Dienstag, 13. Dezember 2016

Metalhead

Die Zeiten, in denen in die Pubertät kommende Jugendliche Heavy Metal und die Symbole dieser Subkultur nutzen, um ihre Eltern zu schockieren oder provozieren, dürften weitgehend vorbei sein. Aus meiner eigenen Jugend kann ich sagen, dass ich - ebenfalls in jungen Jahren dem Metal verfallen - nur leicht unseren Pfarrer des Konfirmantenunterrichts aus der Reserve locken konnte. Trotz aller Bemühungen, aufzufallen und eben zu provozieren. Hera, die Protagonistin von Metalhead, eckt mit ihrer Art im kleinen Nest in dem sie lebt schon mehr an. Eines Tages muss sie mit ansehen, wie ihr Bruder Baldur bei einem Unfall auf dem Feld ihres kleinen Bauernhofes verunglückt und ums Leben kommt. Es geschieht über Nacht, dass das damals 12-jährige Mädchen in das Zimmer des Bruders stapft, mit seiner Gitarre klampft, eins seiner Metalshirts anzieht, Musik auflegt und ihr altes ich in Form ihrer alten Kleidung verbrennt.

Nach einem zeitlichen Sprung des Films sehen wir Hera als 18-jährige, voll und ganz in ihrer Welt des Metals lebend. Die Eltern leben vor sich hin, driften in ihrer Beziehung auseinander. Über den toten Bruder wird kaum gesprochen. Hera träumt von einem Leben in der Stadt, spricht immer wieder davon, in diese zu ziehen, bleibt aber auf der Bank der Haltestelle hängen. Sie hängt, wie die übrigen Familienmitglieder, fest. Der für den Zuschauer spürbare Schmerz, die restliche Trauer um den toten Sohn bzw. Bruder wird von den Mitgliedern der kleinen Familie ausgegrenzt und wortlos mit sich wohnen gelassen. Schmarotzerhaft zehrt er von allen (Lebens-)Energie. Einen kleinen Wandel gibt es, als in die kleine Gemeinde ein neuer Pfarrer kommt. Für Hera selbstverständlich ein Feindbild, entdeckt sie doch durch eine Fernsehreportage über Kirchen in Norwegen, welche in Brand gesteckt worden sind, den Black Metal für sich. Anhänger dieser nihilistischen Strömung sollen laut dem Bericht für die Brände verantwortlich sein.

Aber auch Hera taut auf, nachdem sie durch eine offensiv ehrliche Aktion des Pfarrers bemerkt, dass dieser ebenfalls ein Metal-Fan ist. Das Mädchen steckt ihre Hoffnungen in diesen neuen Kontakt, von denen sie wenig hat. Sie öffnet sich, vertraut ihm ihre Ängste an und versucht, zarte Bande mit ihm zu knüpfen. Die Zurückweisung des viel älteren Mannes, verdaut sie alles andere als gut und begeht eine große Dummheit. Regisseur Ragnar Bragason zeichnet bis zu diesem Punkt mit seinem Film ein interessantes Porträt einer jungen Frau, die sich selbst ihre Außenseiterrolle gesucht hat und in dieser kleinen, selbsterschaffenen Welt mit dem tieferliegenden Auslöser für diese Handlung nicht fertig wird. Schon das Plakatmotiv des Films zeigt uns diese zwei Seiten Heras. Das einzig "provozierende" ist dabei Heras Corpse Paint, die typische schwarz-weiße Gesichtsbemalung von Black Metal-Anhängern. Gleichzeitig hebt diese Bemalung den erschöpften Gesichtsausdruck von ihr hervor. Sie ist erschöpft von ihrem stagnierenden seelischen Zustand, den Hera durch Verdrängung, das sich flüchten in eine andere Welt, kompensiert.

Wie Bragason seine Geschichte dann weiter erzählt, kann man mit gemischten Gefühlen sehen. Der Bruch Heras mit dem alten Leben, das erhöhren der bisher von ihr verschmähten Liebe des besten Freundes Gunnars kommt so plötzlich wie die sehr milden Konsequenzen aus ihrer begangenen Dummheit. Das fühlt sich zuerst recht weichgespült an, als würde Bragason hier eine Kappe Hollywood-Dramen-Auflösung in sein Buch schütten. Richtig stören kann man sich daran nicht. Bis dahin haben es Bragason und seine Darsteller geschafft, uns greifbare Figuren zu präsentieren, die uns nahe gehen. Da verzeiht man auch einige Griffe in die Klischeekiste, gerade was die Figur des Pfarrers und die Zeichnung von Hera angeht. Ihr aufmüpfiges Wesen, das anecken und um jeden Preis auffallen zu wollen, driftet leicht in peinliche Gefilde ab, nur um diese dann elegant zu umschiffen. Die von Þorbjörg Helga Þorgilsdóttir sehr gut dargestellte Protagonisten wächst einem zudem äußerst schnell ans Herz. Man verzeiht Metalhead solche kleinen Aussetzer und das fröhlich anmutende Ende, das aufgesetzt wirkt und die Botschaft wie manches Feelgood-Movie aus den USA nochmal dem letzten auf der Leitung stehenden Zuschauer in den Kopf knallt.

