Sonntag, 29. September 2019

The Possession of Hannah Grace

In drastisch überspitzter und pervertierter Weise erinnern Horrorfilme auch daran, dass jedem Ende ein Anfang innewohnt. Die Präsenz des Todes, der ständige Verfall dem wir Menschen unterliegen: er wird uns in gruseliger und/oder gewaltsamer Szenerie vor Augen geführt. Der für uns unausweichliche Moment wird ein Spiel mit dem Adrenalinspiegel des Zuschauers und erinnert in unserer alltäglichen Verdrängung seine unterschwellige Präsenz in vielen Situationen des Lebens. Der grimme schwarze Schnitter kann jederzeit zuschlagen und mit vielen Gesichtern erscheinen. Unsere verborgenen Hoffnung, ihm so lange wie nur möglich zu entkommen bevor die letzte Stunde schlägt, wird romantisiert, makaber oder plump derb in düstere Kunst verwandelt. Das Spiel mit der Angst, dass Kitzeln menschlicher Urängste wurde im Film über die Jahre zu einem großen Industriezweig, dessen Kommerzialität der Kunstform Film Freiraum für frische Ideen raubt.

Technisch routinierte Ware, die ein Gros des Publikums erreichen kann und künstlerisch anspruchsvoll ist bzw. den Limitationen des Genres neue Ansätze entlocken kann, ist - zumindest im Mainstream - rar geworden in jenen Zeiten. The Possession of Hannah Grace trägt Momente in sich, die die Hoffnung auflodern lassen, dass er so etwas bewerkstelligen könnte. Wieder steuert ein Ende, in diesem Falle das Ableben titelgebender Hannah Grace, gleichzeitig auf einen Anfang zu. Der Exorzismus der von einem mächtigen Dämon besessenen jungen Frau scheitert. Sie stirbt und macht Platz für Protagonistin Megan, deren für sie unrühmliches, eigentlich traumatisch bedingtes Ende bei der Polizei der Beginn ihrer Anstellung in der Gerichtsmedizin eines Krankenhauses ist. Während ihrer Nachtschichten nimmt sie die dortigen Neuzugänge in der Kartei auf und bereitet diese auf die Obduktion vor. In ihrer zweiten Nacht nimmt mit der Einlieferung der übel zugerichteten Leiche einer jungen Frau der Schrecken seinen Lauf. Ein Obdachloser dringt unbemerkt in das Krankenhaus ein, versucht die frisch eingelieferte Leiche zu verbrennen und auch sonst gibt die Tote der jungen Ex-Polizistin einige Rätsel auf.

Ein fremdartig schöner Ausdruck liegt auf dem Gesicht der jungen Toten und ihr offensichtlich gewaltsamer Exitus schenkt ihr eine Aura zwischen erschreckend abstoßend und makaber anziehender Schönheit. In diesen kurzen Augenblicken gibt der Film den Blick auf die zwei Extreme des Todes - seine wie im Gothic Horror romantisierte Schönheit und die gleichzeitig erschreckend direkte Message des unumgänglichen Endes - frei, gebettet in eine eigentlich ansprechend dichte Atmosphäre. Ihr liegt eine Traurigkeit inne; Anspielungen, Rückblicke - sie geben vereinzelte Einblicke in Megans Vorgeschichte, die sie zu dieser Anstellung und diesem kleinen Neuanfang führte. In teils bemühter Subtilität versucht sich The Possession of Hannah Grace als klassisch tragischer Horrorstoff; das Trauma seiner Protagonistin dient dazu, sie mit diesem durch die irrationale Situation, in der sie sich befinden wird, erneut zu konfrontieren. Das sie es bewältigen wird, liegt ebenso auf der Hand wie die Tatsache, dass die Leiche als Hort des Bösen weniger im Reich der Toten verhaftet ist wie zuerst angenommen.

Zu Beginn kreiert das Script ein ansprechendes und Spannung versprechendes Szenario. Megans Persönlichkeit wird einiges an Raum geschenkt, die Nachts so gut wie verlassene Gerichtsmedizin gewinnt als zusätzlich Atmosphäre aufbauendes Setting, in dem man sich selbst nicht gerne befinden möchte. Die anfänglich leise eintretenden Schauereffekte bieten bei weitem nichts neues, beziehen ihre Effektivität aus der abgeschlossenen bzw. beschränkten Räumlichkeit. Das sich aufbauende ungute Gefühl im Wissen um die Hintergrundgeschichte der für Megan unbekannten Toten ist ein erster, kleiner Pluspunkt für den Film, der in seinem weiteren Verlauf einsam allein auf der Pro-Seite des Werks verweilen muss. Allzu hastig schwankt The Possession of Hannah Grace trotz spannender und interessanter Ausgangslage zwischen bemühtem Horror mit dramatischem Unterbau und ärgerlichem Jumpscare-Einerlei, garniert durch eine immer munter werdende Leiche, deren Bewegungsabläufe an die von Kayako, der furchterregenden Geister-Mutter aus dem japanischen Horrorfilm Ju-On: The Grudge, erinnern.

Laut. Übersteuert. Einfallslos. Attribute, die man dem Film leider zugestehen muss. Der Gedanke, was nach einem fehlgeschlagenen Exorzismus passiert und die Gegenüberstellung im Wirken des Todes auf den Zuseher, ist eine interessante Idee, deren Ausarbeitung im Gesamteindruck mangelhaft ist. Das hätte ein Geheimtipp á la The Autopsy of Jane Doe werden können. Zwar macht auch dieser - ebenfalls durch seine zugänglichere, simpler gehaltenen zweiten Hälfte - auch nicht alles richtig, aber überzeugt viel mehr durch seine dichte Atmosphäre und der durchgehenden Spannung in der ersten Hälfte. So wird mehr der Verlauf und die Wandlung des Films mehr zum Drama als seine Geschichte. Das Finale wirkt schludrig, Megans Traumabewältigung wird als nötiges Übel abgefrühstückt, bevor das versöhnliche Ende auf die Credits zusteuert. Schreckenerregend ist am Film letztendlich einzig die Tatsache, wie leichtfertig er seine gute Idee immer weiter zu einer gefühllosen und einfallslosen Horrorposse werden lässt.
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Donnerstag, 19. September 2019

