchte oder dies eben seine ganz eigene, äußerst radikale Form von Unterhaltungskino (wobei man sich wirklich fragen muss, inwieweit das ganze noch Unterhaltung ist) in Kombination mit kritischen Elementen ist. Vergleicht man ganz lapidar die drei genannten Werke mit dieser ganz frischen "Skandalnudel", so ist man doch versucht, mit dem doch ebenfalls etwas reißerischen Vergleich anzukommen, dass die trotzdem schon sehr harten französischen Horrorwerke im Vergleich zu A Serbian Film locker als fluffige Nachmittagsunterhaltung für die ganze Familie durchgehen kann. Sie sehen im Gegensatz zu ihm irgendwie echt alt aus, auch wenn er nicht mal den Blutgehalt von Inside erreicht.

Neben den extrem heftigen (selbst dieses Wort scheint hier untertrieben zu sein) Gewalteruptionen ist vor allem eine Trostlosigkeit, die der Film versprüht und die wunderbar in der Figur des Milos eingefangen wird. Seine Vergangenheit verfolgt ihn und so richtig kann er sie auch nicht wirklich ablegen. Selbst wenn er es versucht. Sie ist omnipräsent und gerade mit dem Auftauchen seiner ehemaligen Partnerin Laylah ihn in einen Strudel aus Gewissenbissen stürzt. Der etwas wehmütige Blick auf die Sammlung seiner eigenen Filme auf DVD zeigt davon, dass er trotz neuem und behütetem Leben nicht ganz mit dem alten Sein abgeschlossen hat. Selbst im Ehebett betrachtet er seine Werke und der immer recht präsente Konsum von Whiskey zeigt, dass er damit vor allem bestehende Sorgen so gut es geht ertränken bzw. wegspülen möchte. Es kribbelt ihn, wenn dieses verkommene, unmoralische Mädchen wieder auftaucht und davon erzählt, wie Vukmir ihn so gerne als Darsteller für diese ganz besondere Art von Porno haben möchte. Doch trotz der vielen schäbigen Werke, in denen er zuletzt mitgewirkt hat, ist in Milos auch immer noch genug Moral und Anstand vorhanden, dass er die Visionen seines Regisseurs nicht einfach so teilen kann. Dieser ständig von der Kunst der Pornographie philosophierende Mensch wird übrigens wirklich brillant von Sergej Trifunovic dargestellt. Ihn umhaucht so etwas wie eine ganz besondere, faszinierende Aura, auch wenn man eigentlich in seinem tiefsten Inneren weiß, dass von ihm nichts gutes ausgeht. In den intensivsten Szenen läßt Regisseur Spasojevic Vukmir durch geschickte Kameraeinstellungen schon beinahe diabolisch aussehen. Er erinnert dabei mit seinem glühenden Blick, einem bösartigen Lächeln und gerade auch durch sein Äußeres mit Vollbart, zurückgegeltem Haar und feinem Zwirn so ein klein wenig an De Niros Luis Cyphre in Angel Heart (1987). Mit dem Unterschied, dass es A Serbian Film jegliche übernatürliche bzw. phantastische Note fehlt.

Hier regiert der blanke, schonungslose Realismus. Harte, ungeschönte Bilder treffen den Zuschauer ins Mark und werden von einem industriallastigen, elektronischen Soundtrack untermalt. Diese dadurch entstehende Kälte schafft es aber trotzdem, ein gutes Stück an Atmosphäre zu transportieren. Der Film ist vor allem eines: schonungslos offen. Der Anfang präsentiert eine Szene aus einem der vielen "Wichsvorlagen", in denen Milos agiert hat und auch durch seine Handlung ist Sexualität in all ihren Formen omnipräsent. Man könnte hier nun A Serbian Film als eine unbequeme Melange aus Sex und roher Gewalt abstempeln, einem Streifen, der einfach nur für ein Publikum gemacht wurde, dass auf genau sowas anspringt und dieses abfeiert. Er hinterläßt aber einen gewissen Zwiespalt. Denn wie bei seinem Protagonisten Vukmir so bleiben auch die genauen Absichten von Spasojevic irgendwie im Dunkeln. Man spürt, dass dies irgendwie mehr als nur der neuerliche Versuch eines absoluten, ultimativen Schockers ist. Der Umgang mit Sexualität im Film ist eine rohe, animalische Art die sehr gut aufzeigen kann, wie überreizt der Mensch mit Sex und Co. gerade mit dem Umgang der heutigen Medien damit ist. Als bezeichnend kann man hier eine Szene nennen, die Milos bei Flucht vor den Schergen des Regisseurs in einen kleinen Laden treibt. Durch einen Drogencocktail mitgenommen, taumelt er eher durch den Laden und wenn die Kamera Milos darstellt und der Zuschauer die Umgebung so wie dieser wahrnimmt, gibt es eine schöne Einstellung, die sich immer wieder durch einschlägige Männermagazine windet. Man wird benommen, betäubt und weiß nicht wirklich mehr, wie Sexualität überhaupt mal so richtig funktioniert hat. Die Trennung zwischen Beruf, reinem Trieb und dem Gefühl wird auch sehr stark deutlich, als Milos seiner Frau zeigt, wie er mit seinen damaligen Kolleginnen umgesprungen ist. Die starke Aufeinanderfolge zwischen gewaltsamen Nehmen seiner Ehegattin und dem innigen, zärtlichen Liebesspiel ist eine starke Sequenz. Genauso stark und intensiv wie der Rest des Films.

Allerdings werden da nicht so sehr Grenzen gesprengt, wie im späteren Verlauf. Zwar kratzt A Serbian Film irgendwo auch an der auch nicht mehr so frischen Torture- und Snuff-Thematik, hat allerdings auch noch genügend Eigenständigkeit aufzuweisen. Immer wieder fallen auch die starken Bezüge auf das Enstehungsland auf. So vergleicht gerade Vukmir in seinen wahnhaften Monologen die Siuation zwischen dem heutigen Leben und der Pornographie immer auch mit Serbien. Ist dies also Spasojevics Umgang und Abhandlung der (jüngeren) Geschichte seines Heimatlandes? Ist dies Konstrukt der Familie von Milos sowas wie die Zukunft Serbiens, die im Zusammenhang mit der Geschichte als Aussichtslos gedeutet werden kann? Wenn ja, so zeichnet der Regisseur ein sehr hoffnungsloses Bild. Bis auf Milos' Frau und seinen Sohn Petar sind die Figuren gezeichnet von ihrer Vergangenheit oder ihren Dämonen. Es wird auch (leider) sehr kurz auf eine gewisse Vergangenheit Milos' zu Zeiten des Bürgerkriegs eingegangen, allerdings nicht weiter beleuchtet. Spasojevic kratzt hier und da an der Oberfläche, traut sich allerdings nicht, dies dann zu vertiefen. Unausgegoren möchte man das nennen, immerhin drückt er uns dann in den Gewaltszenen ganz tief mit seinen schmutzigen Fingern in die offene Wunde und schüttet dann hinterher - um die Metapher noch weiter auszureizen - Salz hinein. Der Film ist wirklich unbequem und ganz zart besaiteten ein wirklich sehr flaues Gefühl im Magen bereiten. Wie angesprochen, gibt es hier nicht erwartete Tabubrüche, die bestimmt auch weiterhin zu einigen Kontroversen führen dürfen.

