23. Mai 2018

Cargo (2017, Netflix)

Der Raubbau am Planeten schreitet voran. Der Mensch stemmt sich mit internationalen Abkommen, erneuerbaren Energien, einem neuen Bewusstsein für den Lebensraum und seine Natur dagegen und beutet ihn im Gegenzug weiter aus. Wälder werden gerodet, die Erderwärmung um einige Grad hochgeballert, obwohl man sie senken will und Rohstoffe werden durch Methoden wie Fracking rücksichtslos gefördert, abgebaut - bis nichts mehr übrig ist. Inmitten des australischen Buschs steht in Cargo eine Frackinganlage als stummes Mahnmal für die katastrophale Entwicklungen, mit der die Menschheit im neuesten, potenziellen Netflix-Hit konfrontiert wird. Es wird nicht direkt benannt, der Förderturm wird nur von der Kamera mit einem fast vorwurfsvollen Blick eingefangen. Umweltschützer kritisieren schon lange auf Grund des mit dem Prozess verbundenen Chemikalieneinsatzes die Vergiftung des Grundwassers. Yolanda Ramke und ihr Regiepartner Ben Howling spinnen daraus ein maximales Katastrophen- und Horrorszenario.

Dieses entfalten die beiden Filmemacher langsam. Es deutet zu Beginn wenig darauf hin, dass Kay, ihr Mann Andy und deren einjährige Tochter Rosie sich auf einer ungewissen Reise, einer Flucht vor einer unsichtbaren Bedrohung sind. Ihr langsam auf dem Fluss treibendes Hausboot, die hübsch eingefangene Landschaft: eher sieht es wie ein neu begonnenes Aussteigerleben aus. Erst mit der Zeit offenbart die Geschichte, dass die Menschheit von einem aggressiven Virus ausgemerzt wurde. Wenige Überlebende versuchen sich im unwirtlichen Land zurechtzufinden; die kleine Familie ist auf dem Weg, einen letzten Rest Zivilisation zu finden. Zuerst stoßen sie auf eine gekenterte Yacht, die Andy erfolgreich nach neuem Proviant plündert. Kurze Zeit später macht sich seine Frau Kay eigenmächtig ebenfalls zur Yacht auf um nach weiteren, brauchbaren Dingen zu suchen. Was sie findet, ist der Tod: sie wird von etwas angefallen, mit dem Virus angesteckt. Die Anleitungen in den Notfallpacks, welche die australische Regierung verteilt hat, sprechen von 48 Stunden bis zum eintretenden Tod, der nur einen Übergang zum Dasein als Untoten darstellt. In seiner Verzweiflung versucht Andy, ein Krankenhaus, eine Auffangstation zu finden, in der man Kay behandeln kann. Auf dem angetretenen Landweg kommt es zu einem Unfall in dem Andy von seiner Frau gebissen wird. Ebenfalls infiziert, versucht er vor seinem eintretenden Ableben ein neues Heim für seine Tochter zu finden. Auf seinem Weg trifft er auf das Aborigine-Mädchen Thoomie sowie den zwielichtigen Vic und seine Partnerin Lorraine.

Andy trägt dabei nicht bloß seine Tochter auf dem Rücken. Rosie steht gleichzeitig für eine ganze Generation, neu, die wach und aufgeklärt durch die Fehler der vorhergehenden Generationen sein wird. Es sind nicht unbedingt die Fehler ihrer Eltern. Andy und Kay erscheinen progressiv und alternativ; im einfachen Bürgertum verwurzelt, aber mit aufmerksamen Auge ausgestattet. Sie werden selbst das Opfer ihrer Jahrgangsgenossen und der Älteren. Derer, die ihren Blick vor den drohenden Konsequenzen ihres Handelns verschließen. Mit Vic begegnet Andy einem Vertreter dieser Menschen. Er ist der klassische Antagonist, den eine Zombiegeschichte braucht, schon seit Romeros Night Of The Living Dead, um einen Gegenpol zu den Hauptfiguren zu schaffen. Ein Arschloch wie er im Regelbuch steht. Vic ist eines der wenigen Zugeständnisse Ramkes und Howlings an die Formeln des Subgenres selbst, welches sie mit Cargo streifen. Dessen Grundstrukturen übertragen sie in einen Horrorfilm, der seinen Schrecken aus dem Drama um die kleine Familie zieht und weniger von den vorhandenen, geschickt in der Geschichte eingesetzten Untoten oder den dafür verantwortlichen Virus. "Endlich!" möchte man dem Film zujubeln, wenn die wandelnden Leichname einmal nicht die heimlichen Stars sind und deren unstillbarer Hunger für ausgiebig zelebrierte Fressorgien sorgt.