Der goldene Handschuh

Ein kleiner Mann, sichtlich gegerbt vom Leben, steht in der Tür zwischen Wohnstube und kleiner Küche und schimpft über den von seinem Besuch angesprochenen Gestank, den sein kleines Wohnreich durchflutet. Es sind "die scheiß' Griechen unter ihm", welche "von morgens bis abends Lamm und all so'n Zeug" kochen und damit das Haus vollstinken. Das Gezeter wird mit leicht ostdeutschem Dialekt durch die Lippen in den Raum geschleudert; die Szene spielt in den 70ern und irgendwie denkt man sich, dass sich im Vergleich zu heute nicht wirklich was geändert hat. Der Name des schimpfenden Herren ist Fritz Honka, ein dem Anschein nach vom Leben und der Trunksucht mitgenommener, einfacher Mann. Während viele Menschen metaphorisch ihre Leichen im Keller haben, hat Honka diese wortwörtlich hinter seiner Zimmerwand. Gelegenheitsprostituierte, obdachlose Frauen, verlorene Seelen, welche er in seiner Stammkneipe - dem goldenen Handschuh - und ebenso wie er sichtlich vom Leben und dem Alkohol ausgezehrt, werden von ihm in Hoffnung auf Sex und vielleicht auch auf etwas mehr Menschlichkeit in seine Dachstube gelockt und überwältigt von seinem ungestümen Trieb umgebracht.

Die Leichenteile entsorgt er teils in Müllbeuteln, die er in alten Industrieanlagen etc. versteckt oder in einem dürftig vernagelten Loch in seiner Wohnzimmerwand, von wo aus der süßliche Duft des Todes seinen Gestank in Honkas Reich ausbreitet. Er wollte schon immer einen Horrorfilm machen, erklärte Fatih Akin während der Promotion-Phase zu seiner Verfilmung von Heinz Strunks Buch Der goldene Handschuh, beruhend auf dem Leben und den Taten des echten Fritz Honka, dessen mörderisches Treiben erst durch einen Brand in seinem Wohnhaus durch das auffinden von Leichenteilen durch einen Feuerwehrmann entdeckt wurde. Akins Umsetzung erinnert weniger an düstere Serienmörder-Filme wie John McNaughtons Henry oder Finchers Se7en, welche in ihrer Stilistik neben Thriller- oder Drama-Elementen sichtbar eine Brücke zum Horror schlagen. Der goldene Handschuh ist deutscher Autoren-Horror, weit weg von üblichen Formeln des Genres, was dem Film die Unterbringung in die Rotten Potatoes-Rubrik verwehrte.

Strunk nicht unähnlich, blickt Akin in seiner Umsetzung nicht alleine auf das Leben eines Mannes, der durch seine in Heimen verbrachte Kindheit und durch Unfälle, Krankheit und Alkoholsucht ein wenig attraktives Äußeres besaß, welches sein Selbstwertgefühl äußerst niedrig hielt. Der goldene Handschuh streift durch das Kiez-Milieu Hamburgs mit seinen schrulligen, traurigen und gebrochenen Gestalten und schält seinen Protagonisten und seine Stammkneipe als dessen Mittelpunkt heraus. Soldaten-Norbert, Doornkaat-Max, Tampon-Günther, Anus: sie bleiben Kuriosa der Geschichte; im Buch "die Schimmligen" genannt; Hamburger Originale von ganz unten, um anscheinend den nüchternen Blick auf Honkas Treiben aufzulockern. Ein Ankerpunkt für das Publikum, an dem es Rasten kann, bevor der gammelige Gestank, spärlich von Raumduftsprays und einer Armada Wunderbäumchen bekämpft, phantomartig die Nase des Zuschauers wieder kitzelt. Was Heinz Strunk in schockierend quälend langen Szenerien beschreibt, konzentriert Akin in seinem Film zu abstoßenden Momentaufnahmen, die berechnend zwischen Schock und Aussparung pendeln. Wirksam ist beides.

Im Buch klebt man mehr an "Fiete", wie Honka gerufen wurde, ist näher an der Figur dran; Akin bewahrt sich eine Distanz. Starr bleibt die Kamera beispielsweise vor Honkas Schlafzimmertür stehen und gibt vom Treiben des Mannes mit den wehrlosen Frauen so viel Preis, wie es der schmale Durchgang zulässt. Morde geschehen zudem meist im Off und lassen das Kopfkino des Zuschauers den Rest erledigen. Mehr ist Akin bemüht, einen Einblick in das trostlose Leben und das Umfeld des Protagonisten zu geben. Trotz der neuen Arbeit nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit, einem versuchten Entsagen vom Alkohol bleibt unmissverständlich zu sehen, dass Honka mit seinem Milieu verzahnt war. Ein Zwischenfall auf der neuen Arbeit, sein (erneutes) soziales Scheitern treibt ihn zurück in die Arme des Alkohols, der ihm nur für kurze Zeit Wärme schenkt. Der goldene Handschuh ist dabei Sammelpunkt für die Leidgenossen, die zwischen ihren gegenseitigen Derbheiten und dem rauen nordischen Charme wohl auch sowas wie Sympathie für einander empfinden können, wenn sie nicht vom betörend betäubenden Fusel verblendet werden.

Akin arbeitet brav die wichtigsten Punkte der Buchvorlage heraus, schreitet flotten Schrittes zum Finale um bis dorthin in einen spröden Erzählstil zu verfallen, der entfernt an den des neuen deutschen Films oder Kurt Raabs Die Zärtlichkeit der Wölfe (hier besprochen) erinnert. Wenig spannend, weniger schockierend oder gleichzeitig faszinierend wie anekelnd als manche Passagen des Buchs bleibt Der goldene Handschuh eine durchaus interessante Sozialstudie, ein Sozialdrama das leicht genug bleiben möchte, um das deutsche Mainstream-Publikum aus dem Mittelstand und darüber hinaus in ihren kuschelig-weichen Kinosesseln oder auf ihren monströsen Wohnlandschaften zu gruseln. Manchmal verirrt sich Akin in seiner Faszination von dieser Welt von unten und treibt planlos durch die Geschichte. Planlos bleibt man auch beim kleinen Nebenplot um Jungspund Willi und seiner Angebeteten Petra, der diese irgendwann nach einer ersten Solo-Erkundung in die titelgebende Kneipe einlädt.

