Freitag, 26. April 2013

Frischer Ohrenstoff von El Diabolik

Podcasts über Filme gibt es ja so einige, meistens wird in diesen über aktuelle Filme geredet sowie Neuigkeiten aus der Welt der flimmernden Bilder verbreitet. Das ganze kann durchaus schön kurzweilig und unterhaltsam sein. Der britische Podcast von El Diabolik verschreibt sich allerdings der musikalischen Untermalung des Films und spezialisiert sich zu meiner Freude dabei auf Genre-Produktionen wie Eurocult im Allgemeinen oder Exploitation und Trash. Kein Wunder, dass der Name des Podcast komplett "El Diabolik's World of Psychotronic Soundtracks" lautet.

Ganz frisch ist heute die 26. Ausgabe des Podcasts erschienen, welcher von El Diabolik und Lord Thames gehostet wird. Auf die Ohren gibt es unter anderem Stücke aus dem Mario Bava-Giallo 5 bambole per la luna d'agosto, dem Zulawski-Werk Ein Drittel der Nacht und auch Maestro Morricone ist mit Stücken aus dem Film Ein Fressen für die Geier vertreten. Die Folge ist wirklich schön abwechslungsreich ausgefallen, auch die Songs aus dem Cover-Version-Corner (u. a. aus dem Film M.A.S.H.) wissen wirklich zu gefallen.

Runterladen kann man sich den Podcast auf der Seite von El Diabolik oder direkt hier.
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Oblivion

Eine strahlende Zukunft. Eine Redenswendung, die man gerne liebgewonnenen und nahestehenden Menschen bei gewissen Jubiläen wünscht und man gerne auch Menschen verspricht, wenn es derzeit in gewissen Bereichen nicht gerade rosig aussieht. Strahlend und hell erleuchtet soll sie sein. Lichtdurchflutet, frei von jeglichen Sorgen, welche dunkle Wolken aufziehen lassen. Am besten so strahlend hell, dass es über ins weiße geht. Der Farbe der Unschuld. Zukunftsvisionen, entweder pessimitisch oder eben strahlend optimistisch, sind auch ein Hauptthema der Science Fiction. Hier allerdings wird eine Stilisierung auch gerne Gegenteilig eingesetzt. Man erinnert sich nur an die totalitäre Gesellschaft in George Lucas THX 1138 (1970) und die klinisch reinen Bilder des Films, ebenfalls sehr stark hell bzw. weiß gehalten. Strahlend ist die Zukunft hier sicherlich, allerdings nicht für die Protagonisten der Geschichte. Ein stilistisches Paradoxon wenn man mag, dass durch die erzählte Geschichte aufzeigt, dass unter dieser beinahe schon unantastbar rein und jungfräulich scheinenden Oberfläche nicht alles so glänzend schön ist.

Solch ähnliche Kniffe kann man auch in Oblivion feststellen. Der von Tom Cruise gespielte Jack Harper ist ein Techniker auf der nach einem Alienkrieg vollkommen zerstörten Erde. Auch wenn die Menschen diesen Krieg gegen die "Plünderer" genannten Außerirdischen gewonnen haben, haben sie einen hohen Preis dafür zahlen müssen. Nachdem durch die von den Aliens hervorgerufene Zerstörung des Mondes Umweltkatastrophen dazu führten, dass ein großer Teil der Menschheit leider zerstört wurde, schlug man mit Atomwaffen zurück. Die Erde ist durch die große Strahlung unbewohnbar geworden, man siedelte auf den Titan - größter Saturnmond mit erdähnlicher Atmosphäre um - lässt Harper und seine Partnerin Victoria allerdings auf der Erde als "Aufpasser" zurück. Man kümmert sich um riesige Türme, welche für die Überlebenden auf dem Titan die restlichen Ressourcen aus der Erde rettet und aufbereitet. Zudem müssen diese Türme gegen eben angesprochenen, vereinzelt zurückgebliebenen Plünderer verteidigen.

Man steht am Ende seiner Mission, als die Routine von Jack und Victoria durch einen Absturz einer Raumkapsel durchbrochen wird. Bei seinem Kontrollflug entdeckt Jack das diese bemannt ist und rettet Julia. Das prekäre an der Sache ist, dass diese eigentlich unbekannte Frau Jack Nachts in dessen Träumen erscheint. Es scheint, als stammen diese Bilder als auch diese Frau aus seiner Vergangenheit, an die er sich nicht erinnern kann, da seine Erinnerungen zur Sicherheit der Mission gelöscht wurden. Jack - weitaus neugieriger als seine sehr den Vorschriften folgenden Partnerin - möchte natürlich diesem Geheimnis auf den Grund gehen. Bis es zu diesem Punkt kommt, gibt sich Oblivion sehr unaufgeregt und beinahe schon meditativ. Das Script schildert recht detailliert die Routine und das einsame Leben von Victoria und Jack auf der verwüsteten Erde. Man eifert somit einem sehr entschleunigten Erzählfluß nach, den man aus Science Fiction-Klassikern á la 2001: Odyssee im Weltraum (1968) oder Lautlos im Weltraum (1972) vergleichen könnte.

Dabei bietet Joseph Kosinskis Film allerdings doch ein wenig mehr Action wie angesprochene Meisterwerke des Genres. Was die Tiefe angeht - was diese beiden Werke auf jeden Fall mit sich bringen - ist das so eine Sache. Ein Actionspektakel in den Untiefen des Universums ist er mit Sicherheit nicht. Sie spielt eine untergeordnete Rolle, bekommt allerdings auch so viel Platz, um das auf ordentlich Bums wartende Publikum zufrieden zu stellen. Wobei der nach trivialer Unterhaltung trachtende Masse diese sicher immer noch zu wenig ist. Es ist kein martialisches Testosteron-Kino sondern sucht sich seinen Weg in den Zukunftsvisionen, welche die ausgehenden 60er und weitestgehend die 70er mit sich brachten. Dabei versucht man sich gleichzeitig darin, die scheinenden und strahlenden Hochglanzbilder wie man sie aus den 80ern kannte, damit zu kombinieren. Es gelingt bedingt. Wobei man zugeben muss, dass Oblivion eine unheimlich fesselnde Fotographie mit sich bringt.