Feelgood-Movie ist ein Begriff, den ich auch ruhig für Metalhead benutzen kann. Einige sehen in dem Film eine Verbeugung vor dem Genre, was nicht gänzlich falsch ist, allerdings bei weitem nicht die wirkliche Absicht des Films. Es ist - das merkt man, wenn man selbst Jahre lang in dieser Szene war - auf jeden Fall ein Kenner und Liebhaber der Musik am Werk gewesen und vielleicht empfinde ich auch wegen seiner Anspielungen (als ich das Poster zum Annihilator-Album "Never, Neverland" an Heras Zimmertür hängen sah, ging in mir schon das Fanherz auf) den Film als Feelgood-Movie. Selbst dann, wenn er seine so einfach gestrickte Botschaft, dass Trauer dazu da ist, um sie zu verarbeiten und nicht sich ihrer zu ergeben, ebenso simpel transportiert. Potenzial, die Geschichte um ein Mädchen, welches durch seine Trauer sich in die leer gewordene Stelle und Rolle des Bruders schiebt und eine Familie, die aufgrund ihrer Trauer beinahe zu zerbrechen droht da sie von dieser erdrückt wird, noch etwas tiefgründiger, mehr ausgearbeitet zu erzählen, hat er. Den von Bragason gewählte einfachere Weg mag zuerst schade wirken, ist allerdings vollkommen okay. Seine Bilder, die reduzierten Farben, der wirklich sehr gute Soundtrack (sowohl Songs als auch ergänzende Kompositionen) und gut aufgelegte Darsteller ergeben einen Film, ähnlich wie Islands Landschaften. Richtig schön, wenn auch hier und da steinig und unwegsam.
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Sonntag, 11. Dezember 2016

Snuff Trap - Die Kamera läuft...

Redet man über den italienischen Genrefilm und seine Regisseure, dann fallen meist auch mit wohlwollendem Ton Namen wie Mario Bava, Sergio Martino, Dario Argento, Lucio Fulci, Alberto de Martino oder Umberto Lenzi. All diese Männer haben ein gewisses Niveau in ihren Filmen - selbst Lenzi und Fulci, trotz einiger ultra-exploitativer Filme wie Die Rache der Kannibalen oder Der New York Ripper und deren Filme ab Ende der 80er ausgenommen. Wenn es um italienischen Genrefilm geht, dann hat man auch noch Männer wie Bruno Mattei. Mattei, oft mit seinem filmischen siamesischen Zwilling Claudio Fragasso unterwegs, wird oft mit Worten wie Schnellschuß, Katastrophe oder einfach (Ultra-)Trash assoziiert. Mit allem hat man auch recht, ist das Niveau in seinem Filmen doch selbst mit einem Mikroskop kaum auffindbar. Mit Die Hölle der lebenden Toten und Riffs 3 - Die Ratten von Manhattan schuf Mattei zwei kleinere (Schundfilm-)Legenden. Ersterer, weil er (vor allem mit der deutschen Synchronisation) so schnoddrig und unterhaltsam in all seiner Dreistigkeit ist, letzterer weil er wirklich eine hübsche Atmosphäre bietet und (Zitat Christian Keßler) "geil langweilig" ist.

Mattei filmte bis zum Schluss: selbst 2007, seinem Todesjahr, findet man mit Zombies: The Beginning einen Eintrag in seiner Filmographie. Über die Jahre verloren - nicht nur bei Mattei - die kleinen Filme aus der Trash-/Exploitation-Ecke durch die digitale Technik ihren Charme. Pfennigfuchsende Filmemacher wie Mattei und Co. schworen allerdings auf die leicht zu bedienende und vor allem günstige Art des Filme machens. Snuff Trap, im Jahr 2004 entstanden, kämpft auch mit der Sterilität des Mediums, obwohl diese wegen der Thematik des Films eigentlich passend wäre. Die Betonung liegt ausdrücklich auf eigentlich, denn Mattei ergreift die Gelegenheit nicht beim Schopfe, dies zu herausstechen zu lassen. Viel mehr legt er mit Snuff Trap das ab, was er wirklich gut konnte: eine dreiste Kopie eines bekannten Vorbilds. Erwischt hat es diesmal den fünf Jahre zuvor entstandenen 8MM - 8 Millimeter, den ich vor nicht allzu langer Zeit hier besprochen habe. Eine lustige Fügung des Schicksals, eröffnete sich das ganze (Trauer-)Spiel somit in all seiner Pracht. Mattei lässt hier keinen Privatdetektiv im Porno-Untergrund ermitteln, sondern Michelle, die Mutter der nach einer wilden Diskonacht entführten Lauren. Nachdem diese nicht nach Hause kommt, ermahnt der Vater zur Ruhe, junge Töchterchen machen sowas ja schon einmal gerne.

Der Vater hat allerdings auch seine politische Karriere vor Augen, die er durch so einen Skandal davonschwimmen sieht. Er stattet die Gattin mit einem stattlichen Budget von einer Millionen Dollar aus, damit diese nicht zur Polizeit geht sondern anders versucht, Lauren ausfindig zu machen. Da kommt nun ein Privatdetektiv doch ganz recht, Mattei scheint diesen beim Schreiben im Anflug von spontanter Demenz komplett vergessen zu haben. Nach einem einmaligen Besuch spielt dieser keine Rolle mehr, obwohl er den Auftrag annimmt. Dafür lernt Michelle in den weniger schönen Straßen von Paris und seinen Erotikläden Jean Luis kennen, ein Verkäufer, der sie tiefer in die Welt der leichten Mädchen und der Pornografie einführt. Er bringt sie auch zu einigen Untergrund-Märkten für spezielle Pornografie. Wie in 8MM wird hier die Existenz von Snuff verleugnet, aber Michelle schafft es mit vollem Körpereinsatz, ihre Recherche zu vertiefen und stößt auf Dr. Hades. Dies soll ein Pornoregisseur sein, der jeden Wunsch von zahlungswilligen Kunden in seinem Filmen erfüllt und der neben seinen SM-Pornos auch Snuff drehen soll.