Sie scheinen nur dafür da zu sein, um zwischen all dem Pöbel und Gesocks normale Menschen in den Plot einzubauen und sind eigentlich Überbleibsel zweier Nebengeschichten des Buchs. Sein gut getroffener Milieu-Ton kann nicht verstecken, dass vieles an Der goldene Handschuh doch oberflächlich bleibt wie um Niveau bemühte Hartz-IV-Dokus auf RTL2 und weniger den gewollten Horror bietet, den sich Akin ausgemalt hat. Faszination übt der Film aus, auch durch seine extreme Detailgenauigkeit in der Darstellung des Kiez-Prekariats und dessen extra für den Film nachgebauten Treffpunkts. Fritz Honka selbst verkommt leider zum next german Boogey Man in einer durchaus bemühten und ebenfalls durchaus sehenswerten Sozial- und Milieustudie, die "ganz unten" angekommen sich wie Kiez-Touristen letztendlich nicht trauen, ganz in diese Welt einzutauchen. Akin ist eben nur mal kurz gucken, während Strunk in seinem Buch das ganze Übel schonungslos offen legt.
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Es: Kapitel 2

Anders als in der Geschichte um das als böser Clown auftretende, personifizierte Böse, mussten Horrorfans keine 27 Jahre warten, bis Pennywise wieder über die Leinwand spukt. Zwei Jahre lagen zwischen dem ersten und zweiten Teil der Neuverfilmung des Erfolgsromans aus der Feder Stephen Kings, in dem der Losers Club, mittlerweile alle im Erwachsenenalter angekommen, nochmal zusammenkommt um sich einem finalen Kampf gegen Pennywise zu stellen. Damals wie heute stellte ich fest - vor Kinobesuch wurde die Erinnerung nochmal aufgefrischt und Teil 1 erneut geschaut - dass Es in den Momenten, in denen dem Zuschauer das Gruseln gelehrt werden soll, weitgehend versagt. Die dunkel vernebelten Erinnerungen an die erste Verfilmung besagten, dass dort die Szenen um den Losers Club im Kindesalter stärker sind als die um das zweite Zusammentreffen als Erwachsene. Durch beides waren die Erwartungen an Es: Kapitel 2 gering angesetzt.

Leider habe ich die Buchvorlage nie gelesen; vielleicht krankt sie an diesem gleichen, qualitativen Gefälle wie die beiden Verfilmungen. Der mittlerweile weit verstreute Losers Club findet sich nach einem Anruf von Mike, der als einziger in der alten Heimatstadt Derry geblieben und nun der örtliche Bibliothekar ist, wieder zusammen und nimmt den Kampf gegen den wieder ans Tageslicht getretene Pennywise erneut auf. Nach dem Mord an einem Homosexuellen und dem erneuten verschwinden von Kindern ist für Mike klar, dass Es - pünktlich nach 27 Jahren - wieder aufgetaucht ist. Mike erinnert seine Freunde während seines Anrufs an den Schwur, den sie als Kinder schlossen, nochmals gegen den furchterregenden Clown zu kämpfen, sollte er nochmal in Erscheinung treten. Die anfängliche Skepsis der einzelnen ist groß; die Erinnerungen an früher scheinen bei allen wie ausradiert zu sein und die adulte Rationalität lässt Mikes Ausführungen erst wie eine schlechte Horrorgeschichte erscheinen, bevor sich Pennywise den alten Freunden zeigt und ihnen klar macht, dass er sie alle am liebsten tot sehen würde.

Inszeniert wird das mit einem aufwändigen Set Piece-Overkill, das von einer spektakulär angelegten Szene zur nächsten stolpert. Repetitive Erzählkreisläufe teilen die Story zwischen Streitereien der alten Freunde um den Sinn von Mikes Aktion, der Konfrontation mit Pennywise und ihren Ängsten und ihrer Flucht davor auf, bevor man wenig variierend wieder mit den verschiedenen Standpunkten der Gruppenmitglieder bezüglich des Sinns des gesamten Treffens an den Ausgangspunkt gelangt. Die Auftritte von Pennywise werden spektakulär mit viel CGI-Einsatz inszeniert; Darsteller Bill Skarsgård wird von diesen digitalen Effektwolken umzingelt, gar aufgesogen und scheint ein Stück weit in seiner Darstellung um diese wissend gegen sie anzuspielen. Technisch ist das durchaus beeindruckend, nur furchterregend ist es leider nicht. Die finale Zuspitzung im Kampf gegen Pennywise ist eher überfrachtet und die epische Laufzeit von gut 245 Minuten bläht den längere Zeit fast ewig gleichen Plotverlauf unnötig auf. Richtig unangenehm wird dies eben im Finale, bei dessen überdrehter Dauerschleife gewollte Anflüge von Dramatik im CGI-Nirvana verschwinden. Der auch im ersten Teil auftauchende Gag mit den drei Türen, unterteilt in gruselig, sehr gruselig und gar nicht gruselig, mit einem ziemlich süßen Welpen, einem vorhersehbaren Verlauf der Szene und deren halbwegs zündender Humor bietet darin einen der wenig richtig gut funktionierenden Momente.