Die zerstörten Wahrzeichen der USA wie ein im Krater liegendes, zerstörtes Pentagon oder das in einer friedlichen Wiesenlandschaft stehende Washington Monument haben eine gewisse Kraft, gerade in der Kombination mit der gleitenden Kamera, die Jack bei seinem Flug über das ruhige Land zeigt. Kalt, aufgeräumt und mit sehr heller Farbgebung hinterlegt gestalten sich auch die Räumlichkeiten von Victoria und Jack. Es beeindruckt wie friedlich der Planet plötzlich nach diesem Krieg scheint, zeugt dadurch allerdings auch welch bitteres Los dazu führte. Warme Farben sind selten zu sehen, sind allerdings auch sehr stilsicher eingebracht. Ein Sonnenaufgang taucht die Bilder in Orange, eine abendliche Szene ist in Blau und Schwarz gehalten. Beinahe fühlt man sich hier an Gattaca (1997), der ähnlich kühle und imposante Bilder mit unterschiedlicher Farbgestaltung verbindet. An diesen imposanten Bildern scheitert dann aber auch etwas die Geschichte.

Kosinskis Vexierspiel verschiedener, angerissener Kritikpunkte gelingt es nicht, seine Elemente ansprechend zu entwirren und im einzelnen für sich stehen zu lassen. Man zitiert sicher verschiedene Science Fiction-Klassiker und bringt im Verlauf der Story es sogar fertig, Freunde post-apokalyptischer Filme der 80er zu befriedigen. Die Themenvielfalt erstickt den eigentlich sehr intelligent gehaltenen Unterbau der Story, will zu viel auf einmal und kommt leider nicht auf seinem Weg weiter voran, wie man es gerne möchte. Der Umgang des Menschen mit seiner Umwelt, gerade in Kombination mit der immer weiter fortschreitenden Globalisierung un die Auswirkung darauf ist eines, welches angerissen wird. Im Raum sichtlich schwebt, allerdings nicht wirklich greif- und fühlbar wird. Man konzentriert sich - dem Titel ganz gerecht - auf die Suche nach Jacks Erinnerung, seiner Vergangenheit und wie sie mit Julia zusammenhängt.

Die Geschichte gibt sich clever, wirkt allerdings an manchen Stellen leider doch etwas konstruiert und vorhersehbar. Der gewollte Mindfuck des Zuschauers stellt sich nicht so stark heraus, kann seinen gewünschten Überraschungsmoment nicht zur Gänze ausspielen. Es ist schade, dass man dann auf Nummer sicher geht in eben solchen Momenten, vielleicht nicht ganz so stark übertrieben erscheinen mag. Es scheint, als zweifele man an der eigenen Glaubhaftigkeit, dass dieses Konstrukt trotz aller Phantastik besitzt, eventuell auch von der Realität in manchen Bereichen (gewiss nicht allen) eingeholt werden kann. Oblivion spielt bis zu einem gewissen Punkt gut mit diesen "Nichts ist, wie es scheint"-Elementen, vermag es aber leider nicht, stärker in die Tiefe zu gehen. Es ist eine Schwäche, über die man aber hinweg sehen kann.

Auch wenn Tom Cruise sich bei weitem kein Bein ausreißt, seine Figur auch nur beschränkt greifbar ist: selten war er in der letzten Zeit so erträglich wie in diesem Film. Der Versuch, diesem glatten Strahlemann markige Punkte zu verleihen, in dem man ihm Schrammen im Gesicht verpasst, er einen stoppeligen Bart im weiteren Verlauf hat: die Entwicklung des Charakters stagniert im Verlauf der Geschichte. Leider wird es sogar etwas zu kitschig und pathetisch gegen Ende, was Oblivion an und für sich gar nicht nötig hat. Es fehlt an einigen Stellen an Logik und Schlüssigkeit, verschachtelt das Storykonstrukt unnötig obwohl es recht einfach zu durchschauen ist. Die intelligenten Ansätze, die seine Geschichte mit sich bringt, lässt ihn aber wirklich nicht uninteressant erscheinen. Das Nebeneinander der verschiedenen Arten, wie Oblivion bei seinem Publikum ankommen möchte, schafft es nicht, in ein wohliges Ganzes zu kommen.

Kosinski scheint sich durch den Look seines Films, den man ohne jeden Zweifel perfekt nennen kann, selbst zu sehr zu blenden. Man ergötzt sich an seinen Designs, dem zurückhaltenden, wunderbar passenden Soundtrack der französischen Band M83 und den beeindruckenden Landschaften. Schön glatt - ähnlich wie der Gesamteindruck von Oblivion - gibt sich übrigens Andrea Riseborough als Victoria, die eine schöne Performance abliefert. Sie fügt sich nahtlos in dieses wirklich faszinierende Gesamtkonstrukt des Films ein, dem man sofort das "Style over substance"-Siegel verleihen kann, der trotzdem - gerade weil es wohl eine Mainstream-Produktion ist - sich anders als die anderen Science Fiction-Spektakel gibt. Der Blick hinter seine so rein erscheinende Oberfläche, die - soviel lässt sich verraten - eben nicht so sauber ist, geht nur nicht so weit wie in ähnlich gelagerten Filmen. Die Kritik verpufft gerade dann, wenn sie fahrt aufgenommen hat. Was den Blick angeht: er ist kurzsichtig.

Sein Handwerk versteht Kosinski, auch wenn man ihm vorgeworfen hat, dass sein Tron: Legacy ein wenig zu seelenlos sei, bei all der überfrachtend schönen Optik. Hier hat er wahrlich auch dafür gesorgt, dass es dem Film an Unterbau bzw. Seele nicht mangelt. Es muss nur noch etwas spürbarer werden. Bei all der Pracht, die hier immer noch über den aufgreifenden Themen über Schein und Sein, Umweltbewusstsein im Laufe der globalisierten und zusammenwachsenden Menschheit und auch dem Verlust von Identität und seiner eigenen Persönlichkeit steht, bleibt es ein wirklich interessanter Blick auf eine Zukunft, die auch schon andere Science Fiction-Werke schilderten. Aber selten war das wirklich so schick wie hier geschehen. Man sollte ruhig also einen Blick riskieren, aber aufpassen, nicht zu sehr vom Design und seinem strahlend-perfekten Blick geblendet zu werden. Ein Film mit Tom Cruise der sich wirklich wieder lohnt, gab es ja auch nicht wirklich oft in der jüngeren Vergangenheit.


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Dienstag, 2. April 2013

24 Frames Spezial: Die Kollegen zum Tod von Jess Franco

Das hätte sich kein Kritiker vor sagen wir 20 oder sogar 30 Jahren träumen lassen, dass bei der Meldung über Jess Francos Tod einmal eine so große Bestürzung unter den Filmliebhabern umgehen würde. Es hat sich so einiges geändert. Außerdem hat der Mann gut 200 Filme oder eben noch mehr gemacht, was ihm so schnell wohl auch keiner mehr nachmacht. Vor allem: Er hat das Exploitationkino geprägt, mitgestaltet und war schon zu Lebzeiten zu einer Legende aufgestiegen. Deswegen habe ich mich einmal im Netz umgesehen und einige Beiträge zum Tod von Franco zusammengetragen.