Mattei schreckt in Snuff Trap nicht zurück, in der ersten halben Stunde seines Films zentrale Szenen von Joel Schumachers Film zu kopieren. Hier und da variiert er geringfügig, spinnt neues dazu und fährt schnell das filmische Vehikel an die Wand. Der Anfang versprüht dabei leicht den Charme alter Trasher des werten Brunos, wenn ein tumber Kerl mit wenig Aufwand Lauren zum Rummachen im Auto überredet. Ganz großer Sport wird Snuff Trap eben dann, wenn innerhalb kürzester Zeit die große Vorlage aus Hollywood abgehandelt und zusammengefaßt wird. Charmant ist das schon nicht mehr, doch diese kaltschnäuzige Dreistigkeit sucht ihres Gleichen, wenn man die Szenen in Snuff Trap mit denen in 8MM vergleicht. Einstellungen und Szenenfolgen werden nur leicht variiert fast komplett übernommen. Natürlich ist alles eine Spur kleiner, einfacher und weit weniger atmosphärisch. Das digitale Filmmaterial lässt dies ohne große Bearbeitung oder Mühe zur Sorgfalt nicht zu, wäre als Stilmittel in der Gesamtdarstellung des Films ein interessanter Aspekt für den Film gewesen. Sowas interessiert einen Bruno Mattei allerdings herzlich wenig.

Obwohl der italienische Genrefilm im Ganzen und gerade auch Mattei in der Darstellung nackter Tatsachen und Gewalt nie zimperlich waren, so ist auch das geringe Budget und der schnell dahingerotzte Charakter von Snuff Trap ausbremsend, wenn es um Schauwerte geht. Wäre Mattei in einem guten oder sehr guten Moment diese Idee gut zwanzig Jahre früher gekommen und hätte sie umgesetzt, wäre der Film im besten Falle ein schmierig-schäbiges Stück Film wie vielleicht Mario Landis Giallo A Venezia geworden. Doch bis auf einige SM-Accessoires, bestimmt direkt in den vielen gezeigten Sexshops erworben, den großen Brüsten von Hauptdarstellerin Carla Solaro und einigen sehr einfach gehaltenen Bluteffekten bietet der Film nicht viel. Viel mehr stolpert die blonde Dame auf ihrer Suche nach dem Töchterchen durch die Rotlichtbezirke der französischen Hauptstadt, was Szenen heraufbeschwört, die Anmuten, als hätten einige übermotivierte Amateurfilmer versucht in einem Schnellschnuss Robert de Niros wandeln durch das nächtliche New York in Taxi Driver zu imitieren. Hier ein Pornokino, da ein Sexshop, dann nochmal die Solaro, schon kommt die nächste Bude die in irgendeiner Weise was mit Pornographie zu tun hat. Das ermüdet, füllt aber die Laufzeit.

Schnell wird man auch als abgebrühtester Trashfilm von Snuff Trap auf die Probe gestellt, der reine Trash-Appeal geht verloren und blitzt nur dann leicht auf, wenn Anita Auer als Dr. Hades vor die Kamera tritt. Das ist entgleisendes Method Acting mit dem Mienenspiel eines Stummfilmdarstellers, der zuvor eine Palette Energy Drinks abgepumpt hat. Nach amüsiertem Gelächter über Matteis stumpfen kopieren, dem schlechten Schauspiel, wenigen unglaublichen Szenen macht sich die Ernüchterung breit. Es wird gewahr, das Snuff Trap ein runtergeleiertes Cash-In ist, um auch mit der Thematik des Snuffs einige unvorbereitere Käufer zu finden. Mattei konnte dies gut (seine oben genannten Kollegen zum Teil ja auch) schon immer gut, aber je neuer die Filme werden, desto weniger Charme können sie entwickeln. Da bleiben am Ende dann auch unnötige, unglaubliche Szenen wie Michelles Casting bei einem Pornoproduzenten, natürlich mit nackten Tatsachen für den Zuschauer verbunden, welches sie und die Handlung nicht weiterbringt, fade im Gedächtnis hängen. Snuff Trap ist dann leider doch ein Trauerspiel, trotz weniger Momente, in denen die unfreiwillige Komik für Unterhaltung bieten kann.
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Samstag, 10. Dezember 2016

Lights Out

Die Frau greift an den Lichtschalter, löscht dieses und im Türrahmen zeichnet sich in der fahlen Dunkelheit die Silhouette einer Frau ab. Nach dem ersten Schrecken schaltet sie schnell wieder das Licht an. Nichts. Da ist niemand in der Wohnung. Ein Hirngespinst? Hervorgerufen durch diese unheimliche Wirkung, welche die Dunkelheit mit sich bringt? Sie beruhigt sich wieder, schaltet das Licht aus... und die Silhouette ist wieder zu sehen. Eine menschliche Gestalt, genauer gesagt eine Frau, zeichnet sich ab. Der Schrecken fährt ihr nochmals, weitaus heftiger, in die Glieder. Da muss etwas sein. Zudem ist die Gestalt näher als zuerst. Sie spürt, wie ihr langsam die Angst in Form kalter Schauer in Windeseile die Glieder hochfährt. Sie macht das das Licht wieder an...

