30. März 2018

Cannibals

Scheiß auf Blair Witch Project! Sicher: dank seines kommerziellen Erfolges und der damit verbundenen Etablierung kann man ihn als Mutter des Found Footage-Horrors ansehen. Erst der 1999 entstandene, kleine Film sorgte, dank seines cleveren, viralen Marketings dafür, dass man über die Jahre einige mit verwackelter Handkamera, als vermeintlich authentisch verkauftes Material, gedrehte Horrorfilme ins Rennen schickte. Gefundene, vorgeblich wenig bis gar nicht editierte Filmereien als einen Teil der Handlung zu nutzen und diese damit zu erzählen, geht auf den italienischen Kannibalenfilm Cannibal Holocaust zurück, welcher mit diesem Storyaufbau die Regeln für das Found Footage-Genre aufstellte. Was liegt also näher, die Grundgeschichte des Films schamlos dafür zu benutzen, mit wenig Geld und wenig talentierten Darstellern und diesmal richtig verwackelter Kamera, da war das Original brav in den traditionellen Erzählbahnen des Kinos verhaftet, sowas nochmal zu bringen?

Mit diesem Gedankengang legte wahrscheinlich Jonathan Hensleigh, Regisseur des zweiten, 2004 entstandenen Punisher-Aufgusses, ein sehr dürftiges Drehbuch seiner Ehefrau vor. Dies ist seit 1995 Gale Anne Hurd, Ex-Frau von Brian de Palma und James Cameron und immerhin Produzentin solcher Kassenmagneten wie The Terminator, Aliens oder Armageddon - Das jüngste Gericht. In Hurds Kopf und Augen blinkten dann wohl mehr die hübschen grünen Dollarzeichen und überstimmten sicher (oder hoffentlich) den letzen rationell denkenden Teil, der Cannibals, der im Ausland als Welcome To The Jungle auf die nach Frischfleisch lechzenden, alles verschlingenden Horrorfans losgelassen wurde, als weniger tollen Beitrag zum Genre erkannte. Wenn dem so war, dürfte auch Hurd nicht entgangen sein, dass Hensleighs Drehbuch vier eindimensionale Figuren, einen Sunnyboy, seine engagierte, einfach nette Freundin, eine wilde Partymaus und den Kumpel des Sunnyboys, mit gleichgültiger wie abgefuckter Lebenseinstellung gesegnet, in den Dschungel von Papua-Neuguinea schickt um dort nach dem seit 1961 verschollenen Milliardärssohn Michael Rockefeller zu suchen.

Cannibals ist allerdings weniger ein schonungsloser Found Footage-Bericht und erfolgreicher Aufguss des Kannibalenfilms im damals trendigen Genre, sondern eher die nüchterne Erkenntnis, dass Hensleigh es schafft, selbst bei einer kurzen Laufzeit von 74 Minuten jede einzelne Sekunde mit Langeweile vollzupacken. Mehr ist das ein dröges Urlaubsvideo, ein Bericht über vier Freunde, die in hübscher Kulisse davon träumen, mit dem Fund des vermeintlich lebenden Rockefellers reich und berühmt zu werden. Der Bekannte eines Kumpels des Sunnyboys hat gehört, dass im unberührten Dschungel des indonesischen Teils der zweigeteilten Insel, ein an die 70-jähriger, weißer Mann gesehen wurde. Mit Dollarzeichen im Kopf und in den Augen streben die jungen Herzen in das dichte Grün des Eilands. Während des Trips zeigt sich, dass der Kumpel und die Partymaus das auch mehr als Urlaub, denn irgendwas wie Arbeit ansehen. Den streng gesteckten Zeitplan mit zeitigem Aufstehen etc. verschlafen und versaufen sie regelmäßig, was zu Streitereien führt. Irgendwann setzen sich die zwei unvernünftigen des Quartetts nach erneutem Gezanke eigenmächtig mit einem aufgefundenen Floß ab.

Auf dem Fluss treibend, schwappen sie langsam in die Arme des gesuchten Kannibalenstamms der bald merkbar seinen Unmut darüber zeigt, dass der völlig neben der Spur laufende Kerl des Gespanns an einer Grabstätte einen Schädel eines toten Stammesangehörigen mitgenommen hat. Auch Herr Sunnyboy und seine Freundin kommen alsbald an diese Stelle, finden kleine Spuren ihrer verschollen geglaubten Freunde und ebenfalls den besagten Stamm vor. Bis dorthin quält Cannibals mit nichtigen Szenen, unnötigem Geblubber der Protagonisten innerhalb eines um Authentizität bemühten Settings. Dies Ansinnen schafft der Wackelkamera-Menschenfresserschocker nicht richtig, Hensleigh erklärt den Umstand in seinem im filmischen verweilenden Werk bemürt damit, dass die vier mit zwei Kameras unterwegs sind und das Material nacheinander gezeigt wird. Die authentische Langeweile eines unnützen Urlaubsvideos gelingt dem Regisseur und Autoren; die Aufhebung des fiktiven Charakters hin zu einem reell wirkenden Augenzeugenvideo, um seiner Erzählung die gewünschte wahrheitsgetreue Wirkung zu verleihen, schafft er nicht einmal.

Lediglich das Ende, wenn Herr Sunnyboy samt Sunnygirl dem Stamm begegnen, ist atmosphärisch dank der natürlichen Beleuchtung und dem Schlussgag, wenn auch vorhersehbar, ganz nett. Nett ist, das dürfte bekannt sein, die kleine Schwester von scheiße. Dieses unflätige Wort sollte meines Erachtens nicht (häufig) wirklich in Filmbesprechungen auftauchen, aber ein Haufen Kot bleibt eben diese stinkende Ausscheidung, selbst wenn man ihn immer wieder Samtkissen oder blumig frischen Duftdung nennt. Cannibals, der sich auch noch erbärmlich billig bei einer Schlüsselszene von Cannibal Holocaust bedient und mit dem Found Footage-Stil halbwegs entschuldbar die von damaligen Filmen gewöhnten Gore-Eskapaden ausspart, bleibt aber eben das. Anders kann man das nicht ausdrücken. Nix mit Spannung, nix mit Figuren mit denen man mitfiebern und sich identifizieren kann. Lediglich ein durchschaubarer mauer Aufguss eines Subgenres mittels eines neuen, um etwas Kohle zu scheffeln. Das das anders geht, zeigte ausgerechnet Eli Roth mit dem netten, wenn auch zu braven Green Inferno (hier besprochen).