Remember it for later
Oliver Nöding über sein Verhältnis zum Regisseur

Filmtagebuch
Auch Thomas Groh hat einen bewegenden und sehr schön analytischen Nachruf verfasst

CiNEZiLLA
Der Blogger bietet die "Confessions of a Francophile" (engl.)

Nerdcore
René Walter macht es kurz und schmerzlos, bietet aber einige sehr schöne Plakate zu Filmen des Regisseurs

I'm in a Jess Franco State of Mind
Robert Monell erinnert sich an seine erste Begegnung mit dem Werk des Spaniers (engl.)

twitchfilm
Auch das große Genreblog erinnert kurz an den Regisseur

Taking IN the Trash
Kurz und schmerzlos, dafür gibt es noch eine Top 10 an Musikstücken aus Franco-Filmen (engl.)

Scum Nation
Ein gebührender Abschied von Nigel Wingrove (engl.)

Christian Keßler
Ein wunderbarer, persönlicher Blick des Filmgelehrten und Buchautors auf die "geträumten Sünden" von Franco bei Facebook

Und selbst Spiegel Online widmet dem Kult-Regisseur eine Fotostrecke


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Der Herr des "Schunds" ist gegangen: Jess Franco ist tot.

Bild: Wikinoticia.com

Jesus Franco Manera. Ein so unscheinbar klingender Name. Dabei hat der Mann in den Augen so einiger Fans großes geleistet. Viel auf jeden Fall. Unter seinem geläufigen Namen Jess Franco hat er geschätzt an die 200 Filme gedreht. Manche Parallel. Seine Darsteller wussten an manchen Drehtagen, laut ihren Erinnerungen, ab und zu nicht, für welchen Film sie denn überhaupt nun vor der Kamera stehen. Gerade wenn er für große Produzenten wie Erwin C. Dietrich oder Harry Allan Towers drehte, konnte es vorkommen, dass er nebenher noch einen Streifen für das Produktionsgeld "für sich" drehte. Er war ein Gewitzter, der von den Kritikern geschmäht wurde.

In den letzten Jahren wurde er allerdings nicht nur von den Eurocult-Fans sondern eben auch von der Kritik wahrgenommen. In seinem Heimatland Spanien schon länger mit einem gewissen Ansehen gesegnet, auch in Frankfreich wurde sein Werk mittlerweile als Filmkunst angesehen. So mancher deutschsprachige Feuilletonist rümpft vielleicht immer noch die Nase, verschanzt sich lieber in seinem Arthouse und sieht bzw. übersieht die Einflüsse, die auch Franco auf einige Genres hatte. Natürlich ist nicht alles Gold was glänzt in einer so großen Filmographie und gerade die letzten Werke von Franco waren ein Versuch, nochmal an die glorreichen Zeiten anzuknüpfen. So richtig funktioniert hat dies leider nicht, doch es dürfte sicher so einige Franco-Fans geben, die selbst diesen Werken noch etwas abgewinnen konnten.

Egal ob Krimi, Thriller, Horror oder vor allem Erotik, wobei er bei letzterem sogar ab und zu Ausflüge in den Pornobereich unternahm: Nichts war vor ihm sicher. So schuf er große und kleine Perlen wie Nachts, wenn Dracula erwacht, Der Teufel kam aus Akasava, Der Hexentöter von Blackmoor oder solche herrlichen psychedelischen Filmtrips wie Necronomicon - Geträumte Sünden, Vampyros Lesbos oder Christina, princesse de l'erotisme. Gerade die surrealen Trips aus den 60ern gehören dabei mit zu seinen Besten. Auch die Werke, die er unter Dietrich schuf (u. a. Jack The Ripper - Der Dirnenmörder von London, Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne oder Mädchen im Nachtverkehr) gehören mit zu einer seiner besten Phasen, bevor er dann kleinere Brötchen backte bzw. backen musste aber immer noch mit Herzblut bei der Sache war. Selbst dem Splatterfilm widmete er sich, lieferte sogar zwei Beiträge zur Kannibalenfilmwelle (Mondo Cannibale 3 - Die Blonde Göttin der Kannibalen und Jungfrau unter Kannibalen), machte kurz beim Slasher halt (Die Säge des Todes) oder remakte mit Faceless seinen Lieblingsfilm: Georges Franjus früher Horrorklassiker Augen ohne Gesicht

Er arbeitete mit großen Namen wie Christopher Lee, Helmut Berger, Herbert Lom, Maria Schell, Klaus Kinski, Götz George, Romina Power, Horst Tappert oder Josephine Chaplin. Er war Regisseur, Autor, Cutter, Kameramann, Musiker und stand auch oft selbst vor der Kamera als Mime. Laut Video Watchdog-Gründer Tim Lucas, schied er heute morgen um ca. 11 Uhr von dieser Welt, nach den Folgen eines Schlaganfalls, den er am Mittwoch erlitt. Er wurde 82 Jahre alt und folgt seiner Muse Lina Romay, Hauptdarstellerin vieler seiner Filme ab den 70ern, die vor gut einem Jahr verstarb. Trotz vieler "Schund"- und "Schmuddel"-Werke bleibt sein Werk erhalten und von uns Fans gefeiert. Der kleine Mann war eben doch ein ganz Großer.

Ein klein wenig mehr über seine Karriere wurde schon an dieser Stelle, zu seinem 79. Geburtstag geschrieben.
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Samstag, 30. März 2013

Anthony

Die Wissenschaft und der damit einhergehende Fortschritt, die Angst vor dem Fremden, dem Neuen. Ein Motiv, welches (nicht erst) seit dem paranoiden Horrorkino der 50er Jahre aus der McCarthy-Ära durch die Phantastik wabert, dort aber seinen ersten Höhepunkt fand. Seitdem gibt es immer wieder, mal mehr, mal weniger, Horrorfilme mit verrückten Wissenschaftlern. Der Grat zwischen Genie und Wahnsinn ist wirklich ein schmaler, wie auch immer solche Filme beweisen. In den 80ern wiederum kann man, wohl bedingt durch den Erfolg solcher Filme wie Re-Animator (1985) oder auch From Beyond (1986), den Anstieg bei der Produktion solcher Mad Scientist-Streifen beobachten. In diese Kerbe schlägt auch der Streifen The Kindred, welcher unter der Fuchtel des Regie-Duos Stephen Carpenter und Jeffrey Obrow enstand.

