24. März 2018

Ab in die Ewigkeit

Seit dem entflammen meiner Leidenschaft für den Horror, gefiel mir von allen Spielarten bzw. Subgenres der Slasher immer mit am meisten. Doch was liebe ich eigentlich an diesen "Schlitzerfilmen"? Sie sind im Grunde genommen leichte Unterhaltung, fühlen sich im Vergleich mit anderen Arten des phantastischen Kinos stumpfer an und können auch bei größerer Müdigkeit, mein jüngeres Ich spricht da aus Erfahrung, noch weggeglotzt werden. Die Filme stehen nicht nur, aber auch für kommerzielles, schnell produziertes B-Kino, mit denen meine filmische Sozialisation begann: zuerst wuchs im Teeniealter meine Vorliebe für Horror, nach und nach verfiel ich dem Medium, der Kunstform Film an sich, immer mehr. Von all' den auf Video aufgezeichneten TV-Ausstrahlungen ist einer der ersten Slasher, die ich sah, immer noch einer meiner liebsten: Angst - Das Camp des Schreckens, der im Fernsehen meist unter dem Titel Todesfalle am Mill Creek lief. Seine Hochphase waren die 80er Jahre und obwohl ich, Baujahr 1982, dieses Jahrzehnt nie richtig bewusst erlebte, bin ich heute eines dieser "schlimmen Retrokids", die mit verklärtem, nostalgischem Blick auf das Jahrzehnt blickt und dieses Subgenre unweigerlich mit diesem verknüpft. Last but not least entstand der Slasher filmhistorisch gesehen aus dem Giallo, den ich mit den Jahren ebenfalls sehr lieben lernte.

Trotz der Vorbildfunktion des Giallo orientierten sich die Filmemacher in den USA weniger offen an den italienischen Thrillern. In Werken wie di Leos Das Schloss der blauen Vögel oder Martinos Torso erkennt man eindeutige Elemente, die man später im Slasher immer wieder bewundern konnte. Giallo-Pionier Mario Bava legte in seinem Bay of Blood mit einer für den Film selbst sehr unwichtig erscheinenden Sequenz eine komplette Blaupause für den Ablauf vieler dieser Filme ab. Um so überraschter war ich, als ich nun eine Lücke schloss und mir den in der ersten, frühen Hochphase des Slashers Anfang der 80er entstandenen Ab in die Ewigkeit anschaute und feststellte, wie unverhohlen sich dieser bei den italienischen Kollegen bedient. Der auch unter seinem (viel schöneren) Originaltitel Happy Birthday To Me bekannte Film kombiniert eher Elemente beider Spielarten. Wie im Giallo selbst sehen wir hier einen Mörder, der der Reihe nach die Mitglieder einer Clique von Schülern einer Privatschule im Abschlussjahr, die sich selbst "Top Ten" nennt, umbringt und von dem man selbst nur die obligatorischen schwarzen Handschuhe zu Gesicht bekommt. Während zuerst fast niemand registriert, dass nach und nach die Freunde verschwinden, ist der Schrecken groß, als die ersten Toten gefunden werden. Die durch eine Gehirn-OP teilweise an Amnesie leidende Virginia, die als letzte zu dem ständig durch derbe Streiche auffallenden Grüppchen stieß, fürchtet durch ihre Aussetzer bald selbst, das sie die Mörderin sein könnte.

Nach wirklich sehr starken ersten zwanzig Minuten, in denen Ab in die Ewigkeit ein großes Tempo besitzt, dass hier dem Zuschauer einen ersten Mord, die Mitglieder der Clique und deren Sinn für den besonders provokanten, derben Spaß sowie eine atmosphärisch dichte Szene mit Gang über einen nebelverhangenen Friedhof, der in einem Fakescare endet, präsentiert, fällt dieses leider ebenso schnell ab. Schon während seinem ungestümen Beginn wächst die Erkenntnis, dass das Drehbuch nicht über die vollen, knappen zwei Stunden diese Geschwindigkeit gehen kann. Leider spannt es nach dem Einstieg einen umständlichen Bogen zwischen weiterer Etablierung der einzelnen Figuren mitsamt Hauptcharakter Virginia und der voranschreitenden Mordserie. Es wird ein sich seltsam anfühlender Kosmos entwickelt, in dem die einzelnen Mitglieder der Clique gleichzeitig in Freundschaft verbunden sind und offen Feindschaften und Streitereien pflegen. Es ist ein fühlbar erzwungener Kniff um überhaupt einen Mörder mit gewissen Gründen für sein tödliches Treiben in die Handlung integrieren zu können. Dessen Taten werden Streitigkeiten, meist ebenso konstruiert wirkend, vorangeschickt. Dazwischen quetscht man die mysteriöse Geschichte von Hauptfigur Virginia, für die man als Zuschauer durch die konfuse Handlung nie komplett Empathie entwickeln kann. Die eingestreuten Flashbacks der jungen Frau, welche über die Zeit Stück für Stück das mysteriöse Geheimnis um die Amnesie und ihre Gehirn-OP lüften, bringen die sprunghafte Handlung zusätzlich mehr ins Stottern als wohl beabsichtigt.