Das, was Stephen King - der auch einen kleinen Cameo-Auftritt hat - eigentlich mit seiner Geschichte bzw. in diesem Teil sagen möchte, bleibt in Es: Kapitel 2 fast komplett außen vor. Wenn der letzte Kampf geschlagen ist, frühstückt der Film dies mit seinem Epilog ab. Nicht gänzlich unkitschig, aber die richtigen Hebel umlegend wird von der Konfrontation mit den eigenen, in einem wohnenden Ängsten erzählt und darüber, dass wahre Freundschaft wie Unkraut unvergänglich ist. Kings Verknüpfung von (Kindheits-)Erinnungen an diesen einen, besonderen Sommer mit  tief sitzenden Traumata und seinem schleichenden Kleinstadt-Horror, der Derry wie das davon laut seinen Erzählungen nicht weit weg liegende, ebenfalls fiktive Castle Rock zu einem Hort des Schreckens wachsen lässt. Ob gut oder schlecht: manche Bilder des Erlebten lassen sich nicht gänzlich aus dem geistigen Fotoalbum im Kopf entfernen. Leider kommt das dort erzählte für das Gesamterlebnis zu spät. Die durchaus gut aufspielenden Darsteller wie McAvoy als Bill im Erwachsenenalter können leider auch nichts gegen die Entscheidung ausrichten, nicht mehr auf ihre Figuren und die subtilen Momente - die leider noch weniger als im ersten Teil sind - einzugehen, sondern Es: Kapitel 2 zu einem überladenen Horror-Epos zu machen.
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Montag, 2. September 2019

Once Upon A Time In... Hollywood

Es geht auf die Zielgeraden. Once Upon A Time In... Hollywood ist der neunte Film von Quentin Tarantino, der sich der eigenen Ankündigung nach darauf beschränken möchte, nur zehn zu drehen um dann mit dem Filme machen aufzuhören. Bei jedem seiner Filme ist man gespannt darauf, was der Autodidakt mit Hang zum B- und Genre-Films dieses Mal an Anspielungen, Verweisen und Zitaten in diese gepackt hat. Mit dieser kontinuerlichen Manie des Maestros ist seine Unberechenbarkeit (fast) kalkulierbar geworden. Beinahe drei Stunden fröhnt Tarantino dabei seinem Publikum zu zeigen, was er neben seiner eigenen Person an Werken aus Film, Fernsehen und Musik so toll findet. Empfand ich seinen letzten Film The Hateful Eight zu ausgedehnt mit bis aufs Maximum ausgereizten Szenen, in denen man fast den vergossenen Samen schmeckte, den Tarantino durch Ego-Onanie auf sich selbst ergoss, ist sein neuestes Werk erstaunlich zurückhaltend im merklichen Feiern des eigenen Geschmacks.

Präsent ist er natürlich; vor allem im vorzüglichen Soundtrack, der viele tolle Tracks aus der Zeit der 60er beinhaltet. In diese entführt Tarantino, blickt mit leichter Melancholie an das tote Hollywood dieser Epoche mit ihren Stars und Sternchen und wird zugleich zum Märchenerzähler. Seine auserkorenen Protagonisten sind der Schauspieler Rick Dalton und dessen Stunt-Double Cliff Booth, welcher anhand einer sehr überschaubaren Auftragslage für ihn und seinen Boss für letzterem mehr zu einem Mädchen für alles geworden ist. Einst war Rick der gefeierte Star der bekannten Western-Serie "Bounty Law", nun hangelt er sich von Pilotfilm zu Pilotfilm, hat manchmal Gast-Auftritte in Fernsehserien und blickt neidisch auf seine neue Nachbarn: den für seinen neuesten Film Rosemary's Baby gefeierten Roman Polanski und seine junge Frau, die Schauspielerin Sharon Tate.

Während Rick mit Rollenangeboten für Italowestern hadert und seinen Frust über seine Lage in Alkohol ertränkt, erzählt Tarantino nebenbei noch von einem jungen Kerl Namens Charles Manson, der kaum zu sehen und trotzdem immer präsent ist. Mit der Kenntnis über die verübten Morde der Mitglieder seiner Family an der damals hochschwangeren Tate und ihren Gästen, baut der Film eine gewisse Spannung auf, wenn sein Regisseur und Autor fast mal wieder den Bogen überspannt. Hin und wieder stellt sich die Frage, wohin dieser nun eigentlich mit seiner Erzählung überhaupt hin will. Die Handlung wird manchmal schlingern gelassen, greift Andeutungen zu Manson auf, stellt sie mit Cliffs Besuch auf der Spahn Ranch, der Unterkunft der Manson Family zum damaligen Zeitpunkt, in den Mittelpunkt um dann wieder den Fokus auf seine beiden Protagonisten zu legen. Rick wird in den langen Episoden über seinen Versuch, einen neuen Serienhit zu landen, stellvertretend für die Altstars von früher und dem traurigen Niedergang ihrer Karrieren in der im Umschwung befindlichen Traumfabrik.

Tarantinos Blick auf diese Zeit ist bittersüß. Jeder Tragik wohnt zugleich eine Komik inne; Rick Dalton ist ein sympathischer Losertyp, dem man einen erneuten Erfolg gönnen würde, der sich und seiner Karriere im Blick auf die eigene, ruhmreichere Vergangenheit im Weg steht. An seiner Seite ist sein mit einer kriminellen Vergangenheit gestrafter Stuntman Cliff Booth, dessen einfaches Gemüt und dauerhafte Coolness entfernt an den (ebenfalls im Film vorkommenden) Steve McQueen erinnert. Die Beziehung der beiden Männer beschränkt sich nicht auf ein reines Arbeitsverhältnis. In ihr schlummert eine aufrichtige Freundschaft, die mal verborgen, mal ersichtlicher beiden Halt schenkt, wenn gleich Rick diesen spürbarer benötigt. Mit diesem blickt auch Tarantino auf eine Zeit zurück, in der zumindest vordergründig noch alles im Lot in Hollywood war. Once Upon A Time In... Hollywood ist seliges Seufzen seines Schöpfers; Erinnerungen an früher und die (erste) Magie der Stoffe, die einen jungen Quentin Tarantino begeistert haben.