Was in David F. Sandbergs Kurzfilm aus dem Jahr 2013 noch sehr gut funktioniert, ist als abendfüllender Spielfilm häufig sehr unbefriedigend. Die Idee, dass mit dem Löschen des Lichts der Dunkelheit und ihren düsteren Schatten und Kreaturen Platz gemacht wird, spielt schön mit unserer Urangst vor dem abendlichen Schwarz, welches uns Tag für Tag umhüllt. Vielleicht kennt man es noch aus Kindertagen, wenn die Schlafenszeit gekommen ist, und die Monster unter dem Bett oder eben die schwarzen Männer - draußen oder als Schrankbewohner - ihren Dienst antraten. Da werden im Zwielicht sogar Alltagsgegenstände "dank" unserer Fantasie zu furchterregenden Kreaturen. David F. Sandberg greift dies auch in der langen Version von Lights Out auf. Im Mittelpunkt der Geschichte steht hier der kleine Martin, gebeutelt vom plötzlichen Tod des Vaters und der darauf sehr verschlossen erscheinenden Mutter. Sie schließt sich ein, scheint psychisch stark angeschlagen zu sein, was sich auf ihren kleinen Sohn niederschlägt. Es raubt ihm wortwörtlich den Schlaf, was zur Folge hat, dass er in der Schule öfters einschläf. Dies ruft nicht nur die Jugendbehörde, sondern auch seine Schwester Rebecca auf den Plan, die damals die Familie im Streit hinter sich gelassen hat. Sie nimmt sich Martin an, als sie merkt, dass deren Mutter Sophie wieder anfängt von einer geheimnisvollen Freundin Namens Diana zu sprechen.

Sandberg könnte man es eigentlich auch nicht übel nehmen, dass er wie so viele Horrorfilme aus dem amerikanischen Raum den Schrecken und die Konfrontation mit dem Übernatürlichen auch mit innerfamiliären Konflikten und deren Auflösung verbindet. Die Schreiber der Traumfabrik nehmen sich dieser Art der Geschichtenerzählung seit Jahrzehnten gerne an; der Zuschauer ist damit bestens vertraut. Besitzt man das Gespür, die tragischen mit den Grusel bringenden Komponenten zu verbinden, kann durchaus gut funktionierende Horrorkost enstehen. Das Problem von Sandberg ist, dass diese beiden Grundpfeiler beide für sich stehen und niemals wirklich ineinander greifen. Der Einstieg, welcher den Tod des Vaters zeigt und auch die unheimliche Entität und ihr Gimmick etabliert, ist stark in seinen Schockeffekten ausgearbeitet und bietet einen überzeugenden Beginn. Die Story entwickelt sich mit schleppender Zähigkeit und trotz einer knackigen Laufzeit von gerade einmal 80 Minuten möchte man bei Lights Out zu gerne in bester Stefan Raab-Art mahnend auf die (imaginäre) Stelle der Armbanduhr zeigen um zu signalisieren, dass es weiter gehen muss. Sandberg schafft es, eine theoretisch interessante und auch spannend erscheinende Geschichte und ihre Entwicklung in dieser kurzen Laufzeit des Films höhepunktlos zum Ende zu schaukeln.


Es bleiben die Schockeffekte, für die der gebürtige Schwede ein gutes Gespür besitzt. Wenn in der Dunkelheit die nur in dieser existieren könnende Gestalt auftaucht, schafft es Lights Out mit wenig Aufwand einige nette Einfälle gekonnt umzusetzen. Jegliches Licht lässt die unheimliche Gestalt verschwinden und so sind sogar - der modernen Technik sei Dank - Screens von Smartphones die Rettung vor der Bedrohung. Selbst wenn Sandbergs Kreatur in ihrem Bewegungsablauf grob an die abgehackten Bewegungen japanischer Geistermädchen á la Sadako und Co. erinnert, kann diese bis zum Finale meist nur als Silhoutte und schwarzes Etwas dargestellte Figur dem Zuschauer so einige hübsche Gruselmomente schenken. Das Finale gipfelt in einer finalen Konfrontation zwischen endgültiger Katharis beim Konflikt zwischen der ältesten Tochter und ihrer Mutter, der sich die ganze Zeit zuvor im Kreis drehte. Das hält den Film in seiner Entwicklung so stark auf, dass sein Spiel mit den menschlichen Urängsten vor Dunkelheit und was darin lauern kann - egal ob real oder nur ein Gespinst unserer Gedanken - geschwächt wird. Auch der Ansatz bzw. die Interpretation, dass all das finstere Spiel auf eine psychische Erkrankung der Mutter zurückzuführen und letztendlich eine weltliche Manifestation ist, bleibt "dank" der auf der Stelle tretenden Geschichte eine Randnotiz. Lights Out bietet nette Spielereien und Einfälle, die eingefügt in die 08/15-Bausteine für Durchschnittshorrorfilme aus der Traumfabrik darin einfach untergehen. Es ist eben einer dieser Filme, bei denen man trotz des durchschnittlichen Gesamteindrucks denkt, dass es richtig schade um die einzelnen, guten Ideen ist, weil man weiß, da wäre mehr drin gewesen.
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Mittwoch, 30. November 2016

Die 36 Kammern der Shaolin

Selbst wenn sich jemand nicht groß für Eastern bzw. Martial Arts-Filme begeistern kann, von den 36 KAMMERN DER SHAOLIN dürfte man zumindest dem Hörensagen nach schon einmal etwas gehört haben. Dem Film eilt ein gewisser Ruf voraus und gilt beinahe als Legende des Kung Fu-Films. Bei mir selbst stand der Film auch jahrelang auf der "Will ich mal sehen"-Liste, eine erste Auswertung auf DVD wurde mir madig gemacht, da der Film eine neue Synchronisation erhielt. Mit der jüngst erschienenen Blu Ray/DVD-Kombo von filmArt kann man den Film auch mit der alten Kinosynchro genießen.