Die beiden haben auch, unter Mithilfe dreier anderer Autoren, am Script geschrieben und ein kleines "Best of" des 80ies-Mad Scientist-Horrors ausgebrütet. Elemente, die auch andere Horrorstreifen aus dem Zeitalter etabliert oder übernommen haben, werden hier gerne wie Legosteine aneinandergesteckt und damit also die Geschichte um den Wissenschaftler John Hollins gebaut. Dieser wird von seiner Mutter Amanda an deren Krankenbett gebeten, ihre wissenschaftlichen Arbeiten in ihrem Haus zu vernichten. Irgendwie scheint sie den Missbrauch derer zu fürchten, was - man ahnt es sicher schon - gar nicht so abwegig ist. Mit den wirren Worten über einen "Anthony", Johns Bruder, erleidet sie einen weiteren Herzanfall und stirbt leider auch alsbald. John hingegen ist weniger wegen dem Tod seiner Mutter niedergeschlagen (immerhin ruft die Wissenschaft und das Script, welches zügig voranschreitet), sondern viel mehr verwirrt.

Einen Bruder hat er eigentlich gar nicht. Also nimmt er sich seine Freundin Sharon sowie sein Forschungsteam um im Haus der Mutter aufzuräumen und deren Bitte nachzukommen, ihre letzten Experimente zu vernichten. Oder wenigstens einmal zu ordnen und zu schauen, was es mit Anthony auf sich hat. Zu dem Team stößt auch noch die geheimnisvolle Wissenschaftlerin Melissa, für die Johns Mutter ein Vorbild war, welche er auf der Beerdigung der werten Frau Mama kennengelernt hat. Neben dieser scheint sich im übrigen auch noch der sich sehr bedeckt haltende (und dadurch sehr dubios wirkende) Dr. Floyd für die Arbeit von Amanda zu interessieren, hatten die beiden doch einige Jahre zusammen gearbeitet. Im Haus der Mutter angekommen, machen John und seine Kollegen nach einiger Zeit eine wortwörtlich monströse Bekanntschaft.

Man tut aber Carpenter und Obrow (auf deren Konto übrigens auch der leider viel zu unbekannte, feine Frühslasher Todestrauma (1982) geht) etwas unrecht, wenn man The Kindred als reines "Best of" der Schublade für verrückte Wissenschaftler im phatastischen Film abtut. Die beiden geben ein überaus souveränes Team und schaffen aus dem Script, in dem es eben nur so vor Anspielungen und Elementen anderer Streifen wimmelt, aber auch einen sehr ordentlichen Film der eine gewisse Kurzweil mit sich bringt. Schade, dass die beiden nur drei Filme zusammen geschaffen haben. Sie hätten sicher noch so einige nette, kleine Dinger geschaffen. The Kindred markiert dabei sogar ihre letzte Zusammenarbeit. Obrow drehte alleine noch drei Filme, Carpenter mit Soul Survivors (2001) nur noch einen. Danach zogen sie sich lieber hinter bzw. vor die Schreibmaschine zurück und betätigten sich als Writer. Carpenter unter anderem auch an der derzeit auch ganz aktuell im deutschen TV laufenden Serie Grimm.

Anthony
selbst ist ein sehr solides Stück Horror, welches nun nicht wirklich irgendwelche Innovationen oder Überraschungen mit sich bringt. Aber er versteht es, wie schon angesprochen, auch den erfahrensten Kenner solcher Filme über die Laufzeit hinweg zu unterhalten. Darüber hinaus bringt es auch einigen Spaß mit sich, die Einflüsse des Films zu erraten. Als Basis wäre da also mal wieder ein bzw. hier sogar zwei verrückte Wissenschaftler, die fernab jeglicher Moral oder Ethik versuchen, die Welt bzw. Menschheit zu ver(schlimm)bessern. Man kennt es: dies geht höllisch schief und irgendwelche Ahnungslose müssen den Schlammassel ausbaden. Diese sind ebenfalls Wissenschaftler, forschen also recht tüchtig zusammen mit John, was dessen Mutter in diesem abgelegenen Haus so getrieben hat. Dieses ist im übrigen auch der am meist genutzte Schauplatz des Films.

Haunted House-Versatzstücke kommen allerdings nicht so richtig zum Tragen. Man geht lieber in die Richtung des Monsterhorrors und lässt sich hier nicht nur von den angesprochenen Stuart Gordon-Werken, sondern auch von Schaffer derer literarischen Vorlagen, H.P. Lovecraft, beeinflussen. Schleimig, modrig und matschig wird es im Verlauf des Films. Zudem ziemlich fischig und die vielen Tentakel, die als Vorboten auf das komplette Monster im Film auftauchen, erinnern an die "großen Alten" oder auch so einigen Szenen von Gordons From Beyond. Sehr nett ist es hier übrigens, dass Obrow und Carpenter hier nicht von Anfang an auf die Kacke hauen, sondern schön aussparen. Ein Umstand, der bestimmt auch das eher geringere Budget mit sich bringt, somit aus Anthony einen Hybriden (wunderbar zum Thema des Films passendes Wort) aus 80er Jahre-Effekt-Party und aussparendem Horror der 50er macht. Die Regeln des Horrorfilms kennt man, beherrscht sie auch und kann diese auch fein abarbeiten.

Mit der dramatischen, aber niemals zu schwer und aufdringlich wirkenden Musik von David Newman spult man dieses Schema F ab. Dies mag sich jetzt abwertender lesen, als es der Fall ist. Die Mechanismen des klassischen und modernen Horrors haben die beiden (sowie die Mitautoren) verstanden und bringen sie auch gut rüber. Spannung können sie auch bis zu einem Punkt erzeugen, allerdings ist der Aufbau des Scripts allerdings nicht so konstruiert, dass man von einem den Zuschauer hinwegfegenden Burner sprechen kann. Es bleibt gutklassig, aber eben durchschaubar. Die Figuren, wie man sie auch in anderen Gattungen, die in 80ern populär waren - wie z. B. dem Slasher - bleiben grob umrissen. Tiefgehende Charakterzeichnung sollte man allerdings auch von den wenigsten B-Horrorfilmen erwarten. Hier bringt Anthony aber auch noch eine bunte Mischung zu Stande. Hier schafft man es auch, kleine und auflockernde, humorige Szenen einzustreuen.

Bevor es aber mit den Anspielungen, und kleineren Tentakelauftritten zu langweilig wird, kommt die Story schön in fahrt. Straight wird der Film erzählt und neben einem kleinen, schon sehr vielversprechenden Intermezzo im Keller von Dr. Floyd, darf nach und nach auch das Effektteam sich austoben. Die Transformation einer Person des Teams wähend des Teams läßt sogar ein klein wenig die Kinnlade nach unten schieben. Sehr schön gemachte Handarbeit aus den 80ern, die sich dann noch bis zum Finale steigert. Man sieht den Effekten und auch dem kompletten Anthony zwar schon an, dass der Film aus den 80ern ist, aber neben dem nostalgischen Faktor kommt man nicht drumherum zu sagen, dass hier gute Arbeit geleistet wurde. Betrachtet man sich Anthony mal genauer, dann erinnert dieser übrigens an eine Art Mischung Lovecraft'scher Kreaturen aus dem Cthulu-Mythos, Gigers Aliens und ganz entfernt auch Ann Turkels' Grauen aus der Tiefe.