Und er feiert vieles. Serien wie Rauchende Colts, The F. B. I. oder Filme wie Rollkommando oder Gesprengte Ketten. Mit Zitaten oder direkten Ansprachen. Imposant und charmant ist dabei Daltons Erinnung an seine Chance, die Hauptrolle im McQueen-Film Gesprengte Ketten zu bekommen. Mittels hübschem Tricksen aus der Technikkiste wurde dieser durch DiCaprio ersetzt, was zu einigem Schmunzeln führt. Und wenn sich Dalton letztendlich doch für einen Europatrip nach Rom und die Rollenangebote von dort entscheidet, macht Tarantino seine Figur zum Hauptdarsteller des von Mario Bava geschaffenen Nebraska Jim (vor Jahren übrigens hier besprochen). Beim ganzen Schwelgen in Erinnerungen an die gute alte Zeit, als das Testosteron die Leinwände flutete, schaut man Tarantino gerne zu. Dem Film wurde im Netz häufiger angelastet, dass er keine Handlung besäße und langweilig ist. Manchmal fragt man sich wirklich, wohin der Amerikaner nun überhaupt mit seiner Geschichte möchte. Ob das einfach nur hartes nostalgieren ist oder er uns auch wirklich etwas zu sagen hat.

Groß unterscheidet sich Once Upon A Time In... Hollywood nicht mal groß von früheren Werken, in denen er ebenfalls ausgiebig die Zitate in seine Scripte goss. Mehr fragt man sich mittlerweile bei mancher Kritik am Film, woher plötzlich diese Handlungsgetriebenheit der Leute führt. Fällt es mittlerweile so schwer, sich einfach auf die Stimmung eines Films einzulassen? Mehr als die Erzählung über einen beinahe gescheiterten Schauspieler des System des Old Hollywood ist dieser Film ein Stimmungsbild, das es nicht immer so genau mit den Fakten nimmt, den Zuschauer aber gekonnt in die Zeit mitnimmt und den darin wehenden Wind of Change spüren lässt. Noch blödsinniger ist eigentlich nur, dass ihn eine kleine Protestwelle empörter Bruce Lee-Fans traf, da deren Held im Film in seiner Darstellung nicht sonderlich gut wegkommt. Drauf geschissen. Es gibt auch für mich - der wegen der kultischen Verehrung des Regisseurs von einigen immer mit gewisser Skepsis an dessen Werke herangeht (kennt man die von ihm ausgiebig zitierten Vorbilder, dann kocht auch Tarantino nur mit Wasser) - wenig zu meckern.

Mehr Unberechenbarkeit wäre für sein wahrscheinlich finales zehntes Werk wünschenswert. Es kristallisiert sich eine Formel heraus, wie er seine Filme aufbaut. Mit der Verbindung zu wirklich geschehenen Ereignissen, ist die abschließende Gewalteruption - ähnlich wie in The Hateful Eight - zu erwarten gewesen. Womit wir wieder bei den Märchen wären. Once Upon A Time In.. Hollywood ist neben dem vielleicht auch mit Wehmut durchzogenen Blick auf die gute, alte Zeit ein What if...-Szenario Tarantinos; ein leichtes Märchen, mit unbestimmten Ausgang und der Hoffnung auf bessere Zeiten für die sympathisch gezeichneten Protagonisten. Gerne wandelt man mit ihnen und dem Geist, der hinter der Geschichte steckt noch einmal durch eine unwiederbringliche Zeit, die mit den vielen Gastauftritten und Anspielungen noch häufiger dazu einlädt, dieses zur Abwechslung mal wieder zufriedenstellende Kapitel in der Filmographie Tarantinos aufzuschlagen.
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Freitag, 30. August 2019

Assassination Nation

Vielleicht mag ich in den Augen der jüngeren Zunft nun ein (mittel-)alter, weißer Mann sein, der bei Assassination Nation und seiner Prämisse "selbstverständlich" abwinkt. Treffen mich die angesprochenen Themen? Versetzen sie mir Stiche in meine Seele und mein ich, dass tief in mir verborgen wehleidig bei dem, was der Film anspricht, aufjault? Fragen, die mich nach dem Genuss von Sam Levinsons Werk beschäftigten. Mehr, als die Themen, welche auf seiner Agenda stehen. Wenn er damit seine Zuschauer auf- und durchschütteln wollte, sie aus ihrem Phlegma gleichgültiger Zurkenntnisnahme reißen wollte, schafft es Assassination Nation nur bedingt. Sein Problem ist, dass er sich auch auditiv und visuell auf die Seite der neuen Generation stellt, dass man schwer an dessen hippen Style vorbei auf die eigentlichen Ziele der Geschichte schauen kann.

Er bildet die Welt der Freundinnen Lily, Sarah, Em und Bex mit technisch beeindruckenden Mitteln als ein von Social Media beeinflussten Kosmos ab, der ins Wanken gerät, als durch Hackerangriffe Chats und Bilder von Bewohnern des kleinen Städtchens Salem geleakt werden. Gleich, ob es die sexuellen Vorlieben des Bürgermeisters oder die intimsten Geheimnisse der Nachbarn sind: sie bringen Chaos in den kleinen Ort und durch widrige Umstände setzt sich der Verdacht bei vielen Bewohnern fest, dass Lily und ihre Freundinnen die Verräterinnen sind. Passend zum Namen der Ortschaft rotten sich die Bewohner zu einer modernen Hexenjagd zusammen und beschließen auf dem Klimax der Geschichte, dass die Mädchen sterben müssen.

Mit der Ankunft von Chaos und Gewalt wandelt sich Assassination Nation vom schwerfälligen Jugenddrama zu einem grimmen Thriller mit leichten Bezügen zum Home Invasion- und Slasher-Film. Ersteres geschuldet durch die wohl beeindruckendste Szene des ganzen Films, wenn in einer großen Plansequenz mit einer einzigen, langen Kamerasequenz das Eindringen des Lynchmobs in das Haus von Lily gezeigt wird. Mehr als einmal fühlt man sich an die The Purge-Reihe erinnert, wenn die Mädchen den Kampf gegen die Bewohner ihres Heimatorts aufnehmen. Bis es dazu kommt, strengt der Film mit seiner Stilistik mehr an, als dass er mit den angesprochenen Themen Mobbing off- wie online, Feminismus, die Angst der angesprochenen alten, weißen Männern davor und seiner Kritik an einer Gesellschaft die in Zeiten von Fake News vorschnell irgendeine Person als schuldig ausmachen und an den (virtuellen) Pranger stellen, aufzurütteln vermag.