So ist es dann auch, dass das Gesamtwerk nach Genuss dann doch äußerst schwer im Magen liegen bleibt. Man kann ihm aber keine billige Machart vorwerfen. Der Produktionsstandard ist wie erwähnt äußerst hoch, und kann durch eine moderne Montagetechnik und gut eingefangene, sehr dunkle und zuteils äußerst surreal anmutende Bilder bestechen. Auch die mimische Seite ist mehr als nur solide. So ist auch Srdjan Todorovic als Milos mehr als nur überzeugend. In seinen Versuchen, sich wieder an die Geschehnisse rund um den Pornodreh zu erinnern, zeigt er sein Können. Sein sehr abgehalftertes und verzweifeltes Auftreten im Gegensatz zu früheren Tagen - manche Szenen aus seinen Filmen präsentieren ihn als strahlenden und wortwörtlich standhaften "Helden - ist wirklich sehr gut herausgearbeitet. Er präsentiert sich teils wie ohnmächtig und das aufbäumen und wehren gegen Vukmir und Kumpanen sind das Ergebnis der Konzentration seiner letzten Kräfte. Stellt also Milos auch so etwas wie die guten Werte Serbiens dar, auch wenn die Vergangenheit irgendwo "schmutzig" ist und der Antagonist in dieser Geschichte die neuen, bösen Seiten? Doch selbst hier zeigt er keine schöne Zukunft. Fragen kommen auf, bleiben allerdings leider sehr vage und unbeantwortet. Aber dieser Gegensatz zwischen dunklem, hintersinnigem Thriller und ultrabrutalem Schocker ist zu grob, zu groß. Es bleibt einfach ein gewisser Zwiespalt erhalten, der den Film fast ungoutierbar werden läßt. Der Freund grober, filmischer Gewaltphantasien mag in seiner Vorstellung beim Lesen von diversen, ersten Reviews sich freudig die Hände reiben. Dem Cineast dürfte es trotz guter Ansätze doch etwas zu plump und roh erscheinen.

Es ist ein wilder Film, der auf jeden Fall eines ist: unbequem. Aufsehen erregt Spasojevic auf jeden Fall mit seinem Debütwerk. Wenn er auch nur das gewollt hat: Bravissimo, es ist ihm so gut wie schon lange keinem anderen Regisseur gelungen! Er schuf hier ein extremes Werk, der auf dem schmalen Grat zwischen Grenzwertigkeit und hintersinnigem, kritischen Thriller mit extrem viel Potenzial wandert. Eine genaue Bewertung scheint da teilweise gar nicht möglich, so schockierend erscheint er in manchen Szenen die auch hinterher noch etwas nach dem Genuss so eines Werkes mitschwingen. Es ist nicht nur ein weiterer Schocker, doch die letzte Konsequenz, auch außerhalb der brachialen Szenen mit einer genau so schmerzenden Unbequemheit den Zuschauer auch mit kritischen Untertönen zu konfrontieren, scheut man sich leider doch noch etwas. Obwohl A Serbian Film so viel Staub aufwirbelt. Und das auf mehreren Ebenen. Egal ob es nun eine sehr verquerte Aufarbeitung der serbischen Geschichte ist oder die Entfremdung des Menschen was Gewalt und Sexualität angeht aufzeigen will: hier gibt es zu wenig konkret zuzuordnende Szenen. Viel Ansätze, die sich irgendwo im Nichts aus Blut, Gewalt und Schock verlieren. Aber auch so nachhaltig einen gewaltigen Eindruck hinterläßt. So gewaltig, dass man am Ende wirklich eines sagen kann: Der Film ist ein Skandal. Man kann hinterher vor allem so einige Kraftausdrücke in die Richtung des Regisseurs schicken. Vor allem ist er trotz der so abgestumpften Zeitgenossen und Welt - die er so mit all seinen kranken Sequenzen vielleicht auch anprangern möchte - dazu in der Lage, diese mal wieder aufzurütteln.
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Sonntag, 4. Juli 2010

I'll Never Die Alone

Die Freundinnen Carol, Leonor, Yasmine und Moira befinden sich mit dem Auto auf einem Trip zu einem nicht näher genannten Ziel durch das argentinische Hinterland. Die Fahrt verläuft ruhig, bis sie am Wegesrand ein schwer verletztes Mädchen liegen sehen. Noch während man überlegt, wie man nun weiterverfährt fallen Schüsse und in der Ferne bemerkt das Quartett drei Männer, die nicht gerade wohlgesonnen aussehen sowie mit Sicherheit etwas mit dem Schicksal der Verletzten zu tun haben. Man nimmt sich dieser an, schleppt sie zum Auto und flieht vor den Fremden in die nächste Stadt und zum Polizeirevier. Nachdem man dort die üblichen Formalitäten hat über sich ergehen lassen, ist die Weiterreise alles andere als ruhig. Die fremden Männer machen Jagd auf die Frauen, bringen diese in ihre Gewalt und Missbrauchen sie aufs Fürchterlichste. Man gibt sich allerdings all zu selbstsicher. Alsbald folgt bei den misshandelten Freundinnen auf den Schock die pure Wut auf ihre Peiniger und beginnen, sich an diesen zu rächen.

Das Feld des schmierigen B- bzw. Exploitationfilms hat während der Zeit schon einige unbequeme und vor allem kontroverse Strömungen hervorgebracht, die auch heute noch bei Fans des Genrefilms zu angeregten, wenn nicht sogar hitzigen Diskussionen führt. Ganz gleich ob folternde Nazis, Kannibalenhappenings im tiefsten Dschungel oder die ultrabrutalen, asiatischen Sickos: jedes Subgenre hat sowohl Freunde als auch Gegner. Zu den eher kontroversen Subgenres gehört auch das Feld des Rape and Revenge-Films, initiert durch Wes Cravens Last House On The Left (1972) welches vor einiger Zeit sogar mit einem frischen Hollywood-Remake "geehrt" wurde. Durch dessen Erfolg beflügelt, folgten sowohl aus den USA als auch aus dem europäischen Raum einige ähnlich geartete Filme. Diese besitzen ein gleichbleibendes, einfachstes Muster: unschuldige weibliche Wesen gelangen in die Gewalt brutalster Bestien in Männergestalt und werden nachdem sie vergewaltigt, verprügelt oder andersweitig Misshandelt werden zu Racheengeln um sich an den Tätern zu rächen. Sofern sie es denn überleben, im Falle vom angesprochenen Last House On The Left rächen sich die Eltern am Tod ihrer Tochter.

Glanzzeit dieser Strömung waren die 70er und bis in die Anfänge der 80er Jahre wurde immer wieder mal so ein Rape'n'Revenge-Flick unter das geifernde Volk geworfen. Mit dem 1980 entstandenen Muttertag wurde der Höhepunkt erreicht und hinterher wurde es deutlich ruhiger in dem Genre. Doch bis zum heutigen Tag erinnert man sich hier und da immer wieder an solche heftigen Werke wie I Spit On Your Grave (1978) oder dem italienischen Mädchen in den Krallen teuflicher Bestien (1975). Der ziemlich frischste Eintrag dürfte dabei I'll Never Die Alone sein, einem Film mit ziemlichen Exotenstatus, kommt es doch nicht alle Tage vor, dass aus Argentinien eine in der Tradition alter Exploitationklopper stehende Produktion auf den Zuschauer losgelassen wird. Wobei man sich hier weitaus weniger schmuddelig gibt als die großen Vorbilder. Trotz dass es sich hier um eine Independent-Produktion handelt, kann diese überraschend gut mit einer gewissen Eigenständigkeit und sehr sorgfältigen Inszenierung punkten.