Es gibt sie einmal; die Regisseure schneiden sie nur an, lassen sie beiläufig geschehen. Ihr eigentlicher Fokus liegt auf diese verzweifelte Rettung der Familie, der nachwachsenden Generation inmitten einer postapokalyptischen Restwelt. Einmal mehr beweist Australien dabei, wie gut seine Landschaften, die ein ständiges Oxymoron wunderschön fremdartiger Verwüstung in der Natur bilden, als Handlungsort für solche Szenarien funktionieren. Cargo zieht daraus eine einzigartig schöne Atmosphäre. Verstärkt wird sie in der zweiten Hälfte, wenn die Geschichte sich Thoomie und deren Familie zuwendet. Die angeschnittene Aborigine-Mythik wird gut mit der Erzählung verwoben; das Finale lässt den Film zu einem einzigartigen Ethnohorrorzombiedrama heranwachsen, dessen Faszination weniger von den (zugegeben herrlich ekligen) Effekten, sondern der leicht entrückten Stimmung herrührt. Sie schwankt zwischen Verzweiflung, die der Hoffnung weicht. Ramke und Howling legen diese auf zwei Ebenen: für den Protagonisten auf seiner Mission, die Zeit immer im Nacken und der Menschheit selbst. Man spart sich das Happy End bis zum allerletzten Moment auf und erzeugt gleichzeitig einen schmerzlichen Moment. Jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Nicht zuletzt, weil Thoomie und Andy, die zuerst eine reine Zweckgemeinschaft bilden, zueinander finden und irgendwie auch als Vermittler zwischen den Weißen und den Aborigines fungieren und Differenzen zwischen den Völkern ausradieren.

Cargo ist ein Horrorfilm, der die Natur - once again - zurückschlagen lässt; zeigt, dass die Rücksichtslosigkeit gegenüber unseres Planeten sich früher oder später rächen wird und inmitten seines aufgebauten Szenarios und dessen auswegloser Grundstimmung positive Vibes versprühen möchte. Es gelingt. Jederzeit im Subgenre verwurzelt und weit weniger mit Arthouse-Elementen bestückt wie es irgendwann wirkt, bringen die zwei Regisseure eine wunderbare Botschaft mit auf den Weg. Anders als im US-Horrorfilm, der die Familie final die Bedrohung besiegen lässt, wirkt Cargo weniger kitschig. Die Entwicklung der Handlung bleibt nachvollziehbar. Das ist weit mehr emotional als die meisten positiven Enden der letzten Jahre im US-Genrefilm. Cargo hält sich zurück; lässt den sich aufbauenden Gefühlen genug Raum und ist letztendlich ein Film über Aufopferung. Gegenüber geliebter Menschen, der Familie, den Kindern um diesen eine gute, lebenswerte Zukunft zu bieten, so schlecht diese in Anbetracht der Gegenwart erscheint. Auch der US-Horrorfilm stellt Kinder häufig als schützenswert dar, schafft es aber nicht immer, hier vollkommen ohne Schmalz und Kitsch auszukommen. Andys Opfer, seine Tochter bis zu seinem Ende sicher behütet zu wissen, ist vielleicht sogar der emotionalste Moment in einem Horrorfilm sein langem. Hätten sich Ramke und Howling im narrativen Aufbau und mehr von Genrekonventionen wegbewegt, sich nicht komplett der Stimmung unterworfen, sondern manchmal mehr der Spannung zugewandt, wäre Cargo noch großartiger als er schon ist. Das ist nach The Dead, der noch weitaus mehr die typischen Zombiefilmformeln nutzt, der beste Film des Subgenres seit Jahren.