Seine spürbare Prämisse perlt an der geschaffenen glatten Oberfläche der Welt seiner Teenie-Protagonisten, welcher er sich als Stil zu eigen macht, ab. Diese Oberflächlichkeit, unter der die Sorgen und Ängste seiner Figuren aufbrechen um im nächsten Moment von einer neuerlichen, coolen Idee überschattet zu werden, ist das große Problem von Assassination Nation. Sam Levinson schafft es, dass man seine Themen und Absicht, anhand der Konzentration der aktuellen amerikanischen Gesellschaft in der Ortschaft Salem, erkennt und gleichzeitig darüber resigniert, dass dies mittlerweile der Lauf der Welt ist. Ein jüngeres Publikum, dessen Sprache er hier sichtbar beherrscht, mag er damit vielleicht besser ansprechen. Komplett erscheint der Film wie eine lange, ausufernde Rede eines Politikers, die wach- und aufrütteln möchte, aber in der viel trotz viel Rederei wenig gesagt wird.
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Sonntag, 25. August 2019

Lords of Chaos

Mit den Bands Motörhead, Grave Digger und Sodom hat alles angefangen. Seitdem befinde ich mich seit gut zwanzig Jahren - trotz Unterbrechungen und damit verbundenen, auf andere Genres bzw. Subkulturen verschobenen Interessen - in den Klauen des Heavy Metal. Im letzten Jahr brachte mich die schwedische Okkult Rock-Band Ghost mit ihrem aktuellen Album zurück zu den musikalischen Wurzeln und während ich zu Beginn meiner "Metaller-Karriere" bei extremeren Spielarten wie Death- oder Black Metal wegen der stumpfer Brutalität der Musik wenig begeistert meist schnell abwinkte, erwachte über die Jahre zumindest für Black Metal leichtes Interesse. Trotz weniger Berührungspunkte mit diesem Subgenre stößt man, wenn man sich intensiver mit Heavy Metal auseinandersetzt, auf einen der größten Skandale, der es über die Szenemauern hinaus schaffte, für großes Medienecho sorgte und Black Metal ins Bewusstsein vieler Menschen setzte:
die durch Brandstiftung entstandenen Kirchenbrände im Norwegen der frühen 90er und den Mord von Kristian "Varg" Vikernes an seinem Bandkollegen Øystein "Euronymus" Aarseth.

Nachdem die musikalisch spannende, chaotische und gewalttätige erste Welle der noch jungen Black Metal-Szene in Skandinavien abebbte, erschien im Jahr 1998 das Sachbuch Lords of Chaos. Die verschiedenen Vorkommnisse der vergangenen Jahre wurden darin aufgearbeitet und ließ die damaligen, mit den im Buch beschriebenen Vorkommnissen verknüpften Szene-Köpfe der damaligen Zeit, darunter auch Vikernes, zu Wort kommen. Das Buch mit den darin abgedruckten, ungefilterten wie unkommentierten Gesprächen wurde in und außerhalb der Szene kontrovers aufgenommen. Die Verstrickungen von Autor Michael Moynihan in die rechtsextreme Szene heizten die Diskussionen um das Werk zusätzlich an. Viele Jahre nach seiner Veröffentlichung nahm sich Jonas Åkerlund dem Buch an und arbeitete als ausführender Produzent, Autor und Regisseur an einer Verfilmung dessen. In Bezugs auf das Thema erweist sich der Schwede, welcher sich als Videoclip-Regisseur für Madonna, Sigur Rós, The Prodigy oder Rammstein einen Namen machte, als gute Wahl. Von 1983 bis 1984 saß er unter dem Pseudonym Vans McBurger hinter dem Schlagzeug der schwedischen Metal-Band Bathory, welche mit ihrem Sound u. a. auch den Black Metal beeinflusste und deren bekanntes Goat-Motiv des Debütalbums häufiger auf den Shirts der Figuren des Films zu sehen ist.

Dieser entpuppt sich als zweischneidige Angelegenheit. Lords of Chaos schildert die Geschichte aus der Sicht von Øystein Aarseth, der als Erzähler fungiert und mit Voice Overs die Geschichte vorantreibt und kommentiert. Euronymus ist der Verbindungspunkt mit dem Zuschauer, der diesen aktiv anspricht, während der Film über weite Strecken die Handlung so nüchtern anpackt, dass eine distanzierte Kühle entsteht. Ansatzweise erinnert man sich in den Schlüsselmomenten rund um Aarseth und den Anfangstagen seiner Band Mayhem sowie dem kriminellen Treibens seines "Inner Circle" nach der Gründung des Plattenladens Helvete in Oslo bei deren Darstellung an die unmenschlich kalte Stimmung einiger Black Metal-Songs erinnert. Als Kenner der Materie besitzen manche Szenen trotz des Wissens, was folgt, eine unangenehme Wirkung. Der Suizid des ersten, schwer depressiven Sängers Per Yngve "Dead" Ohlin und der von Bård "Faust" Eithun begangene Mord an einem Homosexuellen in Lillehammer sind durch Åkerlunds stiller Beobachter-Perspektive schwer im Magen liegende Szenen die nachhallen.

Leider wird diese Sicht auf die vergangenen Zeiten von Momenten durchbrochen, in denen die Geschichte und die darin vorkommenden Menschen für ein hippes, PC-getreues Publikum und deren Sensationslust vorgeführt wird. Metal-Fan als solche und Black Metal-Anhänger insbesondere erscheinen in ihrer Andersartigkeit ein gefundenes Fressen für Szenen, die plump provokativ wirken sollen und damit höchstens in ihrer Blase durch gentrifizierte Trendviertel schwebendes Hipstervolk oder Senioren jenseits der 80 schockieren können. Nicht von ungefähr erinnert das an Reportagen der Vice. Diese hat Lords of Chaos mit ihrer Firma Vice Films mitproduziert und hat den Black Metal schon zu früheren Zeiten für sich entdeckt. True Norwegian Black Metal - ein Begriff der auch im Film selbst häufiger fällt - ist eine von der Vice produzierte Kurz-Dokumentations-Serie über die extreme Spielart des Heavy Metals. Wie das zugrunde liegende, verfilmte Buch wurde diese alles andere als gut aufgenommen und den Machern absichtliche Falschinformation vorgeworfen; Hauptsache die Zielgruppe erhält neues Futter über die "abartigen" Andersartigkeit außerhalb der eigenen Blase.