Verantwortlich dafür zeigt sich der in Spanien geborene Adrián García Bogliano, der schon seit den ausgehenden 90ern auf den Pfaden des Filmemachens wandelt. Dabei zeigt Bogliano auch bei diesem Film, welch Gespür er doch hat, auch aus eher wenigen Mitteln ein durchaus ansprechendes Werk zu inszenieren. Gerade den für einige Filme weniger dienlichen spröden digitalen Look weiß er wirklich ausgezeichnet für seine Zwecke zu nutzen. I'll Never Die Alone lebt vor allem durch seine helle Farbgebung und einem dadurch blassen Bild, dass trotz wenig aufkommender Atmosphäre alles andere als ein Fehler ist. Hier paßt es wunderbar zur gesamten Art, wie sich der im Original betitelte No Morire Sola präsentiert. Der Film gibt sich so sehr nüchtern, bietet fast schon einen dokumentarischen Stil, der auch durch einige extreme Nahaufnahmen der Kamera untermauert wird. Diese klebt förmlich an den Gesichtern der vier Protagonistinnen. Allerdings darf man hier keinen modernen "Wackelkamera"-Film erwarten. Dafür ist er in seiner Art viel zu ruhig. Auch wenn die Wortwahl für so eine Art von Streifen unpassend erscheint: I'll Never Die Alone bietet eine sehr ruhige, meditative Stimmung.

Sehr unaufgeregt wird die Geschichte voran getrieben und kommt dabei auch recht zügig zur Sache. Schon bald finden die vier Freundinnen das Mädchen und wenn dann die ersten Schüsse fallen, ist man mitten drin im Geschehen. Selbst hier bleibt der Stil sehr ruhig und gelassen. Action ist gegeben, allerdings ohne große Adrenalinschübe. Hier erzeugt Bogliano eine sehr feine Eindringlichkeit. Am intensivsten wird Bogliano, wenn seine vier Heldinnen in die Fänge ihrer Peiniger geraten. Schon durch die minimalistische Inszenierung in Meir Zarchis I Spit On Your Grave wird das Geschehen um den Missbrauch und die Vergewaltigungen zu einem äußerst unangenehmen Ding für den Zuschauer. Auch Bogliano verfolgt diesen Weg. Keine zusätzliche Lichtquelle und kaum Musik werden in diesen Szenen benutzt. Allerdings wird der Ton durch diverse Effekte verzerrt, um einen noch stärkeren Effekt der Gräueltaten zu erzielen. Dadurch, dass auch hier die Kamera auf den Gesichtern der Frauen klebt und man so deren Leid und Verzweiflung sehr deutlich mitverfolgen kann, wird I'll Never Die Alone zu einem alles andere als leicht verdaulichem Werk. Die Gewalt wird schonungslos gezeigt und trotz dass es sich auch hier um einen Exploitationstreifen handelt, kann man eigentlich nicht davon reden, dass diese selbstzweckhaft eingesetzt wird. Es wird nicht immer schonungslos auf das Geschehen draufgehalten. Umstände des wohl eher bescheidenen Budgets. Die Mischung aus Gewaltausbrüchen vor der Kamera und dem einsetzenden Kopfkino funktioniert wirklich gut.

Problem: die Beweggründe der Männer bleiben im Dunkeln. Es gibt keine großen Anhaltspunkte, weswegen sie überhaupt ihre Zeit damit verbringen, wehrlose Frauen zu missbrauchen, zu vergewaltigen und zu töten. Hier bleibt das Buch etwas dünn und versteift sich auf die Schilderung der Wandlung der Opfer zu Tätern und dem Rachethema. So kann man sich durch die doch recht zügige Vorantreibung der Geschichte auch nicht wirklich eine Identifikationsfigur innerhalb des Quartetts ausmachen. Es bleiben Opfer, deren Leid man zwar nicht gänzlich an sich vorüber ziehen lassen kann, dafür hat Bogliano die Szenen des Missbrauchs wirklich intensiv umgesetzt, doch man wird nicht so wirklich gepackt. Dies zeigt sich vor allem daran, wenn die Geschichte umschwenkt und die Täter zu den Opfern werden. Die Rache und die Wut der gequälten Frauen explodiert nicht mit so einer Intensität wie in den alten Vorbildern. Auch wenn man hier äußert unschönes bewundern darf, so bleibt man irritiert unberührt von den Bildern. Trotzdem vermag der Film weiterhin den Zuschauer bei der Stange zu halten. Denn so einen äußerst ruhigen Rachethriller hat man schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Es ist ein stimmiger Film, dem mit dem "Exotenstatus" Argentinien als Herkunftsland einmal ausgeblendet, immer noch genügend Eigenständigkeit und vor allem Können der Macher bleibt. Auch das mimische Verhalten weiß zu überzeugen, gerade bei den Protagonistinnen. Die im Film vorkommenden Männer bleiben - noch mehr als die Frauen - blass und haben keinerlei charakterliche Zeichnung geschenkt bekommen. Sie wirken wie unmenschliche Bestien. I'll Never Die Alone konzentriert sich auf den leichten Thrill, der trotz der gewissen Distanziertheit zum Geschehen doch aufkommen kann. Es scheint aber auch ein Kniff zu sein, um so die Frauen gerade bei ihrer Rachetour als stärker gegenüber den Phallusträgern darzustellen. So benutzen diese auch gerne mal ihre Knarren während des Missbrauchs als verlängertes Geschlechtsorgan. Gewalt scheint hier ausschließlich männlichen Geschlechts zu sein. Emanzipiert gibt man sich verhalten, doch wenn gegen Ende die blanke Wut einer der gequälten Frauen über die Todesangst siegt und sie ihrem Peiniger mit wahnsinnigem Blick Paroli bietet, so ist dies bezeichnend. Man könnte sich fürwahr an der dünnen Story stören, doch ist man dies schon von anderen Rape and Revenge-Werken aus der Vergangenheit gewöhnt. Dafür bietet der Film viele andere Qualitäten. Seine langen Einstellungen, die intensiven Aufnahmen der Gesichter und seine Schonungslosigkeit zeugt von Talent und Gespür. Selbst, wenn der Stoff unverkennbar aus der Exploitationecke kommt. Er mag für den Freund gepflegter Hirn aus-Kost zu langatmig erscheinen. Doch wer sich darauf einläßt, bekommt einen guten Rachethriller dem es an der Distanziertheit zu den Figuren krankt. Wäre der Film etwas mitreißender gestaltet, so wäre der gute Gesamteindruck noch steigerbarer.
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Sonntag, 23. Mai 2010

No Reason

Jäh wird Jennifer aus ihrem bisher unscheinbaren und gut verlaufenden Lebensumständen gerissen. Die bald mit dem geliebten Gatten vor einem Umzug stehende junge Mutter erlebt dabei einen alles andere als normalen Tag: Sie erhält neben befremdlichen Besuchen ihrer baldigen Ex-Nachbarn und eines Postboten mit dringendem Bedürfnis. Nach einem Einkauf ist ihre ältere Nachbarin, die auf ihren Sohn Niko aufgepaßt hat spurlos verschwunden und dem Abschiedsgedicht einer anderen Hausbewohnerin sind Bilder beigefügt, die Jennifers Mann Sebastian beim Liebesspiel mit eben jener Hausgenossin zeigen. Um den ersten Schock zu überwinden, nimmt sie ein Bad und schläft in der Wanne ein. Als sie wieder aufwacht, befindet sie sich nackt auf dem Boden ihrer Wohnung, der über und über mit Blut und Leichenteilen bedeckt ist. Verantwortlich zeigt sich dafür ein geheimnisvoller, maskierter Mann der Jennifer durch eine ganz eigenwillige Philosophie zum rechten Weg und ins "weiße Licht" führen will. Dabei muss die junge Frau schreckliche Bilder und einiges an psychischer wie physischer Folter über sich ergehen lassen.