Wem es in so manchen ruhigen Phasen doch zu langatmig wurde, obwohl man es recht gut schafft, zu variieren bzw. abzuwechseln, für den überschlägt sich der Streifen am Ende sogar und bietet noch so einiges Tam Tam nach dem Finale. Viel Spektakel wird da gemacht, welches noch mehr zum Unterhaltungsfaktor dieser typischen B-Schote, wie sie zu hauf in den 80ern gemacht wurden, beiträgt. Der Beitrag der Mimen geht auch recht in Ordnung. Keiner fällt zu negativ auf, eventuell hätte es dem Streifen sogar noch gut getan, wenn jemand mit Overacting um die Ecke gekommen wäre. Dafür bietet Anthony mit Rod Steiger als Dr. Floyd und Kim Hunter als Johns Mutter noch zwei Schauspiel-Veteranen im Cast. Zusammen gibt das eine gar nicht mal so übles Horror-Fast Food aus den 80ern, mit aufgewärmten Zutaten, die allerdings doch noch ganz lecker sind. Ordentlich ist das Ding. Und wenigstens so für die Videofirmen in hiesigen Ländern ertragreich, dass sie ihm noch zwei "Fortsetzungen" bescherten, wobei beide Teile nichts mit diesem schleimigen Mutanten/Mad Scientist-Klopper zu tun haben.
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Montag, 25. März 2013

Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra

Männer, deren Körpern man ein Leben im Wohlstand ansieht. Zufrieden. Beinahe schon mit einem gewissen Hauch Dekadenz in der Luft frönen sie der Kultivierung ihrer Leiber. Beiläufige, nichtige Unterhaltungen. Kurze Sätze werden hin und her gewechselt. Plötzlich geht alles ganz schnell: aus einem harmlosen Dialog heraus bricht die Gewalt herein. Die lockere Stimmung bricht eben so schnell zusammen wie die toten Leiber der Herren, die es sich gut gehen lassen. Eine Episode aus dem Alltag der kleinen Fische im großen Teich der illegalen Machenschaften. Tagwerk der Camorra und Beginn von Matteo Garrones Gomorrha, der - wie es der Untertitel auch schon verrät - eine Reise in das Reich der Camorra ist.

Der Film selbst ist eine Adaption des Bestsellers von Roberto Saviano. Dieser hat darin seine eigenen Erfahrungen mit fiktiven Einzelschicksalen und Geschichten vermengt und damit eine riesige Bombe platzen lassen. In doppeltem Sinne: nicht nur, dass das Buch an die Spitze so einiger Bestsellerlisten gesprengt wurde, die Camorra selbst hat dadurch natürlich auch Wind von dem Buch bekommen. Mittlerweile wechselt der Buchautor öfter seinen Wohnort und lebt unter ständigem Polizeischutz, da die Organisation Morddrohungen in Richtung Saviano ausgesprochen hat. Brisantes und schwer wiegendes Material, dass in dem Buch gesammelt wurde. Kein leichter Stoff.

Dies lässt sich so auch über den Film sagen. Garrone, übrigens nicht mit dem Exploitation-Regisseur Sergio Garrone verwandt, pickt aus dem Wust an kleinen Geschichten, welche das Buch bietet, fünf heraus und lässt die Geschichten parallel nebeneinander herlaufen. Da wäre der gerade mal 14-jährige Toto, der schon immer davon träumt, in der Camorra aufgenommen zu werden und sich den in seinem Wohnviertel Männern anbietet, Jobs für diese zu erledigen. Als nächstes wäre da der blauäugige Student Roberto, der als frischer Assistent von Franco mit diesem um die nicht ganz so saubere Beseitigung von Giftmüll kümmert. Der Schneider Pasquale wiederum fertigt für seinen Boss teure Designerkleidung, allerdings kommt für ihn selbst dabei kaum etwas rum. Als er ein Angebot von einem chinesischen Kleidungsfabrikanten bekommt, zögert er erst, um dann doch Nachtschichten für diesen zu schieben. Don Ciro arbeitet als Geldbote und Buchhalter und überbringt den Angehörigen Inhaftierter die Abfindungen und rutscht in einen blutigen Bandenkrieg. Zuguterletzt gibt es auch noch die beiden blauäugigen Ciro und Marco, die offensichtlich zu oft de Palmas Scarface gesehen haben. Sie träumen vom schnellen Aufstieg in der Gangsterwelt und legen sich in ihrem jugendlichen Leichtsinn mit einem Boss vor Ort an.

Während Hollywood in dem genannten Streifen, von dem Ciro und Marco zu Beginn schwärmen und diesen in runtergekommenen Hallen nachspielen, oder auch anderen Mafia-Epen wie Der Pate (1972) oder Goodfellas (1990) in gewisser Weise das Handeln der "ehrenwerten Organisation" glorifiziert und vor allem den Aufstieg einzelner oder eines Clans zeigt, bleibt Garrone auf dem Boden. Gomorrha bleibt sehr nüchtern und trist. Genau so trist wie die Armenviertel, in denen er spielt und dadurch faszinierende Bilder einfängt. Der zum größten Teil mit Laiendarstellern besetzte Film gewinnt dadurch einen starken Touch von Authentizität, verstärkt durch den Verzicht auf einen richtigen Score. Seinen Stil kann man ohne große Überlegungen semi-dokumentarisch nennen. Garrone springt in eine traurig-alltägliche Episode zu Beginn und bleibt dieser Erzählart treu. Wie bereits angesprochen, werden die Gesichten nebeneinander her geschildert und die Handlungsstränge laufen auch am Ende nicht ineinander über. Damit erschwert er dem Zuschauer aber den Einstieg in den Film.

Es braucht eine gewisse Zeit bis man sich einen Überblick in den verschiedenen Geschichten verschafft hat. Die Sprünge zwischen diesen sind nicht allzu hart und sprunghaft, aber der Erzählfluss ist bildlich gesprochen sehr zähflüssig. So richtig kann sich Gomorrha diesem nicht entledigen. Hat man erstmal Zugang zum Film gefunden, kann man sich aber auch nicht dieser faszinierenden Welt entledigen. Vor allem wird nichts beschönigt. Eher schonungslos wird hier das Schicksal der Protagonisten in den verschiedenen Stories geschildert und bei einigen weiß man schon recht schnell, dass dies nicht gerade schön enden wird. Greifbar werden dabei nur wenige Figuren. Verstörend. Schockierend. Es macht nachdenklich. Der Regisseur lässt den Zuschauer mit seinen Empfindungen, die sich während dem Schauen manifestieren, allein. Er kommentiert nicht. Er zeigt.