Richtig komplex ist die Handlung von DIE 36 KAMMERN DER SHAOLIN nicht. Sie folgt einem einfachen Muster, dass schon bei seinem Kinostart den Freunden des Genres vertraut war. Die Mandschu-Regierung führt das Land mit eiserner Hand. Eine Gruppe von Rebellen, geführt von Ho, einem Lehrer an der Universität von Kanton, fliegt beim Transport geheimer Nachrichten auf. Unter den Rebellen befinden sich auch einige von Hos Schülern. Einer davon, Liu Yu-Te, kann sich in ein nahe gelegenes Shaolin-Kloster retten und möchte dort deren Kampfkunst erlernen, um die erlernten Fähigkeiten im Kampf gegen die Regierung einzusetzen. Die neutralen Mönche lehnen erst ab. Der Abt gibt ihm allerdings eine Chance.

Nachdem Liu Yu-Te sich zuerst als Küchenkraft verdingen musste, darf er die 35 Kammern (bzw. Stufen der Ausbildung) durchlaufen und schafft dies mit Bravour. Er verlässt das Kloster, weil man seinen Vorschlag eine 36. Kammer einzurichten, um dort dem Volk einfache Kenntnisse im Kung Fu zu lehren, ablehnt. Als Bettelmönch trifft er auf den Mandschu-General Tien Ta, der damals für die Zerschlagung der Aufständigen und dabei auch den Mord an Liu Yu-Tes Eltern zuständig war. Der Shaolin schart einige lernwillige Patrioten um sich, um endgültig die Mandschus zu stürzen.

Auch wenn das Konzept der Ausbildung des Protagonisten zum Kung Fu-Kämpfer, um mit den erlangten Fähigkeiten gegen einen oder mehrere Bösewichte zu brillieren, bekannt ist: DIE 36 KAMMERN DER SHAOLIN schafft es, seine simple Geschichte, die sich dazu über knapp zwei Stunden erstreckt, für den Zuschauer faszinierend zu erzählen. Angefangen bei den opulenten Szenen zu Beginn, die in bester Shaw Brothers-Manier eine die Augen schmeichelnde Kostümorgie darstellen bis hin zu Liu Yu-Tes Ausbildung. Diese nimmt die meiste Zeit des Films in Beschlag, zeigt ausführlich den Weg des Protagonisten durch die verschiedenen Stufen des Trainings und wird trotz des redundanten Ablaufs der einzelnen Szenen nicht einmal hier langweilig.

Das liegt zum einen an Hauptdarsteller Gordon Liu (Liu Chia-Hui), der die Verbissen- und Entschlossenheit seiner Figur sehr gut darstellen kann, als auch an der Wahl des Regisseurs. Liu Chia-Liang war nicht nur für die Regie, sondern auch für die Choreographie des Trainings und der Kämpfe zuständig. Der meist immer gleiche Weg, wie die manchmal zuerst unlösbar wirkenden Aufgabe doch bewältigt wird, ist im Verlauf der Trainingsszenen mit gutem Gespür zusammengefasst. Der Film ist hier angenehm on-point im erzählerischen Tempo und seiner Montage. Er versteht es, von narrativen Schwächen mit diesen mitreißenden Szenen abzulenken, während das Drehbuch im Ansatz auch versucht, dem Zuschauer die Philosophie der Shaolin-Mönche zu transportieren.

Ausgiebig bzw. besonders tiefgründig, wie es zum Beispiel auch ein King Hu versucht hat, wird es bei DIE 36 KAMMERN DER SHAOLIN nicht. Beinahe könnte man bei all den lobenswerten Punkten übersehen, dass der Film nach Liu Yu-Tes Ausscheiden aus dem Kloster etwas verloren wirkt. Das sich berappeln hat zur Folge, dass die Handlung sehr hastig erzählt wirkt. Es scheint wie ein Versuch, die bisher episch anmutende Art des Films abzuschütteln um dem Publikum auch einige Fights nach dem langen Training zu präsentieren. Diese folgen Schlag auf Schlag, das übermäßig angezogene Erzähltempo möchte jedoch nicht zum bisher eingeschlagenen Weg passen. Die finale Konfrontation zwischen Liu Yu-Te und dem von Lo Lieh grundsolide böse dargestellten Tien Ta ist sogar enttäuschend kurz ausgefallen. Im Ganzen gesehen, ist dies nur ein kleiner Abzug in der B-Note. Dafür ist der Rest des Films ein tolles Beispiel dafür, wie selbst zur Entstehung abgestanden wirkende Stories mit gutem Gespür sehr gut umgesetzt werden kann. Der Film wird zurecht als Klassiker gehandelt.
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Montag, 28. November 2016

The Sect

Gegen Ende der 80er siechte der italienische Genrefilm schon vor sich hin; die Filmindustrie konnte ihre Auflösungserscheinungen nicht mehr verbergen. Der Sargnagel folgte 1994 mit DellaMorte DellAmore, der wie ein allerletztes Aufbäumen wirkte, bevor es endgültig zu Ende ging. Regie führte hier Michele Soavi, dieses Wunderkind des späten italienischen Genrefilms. Man wünscht sich heute immer ein wenig, dass Soavi früher hinter der Kamera Platz genommen hätte. Vorher war er Darsteller, der unter anderem in Fulcis Ein Zombie hing am Glockenseil oder Lamberto Bavas Blastfighter zu sehen ist.

Ausgerechnet der Schmier- und Schmuddelfilmer Aristide Massaccesi AKA Joe D'Amato produzierte mit seiner Produktionsfirma Filmirage Soavis feines Regiedebüt Aquarius, der auch als Stagefright bekannt ist. Es folgte der Horrorfilm The Church und damit die Zusammenarbeit mit Dario Argento. Mit diesem entstand auch The Sect, der - dies vorweggenommen - am Unvermögen krankt, die symbolische Ebene eines Filmes auch mit Inhalt bzw. Bedeutung zu füllen. Das ist eine der Schwächen vom hier als Produzent und Co-Autor in Erscheinung tretenden Argento. Soavi zufolge, versuchte dieser während der Produktion von The Sect als "väterlicher Berater" diesen zu beeinflussen.