Deutschland ist auf der Filmlandkarte für phantastischen Stoff über die Jahre hinweg ein eher weißer Fleck geblieben. Es gibt kaum ernstzunehmende und erwähnenswerte Produktionen großer, hiesiger Filmstudios aus den letzten Jahren. Mal ganz neue Mainstream-Produktionen wie die Resident Evil-Reihe die mit deutschen Geldern mitproduziert wurde, außen vor gelassen. Der Fan des härteren Horrorfilms hat hier meist schon immer das nachsehen gehabt. Außer, wenn er dann mal selbst zur Kamera greift und mit Freunden und vielleicht sogar Verwandten selbst seinen großen Vorbildern nacheifert und in alten Schuppen, Garagen und natürlich im Wald seine Version von bekannten Versatzstücken der Phantastik zu einem Film zusammenwirft. Der sogenannte Amateurfilm erfreut sich dabei schon seit ebenfalls mehr als 25 Jahren im Horrorfandom einiger Beliebtheit. Zum germanischen Splatterpapst hat man dabei den in Fürstenfeldbruck geborenen Olaf Ittenbach erhoben. Dieser schuf 1989 mit Black Past seinen ersten Horrorstreifen und vergrößerte über die Jahre hinweg nicht nur den eigenen Standard was seine eigens produzierten Filme anging, sondern auch den Blutgehalt.

So müsste eigentlich jeder, der sich "Gorehound" nennt und was für derben Blut- und Gekrösemischmasch übrig hat, fast schon einen Schrein für "Itti", wie Ittenbach teils von seinen Fans genannt wird, aufgebaut haben. Immerhin hat auch der neue deutsche Trashgott Uwe Boll für seinen Bloodrayne auf die Dienste des gelernten Zahntechnikers zurückgegriffen. Ittenbach war dabei schon immer polarisierend und bestes Beispiel für die eher dem niveauvolleren Horrorfilm zugeneigten Fans, wie man Filme eben nicht macht. Mit seinem zweiten Film Burning Moon erregte der Nachwuchsregisseur jedenfalls auch die Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft, die ihm u. a. fast sämtliche Masterbänder beschlagnahmten. Im wohligen Bayern darf man eben keine bösen Filme drehen. Doch er lies sich nicht beirren, schaffte es für seinen Premutos eine gut fünfstellige Summe für die Produktionskosten zu verbrauchen und legte die Messlatte für andere, auch mittlerweile durch ihn selbst inspirierte Hobbyfilme deutlich höher. Mit seinem From Dusk Till Dawn-Verschnitt Legion of the Dead trieb es ihn sogar zum ersten Mal in die USA, während dabei seine Filme immer mehr einen eher semiprofessionellen, anstelle eines amateurhaften Look bekamen. Doch nach Dard Divorce und der reichlich geschmacklosen Satire Familienradgeber (sic) kamen Gerüchte auf, dass es finanzielle Probleme beim Liebling der Ultrasplatterfans gäbe. Dies führte soweit, dass er seinen Rücktritt vom Filmemachen bekanntgab und sich nur noch auf das Produzieren von Spezialeffekten konzentrieren wolle. Doch dank eben seiner Fans, beglückt Ittenbach uns nun doch noch weiter mit Filmen. Neben dem angekündigten und erwarteten Legend of Hell ist der nächste Eintrag in seine Filmographie No Reason.

Anders als die von übermütigen Teens mit Drang zum Ausprobieren äußerst wiederwärtiger und doch immer als einfach zu entlarfenden Special Effekts schlicht sich über die Jahre hinweg bei den Werken von Ittenbach ein gewisser, hoher Standard ein. Doch irgendwie scheint er noch ein wenig zu sehr gebeutelt vom Trouble der letzten Zeit zu sein. In Zeiten, in denen sich die Independent- und Amateurfilmer Deutschlands immer besser vernetzen, organisieren und auch einige mehr, mal weniger ansprechende Werke hinbekommen, sieht man Ittenbach nach dem Genuss seines neuesten Werks angeschlagen in den Seilen des Boxrings hängen. Und während er da so hängt, zählt der Ringrichter eiskalt bis 8. Und sollte der eben erwähnte Legend of Hell nicht ein Glücksgriff und letztes Aufbäumen des einstigen, fast allein stehenden "Splattermeisters" aus Deutschland, sein, so ist dies definitiv das KO für Ittenbach. Ein großer Geschichtenerzähler war er noch nie und wird es auch nie sein. Ein Aspekt, den vor allem immer wieder gerne seine Kritiker rauskramen, wenn es um sein Schaffen geht. Ansatzweise schafft er es ja doch, was vor allem sein bis dato bestes Werk Beyond the Limits oder auch noch Chain Reaction beweißen. Trotz ihrer Einfachheit können die beiden Filme durch eine für die eher verhaltenen Produktionskosten dennoch immens gute Ausstattung und Umsetzung punkten. Es sind eben simple Werke ohne große Botschaft, die darauf aus sind, die Zielgruppe mit möglichst vielen und derben Effekten zu bespaßen. Das kann durchaus funktionieren und wird in diesen Filmen auch recht stimmig eingefangen.

Doch bei No Reason bleibt Ittenbach einem alles schuldig, was man bisher als positiv an seinen Werken gefunden hat. Vor allem macht er den Fehler, eine pseudo-tiefgreifende Geschichte zu erzählen, die alsbald vor allem durch unfreiwillige Komik deutlich punkten kann. Schnell mutiert der Film zu "Ittenbachs kleiner Farbenlehre", wenn Protagonistin Jennifer splitterfasernackt in der Wohnung erwacht und eine Einblendung bedeutungsschwanger etwas von "Ebene 1" und "Level: Rot" verkündet. Vier an der Zahl gibt es in dem Film. Neben Rot wird der Zuschauer und natürlich auch Jennifer durch grüne, blaue und zuletzt gelbe Ebenen gehetzt. Damit es auch die letzte, unterbelichtete Splatternase mitbekommt, werden diese Sequenzen durch Farbfilter in der entsprechenden Kolorierung eingesetzt. Ein "schlauer" Schachzug von Ittenbach, auch um so etwas Atmosphäre aufzubauen. Es bleibt allerdings bei dem Versuch. Denn sowas stellt sich durch den stetig beiwohnenden, sterilen (digitalen) Videolook nicht wirklich ein. Obwohl er sowas im Ansatz, siehe noch einmal Beyond the Limits, durchaus hinbekommen kann. Bemührt wirkt Ittenbach, hier eine Geschichte aufzubauen um das Grauen in das Leben seiner Hauptdarstellerin schleichen zu lassen. Die Begegnung mit den Nachbaren kann man dabei schon als erste Vorboten, dass etwas nicht stimmt, ruhig lassen. Doch alleine schon der Postbote mit seinem dringenden Bedürfnis, dem er sehr penetrant im Bad von Jennifer nachkommen möchte, entbehrt jeglicher Logik und Sinnhaftigkeit. Zeitschinderei kommt einem da in den Sinn, damit der mit 73 Minuten ohnehin schon recht kurze Filme noch etwas an Länge gewinnt.