Das allerdings auch in einem flüchtigen Stil, als wolle er ansatzweise all das, was das Buch seinen Lesern näherbringt, auch mit seinem Film transportieren. Es misslingt. Die Handlungen und Beweggründe der Hauptfiguren werden nach und nach aufgedeckt. Es zeigt sich aus deren Handlungen und den Dialogen. Garrone geht nicht in die Tiefe. Eine Tiefe, nach der er trachtet, die er auch gerne mit Gomorrha transportieren würde. Als wolle er die gesamte Komplexität des Buches durch kleine Stücke, die er aus diesen gezogen und für die Leinwand adaptiert hat, dadurch in seinen Film bringen. Nur diese kleinen Stücke können dies nicht tragen und leider auch nie ganz bewerkstelligen. Trotz allem ist Gomorrha allerdings nicht missglückt. In seinen besten Momenten ist der Film ein aufwühlender Blick auf die Machenschaften der Camorra. Vollkommen ohne Kitsch oder Übertreibungen.

Es ist nur Schade, dass der Zuschauer sich eben auch etwas verloren im Moloch der napolitanischen Kleinkriminellen zurückläßt. Es sind eben nur Episoden, die der Film schildert. Selten, dass ein Werk daran krankt, dass es zu nüchtern erzählt wird. Sicherlich muss nicht sensationsgeil im Boulevard-Stil auf den "krassen Scheiß" der im südlichen Italien vor sich geht, hingewiesen werden. Nur vermag Gomorrha es nicht, im Endeffekt komplett zu bewegen. Eine gute Dokumentation schafft dies, gut erzählte Filme ebenfalls. Ein ernstes Thema sollte natürlich auch ernsthaftig angepackt werden. Das Script wirkt etwas verloren, auch wenn es sehr sauber und technisch ansprechend umgesetzt wurde. Gerade seine Reduziertheit lässt ihn auch wieder gewinnen. Und doch: einen richtig guten, zufriedenstellenden Eindruck kann er nicht hinterlassen. Überdurchschnittlich. Gutklassig. Worte, die für Gomorrha zutreffen. Etwas mehr Biss hätte ihm - gerade bei so einem Thema - doch gut getan. Überkluges Beobachterkino. In seinen besten Momenten so gut wie italienische Politstreifen aus den 70ern. Aber auch diese beinhalteten genau das, was Gomorrha gut tun würde. Etwas mehr Emotion. Das Porträt über die kleinsten und untersten in der Mafiahierarchie weiß dennoch zu gefallen.
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Donnerstag, 24. Januar 2013

Django Unchained

Allein schon der Name. Und da sprechen wir jetzt erstmal nicht von der titelgebenden, mittlerweile legendären Figur. Nein, wir reden vom Kopf, der hinter diesem Film steckt. Quentin Tarantino. Der Regie-Autodidakt ist ein Schelm, den man als Vermittler zwischen zwei Welten ansehen könnte. Der bekennende Fan von kleinen, "schmierigen" Genreproduktionen versteht es gut, Versatzstücke aus eben solchen Filmen in das Mainstreamkino zu transportieren und dessen Publikum schmackhaft zu machen. Und dies seit seinem ersten Film Reservoir Dogs. Dies steigerte sich mit den Jahren und den abgedrehten Werken. Erster früher Höhepunkt war natürlich Pulp Fiction. Und je bekannter der Mann wurde, desto eher traute er sich, Anspielungen, Verneigungen oder Hommagen an gewisse Filme oder Genres in seine eigenen Werke einzubauen. Explodiert ist er bei Kill Bill, diesem zweiteiligen Racheepos. Eventuell ist es ein wenig zu lang geraten, zu vollgepackt. Als wolle Tarantino all seine liebsten Genres und Filme mit einem Werk würdigen. Die nostalgischen Verklärungen strecken den Film hier und da unnötig in die Länge.

Mit Inglorious Basterds griff er sogar den alten italienischen Kriegsactioner Ein Haufen verwegener Hunde auf, machte ihn bekannt, aber bis auf den Titel strickte er sich seine eigene Geschichte. Er ist eben ein Fan des Regisseurs, Enzo G. Castellari, und huldigte ihn mit diesem Titel. Tarantino scheint es schon lange egal zu sein, ob sein junges Publikum nun die "alten Schinken" kennt und mit den vielen versteckten Anspielungen überhaupt etwas anfangen kann. Jetzt kommt er mit einem Westernepos zurück und holt die Westernfigur Django aus der Versenkung zurück. Nur wenige dürften allein bei den Credits bemerken, dass das Titellied zu Beginn von Django Unchained aus Corbuccis Original stammt. Man könnte fast meinen, als wäre Quentin so etwas wie der coole Onkel, der den Jungspunden da unten in den Kinosesseln mal all die coolen Dinge aus der Vergangenheit näherbringt. Im übertragenen Sinne lässt er sie an das Regal mit den "bösen", aber coolen Filmen. Nur, dass er diese eben zusammenwürfelt und einen ganz eigenen Cocktail daraus mischt.

Denn mit dem 1966 entstandenen Kultfilm, welcher zusammen mit Leones Dollar-Trilogie den Italowestern nachhaltig geprägt hat, hat Django Unchained recht wenig zu tun. Die Protagonisten tragen den gleichen Namen, was dann auch schon die einzige Parallele darstellt. Tarantino huldigt allerdings auch dem Original, indem er Jamie Foxx mit dem Darsteller des "richtigen" Django, Franco Nero, aufeinandertreffen und einen  kurzen, ironischen Dialog wechseln lässt. Aus dem fremden und geheimnisvollen Mann mit Kriegsuniform ist bei Tarantino ein schwarzer Sklave geworden, der mit anderen Leidensgenossen von Sklavenhändlern zu einem Handelsplatz für diese eskortiert wird. Er wird vom deutschen (früheren) Zahnarzt und Kopfgeldjäger Dr. King Schulz auf sehr eigene Art und Weise freigekauft. Schulz ist auf der Suche nach den Brittle-Brüdern, weiß allerdings nicht wie diese aussehen. Django hingegen schon. Schulz bietet dem Sklaven für Geld, ein Pferd und vor allem dessen Freiheit an, dass er ihm die Brittle-Brüder zeigt, damit er das Kopfgeld für diese Einstreichen kann. Django willigt ein, hat er mit den drei Ganoven eine persönliche Sache zu klären und ist zudem auf der Suche nach seiner Frau Broomhilda, welche von den drei Brüdern misshandelt wurde. Aus der Zweckgemeinschaft zwischen Kopfgeldjäger und Ex-Sklave entsteht eine Freundschaft und so bietet Schulz Django an, bei der Suche nach dessen Frau zu helfen. Die Spur führt zu Calvin Candie, einem leicht reizbaren Farmer, der auf seinem Anwesen Candyland residiert und kurzweilige Unterhaltung in Mandingo-Kämpfen führt. Mit einer Finte versuchen die beiden, an den Farmer heranzukommen um somit auch auf das Anwesen zu gelangen.