Nötig hat Lords of Chaos dieses Gehabe eigentlich nicht. Åkerlunds Film schafft die Balance zwischen kühler Studie und True Crime-Drama und ermöglicht dem Zuschauer einen Einblick in die Anfangstage einer Szene und Musikrichtung, bei der ich selbst ständig zwischen Faszination und Abscheu schwanke. Wie das Buch enthalten sich Åkerlund und sein Co-Autor Dennis Magnusson jeglichen Urteils über die Geschehnisse. Sie lassen Euronymus sprechen und zeigen an seiner Person das ganze Paradoxon des Black Metals. In keiner anderen Spielart des Metals ist man um angebliche Authentizität bemüht und schwankt auf dem schmalen Grat zwischen ideologischer Extreme und purem Posertum. Der schwelende Konflikt zwischen Aarseth und Vikernes, begonnen bei Kleinigkeiten wie dem bemängelten Scorpions-Patch an der Jacke Vikernes' beim ersten, kurzen Aufeinandertreffen der beiden entwickelt sich zu einer hochexplosiven Mischung aus auseinander triftenden Ideologien, Eifersucht und der "existenziellen" Frage, was eigentlich true ist. Die Konzentration auf Euronymus lässt diesen zu einer tragischen Figur werden, der den Zwängen der Szene hätte entwachsen können.

Der steifen Sicht des Films auf ihren Protagonisten nach könnte man Åkerlund eine einseitige Konzentration vorwerfen. Vikernes bleibt in seiner Darstellung gefühlt eine Randfigur, obwohl er der zweite Protagonist ist. Im Vergleich mit dem Buch ein sorgsam eingeschlagener Weg und Kontrast. Das der Norweger damals eine eigentlich leicht manipulierbare wie gleichzeitig einnehmende Persönlichkeit war, die sich über die Jahre (bis in die Gegenwart) gefährlich radikalisierte, wird schnell klar. Die im jugendlichen Rebellentum anhaltende Ablehnung gegenüber der Institution Kirche, weil sie den Glauben der norwegischen bzw. skandinavischen Vorfahren vertrieb und die Vermengung mit nationalistischem Denken eskalierte in den auch im Film gezeigten Kirchenbrandstiftungen; eine Konsequenz der ersten, frühen Radikalisierung Vikernes'. Dieses leere Gefäß, welches er in Andeutungen vor dem ersten Treffen mit Aarseth gewesen schien, war gleichzeitig gerne aufnahmebereit für die satanistische, lebensverneinende Welt des Black Metal. Noch heute ist die Szene Tummelplatz vieler zweifelhafter Gestalten und Nährboden für nationalsozialistische Auswüchse.

Die in Lords of Chaos beschriebene Zeit in Norwegen (und den angrenzenden Nachbarländern) quoll über vor hungrigen und jungen Menschen, die mit dieser neuen Extremen in der Subkultur über die nächsten Jahre in der Szene für Aufsehen und Kontroversen sorgen sollten. Gleichzeitig war ihr jugendliches Alter ein offenes Tor für extreme, radikale Gedankengänge. Würde die überwiegende Neutralität des Erzählstils nicht manchmal Platz machen für die sensationshaschende Zurschaustellung einer Subkultur, aus der Åkerlund selbst entstammt, wäre der Film im Gesamtton eine Nuance eindringlicher. Ebenso verzichtet er auf einen zu befürchtenden nostalgisierten Blick in die Vergangenheit. Das wird dem Zuschauer überlassen, der - sofern Fan - beim Anblick von Platten und Postern solcher Bands wie Metal Church, Motörhead oder Mercyful Fate sich ein leichtes Lächeln wegen des gebotenen Anblicks nicht verkneifen kann. Bei mir selbst war die kurz im Bild zu sehende "In The Sign Of Evil"-LP von Sodom - die Gelsenkirchener waren mit ihrem Spiel und dem rumpeligen Sound dieser und nachfolgenden Veröffentlichungen ebenfalls ein großer Einfluss für die frühen Black Metal-Bands - ein kurzer Grund spontanen feierns. Bei aller Kritik an der unterschiedlichen Tonalität kann man auch Lords of Chaos als spannenden und interessanten Blick in eine Subkultur ewiger Extreme ansehen und feiern dessen unaufdringliche Fotografie zeigt, dass in deren Schwärze eine faszinierende Schönheit innewohnt, deren Wirken auf einen selbst gefangen nimmt und begeistern kann.
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Freitag, 23. August 2019

[Rotten Potatoes #02] Montrak

Zum ersten Mal tauchte Montrak 2002 auf der Bildfläche des deutschen Horrors auf. Über Timo Roses Label Sword of Independence wurde der Meister der Vampire dem deutschen Publikum vorgestellt. In seiner ersten Manifestation wurde der Film das, was viele Genrefans an hiesigen Produktionen aus dem Underground nicht mögen: Regisseur Stefan Schwenk und seine wie er selbst blutjunge Posse knallten einen Film zwischen gestelzt cooler Gangster-Action, Vampir-Horror und flacher Komödie auf Video, der mit einigem Enthusiasmus, aber wenig Budget und Können umgesetzt wurde. Die Jahre zogen ins Land, Schwenk realisierte mit Sick Pigs einen weiteren Film und stand häufiger bei anderen Indie-Produktionen vor der Kamera. In Zeiten des Crowdfundings versuchte der in Bayreuth geborene Enddreißiger Budget für eine Neuverfilmung seines Erstlings zu sammeln. Die benötigte Kohle kam zusammen und Schwenk konnte seine Vampirgeschichte erneut verfilmen.