Und so darf man sich dann im weiteren Verlauf der Story an allerlei Schmarrn, wie man in Bayern ja so schön sagt, der vollkommen Sinn- und Verstandfrei eingefügt wurde, ergötzen. Ja, man fragt sich wie Jennifer ebenfalls nach dem Warum. Das es einem dabei verdammt schwer fällt, war sogar eine Intention Ittenbachs, doch mit fortlaufender Zeit erhält die Frage einen leidenden Unterton. So fragt man sich schon, wieso Jennifer aus einem Buch über Fahrenlehre vorlesen muss, sich dabei immer wieder Videos - gedreht vom maskierten Philosophen - in denen ihre Nachbarn und andere Personen das Leben aushauchen anschauen. Wenn denn nun der wohl solchen Figuren wie Jigsaw nachempfundene Herr mit verstellter Stimme verheißungsvoll "Starte deinen Media Player" befiehlt, so ist jegliche Stimmung schnell flöten, hört sich dies doch eher wie ein schlechtes Windows-Tutorial mit heißerer Sprachausgabe an. Doch nicht nur Saw und Co. scheinen etwas Inspiration für Ittenbach gewesen zu sein. Betrachtet man nur mal die Maske des Killers, Lehrers oder wie man ihn auch immer nennen soll, so fallen einem vor allem einige Geschichten des Autoren H. P. Lovecraft ein. Die am Kinn befestigten Gummitentakel erinnern an die bekanntesten Illustrationen bzw. Darstellungen von Lovecrafts großer Gottheit Cthulhu. Zudem erinnern auch einige Kreaturen, die man während der grünen Ebene zu Gesicht bekommt, in ihrem Aussehen deutlich an die Gespinste des Mannes aus Providence. Eigene Ideen scheinen sowieso eher Mangelware gewesen zu sein. Immer wieder fühlt man sich bei No Reason an eine große Zitateshow erinnert, bei der man sogar bei einigen Effekten an bekannte Filme wie Hellraiser zum Beispiel denken muss. Zur Verteidigung Ittenbachs könnte man nun sagen, dass er doch besser gut geklaut als schlecht erfunden habe, aber Fehlanzeige. Wenn No Reason etwas ist, dann stückhaftig.

Die verschiedenen Ebenen, in denen die Protagonistin auf der Suche nach ihrem geliebten Sohn und der Erlösung und der Zuschauer nach dem Sinn des ganzen ist, sind ein Versuch die flache Story durch nonlineares Storytelling künstlich aufzublähen. Falsche Fährten will der gute "Itti" legen, doch dises sind schon so alt, dass sie meterweit gegen den Wind stinken. Das esoterisch angehauchte Geschwurbel um Erlösung, dem weißen Licht und das bringen auf den rechten Weg ist dabei nicht gerade zuträglich. Hätte man nun Talent, Monologe bedeutungsschwanger und mit Tiefe zu versehen, wäre dies sogar ein Pluspunkt. Doch man verhaspelt sich in hanebüchenen Zeilen, bei denen viel mehr immer wieder von Farbmischungen gesprochen wird, die entweder Weiß oder Schwarz ergeben. Selbst der Versuch, die Geschichte durch einen Twist eine ganz andere Richtung zu geben, damit auch der Anfang zur restlichen Story paßt, ist ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Alles als eine Illusion der Protagonisten darzustellen, die in einer Art Traumwelt lebt, mag an anderer Stelle funktionieren. Bei No Reason versagt sie aber. Selbst was die blutrünstigen Effekte angeht, immer eine Bank bei seinen Filmen, versagt Ittenbach. Es gibt zwar einiges an herben Szenen und Liter um Liter Kunstblut zu bewundern, doch im Matsch der Farbfilterei gehen diese die meiste Zeit unter und versagen in ihrer eventuell angedachten Schockerwirkung. Der für so manchen kranken Einfall gute Ittenbach gibt sich erstaunlich ideenarm, was das individuelle Aushauchen von Lebenslichtern angeht.

Und spätestens, wenn man in der grünen Ebene, welche in etwa einer zehn mal krasseren Version eines Fetischclubs gleich kommt, in einem kurzen Cameo Ittenbach selbst sieht, wie er von zwei Dominas ausgepeitscht wird, ist man versucht, dies mit ihm auch zu tun. Für die unendlichen Qualen, die nicht etwa seine Protagonistin, sondern der Zuschauer für so einen Kokolores erleiden muss. Wenigstens gibt sich Irene Holzfurtner einige Mühe, die leidende Jennifer so gut wie möglich darzustellen. Mal gelingt es ihr mehr, mal weniger. Die fürsorgliche Mutter vom Anfang würde allerdings so manchen Hosenmatz sowieso weg von seiner Mama in die Flucht schlagen. Selbst der Timo Rose-Stammdarsteller Andreas Pape kann in seiner ohnehin recht kleinen Rolle nicht wirklich überzeugen. Der Rest des Casts paßt sich dabei dann dem knapp über Normalnull liegendem Niveau des schauspielerischen Talents an. Geradezu hölzern agiert hier Mathias Engel als Jennifers Gatte. Richtig bizarr wird es, wenn am Schluß der als Lionel bekannte Hauptdarsteller Peter Jacksons Splatterkomödie Braindead einen Pathologen gibt und sichtlich mit Mühen seinen deutschen Text runterleiert. Wenn man sich No Reason so anschaut, dann kann man auch davon ausgehen, dass selbst der größte Ittenbach-Fan mit Sorgenfalten den Film zur Kenntnis bringt. Nach den für seine Verhältnisse bekannten Standards, scheint er jetzt einige kleinere Brötchen zu backen, was man auch an den billigen Locations merkt. Hiermit nähert er sich den Leuten und deren Produktionsmethoden an, die einst auch durch ihn inspiriert mit dem Filmen angefangen haben. Und nach so einem Totalausfall wie No Reason scheinen diese Ittenbach sogar wohl bald überholt zu haben.
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Freitag, 14. Mai 2010

Die Viper

Die Straßen Roms sind zu gefährlichen Pflastern geworden, in denen selbst solche Polizisten wie Lenny Ferro an ihre Grenzen stoßen. Auch wenn er ein Vollblutbulle ist, der immer zur rechten Zeit am rechten Ort ist um Mord, Raub oder Vergewaltigungen zu vereiteln: die gefaßten Gangster muss er durch Lücken im Gesetz oder ausgefuchsten Anwälten bald schnell wieder laufen lassen. Vollkommen rot sieht er, als er auf den buckligen Moretto trifft. Dieser scheint wie der von Ferro ebenfalls schon lange gejagte Ganove Ferando mehr Dreck am Stecken zu haben, als zuerst ersichtlich ist. Selbst als er wegen seinen überharten Methoden von seinem Vorgesetzten zum Bürodienst verdonnert wird, schafft es Ferro immer wieder, trotzdem auf den Straßen Roms die Ordnung wieder herzustellen. Erst recht, als auch noch seine Liebschaft, die Psychologin Anna, entführt und misshandelt wird um ihm einen Denkzettel zu verpassen. Anstatt eingeschüchtert zu werden, hat Kommissar Ferro dadurch erst so richtig Blut geleckt.