Schlecht ist dieser Einfluss sicher nicht, führt er doch zu einigen sehr netten Szenen, Einstellungen und Kamerafahrten. Die Geschichte des Films tritt dafür zu mancher Zeit stark auf der Stelle. Beginnend mit zwei Morden, einmal an einer Hippiefamilie und an einer jungen Frau, deren Mörder in einer U-Bahn von Taschendieben deren Herz aus der Tasche gezogen bekommt (!), setzt die Story ihren Fokus auf die Lehrerin Miriam, welche einen alten, seltsam erscheinenden Mann beinahe auf der Straße anfährt. Mit dieser Begegnung und ihrem Entschluss, den sich auf einer Busreise befindlichen Herren zu sich zu nehmen, damit dieser sich ausruhen kann, beginnen in ihrem Umfeld mysteriöse Ereignisse.

Bis nun eine Brücke zu den beiden eingangs gezeigten Taten gezogen wird, braucht es fast den ganzen Film über. Manchmal scheint es so, als wären diese komplett unter den Tisch gefallen während des Schreibprozess, nur um dann diesen Faden zum Finale schnell noch einmal aufzunehmen. Richtig funktioniert das nicht, obwohl dieser Twist nicht komplett versaut wurde. Eher krankt The Sect an seinem großen Potenzial, das nicht richtig genutzt wird. Die auftretende Symbolik, richtig gut in einer Traumszene Miriams funktionierend, möchte vieles Gleichzeitig sein, bleibt aber leer und nicht greifbar. Miriams weißer Hase, das ihm hinterher rennen, die Uhr an seiner Hütte lässt offensichtlich auf eine (gewollte?) Anspielung an Lewis Carolls "Alice im Wunderland" schließen, möchte sich aber nicht mit der Geschichte vereinbaren.

Die leichte Umkehrung von Motiven der Geschichte bzw. Geburt Jesu passt durch seinen Twist, welcher einiges des übernatürlichen Boheis unnötig und als Füllmaterial erscheinen lässt. Argento hätte Soavi auch beim Buch mehr Freiheiten lassen sollen. Ich schätze diesen Mann und Großtaten wie Suspiria, allerdings kranken fast alle seiner Horrorfilme daran, dass sie sich in ihrer leeren Symbolik (wie angesprochen) und ihrer inneren, nicht immer schlüssigen Logik verzetteln. Das ist auch ein kleiner Kritikpunkt am ansonsten so wunderbar wirkenden Suspiria. In anderen Argento-(Horror-)Filmen kommt dies noch stärker zu tragen. Die eigens kreierte Logik, mag eine halluzinatorische Wirkung erschaffen und verzettelt sich in ihrem Kosmos.

Richtig schlecht macht dies The Sect nun nicht, ihm wird aber viel an Stärke durch die innere Unentschlossenheit genommen. Das langgezogene Ende tut sein übriges, den Eindruck das man mit der Geschichte zu viel (erzählen) wollte, zu untermauern. Die wenigen netten Momente mögen so nicht mehr herausstechen. Soavis Film hinterließ bei mir aber den Eindruck, dass er ein Film ist, dessen Feinheiten sich erst bei weiteren Sichtungen erschließen. Mit seinem The Church konnte ich zuerst auch nicht viel anfangen. Wenn der für mich nun eher mäßige The Sect irgendwann nochmal angesehen wird, dann allerdings besser im O-Ton mit Untertiteln. Die damalige Videosynchro grenzt nämlich an einem Verbrechen.
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Montag, 21. November 2016

8MM - Acht Millimeter

Snuff. Englisch umgangssprachlich "to snuff someone out", was ins Deutsche übersetzt jemanden auslöschen bedeutet. Snuff-Filme. Die Aufzeichnung eines realen Mordes auf Film zur Unterhaltung des Zuschauers. Der Begriff Snuff geht auf einen kleinen Exploitation-Film aus dem Jahre 1976 zurpück, der für gerade einmal 30.000 US-Dollar vom Ehepaar Roberta und Michael Findlay gedreht wurde. Ursprünglich hieß der Film Slaughter, wurde 1971 gedreht und wanderte hinterher direkt in den (Gift-)Schrank des Verleihers und Produzenten Jim Shackleton. Der las 1975 in einem Artikel von Filmen, in Südamerika gedreht, in denen echte Morde begangen werden. Dies beflügelte Shackleton: er kramte Slaugher aus dem Regal und ließ Szenen nachdrehen. Diese zeigen angeblich, wie nach Ende der Dreharbeiten (dargestellt mit einem recht groben Schnitt, der vorgab, dass die Dreharbeiten zwar vorbei waren, die Kamera aber noch weiterlief) eine Filmcrew - offenbar die von Slaughter - eine der Darstellerinnen brutal umbrachte. Shackleton benannte den Film in Snuff (dt. Titel Big Snuff) um und brachte ihn nochmal in die Kinos, zusammen mit dem Gerücht um den echten Ende am Mord des Films. Selbst das Anheuern Shackletons von falschen Protestlern vor den Kinos half nichts: Variety deckte 1976 das ganze als Marketing-Gag auf.