Wer nun Tarantino und dessen Filme kennt, dem dürfte schon klar sein, dass Django Unchained kein waschechter Western ist. Das Genre bietet das Grundkonstrukt für die wilde Sause, die Tarantino veranstaltet. Eine Verbeugung vor dem Italowestern, groß und episch ausfallend, wie es eventuelle einige Fans der italienischen Pferdeepen erwartet haben, ist der Film nicht geworden. Sicher: der Streifen nimmt auch Bezug auf diese Werke, aber wie bereits erwähnt, packt Tarantino noch einiges mehr mit in den Film und wechselt einfach mal ganz frech die Marschrichtung im Verlauf des Films. Die erste Hälfte von Django Unchained kann man noch am konretesten als Western bezeichnen. Dort wird der Film vor allem gar nicht mal von Hauptdarsteller Jamie Foxx, sondern eher von Christoph Waltz, der wohl immer mehr zu Tarantinos Lieblingsmime mutert, getragen. Zu recht. Spielt er doch den verschrobenen, mit übertriebenen guten Manieren ausgestatteten Ex-Zahnarzt und Kopfgeldjäger so pointiert wie eh und je. Man kann sich dem Charme von King Schulz nicht verwehren. Im krassen Gegensatz zu seiner so sauber manierlichen Art ist seine geradlinige, fast schon kaltblütige Ausübung seines Handwerks. Während Django Gewissensbisse plagen, da er einen gesuchten Dieb und Mörder vor den Augen seines Sohnes erschießen soll, zeigt Schulz nur Interesse für die Prämie, die auf diesen ausgeschrieben ist.

Doch Schulz spielt nicht den Gentleman. Er ist einer, durch und durch. Übermäßig genau, wie es die Deutschen nun mal so sind. Präzise und nüchtern. Ein Kopfmensch, der aber auch Herz zeigt und moralische Grundsätze vertritt, an denen es nichts zu rütteln gibt. Er hält nichts von der Sklaverei und behandelt Django wie einen gleichwertigen Menschen. Eine Sache, die zur Zeit der Sklaverei undenkbar ist. Somit gewinnt er nach einiger Zeit dessen Vertrauen. Kramt man nun etwas im Italowestern-Genre so finden sich im Charakter des King Schulz gewisse Parallelen zur Figur des Sartana, der wie der Herr Doktor ebenfalls im feinen Zwirn durch den wilden Westen reitet. Ausgestattet mit Gimmicks, bei Tarantinos Version nicht so ausgeprägt und eher bodenständiger ausgelegt, ist Sartana auch ein meisterlicher Schütze, der diejenigen in die ewigen Jagdgründe schickt, die es nach dessen moralischen Grundsätzen verdient haben. Schulz besitzt ebenfalls diese Fertigkeit und diese Mischung aus knallhartem Pistolero wenn es drauf ankommt und Gentleman. Größere Anspielungen auf weitere Genreklassiker schenkt sich Tarantino. Er konzentriert sich ganz auf seine Version des Django und die von ihm erzählte Geschichte.

Dabei übernimmt er aber schön die typischen Arten des Italowestern, kleidet gerade die erste Hälfte des Films in diesen dreckigen Look, den man schon von den Vorbildern kennt. Etwas episodenhaft wird die Entwicklung der Freundschaft der beiden Männer gezeigt. Kleinere Szenen, auch um die Figuren zu festigen und Django den für den weiteren Verlauf des Films nötigen Hintergrund zu schenken. Nimmt das Hauptdarsteller-Duo allerdings die Fährte von Djangos Frau auf, wird der Weg für die zweite Hälfte geebnet. Hier wird eine ganz andere Richtung eingeschlagen und man bewegt sich weg vom Western. Tarantino scheint nicht nur - wie von einigen US-Schreibern schon bemerkt - von Richard Fleischers Mandingo beeinflusst worden zu sein. In dem 1975 entstandenen Drama stehen auch die Kämpfe zwischen den titelgebenden Mandingos im Vordergrund und bilden auch den Vorwand für King Schulz und Django, an den Farmer Calvin Candie heran zu kommen. Man fühlt sich durch das prachtvolle Setting des Anwesens und den Dialogen über die Art der Sklaven auch unweigerlich an den kongenialen Halbmondo Addio Onkel Tom des Duos Gaultiero Jacopetti und Franco Prosperi erinnert. Gerade bei Candies Ausführungen über das Gehirn der Schwarzen fühlt man sich an so manche Szenen des Mondos erinnert.

Bleibt man bei der Figur des Calvin Candie, so kann man dessen Darsteller Leonardo Di Caprio attestieren, dass er wirklich spürbar spielfreudig diesen unbarmherzigen und eingebildeten Großfarmer darstellt. In vielen Besprechungen wurde sogar angeführt, dass Di Caprio sogar Christoph Waltz in die Tasche stecken soll. Die beiden liefern sich ein Kopf an Kopf-Rennen, bleiben auf gleicher Ebene und schenken sich nichts. In gemeinsamen Szenen ist deren Rededuell ein wahres festessen, auch wenn Tarantino wie in einigen früheren Filmen es teilweise nicht schafft, direkt auf den Punkt zu kommen. In den Dialogen als auch in der ganzen Geschichte wäre weniger mehr gewesen. Django Unchained lässt jetzt nicht irgendwelche Längen aufkommen und den Zuschauer im Wust der vielen Szenen schwimmen, doch der Amerikaner zeigt doch z. B. auch in Pulp Fiction dass er besseres Gespür für Geschichten und deren pointierte Schilderung besitzt. Er verliert sich in manchen Szenen und auch wenn die Ausgrabung alternder Stars wie Don Johnson als rassistischer Farmer Big Daddy ein wirklich schönes Wiedersehen mit diesen ist, so kann man sich über die Kapuzenszene und deren Berechtigung im Film streiten. Dem geplante nächtliche Angriff Big Daddys auf Django und King Schulz geht eine Diskussion mit seinen Schergen vorraus, inwieweit die Kapuzen und vor allem deren Gucklöcher denn überhaupt praktisch sind.