Wenn Maurizio Merli der ermittelnde Oberkommissar in italienischen Polizeistreifen ist, dann haben diese fast alle ein sehr ähnliches Muster. Es zieht sich zwar ein gewisser roter Faden durch den Film, doch dieser wird immer wieder durch episodenhafte Zwischenstücke unterbrochen. Meist geht es hier um die Jagd nach gewissen Paten und Fadenzieher im Hintergrund, die ein größeres Verbrechensimperium aufgebaut haben. Doch werden in anderen Poliziotteschi die Verbrechen der kleinen Fische dabei meist ausgeblendet, bekommen hier auch Handtaschendiebe eine gewisse Aufmerksamkeit geschenkt. Es wird kein Unterschied zwischen "großem" und "kleinem" Delikt gemacht. In der Welt des Maurizio Merli ist jedes Vergehen eine Sünde. Was man im ebenfalls von Umberto Lenzi gedrehten Die Gewalt bin ich (1977) eher andeutet, ist vor allem auch gut in Marino Girolamis Verdammte, heilige Stadt (1976) zu sehen. Auch hier wird die eigentliche Handlung von vielen kleineren Szenerien unterbrochen, die dann durch einige mal mehr, mal weniger gelungene Verstrickungen in die Rahmenhandlung eingeflochten werden. So auch in die Viper, in der wir erstmal Zeuge einer Razzia werden, die ein illegales Spielcasino hochnimmt.

Hier merkt man mal wieder, dass die Charaktere von Merli keine Gefangenen machen. Schon kaum in der Lasterhöhle angekommen, bekommt auch schon der erste finster dreinschauende Ganove einen vor den Latz geknallt. In den Filmen mit dem leider schon mit 49 Jahren verstorbenen Schauspielers trieft dabei das Testosteron fast schon literweise aus dem Bildschirm. Auch in Die Viper wird hier eine harte, von Männern regierte Welt gezeichnet, in denen Frauen nur Beiwerk oder Gebrauchsgegenstände sind. So unterhält Ferro zwar mit der Psychologin Anna, dargestellt von Maria Rosaria Omaggio eine Liebschaft, die aber nicht wirklich romantisch geschildert wird. Eingeführt wird sie, nachdem sie ein Gutachten für zwei jugendliche Diebe - natürlich von Ferro gefaßt - erstellt hat. Wenig später sieht man sie, wie sie sich nach einem Tête a Tête mit dem Polizisten noch im Bett aufhält. Die Beziehung wird angedeutet, aber nicht mit gewisser Tiefe weitergeführt. Umberto Lenzi zeigt mit dem Autoren Dardano Sacchetti allerdings auf, dass es aufgrund unterschiedlicher Auffassungen zwischen dem Herrn und der Dame nicht wirklich rund läuft. Ferro ist ein viel zu verhärteter, engstirniger Mensch, dem Toleranz in diesem Sinne wohl nicht wirklich ein Begriff ist.

Das Italien der 70er Jahre war mit einigen Verbrechen und Gewalttaten gesegnet, so dass in den meisten Poliziotteschi gerade die größten Städte als äußerst unsicherer Ort gezeichnet wurden. So auch Rom in Die Viper. Da kann auch schon mal ein zuest vollkommen hilfsbereiter Motorradfahrer, der einer Frau bei ihrer Autopanne hilft, zu einem geldgierigen und gewalttätigen Verbrecher mutieren. Dabei wird er stellvertretend für alle anderen im Werk auftauchenden böse Buben so skrupellos dargestellt, dass er die Dame, die ihre erbeutete Jacke gerne behalten möchte, auch einfach mal so mit seiner Maschine einige Meter mitschleift. Die Alte braucht sich ja nicht an dem Motorrad festzuhalten, wenn ihr ihr Leben lieb ist. Bezeichnend für den Ablauf der Geschichte taucht hier urplötzlich Kommissar Ferro auf. Als wäre jegliches Verbrechen in den Straßen Roms ein Magnet, von dem er angezogen wird. Betrachtet man sich mal den Namen von Merlis Figur genauer, bringt diese Metapher eine gewisse Ironie mit sich. Immerhin bedeutet sein Nachnamen so viel wie "Eisen". Dabei steht außer Frage, dass der harte Hund Ferro mit dem Abschaum, die Straßen der italienischen Hauptstadt terrorisiert, natürlich spielend fertig wird. Selbst mit einigen Jugendlichen, die ein Liebespärchen überfallen, verprügelt und die Frau vergewaltigt haben, wird er fertig.

Die Schilderungen zeigen, dass die Handlung um den geheimnisvollen Übergangster Fernado, von dem immer mal wieder die Rede ist, eigentlich nur ein Deckmantel ist, um eben solche Szenen mit Genüßlichkeit zelebrieren zu können. Und Lenzi läßt sich hier nicht lumpen. Eben so wenig sein Hauptdarsteller. Kennt man schon einige Filme mit Merli als Polizisten, so weiß man, dass seine Charaktere solche sind, die nicht lange Fackeln und lieber Taten statt Worte sprechen lassen. Merli langt hin. Und dann wächst an dieser Stelle lange kein Gras mehr. Viele kleinere Figuren müssen dabei mehr als nur einmal die Fäuste des Polizisten kennenlernen. Einhalt kann ihm dabei keiner gebieten. Selbst nicht sein eher friedfertiger bzw. vernünftiger Kollege Caputo (Giampiero Albertini) oder sein Chef. Vom verhassten Bürodienst verabschiedet man sich mit einem lockeren Hinweis, dass man mal eben beim Friseur ist. Hier zeigt sich, dass man mit dem sich über jede Vorschrift hinwegsetzenden Ferro ein Sprachrohr für das konservativ gehaltene Publikum wird, welches ählich wie dieser voller Ohnmacht auf einen ziemlich machtlosen Gesetzesapparat blickt. So fabuliert Merli auch des öfteren über die nicht mehr vorhandene Gerechtigkeit und vor allem den so laschen Gesetzen. Er kämpft für eine rigorose Härte im Umgang mit Verbrechern. Da er sie von seinen vorgesetzten nicht bekommt bzw. auf taube Ohren stößt, macht er eben was er will. Mit härtesten Methoden wird gegen die Kriminalität vorgegangen. Hier haben wir wieder das im Poliziotteschi so bekannte (und beliebte) Bild des Ermittlers, dem es egal ist, wie er die Subjekte zur Strecke bringt. Hauptsache, sie werden aus dem Verkehr gezogen. Dabei wird ihnen indirekt auch eine gewisse Menschlichkeit überhaupt abgesprochen.