Ab in die Ewigkeit entwickelt sich zu einem fast schon anstrengenden, unentschlossenen Film, der - ebenfalls wie einige Gialli aus den 60ern - sich mehr dem klassischen Kriminalstück verbunden fühlt und zu einem Whodunit alter Schule wird. Durch sein Budget von 3,5 Millionen kanadischen Dollar besitzt der Film ein adäquates, sorgfältiges Auftreten; die Regie von J. Lee Thompson, der 1981 schon einige Jahrzehnte an Erfahrung mitbrachte und im weiteren Laufe der 80er Charles Bronson durch einige Selbstjustiz-Knaller von Canon Films jagte, ist routiniert. Thompson hätte es mit etwas mehr stringentem Wirken hinter der Kamera und angezogenen Zügeln allein aber auch nicht geschafft, gegen das weiter ausschweifende Drehbuch anzukämpfen. Dessen Unglaublichkeiten, die es im Finale abbrennt, retteten für mich den Film vor seinem Versinken in den großen Sumpf der Durchschnittlichkeit. An einem Punkt, als die blassen Nebenfiguren schon alle dezimiert wurden und die zunehmend häufiger an ihrem Verstand zweifelnde Virginia längst die letzten dünnen Fäden als Bezugsfigur für den Zuschauer abgekapselt hat und die Handlung hier schon leichte Anflüge von Abstrusität offenbart, übertrifft das Finale gefühlt alle überzeichneten, absurd wie wild konstruierten Auflösungen aller Gialli, für die ich dieses Subgenre unter anderem so liebe. Rational betrachtet ist das großer Schwachsinn; dieser wiederum besitzt einen eigenwilligen Charme, der mich zwischen diesen zwei Wahrnehmungen schwanken ließ.

Es ist komplett over the top, was in den letzten Minuten präsentiert wird. Erklärungen für die Motive des enttarnten Mörders wandeln auf einem schmalen Grat zwischen unglaubwürdig und positiv überspitzter Absurdität. Das Drehbuch von Ab in die Ewigkeit setzt immer wieder einen drauf, dass man fast meint, plötzlich eine Parodie auf das damals noch so junge Genre vor sich zu haben. Dies präsentiert er mit gebührendem Ernst und seien wir ehrlich: wer den Film und seine Auflösung kennt, der kann nicht abstreiten, dass diese eine ernsthaft schöne wie makabere Stimmung besitzt. Selten gibt es Filme, die sich durch sowas selbst vor ihrem eigenen Untergang retten können. Eigentlich wäre es ja nur einer unter vielen, der den Fans über die Jahre wohl nur durch den originellen wie seltsamen Mord mittels eines Fleischspießes, der auch auf dem Kinoplakat präsentiert wird und dem Umstand, dass er eben einer der ersten größeren Filme nach Halloween und Freitag der 13. war, im Gedächtnis haften blieb. Das Rad erfand der Film schon damals bei weitem nicht neu und die am Slasher ebenfalls so geschätzte, kreative Umsetzung der Mordszenen ist selbst bei kleineren Produktionen ausgefeilter und weit weniger an den Rand gedrängt, wie hier. Innerlich ließ mich sein herrlich überzogenes Finale lange Applaus klatschen; bin ich allerdings auch Liebhaber für filmische Obskuritäten. Happy Birthday To Me mag nicht der Beste unter den ersten Nachzüglern der aufkommenden Slasherwelle sein, allerdings ist er trotz seiner umständlichen Narration kein kompletter Ausfall.