Der Titel des Films wurde allerdings zum Sinnbild für diese Filme, in denen reale Morde dargestellt werden. Einen Nachweis, dass solche Machwerke jemals produziert wurden, gibt es nicht. Es ist eine urbane Legende oder anders ausgedrückt: Snuff-Filme existieren gar nicht. Diesen Satz hört auch Tom Welles öfters, wenn der Privatdetektiv im Auftrag seiner vermögenden Klientin Mrs. Christian sich weiter und weiter in ein durch und durch dreckiges Paralleluniversum, den tiefsten Underground, begibt, um Licht ins Dunkel um eine Filmrolle zu bringen, die sich im Nachlass des verstorbenen Mr. Christian befand. Auf dem Schmalspurfilm sieht man ein Mädchen, welches von einem Mann in Ledermaske misshandelt und brutal ermordet wird. Welles bekommt heraus, wer das Mädchen in dem Film ist und nimmt eine Spur auf, die ihn nach Los Angeles führt. Dort trifft er in einem schmierigen Pornoschuppen auf den Punk Max California, der ihn in die ensprechenden Kreise für die "besonderen Dinge" führt. Er kommt den Machern des Snuff-Films auf die Spur, bringt dabei aber Max, sich und auch seine Familie in Gefahr.

Die 90er waren ein verdammt gutes Jahrzehnt für Psychothriller. Auch wenn es bessere wie 8MM gibt, so kann man dem Film von Joel Schumacher wahrlich nicht attestieren, dass er schlecht gemacht ist, trotz einiger weniger positiv gestimmten Besprechungen. Der 1999 entstandene Film zeigt einen angenehm spielenden Nicholas Cage, weit weg von dessen mimischen Entgleisungen in späteren Jahren. Sein Tom Welles ist beinahe einer dieser Noir-Schnüffler, ein fast einsamer Wolf, der in der Geschichte von 8MM immer mehr im pornographischen Sumpft versinkt und seine Familie und die regelmäßigen Telefonate mit seiner Frau platzen lässt. Welles ist eine eigensinnige Figur, getrieben von seinem Wahn, dem Geheimnis um die Snuff-Filme auf den Grund zu gehen. Er verbeißt sich in seinen Fall und mit großer Geduld und Ausdauer lüftet er nach und nach den Vorhang. Er identifiziert das Mädchen im Film, dessen Mutter und findet eine Spur zu den Machern des Snuff-Films. Das Schicksal der Getöteten, Mary Ann Matthews, hält ihn in Beschlag. Der Familienvater leidet; und ein leidender Nicholas Cage ist in den damaligen Zeiten ein darstellerischer Garant.

Neben dem Schicksal des Mädchens, welches große Träume verfolgte, die schamlos ausgenutzt wurden, sinkt Welles gleichzeitig in diesen Morast aus Perversion und anders gearteter Sexualität. Hier schwächelt 8MM mit seiner Darstellung dieser Parallelwelt. Auf den ersten Blick ist diese faszinierend, dunkel, schmutzig und - wie für Welles so auch für den Zuschauer - sehr anziehend. Joaquin Phoenix, beinahe in seinem Spiel ein wenig stärker als sein Partner Cage, zieht den Zuschauer wie den Detektiv in diese Welt, die von sadomasochistischen Sexpraktiken und weitaus undenkbarerem wie Pädophilie beherrscht wird. Der Zuchauer taucht weitaus lieber als Welles selbst in den Untergrund ein, lässt sich vom detaillierten Production Design des Films einlullen. Der Look von 8MM ist angenehm dunkel gehalten; kommt ohne blendenden Hochglanz oder allzu hübsche Bildern aus. Den schmuddeligen Plätzen im Kosmos des Max California steht die schwere und dunkle Einrichtung im Hause der Christians gegenüber. Dazu kommen mal halb, mal ganz verfallene Locations, in denen die Einrichtung davon erzählt, was in ihnen vorgeht: die Gemäuer eines Pornoproduzenten, das heruntergekommen wirkende Haus von Mary Anns Mutter und selbst die Einrichtung in Welles Zuhause: dunkel.

8MM watet dafür auch in Klischees. Max California ist ein Klischeepunk, mit Intelligenz gesegnet, der diesem Morast eigentlich gar nicht nötig hätte. Die Menschen aus der Pornoszene: durch und durch schmierig und unsympathisch, was aber dem Figurendesign und der Geschichte zuzuschreiben ist. Der Untergrund mit seinen namenlosen Figuren, die man meist gar nicht näher kenennlernen will - selbst als Zuschauer - ist den typischen Vorstellungen eines konservativen Denkens entsprungen. Dem Alter des Filmes zum Trotz: heute sieht so manches hier "schockierendes" bei Leibe nicht mehr so schockierend aus: war auch zu Entstehungszeiten die Darstellung auf Klischees beruhend. Es ist meckern auf einem hohen Niveau: Schumacher versteht selbstverständlich sein Handwerk, was 8MM zu einem spannenden Film macht. Er bezieht diese Spannung aus dem Puzzle, welches Welles nach und nach zusammenfügt. Der Strudel, in den er sich begibt, packt auch den Zuschauer und zieht diesen mit sich. Der Soundtrack mit seinem Industrial-Charakter und seinen orientalischen Einschüben tut dabei sein übriges. Es ist die Darstellung des Fremdartigen auf der Tonspur, die einen von Beginn an gefangen nimmt.