Bestes Beispiel ist hierfür die Figur des Vincenzo Moretto, einem buckligen Gauner, der eindrucksvoll von Tomas Milian dargestellt wird. Gerade die Einführung der Figur, als Ferro ihn mit seinem Kollegen auf der Arbeit aufsucht, ist wirklich nett in Szene gesetzt. Moretto hat keinen Respekt, ist verschlagen und nur auf sein persönliches Wohl aus. Er wird offen als verkrüppeltes und somit unmenschlich wirkendes Wesen dargestellt, dass auch durch seine vielen Grimassen jeglicher Menschlichkeit beraubt wird. Seit jeher wird Lenzi und dem Film dabei vorgeworfen, dass man faschistisches und auch rassistisches Gedankengut vermittelt. Doch auf Political Correctness hat man im damaligen Filmland Italien, gerade bei solchen Genreproduktionen, auf gut Deutsch ausgedrückt ohnehin geschissen. Man kann einige Haltungen der Figuren innerhalb des Films und deren Fragwürdigkeit ausdiskutieren, sollte dabei allerdings nicht vergessen, dass Die Viper wie auch andere Polizeifilme ein eher hoch exploitatives Werk darstellt, welches gerade mit solchen Unkorrektheiten unterhalten möchte. Lenzi schafft dies wie in seinen anderen Polizeifilmen mit hoher Souveränität. So sind die Charaktere einfach sehr stark überzeichnete Figuren, auch wenn Merlis Ferro anders als die anderen harten Hunde, dier er so dargestellt hat, mit einem Konservatismus um die Ecke kommt, der einen doch schon recht säuerlichen Nachgeschmack hat. Trotzdem spielt der immer als im Talent limitiert bezeichnete Mime hier wie ein Derwisch. Ihm gegenüber kann man dabei nur Milian stellen, vom dem man ob seiner darstellerischen Leistung behaupten kann, dass er noch viel zu wenig Zeit im Film hat. Er geht voll in der Rolle des schmierigen Buckligen auf und überzeugt durch sein knapp am Overacting vorbeischrammenden Spiel.

So kann man über ein gleiches, altbekanntes Muster in der Geschichtsentwicklung bei Die Viper dann auch ruhig hinwegsehen. Man kennt sie aus anderen Merli-Filmen und wenn man damit zurechtkommt, bekommt man einen äußerst rasanten Poliziotteschi zu Gesicht. Meistens erfährt Merli von einem Verbrechen oder stößt immer rein "zufällig" auf eines und ist sofort Herr der Lage. Nach kurzer Jagd bzw. Verfolgung sind die großen und kleinen Ganoven gefaßt und dürfen die beiden Fäuste von Ferro schmecken. Da Kollegen und auch Vorgesetzte nicht begeistert sind, darf er sich auch dementsprechend öfters rechtfertigen und wieder seine harte Meinung über die lasche Gesetzeslage in seinem Heimatland auslassen. Ach ja, vergessen wir nicht die angesprochene Liebschaft. Aber in so einer herben Männerwelt wird sowas nur angekratzt. Ist Merli mit seinem eisernen Scheitel und dem buschigen Schnauzer ohnehin ein Epigone der wahren Männlichkeit. Neben angesprochenem Tomas Milian findet man auch noch den ebenfalls aus diversen Genrestreifen so bekannten Ivan Rassimov in einer kleinen Rolle als Drogenhändler wieder, der seine junge Gespielin gezielt unter Drogen setzt, um mit ihr Spaß zu haben bzw. sie gefügig zu machen. Die Welt des Poliziotteschi ist eine fürwahr düstere und schlechte, die keine großen positiven Ansätze zuläßt. So sind die Verbrechensbekämpfer moderne Heroen und Racheengel, um die nach Gerechtigkeit sinnende Zuschauerschaft zu befriedigen. Es funktioniert im Falle von Die Viper dabei richtig gut, so dass man auch zwei Augen zudrückt, wenn Lenzi eine Verfolgungsjagd aus seinem famosen Der Berserker (1974) recycelt.

Der Film bleibt ein äußerst rasanter Beitrag, der in der Blütezeit der Polizeifilmwelle entstand und gilt zurecht als heutiger Klassiker des Genres. Die Hatz Ferros nach den Gangstern ist gespickt mit einigen tollen Actionszenen und Lenzi schenkt dem Film eine ausgezeichnete Dynamik. Langeweile kommt hier mit Sicherheit nicht auf. Dafür sorgt unter anderem auch der treibende Soundtrack von Franco Micalizzi. Es ist ein weiterer Eintrag im Mikrokosmos der Maurizio Merli-Filme, in denen er umzingelt von nackter Gewalt ist und mit dieser allein fertig werden muss. Einzig und allein sein diesmal irgendwie sehr spießiger Charakter mit den dabei verbundenen Aussagen, vermag das ansonsten so tolle Filmvergnügen ein wenig zu schmälern. Es gibt zwar auch in anderen Filmen aus dieser Strömung ebenfalls nach Gerechtigkeit schreiende Polizisten, die dann ihre Version der Gerechtigkeit durchsetzen, doch hier scheint es Lenzi etwas zu gut mit dem moralinsauren Mordio in Richtung Gesetz gemeint zu haben. Schmälern tut es die unterhaltsame Verbrecherhatz durch die gefährlichen Straßen Roms keineswegs. Dafür spielen unter anderem auch Merli und Milian viel zu groß auf. Hätte gerade letzterer und seine Figur noch etwas mehr Screentime, so hätte man es mit einem wirklich perfektem Duell zwischen skrupellosem Ganoven und überhartem Bullen zu tun. So bleibt wirklich sehr gute Actionunterhaltung der politisch unkorrekten Sorte. Starker Beitrag, Herr Lenzi!
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Donnerstag, 1. April 2010

It' Alive

Die Studentin Leonore Harker erwartet ein Kind von ihrem Freund, dem Architekten Frank Davis. Sie zieht aus dem Wohnheim aus und zu ihrem Freund in sein Haus, das er mit seinem kleinen Bruder, dem im Rollstuhl sitzenden Chris, bewohnt. Obwohl erst im sechsten Monat, setzen urplötzlich die Wehen ein und die werdende Mutter muss entbunden werden, da laut dem Arzt der Fötus unheimlich schnell auf eine ungewöhnliche Größe herangewachsen ist. Frisch auf der Welt, richtet das neugeborene Kind im Kreissaal ein Massaker an den anwesenden Ärzten und Schwestern an. Leonore kann sich an nichts erinnern und die Eltern werden mit ihrem in der Tat sehr ungewöhnlichen Sproß nach Hause entlassen. Während die Polizei Leonore dazu drängt, mit dem Polizeipsychologen wegen der Tat im Krankenhaus zu reden, hat diese mit ihrem Filius Daniel allerhand zu tun. Immerhin ist dieser ungewöhnlich hungrig und nachdem er schon einige Tiere auf dem Gewissen hat, fallen bald auch die ersten Menschen seinem Blutdurst zum Opfer. Dabei ist die junge Mutter immer mehr überfordert, zu ihrem Kind zu stehen und darauf zu achten, dass Frank von all dem nichts mitbekommt.