Sicher, die Szene ist sehr lustig und fördert diesen typischen, leicht absurden Humor Tarantinos als auch dessen Talent, witzige und eben sehr skurrile Dialoge zu schreiben, zu Tage. Doch es hätte kürzer ausfallen können und wirkt ein klein wenig unpassend. Ansonsten bleibt Django Unchained bis auf einige wenige Spitzen eher ernst und widmet sich der Suche nach Djangos Frau Broomhilda, einer Sklavin, die bei deutschen Herren residierte. Deren Nachname gibt übrigens auch Auskunft, wohin die Reise des Films überhaupt geht. Von Shaft wird sie genannt und nachdem sich vor allem Waltz und Di Caprio austoben konnen, darf auch Jamie Foxx in der zweiten Hälfte des Films etwas mehr von sich zeigen. Wie so viele Helden der Italowestern-Ära ist er ein wortkarger Charakter, geprägt durch seine Erlebnisse und von Rache angetrieben. Einem Motiv, dass ebenfalls häufig in diesem Genre anzutreffen ist. Neben den persönlichen Motiven, die mit Vergeltung seiner Frau und deren Martyrium zu tun hat, ist dies auch die Abrechnung mit der weißen Herrschaft, die sich als Herrenrasse gegenüber den schwarzen "niederen Menschen" darstellt. Tarantino läßt Django mit den Candies abrechnen, stellt die Farmer stellvertretend für alle Sklavenhalter der Zeit dar und läßt ihn zu sowas wie einem ganz frühen "Bürgerrechtler" erscheinen. Eine actionreiche Abrechnung mit rassistischem Gedankengut und der damaligen Zeit der Sklaverei in seinem Heimatland.

Geschichtsaufarbeitung mit ordentlich Gore, denn wenn es mal Action gibt, dann aber deftig. Tarantino geizt hier nicht blutigen Shoot Outs. Gerade das Finale fällt äußerst intensiv und fies aus und wird in bester Manier des Hong Kong-Actionkinos der 90er teils in Zeitlupe zelebriert. So wie einst John Woo in seinen besten Filmen kommt so ein "Todesballett" zu Stande, eine stilisierte Sterbeoper, verbunden mit schnellen Schnittfolgen wie man aus dem modernen Action-Mainstream kennt. Es funktioniert. Imposant und spannend ist das aufgebaut, auch wenn es seltsam erscheint, wenn Jamie Foxx als Django wie z. B. Chow Yun-Fat mit zwei Pistolen (bzw. Colts) voranhaltend  sich durch das Haus ballert. Hier hat sich Foxx' Figur schon längst gewandelt, ist vom noch eher ruhigeren Sklaven der sich erst an die Freiheit gewöhnen muss zum coolen, One-Liner raushauenden Pistolero geworden. Die Verwandlung zu dieser Figur zieht sich über den Film und spätestens wenn Django dann auch wirklich die Hauptfigur in diesem Epos geworden ist, erinnert er uns an die Einzelkämpfer des schwarzen Kinos der 70er. Alleine schon wegen der Zeit, in der der Film spielt, hört man verhältnismäßig oft Wörter wie Nigger und ähnliches. Da passt es auch, dass Tarantino beim überaus hörbaren, ja sehr wundervollen Soundtrack sogar modernere Soulstücke und sogar Hip Hop laufen lässt. Django Unchained ist weniger Western als eher Blaxploitation mit Pferden.

Jamie Foxx reißt den eklig fiesen weißen, welche "seine Nigger" falsch behandelt haben, buchstäblich den Arsch auf. Als er sich auf den Weg zurück zum Anwesen der Candies macht, da diese ihn eigentlich in ein Bergwerk abschieden wollten, er sich aus dieser Lage aber befreien konnte, schaut ihm einer der anderen Sklaven hinterher. Mit bewunderndem Blick und kleinem, wohlwollenden Grinsen auf den Lippen. Django ist ein Kämpfer für die Schwarzen, die Unterdrückten in dieser Zeit. Django Unchained fehlt natürlich schon der nötige Tiefgang, viel eher ist es ein weiteres Spiel Tarantinos mit Versatzstücken verschiedener Genrekino-Strömungen der damaligen Zeit. Die kleineren Untertöne, die hier und da aufblitzen, beziehen aber antirassistische Stellung, auf die coole Art dargestellt. Auch die Reaktion von King Schulz auf einige Dinge, die sich Candie erlaubt oder sagt, sind ganz eindeutig. Doch die Unterhaltung steht hier natürlich sichtlich im Vordergrund.

Diese ist auch eindeutig gelungen. Hier und da ist der Film etwas zu dialoglastig, Tarantino verschwitzt es, die Spannungskurve etwas straffer anzuziehen. Ein Manko ist dies keineswegs. Django Unchained kämpft etwas mit der Blaxploitation-lastigen zweiten Hälfte, die Zweiteilung des Films ist spürbar. Gegen Ende flacht er etwas ab, das feiern von Foxx als obercoolem Fighter ist zwar gut gelungen, lässt aber die Brillanz des Films in einigen Momenten der ersten Hälfte verblassen. Es ist eine pfiffige Idee von Tarantino, die er hier und da einfach etwas anders hätte anpacken sollen. Die Irritationen sind nach kurzer Zeit, wenn der Abspann läuft, wie weggeblasen und lassen ein wohlwollendes Nicken zurück. Tarantino kann es noch, ist allerdings zu sehr verliebt in seine Coolheit, die von vielen Fans so verehrt wird und schafft es nicht, hier und da die Zügel in die Hand zu nehmen. Django Unchained schleift in manchen Momenten, fällt allerdings nicht - um bei den Westernmetaphern zu bleiben - aus dem Sattel. Ein solider, teils sogar wirklich großartiger Film der eben am Egoismus des Regisseurs krankt. Da hätte er zu Gunsten des Films etwas weniger seiner persönlichen Vorlieben in den Film packen sollen.

Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Django Unchained und sein Regisseur schaffen das Kunststück, mal wieder längst untergegangene Genres aufleben zu lassen und diese gekonnt zu vermischen. Zumal er auch von einem erlesenen Cast getragen wird. Neben Don Johnson haben auch Robert Carradine, Bruce Dern und F/X-Legende Tom Savini (der die Effekte für Romeros Dawn of the Dead oder auch den ersten Freitag, der 13. beisteuerte) kleinere Auftritte. Vor allem sollte man auch noch kurz neben den vielerorts schon gelobten Di Caprio und Waltz auch Samuel L. Jackson hervorheben, der als schwarzer Handlanger Steven wirklich eine beeindruckende Leistung hinlegt und der heimliche Star, ein kleiner Showstealer für die großen ist. Immer wenn er auf der Leinwand auftaucht, ist es eine wahre Pracht, seinem Spiel zuzusehen. Django Unchained kann wohl nicht für ein Revival des etwas anderen, dreckigeren Westerns sorgen, macht aber als Zeitreise zurück in die gute alte Zeit des "Schundfilms" sehr viel Spaß und kann auch mit seinen kleinen, unterschwelligen ernsten Tönen überzeugen.


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