Schumacher zeichnet in seinem Film ein Bild einer schlechten Welt, in der die unschuldigen Seelen auf der Strecke bleiben. Für eine Major-Produktion ist er angenehm düster, was vielleicht auch daran liegt, dass der Drehbuchautor Kevin Walker für den ebenfalls angenehm dunkel gezeichneten Sieben verantwortlich ist. In der Träume und Ideale die kleinen, schutzbedürftigen Geschöpfe sind, die von Raubtieren - im Film stellvertretend die Macher des Snuff-Films - gefressen werden. Über die klischeehafte Zeichnung dieses Untergrunds und seiner daraus entspringenden Figuren kann man da hinwegsehen. Bis auf das dick auftragende Ende, welches auch weniger on-point und zu sehr in die Länge gezogen ist, gefällt diese düstere Fantasie über eine urbane Legende sehr gut. Cages Rachefeldzug ist nachvollziehbar, wobei er sich wie ein zu langer Epilog nach dem Finale anfühlt. 8MM ist mit dem bereits angesprochenen Sieben der langsame Einzug des Schmutzigen in Hollywood-Produktionen, beklemmend in seiner Wirkung (man leidet mit Cage bei seiner ersten Sichtung des Snuff-Films wirklich mit) und bis auf wenige Momente die ganze Zeit über spannend.
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Samstag, 19. November 2016

The Crazies (2010)

Bei Remakes stellt man sich als Filmfan immer die Frage nach dem "Wieso?". Selten gewinnen sie dem Originalstoff neue Aspekte ab oder führen die Geschichte in ganz andere Bahnen. Vor allem im Horrorfilm hat man als Fan das Ärgernis, dass im Zuge der Modernisierung der "alte Scheiß" durch 1:1-Übernahme von Story, Bildern etc. die Klassiker auf ein junges Publikum zugeschnitten wird. Das 2005 entstandene Remake von The Fog oder Gus Van Sants Psycho sind zum Beispiel solche Ärgernisse. Vielleicht geht man als Freund der Originale auch immer etwas voreingenommen an die Werke heran, wenn es an die Neuverfilmung herangeht.

Dann ist es doch ganz gut, dass ich von The Crazies George Romeros Original von 1973 nicht kenne? Der böse Geist des Remakes schwebte bei der Sichtung trotzdem im Hinterkopf herum, auch wenn ein mehr oder minder unterbewusster Vergleich mit dem Film des Zombie-Schöpfers ausblieb. Gleich bleibt die Geschichte: in einer kleinen Stadt wird nach dem Absturz einer Militärmaschine mit einer bakteriellen Waffe an Bord das Grundwasser verseucht. Der Kontakt mit dem Kampfstoff lässt die Infizierten zu apathisch wirkenden, tickenden Zeitbomben werden, die ohne einen triftigen Grund aggressiv zu Werke gehen und Menschen angreifen. Das Militär steht schnell auf der Matte, versucht der Lage Herr zu werden, doch in einem eingerichteten Lager kommt es zu einer Panne. Die eingepferchten Infizierten machen Jagd auf die Überlebenden. Unter ihnen Sheriff David Dulton, der im Gewühl seine schwangere Frau verliert und zusammen mit seinem Deputy Russell diese zu finden und zu überleben.

Selbst ohne Kenntnis der Crazies aus den 70ern, merkt man dem Remake eines an: die Übertragung der Story in die Jetztzeit, modern aufbereitet und komplett an die Sehgewohnheiten und dem Mechanismus des zeitgenössischen Horrorfilms angepasst. Mit dem Auftritt eines bewaffneten, als Stadtsäufers bekannten Farmers während eines Baseballspiels startet der Film recht zackig und kommt zügig zum Punkt. Die Figuren werden kurz vorgestellt, dabei die verschlafene Kleinstadtatmosphäre recht gut dem Zuschauer näher gebracht und alsbald beginnt die Action. Im Verlauf seiner Geschichte folgt The Crazies einem Muster: regelmäßig schiebt man Spannungsmomente ein, wenn es der jungen Zielgruppe langweilig werden könnte. Zu Beginn mag dies sogar noch funktionieren, mit weiterem Verlauf macht sich schnell Eintönigkeit breit. Technisch mag The Crazies, in Deutschland noch mit dem Untertitel "Fürchte deinen Nächsten" versehen, auf einem sehr sauberen Niveau sein, der Zuschauer wird aber nicht komplett abgeholt. Es lässt einen alles erstaunlich kalt. Der Versuch, die Charaktere näherzubringen ist merkbar, diese bleiben aber immer grob skizzierte Figuren.

Gute Momente kann Breck Eisner kreieren. Zum Beispiel, als einer der Infizierten im teils überrannten Lager mit seiner Mistgabel in eine Quarantäne-Station in der fixierte Patienten eigentlich auf weitere Untersuchungen warten, eindringt. Eisner dehnt seine Spannungsszenen aus: manchmal wirkungsvoll, ein anderes Mal dem Hochglanz-Mainstream-Charakter des Films anzulastend nicht komplett durchschlagend. Etwas schade ist zudem, dass eine Nebenhandlung um den Deputy Russell nicht noch mehr ausgeweitet wurde. Wird dieser im Überlebenskampf durch seinen Adrenalinrausch und der Loslösung von gesellschaftlichen Regeln verrückt oder ist er auch nur schlicht und ergreifend einer der Infizierten? Dies schafft so manch gute Szene in der zweiten Hälfte des Films, aber Hollywood-typisch ist hier die Auflösung sehr einfach zu erraten. Sei's drum: The Crazies kann ordentlich unterhalten. Und - wenn ich mir Thomas Grohs Besprechung dazu durchlese - Romeros Original nicht das Wasser reichen. Selbst ohne Kenntnis von diesem beschleicht einen schnell der gleiche Verdacht. So ist The Crazies einfach eins unter vielen Remakes das den jungen Hüpfern da draußen einen Klassiker mit modernen Mitteln schmackhaft machen will, ohne dessen Klasse auch nur Ansatzweise zu erreichen. Hat man schnell und gut durchgeguckt, aber ebenso schnell wieder vergessen.
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