Wem die Geschichte bekannt vorkommt, dem sei gesagt, dass der 2008 produzierte It's Alive das Remake von Larry Cohens B-Kulthorror Die Wiege des Bösen (1974) ist. Dieser war sogar so erfolgreich, dass ihm zwei Forsetzungen folgten: Die Wiege des Satans (1978) und der späte Nachzügler Die Wiege des des Schreckens (1987). Das Franchise erschien also erfolgreich und namhaft genug, um es den heutigen Gepflogenheiten und Sehgewohnheiten des jungen, zahlungskräftigen Publikums anzupassen. Dabei bezog man Larry Cohen sogar in den Enstehungsprozess des Drehbuchs mit ein. Doch während Cohen in seinen Film so einige kritische Einschläge gegen die Gesellschaft und die Pharmaindustrie einflechtete, so verflacht das Original zu einem nur mäßig unterhaltsamen Horrorvehikel für die heutige Popcorn-Gesellschaft.

Dabei schafft es It's Alive sogar in Rekordzeit, alle aufgebauten, guten Ansätze zunichte zu machen und zu einem sehr bemühten Stück Horrorfilm zu werden. Man hat versucht, die Geschichte im Vergleich zum Original zu variieren, was natürlich löblich ist und auf dem Papier sogar gut klingt, doch das Endergebnis kann sich nicht so recht sehen lassen. Man erinnere sich: in Die Wiege des Bösen gelingt es dem monströsen Säugling, sich aus dem Kreissaal zu befreien, was eine Suche durch die Polizei, begleitet von den Medien, sowie dem Elternpaar auslöst. Hier schafft es Cohen, im weiteren Verlauf der Geschichte durch das Verhalten der Außenwelt auf die Eltern des mörderischen Neugeborenen vor allem eine Art Parabel auf das Verhalten von Menschen gegenüber Eltern eines behinderten, eben andersartigen Kindes zu kreieren. Geschaffen wurde das Kind durch eine Hormonbehandlung in der Schwangerschaft, in der Cohen - der meistens in seinen Werken versucht hat, Gesellschafts- und Sozialkritik unterzubringen - die Verantwortungslosigkeit der Pharmaindustrie anzuprangern. So schuf er einen düsteren, pessimistisch gestimmten Film, der trotz seines Trash-Charakters so einige Qualitäten aufzuweisen hat.

Dem Gegenüber steht nun die Idee, was wäre, wenn das Kind eben nicht schon aus dem Kreissaal entkommt sondern in das traute Heim der frisch gebackenen Eltern kommt. Die im 74er-Werk in Frage gestellte Unschuldigkeit des neuen Lebens wird hier sogar noch einen Schritt weiter gebracht, indem nun auch an der Unschuld und Unbefangenheit der Eltern gekratzt wird. Die Vertraut- bzw. Geborgenheit steht hier in Gefahr. Dies zeigt der Film auch schon wunderbar durch seine Farbgebung auf. Die Außenaufnahmen erscheinen natürlich und in matten, aber doch noch leuchtenden Farben, während das Heim des jungen Paares ungewöhnlich dunkel erscheint. Egal ob Küche, das Zimmer des gelähmten Bruders oder andere Bereiche des Hauses: dunkle Grautöne gehen nahtlos in bedrohliches Schwarz über und hinter jeder dunklen Ecke könnte die Bedrohung lauern. Dem gegenüber steht das Kinderzimmer. Leuchtendes Gelb erwartet hier einen und ist somit ein klarer Gegenpol gegenüber den restlichen Zimmern. Diese Helligkeit, die Vertrautheit wecken soll, birgt so einige Ironie, ist es doch gerade der Bewohner, der den Schrecken im Film bringt.

Schaut man nun kurz von der Farbgebung des Films und dem an und für sich ansprechenden Look weg, so bleibt ein bemühtes Werk, welches mit neuen Ansätzen die alte Story ins neue Jahrtausend rübertransportieren will. Es bleibt letztendlich schnell konsumierbare Wegwerfware, die man durch einige inhaltliche Defizite nach dem Schauen schnell wieder vergessen kann. Dies fängt schon damit an, dass man in den ersten Minuten nach dem Massaker das im neuen Heim angekommende Baby sieht, es dann allerdings im Verlauf des Films nicht mehr sichtbar für den Zuschauer ist, bis das Finale beginnt. Sehr ärgerlich ist dabei auch, dass sichtbar immer wieder andere Kinder verwendet wurden um ein und dasselbe "Monsterbaby" darzustellen. Lieblos gibt man sich hier und bemüht sich krampfhaft, der (alten Grund-)Story neue Elemente einzuflößen. Doch Regisseur Josef Rusnak scheitert kläglich. Es bleibt vorhersehbar und durchschaubar, zumal wird das ganze sogar schnell unglaubwürdig. Auch wenn Bijou Philipps als Leonore sich alle Mühe gibt, eine verzweifelte zwischen Schrecken bzw. Ekel und Mutterliebe hin- und hergerissene junge Frau darzustellen, gegen das unlogische Drehbuch kann sie auch nicht anstinken.

Der Fokus auf die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist eine Abfolge vom Fehlverhalten des Kindes, welches in seinem Blutdurst immer neue Morde begeht und dem bemühten vertuschen eben dieser. Bei den Tieren mag es noch recht einleuchtend zugehen, doch spätestens wenn der erste Mensch ins Gras beist, bleibt man was Kreativität, Innovation und Logik angeht, auf der Strecke. Zumal hier auch noch für Freunde altmodischen Horrors der Fehler begangen wurde, meistens auf Effekte aus dem Rechner zurückzugreifen. Ein vielleicht geringes Makel, was gegen Ende hin sogar den eher nicht dem im Horrorfandom verwachsenen Zuschauer über aufstößt, wenn dann das Baby vor die Kamera tritt. Und vorher wird It's Alive eine respektlose Demontage des "Mythos" der alten Trilogie, die hier nebenher auf die Frage eingeht, wie das Baby überhaupt so werden kann. Durch eine kleine Rückblende wird das hier abgefrühstückt. Sicherlich sind tiefergehende Anprangerungen was Pharmaindustrie oder eben auch das Verhalten der menschlichen Außenwelt angeht, für das junge Publikum mehr als langweilig. Aber selbst Action sucht man hier vergebens. Ein bis zwei gute Szenen machen zudem eben keinen rundum gelungenen Horrorfilm aus.

Zu Gute halten kann man dem Werk vielleicht noch, dass es zu den wirklich stimmigen Bildern auch eine überaus guten Score zu bieten hat. Alles andere bewegt sich am Abgrund der qualvollen, glattgebügelten B-Massenunterhaltungsware Hollywoods. Böse Zungen könnten hier von einem schnell dahingerotzten Streifen reden, der mit ausgefeiltem Spannungsaufbau und guter Figurenzeichnung nicht viel am Hut hat. Der Konflikt innerhalb der Familie, der durch ein "andersartiges" Baby entstehen könnte, wäre hier eine gute Sache gewesen, einem durchaus interessanten Thema auch noch etwas tiefer zu gestalten. Dies wurde verpaßt. It's Alive ist vor allem einer der Horrorfilme, bei dem einzig und allein das holprig ausgearbeitete Drehbuch und die Geschichte beim Zuschauer Schrecken verbreitet.
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