Dank des höheren Budgets schenkte der Regisseur und Autor seinem Werk eine ausgedehnte Exposition und unterteilte die Geschichte in Kapitel. In den ersten beiden wird man in das Franken des 15. Jahrhunderts geführt. Dort waltet titelgebender Montrak als gottesfüchtiger Ritter, bis ihm vom Tod seine große Liebe genommen wird. Hasserfüllt sagt er sich von Gott los und wendet sich den dunklen Mächten zu. Durch einen Pakt mit Luzifer, der ihm einen magischen Ring schenkte, erhält er mit diesem ewiges Leben und wird gleichzeitig zum vampirischen Sklaven der Dunkelheit gemacht. Im kriegerischen Treiben der damaligen Zeit schart er eine Gefolgschaft um sich, dem ein Lynchmob entgegen tritt, als er mitsamt seinen Gefährten entdeckt wird. Um diese und die Vampire selbst in Vergessenheit geraten zu lassen, lässt er sich vom Mob töten. Zeitsprung in die Gegenwart: ohne Job, ohne Freundin und ohne großes Selbstbewusstsein gammelt Frank wieder bei seiner Mutter und seinem nervigen Bruder.

Dieser zeitliche Bruch brilliert in den ersten Minuten durch die unglückliche Entscheidung Schwenks, den komödiantischen Part des Ursprungsfilms in die Neuverfilmung zu übertragen. Mehr peinlich wie lustig fällt die Umsetzung aus. Alle vorgestellten Charaktere wirken unsympathisch, das dargestellte Familienklischee mit sich angiftenden Brüdern wirkt, je länger die Szene andauern, deplatziert. Mit Frank und dessen bald hinzukommenden besten Freund, der ein fürchterliches Cowboy-Faible besitzt, hangelt sich der Zuschauer durch eine ebenso dümmliche Disco-Szene, in welcher der neue Protagonist auf Nikki trifft. Es stellt sich raus, dass sie eine Vampirin ist, die zum Clan Wladislaws gehört, welcher zu den wenigen Überlebenden aus Montraks Gefolge gehört. Aus dem Untergrund heraus versucht Wladislaw seinen Meister mit Hilfe seines Rings wiederzuerwecken. Dafür benötigt er einen Menschen, der blind vor Zorn grenzenlosen Hass in sich trägt.

Um das Vampir-Epos abzurunden bricht Schwenk in seiner Geschichte ein letztes Mal und führt mit Harry eine weitere neue Figur ein, an die es sich zu gewöhnen gilt. Dieser gehört einer im Untergrund für die Regierung arbeitende Einheit an, welche sich mit übernatürlichen Phänomenen beschäftigt, welche Wladislaws Gang dicht auf den Fersen ist. Diese Einheit hat für Montrak selbst zwei Bedeutungen: einerseits ist es die klar definierte Opposition zu den vampirischen Antagonisten und zum zweiten bietet sie Anlass, dass krampfig coole Typen mit dicken Wummen durchs Filmset laufen und kontinuierlich rumballern dürfen. Es sind Momente, in denen man den Einfluss des Heroic Bloodshed-Films und Tarantinos Aufgreifen von dessen Elemente verflucht. Es scheint ein eisernes Gesetz zu geben, welches besagt, dass deutsche Amateur- bzw. Indie-Produktionen aus dem Horror-Bereich Figuren haben muss, die in Anlehnung an das Hong Kong-Kino bzw. Tarantinos Filmen per Definition cool agieren und mit möglichst vielen Wummen rumballern müssen.

Schwenks eingeschlagene Richtung kostet dem Film neben der Kontinuität und einen erzählerischen Fluss, zu häufig wird dieser mit der immer neuen Einführung von Figuren - den Subplot über einen Bauern der Montraks Ring habhaft wird könnte man sich komplett schenken - unterbrochen auch den sich in der ersten Hälfte entwickelnden guten Eindruck. Die Szenen im Mittelalter sind stimmig umgesetzt. Zeitweise mögen diese an Fan-Videos aus der Mittelalter-Szene erinnern; der Ansatz sich ausführlich mit Montraks Weg ins Dasein als Vampir zu beschäftigen bleibt positiv im Gedächtnis. Mehr lineare Struktur des Scripts hätte dem Film besser getan als der Versuch, wie z. B. Tarantino weitere Figuren einzuführen, damit diese im Finale aufeinander treffen können. Wobei man sich bei Frank fragt, ob er lediglich als Überbleibsel des Ursprungs eingeführt wurde oder Schwenk einen tieferen Sinn mit diesem verfolgt. Montrak bläht sich auf zwei eine epische Laufzeit von zwei Stunden aus, ohne diese in der zweiten Hälfte komplett sinnvoll zu nutzen.

Die für das Projekt gewonnenen, durchaus namhaften Darsteller - darunter Sönke Möhring, Dustin Semmelrogge, Diese Drombuschs-Darstellerin Sabine Kaack, "Tech-Nick" Antoine Monot Jr., "Gina Wild" Michaela Schaffrath, Cosma Shiva Hagen, Udo Schenk oder Charles Rettinghaus (u. a. die deutsche Synchronstimme von Jean-Claude Van Damme) verleihen Montrak weitere Größe, um das Gesamtwerk final gewaltiger wirken zu lassen, als es überhaupt ist. Mit einem lässigen "Schaut, wen ich für das Ding alles heranpfeifen kann!" winkt Schwenk fast schon selbstgefällig dem Zuschauer zu. Das ist durchaus beachtenswert, lässt aber nicht übersehen, dass Montrak in der zweiten Hälfte seine geringe Eigenständigkeit zu Gunsten der Orientierung am Hollywood-Duktus aufgibt. Die coolen Schießereien wirkten schon vor gut 20 Jahren im deutschen Amateur-Film deplatziert und meist lächerlich als tatsächlich mitreißend. Mit einer geradlinigeren Storystruktur und einer größeren Konzentration auf den Horroranteil hätte Montrak sich weitaus höher als letztendlich im Durchschnitt platzieren können. Zwar orientiert sich Schwenk in den Gegenwarts-Kapiteln leicht an Filmen wie dem Vampir-Kult The Lost Boys, hätte dort aber zumindest mehr beim Zuschauer gewonnen, als mit dem halbgaren Action-Horror-Endergebnis.
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