9. Januar 2018

Get Out

Get Out traf im vergangenen Jahr den Nerv vieler Fans. Jordan Peeles Debüt als Regisseur dürfte wohl der gehypteste Genrefilm 2017 gewesen sein. Endlich wieder ein intelligenter Horrorfilm, der zudem ein brandaktuelles Thema aufgreift und daraus eine spannende Geschichte strickt, hieß es. Im Mittelpunkt derer steht ein junges Pärchen, Chris und Rose, deren erster Besuch bei Roses' Eltern seit Beginn ihrer Beziehung ansteht. Ist bei so einem ersten Treffen die Aufregung und die Frage, ob man von der Familie des Partners akzeptiert wird, ohnehin stark präsent, wird Chris doppelt von diesen Gedanken gemartert. Er brauche sich aber, so Rose, über seine schwarze Hautfarbe keine Sorgen zu machen. Ihre Eltern seien keine Rassisten. Nach ihrer Ankunft bei diesen scheinen Chris' Gedanken diesbezüglich vollkommen unbegründet. Was sich nach und nach ändert, als er zuerst die beiden schwarzen Hausangestellten sieht und bei einer Feier seiner Schwiegereltern in Spe auf deren Freunde, dem gehobenen Bürgertum entstammende, reiche Weiße, trifft die sich äußerst seltsam verhalten. Da ahnt Chris noch nicht im geringsten, wo er überhaupt gelandet ist.

Das Get Out, jüngst für den Golden Globe 2018 als bester Film in der Kategorie Komödie/Musical nominiert, überhaupt so hohe Wellen geschlagen hat, dürfte seinem Thema geschuldet sein. Der Rassismus, lange Zeit nur traurige Randerscheinung, rückte zurück ins Bewusstsein der Gesellschaft. Während auf dem europäischen Festland nationalistische und weit rechts zu verordnende Parteien wie die AfD, der Front National oder die Partei für die Freiheit viel Zuspruch einheimsen konnten, zog mit Donald Trump in den USA ein zwischen debilem Größenwahn und aggressivem Rechtspopulismus schwankender Mann als Präsident ins Weiße Haus ein. Schon davor wurden die Vereinigten Staaten von Unruhen erschüttert, Meldungen von willkürlich von der Polizei erschossenen Schwarzen geisterten immer wieder präsent durch die Medien. Trump wühlte mit seinem breiten Pflug aus Rassismus und Vorurteilen das Feld auf und säte erfolgreich einen egoistisch ausgelegten Nationalismus, der den einfach gestrickten Worten dieses Mannes auch aggressive Lösungen gegenüber der Bedrohung von Fremden befürwortete. Wenn eine Genreproduktion wie Get Out sich dessen zum Thema macht, klingt dies nicht nur kalkuliert, sondern durchaus auch als zur richtigen Zeit abgegebenes Statement.

Leider ist das Endergebnis bei weitem nicht so toll wie angenommen. Da kann man Stimmen, die den Film zum intelligentesten Beitrag des Horrorfilms für das Jahr 2017 machten, erschreckend finden. Bedient sich Get Out leider sehr unangenehmer Klischees, die sich im Verlauf des Films so widerwärtig ausbreiten, das jeglicher gute Ansatz des Films zunichte gemacht wird. Was zu Beginn mit einer unangenehmen Stimmung zu gefallen weiß, wird im weiteren Verlauf ein schematisch zu bekannt aufgebautes "Strike Back"-Szenario. Wenn man wie in der ersten Hälfte darauf vertraut, eine dichte Atmosphäre aufzubauen, die langsam und kurz unangenehme Andeutungen aufblitzen lässt, funktioniert Peeles Werk ziemlich gut. Man fühlt sich wie Chris unbehaglich und hat ständig im Hinterkopf, dass etwas sehr seltsames vor sich geht. Lässt das Drehbuch dann nach und nach die Hüllen fallen und dreht nach seinem langsamen Aufbau auf, bedient man sich leider gängiger Muster, die weit über dem Verfallsdatum sind. Der psychisch ausgeübten Gewalt, der versuchten Manipulation wird eine blutrünstige, gnadenlose Vendetta entgegen gestellt als wollten die Drehbuchautoren dem weißen Establishment und allen anderen Rassisten den Krieg erklären.

Deren aufgedeckte Motivation, wieso man nun nach den physischen wie psychischen Vorzügen der Schwarzen giert, ist unglaubwürdig und ein zu schräger Gedankengang, dass er zu dem vormals aufgebauten Szenario passt. Das man zudem das weiße Establishment und das gehobene Bürgertum angreift, sie als in die Gegenwart gesetzte Pervertierung dessen zeigt, was früher die reichen Farmen- und Plantagenbesitzer in der Zeit vor dem Bürgerkrieg waren, erscheint billig. Das weitaus größere Klischee ist leider das Bild der Schwarzen in Get Out. Wenn ein Film clever sein will und hier gängige Vorurteile und Klischees bedient, wie sich der "behütete" oder es nicht besser wissende Weiße diese eben vorstellt, ist dies im Endeffekt mehr unangenehm und dumm. Trauriger Höhepunkt ist Chris' bester Freund, der einer schlechten Komödie entsprungen zu sein scheint. Der durch diesen eingeschobene Humor ist komplett fehl am Platz und störend. Jeglich gewollter und mühsam aufgebauter Ernst wird mit seinem Auftauchen im Finale zunichte gemacht.

Bedauernswert an Get Out ist der Umstand, dass er ab der zweiten Hälfte sein gewiss vorhandenes Potenzial an die Wand fährt. Seine politische Brisanz, die der Stoff im Ansatz besitzt, wird zu einem ausgelutschten Horrorthriller der letztendlich eine üble Bauchlandung im wüsten Sumpf der Durchschnittlichkeit hinlegt. Wenn Chris gegen die Rassisten zurückschlägt, ist selbst die damit aufkommende Katharsis auf empathischer Ebene für den Zuschauer fast nicht vorhanden. Die aufgebaute Beziehung zwischen Protagonist und Rezipienten lässt man fallen um dem Publikum das zu geben, was es in solcher Situation erwartet: Blut und gnadenlose Rache. Das riecht nach einem Zugeständnis für ein breiteres Publikum, dem 08/15-Gucker, dessen Erwartungen damit befriedigt werden. Aus dem Intelligent wird ein Pseudointelligent und ein Schwanz einziehen der Macher, um aus Get Out wirklich einen schlau erzählten Film zu machen, der von der sorgfältig aufgebauten ersten Hälfte vor einem Totalversagen gerettet wird. Ansatzweise ist zu spüren, dass die benutzten Klischees dazu hätten führen können, den angeprangerten Rassismus innerhalb der Gesellschaft als selbstzweckhaftes Mittel zu nutzen, um einen Horrorthriller unter vielen mit vermeintlich realistischem Anstrich zu schaffen. Es nützt nichts, aktuelle Themen im Subtext des Genrefilms zu verarbeiten, wenn diese so klischeehaft überzeichnet werden. Es ist immer schön, wenn man in solchen "speziellen" Filmen Gesellschaftskritik herauslesen kann. Ärgerlich wird es erst dann, wenn wie bei Get Out diese nicht richtig ankommt, weil die vermeintlichen intelligenten Messages zwischen den Zeilen wie Seifenblasen zerplatzen.